Der Geist des HERRN erfüllt das All

Das PFINGST-Poster des ECCLESIA-Plakatdienstes in Münster

ECCLESIA-Plakat des KOMM-MiT-Verlags in Münster

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PFINGSTPREDIGT Papst Benedikts vom 27.5.2012 im vollen Wortlaut

Zum Gegensatz zwischen Babel und Pfingsten

Liebe Brüder und Schwestern!
Ich freue mich, mit Euch diese heilige Messe zu feiern, die heute auch vom Chor der „Akademie Santa Cecilia“ und dem Jugendorchester begleitet wird. Ich danke dafür!

Foto: Radio VatikanHeute ist Pfingsten; dieses Geheimnis bedeutet die Taufe der Kirche, es ist ein Ereignis, das ihr sozusagen die ursprüngliche Form gegeben hat und den Anstoß zu ihrer Mission. Und diese „Form“ und dieser „Anstoß“ bleiben gültig, bleiben aktuell und erneuern sich vor allem in der Liturgie.

Ich möchte heute morgen vor allem über einen wesentlichen Aspekt des Pfingstgeheimnisses sprechen, das bis in unsere Tage von großer Bedeutung ist. Pfingsten ist das Fest der Einheit, des Verständnisses und der Gemeinschaft unter den Menschen.

Wir können alle feststellen, wie in unserer Welt – trotz der wachsenden Nähe, die uns die Entwicklung der Medien erlaubt, und auch wenn die geografischen Entfernungen zu schrumpfen scheinen – das Verständnis und die Gemeinschaft unter den Menschen oft oberflächlich und schwierig ist.

Ungleichgewichte bestehen weiter, die nicht zufällig zu Konflikten führen; das Gespräch zwischen den Generationen wird mühsam, und manchmal nimmt der Streit überhand; wir erleben im Alltag Dinge, die uns den Eindruck vermitteln, als ob die Menschen aggressiver und streitsüchtiger würden; es sieht fast so aus, als wäre es zu anstrengend, sich um Verständigung zu bemühen, und als sollte man sich besser an sein eigenes Ich, an seine eigenen Interessen halten.

Wie können wir in einer solchen Lage denn diese Einheit finden und dann leben, die wir so sehr brauchen?

Die Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte, die wir in der Ersten Lesung gehört haben (Apg 2,1-11), bezieht sich auf eines der großen Fresken, das wir am Anfang des Alten Testaments vorfinden: Auf die alte Geschichte vom Turmbau zu Babel nämlich (Gen 11,1-9).

Aber was ist Babel?  – Es ist die Beschreibung eines Reiches, in dem die Menschen soviel Macht konzentriert haben, dass sie auf den Gedanken verfallen, sie bräuchten keinen Bezug mehr zu einem fernen Gott, sie wären schon stark genug, um ganz allein einen Weg zum Himmel zu bauen, um seine Tore aufzustoßen und sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen.

Doch ausgerechnet in dieser Lage passiert etwas Seltsames und Einzigartiges: Während die Menschen gemeinsam an ihrem Turm bauen, merken sie auf einmal, dass sie ihn nicht mit-, sondern gegeneinander bauen.

Während sie versuchen, wie Gott zu sein, laufen sie Gefahr, in Wirklichkeit nicht einmal mehr Menschen zu sein, weil ihnen etwas Wesentliches vom menschlichen Wesen verlorengegangen ist: die Fähigkeit, sich untereinander abzusprechen, sich zu verstehen, zusammenzuarbeiten.

Diese biblische Erzählung enthält eine ewige Wahrheit; wir können das an allen Epochen der Geschichten ablesen, aber auch an unserer eigenen Welt.

Mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt sind wir in die Lage versetzt worden, Kräfte der Natur zu beherrschen, die Elemente zu manipulieren, lebendige Wesen  –  ja sogar nahezu Menschen selbst  –  herzustellen.

In dieser Lage scheint es etwas Überholtes, Unnützes, zu Gott zu beten, denn wir können doch selbst alles bauen und realisieren, was wir wollen!

Dabei machen wir uns nicht klar, dass wir die alte Erfahrung von Babel neu erleben.

