Warum Patriotismus ein christlicher Wert ist

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Die Wähler zur Europawahl sind wie nie zuvor unentschieden. In Bayern sagen beispielsweise nach einer Umfrage (vgl. AZ, 10.5.19) nur 24% der Befragten, dass sie zur Wahl gehen und wissen, welche Partei sie wählen werden.

Die traditionelle Stammwählerschaft schrumpft überall. Die Wahlplakate benennen Allerweltsprobleme. Sie sind für die Wahlentscheidung nicht hilfreich. Die Unsicherheit hat auch damit zu tun, dass man den europäischen Institutionen und den Europapolitikern nicht mehr zutraut, die aktuellen Krisen und die ungelösten existentiellen Zukunftsprobleme zu lösen.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Mittlerweile erkennen die Menschen, dass sie von Fehlentwicklungen der Vergangenheit eingeholt werden. So spüren die Kranken, Behinderten und alten Menschen, die Betreuung brauchen, dass Pflegekräfte überall fehlen. Hier machen sich die demographische Entwicklung und die Überalterung der Bevölkerung besonders bemerkbar.

Kein Wunder: Seit 1976 sind nach offiziellen Zahlen mindestens 5,5 Mio. ungeborener Kinder abgetrieben worden. Nach anderen Quellen sind es über 10 Mio..

Zwei Professoren, nämlich Paul Collier (Sozialer Kapitalismus! – Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft) und Jahn Zielonka (Konterrevolution – Der Rückzug des liberalen Europa) analysieren ungelöste existentielle Zukunftsfragen und ihre Ursachen (vgl. AZ, 10.5.19).

Sie weisen auf die „sozialen Spannungen durch wachsende Ungleichheit, die nationalen Erhebungen gegen offene Grenzen, den Rückfall auf sozialistische Ideen zur Regelung der Wirtschaft“, hin. Diese seien „Symptome einer ungelösten äußeren und inneren Verfasstheit“. Es gehe um Grundsätzliches:

Der Liberalismus der „offenen Gesellschaft“ wende sich gegen sich selbst. „Die Liberalen in Politik, Kultur und Journalismus“ hätten sich in einer „selbstgefälligen liberalen Oligarchie“ eingerichtet, würden „die Bürger bevormunden und im Namen einer höheren Moral mit dem Öffnen der äußeren Grenzen den inneren Zusammenhalt und die Bedeutung von Heimat und Identität beschädigen“. Diese Diskussionen werden europaweit geführt.

Die instabile innere Verfasstheit artikuliert sich auch im Dauerthema „Überfremdung“ durch Massenzuwanderung aus anderen Kulturkreisen mit einem anderen religiösen Hintergrund.

Papst Franziskus wurde am 6. April 2019 im Kolleg San Marcos in Mailand bei einem Treffen mit den Lehrkräften mit dieser Problematik konfrontiert.

Papst Franziskus kritisiert den Verlust des Patriotismus

Auf die Frage, wie man an die Studenten Werte, die in der christlichen Kultur verwurzelt sind weitergeben könne, sagte Franziskus:

„Der Schlüsselbegriff ist Verwurzelung. Die Verwurzelung braucht Festigkeit. Das ist der Boden mit den Wurzeln in der Erde. Die Jungen sind ohne Festigkeit. Sie sind entwurzelt. ‚Das Fließende‘ entsteht, wenn jemand seine Identität nicht finden kann, d.h. seine Wurzeln nicht entdeckt, weil er ohne Erinnerung an seine Geschichte, die Geschichte seines Volkes, die Geschichte des Christentums nicht weit gehen kann. Das sind die Werte.

Das bedeutet nicht, dass man sich in der Gegenwart und in der Vergangenheit aus Angst einsperren soll. Die Jugend soll zu den Wurzeln zurückkehren und mit den Wurzeln wachsen. Deswegen rate ich, mit den Alten zu sprechen. Sie sind das Gedächtnis des Volkes, der Familie, der Geschichte.

Aber die heutige mittlere Generation ist nicht mehr in der Lage, die Wurzeln weiterzugeben.

Eine zweite Sache ist die eigene Identität. Wir können keine Kultur des Dialogs pflegen, wenn wir keine Identität haben. Es ist wichtig, identitätsbewusst zu sein und zu wissen, wer ich bin und was mich von den Anderen trennt. Man muss seine Identität, seine Geschichte und seine Zugehörigkeit zu einem Volk kennen.

