Bibel-Lotto und Bibelstechen zu Silvester: Die Hl. Schrift als Orakelbuch?

Von Felizitas Küble

Die Übung des Bibelstechens  –  die Methode  wird auch als „Bibel-Lotto“ bezeichnet  –  ist nicht zuletzt in frommen Kreisen verbreitet, z.B. bei evangelischen Christen, bisweilen auch unter Katholiken.

Gerade an Silvester feiert der Brauch fröhliche Urständ. Manche Gläubige vermuten einen „himmlischen Fingerzeig“, vor allem, wenn sie zuvor bestimmte Fragen gestellt haben.

Der Name „Bibelstechen“ entstand deshalb, weil man mit einem spitzen Gegenstand  –  meist einem Messer  –  eine beliebige, zufällige Stelle aus der Heiligen Schrift aufschlägt und dann auf  jenen Vers oder Abschnitt achtet, den die Messerspitze zeigt; dies wird als Antwort von „oben“ auf offene Fragen oder Lebensprobleme verstanden; manchmal wird diese Methode auch vor schwierigen Entscheidungen angewandt, sei es die Wahl einer Arbeitsstelle oder gar eines Ehepartners usw.

Besonders problematisch ist es, wenn damit eine Art Zukunftsprognose versucht wird.

Unter Völkerkundlern, Parapsychologen und Theologen spricht man von Stichomantie bzw. Bibliomantie oder einfach von Bibelmantik;  „Mantik“ bedeutet Wahrsagen und gehört zum Bereich der (letzten Endes heidnischen) Magie.

Ist das Bibelstechen etwa nicht ein guter Brauch, schließlich ist die Bibel doch das Wort Gottes?!  – Was soll falsch daran sein, die Heilige Schrift als Lebenshilfe einzusetzen?

Als Lebenshilfe soll uns Gottes Wort wichtig sein, aber nicht als Orakel, denn das wäre eine Zweckentfremdung der Bibel für abergläubische Absichten.

Es wäre dies ein Wahrsagen mittels der Bibel, was aber ihrem Sinn widerspricht.

Der hl. Papst Gregor der Große hat das „Bücherstechen“ bereits in der ausgehenden Antike grundsätzlich verurteilt, ob es nun um weissagenden Mißbrauch der Bibel oder sonstige, als heilig geltende Schriften ging, die für eine Zukunftsschau oder „Hellsehen“ zweckentfremdet wurden. Das Wahrsagen durch Bücher wurde auch auf der Synode von Vennes (465 n. Chr.) verboten.

Die Bibel sollte auch nicht als „Partyspiel“ mißbraucht werden – so wird es zB. hier als „Silvester-Orakel“ empfohlen:  http://www.lizzynet.de/wws/30029604.php

Früher waren derartige „Prophezeiungsspiele“  auch in christlichen Häusern verbreitet, was die Sache aber nicht besser macht. Dabei wurde vor allem in der Silvesternacht auf Neujahr die Bibel mit dem Daumen seitlich geöffnet (daher sprach man auch vom „Däumeln“)  – und dann blind auf eine „zufällige“ Stelle gehalten. Was hier zu lesen war, sollte aufschlußreich für das bevorstehende Jahr sein.

In bibelorientierten evangelischen Kreisen sind die sog.  „Losungen“ bekannt, wobei in dem bekannten blauen Losungskalender für jeden Tag des Jahres bestimmte Bibelstellen präsentiert werden, die zuvor durch das Los ermittelt wurden.

Solange damit keine abergläubische Absicht verknüpft wird, solange diese Übung nur als tägliche kurze Bibellese für eine Andacht verstanden wird, ist nichts dagegen einzuwenden.

Anders sieht es aus, wenn z.B.  „Losungskärtchen“ in einem Kästchen gesammelt werden – und dann, wenn man „nicht mehr weiter weiß“, wenn schwierige Entscheidungen anstehen, wird erst gebetet und danach ein Kärtchen gezogen, das als direkte „Antwort des Himmels“ aufgefaßt wird. Eine solche Methode ist unerlaubte Wahrsagerei unter dem Vorwand frommen Betens.

Wenn jemand einwenden möchte, daß wir aber doch in bestimmten Situationen den Willen Gottes „ermitteln“ dürfen, wollen wir bedenken, daß der Schöpfer uns den Verstand gegeben hat, damit wir ihn einsetzen  – zudem haben wir aufgrund der göttlichen Gebote und der Botschaft Christi sowie der kirchlichen Lehre ausreichend klare Orientierungen, um uns im Leben zurechtzufinden.