Es stimmt schon, wir haben die Möglichkeiten multipliziert, untereinander zu kommunizieren, an Informationen heranzukommen, Nachrichten zu übermitteln – aber können wir behaupten, dass auch unsere Fähigkeit gewachsen wäre, uns zu verstehen?

Oder ist es  –  paradoxerweise  –  nicht eher so, dass wir uns immer weniger untereinander verstehen? Herrscht unter den Menschen nicht eher Misstrauen, Verdacht, Furcht vor dem anderen, so dass sie sich gegenseitig geradezu gefährlich werden?

Kommen wir also zu unserer Ausgangsfrage zurück: Kann es wirklich Einheit, Eintracht geben? Und wenn ja – wie denn?

Die Antwort auf diese Frage finden wir in der Heiligen Schrift: Einheit kann es nur geben durch das Geschenk des Geistes Gottes, der uns ein neues Herz geben wird und eine neue Zunge, eine neue Fähigkeit zu kommunizieren. Das ist es, was an Pfingsten geschehen ist.

An diesem Morgen fünfzig Tage nach dem Osterfest brauste ein heftiger Wind über Jerusalem, und die Flamme des Heiligen Geistes kam auf die versammelten Jünger herab, ließ sich auf jedem von ihnen nieder und entzündete in ihnen das göttliche Feuer – ein Feuer der Liebe, das fähig ist zur Verwandlung.

Die Angst verschwand, das Herz fühlte eine neue Kraft, die Zungen lösten sich und begannen, offen zu reden, so dass alle die Verkündigung von Jesus Christus, dem Toten und wieder Auferstandenen, verstehen konnten. Wo zuvor Spaltung und Fremdeln war, da sind an Pfingsten Einheit und Verstehen aufgekommen.

„Der Hl. Geist wird euch in alle Wahrheit einführen“

Aber schauen wir auch auf das Evangelium von heute. Dort sagt Jesus: „Wenn er kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen” (Joh 16,13).

Während er vom Heiligen Geist spricht, erklärt uns Jesus hier, was die Kirche ist und wie sie leben sollte, um sie selbst zu sein: um der Ort der Einheit und der Gemeinschaft in der Wahrheit zu sein.

ER sagt uns: Als Christen handeln heißt, nicht länger ins eigene Ich eingeschlossen zu sein, sondern sich auf das Ganze auszurichten. Es heißt, die ganze Kirche in sich selbst aufzunehmen bzw.  –  besser noch  –  es zuzulassen, dass sie uns in sich aufnimmt.

Wenn ich also als Christ spreche, denke, handle, dann tue ich es nicht durch Verschließen in mein eigenes Ich, sondern ich tue es immer im Ganzen und vom Ganzen ausgehend: So kann der Heilige Geist, der Geist der Einheit und der Wahrheit, weitertönen in den Herzen und Köpfen der Menschen und sie dazu bewegen, anderen zu begegnen und sich gegenseitig aufzunehmen.

Der Hl. Geist führt zum „WIR“ der Kirche

Gerade indem er so handelt, führt uns der Geist in die ganze Wahrheit ein, die Jesus ist  –  er führt uns dazu, sie zu vertiefen und zu verstehen: Wir nehmen nicht an Kenntnis zu, wenn wir uns in unser Ich einigeln, sondern nur, wenn wir fähig werden, zuzuhören und mit anderen zu teilen; nur im „Wir“ der Kirche und mit einer Haltung tiefer innerer Demut.

Und so wird dann auch klarer, warum Babel Babel und Pfingsten Pfingsten ist. Wo die Menschen sich zu Göttern aufschwingen, da können sie sich nur einer gegen den anderen stellen.

Wo sie sich hingegen in die Wahrheit des HERRN stellen, da öffnen sie sich für das Wirken seines Geistes, der sie unterstützt und zusammenführt.

Der Gegensatz Babel-Pfingsten findet auch in der Zweiten Lesung ein Echo, wenn der Apostel Paulus sagt: „Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen“ (Gal 5,16).

Der heilige Paulus erklärt uns, dass unser persönliches Leben von einem inneren Konflikt bestimmt ist, von einem Hin-und-Her-Gerissensein – zwischen den Wünschen des Fleisches und denen des Geistes.

