Wir trauern über den Tod des katholischen Theologen Prof. Dr. Joseph Schumacher

Von Felizitas Küble

Unser theologischer Wegbegleiter, Autor und Mitstreiter Prof. Dr. Joseph Schumacher ist am 27. September nach langer Krankheit mit 87 Jahren in der Universitätsklinik Freiburg verstorben. Die Beisetzung des Priesters erfolgt am Dienstag, den 6. Oktober, in Littenweiler (Freiburg).

Mit dem Fundamentaltheologen Schumacher verband uns vor allem das Eintreten für den vollständigen katholischen Glauben, für seine dogmatischen Grundlagen, für die Fundamente des Christseins, die uns durch die Heilige Schrift und die apostolische Tradition überliefert worden sind.

Jenseits von Skeptizismus auf der einen und Schwarmgeisterei auf der anderen Seite, frei von Neigungen zum Unglauben oder Aberglauben, betonte Professor Schumacher ebenso anspruchsvoll wie bodenständig die Bedeutung des kirchlichen Lehramtes für eine klare Glaubens-Orientierung.

Seine von Nüchternheit und Besonnenheit geprägte Kritik an Wundersucht und Erscheinungsfixiertheit geht z.B. aus den Artikeln hervor, die er im CHRISTLICHEN FORUM  veröffentlichte: https://charismatismus.wordpress.com/?s=Joseph+Schumacher

Wer heute Theologie lehrt und zugleich unbeirrbar den Standpunkt der Kirche Christi vertritt, befindet sich zwischen allen Stühlen, auch innerhalb des katholischen Spektrums. 

Davon konnte auch dieser Fundamentaltheologe ein Lied singen:  seine Positionen sind vom bibel- und kirchenkritischen Rationalismus „moderner“ Theologen  ebenso weit entfernt wie von jenem scheinmystischen Irrationalismus, der sich in einigen konservativen Kreisen leider immer größerer Beliebtheit erfreut.

Für Joseph Schumacher waren Glaube und Vernunft (Ratio) keine Gegensätze, sondern Ergänzungen, freilich stets unter dem Vorrang des Glaubens: Dieser Professor, der sich in erster Linie als Priester verstand, dachte rational, ohne rationalistisch zu sein  –  und er vertrat eine gediegene Frömmigkeit jenseits von Pseudomystik  oder einem „reformkatholischem“ Rebellentum.

Der 1934 in Nottuln bei Münster (Westfalen) geborene Gelehrte war nach 10-jähriger Dienstzeit in der Pfarrseelsorge im Bistum Münster einige Jahre als Religionslehrer in Oldenburg tätig, bis 1971 seine wissenschaftliche Laufbahn an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg begann.

1973 promovierte er zum Doktor der Theologie, ein Jahr später führte sein Weg nach Münster zurück, diesmal zur wissenschaftlichen Arbeit im Bischöflichen Generalvikariat.

1977 erfolgte Schumachers Habilitation in Freiburg mit der Arbeit „Der apostolische Abschluß der Offenbarung Gottes“, die  –  ebenso wie die Dissertation über den „Denzinger“ –  im Herder-Verlag erschien. Insgesamt umfaßt sein Publikationsverzeichnis weit über 100 Titel.

1978 begann er seine Lehrtätigkeit als Privatdozent und wurde 1983 zum Professor für Fundamentaltheologie ernannt. Noch heute ist er mit seinen Lehrveranstaltungen an der Freiburger Universität präsent. Prof. Schumacher ist stets als Priester erkennbar  –  an der Hochschule wie im alltäglichen Leben.

Der glaubenstreue Geistliche war seit 1989 ordentliches Mitglied der „Pontificia Academia Theologica Romana“ und seit 1996 korrespondierendes Mitglied der „Internationalen Päpstlichen Akademie für Mariologie“.  

Gerade die Mariologie, die theologische Lehre über die Gottesmutter, lag Joseph Schumacher stets am Herzen, wie sich aus seinen Büchern, Vorträgen und Veröffentlichungen ergibt, zudem aus seiner Mitarbeit am „Marienlexikon“, das vom bekannten Mariologen Kardinal Leo Scheffczyk herausgegeben wurde.

Auch in diesem Bereich zeigt sich die nüchterne Spiritualität Schumachers, zumal er seine große Verehrung für die Jungfrau Maria freihielt von schwärmerischen Nebengleisen  –  ganz im Sinne seiner Habilitations-Schrift über den „apostolischen Abschluß der Offenbarung Gottes“, lehrt doch die Kirche seit jeher, daß die göttliche Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist.

Daher gehören „Privatoffenbarungen“ grundsätzlich nicht zum Glaubensgut der Kirche, erst recht fehlt ihnen jeder dogmatische Charakter   –  das gilt auch für kirchlich approbierte (genehmigte) Erscheinungen, weil diese Billigung der Kirche keine Glaubensverpflichtung darstellt, sondern lediglich eine Erlaubnis („Es ist den Gläubigen gestattet, daran zu glauben“ – so lautet die übliche Approbationsformel).

Der glaubenstreue Theologe äußerte sich in seinen Vorlesungen und Büchern, Artikeln und Aufsätzen  – etwa in der Zeitschrift „Theologisches“ –   stets fundiert, kompakt und auf hohem Niveau,  aber auch verständlich und ohne hyperakademische Verstiegenheit.

Auch sein im Bonifatius-Verlag erschienener Klassiker über „Esoterik  – die Religion des Übersinnlichen“  ist gehaltvoll und faktenreich,  zugleich aber leserfreundlich verfaßt.

Der Esoterik-Experte Schumacher warnte bereits 1991 im Ministranten-Magazin “Turibulum“ vor dem Okkultismus und der damals aktuellen New-Age-Bewegung. Für ihn ist es selbstver-ständlich, seine Aufsätze in Fachpublikationen ebenso zu veröffentlichen wie in einer Zeitschrift für Meßdiener, die der Fe-Verlag herausbrachte. Dort erschien auch sein Buch „Beten mit der Kirche“, das die wichtigsten kath. Gebete in verschiedenen Sprachen enthält.

Für den lehramtstreuen Theologen war es auch selbstverständlich, sich moderner Medien zu bedienen, um den Glauben der Kirche zu verkünden. In seiner eigenen Internet-Präsenz www.theologie-heute.de finden sich weit über 10.000 Seiten mit Vorlesungen, Predigten, Aufsätzen, Referaten, Kommentaren und Erklärungen.

Er veröffentlichte seine Vorlesungen bereits im Internet, als keiner seiner Kollegen daran dachte. Seit Jahrzehnten setzte er auch seine Predigten auf seine Homepage.

Joseph Schumacher war stets bereit, dem Zeitgeist die Zähne zu zeigen, wenn es darum ging, sich unerschrocken zu Glaube, Kirche und Papstamt zu bekennen. Damit machte er seinem Beruf alle Ehre, denn Professor heißt übersetzt „Bekenner“.


Prof. Joseph Schumacher zur kirchlichen Approbation von Privatoffenbarungen

Was bedeutet die „Anerkennung“ einer Erscheinung?

Der bekannte Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) hat sich eingehend mit der Frage befaßt, was die kirchliche „Anerkennung“  –  genauer: Approbation  –  von Marienerscheinungen bzw. Privatoffenbarungen beinhaltet und bedeutet.   Joseph-Schumacher

Der Freiburger Priester und Professor ist ordentliches Mitglied der „Pontificia Academia Theologica Romana“ und korrespondierendes Mitglied der „Internationalen Päpstlichen Akademie für Mariologie“.

Vielfach herrscht im katholischen Kirchenvolk die Meinung vor, eine Approbation sei als eine „Anerkennung“ in der Weise zu verstehen, als ob die Kirche damit ein verbindliches Glaubensgut vorlegt bzw. mittels ihrer lehramtlichen Autorität feststellt, jene Privatoffenbarung sei gewiß übernatürlichen (himmlischen) Ursprungs.

Tatsächlich ist es aber so (und dies gilt sowohl „vorkonziliar“ wie „nachkonziliar“), daß eine kirchliche Approbation den Gläubigen erlaubt, jener Erscheinung Glauben zu schenken; hinsichtlich nicht-gebilligter Privatoffenbarungen sollten Katholiken sich ohnehin zurückhalten.v

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Schumacher veröffentlichen wir nun seine Ausführungen im Kapitel „Kirchliche Approbation“ aus der theologischen Abhandlung „Privatoffenbarungen und Marienverehrung“, die in dem Sammelband „Der Widerschein des ewigen Lichtes“ bereits 1984 im Verlag Butzon & Bercker erschien:

„Weil die Unterscheidung zwischen echten und falschen Visionen und Offenbarungen im konkreten Fall äußerst schwierig ist, deshalb übt die Kirche ihnen gegenüber generell Zurückhaltung. Nur eine geringe Zahl von Privatoffenbarungen hat sie approbiert. Bei grundsätzlicher Wertschätzung solcher Phänomene verhält sie sich im konkreten Fall im allgemeinen distanziert. Camberg-Peter-Paul-DSC_0342

Zwischen 1930 und 1950 hat sie in Westeuropa allein 30 Reihen von Muttergotteserscheinungen mit insgesamt 300 Einzelerscheinungen vor kindlichen Seherinnen und Sehern untersucht.

Von den vielen Erscheinungen der letzten Jahrzehnte erhielten nur die von Banneux und Beauraing die kirchliche Anerkennung. In allen anderen Fällen erfolgte ein ablehnender oder verwerfender Bescheid, oder man nahm eine abwartende Haltung ein.

„Eher durch Leichtgläubigkeit verfehlen“

Man kann sich gegenüber visionären Vorkommnissen eher durch Leichtgläubigkeit als durch Skepsis verfehlen, besonders in unruhigen und unsicheren Zeiten. Das ist die Meinung des hl. Johannes vom Kreuz, der selbst ein hochbegnadeter Mystiker gewesen ist.

Bereits Thomas von Aquin warnt hier vor Leichtgläubigkeit, weil der christliche Glaube sonst dem Spott der Ungläubigen ausgesetzt werde. domi

In ähnlicher Weise stellt Bonaventura, der mystischen Erfahrungen durchaus nicht negativ gegenüberstand, fest:

“Der Mensch darf … nicht jedem Geiste glauben, sondern er muß (die Geister) prüfen, ob sie aus Gott sind. Wer nämlich in solchen Dingen schnell glaubt, ist leichtsinnig, und vielleicht ist er auch aufgeblasenen Sinnes, indem er sich für solche Visionen und Offenbarungen besonders geeignet hält. – Deshalb sind solche Erscheinungen mehr zu fürchten als zu erwünschen.

Es wird nämlich von einem gewissen heiligen Pater erzählt, daß er, als ihm der Teufel in der Gestalt Christi erschien, die Augen schloß und sprach, er wolle in diesem Leben Christus nicht sehen. Da verschwand der Teufel, durch solche Demut beschämt, auf der Stelle.

Andererseits wird von sehr vielen berichtet, die sich für Visionen geeignet hielten und sie begehrten, die in viele Wahnvorstellungen und Irrtümer gestürzt sind”.

Johannes Gerson  ist der Meinung, daß es kaum eine zerstörendere und ungesundere Seuche gibt als die Begierde nach Offenbarungen.

Die Zurückhaltung der Kirche gegenüber Privatoffenbarungen ist eine grundlegende Verpflichtung auch für den einzelnen Katholiken.

Daher sollen weder seine eigenen subjektiven Erlebnisse noch jene anderer für ihn eine entscheidende Norm für sein geistliches Leben sein, vielmehr soll er sich der öffentlichen Offenbarung unterwerfen und der Lehre und der Leitung der Kirche anvertrauen. Wichtiger als die Privatoffenbarungen sind das Evangelium und die Sakramente .

Gefahr von Geltungsstreben und Selbsttäuschung

Weil die Gefahr der Selbsttäuschung hier groß ist, kann die subjektive Gewißheit des Visionärs nicht an die Stelle einer eingehenden Prüfung gesetzt werden.

Zurückhaltung ist auch deswegen geboten, weil bei derartigen Phänomenen nicht selten aufdringliche Propaganda und menschliches Geltungsstreben mitspielen und weil ihnen die Tendenz zur Eskalation immanent ist. Sie arten leicht aus zu einer Leidenschaft, speziell in Zeiten des Umbruchs.

In der ganzen Kirchengeschichte hat die Kirche nicht so viele falsche Offenbarungen verwerfen müssen wie im 20. Jahrhundert.

Der ungesunden Begierde nach Offenbarungen liegt einerseits ein geschwächter Glaube zugrunde, andererseits das Streben nach immer neuen Abwechslungen. Es wird ausgesprochener Mißbrauch mit den Privatoffenbarungen getrieben, wenn man mit ihrer Hilfe historische oder topographische Fragen zu lösen versucht.

Mit ihnen kann man keine exegetischen Schwierigkeiten lösen. Sie können nicht als theologische Beweismittel Verwendung finden. Sie haben keinen Platz in der theologischen Erkenntnislehre. Sie können nicht davon dispensieren, das Denken und Leben nach den Lehren des Glaubens und mit Hilfe der Vernunft zu normieren.

Stets eine untergeordnete Stellung

Schon deshalb kann ihre Stellung im kirchlichen Leben stets nur eine untergeordnete sein. Das Heil liegt nicht in den außerordentlichen Dingen.

Nicht die visionäre Erleuchtung ist die Grundlage des christlichen Lebens, sondern der Glaube an die  –   der Kirche anvertraute   –  öffentliche Offenbarung, das depositum fidei. Nicht die Ekstase ist der Höhepunkt der Vollkommenheit, sondern die Liebe. kt2012-p1110153

Bei aller Wertschätzung der außerordentlichen Gnadengaben ist auch für Paulus die Agape wichtiger. Dieser Gedanke findet sich in immer neuen Variationen bei Johannes vom Kreuz. Das Streben des Menschen muß sich primär auf die Vereinigung mit Gott, auf die Entfaltung der Liebe richten. Dabei muß er sich in erster Linie der gewöhnlichen Gnadenordnung bedienen.

