Kleinkinder: Wie die Sehnsucht nach Nahrung und Liebe zusammenhängt

Von Christa Meves

Das ist erstaunlich: Im Straßenbild ließen sich früher eher selten ungewöhnliche Körperformen entdecken, heute treten manche in geballter Quantität auf – so z. B. die allzu starke Vollleiblichkeit einer erheblichen Zahl von Passanten. Und zwar nicht mehr allein bei den Älteren wie einst. Heute sind das nun auch eine zunehmende Schar ausgesprochen pummeliger Kinder im Grundschulalter.

Das entspricht nicht der natürlichen Norm. Diese schreibt nämlich Kindern in unserer Region – spätestens ab der Siebenjährigkeit – als Wachstumsgesetz einen Wachstumsschub vor. Dieser lässt sie nun auch die Reste des „Babyspecks“ aus dem Kleinkindalter einbüßen. Es lässt sich wahrnehmen, wie sich die Kinder altersentsprechend in die Länge strecken, die Buben voran.

Aber heute bleiben diese Vorgänge bei immer mehr Grundschulkindern aus. Diese auch statistisch erfasste, sich immer mehr steigernde Neuheit musste natürlich Entwicklungsforscher anregen, und so sind in unserem neuen Jahrhundert international eine Reihe von Spezialeinrichtungen aus dem Boden geschossen.

Aber oft bleiben die Ergebnisse spärlich. Viel Rückfälligkeit nach Ernährungsumstellungen und Nahrungseinschränkungen ist zu konstatieren.

Und im Einzelnen kann man eine erstaunliche Beobachtung machen: Diese Schar der übergewichtigen Kinder macht bei den Vorschlägen der Therapeuten zwar in konzentrierter Eifrigkeit mit. Aber die Waage bleibt in unbefriedigenden Zahlen stehen oder sie schwingt nach einem Kurzerfolg rasch wieder in die alte Höhe zurück. #

Das lässt immer neu als Endergebnis die schlichte Vorstellung vom „guten Futterverwerter“ als einen hauptsächlichen Verursacher lebendig bleiben. Aber in den meisten Fällen weist das auf eine unzureichende Diagnose hin.

Doch was ist es dann?

Ich habe im Hinblick auf diese Fragestellung in meiner langen Praxiszeit die Erfahrung gemacht, dass in solchen Fällen der Einblick in die kleine Seele noch nicht in der Tiefe gelungen ist. Bei all der Bereitschaft dieser Kinder, brav zu sein, ist ein zentraler Seelenteil dennoch verschlossen geblieben, ja, er wird unbewusst unter einer Zugehörigkeit fest versteckt gehalten: Bei diesen in die Therapie geschickten Kindern ist zunächst unbewusst ein streng gehütetes Geheimnis vorhanden.

Fast ohne Ausnahme konnte ich bei adipösen Kindern durch ein kleines Experiment folgende Erfahrung machen:

Ich platzierte auf unserem Spieltisch eine Schale mit Schokoladenplätzchen mit den hübschen bunten Perlchen obendrauf. Wie nebenbei bot ich davon an. Fast alle übergewichtigen Kinder dieses Alters schüttelten dann bedauernd den Kopf. Nachdem ich den Raum aber einige Zeit später verlassen hatte, ließ sich bemerken (und nach der Stunde auch nachzählen), dass einige Plätzchen verschwunden waren.

Hier offenbart sich ein Schlüssel zum Verstehen: Das Kind versucht zwar (mit dem Bedürfnis nach Anerkennung), sich den Mahnungen der Umwelt: „Friss doch nicht so viel!“ anzupassen, aber in der Tiefe seiner Seele hockt ein unbezwingbarer Drang, zuzugreifen. Und der steigert sich sogar zusätzlich, je mehr er frontal abzuwürgen versucht wird.

Auf diese Weise kann er sich bis zum Drang, heimlich zu mopsen, verstärken, ja, sich im übelsten Fall sogar bis zum Diebstahl aller Art, besonders von Geld aus Mutters Portemonnaie und in seltenen Fällen sogar zu einer allgemeinen Stehlsucht (Kleptomanie) ausweiten.

Dieser Zusammenhang wird von der Umwelt, von welcher Art diese auch sein mag, aber kaum einmal verstanden. Deshalb ist der Kampf zum Scheitern verdammt.

Die Ursache liegt tiefer – bereits im Säuglingsalter.