Wir sind in eine Familie, in ein Volk hineingeboren. Ich möchte das Fehlen von Patriotismus kritisieren. Der Patriotismus ist die Zugehörigkeit zu einem Land, zu einer Geschichte und einer Kultur. Identität bedeutet Zugehörigkeit“. (L‘Osservatore Romano, Nr. 15, 14. April 2019, spanische Ausgabe)

Papst Franziskus fordert also Patriotismus, etwas, was heute im Zeichen der Globalisierung als „überholt“ verpönt oder gar als „nationalistisch“ diskreditiert wird.

Die Kritiker verkennen, dass die Menschen gerade in europa- und weltweiten Zusammenschlüssen die vertraute und überschaubare Nähe brauchen, die ihnen ein Mindestmaß an Geborgenheit und Sicherheit gibt.

Die Bürger wollen wissen, wofür sie noch zuständig und eigenverantwortlich sind. Die Menschen ahnen, dass sie, dort wo die Letztverantwortung nicht mehr gegeben ist, Gefahren ausgesetzt sind.

Der fehlende Gottesbezug in der Europäischen Verfassung hätte eine Bremse gegen eine übermächtige und nicht mehr überschaubare Bürokratie sein können.

Drei Grundsätze: Lebensschutz – Ehe/Familie – Elternrecht

Benedikt XVI. hat drei Prinzipien konzipiert, die für die Kirche „nicht verhandelbar sind“. Sie bilden auch die Richtschnur im Bereich des politischen und öffentlichen Lebens. Das sind:

  • Schutz des Lebens in all seinen Formen vom Anfang bis zum Ende
  • Anerkennung und Förderung der natürlichen Struktur von Ehe und Familie
  • Schutz des Primärrechtes der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder.

Die christlichen Wähler sehen sich vor der Europawahl ratlos um, welche Parteien diese Prinzipien garantieren.

Papst Franziskus äußerte in Mailand „Identität bedeutet Zugehörigkeit zu einem Land, zur eigenen Geschichte und Kultur“.

Es gibt in Europa Länder, die sich mit dieser Zugehörigkeit weniger schwer tun als die Deutschen. Die polnische Bischofskonferenz hat beispielsweise 2017 erklärt: „Der Patriotismus ist eine Verpflichtung und verbindet uns mit dem vierten Gebot.“

Der polnische Papst Johannes Paul II. äußerte: „Für einen Christen bleibt der Dienst für das irdische Vaterland – ähnlich der Liebe zur eigenen Familie – Pflicht.

Diese Aussagen haben eine gute Grundlage: Thomas von Aquin, einer der größten Kirchenlehrer spricht von einem notwendig abgestuften Liebesgebot, da wir nicht alles und alle in gleicher Weise lieben können. Für Thomas steht „Gott an der Spitze. In zweiter Linie kommen die Eltern und das Vaterland, von denen wir erzeugt und genährt worden sind.“

Auch im Nachbarland Frankreich gibt es Persönlichkeiten, die zum Patriotismus stehen, so Pierre de Villiers. Er ist der ehemalige Generalsstabschef Frankreichs.

De Villiers ist im Juli 2017 wegen Macron zurückgetreten. Er sagt ungeniert, was er für richtig hält. Die Einheit und die Hoffnung seiner Landsleute sind ihm „angesichts der Brüche, des Zerfalls der Gesellschaft und des wachsenden Egozentrismus“ besonders wichtig.

Die Hoffnung speist sich „aus dem Vertrauen in den Menschen und seine Fähigkeiten und Werte. De Villiers gehört zur „stillen Reserve Frankreichs“ (so Jürgen Liminski). Der Wahlspruch des Ex-Generals „Meine Seele für Gott, mein Leib für das Vaterland, mein Herz für die Familie“ ist ein Programm, das Vertrauen einflößt  –  über Frankreich hinaus.


8 Kommentare on “Warum Patriotismus ein christlicher Wert ist”

  1. Anonymous sagt:

    Ob Patriotismus ein „christlicher Wert“ ist, bemisst sich ja nicht nach den wetterwendischen Äußerungen dieses Papstes. Vielmehr bemisst sich das nach dem Evangelium von Jesus Christus. Und dort steht nicht nur kein Wort zu diesem angeblichen „christlichen Wert“.