Zudem können wir vor schwierigen Entscheidungen mit unseren Eltern oder guten Freunden sprechen und Rat erbitten – oder auch einen Seelsorger fragen. Manchmal helfen auch gediegene Ratgeberbücher weiter.

Als Satan von Christus in der Wüste ein „Schauwunder“ herausfordern wollte und hierbei (der Teufel ist ein gewiefter „Theologe“, wie man sieht!) eine Bibelstelle aus dem AT zwar korrekt (!) zitierte, aber für seine falschen Absichten mißbrauchte, hielt ihm Christus ein anderes Wort der Heiligen Schrift entgegen: „Du sollst den HERRN, Deinen Gott, nicht versuchen!“

Daran wollen wir uns orientieren: Es gibt eben keine bestimmte „Methode“, Gott gewissermaßen zum Reden zu zwingen. Der Ewige ist nicht der Erfüllungsgehilfe unserer „Glücksspielchen“, wir dürfen nicht über iHN verfügen wollen  – und ER läßt sich nicht für unsere Zwecke einspannen.

Außerdem kommt folgendes Problem hinzu:

Manche Stellen in der Bibel erscheinen uns mehrdeutig, vor allem, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, was ja beim Bibel-Lotto mehr oder weniger stark der Fall ist. Solche Verse in der Hl. Schrift eignen sich nun besonders, um sie mit unserem Wunschdenken zu befrachten bzw durch unsere subjektiven  Erfahrungen und Vorstellungen hindurch zu betrachten, zumal viele biblische Aussagen sowohl eine wörtliche wie eine symbolische „Bedeutungs-Ebene“ besitzen.

Zudem kann X unter auslegungsfähigen Begriffen wie zB. „Frieden“ oder „Freiheit“ oder „Liebe“ etwas anderes verstehen als Y  – je nach Temperament oder persönlichen Erfahrungen. Wir lesen solche Ausdrücke also durch unsere eigene „Brille“.

Das ist weiter kein Problem, sondern ganz  natürlich  – aber im Falle des „Bibelstechens“ vermischt sich unsere „Brille“, unser bewußtes oder vielleicht eher unterschwelliges Wunschdenken allzu leicht mit dem, was wir dann als „Gottes Wille“ interpretieren, nachdem wir eine bestimmte Bibelstelle „gestochen“ haben und diese wie wie ein Orakel (miß)verstehen. Es liegt auf der Hand, daß dies schon rein  psychologisch gesehen problematisch ist!

Gott hat uns in Taufe und Firmung mit den Gaben des Hl. Geistes beschenkt, wobei zu den Sieben Gaben des hl. Geistes (die schon das Alte Testament bei Jesaja erwähnt)  auch die Gabe des Verstandes zählt; seien wir Gott dankbar dafür und widerstehen allen Formen des Aberglaubens, denn er ist ein Feind des wahren Glaubens – und nicht etwa der Unglaube allein!

Der Aberglaube ist sogar die gefährlichere Bedrohung, weil sie oft nicht als solche erkannt und mit Gläubigsein verwechselt wird, was fatal (verhängnisvoll) ist.

Hier noch eine passende Anekdote zum Thema, wohl nicht echt, aber gut erfunden:

Ein schwäbischer Pietist pflegte den Sonntag mit Bibelstechen zu beginnen. Beim ersten Stich geriet er an Mt  27,5: „Und Judas ging hin und erhängte sich.“ –  Klingt wenig erfreulich, also ein erneuter Anlauf. Nun wurde es dem ernsten Bibelforscher noch unbehaglicher: „Gehe hin und tue desgleichen!“ (Lk 10,37)  – Das dritte Stechen ließ den frommen Mann an Gottes weiser Führung verzweifeln: „Was Du tust, das tue bald!“ (Joh 13,27).

