NEUE SERIE über Vordenker des Judenhasses: Hartwig Hundt-Radowsky

Vom Antijudaismus zum Antisemitismus

In loser Folge berichten wir nunmehr über die Schreibtischtäter des Judenhasses, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert, denn damals geschah der Übergang vom „christlichen“ Antijudaismus (Ablehnung des Judentums als Religion) hin zum Antisemitismus (Ablehnung der Juden als Personen), wobei man dabei meist vom völkischen oder rassischen Judenhaß spricht, in besonders schlimmen Fällen von einem „eliminatorischen“ (auf Vernichtung zielenden) Antisemitismus.  

Einer der ersten, die auch in seinem eigenen Denken allmählich diese „Steigerung“ (antijudaistisch – antisemitisch – eliminatorisch) vollzog, war Hartwig Hundt (1780 – 1835), der sich als Schriftsteller Hartwig von Hundt-Radowsky nannte, aber keineswegs aus dem Adel stammte, diesen sogar in seinen Schriften scharf kritisierte und gerne gegen „geistliche und adelige Willkürherrschaft“ sowie das „Pfaffenwesen“ polemisierte.

BILD: Die Menora (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Während klar ist, daß er sich das Prädikat „von“ anmaßte, erscheint ungeklärt, warum er sich den Zweitnamen Radowsky zulegte.

An seiner Biographie fällt auf, daß ein Teil seiner Bücher mehrfach von staatlicher  – z.B. preußischer Seite – verboten wurde, teils wegen beleidigender Ausfälle in seinen Schriften, teils weil sogar den damals Regierenden sein Judenhaß zu weit ging.

Hartwig wuchs in einer Gutsbesitzer-Familie in Mecklenburg auf, die fromm-protestantisch geprägt war, der Vater jedoch antijudaistisch eingestellt. Seitens der Eltern war es pädagogisch sicherlich unklug, den Knaben zur Lektüre des Alten Testaments zu drängen, was ihn in jungen Jahren überforderte und seine Abneigung auf das AT und auf die Juden grundlegte.

In seinen späteren Schriften, z.B. im „Christenspiegel“, lehnte er den Gott des Alten Bundes ab und verlangte von den Christen, sich vom AT zu verabschieden.

Er heiratete die Tochter eines evangelischen Pastors, konnte aber trotz Rittergut mit Geld nicht umgehen, studierte Jura und begann mit dem Gedichteschreiben. Er ließ seine Frau und den gemeinsamen Sohn im Stich, zog zwecks Schriftstellerei nach Berlin und heiratete nach ca. zwanzig Jahren  – zu Lebzeiten seiner ersten Frau – erneut.

Für damalige Zeiten fiel ein derartiger Werdegang stark aus dem Rahmen der bürgerlichen Sitte.

Ausgerechnet Hundt machte dann die Juden in Deutschland für die angeblich wachsende „Sittenverderbnis“ verantwortlich. Zugleich verstärkte er seine Religionskritik. Hundts „moralische“ Attacken gründeten also nicht auf christlichen Prinzipien, sondern waren Vorwand für seine Vorurteile gegen Juden.

Damals begann in Deutschland eine allmähliche Emanzipation der Juden und ihre Integration in die bürgerliche Welt. Als Gegenbewegung dazu entwickelte sich der Früh-Antisemitismus, übrigens auch von marxistischer Seite (vor allem der Frühsozialismus in Frankreich warf Judentum und Kapitalismus in einen Topf; zudem folgte auch Karl Marx diesem Muster).

Hundt plädierte in seinem „Judenspiegel – Ein Schand- und Sittengemälde“ (siehe Foto) und weiteren Pamphleten für eine Unterdrückung und Vertreibung der Juden, zudem für die Kastrierung der männlichen Juden; er sprach sich schließlich im wachsenden Wahn sogar für ihre Vernichtung aus („Am besten wäre es, man reinigte das Land ganz von dem Ungeziefer“).

Dabei erschienen dem Juristen bereits damals die Muslime  – er nannte sie „Ismaeliten“ – als passende Bundesgenossen im Kampf gegen das Judentum. So erkannte er früh das antisemitische Potential, das im Islam zu finden ist und das ca hundert Jahre später Adolf Hitler ebenfalls zu würdigen wußte.

Einen Übertritt von Juden zum Christentum lehnte der Fanatiker grundsätzlich ab. Damit ist endgültig klar, daß es sich bei ihm nicht „nur“ um einen religiösen Anti-Judaismus handelte, sondern um rassischen Antisemitismus.

In seinem 1830 erschienenen „Christenspiegel“ in drei Bänden greift er die Geistlichen beider Konfessionen als „verjudet“ an, verlangt die kirchliche Abschaffung des Alten Testaments und stellt die Alternative „Jahwe oder Jesus“ auf.

