Zwischen Naturmystik und Leuchtmadonna

Von Felizitas Küble

Die letzte Medjugorje-Monatsbotschaft der Erscheinungs-„Madonna“ vom 25.9.2018 an die Seherin Marija Pavlovic-Lunetti enthält folgenden Wortlaut:

Liebe Kinder! Auch die Natur reicht euch Zeichen ihrer Liebe durch die Früchte, die sie euch gibt. Auch ihr habt durch mein Kommen reichlich Gaben und Früchte erhalten. Meine lieben Kinder, wie sehr ihr auf meinen Ruf geantwortet habt, das weiß Gott. Ich rufe euch auf: Es ist nicht zu spät, entscheidet euch für die Heiligkeit und für das Leben mit Gott in Gnade und Frieden! Gott wird euch segnen und euch hundertfach geben, wenn ihr auf Ihn vertraut. Danke, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid.

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Sodann darf man sich mal wundern (oder auch nicht, denn Wundersucht gehört zu diesem Phänomen dazu), daß auf der offiziellen Medjugorje-Webseite nach über fünf Jahren immer noch die Mär von der Wunder-Madonna präsentiert wird, die im Elternhaus der Seherin Vicka  – und zwar in derem früheren Zimmer – geleuchtet habe: https://www.medjugorje.de/medjugorje/phaenomene/leuchtende-statue/

FOTO: Titelbild des kritischen Sachbuchs „Der Medjugorje-Betrug“ (570 Seiten) –  statt 19,80 € (Ladenpreis) bei uns für nur 14,80 € und Porto erhältlich

Natürlich hat dieser Vorgang damals großes Aufsehen erregt und noch mehr Pilgermassen angezogen. Dazu heißt es dort:

„Immer mehr Interessierte von außerhalb reisen an, um mit eigenen Augen zu sehen, was sie über das Geschehen in Medjugorje erfahren haben. Während des Tages bis tief in die Nacht hinein bilden sich Menschentrauben vor dem ehemaligen Elternhaus der Seherin Vicka.“
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Vicka erklärte das wundersame Vorkommnis in Interviews als himmlisches „Zeichen“, dem noch größere folgen würden.
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Was tatsächlich folgte, war  – wie zu erwarten – eine herbe Ernüchterung für die wundersüchtige Schar, denn eine chemische Analyse ergab, daß die Marienstatue mit Leuchtfarbe bestrichen war. Näheres hier: https://charismatismus.wordpress.com/2013/11/08/medjugorje-wunder-statue-erweist-sich-als-dreister-schwindel/
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Doch von Fakten lassen sich die Erscheinungsbewegten zu Medjugorje nicht beeindrucken, denn Wunder bleibt Wunder!
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Weitere 162 Artikel zum Phänomen Medjugorje hier: https://charismatismus.wordpress.com/category/irrgeistige-erscheinungen/medjugorje-vorsicht-vor-erscheinungsorten/
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Die CSU überhörte Warnsignale: Denkzettel für den Zwist und die Arroganz der Macht

Von Peter Helmes

Im Wesentlichen hatte der bisherige und künftige bayerische Ministerpräsident Söder drei Kernprobleme: sich selbst, Seehofer und Merkel – alle Unions-hausgebacken.

Für die CSU heute klingt es wie Hohn: Bei den meisten Parteien in Deutschland und Europa würden 35 – 36 Prozent der Wählerstimmen das Paradies bedeuten, im CSU-verwöhnten Bayernland gleicht diese Prozentzahl jedoch einem Erdbeben.

Mit ihrer (vorgespielten) Haltung zur Einwanderung – in Berlin bis kurz vor Schluß alles mitgetragen, in Bayern dann ein „Nein“ – hat sich die CSU selbst ein Bein gestellt. Für gewöhnlich geben Wähler ihre Stimme lieber einer authentischen Partei. Der Versuch, auf der Populismuswelle zu surfen und eine andere Partei zu kopieren, wird nie goutiert. Die authentischere Partei ist in diesem Fall die AfD.

Stattdessen zeigten Horst Seehofer und Markus Söder eindrücklich, wie es nicht geht: Mit halbherziger Strategie begaben sie sich auf einen dilettantisch vorbereiteten Zickzackkurs.

