Wölfe im frommen Schafspelz: Wie spiritueller Missbrauch funktioniert

Von Felizitas Küble

Über den großen deutschen Philosophen Immanuel Kant, der im ostpreußischen Königsberg lebte, schreibt der jüdische Religionspsychologe Karl Jaspers:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Unbegreifliche aber ist nicht das Unvernünftige, sondern das durch Vernunft als Grenze der Vernunft Erfahrene und in das Licht der Vernunft Aufgenommene“ (Karl Jaspers, Die großen Philosophen, S. 511).

Ja, das ist wahr: Der Glaube reicht zwar über den Grenzen der „bloßen Vernunft“ hinaus und hinauf, aber er steht nicht gegen sie. Immerhin ist GOTT selbst der Schöpfer des menschlichen Verstandes und seiner Einsichtsfähigkeit. Freilich benötigt die Vernunft, die infolge des Sündenfalls geschwächt ist, das Licht des Glaubens.

Es gibt aber auch religiöse Milieus, die keinen Wert auf eine Übereinstimmung von Glaube und Vernunft legen. Hierzu gehören nicht allein die vielkritisierten Sekten, sondern auch Gemeinschaften innerhalb der etablierten christlichen Kirchen, die sich gleichsam ihr eigenes Glaubensnest gebastelt haben und dieses für komplett unfehlbar halten.

Wenn dann auch noch eine umschwärmte Führerfigur  –  von „Gottes Gnaden hocherleuchet“ – vorgibt, den Willen des Allerhöchsten in allen Details zu kennen, sind die aus diesem System erwachsenden Sumpfblüten des geistlichen Missbrauchs nur eine Frage der Zeit.

Das raffinierte Problem bei seelsorglichen Übergriffen besteht darin, daß diese im Namen des Glaubens oder gar des Heiligen Geistes erfolgen und daher für die Betroffenen schwer durchschaubar sind, vor allem dann, wenn sie in diesem spirituellen Umfeld selber „bekehrt“ worden sind oder glauben, dort eine „Geisttaufe“ erhalten zu haben.

Besonders Menschen, die selber existentiell und/oder unsicher sind, die sich evtl. von den Ansprüchen und der „Unübersichtlichkeit“ des modernen Lebens überfordert fühlen, sind ein leichtes Opfer manipulativer Machenschaften.

Hierzu einige Beispiele aus den Erlebnisberichten von Betroffenen, die sich seit Jahrzehnten bei mir melden, da ich mich schon lange kritisch mit esoterischen und schwarmgeistigen Phänomenen befasse.

Natürlich anonymisiere ich die Schilderungen und lasse einige Umstände weg, damit keine Rückschlüsse auf die realen Personen möglich sind:

Missbrauch der SEELENSCHAU:

Eine Frau mittleren Alters ruft an und fragt mich, was ich von dem Wirken einer gewissen Nonne aus dem Bistum Fulda halte, die ein charismatisches Seminarhaus leitet. Ich erkläre ihr, daß ich die Vorgänge seit langem skeptisch sehe und sich etliche Geschädigte bei mir gemeldet hätten. Dadurch ermutigt, erzählt mir die Dame folgendes: Jene Ordensfrau gibt vor, die  „Herzensschau“ zu besitzen (das suggeriert sie tatsächlich auch in ihren beiden Büchern) – und zudem die Gabe der Heilung, das „Wort der Erkenntnis“ usw. – Nun war die Anruferin lange Zeit sehr eingenommen von jener Nonne, doch bei einem ihrer Gebetstage widersprach sie ihr in einer eher unwichtigen Sache in bester Absicht. Was folgte, habe sie aber total verstört: Die deutsch-indische Seminarleiterin gab ihr „im höheren Auftrag“ zu verstehen, die Gottesmutter Maria sei ganz weit von ihr entfernt, sehr enttäuscht und wolle nichts mit ihr zu tun haben.   – Dadurch sei ihre Gebetsverbindung zu Maria jahrelang gestört gewesen, denn sie habe nach wie vor an die „Geistesgaben“ jener Nonne geglaubt. Erst als sie meine kritischen Artikel darüber las, seien ihr ernste Zweifel gekommen. 