Nach der Veröffentlichung des „Judenspiegels“ und staatlichem Druck gegen ihn floh er erst nach Frankreich, danach in die Schweiz, später zog er nach Württemberg. Sein antisemitisches Buch „Judenschule“ wurde innerhalb des „Deutschen Bundes“ verboten; er übersiedelte nach Straßburg, später wieder in die Schweiz. Er starb alkoholkrank am 15. August 1835 in Burgdorf im Alter von 55 Jahren.

 

 


6 Kommentare on “NEUE SERIE über Vordenker des Judenhasses: Hartwig Hundt-Radowsky”

  1. Claus Stephan Merl sagt:

    Ich hatte noch vergessen, zu erwähnen, dass Hundts Frau erst NACH seinem Tod,also als Witwe, erneut heiratete. Daran ist nichts anrüchig.

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    • Guten Tag,
      Sie haben recht, sie heiratete neu ein Jahr nach dem Tod des Gatten. Das Datum der Zweit-Heirat hatte ich nicht genau beachtet, sorry.
      Den entsprechenden mißverständlich wirkenden Satz habe ich nun gestrichen.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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  2. Claus Stephan Merl sagt:

    Das Einzige, was ich wirklich schwierig finde an diesem Artikel ist folgender Satz:

    „Einer der ersten, die auch in seinem eigenen Denken allmählich diese „Steigerung“ (antijudaistisch – antisemitisch – eliminatorisch) vollzog, …“

    Er bedeutet wohl, dass der Autor/die Autorin von so einer Steigerung grundsätzlich ausgeht und die Ursache des “ eliminatorischen Antisemitismus“ im Antijudaismus sieht.

    Ich glaube nicht, dass das als grundsätzliches Muster haltbar ist und bezweifle auch, dass es den Judenhass von Hartwig Hundt-Radowsky hinreichend erklärt. Ich halte den Wikipedia- Eintrag zu Hartwig Hundt-Radowsky hier doch für wesentlich differenzierter und aufschlussreicher.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hartwig_von_Hundt-Radowsky

    Dort lese ich:

    „Zur intensiven Bibellektüre angewiesen, entwickelte der Junge eine irrationale „Wut“ auf das Alte Testament, insbesondere auf „das schmutzige Hohe Lied Salomo’s“.“

    und

    „Der Roman Truthähnchen stand am Beginn einer Serie teils mehrbändiger Pamphlete, in denen Hundts judenfeindliches Welterklärungsmodell Motive, Vorwürfe, Beschuldigungen und Denkvorstellungen des traditionellen christlichen Antijudaismus, einer einseitig ausgelegten rationalistischen Religionskritik und völkisch-nationaler Ideen vor dem Hintergrund politischer, sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen zusammenführte und radikalisierte. Inhaltlich und formal gehörte seine Ablehnung der Integration und Emanzipation der Juden zur „fanatischen“ Variante des Frühantisemitismus. Mit einem „sozialhistorischen Krisenmodell“ allein kann sie nicht hinreichend erklärt werden. Gerade die Würzburger Hep-Hep-Unruhen entstanden nicht im Umfeld einer sozioökonomischen Krise, sondern entzündeten sich an der Gleichstellungsdiskussion. Hundt sprach sich für eine Vertreibung, ja Vernichtung der Juden aus und benutzte verdichtete, biologisch-anthropologische Metaphern, so dass er im Grunde „überhaupt keine[r] entwickelte[n] Rassentheorie“ bedurfte.“

    Da hat einer, der nichts zuwege brachte, eine Dämonisierung erlebt, die ihn dazu brachte, den Hass des Feindes auf die Juden in wirrster Form zum Ausdruck zu bringen.

    Was den sog. “ traditionellen christlichen Antijudaismus“ betrifft, liegt dessen erster Denkfehler darin, zu meinen, „nur“ Juden seien an der Kreuzigung Jesu Schuld und seien deshalb auch kollektiv zur Verantwortung zu ziehen. Dabei zeigt die Kreuzigung Jesu sehr deutlich die Kollaboration zwischen dem jüdischen Klerus und den paganen römischen Herrschern. Die Kreuzigung Jesu wäre ohne eine dieser beiden Parteien nicht durchgeführt worden.

    Juden wie Heiden sind vor Gott verantwortlich.

    Verdrängt wird dabei immer, dass Jesus selbst und die zwölf Apostel alle selbst Juden waren und das Heil von den Juden kommt, wie Jesus selbst gesagt hat. Parallel dazu fand die jüdische Selbstverfluchung vor der Kreuzigung statt, das „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“.

    Paulus wird später davon sprechen, dass über einem Teil seines Volkes eine übernatürliche „Decke“ liege, die sie daran hindere, den Lichtglanz des Evangeliums von Jesus Christus zu erkennen.