An Warnsignalen hat es nicht gefehlt. Aber die Arroganz der Macht fegte die Warnungen zur Seite. Rund drei Viertel der Bayern wünschten sich den Umfragen zufolge eine Koalitionsregierung: 71 Prozent der Befragten waren der Meinung, daß das besser für den Freistaat wäre. Es hätte der CSU schon viel früher zu denken geben müssen, daß bei all diesen Umfragen nur noch 31 Prozent der Bayern eine CSU-Alleinregierung präferierten, mehr als jeder zweite (53 Prozent) fand dies schlecht.

2013 bei der letzten Landtagswahl in Bayern kamen SPD, Grüne und Linkspartei zusammen auf 31,3 % der gültigen Stimmen (SPD = 20,6; Grüne 8,6; Linkspartei 2,1%). Die Nachfolgepartei der SED verpaßte dabei den Einzug in den Landtag.

Bei der Bundestagswahl 2017 erreichten die Rot-Rot-Grünen Parteien auf Landesebene in Bayern bei den Zweitstimmen zusammen 31,2 % (SPD 15,3; Grüne 9,8; Linkspartei 6,1. Also, wenn man genau hinschaut, ist das linke Lager gleich klein. ABER: Den Grünen ist es gelungen, viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Jetzt, bei dieser Landtagswahl, ist das Bild im Kern gleichgeblieben:

Die Linksfront aus SPD (9,7 %), Grüne (18,3 %) und Linkspartei erreicht zusammen 31,3 %, die Bürgerlichen kommen gemeinsam auf 63 % (35,6 % CSU, 11,6 % FWG, 10,9 % AfD, 5,1 % FDP). 

Also gibt es keine Mehrheit gegen die Bürgerlichen. Andererseits bereitet das Abschneiden der Grünen Sorge:

Grün wählen scheint nach einer langen Durstphase dieser Partei wieder „in“ zu sein. Das ist für viele wohl so etwas wie eine Art Ablaßhandel: Auf die eigene Fernreise möchte man nicht verzichten, aber auch kein schlechtes Gewissen haben. Also tut man so, als ob grün wählen für die Umwelt ist.

Grünen-Parteichef Robert Habeck hatte allerdings eine kluge Idee: Die Grünen sprechen seit einiger Zeit öfter über den Wert der „Heimat“. Sie verzahnen den Begriff mit ihrem Stammthema, dem Umwelt- und Klimaschutz, und dringen damit zunehmend auch in konservative Wählerschichten vor, obwohl bei den Grünen die „Heimat“ lange als ein Unwort galt.

Der Dauer-Streit der Unionsschwestern und die Dauerschwäche der Sozialdemokraten fallen den Parteien nun auf die Füße. SPD-Chefin Andrea Nahles versuchte zwar in letzter Sekunde, das Ruder herumzureißen und kündigt die Abkehr von der Agenda 2010 an. Doch bei der Basis kam das kaum noch an.

Die SPD hat kein Thema, und die CSU irritiert(e) die Wähler durch zahlreiche Streits mit Berlin und innerhalb der Partei. Aber das Einmalige an dieser Wahl ist, daß wir es bei der CSU mit einer Partei zu tun haben, die weiterhin unglaublich hohe Kompetenz in fast allen wichtigen politischen Fragen aufweist, die nach wie vor anerkannt wird – wie die Umfragen ergeben – und auf der anderen Seite dann so abgestraft wird, weil sie im Prinzip die Emotionalisierung der Wähler nicht richtig mitgemacht hat.

Von der einstigen „Partei der Intellektuellen“  –  „Der Geist steht links“, meinte einmal der längst vergessene Nobelpreisträger Günter Grass zur SPD  –  ist nichts geblieben als Schulz, Scholz, Stegner, Nahles, Kohnen, Kevin K. & Genossen.

Schauen wir uns die Gründe dafür an, daß die Ergebnisse für die CSU so desaströs sind:

Eine alte Demoskopenregel lautet: „Zwist ist Mist.“ Da trifft es die CSU gleich dreimal. Sie „pflegt“ den Koalitionsstreit mit dem Koalitionspartner CDU, dann den Koalitionsstreit insgesamt, was die Regierung anbelangt, und letztendlich noch den Streit innerhalb der CSU. Und dreimal Streit heißt, daß nur noch diese Zwistigkeiten in das Erleben bzw. in die Vorstellung der Wähler gelangen und überhaupt nicht mehr über die Politik, über Inhalte geredet wird.