    Sondern es wird im Gegenteil ganz klar kommuniziert, dass menschliche Herkunft wenn überhaupt, dann nur eine temporäre zeitliche Bedeutung hat. In Christus sind solche „Identitäten“ aufgehoben und ersetzt durch die Identität, die man als neue Kreatur hat, wenn man vom Geist Gottes wiedergeboren wurde: Es ist die individuelle Identität als Kind Gottes und die korporale Identität als Teil des Leibes Christi, der aus Menschen aus allen Nationen und Ethnien besteht.

    Patriotismus ist übrigens auch dem Katholizismus in Wahrheit fremd. Dort zählt nur, ob man durch die Taufe Katholik/in ist.

    Christen sind selbstverständlich aufgerufen, das Beste zu suchen dort, wo sie hineingestellt und hineingeboren wurden, was freilich einen Ruf in eine andere Nation und das Einstehen für diese nicht ausschließt. Sie tun dies aber als „Botschafter an Christi Statt“. Und wie jeder Botschafter repräsentieren sie ihr „Land“ und das ist in diesem Fall das supranationale Reich Gottes. Sie sind gerade nicht von der Welt, aber in die Welt gesandt, um dieses reich und seinen König zu verkündigen.

    Gerade deshalb werden Christen nie die Belange der Nation oder Ethnie aus der sie menschlich stammen in Abgrenzung oder gar Abwehr zu Menschen aus anderen Nationen oder Ethnien verteidigen wie das die Rechtspopulisten allerorten wollen.

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  2. Christopherus sagt:

    Die ÖDP-Mitgliederzeitschrift hatte keine Bedenken, vor ein paar Jahren eine Werbung für ein Abtreibungsschiff zu plazieren. Meine Frau verließ daraufhin umgehend diese heuchlerische Partei!

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  3. Jürg Rückert sagt:

    Franziskus ist ein gewiefter Taktiker, der viele Dialekte beherrscht. Seine Linie ist eine ganz andere. Er spricht von einer europäischen Mestizenkultur und völlig offenen Grenzen. Für Patriotismus ist da kein Platz.
    Im Stuhlkreis von Assisi erscheint sogar eine Homogenisierung der Religionen am Horizont.
    Frans Timmermans, EU-Vize, sprach Klartext (16.05.19) in diese Richtung:

    Zuwanderer sollen veranlasst werden, auch die entferntesten Plätze des Planeten zu erreichen, um sicherzustellen, dass nirgends mehr homogene Gesellschaften bestehen bleiben. Die Zukunft der Menschheit beruhe nicht länger auf einzelnen Nationen oder Kulturen, sondern auf einer vermischten Superkultur (sprich Babylon). Folglich müssten „multikulturelle Diversität“ bei jeder einzelnen Nation weltweit beschleunigt und „monokulturelle Staaten“ AUSRADIERT (wessen Sprache ist das?) werden. Timmermans forderte klar und deutlich, den Europäern ihre nationale Souveränität und den „lästigen prähistorischen Nationalstaat auszutreiben“.
    (Quelle: Compact vom 18.05.19)
    Trotz (!) Christ-Kirchen und Christ-Demokraten hat Europa eine Zukunft, aber nur Gott allein rettet.

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  4. Bernhard sagt:

    Vielem, was Herr Gindert schreibt, kann ich zustimmen. Dennoch habe ich einige kritische Anmerkungen und Anfragen:

    – Der Begriff „Patriotismus“ ist nicht geschützt. Wer ist ein Patriot? Der, der seine Fußballmannschaft unterstützt? Der jenige, Der die großartige deutsche Geschichte verherrlicht sehen will und die Naziherrschaft mit 6 Millionen toten Juden und noch viel mehr weiteren Toten lediglich als „Vogelschiss“ sieht? Derjenige, der die deutschen Ostgebiete wieder zurückfordert?

    – Der Mensch ist verpflichtet, seine Eltern zu ehren, und weitergehend seine ganzen Vorfahren und seine ganze Verwandtschaft. Das „Volk“ als Verwandtschaftsgemeinschaft, ist aber ein Märchen.
    Deswegen weiß ich nicht, ob das 4. Gebot hier wirklich anwendbar ist.
    Noch schwammiger wird es bei dem Begriff der Nation. Für wen muss zum Beispiel ein Katalane oder ein katholischer Nord-Ire patriotisch sein? Für den Staat, dem er durch Zufall zugeschlagen wurde, oder für das Volk, dem er sich zugehörig fühlt?