Niemals werden Privatoffenbarungen von der Kirche als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht vorgelegt.

Ihre kirchliche Approbation besagt nur, daß sie nichts enthalten, was dem Glauben und der Sitte widerspricht, daß sie veröffentlicht und Gegenstand des Kultes werden können, daß ihre übernatürliche Verursachung vernünftigerweise (fide humana) angenommen werden kann und sie der Erbauung der Gläubigen dienen können.

Approbierte Erscheinungen sind nicht verpflichtend

Ihre kirchliche Billigung hat nicht die Gewißheit des göttlichen Glaubens zum Ziel, wie das bei dem depositum fidei der Fall ist, sondern nur eine Zustimmung im menschlichen Glauben, wonach sie wahrscheinlich glaubwürdig sind. media-444757-2

Die Approbation geht mehr auf die Vereinbarkeit einer Privatoffenbarung mit der öffentlichen Offenbarung als auf ihre Echtheit oder Gottgewirktheit. Sie gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes.

Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.

Infolgedessen sind maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.

Der einzelne hat, von Sonderfällen abgesehen, für sich das Recht, niemals von Privatoffenbarungen Gebrauch zu machen. Auch wenn sie offiziell von der Kirche approbiert worden sind, ist er nicht an sie gebunden.

Das hat letztlich seinen Grund darin, daß von außen für gewöhnlich nur ein mehr oder weniger hoher Grad von Wahrscheinlichkeit für die Echtheit einer Privatoffenbarung erreichbar ist.

Dem Außenstehenden ist der Zugang zu dem eigentlichen mystischen Kernerlebnis eines Visionärs verwehrt. Selbst für den unmittelbaren Empfänger einer Offenbarung ist hinsichtlich ihrer Echtheit oft nur schwerlich Gewißheit zu erreichen.“

HIER geht es zum vollständigen Artikel von Prof. Schumacher: Privatoffenbarungen[1]


Kardinal Newman und die Marienverehrung

Von Felizitas Küble

Am Sonntag, dem 13. Oktober, wird Kardinal John Henry Newman im Vatikan zur Ehre der Altäre erhoben. Auch Prinz Charles  – seine Mutter ist formal das Oberhaupt der Anglikaner, der britischen „Staatskirche“  –  wird an der Heiligsprechung teilnehmen.

Am 19. September 2010 wurde Newmann von Benedikt XVI.  – der ihn schon vor seiner Papstzeit als Theologe sehr geschätzt hat  – seliggesprochen.

Der künftige Heilige  – geboren am 21. Februar 1801 in London  – ist einst als Schriftsteller und anglikanischer Pfarrer in die katholische Kirche übergetreten, was in den gebildeten Kreisen Englands für großes Aufsehen sorgte – und dies umso mehr, als Newman sich zuvor sehr kritisch über Lehren und Frömmigkeitsformen der Katholiken äußerte, die sich in seinem Land ohnehin in einer benachteiligten Minderheitenposition befanden.

Newman neigte zunächst zu einer biblizistisch-evangelikalen Frömmigkeit. Später wurde ihm die Wichtigkeit der Sakramente und der Tradition stärker bewußt und er fühlte sich der hochkirchlich-anglikanischen Oxford-Bewegung verbunden, die teilweise das spirituell-theologische Erbe des katholischen Glaubens weiterführt, vor allem hinsichtlich der Marien- und Heiligenverehrung.

Gleichwohl behielt Newman seine Distanz zur katholischen Kirche bei. Aber vor allem durch das intensive Studium der Kirchenväter änderte sich seine Meinung grundlegend.

Zunächst hatte er geglaubt, katholische Dogmen mit Hilfe der Patristik (Kirchenväterlehre) widerlegen zu können.

Doch der gelehrte Theologe der „Church of England“ (Staatskirche von England) erkannte immer klarer, daß schon die Kirchenväter der ersten christlichen Jahrhunderte durch und durch katholisch waren. Besonders deutlich wurde dies beim heiligen Augustinus von Hippo, dem größten Kirchenlehrer der Antike (Altertum), dessen Mutter Monika ebenfalls als Heilige verehrt wird.

Hinsichtlich der Marienverehrung stand er einem biblisch geprägten Marienlob bereits in seiner anglikanischen Zeit durchaus positiv gegenüber; er ermutigte seine Glaubensgenossen, die Ankündigung der Madonna aus ihrem Magnificat ernst zu nehmen: „Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter“ (Lk 1,48).

Somit entspricht eine fehlende Wertschätzung Mariens nicht dem Geist und Buchstaben des Neuen Testaments.

Bereits in seiner ersten Predigt als anglikanischer Vikar würdigte er im Jahr 1826 die „makellose Reinheit“ der Gottesmutter. Auf dem biblisch geprägten Rosenkranzgebet stand er wohlwollend gegenüber.

Newman vertiefte sodann seine mariologischen Ansichten durch seine Beschäftigung mit den frühchristlichen Lehrern der Kirche. Seine wachsende Verehrung für die Mutter des HERRN war ein wesentliches Motiv für seine Konversion.

Ihm wurde nun aber gerade in dieser Hinsicht entgegengehalten, es gäbe übertriebene Formen des Marienkultes bei den Katholiken.

Der Konvertit hat dieses Problem keineswegs bestritten (wie sollte er dies auch?! –  Er, der aufrichtige Kämpfer für die Wahrheit!), aber darauf hingewiesen, daß der Mißbrauch nicht gegen die Sache selbst spricht. Volkstümliche Auswüchse sind bedauerlich, aber kein Argument gegen die amtliche kirchliche Lehre, die solche Entgleisungen nicht abdeckt.

Er schrieb hierzu: „Sollen wir etwa, weil ein Teil der Christen in der Andacht übertreibt, die Ehrfurcht vor ihr  verlieren?“  –  Es sei doch der Heilige Geist selbst, so Newmann, der Maria durch Elisabeth als die „Gesegnete unter den Frauen“ gepriesen habe und sie zuvor als „Gnadenvolle“ durch den Engel Gabriel begrüßte.

Für Kardinal Newman war die Marienverehrung keine Konkurrenz, sondern eine angemessene Begleitmusik zur Gottesliebe.

Sein Marienlob war christozentrisch  – und er erkärte gegenüber anglikanischen Kritikern, daß sich die mariologischen Dogmen der Kirche ebenfalls auf Christus beziehen.

Vor allem der Titel „Gottesgebärerin“ (Theotokos) verdeutlicht dies, denn damit bekennen die Gläubigen die göttliche Natur ihres Erlösers, der GOTT und Mensch zugleich ist. Es geht hier um das Glaubensgeheimnis der Inkarnation (Menschwerdung) der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit.

Alle Vorzüge Mariens sind gnadenhaft, von GOTT in seiner Huld verliehen und ihr im Hinblick auf Christus geschenkt.

Wenn dies in privaten Andachten oder überzogenen Formen des „Volksglaubens“  – auch hinsichtlich der weitverbreiteten Sucht nach „Erscheinungen“ und „Botschaften“   – aus dem Blick gerät, muß dies korrigiert werden, doch stellen solche Auswüchse nicht die Berechtigung der kirchlichen Marienverehrung infrage.

Zu gewissen Fehlformen im Volksglauben erklärte Johannes Paul II., gewiß ein „marianischer“ Papst, in einer Ansprache vom 21.9.2001 an die vatikanische Gottedienstkongretation u.a. folgendes:

„Zuweilen scheinen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit durch Elemente verunreinigt zu sein, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind. In solchen Fällen müssen sie mit Besonnenheit und Geduld gereinigt werden, und zwar durch Kontakte zu den Verantwortlichen sowie eine aufmerksame und respektvolle Katechese, sofern grundsätzliche Unstimmigkeiten nicht sofort klare und direkte Maßnahmen nötig machen.“

Fehlentwicklungen gibt es vor allem dort, wo Christus fast nur als der „strenge Herrscher“ erscheint, der am Jüngsten Tage als Richter der Lebenden und Toten wiederkommt. Dabei wird zu wenig erkannt, daß Jesus uns vor allem den Zuspruch Gottes verkündigt hat – nicht allein seinen Anspruch. ER als Erlöser ist unser eigentlicher  Beistand und Mittler beim Vater, seine menschliche Mutter ist unser Vorbild und unsere Fürsprecherin.

Im Jahre 1849 stellte Newman klar, daß Mariens Stellung eine dienende ist – und daß sie ihre Gnadenvorzüge „um Jesu willen“ erhalten hat:

„Maria ist erhöht um Jesu willen. Es war geziemend, dass sie als Geschöpf, wenngleich das erste unter den Geschöpfen, eine dienende Aufgabe haben sollte. Gleich anderen ist auch sie in die Welt gekommen, ein Werk zu tun; sie hatte eine Mission zu erfüllen; ihre Gnade und ihre Herrlichkeit sind ihr nicht für sie selbst gegeben, sondern um ihres Schöpfers willen.“

Auch beim Rosenkranz erkannte er, wie christozentrisch und biblisch geprägt dieses betrachtende Gebet ist. Er erläuterte, seine „große Kraft“ liege darin, „dass er das Glaubensbekenntnis zu einem Gebet macht; natürlich ist das Credo als solches schon Gebet und eine große Ehrbezeugung Gott gegenüber.

Aber der Rosenkranz stellt uns die großen Wahrheiten des Lebens und Sterbens Christi vor Augen und bringt sie unserem Herzen näher. Wir betrachten so all die großen Geheimnisse seines Lebens: von seiner Geburt in der Krippe bis zu seinem Leiden und zu seinem Leben in Herrlichkeit.“

Kardinal Newman hat seine Marienverehrung in der Autobiographie „Geschichte meiner religiösen Überzeugungen“ (Apologia pro vita sua) dargelegt, worin er 20 Jahre nach der Konversion seine Standpunkte begründet hat – und vor allem in seiner Schrift „Die heilige Maria. Eine Apologie und historische Begründung des Marienkults“.

WEITERE INFOS:
Päpstliche Klarstellungen zur Volksfrömmigkeit: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/verlautbarungen/VE_160.pdf
Studien zu Newmans Mariologie von Prof. Dr. Joseph Schumacher: http://www.theologie-heute.de/NewmanMaria.pdf
Seine theologische Laufbahn vor der Konversion: https://www.grin.com/document/171169
Kardinal Newman, Maria und der Rosenkranz: https://de.zenit.org/articles/kardinal-newman-ein-grosser-rosenkranzbeter-und-lehrer-des-gebetes/

 


Kirchliche „Anerkennung“ einer Erscheinung bedeutet: „Es ist gestattet, daran zu glauben“

Von Felizitas Küble

Von über zweitausend Erscheinungen, Visionen und ähnlichen „übernatürlichen“ Kundgaben hat die katholische Kirche im Laufe der Jahrtausende ganze 16 Stück gebilligt, das sind weniger als 0,1 Prozent – und auch diese „anerkannten“ Privatoffenbarungen sind für Katholiken nicht verbindlich, geschweige verpflichtend. 

Der Ausdruck „Anerkennung“ kann zwa richtig verstanden werden, aber unter Umständen mißverständlich klingen. Manche meinen nämlich, eine Anerkennung sei wie eine Art Amtsstempel, der die übernatürliche Herkunft einer bestimmten Erscheinung sicher verbürgt oder lehramtlich bestätigt.

In Wirklichkeit lautet der offzielle kirchliche Ausdruck für diesen Vorgang aber „Approbation“ – und dieser lateinische Begriff heißt übersetzt: Erlaubnis, Genehmigung oder Billigung  –  nicht aber Bestätigung.

Wenn also eine Erscheinung approbiert wird, ist es dem Kirchenvolk gestattet, daran zu glauben.

Papst em. Benedikt XVI. hat dazu in seinem Apostolischen Schreiben ‪„Verbum Domini“ Stellung bezogen:

„Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“

Hier die amtliche Übersetzung der vatikanischen Kleruskongregation (siehe Kapitel 14): http://www.clerus.org/bibliaclerusonline/de/h35.htm

Wortwörtlich derselbe Abschnitt („...erlaubt….gestattet...“) findet sich auch in einer Verlautbarung der Glaubenskongregation mit dem Titel Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher Erscheinungen und Offenbarungen“ (3. Kapitel) von Kardinal Levada aus dem Jahre 2011: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20111214_prefazione-levada_ge.html  

Diesen bewährten kirchlichen Standpunkt erwähnte bereits Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV. (siehe Foto), in seinem 1738 erschienenen Standardwerk über Selig- und Heiligsprechungen: 

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Offenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis …, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.‪“

Den Ausdruck „gestattet“ wählte auch der Bischof von Fatima, Dom José, als er die Erscheinungen von Fatima 1930 genehmigte.

In bewährter Tradition bestätigte er in seiner Approbations-Formel keine „übernatürliche“ Herkunft, sondern bezeichnete die Marienerscheinungen zurückhaltend-sachlich als „glaubwürdig“  – gemeint ist damit eine menschliche Glaubwürdigkeit, keine dogmatische Sicherheit. Der Oberhirte erwähnte sodann, die  Verehrung Mariens als „Unsere liebe Frau von Fatima“ sei damit offiziell gestattet.

Kardinal Gerhard Müller erklärte am 3. März 2017 hinsichtlich einer kirchlichen Approbation: „Selbst wenn sich die Kirche für ein solches Phänomen ausgesprochen hat, ist kein Katholik verpflichtet, dorthin zu gehen oder daran zu glauben.“

Er fügte hinzu: „Es gibt vielleicht einige Privatoffenbarungen, aber sie ersetzen nicht die einzige Offenbarung Gottes durch Jesus Christus.“

Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher aus Freiburg (siehe Foto) erläutert ebenfalls, daß Privatoffenbarungen von der Kirche ‪„niemals als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht‪“ vorgelegt werden.