Interessant zum Beispiel, daß Seehofers Position zur Asylfrage bei zwei Dritteln bundesweit und natürlich auch in Bayern auf Zustimmung trifft, und trotzdem ist er ein Politiker, der derzeit am unteren Ende der Rangreihe steht – weil der Zwist auch die besten Absichten überlagert und damit zunichtemacht.

Auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik hat dazu beigetragen, daß CDU/CSU bundesweit vielleicht 28 Prozent der Stimmen bekommen würde, wären jetzt Bundestagswahlen. Das ist jedenfalls alles andere als Rückenwind. 

Übrigens konnte und kann die SPD nicht von der Schwäche der CSU profitieren, weil sie beim (bayerischen) Wähler so gut wie nicht existent war. Und sie ist zwischen die politischen Blöcke geraten. So bleibt sie gerade in wichtigen Fragen außen vor. Sie schafft es nicht einmal, mit Aktionen wie zum Beispiel Rententhema ins Gespräch zu kommen.

Hinzu kommt, daß sie nicht die richtigen Politiker hat, die dort so auftreten, daß man ihnen gerne zuhört. Wahlkampfauftritte roter Funktionäre sind alles andere denn eine typisch bayerische Gaudi. Akademisch daherkommende Funktionäre geben den Klugscheißer, haben aber offensichtlich noch nie eine Werkbank, geschweige denn einen Kuhstall von innen gesehen. Sie verschrecken eher, als daß sie Wähler anziehen.

So bleiben die bayerischen Sozis, was sie schon seit Urzeiten in Bayern waren: das fünfte Rad am Politkarren. Kein Thema, keine Politik, letztendlich auch keine Kompetenz! Deshalb spielt die SPD in der politischen Diskussion Bayerns allenfalls eine Rolle am Rande.

Was bleibt, ist eine riesige Verantwortung der CDU-Parteivorsitzenden für das Fiasko. Merkel liebt Alleingänge und schert sich keinen Deut um die Befindlichkeit ihrer Partei. Sie schwebt in ihrem eigenen Kosmos – entrückt von den Niederungen der Parteipolitik. Schon von daher muß sie Platz machen für eine auf die Zukunft gerichtete Diskussion – für ein neues konservatives und liberales Konzept, von dem sich die Merkel-Union längst verabschiedet hat.

Mehr Diskussion wünscht sich offenbar auch Hans-Jürgen Papier. Das ist nicht irgendjemand. Es ist der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, selbst CSU-Mitglied, der sich spricht gegenüber den Zeitungen der „Funke Mediengruppe“ für eine Begrenzung der Amtszeit des deutschen Regierungschefs auf zwei Wahlperioden aus (Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/schaeuble-aeusserungen-ueber-merkel-diskussionen-und.1766.de.html?dram:article_id=430464).

Dafür hatte gerade erst die Junge Union plädiert – gegen das Votum der Kanzlerin. Papiers Begründung ist allgemein, kann sich nach den Gegebenheiten in Deutschland aber nur auf die Unionsparteien beziehen. Zwar könne ein Kanzler jederzeit durch konstruktives Misstrauensvotum abberufen werden, betont der Jurist. Aber: „Offensichtlich sind die politischen Parteien, die den Kanzler tragen, gar nicht mehr in der Lage, eine solche Selbstkorrektur vorzunehmen.“

Eine begrenzte Amtszeit erhöhe zudem den Druck auf den Amtsträger, Nachwuchs zu fördern. Wer wollte dem widersprechen?

Frau Merkel, Sie haben der Union schwer geschadet. Leisten Sie ihr einen letzten Dienst: Treten Sie ab!

Unser Autor Peter Helmes ist politischer Publizist und ehem. Bundesgeschäftsführer der Jungen Union; er schreibt regelmäßig auf seiner liberal-konservativen Webpräsenz www.conservo.wordpress.com    


Esoterik pur: Der Mensch als göttliches Wesen

Von Felizitas Küble

Der wesentliche Unterschied zwischen Christentum und Esoterik besteht darin, daß der Gläubige eindeutig zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf unterscheidet. Der Mensch ist zwar das Abbild Gottes, aber erstens als Geschöpf ein Werk des Ewigen (und nicht selber göttlich), zweitens durch den Sündenfall, durch seine geschwächte Natur besonders auf die Gnade und Hilfe Gottes angewiesen. 