    Es ist eben wie immer im Leben: Das Böse und das Gute lässt sich nicht nach menschlichen Kriterien; schon gar nicht an einer Volks- oder Religionszugehörigkeit fest machen.

    Leider darf man sich nichts vormachen: Der Antijudaismus, der Juden pauschal unterstellt, Gegner des Christentums zu sein, ist heute noch immer virulent. Für dieses Problem ist auf protestantischer Seite natürlich der späte Luther zu nennen. Es gibt das Gleiche leider auch bei besonders konservativen Katholiken. Ich denke hier z.B. an Dr. Eugene Michael Jones oder an Peter Hellend, die kurzgefasst vertreten, dass die grundlegende Gegnerschaft zur katholischen Kirche von Juden komme. Siehe z.B. hier:

    Es gibt auch nicht wenige konservative Katholiken, die die Betonung des 2. Vaticanums, dass die Juden „unsere älteren Brüder“ seien, nicht mitmachen wollen.

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    • Guten Tag,
      natürlich halte ich diese Steigerung nicht für automatisch (das ist eine Über-Interpretation), sondern stelle lediglich fest, daß sie sich chronologisch-geschichtlich so zeigt. Aus meinem weiteren Text geht hervor, daß der Antijudaismus zwar zum (rassischen) Antisemitismus führen kann, aber nicht muß. Deshalb wird Hundt hier eigens herausgestellt, weil es bei ihm leider zu dieser Steigerung kam – aber doch nicht bei allen Antijudaisten.
      Natürlich gibt es auch im traditionalistisch-katholischen Lager teilweise schlimme Vorurteile und Beleidigungen gegen Juden. Ich erinnere nur mal an das Radauportal „kreuz.net“, das gottlob nicht mehr existiert. Ich habe übrigens damals mehrere Pressemeldungen gegen diese extrem judenfeindliche Seite veröffentlicht – und wurde dort entsprechend angegiftet.
      Noch vor wenigen Wochen hatte ich mir ein anderes traditionelles Portal vorgeknöpft und gegen antijüdische Auslassungen protestiert: https://charismatismus.wordpress.com/2018/06/06/sind-vorurteile-gegen-juden-unausrottbar/
      Sie müssen nicht meinen, ich sei hier quasi auf dem katholischen Auge „blind“.
      Auf protestantischer Seite ist nicht allein der späte Luther zu nennen, sondern eine Reihe protestantischer Theologen und Historiker, zB. Heinrich von Treitschke (von ihm stammt das spätere NS-Motto „Die Juden sind unser Unglück“).
      Typisch für derartige Lebensläufe ist es, sich erst bei braunen, danach bei roten Diktatoren anzubiedern, z. B. der evang. Theologe Walter Grundmann: https://www.deutschlandfunk.de/die-evangelische-kirche-und-das-dunkle-erbe-des.2540.de.html?dram:article_id=343643
      Sie schreiben: „Parallel dazu fand die jüdische Selbstverfluchung vor der Kreuzigung statt, das „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“.“
      Das formulieren Sie nun selber undifferenziert, denn das war nicht „die“ jüdische Selbstverfluchung, sondern die Tat jenes Volkspöbels auf den Straßen Jerusalems. Die Mehrheit der Leute damals ging ihrer Arbeit nach (es war schließlich kein Sabbat) und trieben sich nicht auf Straßen und Plätzen herum. Zudem lebte nur eine Minderheit der Gesamtjuden in Jerusalem.
      Wir wollen ja auch nicht, daß der Nazipöbel, der Goebbels bestätigte „Wir wollen den totalen Krieg“, als „die“ deutsche Kriegslust bezeichnet wird. Auch das betraf eine Minderheit der Deutschen, genau wie vor zweitausend Jahren die Juden betreffend.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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  3. Heinrich Blezinger sagt:

    Keiner Diskussion wert. Jedem zum Rat: „Wer sich in Gefahr begibt kommt darin um!“

    Ich bin dieser Täterethnie seit 54 Jahren mit Christi Hilfe erfolgreich aus dem Wege gegangen.

    Heinrich Blezinger MSc.

    Soziologe

    Geschäftsmann

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    • Guten Tag,
      weder die Deutschen noch die Juden sind ein „Tätervolk“ – auch sonst keine Nation oder Volksgruppe!
      Als Geschäftsmann sollten Sie wissen, daß es Betrüger überall gibt, übrigens hat das viel mit dem Sündenfall und nichts mit dem Judentum zu tun.
      Wer hat uns die Zehn Gebote („Du sollst nicht lügen / nicht stehlen“) gebracht?
      Die Hebräer!
      Aus welchem Volk stammte Christus, mit dessen „Hilfe“ sie seinem Volk „erfolgreich aus dem Weg“ gegangen sind?
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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