Abtreibung – politisch korrekte Todesstrafe?

Von Uwe Lay

Gibt es eine politisch korrekte Todesstrafe? – Diese Frage ist leicht zu beantworten: natürlich nicht. Denn sie widerspräche der „Menschenwürde“. Aber was ist denn damit gemeint? 

Käme jedem Menschen diese Würde zu, dann müßte doch die Ermordung eines Menschen ein schwerer Verstoß gegen diese Würde sein und wenn die Strafe der Schwere der Untat angemessen sein muß, damit sie als gerecht beurteilt werden kann, wie ließe dann die Würde des Opfers, des Ermordeten eine andere Strafe als die Todesstrafe zu?

So ist aber diese Würde nicht gemeint. Einseitig wird sich nur auf die Würde des Täters kapriziert, daß es seiner Würde nicht entspricht, für seine Untat so bestraft zu werden.

Schon die Vorstellung der Strafe ist unseren Gutmenschen sehr problematisch: Muß der Täter nicht eher therapiert und resozialisiert werden, als daß er zu bestrafen ist? Denn wer ist schon für sein Tuen voll verantwortlich?

Zudem: Da der Mensch von Natur aus gut sei  –  so lehrt es Rousseau  –  kann seine Neigung zum Bösen nur die Folge einer Fehlentwicklung sein. Typisch für dies Verständnis ist Gerd Theißens Votum: „Es wird nicht mit einem Agressionstrieb gerechnet. Alle Agression ist sozial durch Frustration, organisch durch Angstreaktionen des  Menschen vermittelt“ (vgl. Theißen, Soziologie der Jesusbewegung, 7.Aufage 1997.S.93)

BILD: Titelseite der linken „taz“ (Tageszeitung) aus Berlin mit Arzt-Plädoyers: „Wir machen Schwangerschaftsabbrüche!“

Wie könnte dann noch ein Mörder mit der Todesstrafe bestraft werden? Nein, er ist zu resozialisieren. So besteht die „Menschenwürde“ eigentlich darin, daß jeder Mensch  einen unverlierbar guten Kern in sich trägt, der zwar übertüncht werden kann durch Agressivität, die aber wegtherapiert werden kann. Papst Franziskus hat sich sehr medienwirksam dieser Gutmenschvorstellung angeschlossen, indem er die Todesstrafe verurteilte. Soweit ist alles klar.

Aber was, wenn sich herausstellen sollte, daß diese Todesstrafe-Verneiner zugleich enthusiastische Befürworter der Todesstrafe sind? Das sei unvorstellbar? Mitnichten! Sie bezeichnen nur die Todestrafe nicht als Todesstrafe, sondern als Abtreibung.

Welch ein großes Verbrechen müssen dann die Opfer begangen haben, daß sie legitim getötet werden dürfen? Alle Befürworter dieser Todesstrafe räumen durchaus ein: Gar keines, sie sind völlig unschuldig. Also dürfen Schuldige wie etwa Mörder nicht zum Tode verurteilt werden, sehr wohl aber Unschuldige.

Wie wird nun dies Todesurteil begründet?

Wenn es nach den Feministinnen geht, reicht der einfache Wille der Schwangeren, ihr Kind im Mutterleib vernichten lassen zu wollen, aus, um es legitim zu töten. In Deutschland muß sich die Tötungswillige aber erst noch einer Pflichtberatung unterziehen, damit sie dann straflos ihr Kind töten lassen darf.

BILD: Lebensrechtlerinnen in Münster mit Fotos ungeborener Kinder

Wird dem Kinde im Mutterleibe wie bei jeder anderen  Gerichtsprozeß ein Verteidiger zugebilligt, der das zu Tode verurteilt werden sollende Kind verteidigt, daß er etwa für eine mildere Bestrafung plädieren kann? Nein, kein Verteidiger, kein Richter, der über das Leben des Kindes entscheidet: nur die Mutter, die das eigene Kind zum Tode verurteilt.

In diesem Prozeß ist sie allein Anklägerin, Verteidigerin und Richterin über das Leben ihres Kindes. Sie allein entscheidet, ob ihr Kind getötet werden soll. Nicht einmal eine Prüfung ihrer Beweggründe durch eine externe Instanz ist vorgesehen. Sie allein prüft die Gründe und kann sie dann als hinreichend legitimierend für die Vollstreckung der Todesstrafe beurteilen. 

Dies Prozedere kann selbst bei wohlwollendster Betrachtung nicht mehr in Einklang gebracht werden mit den Normen eines rechtsstaatlichen Prozesses. Aber diese Todestrafe begeistert unsere Gutmenschen, denn das ist für sie ein Menschenrecht, das der Mütter, ihre eigenen Kinder töten zu lassen, solange sie noch im Mutterleib leben. 

