Wenn Askese den Hochmut begünstigt: Man kann auch „nach unten“ fasten

Fastendünkel bei Pharisäern, Sekten und Erscheinungen

In der überlieferten, traditionellen Messe wurde am heutigen Sonntag das Evangelium vom selbstverliebten Pharisäer und dem reumütigen Zöllner im Tempel vorgelesen.

Der von sich selbst überzeugte Gesetzeslehrer listet beim Gebet seine religiösen Leistungen und Werke auf und dankt dem Allmächtigen, daß er nicht so sei wie „die anderen“. Zu den guten Taten des Pharisäers gehörte es auch, „zweimal pro Woche zu fasten“, wie das Lukasevangelium erzählt.

Das war im damaligen Volk Israel durchaus eine „stramme Leistung“, eine besondere Askese (Verzichtsübung, „Abtötung“), denn die Juden sind nur verpflichtet, anläßlich einiger hoher Festtage zu fasten, vor allem am Versöhnungstag, dem höchsten Feiertag.

Folglich haben die Pharisäer weitaus mehr gefastet, als es „das Gesetz verlangt“ – und genau dies erfüllte den frommen Schriftgelehrten im Tempel mit Stolz.

Dieses Beispiel hat Christus seinen damaligen Zuhörern nicht ohne Grund warnend vor Augen gestellt.

Dabei geht es gewiß nicht um eine grundsätzliche Kritik an einem freiwilligen Fasten, das über die „geforderte Norm“ hinausgeht. Vielmehr werden wir ermahnt, uns nicht in einen religiösen Leistungswahn zu versteigen, der zu einer unterschwelligen Verbitterung führen kann – und dazu, daß unsere asketischen Bemühungen im Hochmut enden.

Damit würde man letztlich nicht „nach oben“ fasten, sondern gleichsam „nach unten“…

Die katholische Kirche hat durch ihre gemäßigte Haltung zum Fasten stets jedem Fanatismus und aller Verstiegenheit vorbeugen wollen. Es gibt nur zwei „gebotene“ (verpflichtende) Fasttage im ganzen Jahr, nämlich Aschermittwoch und Karfreitag (aber nicht bei „Wasser und Brot“).

Das kirchliche Freitagsgebot (lediglich kein Fleisch essen bzw. sonst ein Opfer bringen) ist kein eigentliches Fasten im strengen Sinn.

Es fällt auf, daß verschiedene häretische Gruppen und Sekten sowie Schwarmgeister im Laufe der Kirchengeschichte häufig besonders striktes Fasten und sonstige asketische Übungen verlangten, man denke z.B. an die Montanisten, Donatisten, Katharer, Geißler, „Inspirierte“, Skopzen (in Rußland) etc.

Wichtiger als eine ausgeprägte Askese sind aber gute Werke, Einhaltung der göttlichen Gebote, Taten der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, wie der Prophet Jesaja im Alten Testament betont: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, die Versklavten freilassen, jedes Joch zerbrechen.“ (Jes. 58,6)

MEDJUGORJE und das Fasten bei Wasser und Brot

Einen seltsam asketischen Schwerpunkt setzen auch manche Erscheinungen wie etwa Medjugorje. Dort wurde von Anfang an eine merkwürdige Überbetonung des Fastens proklamiert.

Hierbei fordert die „Marienerscheinung“ am Mittwoch und Freitag zu einem „strengen Fasten“ bei Wasser und Brot auf (vgl. z.B. die „Botschaft“ vom 14.8.1984) – also auch zweimal pro Woche (wie einst die Pharisäer).

Dieser Punkt gehört zu den „fünf Steinen“ bzw. Hauptbotschaften von Medjugorje. So heißt es z.B. bei „Totus tuus“ (einer Medjugorje-Jugendbewegung) wörtlich unter dem Titel „Die Botschaften“:

In ihren Botschaften ruft sie uns auf,…mittwochs und freitags bei Brot und Wasser zu fasten. (Quelle: http://www.totus-tuus.de/site/medjugorje/die-botschaften-von-medjugorje/)

Einer Medjugorje-Seherin der „2. Generation“ namens Helena sagte die vermeintliche Madonna: „Ich will, daß ihr zweimal in der Woche bei Wasser und Brot fastet.“  (Quelle: Pater Vlasic in „Téqui“, S. 25).

Selbst eingefleischte Fans bringt diese Anforderung bisweilen um ihre Arbeitsfähigkeit und gute Laune.

