Der Hang zum Massenmenschen zeigt sich auch in der Mode immer wieder

Von Christa Meves

Der Begriff Herde wird in der Zoologie in Bezug auf Gruppierungen von Säugetieren, Fischen und Vögeln vielfältig verwendet, um die Struktur dieser Zusammenschlüsse zwecks vermehrtem Existenzerhalt zu beschreiben.

Seit dem Erscheinen des  Standardwerkes von Gustave Le Bon „Die Psychologie der Massen“ wird der Begriff der Herde, des Rudels sowohl in der Soziologie als auch in der Psychologie als eine Triebfeder verstanden, die in Resten auch noch auf die Spezies Mensch zutrifft.

Der Ausdruck wird verwendet, um die Lenkbarkeit von Massen zu verdeutlichen. Das ist erkannt und allgemein anerkannt und soll in diesem kleinen Impuls nicht ausführlich wiederholt werden, sondern lediglich zwecks Bewusstseinserhellung auf dieser Grundlage aufgebaut werden.

Ich möchte stattdessen hier nur ein kleines Beispiel dafür bringen, dass die Realität einer Massenbeeinflussung dieser Art in vielen Einzelbereichen unserer Alltagsmentalität wirksam ist. Dafür habe ich ein Detail unserer Frauenmode als Beleg ausgewählt:

Die Mode gehört ohnehin in unserer Zeit zu einer jener weltlichen Mächte, die unversehens als Götze an die Stelle einer Orientierung am allmächtigen Gott geraten ist. Z. B. ist seit mehr als 40 Jahren  die Hose für Frauen ein voll anerkanntes Bekleidungsstück mit der Ausgestaltung einer außerordentlich variablen Vielfalt, gekrönt von den weltweit zu tragenden Blue Jeans. Ob der Mensch kurz oder lang, ob dick oder dünn, ob alt oder jung ist – wer Anerkennung in der Gruppe erwartet, hat sich mit diesem jakobinerhaften Kleidungsstück anzufreunden.

Heute haben die Jeans ihre Kronenstellung in der Frauenmode allerdings hinter sich.

Seit kurzer Zeit erscheint nämlich stattdessen neu der Rock als das einst allgemein übliche Bekleidungsstück für Frauen – der Mottenkiste enthoben – als einfarbiges Kleid in der Szenerie und ist bereits zur ungeschriebenen Massenvorschrift avanciert.

Ohne Rücksicht auf die körperlichen Unterschiedlichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit auch von Frauen, dem Zwang zu jugendlicher Schlankheit lebenslänglich nachzukommen, fühlen sich die Frauen  genötigt, sich in aller Unbewusstheit nun nach diesem ungeschriebenen Bekleidungsdiktat auszurichten, wenn Sie sich als topfit empfinden wollen.

BILDER: Frauen können auch ohne großen Ausschnitt schick aussehen – hier eine Rednerin beim „Tag der Heimat“ in Münster – unten die Präsidentin von Estland (ebenfalls bei einem Vortrag in Münster)

Neuerdings muss ein voller Busen unter  einem stramm sitzenden Stoff erahnbar sein. Dieses Oberteil hat in eine Wespentaille einzumünden, was immer seltener ohne künstliche ärztliche Saugaktionen zu schaffen ist. Voller Busen, dadurch in machtvoller Präsentation verstärkt, erweist sich als Unabdingbarkeit einer modischen weiblichen Identität, um sich gesellschaftlicher Anerkennung hinreichend gewiss zu fühlen.

Damit nicht genug: Ein enger, kurzer Saum hat jetzt zwar unter knappem Stoff  weitere  anziehende Körperteile, die Oberschenkel, erahnbar zu machen, indem er das Knie nicht bedeckt. Das führt natürlich dazu, dass in Sitzhaltung eine Verschiebung nach oben entsteht, die die Damen beim Sitzen zu streng zusammengehaltenen Oberschenkeln nötigt, was sich in den Talkshows einhellig erleben lässt.

Am erstaunlichsten erscheint es mir nun aber, dass die ungeschriebene Verpflichtung, unbedingt mit der Mode zu gehen, noch in einem längst schon installierten Massenmerkmal selbst bei dieser neuen Bekleidungsform, der Rückkehr zum Kleid, anscheinend völlig unbewusst weiter verpflichtend bleibt: dem weit geöffneten Halsausschnitt.

Dieser pflegt zwar eine erhebliche Quantität der Anwendung, aber eine wenig variable Form zu haben. Er trägt grundsätzlich die Form eines auf dem Kopf stehenden spitzen Dreiecks, das in der sichtbar werdenden Busenwölbung endet. Der auf diese Weise befreite nackte Hals hat mit ähnlicher Unabdingbarkeit präsentiert zu werden wie die entblößten Beine.

Hier herrscht bereits schon seit einigen Jahrzehnten eine merkwürdige Einheitlichkeit.