Hier dominiert zunächst das unbewusste Bedürfnis, sich durch Nahrung am Leben zu erhalten. Aber hier gibt es nun in unserer Zeit reichliche Fehlerquellen gegen eine urnatürliche Handhabung. Durch unnatürliche Künstlichkeiten kann hier leicht ein Mangel beim Säugling entstehen (z. B. durch Schreienlassen bis zur Erschöpfung des Kindes, ungeordnetes Füttern, z. B. in allzu starren Zeitabständen).

Dazu gehört aber nun – fest vernietet mit dem Nahrungstrieb – auch das Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Schutz durch die pflegende Person. Das ist selbst in der Kinderheilkunde heute häufig noch unbekannt. Durch den seelischen Mangel (z. B. durch Trennungen vielfältigster Art und ein unstetes Leben) verstärkt sich dann also der Drang nach Befriedigung.

Je älter das Kind wird, zeigt sich das auch in einem Bedürfnis, sich selbst einem Gegenüber zuwendend zu verhalten. Deshalb sind Kinder mit Übergewicht häufig besonders liebenswert, anhänglich. Manche kleben im Schulalter noch wie Pech an der Lehrperson und daraus entsteht auch ein Bedürfnis, durch eine eigene Helferhaltung den anderen für sich zu gewinnen, aber dadurch auch eine verstärkte Empfindlichkeit gegen Enttäuschungen und Herabsetzungen.

Das ist interessanterweise der Weg in einen Charakter, den ich in meiner Typenlehre als Hingabetyp bezeichnet habe.

Aber manchen Menschen – besonders Frauen – gelingt allerdings mit exzessiver Willensanstrengung ein Gewichtsstopp (in seltenen Fällen sogar bis zur Magersucht). Dann wird der seelische Hunger durch Belohnungen ersetzt – durch Hungern ein Leichtgewicht auf der Waage zu erreichen –  oder in weiteren Fällen mit einer anderen Ersatzbefriedigung, die ebenso Suchtcharakter enthält und dann nicht selten auch zur unentrinnbaren Sucht wird.

Die gesuchte innere Zufriedenheit kann dadurch nicht erreicht werden, sondern eher die Vorstellung von Wertlosigkeit durch eine als nicht beherrschbar erlebte Willensschwäche.

Diese seelische Befindlichkeit wird nun aber in der heutigen Zeit umso häufiger zu einem allgemeinen, quälenden Lebensproblem. Je künstlicher man sich über natürliche Kinderpflege hinwegsetzt, umso mehr entsteht die Gefahr, dass sich die seelische Belastbarkeit im Erwachsenenalter bei immer mehr Menschen mindert.

Daraus entwickelt sich dann immer häufiger eine neurotische Form der Depression, die zu einer allgemeinen Minderung von Langzeitleistungsfähigkeit führt wie auch zu einer Überlastung der Gesundheitssysteme.

Wie aber heute dieser gefahrvollen Beschwernis begegnen? Vorab durch ungestörte Mutternähe und durch gesellschaftlich anerkannte, finanziell unterstützte Zeit für die natürliche Mutterliebe – besonders in den frühen Kinderjahren.

Da die Bedürfnisse nach Nahrung und nach Zuwendung in der ersten Lebenszeit so zentral miteinander verwoben sind und am Lebensanfang prägend auf die Hirnentwicklung einwirken, müssten diese Aspekte in der Pädagogik in Elternhaus, Kindergarten und Schule vorrangig berücksichtigt werden.

Bis ins Grundschulalter hinein lässt sich sogar nun noch Versäumtes nachholen. Weil die Störung nun einmal durch unnatürliche Handhabungen und Versäumnisse in der Säuglingszeit auf dem Boden der ersten fundamentalen Ich-Du-Beziehung entsteht, erweisen sich all jene Bemühungen am erfolgreichsten, die in dieser Zeit vorrangig ansetzen, und zwar durch eine Anpassung der Erziehenden an das Geschöpflich-Sein-Sollende.

Das gelingt sehr erfolgreich – besonders mit zweisamen Betätigungen vor allem in einer gesteigerten Mühe um Beachtung und Anerkennung der kleinen bedürftigen Seele. Dann lassen sich auch die notwendigen Begrenzungen der ungestümen Suche nach Lebensweite eher erreichen.

Denn Natur und Geist sind von unserem Schöpfer nun einmal aus dem gleichen Holz geschnitzt: aus seiner Liebe.

