Zwischen Panikmache und Verstiegenheit: Blut-Jesu-„Heilungsgebet“ unter der Lupe

Von Felizitas Küble

Auf den Leser-Foren von Gloria-TV tummelt sich viel Frommes und Oberfrommes, viel Gläubiges und Abergläubiges, gleichsam ein buntes Allerlei kreuz und quer durch die – dort etwas simpel gestrickte – katholische Welt.

Dabei treibt die „Volksfrömmigkeit“ bisweilen seltsame Blüten bis Sumpfblüten im erscheinungsbewegtem Gewande.

Das gilt auch für ein dort empfohlenes sogenanntes „Heilungsgebet durch das Kostbare Blut Jesu“: https://gloria.tv/post/C79d7uGJH1De1GTdiLkF14ajB

Hier seien die wichtigsten Abschnitte nacheinander zitiert:

Unendlich guter Vater, gieße nun in deiner großen Zärtlichkeit das kostbare Blut deines Sohnes Jesus über mich dein Kind X…. aus, um alle Bindungen zu lösen, die Du bei deinem Kind siehst und die es in Ängsten und Krankheit, so wie den Schmerz, in Sünden, in Zweifel, in Qualen, in der Besessenheit, in Unsicherheit und in Schuldgefühl gefangen halten.“

Warum sollte jemand sich in einem Gebet z.B. zur „Besessenheit“ bekennen, obwohl diese gerade bei Gläubigen äußerst selten vorkommt? – Hier wird also unnötige und unangemessen Panik geschürt.

Unklar ist auch, was mit „Bindungen“ genau gemeint ist – der Text erinnert an gewisse charismatische Heilungsgebete mit ihren ständigen Beschwörungsformeln vom „Binden“ und Lösen“, für die es weder in der Bibel noch in der kirchlichen Tradition eine Basis gibt. (Die Stelle bei Mt. 16,18 steht in einem ganz anderen Kontext.)

Diese kritische Deutung wird durch die weiteren Anrufungen bestätigt:

Unendlich guter Vater, löse im kostbaren Blute Deines Sohnes Jesus alle Bindungen, alle diese Verfluchungen, die meinem Glück und meiner völligen Gesundheit entgegenstehen.“

Erneut wird dem Beter unsinnige Angst eingejagt, indem erstens von „Verfluchungen“ die Rede ist, zweitens der irrige Eindruck erweckt wird, als seien diese die eigentliche Ursache von Krankheiten und mangelndem Glückauch dies ist eine bekanne Vorstellung aus dem schwärmerischen Spektrum, das sich gerne in ein Karussell dramatischer Gedanken und Gefühle hineinsteigert.

Dem folgt nun ein Flehruf an Maria, der diese angstbesetzte Pseudo-Frömmigkeit munter weiterführt:

Du aber gütige Mutter Jesu, durchtrenne durch Deinen Gnadendienst alle diese Bindungen, die der Vater im kostbaren Blute seines Sohnes gelöst hat. Heilige Maria, Mutter unseres Retters, treibe das Böse aus den verletzten Bereichen meines Wesens aus und nimm alle Spuren der Mächte des Bösen, die umherschleichen, weg von mir.“

Erstens widersrpicht sich der Text schon im ersten Satz, denn wenn Gott-Vater die vermeintlich fatalen Bindungen bereits „gelöst“ hat, dann gäbe es keine Notwendigkeit zur zusätzlichen „Durchtrennung“ durch die Madonna – einmal abgesehen davon, daß sie nicht von sich aus direkt wirken, sondern lediglich durch ihre Fürsprache bei Christus helfen kann.

Sodann ist die danach folgende Formel („Treibe das Böse aus den verletzten Bereichen…..“) verstiegen und theologisch irreführend, denn wir werden unser Leben lang mit den Wirkungen der Erbsünde zu kämpfen haben – und genau darin besteht unsere Herausforderung (und nicht etwa in einer ständigen Nabelschau – hierbei über unsere „Verletzungen“ meditierend).

Gott hilft uns nicht am Leiden vorbei (das gilt auch für Versuchungen), aber er hilft uns hindurch. Man könnte auch sagen: ER nimmt uns nicht immer die Last hinweg, aber er stärkt unsere Schultern, damit wir sie besser tragen können.