Ihre kirchliche Billigung besage nur, dass in den Botschaften nichts zu finden ist, was dem Glauben und der Sitte widerspreche, daß sie daher veröffentlicht und geglaubt werden dürfen.

Er fährt fort: ‪„Die Approbation gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes. Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend.

Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn die kirchliche Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.“

Aus diesem Grunde ist es den Gläubigen selbstverständlich gestattet, kirchlich ‪„anerkannte“  bzw. approbierte Erscheinungen auf sachbezogene Weise kritisch zu bewerten.
Prof. Schumacher dazu: ‪„Maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung sind möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.“


Der TOD ist das TOR zum LEBEN

Mit freundlicher Genehmigung des katholischen Priesters und Dogmatikers Prof. Dr. Joseph Schumacher aus Freiburg (siehe Foto) dokumentieren wir seine Traueransprache anläßlich der Beerdigung von Ingeborg Zech am 5. Juli 2017 in Bad Oeynhausen.

Die katholische Apothekerin, Bioethik-Expertin und Vortragsrednerin gehörte zu unserem Freundeskreis und war eine Leserin dieses CHRISTLICHEN FORUM.  –  Hier folgt die Predigt von Prof. Schumacher im vollen Wortlaut:

Mors porta vitae. Der Tod ist das Tor zum Leben.  –  Das hat die Verstorbene, die wir heute zu Grabe tragen, gelebt, freilich gegen den Zeitgeist.

Der Zeitgeist verweigert das Denken. Da werden Widersprüche aufgehoben und subjektive Meinungen werden da unumstößlich, während man gleichzeitig behauptet: Es gibt nichts Unumstößliches, es gibt nichts Bleibendes.

Wir verzichten auf das logische Denken, wenn wir behaupten, dass es nur diese eine Wirklichkeit gibt, in der wir leben.

Der griechische Philosoph Platon – er lebte im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert – erklärt: Der Mensch kann Ewiges denken, also muss etwas Ewiges in ihm sein. Das aber ist die unsterbliche Geistseele, die nicht sterben kann.

Die Religionen der Menschheit sind ein lebendiger Beweis dafür, dass der Mensch in der Gestalt seiner Seele den Tod überdauert, ja, dass der Tod des Menschen gar gegen allen äußeren Anschein die Geburt für ein neues Leben ist.

Der Glaube an das Leben jenseits der Todesschwelle ist nicht erst das Ergebnis der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Offenbarung. Immer schon hat die Ahnung von einem Leben jenseits der Todesschwelle das Leben der Menschen verklärt.  Das bezeugen nicht nur die  Religionen der Menschheit, davon reden auch nicht wenige Philo-sophen in der Geschichte der Menschheit. Unbewusst hat der Mensch schon immer damit gerechnet, dass der Tod nicht das Ende schlechthin ist.

Der Physiker Albert Einstein († 1955) erklärt nach dem Besuch eines Konzertes von Yehudi Menuhin († 1999): „Jetzt weiß ich, dass es die Transzendenz, dass es einen Gott im Himmel gibt“.

Nicht nur die Philosophie, auch die Kunst, vor allem auch die Musik, führt uns also zu jener Welt, die nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, die aber nichtsde-stoweniger eine Wirklichkeit ist.

Der Biologe  Joachim Illies († 1882) vergleicht das Sterben eines Menschen mit dem Geburtsvorgang und nennt den Tod den schmerzlichen Hinübergang des Menschen in eine neue Daseinsweise.

Er betont dabei, dass der Übergang in eine neue Daseinsweise immer schmerzlich, immer mit Schmerzen verbunden ist. Ihm, dem Biologen,  ist das schon vor mehr als drei Jahrzehnten zu einer existentiellen Erfahrung geworden.

Geboren werden wir in eine Welt der Geheimnisse, die Welt aber, in die wir hineinsterben, sie birgt weit größere Geheimnisse. Denn diese Welt ist sichtbar, jene aber ist un-sichtbar.

„Occido cum sole”, so lautet die Inschrift eines Grabsteins auf einem Friedhof in Genua: „Ich gehe unter gleich wie die Sonne”. Das ist ein schönes Bild für das Sterben. Denn die Sonne, die untergeht, verliert nicht ihre Existenz, sie wird vielmehr nur unsichtbar. So ist es, wenn ein Mensch stirbt.

Die Seele lebt weiter in jener unsichtbaren Welt, welche die Bedingung ist für die Existenz dieser unserer sichtbaren Welt ist, und wartet auf die Auferstehung der Toten, wie wir im Credo bekennen. So weit ist das Bild von der untergehenden Sonne auf den Tod des Menschen anwendbar, aber nur so weit.

Nicht anwendbar ist es auf den Tod des Menschen, wenn wir daran denken, dass jedem Abend und jeder Nacht wieder eine neuer Tag folgt, der in einem neuen Abend und in einer neuen Nacht seine Bestimmung hat. Anders ist das nämlich beim Sterben eines Menschen. Auch ihm folgt ein neuer Tag. Aber dieser unterscheidet sich wesentlich von dem zu En-de gegangenen. Denn dieser Tag kennt keinen Abend mehr. Er mündet in die Ewigkeit. 

Die Auffassung, dass der Tod das absolute Ende ist, diese Auffassung  ist eine zweifelhafte Errungenschaft erst unserer jüngsten Vergangenheit und unserer Gegenwart. Im-merhin gibt es heute für mehr als 50% unserer Zeitgenossen mitnichten ein Weiterleben nach dem Tod. Für so viele ist der Tod das definitive Ende. Von Dreien ist es vielleicht einer, der noch von dem Weiterleben nach dem Tod überzeugt ist.

Die einen sagen: Sterben heißt vergehen, und die anderen: Wir wissen nichts über den Tod und werden nie etwas erfahren über ihn – ignoramus et ignorabimus.

Die Vernunft hingegen sagt, und der christliche Glaube bestätigt es: Es folgt ein neues Leben. Denn nur das Sterbliche stirbt am Menschen. Der Mensch aber ist mehr als seine Leiblichkeit. In dieser seiner Leiblichkeit wohnt der Geist. Der aber kann nicht sterben, weil er immateriell ist. Diese Erkenntnis ist im Grunde die Geburtsstunde der Religion, die eigentlich zum Menschsein des Menschen gehört.

Was die Menschen immer gewusst haben, dass der Tod nicht das definitive Ende ist, dass es weitergeht, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat, das wird heute immer mehr zur Frage, obwohl wir diese Wirklichkeit schon mit unserem Denken erreichen können. Allein, das Vertrauen auf die Vernunft schwindet dahin.

Darüber klagt der Philosoph Jacques Maritain († 1973) mit eindrucksvollen Worten, über das schwindende Vertrauen auf die Vernunft, über die metaphysische Skepsis, die im Wachsen begriffen ist. Die metaphysische Skepsis wächst und breitet sich aus im Schatten unserer Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit, im Schatten vor allem auch der gigantischen Manipulation der modernen Medien, wodurch wir auf das Vordergründige fixiert werden.

Bedenken wir noch ein Weiteres: Immer stirbt der Mensch allein, ganz allein, in letzter Einsamkeit. „On mourra seul” sagt der fromme Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal. Er starb im Jahre 1662.

Den Hinübergang in die Ewigkeit müssen will alle allein vollziehen. Kein Mensch kann uns da begleiten. Nur einer, der Gottmensch, er kann mit uns gehen. Denn er ist schon drüben, und dennoch ist er, gemäß seiner Verheißung, bei uns.

„Nur einer gibt Geleite“, so singen wir in dem Lied „Wir sind nur Gast auf Erden”. Er geht mit uns, und seine heiligen Engel begleiten uns, wenn wir uns ihm und ihnen anvertrauen.

Pilger sind wir und Fremdlinge in dieser Welt, unser Ziel ist die himmlische Heimat. Dass wir sie erreichen möchten, darauf muss unser Mühen und Kämpfen ausgerichtet sein. Der Tod ist die Bilanz des Lebens, dem Tod folgt das Gericht. Auch das wissen die Religionen der Menschheit allgemein.

In der Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch des Neuen Testamentes lesen wir: „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben“ (Apk 13,14) und im Alten Testament, im Buch des Predigers: „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen (Pred 11,3).

Es gilt, dass wir in Treue und Gewissenhaftigkeit den Willen Gottes erfüllen, ein Leben lang. Gottes Gnade tritt in der Regel nicht an die Stelle unseres Bemühens. Die Gemeinschaft mit Christus muss in einem Leben des Gebetes und in der täglichen Nachfolge Christi geübt und eingeübt werden. In der Gemeinschaft mit Christus gehen wir nicht dem Dunkel, son-dern dem Licht entgegen, und zwar einem unbeschreiblichen Licht.

Wenn wir zu leben verstehen, ist der Tod nicht Ende, sondern Vollendung. Wir tun gut daran, diese Vollendung stets vor Augen zu haben. Gott erweist sich uns als ein treuer Gott, wenn wir ihm die Treue halten. Wenn wir nicht von ihm lassen in den Fährnissen des Lebens, wenn wir auf ihn vertrauen und sein Wort annehmen, dann erweist er sich uns als ein treuer Gott auch über die rätselhafte Schwelle des Todes hinaus.

Gott ist ein Gott der Lebenden, weil er das Leben schlechthin ist, weil alles Leben aus ihm hervorgeht. Er hat nie begonnen, immer ist er gewesen, und immer wird er sein.

Wir brauchen den Tod nicht zu fürchten, wenn wir wachsam sind, wenn wir beharrlich sind in der Treue, wenn wir die Zeit nutzen für die Ewigkeit, die Zeit, die kurz ist.

„Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt“, heißt es in der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen (1, 25, 11).

Demgemäß erinnert uns Bischof Johann Michael Sailer († 1832) daran, dass Todesgedanken fast immer unsere beste Philosophie und unsere treuesten Freunde sind, deshalb, weil sie uns die unangenehmste Wahrheit sagen. Angenehm wird sie, wenn wir wissen, dass dann dem Karfreitag das Osterfest folgt, wenn wir ihn, den Karfreitag, in der Gemeinschaft mit Christus bestanden haben.

Das Weizenkorn wird gemäß einem zentralen Jesus-Wort in die Erde gelegt, damit es dem Erntetag entgegenreift (Joh 12, 24). Amen.

Weitere Ansprachen, Artikel, Vorträge, Vorlesungen von Prof. Schumacher gibt es hier: http://www.theologie-heute.de/


Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens

Von Felizitas Küble

Wie Radio Vatikan kürzlich mitteilte, hat Papst Franziskus den polnischen Erzbischof von Warschau, Henryk Hoser, zu seinem Sonderbeauftragten für den umstrittenen Erscheinungsort Medjugorje ernannt.

Papst Franziskus, so heißt es weiter, wolle auf diesem Wege Genaueres über die pastorale Situation und die Bedürfnisse der Pilger erfahren.Foto Michaela Koller

In Medjugorje soll nach Seherangaben seit über 35 Jahren die Gottesmutter erscheinen, einigen Visionären sogar täglich. Die zuständigen Ortsbischöfe von Mostar (zunächt Zanic, dann sein Nachfolger Peric) äußern sich ablehnend über die Echtheit der Phänomene, die jugoslawische Bischofskonferenz gab sich in den 80er Jahren mehrfach zurückhaltend-distanziert  —  und der Vatikan errichtete eine Untersuchungskommission, die der Glaubenskongregation zuarbeitet, weil dieses Gremium (nach dem jeweiligen Diözesanbischof) für die Beurteilung von Privatoffenbarungen zuständig ist.

Doch welchen Stellenwert haben kirchlich genehmigte Erscheinungen in der katholischen Kirche?

Warum spricht man von ‪„Privatoffenbarungen“, obwohl sich viele Botschaften nicht nur an einzelne Personen oder Zielgruppen richten, sondern an die ganze Kirche, so etwa in Lourdes oder Fatima?

Der Ausdruck ‪„Privatoffenbarungen“ bezieht sich nicht auf den jeweiligen Empfängerkreis, sondern auf die geringe Verbindlichkeit von Erscheinungen im Vergleich zur amtlichen bzw. ‪„öffentlichen“ Offenbarung.

Bibel und Tradition bezeugen die Offenbarung Gottes

Darunter versteht die kath. Kirche die Offenbarung Gottes, die in der Heiligen Schrift und der apostolischen Tradition bezeugt wird. Über die Reinerhaltung und Bewahrung dieser Offenbarung Gottes wacht das kirchliche Lehramt. Der katholische Glaube beruht gleichsam auf einem einzigen Fundament (Offenbarung Gottes), zwei Säulen (Bnikolausibel, Überlieferung) und einem schützenden Dach, dem Lehramt der Kirche.

Privatoffenbarungen sind weder eine Basis noch ein Stützpfeiler des Glaubens, denn die göttliche Offenbarung ist laut katholischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels bzw. dem Ende der apostolischen Zeit abgeschlossen.

Es handelt sich bei dieser Aussage um ein Axiom, also eine Denkvoraussetzung und Grundlegung für weitere Lehrsätze. Erscheinungen und Visionen sind daher nicht verbindlich für die Gläubigen, auch dann nicht, wenn sie die kirchliche Approbation erhalten haben.

Approbation bedeutet Genehmigung oder Erlaubnis

Der deutsche Begriff ‪„Anerkennung‪“ wirkt etwas mißverständlich, weil er leicht den Eindruck erwecken könnte, als würde die Kirche mit einer ‪„Anerkennung“ die übernatürliche Herkunft der betreffenden Privatoffenbarung bestätigen. Das tut sie aber keineswegs. Vielmehr geht es bei einer Approbation — also einer Erlaubnis, Genehmigung, Billigung — um die Feststellung, daß der Inhalt jener ‪„Botschaft‪“ nicht dem Glauben der Kirche widerspricht, weshalb es dem Katholiken ‪„gestattet“ ist, dem Geschehen seine Zustimmung zu schenken.