Christa Meves ist Psychotherapeutin und Bestseller-Autorin; sie leitet den Verein „Verantwortung für die Familie“, bei dem sich online weitere Infos und Artikel finden: http://www.vfa-ev.de/newsl.htm

 


12 Kommentare on “Kleinkinder: Wie die Sehnsucht nach Nahrung und Liebe zusammenhängt”

  1. Holger Jahndel sagt:

    „Gebt den Kindern ihre Mutter zurück“: Die ersten Lebensjahre sind prägend für die ganze Nation
    Die ersten Lebensjahre sind nachweislich bedeutsam für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Christa Meves, eine Bestsellerautorin sowie Kinder- und Jugendpsychologin ist dafür, mehr… Mehr»

    https://www.epochtimes.de/meinung/kommentar/gebt-den-kindern-ihre-mutter-zurueck-die-ersten-lebensjahre-sind-praegend-fuer-die-ganze-nation-a2973385.html

    Wissen » Gesellschaft
    Sexuelle Ungleichheit ist die Lösung, um dauerhaft lieben zu können
    Von Suzanne Venker12. August 2019 Aktualisiert: 12. August 2019 20:24
    Die Gleichmacherei des Feminismus funktioniert nicht, denn dabei geht es in Wirklichkeit nur darum, dass Männer und Frauen miteinander konkurrieren und sich nicht lieben können. Selbst wenn Frauen heiraten, haben sie keine Ahnung, wie man verheiratet bleibt, schreibt Suzanne Venker, The Feminist „Fixer“.

    https://www.epochtimes.de/wissen/gesellschaft/sexuelle-ungleichheit-ist-die-loesung-um-dauerhaft-lieben-zu-koennen-a2968451.html

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  2. Cornelia Vogt sagt:

    Liegt es nicht auf der HAND,ZU SEHEN,DAß KAUM NOCH SCHULKINDER L A U F E N ZU SCHULEN!
    Es ist eine Verkettung der Gewohnheiten von heute.
    Früher spielte man noch draußen.
    BEWEGUNG FEHLT GANZ EINFACH.
    Süßes naschen ist überhaupt kein Problem.
    Das Verbieten MACHT es erst zu einem.
    Schlichtweg zuviel Theater um,im Grunde, NICHTS..

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  3. Bernhard sagt:

    Christa Meves ist sicherlich Wissenschaftlerin, und ich möchte ihre Kompetenz diesbezüglich auch gar nicht infrage stellen. Jedoch kreist sie in den letzten Jahren immer um das gleiche Thema. Man weiß bei jedem Artikel schon im Voraus, worauf es hinauslaufen wird.

    In diesem Falle frage ich mich allerdings, ob ihre Beschreibung der Charakterzüge dicker Kinder statistisch untermauert ist oder nur ihrem subjektiven Eindruck entspricht.
    Werden nur dicke Kinder Plätzchen stehlen, oder nicht doch alle Kinder? Hat Frau Meves ihr Experiment mit einer Kontrollgruppe durchschnittlich gewichtiger Kinder wiederholt, und das mit einer statistisch relevanten Kandidatenzahl?
    Das heimliches Naschen in der Kindheit zu zwanghaft umstellen im Erwachsenen Alter führen können, ist auch so eine steile Behauptung. Sind zwanghafte Kleptomanen oft dicke Menschen?

    Auch frage ich mich, ob Vernachlässigung oder falsche Pflege im Säuglingsalter – bzw. Frau Meves’ Steckenpferd „fehlende Bindung“ – nachweislich zu Übergewicht im Kindes- und Jugend Alter führt, oder ob Frau Meves das nur annimmt. Zumal viele der von dir beschriebenen Ursachen (Kind schreien lassen, fehlende Zuwendung) eher in früheren Generationen praktiziert worden. Erst kürzlich las ich einen Bericht über Johanna Haarer, die in der Nazizeit ein Standardwerk über Säuglingspflege schrieb und darin solche Methoden propagierte. Früher gab es aber deutlich weniger dicke Kinder als heute.

    Ich halte nichts davon, Babys im Krippen abzuschieben, aber so langsam fange ich auch an, Christa Meves‘ „Weisheit“ zu hinterfragen.