Die Designer dieses Modeartikels hatten vermutlich ein sicheres Gespür für seine beste Verkaufbarkeit. Diese hat grundsätzlich der Stimmung der Bevölkerung in der  jeweiligen Phase des Zeitgeistes zu entsprechen, sonst kommt der Artikel nicht an.

Die Erfinder dieses kultiviert und schön erscheinenden Modestücks haben  lediglich ein Gespür dafür, dass die Zeit der schamlos exhibierten sexuellen Lockungs-Methode vorüber ist. Sie brauchen auch kein biologisches Wissen über die sexuellen Auslöser, sondern eher die Erfahrung, dass zart Verhülltes diese Naturgewalt oft sogar erfolgreicher aktiviert als verderbt schamlose Präsentation…

Und zu bedenken ist heute schließlich darüber hinaus, dass feministischer Fortschritt darin besteht, nun per Gesetz Männer als Sexisten zu verklagen, die auf das Verhüllte einen Blick  (oder gar mehr?) riskieren …

Welche Wirrnis mit verschleierten Absichten wird unserer Gesellschaft in der Zukunft voller Unbewusstheit bevorstehen?

Etwa so: Die Einheitlichkeit im Halsausschnitt  ist zwar z. Zt. ungeschriebenes Gesetz bisher nur bei Frauen, ist aber in zunehmendem Maße durch Verschwinden des Schlipses und der Verschlossenheit des Kragens dahinter sogar bei fortschrittlichen Männern im Kommen.  

Wird Rilkische Befreiungssehnsucht gegen die damalige, in rigiden Normen erstarrte Gesellschaft – „Einmal wieder den Kragen offen tragen“ – heute zu einem unterschwelligen Ausdruck männlicher Unterwerfung unter das Diktat feministischer Machtvollendung?

BILD: Vor Jahrhunderten gehörte ein hochgestellter Kragen, der bis zum Kinn reichte, zur vornehmen Damenmode, doch ein freier Hals ist gesünder

Mode ist nun einmal grundsätzlich ein unbewusster Ausdruck der Massendenkungsart in der zeitbedingten Bevölkerung und  zeigt sich infolgedessen auch in einer obligatorisch zu tragenden Bekleidung. Deshalb lässt diese Form der Rückkehr zum Kleid viel Interessantes, Neues über den Weltgeist 2019 vermuten, vielleicht sogar etwas Positives, ja, sogar eine Rückkehr zu mehr Kultiviertheit erwarten?

Vor allem aber lässt sich allein schon bei Kleinigkeiten unseres Alltags erkennen, in welchem hohen Ausmaß wir unbewusst suggestibel der Vereinheitlichung durch Massentrends unterliegen. Wie stark und mächtig erweist sich also selbst in den hochzivilisierten Gesellschaften unsere Herdennatur! Wie kommt hier überall unser Überlebensbedürfnis als die Machtstruktur der Naturkräfte in uns zum Ausdruck!

Es ist das allgegenwärtige Bedürfnis nach Schutz in der Gruppe, das uns heimlich durchschlagend motiviert! Wir können keineswegs von einer „Instinktreduktion“  bei der Spezies Mensch sprechen, wie Arnold Gehlen das vor 70 Jahren kühn behauptete! Schon bei der Anpassung zum vereinheitlichten Halsausschnitt lässt sich entdecken, dass diese Annahme nicht stimmt!

Ich habe Ihnen unsere Anfälligkeit, einfach unnachdenklich im Strom mitzuschwimmen, einmal verdeutlichen wollen – damit wir uns  bereits an  diesem  so ungewichtigen Teil der Mode, z. B.  dem offenen, spitz endenden Halsausschnitt,  unserer so allgemein großen Beeinflussbarkeit bewusst werden; denn dann kann uns unsere ebenfalls mögliche, massenhafte Verführbarkeit als Gefahr ins Blickfeld kommen und uns zu nachdenklichem Widerstand dagegen anregen.

Was von  dieser vereinheitlichenden  Mode passt eigentlich zu mir  selbst – als einem Unikat unter den Milliarden Wolfs-Rudeln und Schafherden? Unsere persönliche Eigenart zu entfalten – das sollte unser Weg und unser Ziel zu ausgereiftem Menschsein werden, meine ich. Im Grunde ist diese Erkenntnis uralt. Wir finden die Auseinandersetzung mit unserer Schafherde-Natur z. B. ausführlich bei Jesus Christus  im Johannesevangelium:

„Ich bin die Tür der Schafe… Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie (meine Schafe) das Leben haben … Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10, 7-11).

 


6 Kommentare on “Der Hang zum Massenmenschen zeigt sich auch in der Mode immer wieder”

  1. Jutta sagt:

    Viele Frauen wollen unbedingt auffallen und kleiden sich entsprechend. Viele von ihnen
    durch zu enge Kleidung und zu grelle Schminke mehr oder weniger schamlos.
    Manchmal muss man sich wundern, dass bei all der pornografischen Kleidung solche
    schamlosen Frauen noch nicht angezeigt wurden. Und diese hochhackigen Schuhe! manch-
    mal auch so laut klappernd. Es ist so laut in der Umwelt, da muss man doch nicht auch
    noch mit den Schuhen solchen Krach machen.