Anders betrachtet dies die Esoterik, die den Menschen letztlich von einem persönlichen Gott „emanzipieren“ will, wobei der Ausdruck „Gott“ wohl formal manchmal noch verwendet, aber zugleich mit einem anderen Inhalt gefüllt wird, denn gemeint ist damit eine „kosmische Energie“, eine unpersönliche Kraft des Universums.

Dabei entschwindet der grundsätzliche Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, denn Gott und Mensch sind dann jeweils auf ihre Art nur ein Bestandteil dieser Ur-Energie, die „ganzheitlich“ alle und alles verbindet.

Diese pantheistische Sicht (Identität von Schöpfer und Schöpfung) ist noch eine eher gemäßigte Variante. Manchmal wird auch direkt ins Schwarze (= ins Diabolische) getroffen, indem der Mensch ohne Umschweife als „göttlich“ bezeichnet wird.

Als Beispiel hierfür sei die Initiative „Seelenarche“ aus dem oberschwäbischen Aitrach erwähnt. Dort erklärt Rudolf Mauritz in seiner gleichnamigen Internetpräsenz die „kosmischen Lebensregeln“: http://seelenarche.de/index.php

Der Autor bemüht gar die Bibel, um zu erläutern: „Gott ist uns näher wie unser Hemd, ja sogar näher wie unser Atem. Er ist in uns, so wie wir in Ihm sind. Also tragen wir die göttliche und universelle Energie in uns. (Allerdings nennt er keine einzige Bibelstelle, die seine esoterische Auslegung begründet.)

Der Mensch solle sich nicht nach Hilfe von außen umsuchen, sondern Zuflucht in seinem Inneren suchen und „er würde entdecken, dass er ein wunderbares Geschöpf ist und Kräfte besitzt die Ihm helfen, alles zu schaffen und erschaffen was er sich wünscht. Ja sogar die Kräfte des gesamten Universums könnte er nutzen, wenn er sich in seinem Inneren auskennen würde.“

„Rudi“, wie sich der Verfasser vertraulich vorstellt, bietet den Suchenden unter anderem folgende Therapien und Übungen an: „Urenergieanwendungen, Seelenfahrt-Behandlungen + Ausbildung, Ganzheitliche, spirituelle Mensch- und Tierheilung, Rückführungen auf Alphabasis, Aurareinigungen und -klärungen.“

Unter der Rubrik „Seelenfahrt“ heißt es: „Die Seelenfahrt ist ein sehr kurzer, heftiger, gefühlvoller und spiritueller Weg, vom Lernen bis hin zum Ausüben…Es geht…darum, dass jeder Einzelne sich selbst wieder bewusst wird, dass er göttlich ist und diese Fähigkeit nutzen darf, sein Leben dadurch zu bereichern.“

Damit ist der Kernsatz des esoterischen Weltbildes offengelegt: Wir sollen unsere „Göttlichkeit“ erkennen.

Aber genau diese Haltung  – „wir wollen sein wie Gott“ – ist die stolze Ur-Versuchung des Menschen. Damit zapft er allerdings keine „Ur-Energie“ an, sondern vergißt seine Geschöpflichkeit, setzt sich darüber hinweg und rebelliert gegen seinen Schöpfer.

So begann der Sündenfall – und er setzt sich immer wieder fort in der Geschichte der Menschheit, natürlich nicht allein in der Esoterik, sondern in zahllosen Varianten, doch der Kern des Problems ist stets derselbe, nämlich ein Aufstand gegen Gott.

 

 


Gehören Juden noch zu Deutschland?

Buchbesprechung von Chaim Noll

Buch-Daten: Arye Sharuz Shalicar, Der neu-deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse, Hentrich und Hentrich, 164 Seiten, 16,90 Euro

Arye Sharuz Shalicar ist sozusagen durch Geburt Spezialist für den neuen deutschen Antisemitismus. Er ist mit ihm aufgewachsen. Als Kind iranischer Juden, die nach Deutschland emigrierten, besuchte er Berliner Schulen, in denen muslimische Jugendliche den Ton angeben.

