Warum der Zölibat dem Gottesreich dient

Von Dr. Josef Bordat

Die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Mariendonk, Dr. Christiana Reemts OSB, schreibt am 10. März 2021 in ihrem Blog:

In den aktuellen Diskussionen ist immer wieder von „Zwangszölibat“ die Rede und es wird gefordert, diese unmenschliche Bedingung für das Priestertum endlich aufzugeben. Bei vielen Beiträgen, die ich lese, fühle ich mich persönlich angegriffen, denn ich lebe selbst in dieser Lebensform und empfinde sie nicht als ein Joch, sondern als ein Geschenk, für das ich Gott danke. Manchmal vermisse ich allerdings, dass unsere Priester sich zu dieser Lebensform bekennen und von ihrer Schönheit sprechen.

Wir müssen in unserer Kirche neu den Mut haben, davon zu sprechen, dass man auch auf ganz vitale Interessen und Begierden verzichten kann. Dazu brauchen wir ein neues Verhältnis zur Sexualität, nicht im Sinn immer weiterer Liberalisierung, sondern im Sinn tieferer Humanisierung.

Kein Mensch hat ein Recht darauf, seine sexuellen Wünsche jederzeit befriedigen zu können, egal auf wen sich sein Begehren richtet. Bei Pädophilen ist uns das klar, aber es gilt für jede Lebensform, dass Liebe immer auch den Verzicht auf das Ausleben eigener Wünsche fordert.

In unserer Kirche gibt es Menschen wie meine Mitschwestern und mich, die, um Gott und die Menschen freier lieben zu können, auf Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr verzichten. Wir wollen damit leiblich sichtbar machen, dass wir Christus nichts vorziehen. Dieser Verzicht schenkt uns Zeit für Gebet und Bibelstudium, Zeit für andere Menschen. Wir sind dadurch keine besseren Christen als Eheleute, aber wir sind von Christus wie die Priester zu einer anderen Aufgabe berufen worden. Was ärgert unsere Gesellschaft eigentlich so maßlos daran?

Höchst eindrucksvolle Worte einer Ordensfrau, Worte, die man nicht einfach vom Tisch wischen kann in der aktuellen Debatte um Sexualmoral, Priesteramt und Zölibat. Worte, die glaubwürdig verdeutlichen: Der Zölibat ist wertvoll.

Der Zölibat ist kein Zwang, denn niemand ist gezwungen, in einen Orden einzutreten oder Priester zu werden. Einfach aufgeben sollte man den Zölibat nicht. Schon gar nicht aus den falschen Gründen.

Nachfolgend möchte ich an acht Aspekte erinnern, die für den Erhalt dieser katholischen Einrichtung sprechen – bezogen auf das Priesteramt, doch selbstredend grundsätzlich auch übertragbar auf Ordensleute. Vielleicht hilft auch die Erinnerung an diese Argumente, eine andere Perspektive auf den Zölibat einzunehmen, der dem Lebensgefühl der Äbtissin (und anderer Frauen und Männer in Ordensgemeinschaften und dem priesterlichen Dienst) eher gerecht wird.

1. Bibel

Der Zölibat lässt sich zunächst biblisch begründen. Man findet im NT die Empfehlung des Apostels Paulus, ehelos zu bleiben, wenn man die Nachfolge Christi ernsthaft antreten will (vgl. 1 Kor 7, 32-35).

Allerdings lassen sich auch Ausnahmen vom Zölibat biblisch begründen. Der erste Papst war verheiratet. Zumindest ist von einer Schwiegermutter des Simon Petrus die Rede, die von Jesus geheilt wird (vgl. Mk 1, 29-31; Lk 4, 38-39; Mt 8, 14-15). Auch andere Stellen deuten darauf hin (vgl. 1 Tim 3, 2 und 12; Tit 1, 6).

Unter Umständen waren auch weitere Apostel verheiratet, schließlich schreibt Paulus der Gemeinde von Korinth: „Haben wir nicht das Recht, eine gläubige Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas?“ (1 Kor 9, 5).

Dagegen wiederum kann man einwenden, dass die Ehen vor der Berufung zur Nachfolge geschlossen wurden. Auch heute darf ein zum Katholizismus konvertierter Priester einer anderen christlichen Gemeinschaft verheiratet bleiben (Zölibatsdispens nach Kanon 1049, CIC).