    Und die Männer haben heute den Spleen mit Bärten, das haben sie anscheinend von
    den Orientalen übernommen. Und obwohl die Mehrzahl der Frauen diese Bärte nicht
    mögen, lassen die Männer sie wachsen.
    Übrigens sind Bärte sehr ungesund. In einem Bart befinden sich mehr Bakterien als in
    einer Kloschüssel.

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  2. Holger Jahndel sagt:

    Wider Verwirrung und «Ver-Wüstung»
    von Friedrich Romig

    https://www.zeit-fragen.ch/de/ausgaben/2019/nr-1-3-januar-2019/wider-verwirrung-und-ver-wuestung.html

    Zeit-Fragen > 2019 > Nr. 1, 3. Januar 2019 > Wider Verwirrung und «Ver-Wüstung»
    Wider Verwirrung und «Ver-Wüstung»

    ISBN 978-3-942605-17-5
    Rieger, Michael. «Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste» – Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur – Skizzen und Porträts. 240 Seiten, brosch. Rückersdorf b. Nürnberg, Lepanto-Verlag 2018

    Buchbesprechung

    von Friedrich Romig
    Der ausgewiesene Germanist, Philosoph, Historiker und Politologe Dr. Michael Rieger hat den seinem Buch titelgebenden Satz «Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste» einem Aufsatz entnommen, den der Schriftsteller Fritz Eberling im Jahr 1930, also in jener wirren Zeit verfasst hat, die auf den Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg folgte.
    ——————————————————————-

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  3. Stephanie sagt:

    Frau Meves ist immer geschmackvoll angezogen. Die Hosen, die Frau Meves zu ihren Vorträgen trägt, stehen ihr ausgezeichnet. (Bisher habe ich im Internet kein Foto finden können von Frau Meves im Rock oder Kleid.) Und diese dezente Flecktarn-Kostümjacke. welche sie auf youtube bei einem Interview an hat – das könnte nun wirklich nicht jede tragen.
    Zur Zeit finde ich die Mode für das mittlere Alter sehr geschmackvoll und gediegen, ohne dabei altbacken zu wirken. Bedenken wir, in welch einer Mode-Zeit wir selbst sozialsiert wurden, Mini-Kleider, enge Hosen mit Schlag, Plateau-Schuhe und unangenehm enganliegende Nylon-Pullover.
    Diese Oberteile, die man heute trägt, Mischgewebe mit Elastan, bedruckte mit dezenten Mustern, dreiviertel-Arm, schönen Farben mit figurschmeichelnden abgesetzten Wiener-Nähten, stehen unserer Altersklasse doch viel besser. Mit der derzeitigen Mode (nicht die übertriebene) bin ich sehr zufrieden.

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  4. Dorrotee sagt:

    Ich habe mir zu den Feiertagen ein Kostüm (knielanger Rock mit Blaser und Baumwoll-Langarm-Shirt) gekauft. Ich fühlte mich irgendwie femininer. Bekam auch Komplimente von der Familie.

    Es könnte wirklich ein neuer Ausdruck von Frauen sein, wenn nun wieder Röcke und Kleider in Mode kommen. Innerlicher und äußerlicher Widerstand gegen den Genderwahn. Gut so!

    Aber niemals modisch etwas aufdiktieren lassen. Es muss der Frau oder dem Mann „stehen“.

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  5. Cornelia Vogt sagt:

    D A S GEFÄLLT MIR SEHR.
    Meiner Erfahrung nach kann ich BESTÄTIGEN,daß es wirklich schwer ist,ANDERE MODE zu finden,als die GERADE AKTUELL IST.
    BHs sowie PASSENDE Unterwäsche GENERELL
    NORMAL ist ebenso schwierig zu finden.
    KUNSTWERKE stellt man HER,welche obszön auf mich WIRKEN und eine Frau als Lustobjekt darstellen,WAS DAMIT KLAR ERKENNTLICH GEMACHT IST.
    BABYLON MODERN.
    MORAL IST KAUM NOCH ZU SEHEN.
    LEBEN IN VOLLEN ZÜGEN AUF NIEDERE ART UND WEISE .
    MIT DEN WÖLFEN HEULEN,BEZIEHUNGSWEISE SICH MITREIßEN LASSEN MIT DER MASSE.
    JEDER HAT EINE ANDERE FIGUR.
    PASSEND DAZU SOLLTE KLEIDUNG GEWÄHLT WERDEN .
    KLEIDUNG UND KEINE MODE,DIE GERADE IN IST.
    ICH SUCHTE NACH WARMEM PULLOVER.
    GEZEIGT WURDEN WUNDERSCHÖNE DESIGNS.,JEDOCH SCHULTERFREIE .
    UNSINNIGE MODE AUS WOLLE.

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