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster


12 Kommentare on “Bibel-Lotto und Bibelstechen zu Silvester: Die Hl. Schrift als Orakelbuch?”

  1. ester769 sagt:

    Nun ja sagen wir so, es mag zwar theoretisch so sein, dass wir in Taufe und Firmung den heiligen Geist bekommen haben, aber sowohl der Fromme, als auch der Nichtfromme merkt davon im allgemeinen wenig.
    Und warum soll es verkehrt sein, die Schrift zu befragen, wenn man nicht mehr weiter weiß? schließlich ist die Bekehrung des heiligen Augustinus genau so geschehen, er hat zufällig auf ein Lied hin, die Bibel aufgeschlagen und dort die Antwort auf seine Frage gefunden.
    Ist doch wunderbar!
    Zur Kritik der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen, sagen wir einfach so, das macht die Bibel schon selber. Den Zusammenhang, den wir gewohnt sind zu sehen, der ist rein exegetisch, die Texte geben das oft und oft überhaupt nicht her, schon gar nicht das NT.
    Und das falsche Verständnis der Schrift ja das gibt es, es hat gegenwärtig zu über 10.000 verschiedenen christlichen Kirchen geführt, die sich alle auf die Schrift berufen.
    Von daher wäre die logische Konsequenz dass man den Leuten verbietet in der Schrift zu lesen und sich Gedanken zu machen, aber genau das ist wiederrum nicht im Sinne des Christus

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    • Guten Tag,
      der Unterschied zwischen einem „Bibelstechen“ und dem Erlebnis des hl. Augustinus besteht darin, daß der Bibelstecher das Gotteswort als Zukunftsschau oder Antwort-Orakel einspannt, was Augustinus nicht tat, sondern der schlug aufs Geratewohl – ohne abergläubische Absicht – die Bibel auf. Gott fügte es, daß ihm die richtige Antwort zukam.
      Beim Aberglauben jedoch gilt das Wort Christi in der Wüste, gesprochen zum Teufel: „Du sollst den HERRN, Deinen Gott, nicht versuchen!“
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • ester769 sagt:

        soweit ich informiert bin, war der heilige Augustinus, zunächst ein recht unheiliger Geselle, und wie er in seinen Confessiones so schreibt, war es auch keineswegs so, dass er nach seiner Bekehrung sofort und auf der Stelle zu dem Heiligen geworden ist, wie die fromme Legende ihn sieht, es war, bei ihm, wie bei allen anderen Menschen auch, ein Prozess.
        Augustinus hat die Bibel aufgeschlagen, weil er nicht mehr weiterkam, aufgrund eines Verhaltens das man durchaus als abergläubig verstehen kann, wenn man es denn will. Gott hat es gefügt, dass er das rechte Wort fand, sehr gut. Nur warum sollte Gott das bei irgendwelchen anderen Leute, auch nicht so fügen?
        Es ist doch besser man sucht in der Schrift nach Antworten, als im feministischen Magiekurs der Volkshochschule!

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      • Guten Tag,
        natürlich soll man in der Bibel nach Antworten suchen, aber nicht auf magischem Wege, sondern auf (theo)logischem.
        Das lehrt auch die Kirche!
        Gerade die Tatsache, daß Augustinus vor seiner Bekehrung ein „unheiliger Geselle“ war, logischerweise nicht im christlichen Sinne ein Gläubiger, bestätigt doch, daß er nicht gezielt ein „Bibel-Lotto“ betreiben wollten, keine bewußt magische Handlung vorhatte, sondern in seiner Ratlosigkeit so handelte.
        Aberglaube setzt Glaube voraus – und ist eine Zerrform davon.
        Bei der Esoterik („feministischer Magiekurs“) weiß man immerhin, woran man ist, nämlich im nicht-christlichen Bereich. Der „fromm“ getarnte Aberglaube ist von daher gesehen problematischer, da man ihn gern mit Frömmigkeit verwechselt.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • ester769 sagt:

        Frau Kübel, alle Formen des Glaubens, sind Zerrformen, selbst der rechte Glaube ist nur eine Erkenntnis „wie im Spiegel“, das schreibt Paulus.
        Kein Mensch glaubt gar nichts, selbst der Atheist glaubt!
        Und woher wollen SIe denn über die innersten Bewegungen eines heiligen Augustinus doer eben eines anders, der Hilfe sucht, und deshalb die Schrift versucht zu befragen, Bescheid wissen?
        Im übrigen losten, also orakelten die Apostel nach der Himmelfahrt Jesus auch, indem sie das Los zwischen Matthias und Barnabas warfen!
        Und woher wollen sie wissen, ob der der zu magischen Praktiken greift nicht einfach nur ratlos ist?
        Und feministisch und magieaffin anmutenden Kurse werden auch unter dem Label „katholisch“ angeboten, ergo weiß der Suchende da genau nicht wo er dran ist.