    – die Folgen eines übersteigerten „Patriotismus“ konnte man ja gut in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert sehen, mit den beiden Weltkriegen.

    – Das ausgerechnet Thomas von Aqui ihn so etwas schreibt, wundert mich. Denn gerade zu seiner Zeit gab es den Kaiser, der Herr über die ganze Christenheit war (oder zumindest über die westliche Christenheit), und es gab Adlige mit ihren jeweiligen Gebieten. Und diese Gebiete konnten sie verkaufen, vererben, durch Eroberung gewinnen oder verlieren etc. Die Leute, die darauf wohnten, hatten da nichts zu sagen.

    – Mir scheint, Bischofskonferenzen reden gern der jeweiligen Regierung nach dem Mund. Besonders gut sieht man das bei der Deutschen Bischofskonferenz, aber die ungarische schmiegt sich auch gerne an Victor Orban an. Und da würde es mich wundern, wenn es bei der poönischen anders wäre.

    – heute im Zeitalter der Migration ist es sowieso schwierig, ein genaues Vaterland auszumachen. Ich kann einmal von mir selbst ausgehen: mein Vater ist Niederländer, meine Mutter kommt aus dem Allgäu, aufgewachsen bin ich auf der Schwäbischen Alb, und jetzt wohne ich in Nordrhein-Westfalen. Wofür soll ich dann „patriotisch“ sein?
    Bei meinen Kindern kommt dann noch eine Abstammung aus Fernost dazu. Für wen sollen die dann patriotisch sein?

    Die Bibel hält sich zu diesem Thema auch erstaunlich zurück. Jesus äußerte sich gar nicht dazu, der Apostel Paulus hat eher eine defensive Haltung. Für ihn war wichtig, dass der Staat, in dem man lebt, grundsätzlich akzeptiert wird. Von aktive Unterstützung, sagte er aber nichts. Und innerhalb der christlichen Gemeinde sollte die Herkunft sowieso keine Rolle spielen.
    Im Alten Testament war Gott natürlich der Bundesgott und damit der Nationalgott des Volkes und Königtums Israel. Als das Volk Israel aber nach Babylon verschleppt worden war, wurde es aufgefordert, sich aktiv am Leben Babylons zu beteiligen und sogar für sein Wohl zu beten. Vgl. auch Jer 29, 5-7. Von patriotischer Eigenbrödlerei oder Angrenzung ist da nicht die Rede.

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    • Anonymous sagt:

      Ihre Überlegungen zum Begriff „Patriotismus“ teile ich. Das Problem mit den rechtsgerichteten „Patrioten“ besteht nämlich darin, dass diese mir vorschreiben wollen, wie ich „patriotisch“ zu sein habe. Nein, danke, davon will ich aber nichts wissen.

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  5. Dorrotee sagt:

    Papst Franziskus redet von Patriotismus. Wieso bloß? Er selbst ist derjenigen, der alle möglichen Migranten und Flüchtlinge in Europa hineinlassen will. Er hat sogar Verständnis für Wirtschaftsflüchtlinge und Klimaflüchtlinge.
    Was ist das bloß für ein Papst? EInfach politisch ungebildet. Wenn ein Kontinent wie Europa so mit fremden Kulturen geflutet wird, liegt es nahe, die Identität zu verlieren, denn die Einheimischen werden geschwächt.

    Nur in einer Sache ist er wohl konsequent. In der Sache gegen Abtreibung.

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    • Anonymous sagt:

      „Er hat sogar Verständnis für Wirtschaftsflüchtlinge und Klimaflüchtlinge.“

      Ja, und was genau ist daran falsch? Versetzen Sie sich doch einfach mal in die Lage von Menschen, die dort, woher sie kommen, nicht mehr überleben können und keine Perspektive haben. Haben Sie dann immer noch kein „Verständnis“ dafür, dass solche Menschen woanders ihr Glück versuchen wollen?

      Wissen Sie, was die diversen Auswanderungswellen von Europa nach Amerika verursacht hatte? Oft war das nichts als nackte Not im Kampf um das Überleben.

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  6. Holger Jahndel sagt:

    Ich selbst bin Mitglied der Ökologisch Demokratischen Partei ÖDP! http://www.oedp.de

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