Der Zölibat wird von Paulus vorgeschlagen, um „in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen“ zu können (1 Kor 7, 35). Grundsätzlich gilt für die Nachfolge Christi das Prinzip der Bindungslosigkeit gegenüber weltlichen Dingen: Das Loslassen, das Verlassen weltlicher Bezugssysteme (Familie, Arbeit, Heimat) steht am Beginn der Berufung (vgl. Mt 4, 18-22).

Nach kirchlicher Interpretation der Schrift hat Jesus selbst zölibatär gelebt; die Evangelien berichten nichts über eine Ehe Jesu (was sie aufgrund der Bedeutung der Ehe im Judentum mit Sicherheit getan hätten, wäre Jesus verheiratet gewesen).

2. Theologie

Es gibt darüber hinaus gewichtige theologische Argumente in der Debatte um die Bedeutung von Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit der Priester und Ordensleute. Zeichen, Charisma und Nachfolge sind die drei theologischen Hauptgründe für den Zölibat. Zunächst wird der Zölibat als Hinweis auf das Himmelreich angesehen, wo es ebenfalls keine Ehe gibt (vgl. Mk 12, 25).

Sodann wird die Ehelosigkeit als Gnadengabe betrachtet, die den Priester in besonderer Weise auszeichnet. Schließlich stehen Priester in der Nachfolge Jesu und sollen ihre Berufung durch eine möglichst enge Orientierung an Jesu Leben und Lehre zum Ausdruck bringen. Zum Leben Jesu gehört die Ehelosigkeit ebenso wie zu seiner Lehre: Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ ist einer der Evangelischen Räte (vgl. Mt 19, 12).

3. Pastoral

Es gibt darüber hinaus aber auch pastorale Gründe für den Zölibat. Ehelose Priester können sich ganz auf die Arbeit in ihrer Gemeinde konzentrieren und brauchen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit keine Rücksicht auf eine Familie zu nehmen. Sie sind unabhängig, flexibel und – in antiklerikalen Systemen – weniger leicht erpressbar.

Das ist heute in vielen Teilen der Welt höchst relevant. Ganz pragmatisch betrachtet ist es auch materiell einfacher, allein zu leben. Man braucht nur für sich zu sorgen und hat außerdem die Möglichkeit, einem Armutsideal zu folgen, das man einer Familie (insbesondere auch Kindern) nicht zumuten kann.

Quelle und FORTSETZUNG des Artikels hier: https://jobosblog.wordpress.com/2021/03/13/der-zoelibat-kein-joch-sondern-geschenk/

Dr. Bordat verfaßte mehrere Bücher, darunter Ewiges im Provisorium (2019)
Würde, Freiheit, Selbstbestimmung. Konzepte der Lebensrechtsdebatte auf dem Prüfstand (2020)


9 Kommentare on “Warum der Zölibat dem Gottesreich dient”

  1. juetz sagt:

    .. noch eingefallen:

    Singles sind ja auch aufgerufen, keusch zu leben … und nicht jede/r hat die Suche nach dem passenden Partner im Fokus.

    Aber oft gibt es bei Pfarrern eine Haushälterin, also so ganz selbst versorgen tun sich die meisten wohl eher nicht, denn es kostet auch ganz schön viel Zeit, den Haushalt in Ordnung zu halten, zu kochen (auch wenn es einfache Sachen sind), waschen, bügeln, einkaufen, putzen usw …
    😉

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  2. juetz sagt:

    Finde ich sehr interessant, obwohl ich manchem nicht folgen kann, da philosophisch zu unbeschlagen.
    Ich mag aber die Unaufgeregtheit von ihr, und ich bekomme Antworten, im Sinne von vielem Nach-denken und meine Ansichten überprüfen.
    Und ob die Hinwendung resp. der Mißbrauch von Jungen der zölibatär lebenden Priester/Pfarrer mit dem Zölibat zu tun hat – das wage ich doch zu bezweifeln.
    Warum sich nun viele homoerotisch empfindende Männer – so könnte man das benennen – zur römisch-katholischen Kirche hingezogen fühlen … wäre zu untersuchen, bedingt aber absolute Aufrichtigkeit und Bußfertigkeit derer, deren Treiben man aufgedeckt hat, oder die so unter ihrer Last leiden, dass sie sich Hilfe suchen.