Ich sagte der erkennbar immer noch erschütterten Dame, sie möge kein einziges Wort von diesem Unsinn glaube, es handle sich hier um geistlichen Missbrauch bzw. darum, jeden – noch so harmlosen – Ansatz einer Kritik im Keime zu ersticken mit dem Verteufeln von jenen, die sich nicht mehr hundertprozentig auf ihrer Linie befinden. – Mir schien, die Anruferin war getröstet und darin bestärkt, sich von diesem spirituellen Übergriff, der an ihr geschehen war, zu lösen.

Missbrauch der AHNENSCHULD:

Es mag sein, daß unsere Vorfahren vielleicht in Aberglauben, Magie, Zauberei und Spiritismus verstrickt waren. Vielleicht findet der eine von uns ein altes Zauberbuch in Großvaters Hinterlassenschaft, der nächste ein Wahrsage-Pendel beim Großonkel, der dritte hört, daß sich die Uroma von einer „Hellseherin „beraten“ ließ usw. – Nun geht uns dies im Grunde nichts an und man sollte es tunlichst unterlassen, diesbezüglich eine unnötige „Ahnenforschung“ zu betreiben. Schließlich gibt es auch noch ein Gebot Gottes: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, das gilt auch für weitere Vorfahren etc.  – Überdies wissen wir nicht, ob unsere vielleicht schuldig gewordenen Ahnen ihre magischen Irrwege bereut haben, also überlassen wir diese Dinge der Barmherzigkeit Gottes und beten für unsere Verstorbenen (und fertig!).

Nicht so in charismatischen „Heilungs“-Seminaren, die sich der Vorfahrensschuld widmen und die Teilnehmer allen Ernstes auffordern, rituelle „Lossage-Gebete“ zu sprechen, um sich von vermeintlicher „Ahnenschuld“ und deren dämonischer Bindung zu „befreien“. –  In diesem Zusammenhang rief mich vor einigen Jahren ein verzweifelter Ehemann an. Seine Frau war in solch einem Kreis gelandet, seitdem psychisch sehr belastet und sie befand sich gleichsam jenseits der praktischen Vernunft. Ich erklärte dem geplagten Manne, er möge seiner Frau diesen Unfug ausreden, zumal die katholische Kirche die schräge Theorie von einer nötigen „Heilung der Ahnenschuld“ ablehnt. Bald darauf vermittelte ich ihn an einen bodenständigen katholischen Priester in seinem Umfeld, den er mit seiner Frau besuchen könne, wobei ich den  Geistlichen zuvor gefragt hatte. Einige Zeit später erklärte mir der Ehemann, das Treffen mit dem Pfarrer im Ruhestand habe seiner Frau wirksam geholfen und auch ihm selber eine gute Orientierung verschafft.

Missbrauch des EXORZISMUS:

Bevor es in der katholischen Kirche amtlich zu einer Teufelsaustreibung kommt, sind viele Voraussetzungen erforderlich: Die angeblich besessene Person muß erst bei ein Facharzt (Neurologe) und einem Psychiater/Psychologen gewesen sein. Nur dann, wenn diese Experten hinsichtlich einer Diagnose völlig ratlos sind, kommt überhaupt ein Exorzismus infrage. Diesen darf nur ein  erfahrener und besonnener Priester ausüben, der vom Bischof dafür die schriftliche Erlaubnis bekommen hat. – Ganz anders in der charismatischen Szene: Dort gibt es das wohlklingende Zauberwort „Heilung und Befreiung“. Der Quasi-Exorzismus wird – um die kirchlichen Vorgaben zu umgehen – einfach als „Befreiungsgebet“ umschrieben. Doch für die Betroffenen läuft es auf dasselbe hinaus, denn auch bei einer „Befreiung“ von dämonischer Besessenheit oder „Belastungen“ wähnen sie sich buchstäblich in einem verteufelten Zustand – also das schlimmste, was es für gläubige Menschen geben kann.