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      • Guten Tag,
        unser Glaube ist zwar immer unvollkommen, aber dadurch noch lange kein Zerrbild, solange wir nicht in Aberglauben, Fanatismus oder Schwärmerei etc. verfallen.
        Immerhin habe ich die „Bekenntnisse“ des hl. Augustinus zweimal gelesen, worin er sein Bibel-Erlebnis schildert, zudem weitere seiner Werke, so daß ich in puncto Augustinus nicht am Punkte Null anfange.
        Daß ich über seine „innersten Beweggründe“ geschrieben hätte, ist mir neu, doch geht aus seiner Schilderung durchaus hervor, daß er kein bewußtes Bibelstechen betrieben hat.
        Auch hinsichtlich magischer Praktiken geht es um die Sache als solche und nicht um pseudopsychologische Ablenkungsmanöverchen.
        Sollen wir uns noch weiter im Kreise drehen?
        Nein, danke!
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • ester769 sagt:

        Frau Küble und woher wissen Sie mit welcher Motivation diejenigen die die Bibel einfach so aufschlagen und mit Hilfe eines Werkzeuges zufällig einen Vers auswählen, vorgehen?
        Sorry mal ihr Kampf gegen den schwarmgeistigen Irrsinn ist einerseits schon ehrenwert, andererseits scheinen Sie mir die innere Not und absolute Orientierungslosigkeit der Leute gar nicht wahrzunehmen.
        ja die Menschen sind wie Schafe ohne Hirten und es kommt einfach keiner vorbei.
        Sorum sind, in meinen Augen all diese Phänomene eher Symptome denn Ursache.

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      • Guten Tag,
        zum letzten Mal erkläre ich Ihnen, daß es mir sowohl im Artikel wie hier in unserer Debatte nicht um Motiv-„Psychologie“ bzw. Kaffeesatzleserei geht, sondern um die SACHE.
        In diesem Artikel geht es nicht um diese oder jene Personen und ihre möglichen und unmöglichen Beweggründe, sondern um grundsätzliche Unterscheidungen beim Gebrauch der Bibel, nämlich eine gläubige oder abergläubische Grundhaltung.
        Wenn Sie meinen, ich würde die „innere Not“ der betreffenden Leute „nicht wahrnehmen“, wundert es mich doch, daß ich hunderte Anrufe von Betroffenen und Austeigewilligen bekomme: aus der Esoterik, Charismatik und Erscheinungsbewegung. Noch seltsamer, daß sich manche von ihnen jahrelang immer wieder bei mir melden.
        Freundlichen Gruß und Ende der Durchsage!
        Felizitas Küble

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  2. Cornelia Vogt sagt:

    Man kann sich Gott nicht zurechtlegen, wie man es gern hätte,sich wünscht.
    Weil der Mensch sich meistens etwas wünscht, was nicht dem Willen Gottes entspricht.

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  3. th.neumann sagt:

    Ein zum Thema Volksfrömmigkeit sehr interessanter Beitrag. Die Tradition des Bibelstechens (kam sogar vor 30 Jahren in der Serie LIndenstrasse vor, wurde von „Tante Rosi“ praktiziert) aus früheren Jahrhunderten war mir bekannt. Frömmigkeit mischte sich mit dem im Volksglauben verhaftetem magischen Denken. Ich habe aber nicht gewusst dass man wieder darauf zurückgekommen ist. Im Astro TV werden dauernd irgendwelche allgemeinen Los-und Orakelkärtchen gezogen, das kennt man. Die Bibelverse werden dort vermieden. Auch wenn man die Bibel für sein Wahrsagergeschäft benutzen wollte, wäre das für die Ausführenden ein Riskio. . Denn schnell könnte man doch einmal zufällig an einen Vers geraten, in dem von Opfer, Verzicht, Vergebung und Dank die Rede ist. Begriffe die sich bei modernen Orakelkärtchen nicht so gut machen. Wären doch damit ethischen Forderungen an den Fragenden verbunden.
    Abgesehen davon, sollten doch gerade fromme und gläubige Menschen jedes fragwürdige Experiment mit Gottes Wort vermeiden!

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    • th.neumann sagt:

      Ich muss mich hier entschuldigen und korrigieren:
      Das Bibelstechen in der Fernsehserie fand nicht in der „Lindenstrasse“ statt.
      Die gleiche Schauspielerin, welche dort Tante Rosi spielte, hatte das entsprechend einer Fernsehrolle ausgeführt, aber in einer ganz anderen Serie (Büro, Büro- hiess die andere Serie wenn ich mich jetzt recht erinnere).

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