Und wir können nicht allen beiden Folge leisten. Wir können ja nicht gleichzeitig Egoisten sein und großzügig, gleichzeitig der Tendenz des Herrschens über andere folgen und die Freude fühlen, uneigennützig zu dienen.

Wir müssen immer wählen, welchem Anstoß wir folgen wollen – und wir können es nur mit der Hilfe des Geistes Christi wirklich tun.

Der heilige Paulus listet die Werke des Fleisches auf: Es sind die Sünden des Egoismus und der Gewalt, etwa Feindseligkeit, Zwietracht, Eifersucht, Uneinigkeit; es sind Gedanken und Taten, die die einen nicht wirklich auf menschliche und christliche Weise leben lassen, nämlich in der Liebe.

Es ist eine Richtung, die einen dazu führt, sein Leben zu verlieren. Der Heilige Geist dagegen führt uns zu den Höhen Gottes, damit wir schon auf dieser Erde im Keim das göttliche Leben leben können, das in uns ist.

Dementsprechend bekräftigt der heilige Paulus ja: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede“ (Gal 5,22).Wir bemerken da, dass der Apostel den Plural nutzt, um die Werke des Fleisches zu beschreiben, die zum Sichverlieren des Menschen führen, während er den Singular benutzt, um das Wirken des Geistes zu beschreiben – er spricht von der „Frucht“, genau so, wie der Zerstreuung von Babel die Einheit durch Pfingsten entgegensteht.

Liebe Freunde, wir müssen dem Geist der Einheit und der Wahrheit entsprechend leben  –  und darum beten wir darum, dass der Geist uns erleuchte und führe: damit wir nicht mehr fasziniert unseren eigenen Wahrheiten folgen, sondern die Wahrheit Christi aufnehmen, die von der Kirche weitergetragen wird.

Die lukanische Fassung der Pfingsterzählung sagt uns, dass Jesus vor seiner Auffahrt zum Himmel die Apostel bittet, zusammenzubleiben und sich auf die Gabe des Heiligen Geistes vorzubereiten. Und so kamen sie im Gebet mit Maria im Abendmahlssaal zusammen, um auf das versprochene Ereignis zu warten (vgl. Apg 1,14).

Vereint mit Maria betet die Kirche wie im Moment ihrer Geburt auch heute: Veni Sancte Spiritus! Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen –  und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!  – Amen.


Katholischer Glaube: Leben und Wahrheit in Fülle

Die Kirche ist der „fortlebende  Christus“ und ein Werk des Heiligen Geistes

Alle Jahre wieder hören wir dasselbe Lied, genauer gesagt Klagelied: sobald von vatikanischer Seite ein Wort ertönt, aus dem hervorgeht, daß die katholische Kirche als einzige im Vollsinn „Kirche“ ist, die anderen sog. „Kirchen“ jedoch  –  genau genommen –  allenfalls kirchenähnliche „Gemeinschaften“, dann ertönt ein Aufschrei allenthalben, nicht etwa nur von protestierenden Protestanten, sondern auch von „ökumenisch“ gesinnten Katholiken, zumal von vielen Theologen.

Dabei vergessen diese Kritiker, daß sich die zahllosen protestantischen Konfessionen selbst keineswegs als „Heilsinstitution“ betrachten, daß sie also ein ganz anderes Selbstverständnis vertreten als die kath. Kirche, die sich als „Ursakrament“ oder „Grundsakrament“ ansieht und somit  als Vermittlerin jenes Heiles wahrnimmt, das von Christus kommt und vor allem in den 7 Sakramenten wirksam wird.

Wie wenig sich der Protestantismus selber als „Kirche“ versteht, läßt sich auch an vermeintlichen Kleinigkeiten buchstäblich „ablesen“. Eine der umfangreichsten und angesehensten evangelischen Bibel-Konkordanzen ist die  großformatige „Elberfelder Bibelkonkordanz“ mit fast 1900 Seiten im Kleindruck, erschienen im Brockhaus-Verlag (Wuppertal).