Eine Frau rief mich an, sie sei von einer charismatischen Gebetsgruppe, in welcher sich eine „Seherin“ befände, als besessen „durchschaut“ worden. Ein männlicher Teufel, dessen Name man ihr nannte, habe sie in ihrer Gewalt. Die verzweifelte Katholikin war völlig aufgelöst, litt unter zahlreichen psychosomatischen Beschwerden und hatte bereits alles (un)mögliche unternommen, um „befreit“ zu werden. Doch der Gang zu charismatischen „Befreiungsheilern“ machte  – natürlich! – alles noch viel schlimmer, denn dadurch wurde sie ja in der irrigen Auffassung bestärkt, sie sei in teuflischer Hand. Ich führte zahlreiche Gespräche mit der Betroffenen, um ihr diese Wahnvorstellung  auszureden, die man ihr regelrecht verbal eingeprügelt hatte. Dabei erklärte ich ihr auch, es gäbe gar keine „männlichen“ Dämonen, da die bösen Geister weder weiblich noch männlich, sondern  – wie die Engel –  eben Geistwesen seien (freilich gefallene Engel). Schon daran könne sie erkennen, daß jenes charismatische „Wort der Erkenntnis“ kompletter Humbug sei. Nach dutzenden Gesprächen  – verbunden mit der von ihr gewünschten Weitervermittlung an nüchterne und besonnene Seelsorger  –  konnte sich dieses Opfer eines fanatischen Gebetskreises wieder freier fühlen.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


3 Kommentare on “Wölfe im frommen Schafspelz: Wie spiritueller Missbrauch funktioniert”

  1. Holger Jahndel sagt:

    Christa Meves – Christa Meves

    https://www.christa-meves.eu/

    Es gibt ein neues Buch von Christa Meves: „Von der Natur zum Geist – Der Mensch im Schöpfungsplan“. Christa Meves will als Quintessenz ihrer Erfahrungen …

    “Ich werde nicht die modische Dummheit begehen, alles, was ich nicht erklären kann, als Schwindel abzutun.”

    C. G. Jung, Psychiater u. Begründer der analytischen Psychologie

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  2. Cornelia Vogt sagt:

    Diese HEILIGTUER haben es SEHR LEICHT, sich dann einzuschleimen.
    Psychologische Taktik.
    Sie WISSEN, WIE sie FRESSEN, ALS WÖLFE IM SCHAFSPELZ.
    Das Märchen von Rotkäppchen zeigt DEREN FALSCHHEIT.
    Märchen kannten FRÜHER Kinder schon.
    DER KERN BLIEB HÄNGEN.
    Und was wird heute vorgelesen?!
    Der Geist ist verarmt durch Handy, schon für KINDER.

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  3. Cornelia Vogt sagt:

    Diese DINGE INSGESAMT….Wen zieht das denn AN.
    Es sind doch schon angeschlagene Personen.
    Kein Mensch SUCHT NACH SOWAS, wenn er ein erfülltes Leben führt.
    Mit guter Gesinnung in sich.
    Angeschlagen sind Leute heute durch Druck in VIELEM.
    Doch anstatt sich dem entgegen zu stellen, versinken sie in Mißmut gegen sich selbst und übertragen DIES AUF ANGEHÖRIGE.
    Es ist der Abstieg VIELER hinein ins Bodenlose.
    Psychiater wären nicht nötig, wenn man so EINIGE GEGEBENHEITEN, DIE HEUTE AN DER TAGESORDNUNG SIND, abwehren würde.
    Und zwar mit WORTEN PERSÖNLICH VORSPRECHEN, ANSPRECHEN.

    Medien bedudeln GERADE labile Menschen.
    Und JA, GOTT gab uns einen Verstand.
    Der jedoch kaum noch EINGESETZT WIRD.
    ZUVIEL AN TECHNIK, DIE DAS DENKEN ERSPART…NUR KLICKEN UND TUN.
    THEMATIK VON B I S…
    Wo mag das enden, steht außer Frage für mich.

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