Freilich soll dies ohne jeden Fanatismus geschehen, weshalb Papst em. Benedikt das Kirchenvolk in seinem Apostolischen Schreiben ‪„Verbum Domini“ ermahnte, einen solchen Glauben in einer ‪„klugen Weise“ auszuüben, denn auch eine kirchlich genehmigte Erscheinung ist kein ‪„fünftes Evangelium“.

Foto: Radio VatikanZudem heißt es in ‪„Verbum Domini“ grundsätzlich über die göttliche Offenbarung:

„Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einer öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns….Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist…Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen.“

Papst Benedikt erklärte in seinem Apostolischen Schreiben ebenfalls, was eine Approbation wirklich beinhaltet:

„Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken.“

„Nichts anderes als eine Erlaubnis zur Veröffentlichung“

Diesen bewährten kirchlichen Standpunkt erwähnte bereits Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV., in seinem 1734 – 1738 erschienenen Klassiker über die Selig- und Heiligsprechungen:media-377708-2

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Offenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis …, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.‪“

Im Unterschied zu den unfehlbaren „Offenbarungen, wie sie den Aposteln und Propheten zuteil wurden“, besitzen die späteren, von der Kirche genehmigten Privatoffenbarungen lediglich einen Wahrscheinlichkeits-Charakter.

Der katholische Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) erläutert ebenfalls, daß Privatoffenbarungen von der Kirche ‪„niemals als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht‪“ vorgelegt werden.

Keine Glaubensverpflichtung für Katholiken

Ihre kirchliche Approbation besage nur, dass in den Botschaften nichts zu finden ist, was dem Glauben und der Sitte widerspreche, daß sie daher veröffentlicht und geglaubt werden dürfen; ihre übernatürliche Verursachung wird nicht sicher gelehrt, sondern vernünftigerweise („fide humana“) angenommen, schreibt der Freiburger Theologe Joseph-Schumacherdazu.

Er fährt fort: ‪„Die Approbation gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes. Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.“

Aus diesem Grunde ist es Katholiken gestattet, kirchlich ‪„anerkannte“  bzw. approbierte Erscheinungen sachkritisch zu bewerten, freilich soll dies ohne Polemik erfolgen. Prof. Schumacher dazu: ‪„Maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung sind möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.“

Weitere ausführliche Hinweise zu diesem Themenfeld bietet Joseph Schumacher in seiner Neuerscheinung ‪„Die Mystik im Christentum und in den nichtchristilchen Religionen“ (Patrimonium-Verlag 2016).

Erstveröffentlichung des Artikels durch die internationale katholische Nachrichtenagentur ZENIT: https://de.zenit.org/articles/welchen-stellenwert-haben-privatoffenbarungen-in-der-katholischen-kirche/


Unklarheiten um den „Fatima-Zusatz“ aus der dritten Erscheinung vom 13.7.1917

Von Felizitas Küble

Wer verschiedene Bücher über den bekannten Marienwallfahrtsort Fatima liest, insbesondere solche Publikationen, die direkt aus dem Portugiesischen übersetzt wurden, wundert sich vielleicht darüber, daß hinsichtlich des Rosenkranz-Zusatzes verschiedene Versionen auftauchen.  vierge_pellevoisin

Es handelt sich um jene Anrufung, die laut der 3. Erscheinung vom 13. Juli 1917 jedem Gesätzchen des Rosenkranzes angefügt werden soll. Zunächst zu dem hierzulande üblichen Wortlaut:

„O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

Nun scheint die zweite Bitte („bewahre uns…“) womöglich gar nicht niet- und nagelfest übersetzt zu sein, denn es ergeben sich einige Unklarheiten:

1. Die Publikation „Schwester Lucia spricht über Fatima“ (2. Auflage 1976) wurde von Pater Luis Kondor aus den portugiesischen Originalschriften übersetzt. Der Geistliche war Leiter der Seligsprechungsprozesse von Francisco und Jacinta (neben Lucia sind diesdie beiden anderen Visionäre von Fatima).

Wie er in seinem Vorwort erwähnt, wurde die Übersetzung ins Deutsche zusätzlich überprüft von Pater Dr. JoaProdukt-Informationchim Alonso CMF, der auch die Einführung für dieses Buch schrieb, in welchem die Äußerungen von Sr. Lucia zu Fatima ausführlich zitiert werden.

Dort heißt es auf Seite 153 betr. der Erscheinung des 13. Juli bzw. des Rosenkranz-Zusatzes zwar wie üblich „Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle“, doch ab S. 104 wird der Brief von Sr. Lucia an den Bischof von Leira dokumentiert, den sie ihm auf seine Aufforderung vom 26. Juli 1941 hin geschrieben hat. Darin berichtet sie Folgendes von ihrer Mit-Seherin Jacinta:

„Öfters pflückte sie Blumen auf dem Feld und sang dabei nach einer Melodie, die sie aus dem Stegreif erfand: „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! Unbeflecktes Herz Mariä, bekehre die Sünder, errette die Seelen aus der Hölle.“ (S. 104)

Natürlich ist ein solche Anrufung theologischer Unfug, weil die Seelen aus der Hölle nicht herausgerettet werden können, denn die Verdammnis ist ewig. Aber selbst dann, wenn die Hölle zeitlich begrenzt wäre: Eine Rettung aus der Hölle wäre allein durch GOTT möglich  – und nicht etwa durch das „Unbefleckte Herz Mariä“. Auch die Formel Jacintas „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung“ klingt theologisch reichlich mißverständlich.

Zumindest unklar erscheint folgende Äußerung Lucias, womit sie die Worte der Marienerscheinung wiedergibt: „Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen.“ (S.153) 131223-stern-von-bethlehem_b87bfae72c

Abgesehen davon, daß die göttliche Offenbarung seit dem Tod des letztes Apostels vollständig und abgeschlossen ist und daher den „armen Sündern“ bereits alle Gnadenmittel offenstehen, um der ewigen Verwerfung zu entgehen, ist an diesem Zitat nicht eindeutig erkennbar, ob es sich um eine Rettung der Seelen „aus“ der Hölle handelt oder um eine Bewahrung derselben „vor“ der Hölle.

2. In dem 1978 erschienenen Buch „Fatima“, für das der Rektor der Wallfahrtskirche Fatima, Pater Luciano Guerra, ein Geleitwort schrieb, heißt es zweimal, nämlich auf den Seiten 26 und 78: „O mein Jesus, vergib uns, erlöse uns von dem Feuer der Hölle…“

Ich fragte vor einigen Jahren einen katholischen Missionar, der gut portugiesisch sprechen konnte, ob es im portugiesischen Text „Erlöse uns“ oder „Bewahre uns“ heiße, worauf er mir erklärte, eine direkte Übersetzung laute „erlöse“ oder „befreie“ uns, im weiteren Sinne könne man auch als „bewahre uns“ übertragen. 0022

Auf einer an Fatima orientierten Webseite wird der Rosenkranz-Zusatz beim Gebetsvorschlag für den Mittwoch folgendermaßen wiedergegeben: „O mein Jesus, vergib uns, rette uns von dem Höllenfeuer. Führe alle Seelen in den Himmel, besonders die, die es am nötigsten haben.“  (Dasselbe hier: http://www.internetgebetskreis.com/gebete/sonstige-gebete/)

Auch hier heißt es nicht „Bewahre uns vor“, sondern „rette uns von…“, was zumindest mißverständlich bis irreführend ist.

Die genaue Übersetzung aus dem portugiesischen Original ist offenbar eine bislang noch nicht voll geklärte Frage.

Fest steht freilich, daß das von Sr. Lucia erwähnte „Lied“ der Seherin Jacinta („errette die Seelen aus der Hölle“) theologisch unzutreffend ist.

Weitere Anfragen zum Rosenkranz-Zusatz lesen Sie hier: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/warum-der-fatima-zusatz-nicht-zum-eigentlichen-rosenkranzgebet-gehort/

Lucia und die Warnungen von Pfarrer Ferreira

Diese Anrufung stammt  – wie bereits erwähnt  – aus der dritten Marienerscheinung vom 13. Juli 1917.

Die Hamedia-FZMqzvujo1V-2uptseherin Lucia wollte der himmlischen Kundgabe zunächst strikt fernbleiben, weil ihr Ortspfarrer Ferreira sehr skeptisch dachte und diese Phänomene als eine Art Trickkiste „von unten“ verdächtigte. Er dachte an die Warnung des hl. Paulus, daß der Satan auch als „Engel des Lichts“ erscheinen könne. (Der Priester blieb weiterhin bei seiner Ablehnung der Ereignisse und ließ sich später in eine andere Pfarrei versetzen.)

Dieser Vorgang wird in vielen Fatima-Büchern ausführlich geschildert; hier folgt eine relativ kurze Fassung aus der Schrift „Jacinta und Francisco“ (Verlag Maria, 1997):

„Der Pfarrer der Gemeinde, Dom Ferreira, meinte: Die Kinder könnten einer List des Teufels zum Opfer gefallen sein, vielleicht stecke dieser hinter den Erscheinungen. Deshalb entschloss sich Lucia, nicht mehr zur Cova da Iria zu gehen.

Jacinta jedoch hatte ein besseres Urteil, als sie erklärte: „Nein, das ist nicht der Teufel, er ist doch hässlich und unter der Erde in der Hölle. Und die Dame war so schön und wir haben sie ja in den Himmel aufsteigen sehen.“

Auch am Abend vor dem 13. Juli blieb Lucia bei ihrem Entschluss, am nächsten Tage nicht zur Cova da Iria zu gehen. Jacinta und Francisco aber wollten hin: „Wenn die Dame nach mir fragen sollte“, trug ihnen Lucia auf, „so sagt ihr nur, ich sei nicht gekommen, weil ich Angst habe, dass es der Teufel ist.“  – Am anderen Morgen jedoch verspürte Lucia eine unerklärliche Macht, die sie zur Cova da Iria trieb.“ (S. 24 f.)https://i1.wp.com/www.gottliebtuns.com/images/fatima_kinder_1.JPG

Dort waren mehrere tausend Menschen versammelt, Gläubige und Neugierige, während die Mutter Lucias auf den Rat des Pfarrers hin zuhause geblieben war.

FOTO: Das erste Bild der drei Fatima-Seherkinder, fotografiert am 13. Juli 1917 (dem Tag der 3. Erscheinung)

Laut dem bereits erwähnten Buch „Fatima“ ist die Erscheinung sogleich auf Lucias neuerliche Skepsis eingegangen, denn sie habe zu Beginn ihres Gespräches gesagt: „Ich bin es und ich komme vom Himmel. In der Hölle gibt es nicht diesen Glanz und soviel Licht.“ (S. 16) 

An diesem bedeutsamen Tag  – dem 13.7.1917 – wurden die sog. „drei Geheimnisse von Fatima“ geoffenbart, wobei vor allem das 3. Geheimnis jahrzehntelang für Spekulationen sorgte. Die beiden ersten Geheimnisse hat Sr. Lucia 1941 in einem Brief an ihren Bischof erstmalig enthüllt.

In dem erwähnten Büchlein heißt es auf S. 27, die Madonna habe den beiden Sehermädchen aufgetragen: „Dieses dürft ihr niemandem sagen; nur Francisco dürft ihr es sagen.“

Der neunjährige Knabe wird deshalb eigens erwähnt, weil er die Erscheinung zwar sehen konnte, aber bis zuletzt kein Wort von den Botschaften zu hören vermochte. Eine Begründung für diese Extrabehandlung des Jungen ist weder aus den Fatima-Botschaften noch aus der einschlägigen Literatur bekannt.

Felizitas Küble leitet ehrenamtlich das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Hier folgt ein Grundsatzartikel des kath. Dogmatikers Prof. Dr. Joseph Schumacher zum theologischen Stellenwert von Privatoffenbarungen in der Kirche: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/27/prof-joseph-schumacher-zur-kirchlichen-approbation-von-privatoffenbarungen/

 


Die hl. Katharina von Siena erlebte eine irrtümliche „Marienerscheinung“

Von Felizitas Küble

Zu den solidesten theologischen Standardwerken über Grundfragen der Mystik  – also der außergewöhnlichen „Gnadenerweise“   –  gehört das „Handbuch der Mystik“, das der französische Jesuitenpater August Poulain SJ verfaßte.

Das Buch wurde seinerzeit vom hl. Papst Pius X. ausdrücklich empfohlen sowie  in der quasi-amtlichenvierge_pellevoisin, jesuitischen Vatikanzeitschrift „Civilta Cattolica“ gewürdigt.

Das tiefgründige, systematisch durchdachte Werk wurde 1925 beim Herder-Verlag in deutscher Sprache herausgebracht und umfaßt 564 Seiten.

Der Autor beschäftigt sich in seinem katholischen Kompendium sehr fundiert auch mit dem Themenkreis Privatoffenbarungen / Erscheinungen.

Dabei räumt er unter Auflistung seitenlanger Beispiele ungeschminkt ein, daß auch Selige und Heilige nicht selten durch irrige Visionen getäuscht wurden.

Hierbei ist zu berücksichtigen, daß jene vorbildlichen Katholiken, die zur „Ehre der Altäre“ erhoben wurden, ohnehin keineswegs als unfehlbar zu gelten haben, geschweige sind ihre Ansichten etwa automatisch irrtumsfrei.

Noch viel weniger kann man davon ausgehen, daß bei den von diesen Personen erlebten außerordentlichen Begleiterscheinungen der Mystik immer eine göttliche Einwirkung bzw. himmlische Ursache vorhanden war.

Sogar bei solchen Visionen oder Einsprechungen, die wahrscheinlich durchaus einen übernatürlichen „Kern“ enthalten, haben sich nicht selten menschliche bzw. allzu menschliche Irrtümer eingeschlichen, weil derlei Offenbarungen auch durch individuelle Sinneseindrücke, die Besonderheiten der jeweiligen Sprache und Gefühlswelt geprägt sind.