Was das bedeutet, erfuhr der Jude Shalicar schon in den neunziger Jahren, gut zwei Jahrzehnte, bevor es in Deutschland als Problem erkannt wurde.

Er hat die Bedrohungen und Übergriffe, denen er als jüdischer Schüler eines Gymnasiums in Berlin-Wedding ausgesetzt war, in seinem ersten Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude in beklemmender Ausführlichkeit geschildert. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Protektion bei einem kurdischen Clan zu suchen, in dessen kriminelle Aktivitäten er involviert wurde. Der Weg ins „Milieu“ schien vorgezeichnet.

Doch Schalicar ging nach Israel, studierte an der Universität Jerusalem, wurde wegen seiner Sprachkenntnisse Presse-Sprecher der israelischen Armee im Rang eines Majors und arbeitet heute in einer Regierungsbehörde.

Seit seiner Kindheit kennt Shalicar die Welt muslimischer Jugendbanden von innen. Er hat einzigartige Einblicke in die Mentalität arabischer und türkischer Immigranten in Deutschland gewonnen, insbesondere in ihren religiös-kulturell geprägten Judenhass.

Als israelischer Presse-Offizier lernte er später die ebenso unbeirrbare Israel-Feindlichkeit deutscher Medienleute kennen, etwa von Absolventen der berühmten Henry-Nannen-Schule, die er als anti-israelische Propagandaschmiede schildert. Nach einem Treffen mit ihnen fragt er sich, „wo wir denn nur drei Generationen nach dem Holocaust hingekommen seien, dass ein Vertreter einer jüdischen Sicherheitsorganisation, und das auch noch in Jerusalem, dermaßen von Deutschen attackiert wird. Ich spürte ihren Hass mir und allem gegenüber, was ich vertrete.“

Die Direktheit seiner Aussagen ist das Überzeugende an Schalicars Buch. Wo andere politisch korrekt um Probleme herumreden, scheut er nicht das klare Wort.

Seine Facebook-Seite hat ihn darin geübt, mit „mittlerweile 17 000 Followern“ im Dialog zu stehen, darunter „Biodeutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund, Israelis, die Deutsch sprechen, und Deutsche, die Hebräisch sprechen, Politiker, Polizisten und Lehrer, jung und alt, religiös und säkular, links und rechts.“

Er zitiert sie ausgiebig in seinem neuen Buch. Sie bilden eine weitere Quelle seiner präzisen Kenntnis heutiger deutscher Probleme mit Israel und den Juden.

Über Jahre wurde er mit Beschimpfungen und Drohungen überschüttet, doch ihn erreichen auch die vergleichsweise wenigen positiven Stimmen. „Der deutsche Antisemitismus hat sich langsam und schleichend über die Jahre wieder seinen Platz in der Öffentlichkeit erobert“, schrieb ihm Benedikt, ein junger Deutscher, den diese Entwicklung offenbar bedrückt.

Die große Gefahr sieht Shalicar darin, dass der Judenhass heute aus allen Richtungen kommt. Aus authentischen Einblicken skizziert er ein Tableau der gegenwärtigen judenfeindlichen Strömungen in Deutschland.

Erstens: „Aggressiver muslimischer Judenhass“,  
zweitens: „Deutsche Leitmedien“,
drittens: „Intellektueller linksradikaler Israelhass“,
viertens: „Rechtsradikaler Antisemitismus“,
fünftens: „Christlicher Antisemitismus“,
sechstens: „Selbsthass als Beruf – die Alibi-Juden“.

Shalicar kommt zu dem traurigen Ergebnis, „dass Deutschland auf dem besten Wege ist, für Juden in vielen Gegenden schlicht und einfach unbewohnbar zu werden.“

Auch die deutschen Medien verfolgt er aufmerksam, deren Inkompetenz und Voreingenommenheit in der Nahost-Berichterstattung er als israelischer Pressesprecher aus täglicher Zusammenarbeit kennt:

„Ein gutes Beispiel dafür sind die Auslandskorrespondentinnen des Spiegel zwischen 2010 und 2016 (…) Außer einem Abschluss an der Journalistenschule hatten alle drei Damen keinen Background in Nahost-Geschichte, Konfliktmanagement, Politik, Theologie, Militär und Sicherheit. Sie verstanden weder Hebräisch, noch Arabisch, noch Türkisch oder Persisch. (…)