Es gibt kaum ein Alltagswort (vom „Platzregen“ bis zum „Käuzchen“), das man dort entbehren müßte, doch den Ausdruck „Kirche“ sucht man vergebens. Offenbar wird „Kirche“ für Protestanten erst dann interessant, wenn die kath. Kirche diesen Begriff für sich selbst beansprucht.

Nun gibt es nicht wenige Katholiken,  zumal in konservativen Kreisen, die sich relativ innig zur Orthodoxie hingezogen fühlen und ernsthaft die These vertreten, die römische Kirche sei quasi der westliche Teil der Gesamtkirche Christi  –  und die orthodoxe Kirche sei ihr östlicher Teil (oder „Lungenflügel“).

Demnach hätte Christus also wohl einen Kirchenverband in zwei Teilen gegründet oder gar zwei Kirchen, die zwar getrennt, aber auf einer höheren Ebene  doch wiederum vereint sind. Solche Vorstellungen sind biblisch und dogmatisch gesehen aber unsinnig.

Wenngleich nicht bestritten werden kann, daß die orthodoxen Konfessionen dem katholischen Glauben  –  zumal in der Sakramentenlehre  – sehr viel näher stehen als die protestantischen Konfessionen, so ändert dieser unterschiedliche „Entfernungsgrad“ nichts an der grundlegenden Tatsache, daß die Orthodoxie keineswegs eine Stiftung Christi ist, sondern eine vor ca. 1000 Jahren erfolgte  Abspaltung von der Kirche des HERRN.

Warum sind wir Christen?

Weil wir uns auf die Zusage Christi verlassen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben in Fülle.“ (Joh.10,11)

Dazu gehört nicht allein ein gelingendes Dasein im Diesseits, sondern vor allem die Verheißung ewigen Lebens im Jenseits:  dort werden wir einst das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren, weil wir in GOTT die Quelle des Lebens schauen.

Warum sind wir Katholiken?

Weil zur Fülle des Lebens auch die Fülle der Wahrheit gehört.

In Joh. 20,31 heißt es, daß wir „durch den Glauben das Leben haben“.

Der Glaube ist die Annahme der Wahrheit Gottes, das JA zur „Offenbarung“, zur Selbstmitteilung Gottes durch die Propheten des Alten Bundes und besonders durch Christus, seinen eingeborenen Sohn.

Der Glaube kommt von Hören“, wie das bekannte Apostelwort erklärt  –  also nicht vom Fühlen oder rein menschlichen Denken; das sind nur Begleiterscheinungen. Entscheidend ist unser Hören auf Gottes Wort, auf seine Selbstoffenbarung in Christus, die uns die Kirche in Wort und Sakrament verkündet.

Wir sind also Katholiken, weil Christus selbst die Kirche gegründet hat, „damit sie die Wahrheit haben in Fülle“.  

Auch diese Aussage finden wir der Sache nach im Neuen Testament: So bezeichnet Paulus die „Kirche des lebendigen Gottes“  als „Haus Gottes“ und als eine „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).

Der hl. Apostel nennt die Christen sodann „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“, die auferbaut sind „auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus der Eckstein ist, in welchem der ganze Bau zusammengefügt ist zu einem heiligen Tempel im Herrn.“(Eph 2,19)

Aus diesen Worten geht hervor, daß Christus der Kirche vor allem zwei Aufgaben verliehen hat: sie soll als „Haus Gottes“ und „Tempel im Herrn“ die Wahrheit in Fülle verkünden und zugleich das Leben in Fülle vermitteln, also die Menschen durch „Wort und Sakrament“ zum Himmel führen.

Paulus bezeichnet die Apostel als „Diener Christi und Verwalter seiner Geheimnisse“ (1 Kor 4,1). Christus gab seinen Aposteln den Lehrauftrag: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.“ (Mk 16,15)

WORT und SAKRAMENT in ihrer HARMONIE

Dieser doppelte Auftrag in Wort und Sakrament wird allein in der kath.  Kirche in seiner ganzen Vielfalt, Fülle und Harmonie wahrgenommen.

Während die protestantischen Konfessionen insgesamt gesehen sehr „wortlastig“ sind, ist die Orthodoxie genau das Gegenteil, gewissermaßen „sakramentenfixiert“.