Aus den zahlreichen Beispielen irriger Erscheinungen bei Heiligen, welche Pater Poulain offen und konkret anspricht, erwähnen wir nun ein Beispiel, das die hier behandelte Problematik anschaulich aufzeigt:

Hl. Katharina: Maria „nicht unbefleckt empfangen“

Die heilige Katharina von Siena gehört zu den bekanntesten Mystikerinnen des Mittelalter; sie wurde 1939 von der Kirche zur „Schutzpatronin Italiens“ erklärt und 1970 von Papst Paul VI. (ebenso wie die hl. Theresa von Avila) sogar zur „Kirchenlehrerin“ erhoben.

1999 hat Papst Johannes Paul II. sie (zusammen mit der hl. Brigitta von Schweden und der hl. Edith Stein) zur „Patronin Europas“ ernannt.

Diese Ehrentitel ändern jedoch nichts daran, daß Katharina von Siena zumindest eine Erscheinung für echt hielt, die aber sicherlich nicht von „oben“ stammte:

Die stigmatisierte Ordensfrau erklärte nämlich, die Gottesmutter sei ihr im Jahre 1377 erschienen und habe ihr unmißverständlich erklärt, sie sei keineswegs unbefleckt empfangen. 

Nun muß man hierzu wissen, daß jene Auskunft damals keineswegs eine allgemeine Empörung auslöste, denn das Dogma von der Immaculata  – also der makellosen Empfängnis Mariens (Bewahrung vor der Erbsünde)   – wurde erst 1854 von Papst Pius IX. verkündet.  P1020947

Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit war dieses Thema eine unentschiedene Streitfrage unter Theologen, wobei der Dominikanerorden sich an dem namhaften Kirchenlehrer Thomas von Aquin orientierte, welcher die Immaculata-These wegen seiner strikten Auslegung von der Universalität der Erbsünde ablehnte.

Stattdessen plädierte er für eine „Reinigung“ bzw. Heiligung Mariens im Mutterschoß (als sie im Leib ihrer Mutter Anna lebte). Ähnlich argumentierte bereits zuvor der große Marienverehrer und Zisterzienser-Ordensgründer Bernhard von Clairvaux.

Die Wortführer dieser theologischen Richtung nannte man „Makulisten„.

Hingegen vertraten vor allem führende Franziskaner mit zunehmendem Eifer die Auffassung von Johannes Duns Scotus, daß die selige Jungfrau Maria durch einen besonderen Gnadenakt Gottes und im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi von vornherein vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt blieb.

Die Vertreter dieser Strömung wurden als „Immakulisten“ bezeichnet.

Beide theologischen Schulen argumentierten mit biblischen und patristischen Hinweisen, hatten aber auch jeweils „ihre“ dazu passende Erscheinung. Die Immakulisten beriefen sich auf die hl. Birgitta von Schweden, der die selige Jungfrau in einer Vision bestätigt habe, sie sei die unbefleckt Empfangene.

Papst Urban VIII. wußte sich zu helfen…

Die Päpste erlaubten ausdrücklich beide gegensätzlichen Standpunkte. Urban VIII. wurde angeblich gefragt, welche der beiden heiligen Jungfrauen  – Brigitta von Schweden oder Katharina von Siena  – mit ihrer jeweiligen Marienerscheinung denn richtig liege. Er antwortete diplomatisch: Als Privatmann plädiere er für Katharina, als Papst für Brigitta…

Auch das Konzil von Trient vermied eine lehramtliche Festlegung in dieser Streitfrage. Allerdings wuchs die Zahl der bedeutenden Immakulisten beständig, auch in der Volksfrömmigkeit verstärkte sich diese Tendenz. 3068

1854 wurde sodann die Immaculata-Lehre dogmatisiert und damit der jahrhundertelange Theologenstreit endgültig entschieden.

Hätte Katharina von Siena also heute bzw. in den letzten 170 Jahren gelebt, so würde die Kirche eine solche Erscheinung sogleich als unrichtig einschätzen, zumal es sich bei der Immaculata-Lehre um ein Dogma handelt, also einen letztverbindlichen, unfehlbaren Glaubenssatz der Kirche, an dem es aus katholischer Sicht nichts zu deuteln gibt.

„Marienerscheinung“ unterstützte Dominikaner-These

Nun muß man berücksichtigen, daß die hl. Katharina von Siena dem Dominikanerorden angehörte  – und damit wohl jener theologischen Richtung nahestand, welche die Immaculata-Auffassung ablehnte.

Insofern hatte sie eine dazu passende Privatoffenbarung erhalten, die sie als Himmelsbotschaft ansah. Möglicherweise war die Erscheinung im Kern sogar „echt“, doch sie hat nicht alles korrekt aufgefaßt. Mitunter können sich übernatürliche Phänomene und menschliches Mitwirken stark durchdringen.

Seit der erwähnten Dogma-Verkündigung ist jedenfalls sonnenklar, daß sich die Heilige bezüglich ihrer Marien-Auskunft geirrt hat. Dabei ist zu beachten:

Die spezielle Schwierigkeiten besteht nicht etwa darin, daß Katharina nicht an die Immaculata glaubte (das war damals  wie gesagt kein Problem; immerhin konnte sie sich hierbei auf die namhafte Autorität des hl. Thomas berufen).

Der springende Punkt ist vielmehr, daß sie sich bezüglich ihrer Auffassung nicht etwa auf Verstandeseinsichten bzw. theologische Begründungen (welcher Art auch immer) stützte, sondern auf eine Erscheinung   –  und damit ihrer Auffassung quasi einen „himmlischen Stempel“ verleihen wollte. Zumindest wird deutlich, daß jenes Visionserlebnis von ihrem theologischen Denken und Umfeld mitgeprägt war.  023_20A

Das „Handbuch der Mystik“ erwähnte diese Causa Katharina auf S. 330 und fügt hinzu, daß bereits Benedikt XIV. (siehe Abbildung) jene Marienerscheinung kritisch beurteilt habe.

In seinem vielbeachteten Werk über die Selig- und Heiligsprechungen erwähnte der Papst hierzu die Auffassung von P. Lancicius, wonach die Heilige sich offenbar „infolge einer vorgefaßter Meinung“ selber getäuscht habe.

Der Autor, Theologe und Jesuitenpater Carlos M. Staehlin äußert sich hierzu in seinem 1954 in Spanien erschienenen Werk „Visionen, Stigmata und Offenbarungen“. Es folgt ein Zitat aus dem Skriptum der deutschen Übersetzung von Theodor Baumann SJ (S. 381 f):

„Benedikt XIV. prüfte eingehend die berühmte Vision, die der hl. Katharina von Siena im Jahre 1377 zuteil wurde. In dieser Offenbarung teilte die Muttergottes selbst mit, daß sie in ihrer Empfängnis keineswegs unbefleckt geblieben sei. Der Papst zitiert einige Autoren, die in ihrem Bemühen, den guten Ruf der Heiligen als Seherin zu wahren, nicht davor zurückschrecken, die Herausgeber dieser Visionen als Fälscher anzuklagen. Als Lösung dieses Problems bietet der Papst schließlich die Meinung von P. Lancicius dar, wonach es möglich ist, daß die Heilige sich in gutem Glauben geirrt habe und wirklich meinte, die Muttergottes wiederhole ihr in jenen Ekstasen das, was Katharina wohl öfter vorher gehört hatte.“

Pater Poulain spricht angesichts dieser Causa und weiterer Beispiele, die er anführt, auf S. 309 folgende Warnung aus:

Wenn jedoch selbst Heilige getäuscht worden sind, und die Tatsachen sich nicht leugnen lassen, da muß jeder einsehen, daß auch er nach den Regeln der Klugheit vorzugehen hat.“

Amort: „Zahlreiche Widersprüche bei Offenbarungen“

Pater Poulain zitiert zu diesem Themenkreis auf S. 319 den bedeutenden Gelehrten und Kirchenrechtler Eusebius Amort (1692  – 1775), der kritische Werke über Erscheinungen und Visionen herausgab und sich insbesondere skeptisch mit den Privatoffenbarungen der spanischen Nonne Maria von Agreda befaßte.

Amort zieht als Ergebnis seiner gründlichen Studien folgendes Fazit:

„Die Offenbarungen von Personen, deren Heiligkeit und Wissenschaft von den Doktoren und Vorstehern der Kirche approbiert (akzeptiert, gebilligt) wurden, widersprechen sich untereinander, wie jene der hl. Birgitta, der hl. Gertrud, der hl. Katharina von Siena.“

(Es gab übrigens in Bern Anfang des 16. Jahrhunderts den aufsehenerregenden „Jetzer-Prozeß„, bei dem es um betrügerische Erscheinungen ging  – und zwar zu genau demselben Thema der unbefleckten Empfängnis Mariens. Vier Dominikaner wurden infolgedessen nach einem zweijährigem, vom Vatikan selbst angestrengten Verfahren hingerichtet. Die durch jene falschen Visionen entstandene Verwirrung im Volke wirkte sich verheerend aus und begünstigte damit die dortige Ausbreitung der Reformation. Näheres hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jetzer)

Dazu muß man wissen, daß die Kirche mit einer Heiligsprechung lediglich den heroischen TUGENDGRAD der betreffenden Persönlichkeit würdigt  –  und damit aber keineswegs ihre außergewöhnlichen religiösen Erlebnisse bestätigt.Radio Vatikan Dies bringt auch Pater Poulain auf S. 326 wie folgt auf den Punkt:

„Wenn ein Diener Gottes heiliggesprochen wird, bestätigt man seine Tugenden, nicht seine  Visionen.“

Hierzu zitiert der Autor auf S. 307 erneut Papst Benedikt XIV.: „Was hat man von Offenbarungen zu halten“, so fragt er, welche durch den Vatikan approbiert (genehmigt) wurden, also von kirchlich gebilligten Erscheinungen:

„Ich antworte darauf, daß ein Akt göttlichen Glaubens ihnen gegenüber weder notwendig noch möglich ist, sondern nur ein Akt menschlichen Glaubens nach den Regeln der Klugheit, die sie uns als wahrscheinlich und fromm glaubwürdig hinstellen.“

Auf keinen Fall eignen sich Privatoffenbarungen aber dazu (und damit wären wir wieder bei der Causa Katharina von Siena), um strittige theologische Fragen zu entscheiden.

„Katholiken ist es freigestellt, an Erscheinungen zu glauben“

Hierzu zitiert Pater Poulain auf S. 307 seines Handbuchs den sachkundigen Kardinal Pitra:

„Jeder weiß, daß man ganz frei ist, an Privatoffenbarungen zu glauben oder nicht, selbst bei den allerglaubwürdigsten. Auch wenn die Kirche sie approbiert, werden sie bloß als wahrscheinlich, nicht als absolut sicher hingestellt.

Sie dürfen nicht dazu dienen, unter Gelehrten strittige Fragen der Geschichte, Physik, Philosophie oder Theologie zRadioVatikanu entscheiden. Man darf ruhig von diesen Offenbarungen abweichen, selbst von den approbierten, wenn man sich auf solide Gründe stützt.“

Hieraus ergibt sich die (theo)logische Schlußfolgerung:

Wenn ein Katholik an irgendeine „Privatoffenbarung“ eines Seligen oder Heiligen nicht glauben möchte, so ist das sein gutes Recht  – und niemand kann daraus einen berechtigten Vorwuf ableiten, zumal die Kirche es auch nicht tut.

Dasselbe Prinzip gilt allgemein für die kirchlich approbierten Erscheinungen: Das Kirchenvolk darf ihnen seine Zustimmung schenken, muß es aber nicht, denn die göttliche Offenbarung ist mit dem Tod des letzten Apostels bzw. dem Ende der apostolischen Zeit abgeschlossen.

Dies ist nicht „nur“ ein Dogma, sondern sogar ein sog. „Axiom“, also eine Denkvoraussetzung (!) für viele weitere Dogmen und Lehraussagen der Kirche.

Wegen dieses fundamentalen Prinzips sind selbst die sog. „anerkannten“  – also die kirchlich approbierten  – Erscheinungen nicht glaubensverpflichtend, sondern diese Billigung stellt lediglich eine Erlaubnis bzw. Genehmigung dar (Benedikt XVI.: „Es ist gestattet, daran zu glauben“)  –  und bedeutet keineswegs eine verbindliche Bestätigung durch das kirchliche Lehramt.  (Näheres dazu: https://charismatismus.wordpress.com/2013/10/29/was-bedeutet-die-kirchliche-approbation-einer-privatoffenbarung-genau/)

Diese kirchlichen Grundsätze zur göttlichen Offenbarung einerseits und Privatoffenbarungen andererseits sind selbst frommen Katholiken nicht immer bekannt, weshalb es nötig erscheint, sie gelegentlich einzuschärfen.

Leider sind auch die im allgemeinen zu einer gesunden Vorsicht neigenden kirchlichen Untersuchungskommissionen durchaus nicht immer kritisch genug. Welche fürchterlichen Folgen es zeitigen kann, wenn eine bischöfliche Kommission zu wenig skeptisch vorgeht, zeigt z.B. der verhängnisvolle „Fall Stella“ aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. (Bericht hierzu: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45789205.html)

Fundierte Literatur zur Vertiefung: Vorlesung des katholischen Theologen Prof. Dr. Joseph Schumacher aus Freiburg: http://www.theologie-heute.de/MystikvorlesungIEndfassung2014_2015.pdf


Tod und Leben – in Gottes Hand gegeben

Kritische Anmerkungen zur Organspende  –  von Klemens Hogen-Ostlender

Ein Chirurg hat mir in einer Klinik bei der Vorbereitung auf einen Eingriff einmal gesagt: „Als Erstes muss Ihnen klar sein, dass Sie sterben können morgen bei der Operation!“

Ein durchaus zutreffender Satz. Aber auch ein Satz, der Seltenheitswert hat in Zeiten, in denen Unangenehmes gern hinter beschönigendem Wortschwall verborgen wird.