Abschließend wird im typischen Stil charismatischer „Proklamationen“ , welche Gott gleichsam auf eine Gebetserhörung festlegt, Folgendes verkündet:

Vater ich preise Dich für die Wunder, die derzeit durch die Macht des kostbaren Blutes Deines Sohnes Jesus im ganzen Wesen deines Kindes geschehen. Ich bin so sicher, dass Du handelst, dass Du Dein Kind befreist, dass ich Dir jetzt schon für die Wundertaten danke, die durch dieses Gebet geschehen werden.“

Natürlich sollen wir GOTT loben und preisen für alle Hilfen, Gnaden und Wegweisungen, ihm danken für seine Fügungen, für Trost und Beistand. Aber stets sollte dabei der Wunsch aus dem Vaterunser-Gebet im Vordergrund stehen: „Dein Wille geschehe!“

GOTT ist ein persönliches Wesen und keine esoterische „Kraft“ oder Energie, die wir beliebig für unsere Interessen und Zwecke einspannen können, denn seine Gnade und seine Gaben sind unverfübar.

Nicht der Ewige hat uns und unseren Wünschen zu dienen, sondern wir sollen uns ihm als Diener zur Verfügung stellen – so wie Maria es einst bei der Verkündigung durch den Engel so treffend gesagt hat: „Siehe, ich bin die Magd des HERRN – mir geschehe nach Deinem Wort!“

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

Fotos: Evita Gründler, Dr. Bernd F. Pelz, Archiv


2 Kommentare on “Zwischen Panikmache und Verstiegenheit: Blut-Jesu-„Heilungsgebet“ unter der Lupe”

  1. juetz sagt:

    Ich fand auch immer, dass es im evangelikalen Bereich so vieles gibt, was zwar nicht so offensichtlich magisch ist, ausser in charismatischen Kreisen .. und Maria und die Heiligen spielen ja ohnehin keine Rolle – aber schon manche Buchtitel versprechen „effektive Methoden“, um erhörlich zu beten. Komischerweise wird immer betont, dass man beten lernen will, wie Jesus das lehrte, aber nur als Mustergebet und bitte in freikirchlichen Kreisen oder Brüdergemeinden nur ja nicht auf die Idee kommen, es gemeinsam sprechen zu wollen.
    Die Bibelkenntnis ist oft unglaublich und beeindruckend .. aber seltenst – obwohl behauptet – endet man mit: Dein Wille geschehe.
    Letztlich geht es immer darum: mein Gebet wird nicht erhört, also mache ich etwas falsch, also muss es anders gehen.

    http://www.gottesbotschaft.de/?pg=2064

    Klicke, um auf Erhörliches-Gebet-_MVedder_.pdf zuzugreifen

    https://www.cbuch.de/mack-bei-gott-gehoer-finden.html

    Irgendwie ist das alles berechnend… und anthropozentrisch.
    Da ist es mir lieber, zu lernen, in IHM Ruhe zu finden und zu der – wie ich mittlerweile glaube – einzig wirklich demütigen Haltung: Dein Wille geschehe.
    Ja, ich darf dem Herrn und Heiland alles sagen, jede Sorge auf IHN werden, jede Freude, um IHN zu loben und zu preisen .. aber dann: zur Ruhe kommen.

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  2. Konnersreuther Pilger sagt:

    Mit dem Nachsatz soll Gott Vater sozusagen unter moralischen Druck gesetzt werden. Wenn er allseits durch das Gebet so große Wundert tut, soll er doch den einzelnen Beter nicht übersehen. Stärker noch, in dem man im Voraus Gott dankt für das Wunder, das noch gar nicht geschehen ist, aber doch geschehen muß! Denn Gott wird diesen Dank nicht ungerechtfertigt annehmen und wenigstens nachträglich die Wunder geschehen lassen. Moralischer Druck auf Gott, ich habe mich ja bereits bedankt- dann muß mir doch geholfen werden!
    Der abergläubige Mensch:
    Magisches Denken ist, wenn man durch ein Gebet, einen Spruch, eine Handlung von der übernatürlichen Macht etwas erzwingen will.
    Der gläubige Mensch hingegen möchte durch Gebet Gemeinschaft mit Gott, Barmherzigkeit und Versöhnung.
    Auch der gläubige Mensch kann innerhalb seiner Religion magisch Handeln oder Denken, da braucht er Unterstützung zur Unterscheidung.

    Da obiges Gebet sozusagen Gott inderekt moralisch unter Druck setzt, moralisch eine Hilfe erpresst- ist das für mich magisches Denken.
    Allein schon die Auffassung, daß die Nutzung dieses Gebets bei Gott unbedingt das erbringen soll ,vwas ich mir in meiner Not erflehe, ist etwas bedenklich.
    Und wie wird ein Mensch, der in Not ist, hinterher reagieren, wenn das Ersehnte nicht eintritt?- trotz des tausenfach bewährten Gebetes? Trotz des „Voraus-Dankes“ an Gott?
    Wenn es bei so vielen anderen Bittenden gewirkt haben soll – aber bei mir als einzigem nicht?
    Dieses Gebet kann in einer Not keine Hilfe sein.

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