Offener Brief an Jesuitenpatres in Berlin

Von Lucia Tentrop

Sehr geehrte Herren Jesuiten,
kürzlich war ich in Ihrer Abendmesse und habe das Evangelium von dem Sämann nach Mk 4,26-34 gehört. Es ging darin um „eine Person„, die Samen aussät.

Dann legt sich diese „Person“ schlafen, am nächsten Morgen steht die „Person“ wieder auf, und der Samen keimt und wächst – und „die Person“ weiß nicht wie… usw.

Dieses ständige Hören von einer „Person“ klang so befremdend künstlich, dass ich, obwohl mir das Evangelium eigentlich bekannt ist, nicht wusste, was ich mir innerlich beim Säen vorstellen sollte. Ich dachte an einen Großstädter, der auf seinem Balkon irgendetwas sät oder einen Professor, der seine Petersilie gießt u.v.a. 

Mich hat das mit der ständigen Person auch in Ihrer anschließenden Predigt so irritiert, dass ich das Evangelium zu Hause nachgeschlagen habe:
Erst da kam das urtümliche Bild des Sämanns wieder in mir hoch. Ein wunderbares Bild, elementar und alles andere als größstädtisch. Ein handfester Bauer, ein durch und durch geerdeter Mensch, der in  weitem Bogen großzügig sein Korn auswirft, etwa so wie der Sämann des Malers van Gogh.

Ein Urbild der Menschheit.
 
In der Kunst und auch bei Jesus ist der Sämann ganz eindeutig ein Mann. Warum darf das nicht sein? Warum ändert man dieses kraftvolle Urbild zugunsten einer undefinierbaren, ja, armseligen Szene, die im Hörer nur ein steriles Lebensgefühl erzeugt?

Ich weiß, dass man seit Brecht häufiger gezielt Texte verfremdet, damit man sich eines Wesentlichen, das durch Gewöhnung verblasst ist, durch den Widerstand der Verfremdung hindurch neu bewusst wird. Aber das war in dieser Predigt nicht der Fall: Die undefinierbare Person führte von dem kraftvollen Urbild Jesu bzw. des Sämanns weg.    

Wofür ist das gut? Warum darf im Evangelium Jesu nicht von einem Mann die Rede sein? Was stört Sie daran?

Mit freundlichen Grüßen
Lucia Tentrop

Unsere Autorin Lucia Tentrop ist katholische Theologin, Musikerin, Malerin und Pädagogin; sie lebt in Berlin; hier ihre Homepage: www.lucia-tentrop.de


10 Kommentare on “Offener Brief an Jesuitenpatres in Berlin”

  1. dorrotee sagt:

    Ein Saemann, der Samen sät , passt nicht mehr in die heutigen Vorstellungen mancher Zeitgenossen.
    Irre!

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  2. Holger Jahndel sagt:

    Es war übrigens der Apostel Paulus, der den Personen-Begriff überhaupt erst erfunden hat, eine der größten Neuerungen und Innovationen der abendländischen Geistesgeschichte und vorher auch in der griechischen Philosophie noch unbekannt. Siehe dazu auch das Zeit-Fragen Magazin zu Psychologie allgemein und personaler Psychologie im Speziellen und dem Mensch als Persönlichkeit. Der Apostel Paulus zitierte auch den Philosophen Philo(n) von Alexandrien, ein Mittelplatoniker und jüdischer Merkaba(h)-Mystiker – welcher als einer der Vorläufer der Neuplatoniker gilt
    Und zur Trinität bzw. göttlichen Dreifaltigkeit, welcher bereits im Alten Testament implizit nachweisbar angeleget ist, auch das Buch „Gottes Dreiheit – des Menschen Freiheit “ zur Theologie.

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  3. gerd sagt:

    Schlagen wir die Jesuiten mit ihren eigenen Waffen:

    Sehr geehrte Personen, Jesuiten*innen,

    Aus „Vater unser“ wird nun hoffentlich bald „Person unser“!

    Gefällt 2 Personen


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