    B. Gerl-Falkovitz
    Was ist der Sinn des Zölibats?

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  3. Holger Jahndel sagt:

    Zum Stichwort „Charisma“: Nun ja, aber der Apostel Paulus bezeichnet den Zölibat ja eben gerade als „Charisma“ und „Gnadengabe“ des Heiligen Geistes, er empfahl ihn als Ehelosigkeit zwar, aber er machte ihn ausdrücklich nicht zwingend zur Vorschrift. Denn: Nicht jeder ist dafür gemacht, wie auch die Bibel weiß. Und in den unionierten katholischen orthodoxen Ostkirchen gibt es durchaus auch verheiratete Priester. Hier macht es sich die katholische Kirche meiner Ansicht nach unnötig schwer, obwohl die Angst vor einer Verweltlichung und Profanisierung der Kirche verständlich ist: Aber man könnte dem Priester-Mangel eben abhelfen, indem man den Zölibat freistellt und die Pflicht zur Ehelosigkeit aufhebt – es stünden genug geeignete Laien in den Gemeinden bereit. Studierte Theologen und bewährte Familien-Väter und so weiter.
    Im Neuen Testament der BIbel wird auch eine Diakonin namens Phoebe genannt. In der Tat würde dies wohl auch die Mißbrauchsrate in der katholischen Kirche deutlich senken. Wie auch beim Thema Verhütungsmittel macht es sich die Kirche hier irrationalerweise unnötig schwer.

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  4. Holger Jahndel sagt:

    WARUM WIR IN DER NEUEN VÖLKERWANDERUNG DIE IDEE DER PHILOSOPHIA PERENNIS BRAUCHEN
    ALLGEMEIN 12. November 201712
    Es gibt ein starkes philosophisches und gesellschaftliches Ideal, das wir der islamischen Ideologie entgegensetzen können: es ist jenes der philosophia perennis. Dort, wo alles brüchig ist und aus unseren abendländischen Sicht menschenverachtende Barbaren zunehmend die Macht an sich reißen, bekommt die Besinnung auf das Bleibende, auf von Konventionen, Konfessionen, Religionen, Kulturen und weiteren soziologischen Einflussfaktoren unabhängige Werte, die in einer ebenso unabhängigen Metaphysik wurzeln, eine ganz neue Relevanz.

    https://philosophia-perennis.com/2017/11/12/philosophia-perennis/

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  5. Anonymous sagt:

    Es geht nicht um die Gabe der Ehelosigkeit, die FREIWILLIG gelebt wird. Es geht um den Pflichtzölibat als Zugangsvoraussetzung zum Priesteramt. Und DER ist biblisch nicht haltbar.

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  6. Anonymous sagt:

    Darüber sollten Sie mal schreiben, Frau Küble:

    „Der katholische Augsburger Bischof Meier kritisiert die Rolle des kirchlichen Gehorsams bei der Aufarbeitung von Skandalen.

    „Es kann nicht sein, dass in Klöstern, in katholisch geführten Schulen und sozialen Einrichtungen oder in Pfarrgemeinden auch im Zeichen des Gehorsams vieles an Lebenshäusern zusammengebrochen ist“, sagte er der „Augsburger Allgemeinen“ (Montag). In seiner Kirche gebe es Schuld und Sünde. „Wir müssen schon versuchen, auch manchen Schutt wegzuräumen, um Ballast, der sich angehäuft hat, loszuwerden – mit dem Ziel, auch wieder klarer Zeugnis für das Evangelium geben zu können“, sagte der Bischof.“

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  7. Holger Jahndel sagt:

    Es ist verständlich, dass gerade in der heutigen Zeit viele Priester eine Verweltlichung und Profanisierung der Kirche bei Aufgabe des Zölibates befürchten. Andererseits würde dies dem Priester-Mangel in der Tat abhelfen können und auch eine glaubwürdige Maßnahme gegen die sexuellen Mißbrauchsfälle in der Kirche sein. In den Gemeinden stehen genug studierte Theologen und erprobte Familien-Väter als geeignete Priester-Amts-Kandidaten bereit.

    Der Theologe und Journalist und Philosoph David Berger mit seiner „Philosophia Perennis“

    https://philosophia-perennis.com/

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