In Zeiten, in denen die Verlängerung dieses Lebens um jeden Preis meist das höchste Ziel geworden ist, weil man meint, danach komme nichts mehr. Auch um den Preis von 120 000 Euro für eine neue Leber.

Die Erregung darüber, dass in einer Klinik Ersatzorgane verkauft wurden, ist erstaunlich. Neben der Gier nach Geld und der Gier nach Macht steht die Gier nach langem Leben. Wieso also sollte es ausgerechnet auf diesem Gebiet ausnahmslos allüberall moralisch einwandfrei zugehen?

Der Freiburger Theologieprofessor Joseph Schumacher hat in einem Interview kürzlich darauf hingewiesen, dass die Hirntoddefinition eine juristische Konstruktion ist, die es ermöglicht, einerseits die Entnahme von Organen aus einem noch lebenden Menschen, die eine strafbare Tötung darstellt, zu rechtfertigen, andererseits aber auch das Abschalten von lebenserhaltenden Maschinen bei sterbenden Patienten zu ermöglichen.

Im ersten Fall geht es um die Überlistung des natürlichen Todes, im anderen darum, genau das Gegenteil zu tun: Den Tod künstlich herbeizuführen, statt ihm mit allen Mitteln der Medizin hinauszuzögern.

Wer seinen Frieden mit Gott gemacht hat, braucht keine Spenderorgane. Der kann auch vor einer Operation, bei der er keine großen Überlebenschancen hat, ruhig schlafen, wie ich es bei einem Mitpatienten in einer anderen Klinik einmal erlebt habe. Bei einem Mitpatienten, der, ich muss es zugeben, ruhiger geschlafen hat als ich in dieser Situation.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags im „Gießener Anzeiger“ vom 27.7.2012


Satanismus und Exorzismus heute

Vortrag von Pater Lothar Groppe SJ am 6.7.2010  in Ratzeburg

Wenn wir über Exorzismus sprechen, müssen wir uns zunächst darüber klar sein, was ihm vorausgeht bzw. wann der Exorzismus zum Tragen kommt. Es handelt sich bei ihm darum, jemanden, der im weiteren Sinn von übernatürlichen Kräften, welche die Verfügungsgewalt über die eigenen psychischen Funktionen beschränkt, ergriffen ist, hiervon zu befreien.

Im engeren Sinn ist  Besessenheit der Zustand, der durch die teilweise Beherrschung der psychischen Tätigkeiten durch persönliche, menschen- und gottesfeindlichen Wesen herbeigeführt wird. Die Einwohnung  höherer Kräfte wird in Zauberei und Wahrsagen menschlichen Absichten dienstbar gemacht; der Besessene gilt sehr oft als zaubermächtig oder zum Schamanen oder Medizinmann   besonders befähigt  – so die Erklärung des LThuK (Lexikon für Theologie und Kirche).

Beim Thema Besessenheit, Teufel und Exorzismus scheiden sich bei Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen und Theologen beider Konfessionen die Geister:

Manche lehnen dies Gebiet als „Quatsch“ ab, denn nach Ansicht nicht weniger „moderner“ Theologen und Wissenschaftler darf es Dämonen nicht geben. Andere bejahen die Tatsache der Besessenheit – so der Saarländer Theologe Markus Birkenheuer, der den Teufel für eine personale Realität hält.  Er vertritt die Ansicht, daß man das Böse mit rationalen und medizinisch-psychologischen Erklärungen  allein nicht überwinden kann. Der Freiburger Dogmatiker Joseph Schumacher, der in meinen Ausführungen weitgehend zu Wort kommt, vertritt ebenfalls die Realität des Teufels als persönliches Wesen.

Die katholische  Kirche hält nach dem Zeugnis des NT an der Möglichkeit der Besessenheit fest und versteht diese als einen außergewöhnlichen, von Gott zugelassenen Einfluß des Teufels über den menschlichen Leib.

Wie Sie vielleicht wissen, hat der katholische Theologe Herbert Haag dem Teufel  den Abschied gegeben, aber die Kirche hält an seiner Existenz fest. Die Berichte über Dämonenaustreibungen finden sich an zahlreichen Stellen des Evangeliums, so etwa Mt 12, 22 ff., Lk 11, 19, Mk 9, 38 usw.

Natürlich hat der biblische Teufel nichts mit dem Kasperletheater zu tun. Möglicher-weise hat dieses dazu geführt, dass der Teufel bzw. seine Realität von „fortschrittlichen“ Menschen nicht mehr ernst genommen wird.

Wie sieht die kirchliche Praxis zur Überwindung der Besessenheit aus?

In den ersten christlichen Jahrhunderten trieben nicht nur Priester, sondern auch einfache Gläubige den Teufel aus. Die Gabe der Teufelsaustreibung, des Exorzismus, wurde als besonderes Charisma betrachtet  – so heute noch in der Ostkirche

In der römischen Kirche wurde bereits im 3. Jahrhundert das Exorzistat eingeführt. Bis zum II. Vaticanum gehörte das Exorzistat zu den vier niederen Weihen. Ich selber habe diese noch während des Philosophiestudiums erhalten (3. Stufe der niederen Weihen).

Heute bedarf die Ausübung des Exorzismus der Genehmigung durch den Bischof. Sie wird grundsätzlich allein den Priestern erteilt  –  vgl. CIC c. 1151.

Erst im 15. Jahrh. wurden die Regeln über die Behandlung von Besessenen  durch Heinrich v. Gorkum niedergeschrieben. 1614 faßte das „Rituale Romanum“  die wichtigsten Regeln zusammen.

Zunächst wurde angemahnt, Krankheit und Besessenheit nicht zu verwechseln. Als Anzeichen der Bessenheit werden angegeben: Das Verstehen fremder Sprachen; das Wissen um geheime Dinge; das Verfügen über außergewöhnliche Kräfte; die Reaktion auf den Exorzismus sowie auf heilige und geweihte Dinge, z.B. Weihwasser. Sie kennen die Redeweise, dass jemand etwas fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

Das einzelne Zeichen allein ist noch nicht eindeutig. So könnte das Wissen um geheime Dinge auf Hellseherei zurückgeführt werden, allerdings auch auf göttliche Erleuchtung oder dämonischen Einfluß.

Wie bei einer Krankheit die  richtige Diagnose oft erst möglich ist, wenn mehrere Anzeichen zusammentreffen, etwa bei der Frage, ob eine Gehirnerschütterung nach einem Unfall vorliegt, so auch bei der Besessenheit.

Man muß bei einem Besessenen zwei Zustände in seiner Person unterscheiden: In einem Zustand ist äußerlich alles normal, so dass er seiner gewohnten Arbeit nachgehen kann.

Im anderen Zustand schaltet sich der Teufel ein. Dieser Krisenzustand kann ohne besonderen äußeren Anlaß eintreten, wird aber vor allem durch den Exorzismus erzwungen, so daß der Teufel seine Anwesenheit im Körper verraten muß.

Es treten z.B. Lähmungen auf, Taubheit, Stummheit, Blindheit, Meteorismus (Blähungen), Schmerzen und Krankheitserscheinungen verschiedenster Art. Der Körper kann sogar emporgehoben werden oder wie in Ekstase strahlen.

Der Exorzist muß den Sachverhalt der Besessenheit sorgfältig klären. Ob es sich tatsächliche um böse Geister handelt, bedarf einer theologischen Prüfung, die sich auf die Regeln zur Unterscheidung der Geister im Exerzitienbuch des hl. Ignatius stützt.

Nach den Weisungen des Rituale soll er durch Fragen ermitteln, ob ein oder mehrere Teufel anwesend sind, wie ihre Namen heißen, warum es zu dieser Besessenheit kam, was der von Gott zugelassene Zweck derselben ist und an welchem Tag und zu welcher Stunde sie beendet sein wird.  Die kirchliche Praxis geht von der Voraussetzung aus, dass der oder die Teufel diese Fragen wahrheitsgemäß beantworten müssen.

Neugieriges Fragen nicht erlaubt

Alle anderen Fragen, die nicht zu dieser Klärung beitragen, etwa aus Neugier, verbietet das Rituale ausdrücklich.

Je nachdem, ob es sich bei Besessenheit um Strafe für eine Schuld oder um die Auswirkungen eines Fluches handelt, oder lediglich um eine Prüfung  (passive Reinigung), muß der Exorzist anders vorgehen.

Erst wenn der Zweck, zu dem Gott die Besessenheit zuließ, erreicht ist, kann der Schlußexorzismus gesprochen werden. Während des Ausfahrens wird der Körper des Besessenen heftig hin und her gezerrt.

Dies alles klingt möglicherweise  abstrus, aber es ist schon ein merkwürdiges Phänomen, daß Teufel und Dämonen innerhalb der Kirche mehr und mehr an die Peripherie gerückt  oder nur symbolisch verstanden werden, während das Interesse daran außerhalb der Kirche in auffallender Weise wächst.

Satanismus als neue Anti-Religion

Wie der Freiburger Dogmatikprofessor Joseph Schumacher in einem Vortrag (am 16.2.2000 in Meran) über „Das Wirken dämonischer Kräfte – Satanismus“ ausführt, bieten sich Satanskult und Satanismus als Alternative zum Christentum wie eine neue Religion an. Ich stütze mich nun weitgehend auf seinen Vortrag.

In der Hinwendung zum Teufel und zu Dämonen suchen viele Hilfe und Trost in der Monotonie des Alltags, in der Resignation und Verzweiflung angesichts der nicht beantworteten Sinnfrage.

Mats Wilander, einst großes Tennis-As aus Schweden, sagte in einem Interview: „Man hat das Gefühl, in einem Sandkasten herumzuspielen – und der, der das schönste Sandschloß baut, gewinnt. Wir trainieren und spielen, ohne zu wissen, wo wir sind. Es klingt natürlich toll, sich ein Schloß zu bauen, acht Stunden am Tag Golf zu spielen und teuer essen zu gehen, aber das ist alles so sinnlos.“

Nach Professor Schumacher ist für ungezählte Jugendliche, aber nicht nur für sie, der Satanismus zu einer geschätzten Droge geworden, die ekstatisches Erleben vermittelt.  In sog. „schwarzen Messen“ wird diese Art von Anti-Religion geradezu zelebriert.

In einem langen Gespräch mit ihm habe ich die Frage geklärt, ob Besessenheit und Satanismus identisch sind. Das sind sie nicht. Vielmehr liegt bei echtem Satanismus – also nicht etwa bei bloßer Neugier, was da vor sich geht – Besessenheit vor. Aber der Besessene ist nicht gleich Satanist.

Exorzismus nur bei einem Einzelnen erlaubt

Die Vornahme des Exorzismus darf nur in einer Kirche oder Sakristei vorgenommen werden und zwar  unter Ausschluß der Öffentlichkeit und dann nur bei einem Einzelnen.

Der Bischof kann die Anwesenheit eines Familienangehörigen genehmigen. Sonst erfolgt sie strikt unter Ausschluß der Öffentlichkeit, um Sensationsgier vorzubeugen. Ihnen ist vielleicht bekannt, daß der afrikanische Erzbischof Milingo sich als „Massenexorzist“ betätigte. Zu ihm kamen angeblich Besessene gleich in Omnibussen. Er wurde später vom Vatikan in den Laienstand versetzt.

1995 erschien in Augsburg das „Schwarzbuch Satanismus“, das den gegenwärtigen Satanismus in seinen verschiedenen Schattierungen untersucht und darstellt .Darin stellen die Autoren, die Brüder Guido und Michael Grandt, fest, dass die Satanismus-Szene zu wenig von der Öffentlichkeit beachtet  wird und daß es allgemein an der nötigen Aufklärung fehlt.

Nachdrücklich weisen die Verfasser auf den rituellen Mißbrauch von Kindern im Satanismus und auf die Kriminalität des Treibens von Satanisten hin. Es sind erschütternde Fakten bekannt. Guido und Michael Grandt sprechen geradezu von einer „organisierten Verschwörung der Satanisten.“:  „Im Dezember 1989 gab es in Köln eine groß angelegte Selbstdarstellung des Satanismus, die erste nationale Schwarze Messe.“

Immer wieder berichten Zeitungen von Verbrechen mit satanistischem Hintergrund. Angesichts der Leugnung von Teufeln und Dämonen bei Christen und angesichts des schwindenden Einflusses des Christentums in der Öffentlichkeit entsteht in der Hinwendung zum Satanismus so etwas wie eine religiöse Gegenkultur.  Viele verschließen die Augen davor.

Nach Professor Schumacher sollen sich in Deutschland rund 2 Millionen Jugendliche in Kulten und Sekten organisiert haben, von denen sich nicht wenige zu satanistischen Ideen bekennen.

Nach Einschätzung der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ treffen sich mehr als 10.000 Jugendliche regelmäßig zu „schwarzen Messen“. Sehr viel größer ist die Zahl der Jugendlichen, die irgendwann mit satanistischen Ritualen in Kontakt gekommen sind, sich jedoch wieder davon abgewandt haben.

Das mag Ihnen vielleicht allzu phantastisch vorkommen, aber bei meiner Beschäftigung mit Friedrich von Spee, dem mutigen Bekämpfer des Hexenwahns, stieß ich u.a. auf Berichte in der „Welt“ (8.8.1985), in denen es heißt, daß heutzutage Hexen, Hexenpriester und „neue Heiden“ nach einer Abkehr vom Christentum bei uns in Deutschland auf dem Vormarsch sind.