Allein die kath. Kirche hält hier eine gesunde Mitte ein, getreu jener vom Heiligen Geist getragenen Vernunft und Einsicht, die  Einseitiges und Extremes vermeidet.

Die „Wortlastigkeit“ des Protestantismus ist offensichtlich und in den reformierten Bekenntnissen, vor allem bei den Calvinisten, besonders ausgeprägt.

Hingegen haben die Lutheraner vergleichsweise mehr von der „sakramentalen“ Denkweise der kath. Kirche beibehalten. Immerhin vertrat Luther in der „Abendmahlsfrage“  – im Streit um die „Realpräsenz Christi“  – gegenüber Calvin und Zwingli einen Standpunkt, der dem katholischen Glauben relativ nahesteht. Auch die „Bilderstürmerei“ durch Reformierte bzw. „Wiedertäufer“ lehnte Luther ab.

Es handelt sich gleichwohl nur um graduelle Unterschiede innerhalb des Protestantismus. Im Wesentlichen  ist man sich darin einig, daß es in erster Linie Aufgabe kirchlicher Vertreter sei, das Wort Gottes zu verkünden  – die Sakramente dienen eher als Begleitmusik, gelten mit Ausnahme der Taufe als nicht heilsnotwendig, wobei sogar die Heilsnotwendigkeit der Taufe von einigen protestantischen Konfessionen bestritten wird (zB. Freikirchen, Baptisten, Mennoniten, Adventisten).

Die Orthodoxie hingegen vertritt genau das andere Extrem: Dort ist das kirchliche Leben weitgehend auf Gottesdienst und Sakramente konzentriert  – man könnte inso-fern von einem „Sakristei-Christentum“ sprechen. Im orthodoxen Gottesdienst, der sich stundenlang hinziehen kann, fehlt normalerweise die Predigt, ebenso vermißt man Lesungen aus dem Alten Testament (die es nur ausnahmsweise gib).

Bezeichnenderweise gibt es in der Orthodoxie kein  eigentliches, verbindliches  „Dogmengebäude“,  keine präzise,  systematische, klarumrissene, „amtliche“  Glaubenslehre. (Insoweit ist es auch bezeichnend, daß die katholische „Scholastik“ abgelehnt wird  – und das nicht nur deshalb, weil diese zeitlich erst nach der Abspaltung der Orthodoxie auftrat; vielmehr wird die Verstandesbetontheit der Scholastik kritisiert.)

Der orthodoxe Glaube wirkt weniger vernunftorientiert,  er  erscheint mitunter eher wie eine weihrauch-umschwängerte Mysterienreligion, geprägt von spirítuellen Weisheiten und geheimnisvollen Betrachtungen über das „geistliche Leben“ usw.   – Im Vergleich zur Orthodoxie sind sselbst Protestanten mit ihren lehrhaften “Bekenntnisschriften“ strukturell noch stärker dogmatisch und systematisch orientiert.

Allein die kath. Kirche versteht es aber, erleuchtet vom Heiligen Geist, die beiden Grundpfeiler „Wort und Sakrament“ in ihrer ausgewogenen Bedeutung zu erkennen und zu gewichten.

So werden Einseitigkeiten vermieden, die ganze Wahrheit in ihrer Fülle  präsentiert und zur Harmonie eines umfassenden (und daher eben „katholischen“) Glaubens geführt.

Von der KRIPPE über das KREUZ zur HERRLICHKEIT

Diese Ausgewogenheit der Wahrheiten zeigt die kath. Kirche auch auf einer anderen Ebene, nämlich in „heilsgeschichtlicher“ Hinsicht:

Während die lutherische Mentalität bekanntlich auf die „Kreuzestheologie“ fixiert ist (weshalb z.B. der Karfreitag für Evangelische der höchste kirchliche Feiertag ist), konzentriert sich die Orthodoxie auf eine „Theologie der Herrlichkeit“, stark bezogen auf Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten, auf die glorreichen Heilsgeheimnisse also.