So weiß Pfarrer Dirk Grothues zu berichten: „Ich selber habe vor einigen Jahren versucht, mittwochs und freitags bei Brot und Wasser zu fasten. Es ist mir erbärmlich bekommen. Mir wurde schlecht und ich konnte meine Arbeit nicht mehr tun.“ (Aus dem Buch Der Himmel fängt schon an, Oros-Verlag, S. 104)

Ähnlich schreibt Pater Andreas Hönisch, Gründer der „Kath. Pfadfinderschaft Europas“ (er war erst Anhänger, später ein Kritiker von Medjugorje):

„Es war in dieser Anfangszeit von Medjugorje, dass ich auch begann, zweimal in der Woche bei Wasser und Brot zu fasten. Ich mußte diese Praxis nach einiger Zeit aufgeben, weil ich es gesundheitlich nicht mehr schaffte.“  (Quelle: https://charismatismus.wordpress.com/2011/07/07/medjugorje-mein-eigener-weg/)

In unserem Christoferuswerk hatten wir in den 90er Jahren eine Medjugorje-Neubekehrte als Praktikantin. Die fromme Frau klebte nicht nur gerne die neuesten „Botschaften des Himmels“ an alle möglichen Wände, Schränke und sonstigen Ecken unseres Hauses, sondern hielt sich auch strikt an ihr Fasten am Mittwoch und Freitag bei Wasser und Brot. Allerdings war ihre Stimmung an diesen Tagen verständlicherweise nicht die beste.

Mehrfach erlebte ich zudem am nächsten Tag, wie sie mir vormittags den halben Kühlschrank leergegessen hatte, so daß ich – als ich gerade mit dem Kochen beginnen wollte – erst einmal einkaufen mußte, weil die Fleischportionen „verschwunden“ waren.

Ob das wohl ein sinnvolles Fasten ist?

Wenigstens hat die Praktikantin aber die anderen Mitarbeiter mit ihrem Fasten-Spleen in Ruhe gelassen.

Das kann auch anders ausgehen, wie mir eine Leserin des CHRISTLICHEN FORUM vor einiger Zeit anschaulich geschildert hat:

Sie durfte bei einer Freundin eine an sich recht schöne Ferienzeit auf dem Lande verbringen – soweit prima. Allerdings handelte es sich bei der Gastgeberin um eine überzeugte Medjugorje-Anhängerin. Die Folge: Am Mittwoch und Freitag war Schmalhans Küchenmeister und unserer Leserin wurde der Urlaub dadurch schon ein bißchen versalzen.

Noch ganz anders wurde ihr zumute, als die Freundin an einem Fastentag ihre Autofahrt abrupt beenden und an den Straßenrand ausweichen mußte, weil sie vor Schwäche nicht mehr weiterkam.

Wer also mehr fastet, als die Kirche verlangt, kann dies gerne tun, doch sollte er andere Gläubige damit nicht behelligen oder ungebeten „mitfasten“ lassen. Zudem muß sich jeder Asket vor (un)geistlichem Hochmut hüten: er darf sich nicht einbilden, deshalb „besser“ zu sein als die anderen Katholiken.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


10 Kommentare on “Wenn Askese den Hochmut begünstigt: Man kann auch „nach unten“ fasten”

  1. Holger Jahndel sagt:

    Der Angriff auf die Wahrheit – über die charismatische Bewegung

    http://dir.sermon-online.com/german/GeorgWalter/Der_Angriff_Auf_Die_Wahrheit_2009.pdf

    Heiliger Geist

    http://www.hier-luebeck.de/kultur-wissenschaft/glaubhaft/der-heilige-geist-biblische-lehre-nach-veroffentlichungen-von/

    Der Heilige Geist – Biblische Lehre
    nach Veröffentlichung von Jakob Zopfi, Reinhold Ulonska, Rolf Wiesenhütter u.a.

    Bearbeitet und ergänzt für die Christengemeinschaft Fehmarn e.V.

    Einleitung: Eine Geschichte, erzählt von Reinhold Ulonska!

    http://www.hier-luebeck.de/category/kultur-wissenschaft/glaubhaft

    Leben wir in der Zeit der kräftigen Irrtümer? Autor: Heinemann, Karl

    http://www.hier-luebeck.de/kultur-wissenschaft/glaubhaft/leben-wir-in-der-zeit-der-kraftigen-irrtumer/

    Über das Prüfen und das Gute in der jüdischen und der christlichen Tradition Klaus Wengst

    http://www.hier-luebeck.de/kultur-wissenschaft/glaubhaft/prufet-alles-das-gute-behaltet/

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  2. Holger Jahndel sagt:

    8. SEPTEMBER 2014 Der Wahnsinn des Calvinismus

    http://hauszellengemeinde.de/category/haeresie/calvinismus/

    8. SEPTEMBER 2014 VON MARC MONTE Der Wahnsinn des Calvinismus

    http://hauszellengemeinde.de/der-wahnsinn-des-calvinismus/

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  3. Holger Jahndel sagt:

    17. MAI 2015 VON NORBERT HOMUTH Haben die Geistesgaben tatsächlich aufgehört? Haben die Geistesgaben tatsächlich aufgehört, wie manche frech behaupten? Nein, natürlich nicht; denn Markus 16.17.18 zeigt uns, dass die Gaben allen Gläubigen verheißen sind, und GOTTES Zusagen sind ja und amen und zeitlos gültig:

    http://hauszellengemeinde.de/geistesgaben/

    22. APRIL 2015 VON NORBERT HOMUTH Geistesgaben? Ja! Pfingstbewegung? Nein, danke!

    http://hauszellengemeinde.de/pfingstbewegung-nein-danke/

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  4. Holger Jahndel sagt:

    Martin Luther kritisierte eben genau diese Art falscher Askese und mönchischen Hochmuts (ein falsche geistiger spiritueller Stolz, auch dies kann eine Verführung des Satans sein! Siehe etwa die (meisten) Gnostiker und Manichäer in ihrer totalen Ablehnung und Verneinung der materiellen-körperlichen Welt und des Körpers und Fleisches und der Sexualität und Ehe!).
    Andererseits verfielen viele Protestanten (speziell die Calvinisten und auch in geringerem Maße die Zwinglianer, wobei Zwingli zwar Philosophie als potentielle gute Grundlage studiert hatte, aber leider nur ein einziges Semester Theologie, was sich dann leider bemerkbar machte, heutztage auch die sogenannten „Zeugen Jehovas“ usw.) dann leider in das andere Extrem: Die Alttestamentarisierung und Re-Judaisierung, kurz gesagt sie verfielen dem Extrem des Rückfalls unter den alten mosaischen Bund nach Moses mit dem vollen alten strengen und harten – und an sich durch den Neuen Bund nach Jesus Christus abgelösten und ersetzten mosaischen Gesetzes. Und damit fielen sie aus der Gnade und spirituellen Führung des neuen Bundes nach Jesus Christus heraus, denn „so wie du richtest, so wirst du gerichtet werden“ und „so wie ihr zuteilt, so wird euch zugemessen werden“.
    Erwähnenswert wäre noch, dass auch der Heilige Augustinus – bevor er Christ wurde – der Religion der Manichäer angehörte, welche wie auch die meisten Gnostiker eine dualistische Sichtweise von Geist und materieller Welt (und Körper) als einander gänzlich entgegengesetzt vertraten. Und meiner Ansicht hat ihn dies in seinem Denken und seiner Denkweise mindestens auf einer unterbewussten Ebene auch geprägt bzw. dualistisch mitgeprägt. Und deswegen hielt er auch die seelisch-psychische (astralisch-mentalisch) Ebene für nicht existent und bloß angeblich „eine Erfindung der Pelagianer“, wie er dachte.
    Doch diese dualistische Denkweise ist eben streng genommen nicht biblisch, sondern unbiblisch und daher auch unchristlich.

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  5. piomolaioni sagt:

    Für diesen vollkommen einsichtigen und klaren Artikel möchte ich mich bei Frau Küble herzlich. bedanken.

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  6. Herta Hürkey sagt:

    Wie man Brotessen als FASTEN bezeichnen kann, bleibt mir ein Rätsel. Normaler-
    weise bezeichnet man Nichtessen als Fasten. Man trinkt höchstens Wasser. Dadurch
    wird man GEHEILT.—-Ein bester Film auf ARTE „Fasten und Heilen“ (aus Rußland).

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    • Guten Tag,
      völliger Verzicht auf Nahrung ist kein Fasten, sondern ein Hungern.
      Die katholische Kirche versteht unter Fasten (betr. Fasttage Aschermittwoch und Karfreitag) eine einzige Hauptmahlzeit und zwei kleine Imbisse – und Trinken nach Belieben.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • Herta Hürkey sagt:

        Bei meinem Fasten ging´s mir höchstens die ersten 2 – 3 Tage nicht gut. Nachher VERGISST man regelrecht das Essen, man „hungert“ also NICHT. Ich habe so vor 7 Jahren meinen Krebs geheilt.—Mir würde ÜBEL werden, wenn ich ganztags oder länger von trockenem BROT leben müßte.–Jesus in der Wüste hatte zu 100% KEIN Brot zur Verfügung! Viele Menschen machen das Wasserfasten sogar GANZ ALLEIN zu Hause. Natürlich sollte man genügend darüber gelesen haben wegen eventuell auftretender Unpäßlichkeiten.—Ohne beruflichen Stress in den Ferien.
        Wichtig: Wasser OHNE Kohlensäure!

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  7. Dorrotee sagt:

    Genauso ist ist es. Es reichen die Vorgaben zum Fasten aus, die die Kirche vorschreibt.
    Besonders arbeitende Menschen sollten sich hüten vor diesem Fasten bei Wasser und Brot.

    Ich selbst habe das auch eine Zeitlang gemacht. Am Donnerstag hatte ich immer solch einen Hunger und habe mich verhalten wie Fr. Kübles Praktikantin. Am Freitag wurde es richtig schwierig, zu fasten. Inzwischen stehe ich dem ganzen Medjugorje-Geschehen sehr kritisch gegenüber.
    Leider meinen viele, durch das Fasten an den beiden Tagen tatsächlich die „besseren Christen“ zu sein.

    Ich kann nur noch als bemerkenswert an diesem Ort finden, dass viele Menschen sich dort die Zeit nehmen und zur Beichte gehen.

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