Bereits 1984  – und die Zahlen sind steigend  –  schätzten Experten die Zahl der aktiven Hexen und Satanspriester auf etwa 2500. Mehr als 25% der Deutschen seien von den übersinnlichen Kräften dieser Magier überzeugt („Welt“, 12.9.1984) Ein Jahr später berichtete „Die Welt“: „Das Heidentum ist zu einem Faktor geworden, mit dem alle Religionen  und politischen Kräfte rechnen müssen.“

„Eine Jugenddroge von heute“

In der „Welt am Sonntag“ vom 21.2.1988 heißt es: „Der Satanskult ist die Jugend-Droge von heute.“

Nach Prof. Schumacher gibt es in allen größeren Städten der westlichen Welt satanistische Gruppierungen, zum Teil auch in Entwicklungsländern, wenngleich dort in etwas anderer Färbung. In wachsendem Maß finden wir sie in den Ländern des früheren Ostblocks.

Diese Gruppen arbeiten stets mit Verächtlichmachung der Religion und Gottesverehrung, mit der Zerstörung religiöser Gegenstände und Symbole, mit Sex und Gewalt und mit Ritualisierung des Kriminellen; sie haben mitunter sogar perverse Freude am Foltern und Töten: zunächst an Tieren, dann aber auch an Menschen; ihr Weltbild ist okkult und magisch.

Satanisten sind davon überzeugt, dass der Mensch sich die jenseitige Welt verfügbar machen kann, speziell die bösen Geister. Denken Sie an „Faust“ und seinen Pakt mit dem Teufel.

Sie treten in Konkurrenz zu den etablierten Religionen – insbesondere dem Christentum –  auf. Deshalb nennen sich die Verantwortlichen in diesen Gruppen gern Priester oder Großpriester, inszenieren eine satanistische Liturgie und feiern schwarze Messen: in ihnen verbinden sie sexuelle Orgien mit grausamen Tieropfern und Kindesmißhandlungen bis hin zu sadistischen Morden. Häufig verwenden sie hierbei konsekrierte Hostien. Das ist auch einer der Gründe, warum z.B. in England  lange Zeit die Handkommunion in der kath. Kirche nicht erlaubt war.

Der Ritualmord ist in je verschiedener Gestalt ein zentrales Element des Satanismus. Vielleicht erinnern sich einige noch daran, daß am 9. August 1969 Sharon Tate, die schwangere Frau des Filmproduzenten Roland Polanski, bestialisch ermordet wurde.

1986 wurde in Lüdinghausen ein 15-jähriges Mädchen durch die satanistische Gruppe der „Luzifikaner“ ermordet, die Luzifer ein Opfer darbringen und den Einzug des Mädchens in dessen Reich beschleunigen wollten. Ein Siebzehnjähriger und eine Siebzehnjährige hatten dem Mädchen die Pulsadern aufgeschnitten (vgl. FAZ 17.10. 1987).

1993 starb in der thüringischen Kleinstadt Sondershausen ein 15-jähriger Junge unter grausamen Foltern als Opfer eines satanistischen Mordes.

1994 gingen in der Schweiz 53 Männer und Frauen der Sonnentempler-Sekte auf Geheiß ihres Anführers in den Tod, nachdem sie zuvor einen drei Monate alten Säugling geschlachtet hatten (Grandt, S. 16).

In England sollen es jährlich etwa 4000 Kinder sein, die dem „Satan“ geopfert werden. In Kalifornien sind 95% aller vermißten Kinder angeblich Opfer von satanistischen Entführungen und Morden.

Es wird von Frauen berichtet, die in das Netz der Satanisten gerieten, Jahre hindurch rituell mißbraucht und gezwungen wurden, ihre Kinder dem satanistischen Wahn zur Verfügung zu stellen. In dem 1967 in den USA erschienenen Buch „The Black Arts“ propagiert Richard Cavendish das Menschenopfer, speziell das Kindesopfer und bezeichnet es als das wirksamste Mittel zur Gewinnung des Wohlwollens des Teufels und der Dämonen.

Seit jeher gehört zum Teufelskult auch ein gewisser Vandalismus gegenüber heiligen Zeichen. Man zerstört Feldkreuze, besonders in der Karfreitagsnacht,   schändet die Eucharistie.

In Bad Schwartau wurde das Innere der Kirche mit Kot beschmiert. Im September 1987 wurden bei zwei Kirchen in Rom innerhalb von 48 Stunden Sakralgegenstände und konsekrierte Hostien entwendet.

Der „Großpriester“ der „Schwarzen Kirche Luzifers“ erklärte vor Journalisten, zwar verwende er mit seinen Leuten bei den schwarzen Messen auch konsekrierte Hostien, aber beschaffe sich diese auf legalem Wege. (DT 3.9.87)

Eine spezifische  Form des Satanismus ist der Hexenwahn. Unter „Hexen“ versteht man Frauen oder Männer, die mit dem Teufel angeblich einen Pakt geschlossen haben und denen der Teufel als Gegengabe außergewöhnliche Kräfte verleiht; sie erheben den Anspruch, mit Hilfe des Teufels und der Dämonen die Zukunft voraussagen und in Krankheit und seelischen Nöten helfen zu können.

Man hat von einem Hexenboom als einem charakteristischen Zeichen der Gegenwart gesprochen. 1984 sollen nach Angaben der „Welt“ mehr als 2500 Hexen praktiziert und ihre Dienste gegen Bezahlung angeboten haben (12.9.84)  – und 1990 bereits an die 10.000 (laut idea -Spektrum vom 26.7.90).

Ulla von Bernus aus Wüstefeld bei Rotenburg  empfiehlt sich in Zeitungsannoncen als Hexe und Satanspriesterin. Sogar im Fernsehen durfte sie auftreten. Für das Zusammenführen oder die Trennung von Menschen, insbesondere für das „Tothexen“ mit Hilfe des Satans berechnete sie bis zu 30.000 DM. Über 20 Ehemänner will sie schon „totgehext“ haben.

Zum Satanismus gehört auch der Konsum von Drogen. Der Griff nach ihnen ist heute weiter verbreitet als   gewöhnlich angenommen wird. Nach einer Umfrage in den USA sollen 50% der  befragten Teenager  sie zumindest schon ausprobiert haben, aus Spaß, aus Überredung oder um dem Alltag zu entfliehen.

Im Satanismus werden nicht nur illegale Drogen, sondern auch Medikamente als Drogen verwendet wie Amphetamine, Antidrepessiva, Beruhigungsmittel und Halluzinogene. Vor allem spielt der Alkohol im Satanismus eine große Rolle. Man darf nicht vergessen, dass auch  Alkohol  eine Droge ist, wenn auch eine gesetzlich erlaubte. Er ist am weitesten verbreitet, auch unter Jugendlichen. In Deutschland beträgt die Zahl der Alkoholkranken 3% der Bevölkerung.

Eine Langzeitstudie der Uni Bielefeld ergab, dass sich die Drogenszene in Deutschland  in bedenklichem Maß an den Schulen etabliert hat. Nach dieser Studie trinken zwei Drittel aller Neuntkläßler regelmäßig Alkohol. Jeder Dritte nimmt Haschisch oder Kokain oder starke Medikamente.

Für den Satanismus disponiert neben den Drogen der Hardrock, eine spezifische Form von überdimensional lauter Musik. Diese Musik erfreut sich heute allgemeiner Beliebtheit. Der Hardrock und seine Vorläufer (Rolling Stones) umgeben sich mit satanistischen Symbolen und in ihren Texten treten sie mehr oder weniger unverhohlen für den Satanismus ein, so jedenfalls  einige Zeit in „Bravo“. Ob dies heute noch zutrifft, konnte ich nicht erfahren.

Wenn junge Menschen in die satanistische Szene abgleiten, sind die Eltern oft ahnungs- und hilflos. Sie sind geneigt, die Anzeichen, die sie an ihren Kindern bemerken, zu bagatellisieren, etwa die Unbotmäßigkeit ihrer Tochter – oder die Verweigerungshaltung ihres Sohnes, dessen nachlassende Leistungen in der Schule als Auswirkungen der Pubertät zu betrachten. Dasselbe gilt  für eine gesteigerte Aggression und längeres Ausbleiben am Abend. Viele Eltern trösten sich damit, daß sich dies schon wieder geben werde.

Darüber hinaus gibt es fragwürdige Autoren, die den Satanismus herunterspielen. Professor Schumacher zitiert in seinem Vortrag einen Autor, der die Meinung vertritt, satanistische Rituale seien „weitaus weniger harmlos als Treppensteigen, Schwimmen oder Autofahren.“ (S. 12)

Für Jugendämter, Jugendseelsorger und Behörden des Strafvollzugs gilt, dass sie zu wenig über das Phänomen des Satanismus wissen und ihm zu wenig Bedeutung beimessen. Nicht selten glauben sie, Verbrechen im Namen des Teufels seien Handlungen von Geisteskranken. Die Geheimhaltungsdisziplin in den satanistischen Gruppierungen erschwert ungemein die Bekämpfung des Satanismus.

Nicht selten geraten Jugendliche in die satanistische Szene, weil ihre Eltern ihnen zwar alle Wünsche erfüllen, sich ihnen aber zu wenig zuwenden und niemals für sie Zeit haben. Anhänger des Satanismus kommen keineswegs nur aus zerbrochenen Familien. Neben mangelnder Zuwendung seitens der Eltern spielt das Fehlen einer religiösen Bindung eine Rolle.

Die Einführung in satanische Gruppen erfolgt für gewöhnlich über Partys, die sich wegen ihrer moralischen Schrankenlosigkeit als attraktiv erweisen. Von den entscheidenden Leuten wird dann die Angst der Neulinge vor der Öffentlichkeit in zynischer Weise ausgenutzt, um ihren Ausstieg zu verhindern

Im Satanskult ist alles erlaubt, was verboten ist

Ob der Satanismus in einer festen Gruppe existiert oder spontan und informell ist, stets stehen Sex und Gewalt im Mittelpunkt. Die Sexualität ist für den Teufel immer schon das entscheidende Medium der Zerstörung der Menschenwürde. Im Satanskult ist alles erlaubt, was verboten ist. Die Antimoral des Satanismus ist extrem egoistisch, primitiv und brutal. Jeder soll seine eigenen Wünsche egoistisch ausleben.

In einer Sendung des ZDF im April 1989 meinte ein Schüler: „Ist doch ganz logo – die einen glauben an Jesus, und die, die etwas erleben wollen, an Satan; also, was soll die ganze Aufregung?“  –  Ein anderer ergänzte: „Am besten dabei ist die geile Musik. Dafür gibt’s ja wohl keinen Ersatz.“

Spricht man junge Menschen, die dem Satanismus verfallen sind, darauf an, sagen sie, die Selbstzerstörung werde nicht weniger durch die Politik mit ihrer Korruption und ihrem heimlichen Terror sowie durch die allgemeine Gleichgültigkeit hinsichtlich des Umweltschutzes besorgt.

Sie meinen im Grunde den zerstörerischen Nihilismus, der weitgehend in der westlichen Welt herrscht und nicht wenige zugrunde richtet, unter dessen Einfluß die Satanisten selber stehen, ohne es zu wissen oder ohne es wahrhaben zu wollen.

Gerade der latente Nihilismus treibt Menschen in den Satanismus hinein. Wer sich dem Bösen überläßt, wie es im Satanismus geschieht, zerstört sein Menschsein

Im Satanismus kehrt der in der aufgeklärten Religion abgeschaffte Teufel wieder. Es ist nicht zuletzt die schwammige Religiosität, die das Christentum weithin pervertiert hat, die den Menschen jedoch letztlich in seinen Erwartungen nicht befriedigt. Viele veranlaßt er, sich enttäuscht vom Christentum abzuwenden – denken wir an die Massenaustritte aus den Kirchen – und sich seltsamen neuen oder neu-alten Kulten zuzuwenden, oft satanistisch geprägten Kulten.

Im Satanismus wird die überkommene christliche Lehre vom Teufel und den Dämonen pervertiert und verfälscht. Der Traktat über den Teufel und die bösen Geister ist gerade heute von großer Aktualität. Vgl. dagegen den Theologen Haag „Abschied vom Teufel“.

Aber das Dogma sagt: „Die Stammeltern verfielen dem Tod und der Herrschaft des Teufels.“  –  Die Herrschaft des Teufels  wird in Gen 3, 15 angedeutet und in Joh 12, 31; 14, 30; 2 Kor 4, 4; Heb 2, 14; 2 Petr 2, 19 ausdrücklich gelehrt.

Immer wieder wird – auch innerhalb der Kirche – behauptet, der Teufel sei keine Realität, sondern nur ein Bild, ein Stilmittel. Er sei nicht eine Person und es gebe keine bösen Geister. Der Teufel und die bösen Geister seien eine Metapher für das Böse in der Welt und im Herzen des Menschen.

Die eigentliche Wurzel der Leugnung der Existenz von guten und bösen Geistern liegt in der Aufklärung, die keinen Platz für Engel und Dämonen hatte. Die Leugnung hielt ihren Einzug zunächst in die evangelische (Rudolf Bultmann + 1976) und dann in die katholische Theologie. Haag argumentiert nicht exegetisch, sondern anthropologisch. Der Teufelsglaube sei anachronistisch und für den Bürger des 20. Jahrhunderts unzumutbar.

Wäre der Teufel nur eine mythische Gestalt, dann gälte dies auch für die Existenz der Hölle. Die Leugnung der Hölle widerspricht jedoch der göttlichen Offenbarung und der durchgängigen Glaubensüberzeugung der Kirche. Letztlich ist die Leugnung des Teufels so etwas wie ein Vorspiel der Leugnung Gottes.

Schon die Vernunft kann den Teufel erschließen: seine Existenz drängt sich auf angesichts der Abgründigkeit des Bösen und seiner Übermacht, speziell in der Gestalt der geistigen Destruktion, in der Gestalt der Verführung, der Desorientierung und der Selbstzerstörung des Menschen, der Verharmlosung des Bösen, der Eskalation der Gewalt, der wachsenden Brutalität und des Schwindens des Empfindens für sittliche Werte.