Aus dieser Glaubensweise ergibt sich in spiritueller Hinsicht eine intensive Sehnsucht nach einer „Vergöttlichung“ des Menschen, was in manchen orthodoxen Werken derart stark betont wird, daß der Eindruck entstehen könnte, der grundlegende Abstand zwischen Gott und Mensch, der Abgrund zwischen Schöpfer und Geschöpf werde nicht mehr ausreichend beachtet, der Himmel gewissermaßen „vorweggenommen“. Aber hienieden wandeln wir eben im Glauben und durchaus nicht im Schauen, wie Paulus betont (2 Kor 5).

Allein die kath. Kirche knüpft hier wieder das Band der Harmonie: sie betont auch die „Inkarnations-Theologie“, also das Wunder der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus.

Daher die hohe Bedeutung von Weihnachten, daher die Verehrung der Gottesmutter, daher die vielen Darstellungen der seligen Jungfrau mit dem Christuskind, daher auch die Innigkeit und Wärme einer gesunden katholischen Marienfrömmigkeit.

Nicht zu vergessen der „Angelus“, das Gebet vom „Engel des Herrn“, der Maria die Botschaft brachte, wobei fromme Katholiken das Knie beugen, wenn es im Angelus heißt: „Und das Wort ist Fleisch geworden  – und hat unter uns gewohnt.“

Dasselbe geschieht beim „Großen Credo“ im überlieferten Ritus der hl. Messe: Beim Abschnitt „ER hat Fleisch angenommen vom Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau und ist Mensch geworden“ kniet sich die Christenschar hin, um das zentrale Heilsgeheimnis der Menschwerdung Gottes zu ehren.

Gleichwohl weiß auch die kath. Kirche die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung zu würdigen. Das Kreuzzeichen, das Freitagsgebot, das Kruzifix, der Kreuzweg und besonders das Meßopfer orientieren sich an Christi Opfertod auf Golgotha, Dreh- und Angelpunkt unserer Erlösung.

Auch von einer Vernachlässigung des Osterglaubens kann nicht die Rede sein, ist Ostern doch das höchste Fest im katholischen Kirchenjahr  – und auch durch Sonntagsheiligung und Sonntagskirchgang feiern wir die Auferstehung des HERRN.

Ergebnis also: Allein die Katholische Kirche gibt allen drei heilsgeschichtlichen Stufen (Inkarnation, Kreuzestheologie, Auferstehung)  den ihnen gebührenden Rang, verfällt in keine Übertreibungen, praktiziert keine Einseitigkeiten, sondern läßt auch hier alles in geordneter Harmonie an seinem richtigen Platz, verkündet und feiert die Heilsgeschichte in ihrer ganzen Vielfalt und Fülle von der Krippe über das Kreuz zur Herrlichkeit.

Von diesen drei Etappen der neutestamentlichen Heilsgeschichte zeugt auch der Rosenkranz, der einen betenden Bogen spannt von der Verkündigung des HERRN über Golgotha bis hin zur himmlischen Glorie.

Während die protestantische Glaubenswelt sehr christozentrisch orientiert ist gemäß dem reformatorischen Prinzip „Christus allein“ (solus Christus), ist die orthodoxe Spiritualität stark auf den Heiligen Geist bezogen, also pneumatisch geprägt.  Das zeigt sich dort auch in der Liturgie, etwa bei der Epiklese, der Herabrufung des Heiligen Geistes vor der hl. Wandlung.

Merkwürdig ist allerdings, daß das Sakrament der Firmung bei den Orthodoxen meist an die Kindertaufe „drangehängt“ wird und dadurch viel an eigenständiger Bedeutung einbüßt.

Auch in der Anbetung der heiligsten Dreifaltigkeit verzichtet die Katholische Kirche auf einseitige Fixierungen; sie läßt die drei göttlichen Personen quasi alle zu ihrem Recht kommen, auch Gott-Vater, den Schöpfer und „Gesetzgeber“. Keine Konfession betont die Bedeutung der göttlichen Gebote so stark wie die Katholische Kirche. Dabei verweist sie auf das zeitlos gültige Wort des HERRN: „Willst Du zum Leben eingehen, so halte die Gebote!“ (Mt 19,17)

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münste