So stehen wir vor dem Faktum, daß einerseits von politisch korrekten Gutmenschen die Todesstrafe an Mördern auf das entschiedenste verurteilt, daß aber die Todesstrafe –  vollstreckt an unschuldigen Kindern im Mutterleib  –  begeistert gefeiert wird.   

Unser Autor Uwe C. Lay ist Theologe, Publizist und Konvertit; vor seinem Übertritt in die katholische Kirche war er als evangelischer Vikar tätig.


12 Kommentare on “Abtreibung – politisch korrekte Todesstrafe?”

  1. Herta Hürkey sagt:

    Wie wahr, Herr Uwe Lay! Diese Schizophrenie konnte ich nie verstehen: Kröten, Frösche,
    Igel und Tauben werden GESCHÜTZT, aber menschliche Babys GETÖTET. Desgleichen:
    Gutmenschen sind gegen die Todesstrafe (selbst bei allerschwersten Verbrechen), aber
    unsere unschuldigen Babys werden hingerichtet.—Unsere Logik müßte heißen: So lange
    unschuldige Babys hingerichtet werden, dann doch erst recht Verbrecher.

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  2. Joachim Walter sagt:

    Grüß Dich Dominik, Du wirfst Äpfel und Tomaten zusammen in einen Topf. Wenn im KKK die Todesstrafe mit engen Grenzen so drin steht, dann kann sich keiner hin stellen und sagen: ne geht nicht, noch nicht mal der Papst. Der Todesstrafe-Gedanke war früher, als man noch glaubte, folgendermaßen. Ein überführte oder und geständiger Mörder etc. hat durch seine Tat sein irdisches Leben verwirkt, er kann durch echte Reue, durch die Hl Beichte sein ewiges Leben dennoch erlangen. Da ist für einen Gläubigen diese Strafe ein Gewinn, dem, der glaubt.

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    • Bernhard sagt:

      Gehört es zur katholischen Lehre, dass man sein Lebensrecht verwirken kann? Das wäre mir neu.

      Selbstverständlich soll man seine Taten bereuen (jeder Mensch, nicht nur ein Mörder), dann kann man tatsächlich das ewige Leben erlangen. Warum dann diese Strafe ein „Gewinn“ sein soll, erschließt sich mir nicht.

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  3. Bernhard sagt:

    Mir gefällt dieser Artikel nicht. Denn erstens ist Abtreibung nie eine Strafe, sondern eine Tötung aus „Mitleid“, eine Tötung aus der tiefen Verzweiflung der Mutter heraus, oder im schlimmsten Fall eine Tötung aus Bequemlichkeit, weil die Eltern des Kindes nicht auf etwas verzichten wollen. Das mit der Todesstrafe in Verbindung bringen zu wollen, halte ich zumindest für unangemessen.

    Was mich irritiert und auch schockiert hat ist dieser eine Satz: „wer ist schon für sein Tuen (sic!) voll verantwortlich?“
    Das ist eine rhetorische Frage, die aber ironisch gemeint ist. Die tatsächliche Bedeutung ist: Jeder ist für sein tun voll verantwortlich, aber linke „Gutmenschen“ leugnen das. Und aus dieser Leugnung heraus lehnen Sie die Todesstrafe ab. Da aber tatsächlich jeder Mensch für sein tun voll verantwortlich ist, ist nach Ansicht des Verfassers anscheinend die Todesstrafe gerechtfertigt. Damit macht er es sich m.E. aber zu einfach.

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  4. Bernhard sagt:

    Die Bibel, auch das neue Testament, kennt die Todesstrafe. Und meines Wissens haben sich, als die Todesstrafe in vielen Staaten nach und nach abgeschafft wurde, gerade christliche Gruppen massiv für die Beibehaltung stark gemacht (einen Beleg habe ich auf die Schnelle aber nicht gefunden).

    Auch der Katechismus der katholischen Kirche kennt noch die Todesstrafe, wenn auch nur unter sehr engen umgrenzten Bedingungen.
    Papst Franziskus hat kürzlich die Todesstrafe komplett geächtet, allerdings gibt es meines Erachtens keine Grundlage, auf die er sich berufen könnte.

    Ganz so klar ist die Sache also nicht…

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    • Dominik sagt:

      In den 10 Geboten heißt es ganz klar: Du sollst nicht töten! Das gilt für Abtreibung und auch für die Todesstrafe. Und da braucht man auch nicht drumherum zu reden. Wenn man Todesstrafe moralisch rechtfertigen könnte, dann könnte man auch Abtreibung moralisch rechtfertigen. Kann man aber nicht.

      Und so gilt für alle Menschen: „Du sollst nicht töten!“

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      • Bernhard sagt:

        Genauer gesagt lautet das fünfte Gebot: Du sollst nicht morden! Der Tod als Strafe für Vergehen war im Alten Testament jedoch gang und gäbe, und nicht nur für Kapitalverbrechen, sondern auch für Vergehen, die wir als „gar nicht so schlimm“ betrachten würden.
        Und auch im Neuen Testament ist die Todesstrafe nie kritisiert worden.