Wie kann man ihren Artikeln Glauben schenken, wenn man weiß oder eben nicht weiß, dass sie Teile ihrer Aussagen und Interpretationen nicht selbstständig, sondern über Dritte erhalten. (…) Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die oftmals sehr einseitige Medienberichterstattung über Israel und den ‚Nahostkonflikt‘ den Antisemitismus auf deutschen Straßen fördert, und ich wage zu behaupten: legitimiert.“

Auch über die allgemein sich verschlechternde Sicherheitslage in Deutschland ist Shalicar im Bild:

„Gespräche mit deutschen Sicherheitsbehörden bereichern mich enorm. Über ihre Ausführungen erhalte ich meiner Meinung nach das präziseste Bild Deutschlands und seiner heutigen Gesellschaft (…) Nicht wenig Frust herrscht unter ihnen bezüglich der Politik, die sie ‚im Stich lässt‘ in ihrem täglichen Kampf gegen kriminelle arabische Großfamilien, Drogenkartelle und radikale Islamisten.“

Beides zusammen, eine von Medien erzeugte antiisraelische, in ihren Konsequenzen judenfeindliche öffentliche Stimmung und die degradierende öffentliche Sicherheit erzeugen jene neue Lebensunsicherheit der deutschen Juden, die zwar von den Politikern beklagt, aber nicht wirksam bekämpft wird. Die Folge daraus sei, so Shalicar, „dass Juden (…) sich generell die Frage stellen, ob sie überhaupt zu Deutschland gehören.“

Shalicar belässt es nicht bei der Darstellung der Misere (die in dieser Gründlichkeit allein schon verdienstvoll wäre), sondern offeriert Vorschläge zur Lösung des Problems: „Ein erster wichtiger und richtiger Schritt wäre es, die Art und Weise, in der Israel im Nahen Osten dargestellt wird, zu überarbeiten.“ 

Ihm ist nicht entgangen, dass die verzerrte Darstellung Israels bereits in deutschen Schulbüchern beginnt. Sie vermitteln deutschen Schulkindern, wie Shalicar feststellt, veraltete, realitätsferne Muster der Situation.

Wie das gesamte Bildungssystem, sind sie der neuen Wirklichkeit nicht gewachsen, dem starken Druck durch islamische Deutungsmuster, vertreten von der wachsenden Zahl muslimischer Schüler an deutschen Schulen:

„Die wichtigste Strukturänderung muss im Erziehungswesen stattfinden. Sowohl in den Schulbüchern der Oberschulen als auch im Umgang von Lehrern mit Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund, die teilweise enorm judenfeindlich eingestellt sind und einen großen Einfluss auf andere nicht-muslimische Jugendliche haben.“

Hier, in der Beeinflussung der deutschen Jugend durch untaugliche Schulbücher und voreingenommene Medien, erkennt Shalicar den Kern des Problems. Entsprechend drastisch fallen seine Vorschläge aus:

„Das Wort ‚Israelkritik‘ gehört aus dem Duden gestrichen. Antisemitische Hasskundgebungen, wie der Al-Quds-Marsch durch Berlin, sollten verboten werden. Jugendliche, die ‚Jude‘ als Schimpfwort benutzen, müssen aufgeklärt werden. Menschen, die Juden in Deutschland aufgrund der Tatsache, dass sie Juden sind, angreifen, gehören in die Nervenanstalt oder hinter Gitter. Zuwanderer ohne deutschen Pass, die Juden attackieren (…), gehören des Landes verwiesen. Antisemitische Verschwörungsmusiker haben keine Preise verdient (…), Lehrer, die ihre Schüler nicht aktiv gegen Antisemitismus und Israelhass aufklären, sollten den Job wechseln.“

Arye Shalicar schrieb dieses Buch auch aus Sorge um das Land, in dem er aufwuchs. Er meint, es wäre ein böses Omen für Deutschland, wenn dort eines Tages keine Juden mehr leben könnten.

Wir danken dem deutsch-israelischen Schriftsteller Chaim Noll für die freundliche Abdruckerlaubnis seiner Rezension im vollen Wortlaut.  –  Erstveröffentlichung des Beitrags in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung“vom 11. Oktober 2018 in einer gekürzten Version.

Internetpräsenz des Autors: http://chaimnoll.com/