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    • Holger Jahndel sagt:

      „Gebt den Kindern ihre Mutter zurück“: Die ersten Lebensjahre sind prägend für die ganze Nation
      Die ersten Lebensjahre sind nachweislich bedeutsam für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Christa Meves, eine Bestsellerautorin sowie Kinder- und Jugendpsychologin ist dafür, mehr… Mehr»

      https://www.epochtimes.de/meinung/kommentar/gebt-den-kindern-ihre-mutter-zurueck-die-ersten-lebensjahre-sind-praegend-fuer-die-ganze-nation-a2973385.html

      https://www.epochtimes.de/

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    • ester769 sagt:

      Frau Meves ist halt auch jemand, der nicht gelebt hat, was er andern predigt.
      Sie immer publizistisch aktiv gewesen, war lange Mitglied der Synode der ev. Kirch in Deutschland, hat lange in privater Praxis psychotherapeutisch gearbeitet und bei all dem auch noch 2 Töchter gehabt, wo ich mich immer frage, wie sie die, bei allen ihren Tätigkeiten, denn so bekümmert haben will, wie sie es in ihren Büchern für gut betrachtet

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      • Guten Tag,
        als Frau Meves ihre psychotherapeutische Praxis eröffnete, waren beide Töchter längst in der Schule.
        Synodenmitglied war sie noch später (70er J.).
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • ester769 sagt:

        sorry aber Frau Meves hat in den späten 50ern studiert, 1946 geheiratet , also trotz 2er Kinder studiert. Ich habe ja gar nichts dagegen, und ich denke auch, dass das Engagement der Frau Meves aus der am eigenen Leib erfahrenen Erkenntnis resultiert, dass auch Mütter nur Menschen sind, und eben genau nicht der Bilokation fähig sind
        Aber ich finde das immer irgendwie merkwürdig, wenn Leute anderen Leuten vorschreiben wollen, was sie zu machen haben, und selber eben genau nicht das leuchtende Vorbild für die vorgeschriebenen Verhaltensweisen ist.

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      • Guten Tag,
        Frau Meves hat nach ihrem Studium 1949 das Staatsexamen gemacht (und nicht in den späten 50er studiert).
        Näheres hier: http://kathpedia.com/index.php/Christa_Meves
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • ester769 sagt:

        Frau Meves hat in den späten 50ern eine Zusatzausbildung an irgendwelchen Instituten (also Universitäten) in Göttingen und Hannover gemacht, das habe ich gemeint.
        Sie hat also in einer Zeit als es noch ganz normal war, dass Mütter bei den Kindern zuhause bleiben, als es ganz normal war, das Lehrerinnen ihren Beruf an den Nagel hingen, sobald Kinder sich ankündigten, als es ganz normal war, dass die Sekretärin eben nicht mehr ins Büro ging, sobald Kinder sich einstellten, in so einer Zeit ist Frau Meves den umgedrehten Weg gegangen, und das wo es noch keine Ganztageschulen gab, die lieben Kleinen also in der ganzen Grundschulzeit und auch noch in den weiterführenden Schulen mittags daheim waren und man.,seitens der Lehrer, selbstverständlich davon ausging dass zuhause eine Mutter ist, die wegen der Hausaufgaben nervt.
        Als es dann anfing, dass auch andere Frauen den Weg von Frau Meves gingen, hat sie angefangen dagegen anzuschreiben, was ich zwar einerseits löblich finde, mich aber, schon immer, verwundert hat.

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      • Guten Tag,
        während der Zusatzausbildung, die Frau Meves machte, waren ihre beiden Töchter bereits in der Schule.
        Es geht bei ihrer Argumentation in Büchern und Artikeln und auch heute im allgemeinen vor allem um die Zeit davor und hier insbesondere um die ersten drei Lebensjahre.
        Der Kindergarten im 3. Lebensjahr war schon bei mir Anfang der 60er Jahre gang und gäbe – auch auf dem Land. Dort haben die Bauersfrauen die größte Zeit außerhalb des Haushalts bei der Hofarbeit verbracht, wir als Kleinkinder haben gegenseitig aufeinander aufgepaßt, die Größeren auf die Kleineren.
        Nochmal zu Meves: Eine Zusatzausbildung (Lehrgänge) muß zudem nicht unbedingt eine vollzeitliche Sache sein.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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  4. Stefan Kunz sagt:

    Interessanter Gesichtspunkt, und so betrachtet könnte da viel Wahrheit drin stecken. Sicher das heute häufige vorm PC oder TV abhängen, und die allgemeine Bewegungslegastenie sind auch Ursachen, aber alleine mit Sichrheit nicht.

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