        Um nicht missverstanden zu werden: ich bin allgemein gegen die Todesstrafe. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass aus dem fünften Gebot nicht selbstverständlich eine Ächtung der Todesstrafe abgeleitet werden kann.

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  5. Dominik sagt:

    Eigentlich ein guter Artikel. Mir gefällt es nur nicht, dass Ablehner der Todesstrafe als „politisch korrekte Gutmenschen“ bezeichnet werden. Kann man als gläubiger Christ die Todesstrafe überhaupt befürworten? Wenn man mit aller Entschiedenheit gegen die Abtreibung vorgeht, so muss man auch mit aller Entschiedenheit gegen die Todesstrafe vorgehen. Mir will nicht in den Kopf, warum die Ablehnung der Todesstrafe auf einmal „Gutmenschentum“ ist.

    Was ist überhaupt ein Gut(er)mensch? Wenn es das Gegenstück zum Schlecht(en)mensch ist, dann bin ich gerne ein Gutmensch.

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    • Vom Grundsatz her ist der Unterschied einleuchtend: die Abtreibung beendet ein in jeder Hinsicht unschuldiges Leben, ohne dass der betroffene Mensch sich irgendeines Fehlverhaltens schuldig machte – alleine seine physische Existenz stört andere und soll daher vernichtet werden. Die Todesstrafe ist hingegen eine Sanktion der Rechtsgemeinschaft nach einem justizförmigen Verfahren wegen schwerer Verbrechen, begangen durch einen erwachsenen Menschen, der zum Tatzeitpunkt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Wer gegen Abtreibung ist, muß daher nicht zwingend gegen die Anwendung der Todesstrafe sein.
      Soweit zumindest die Theorie…

      In der Realität gibt es begründete Zweifel an der Vertretbarkeit der Todesstrafe, u.a., was die Beweislage betrifft. Auch „absolut klare“ Beweislagen können täuschen, siehe der Fall des sog. „Rotlichtmörders“ in den USA. Abgesehen von Prozessabläufen, die sowieso eher Lynchjustiz gleichen.

      Vor diesem Hintergrund ist auch der Vergleich der Todesstrafe mit der Abtreibung im Artikel einigermaßen sinnfrei, der polemische Ton heizt nur die Leidenschaften an, ohne zur Klärung beizutragen.

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    • Zu Ihrer Kritik am Begriff „Gutmensch“: ich bevorzuge auch eher Orwells Ausdruck der „Gutdenker“ anstatt der „Gutmenschen“. „Gutdenker*nnen“ halten sich für mündig, denken aber nicht selbst, sondern übernehmen blind vorgeformte Sprachschablonen, um eigene „Gedankenverbrechen“ zu vermeiden. Besonnen verzichten sie darauf, sich aus eigener Anschauung ein Bild zu machen und dies zu reflektieren – wie schnell könnte das Mainstream-Zerrbild zusammenbrechen, wie schnell der Gedankenstrom in gefährliche Bereiche kommen. „Engagierte“ Gutdenker*nnen greifen stattdessen auf die vorgestanzten Denkschablonen der Korrektmedien zurück und repetieren „mutig“ das, was alle anderen auch repetieren und ihnen vom sozio-kulturellen Mainstream souffliert wird. Sie wollen in ihrer erträumten Inklusionswelt „jeden mitnehmen“, agieren aber auf medialen Zuruf aggressiv gegen jeden, der andere Auffassungen vertritt – diese dürfen nämlich „keinen Platz“ haben. Sie pilgern mit brennenden Kerzen und Teddybären gemeinsam zu Treffpunkten, wenn medial Heiliggesprochene (ihnen persönlich aber völlig Unbekannte) wie Lady Di gestorben sind und zeigen dort alle Anzeichen einer Massenhysterie, haben aber für Leid von konkreten Menschen in ihrer eigenen Umgebung lediglich ein paar oberflächliche Floskeln, welche sie aus einer Dailysoap aufgeschnappt haben – sie lieben die abstrakte Menschheit, konkrete Leute sind ihnen egal.

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    • bellajosefina sagt:

      Ein guter Artikel zum Thema „Gutmensch“ findet sich hier: https://dushanwegner.com/die-schuld-der-gutmenschen/

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  6. Neumann sagt:

    Ich habe ein Plakat, das sich gegen den Kreuzemarsch positionierte, die Tage an einem Stromverteilerkasten an der Strasse gesehen. Da darf man auch nicht drauf plakatieren. Ich werde mal die Tage weiter auf sowas achten.
    Illegal plakatiert und nachher ist natürlich niemand mehr zuständig und wenn die Demo vorbei ist, hängt die Plakate natürlich keiner mehr ab.

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