Es ist leicht, die Überzeugung von der Existenz des Teufels lächerlich zu machen und ihn in das Reich der Phantasie zu verweisen. Aber unleugbar ist die Flut der Unmenschlichkeit in der Welt, denken wir etwa an die zunehmende Bedrängnis und Verfolgung der Christen in islamischen Ländern, aber auch im Hinduismus…

Sie kann nur schwer allein mit der Schwachheit und Bosheit der Menschen erklärt werden. Bemerkenswert ist die weltweite Propagierung des Bösen, die mangels  Massenmedien früher so nicht möglich war.

Aus dem Drama von Carl Zuckmayer

Im Drama von Carl Zuckmayer („Des Teufels General“) fragt der junge Leutnant Hartmann sein Idol, den General  Harras: „Glauben Sie an Gott?“  – Harras muß nachdenken, die Frage kam zu unvermutet:

„Ich weiß es nicht. Er ist mir nicht begegnet. Aber das lag an mir. Ich wollte ihm nicht begegnen. Er hätte mich  vor Entscheidungen gestellt, denen ich ausweichen wollte. Ich habe an das Erdenkbare und an das Erkennbare geglaubt. An das, was man prüfen, entdecken, finden kann…Der Mensch träumt nichts, was nicht ist und war und sein wird. Wenn er Gott geträumt hat – dann gibt es Gott. Ich kenne ihn nicht. Aber ich kenne den Teufel. Den hab ich gesehen  –  Aug in Auge. Drum weiß ich, dass es Gott geben muß. Mir hat er sein Angesicht verhüllt. Dir wird er begegnen.“

Die Begegnung mit der Abgründigkeit des Bösen hat ihren Niederschlag in den meisten Religionen gefunden, sowohl in den Hoch- wie auch in den Stammesreligionen. In ihnen gibt es die Überzeugung von der Existenz und dem Wirken der Dämonen.

Thomas von Aquin (+ 1274) stellt nüchtern fest: „Die Erfahrung zeigt, dass vieles durch die Dämonen geschieht.“  (experimento enim scitur multa per daemones fieri (STh I q. 115 a.5) Die Dämonen entlasten den Menschen nicht von seiner Schuld, machen jedoch die Abgründigkeit des Bösen verständlich.

Wie man Gott nur aus seinen Wirkungen erkennen kann, so auch den Teufel und die bösen Geister. Diese Wirkungen kann man wahrnehmen, wenn man nicht die Augen vor ihnen verschließt.

Das spezifische Wesen des Teufels und der Dämonen besteht darin, dass sie eine geistige Natur haben, dass sie personal sind; sie sind mit Intellekt und Freiheit begabte Geschöpfe und im Unterschied zu den Menschen reine Geister.

Gewiss stehen  Teufel und  böse Geister nicht im Mittelpunkt der göttlichen Offenbarung, aber man kann von ihnen nicht absehen, wenn man die Botschaft der Kirche unverkürzt versteht.

Gott  hat nicht nur die sichtbare Welt geschaffen, sondern auch eine unsichtbare mit geistigen Wesen, von denen sich einige in freier Entscheidung gegen ihn gewandt haben und böse geworden sind. An ihrer Spitze steht Luzifer.

Wegen ihres vollkommeneren Seinszustandes, ihrer größeren Einsicht und Entschiedenheit gibt es für sie keine Reue und keine Umkehr, keine Vergebung und Erlösung. Sie sind verhärtet im Bösen und brennen von Haß und Neid und Verführungssucht gegenüber den Menschen

Gott hatte die Engel gut geschaffen; böse wurden sie durch eigene Schuld. Im 2. Petrusbrief heißt es: „Gott hat die Engel, die sündigten, nicht geschont, sondern in den Abgrund hinabgestürzt.“ (2,4)

Der Sündenfall der Engel ist die Geburtsstunde dessen, was wir Hölle nennen, die örtlich und zuständlich zu verstehen ist. In der bildhaften Sprache wird sie als das ewige Feuer bezeichnet. Die Kirche hat die Ewigkeit der Hölle in alter Zeit im Zusammenhang mit der Verurteilung der Apokatastsasis-Lehre (Allerlösung) des Origenes ausdrücklich definiert.

Das Zeugnis der Heiligen Schrift

Der Teufel und die bösen Geister begegnen uns immer wieder in der Hl. Schrift, besonders im NT. Das Ringen mit der Macht des Bösen gehört wesentlich zum religiösen Weg Jesu. Christus versteht sein messianisches Wirken in erster Linie als Auseinandersetzung mit dem Satan (Mk 1, 35 – 39)

Zum Kampf gegen die Dämonen bevollmächtigt er ausdrücklich seine Jünger (Mk 3, 14f.) In der Kraft des Hl. Geistes treibt er die Dämonen aus und erweist sich so als Gottes Gesandter (Mk 1, 23 – 28; 32 – 34. 3, 22 – 30.Mt 12, 28; Lk 11, 18; 10, 18)

Im KKK (Weltkatechismus) heißt es: „Das Kommen des Gottesreiches ist die Niederlage des Reiches Satans: „Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“ Die von Jesus vorgenommenen Exorzismen befreien die Menschen aus der Macht der Dämonen.“ (Nr. 550)

Jesus bezeichnet den Teufel als den Fürsten dieser Welt (Joh 12, 31; 14, 30; 16, 11) und als den Menschenmörder von Anbeginn  (Joh 8, 44). Vielfach wird der Anführer der gefallenen Engel (Mt 25, 41) auch Satan genannt.

Bei Matthäus Ist 11 mal vom Satan und seinen Engeln die Rede, bei Mk 13 mal, bei Lk 23 mal,  bei Joh 6 mal.  – Im Anschluß an Jes 14, 2 nennen ihn die Kirchenväter Luzifer.

Auf jeden Fall ist er nach dem Zeugnis der Hl. Schrift im Plural zu denken. Wenn er auch in der Bibel bildhaft dargestellt wird, so darf man nicht den Gehalt, die Sache, eliminieren. Man muß zwischen Aussageweise und Aussageinhalt unterscheiden (vgl. „Sonnenaufgang“ und „Sonnenuntergang“).

Nach dem Zeugnis der Hl. Schrift liegt die Wirksamkeit des Teufels zunächst im Bereich des Geistes, d.h. er wirkt in geistiger Weise auf den Willen des Menschen ein. Durch Verführung zur Sünde  versucht er dem einzelnen zu schaden, ihn zum Haß gegen Gott zu verleiten, gegen die Wahrheit, besonders gegen die Menschen und gegen alles von Gott Geschaffene. Sie verleiten dazu, sich den Trieben ungeordnet zu ergeben.

Ihr Bestreben ist es, die gute Schöpfung Gottes zu verderben. Als Widersacher Gottes und der Menschen führen sie vor allem einen unerbittlichen Kampf gegen Christus und seine Anhänger, denken wir an die Millionen Märtyrer des vergangenen Jahrhunderts.

Von ihrer Natur her sind die bösen Geister dem Menschen überlegen, aber Gott bewahrt den Gläubigen, wenn er sich an ihn wendet. Christus ist der Stärkere. Dennoch können die bösen Geister viel Unheil anrichten und sie tun es auch.

Dämonenangst  ist der Offenbarung fremd, wenngleich sie Wachsamkeit verlangt: „Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.“ (1 Petr, 5, 8 )

Eine intensivere Einwirkung des Teufels  auf einen Menschen ist die Besessenheit, die uns in den Evangelien recht häufig begegnet. Sie besteht darin, dass der böse Geist vom Leib eines Menschen gewaltsam Besitz ergreift, um die körperlichen Organe und die niederen Seelenkräfte zu beherrschen.

Nach außen wirkt der Besessene wie ein psychisch oder physisch Kranker, weshalb eine sichere Erkennung der Besessenheit schwierig, wenn nicht sogar fast unmöglich ist.

Christus hat nicht wenige Besessene geheilt. Mit Namen bekannt ist Maria Magdalena, aus der er sieben böse Geister ausgetrieben hat. Bei Mt 8, 16 lesen wir: „Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken.“  – Jesus unterschied deutlich zwischen Krankheit und Besessenheit. Seinen Jüngern verlieh er die Vollmacht, böse Geister auszutreiben

Nach Überzeugung der Kirche gibt es auch heute noch Besessenheit Es ist nicht zu bestreiten, dass  es eine Nähe zwischen seelischen Krankheiten und parapsychologischen Gegebenheiten sowie der Besessenheit gibt. Das darf aber nicht dazu verleiten, allein nur noch rein natürlich zu erklären. Dagegen sprechen die Berichte der Evangelien.

Man muß sich vor kritikloser Leichtgläubigkeit ebenso wie vor rationalistischem Unglauben hüten. Nüchternheit und Skepsis sind in jedem Fall nötig. Deshalb schreibt das Kirchenrecht vor, dass beim Exorzismus in jedem Fall der Bischof einbezogen wird (CIC, can 1172).

Sodann wird im Fall einer möglichen oder vermutlichen Besessenheit immer eine Zusammenarbeit zwischen Priester und Arzt erfolgen. Handelt es sich wirklich um Besessenheit, kann man ihr nicht mit medizinisch-therapeutischen Maßnahmen begegnen, so wenig wie man mit dem Exorzismus eine physische oder psychische Krankheit heilen kann.

Es gibt dramatische und weniger dramatische Formen von Besessenheit, in der es keine physischen oder psychischen Krankheitsphänomene gibt, in der aber die Bosheit ungewöhnliche Formen annimmt. Diese Form von Besessenheit dürfte heute häufiger vorkommen als in der Vergangenheit.

Verständlicherweise kann man die Frage stellen, warum Gott die Besessenheit zuläßt. Mögliche Deutungen sind, dass sie der Läuterung der Frommen dienen, sowie der Offenbarung der göttlichen Macht. In  Einzelfällen kann sie wohl auch eine Strafe für persönliche Schuld sein. Diese Möglichkeit dürfte vor allem im Kontext mi dem modernen Satanismus zutreffen.

Wenn heutzutage die Meinung vertreten wird, die bösen Geister hätten eine übermenschliche Macht und könnten Menschen daran teilhaben lassen, was man traditionsgemäß als Teufelspakt bezeichnet  –  denken wir an Goethes „Faust“ – so trifft man diese Vorstellung in den verschiedensten Denominationen, die den Anspruch besonders intensiver Gläubigkeit erheben.

Im protestantischen Raum sind das jene Christen, die dem Pfingstlertum zuneigen, im katholischen jene, die eine starke Tendenz zu Privatoffenbarungen, Visionen und Wundern haben.

Weder Aberglaube noch Unglaube sind katholisch

In diesen Kreisen gilt oft die Devise: Je mehr man glaubt, umso frömmer.   – Aber das ist nicht die katholische Auffassung. Jener Glaube, der zu viel und zu leichtfertig glaubt, ist nicht weit vom Unglauben entfernt. Der Aberglaube gebiert den Unglauben und oft der Unglaube den Aberglauben.

Das entscheidende Existential des Teufels ist die Lüge. In seinem Dienst stehen die Pseudopropheten, die Gott sagen und seinen Widersacher meinen.

Paulus bezeichnet sie als „Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ (2 Kor 11, 13).

Der engen Beziehung des Teufels und der bösen Geister zur Lüge entspricht es, dass die Wunder, die sie wirken, leetztlich nur Scheinwunder sind, wie es im 2. Thessalonicherbrief  hinsichtlich des Antichristen heißt; der Name Antichrist taucht erstmals im 1. Johannesbrief auf (2,18) – den „Sohn des Verderbens“, den „Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott oder Heiligtum heißt“ (2 Thess. 2, 3 f; 2,9–11).

Seltenere Vorkommnisse der Psychologie, der Psychopathologie und der Parapsychologie können tatsächlich mit echten Wundern verwechselt werden.

Mit der Vorstellung des Teufelpaktes verbindet sich auch die leidvolle Geschichte des Hexenwahns, dem auch weite Teile in der Kirche verfallen waren.

Er ist freilich nicht die Frucht des gern so genannten „finsteren Mittelalters“, sondern hat eine mehrtausendjährige Tradition. Wir finden ihn bei nahezu allen Religionen der orientalischen, griechisch-römischen und keltisch-germanischen Kulturkreise.

Neben dem einen Gott der Juden oder einer Vielzahl von Göttern und guten Geistern nahm man die Existenz dämonischer Wesen an, die man sich unter gewissen Bedingungen dienstbar machen konnte.

Wir wissen aus dem 1. Buch Samuel, wie Saul durch eine Totenbeschwörerin den Geist des Propheten Samuel heraufsteigen ließ (28,11). Im AT zählten

„Schwarze Magie“ und Totenbeschwörung zu den todeswürdigen Verbrechen: „Männer und Frauen, in denen ein Toten- oder Wahrsagegeist ist, sollen mit dem Tode bestraft werden.“ (Lev 20, 27)

Kirchenväter wie Tertullian und Augustinus erblickten in der Zauberei eine Art von Götzendienst. Albert der Große und Thomas von Aquin hielten Zauberei nicht für ein Produkt der Phantasie, sondern für Wirklichkeit.

Die großen Scholastiker schreiben den starken Einfluß der Dämonen auf den Menschen einen zugrundeliegenden Pakt zu, wie es schon Augustinus in seiner „doctrina christiana“ (II, 20) getan hatte.

Die Überzeugung vom Wirken des Teufels und der bösen Geister verbürgt uns letztlich die Hl. Schrift. Man darf sie nicht selektiv lesen und willkürlich deuten.

Wie der KKK (Weltkatechismus) ausführt, ist „die Macht Satans nicht unendlich Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf ….Dass Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber „wir wissen, dass Gott denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt.“ (Nr 395)   –  „Die von Jesus vorgenommenen Exorzismen befreien die Menschen aus der Hand der Dämonen. Sie nehmen den großen Sieg Jesu über den „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12, 31) vorweg.“ (Nr. 550)