Warum Sr. Faustinas „Barmherzigkeits-Rosenkranz“ nicht empfehlenswert ist

Von Felizitas Küble

Die polnische Nonne Faustyna Kowalska – in Deutschland unter „Schwester Faustina“ bekannt  –  empfing eigenen Angaben zufolge jahrelang zahlreiche Visionen und Einsprechungen des Himmels. (Einiges davon haben wir bereits kritisch betrachtet: HIER)

Diese Ordensfrau lebte von 1905 bis 1938 und propagierte neben verschiedenen Andachten zum „Barmherzigen Jesus“ auch einen entsprechenden Rosenkranz, der sich vom überlieferten kirchlichen Rosenkranz deutlich unterscheidet.

Obwohl ihre Privatoffenbarungen vor dem Konzil von der vatikanischen Glaubenskongregration – damals Hl. Offizium genannt – ohne Wenn und Aber verurteilt wurden, änderte sich die kirchliche Einschätzung der Visionen mit dem Amtsantritt von Johannes Paul II. grundlegend, denn er war schon als Bischof von Krakau ein starker Verehrer dieser Ordensschwester, was dann zur Heiligsprechung von Sr. Faustina durch diesen Papst führte.

Doch diese Erhebung zur „Ehre der Altäre“ bezieht sich allein auf den persönlichen Tugendgrad, nicht jedoch auf eine Irrtumslosigkeit in theologischer oder sonst einer Hinsicht.

Bekanntlich haben sich weitaus hochrangigere Heilige gerade im Bereich von Visionen geirrt, darunter sogar die Kirchenlehrerin Katharina von Siena (mit ihrem Erscheinungserlebnis, Maria sei nicht makellos empfangen) oder der hl. Vinzenz Ferrer, der aufgrund von Privatoffenbarungen den Weltuntergang zu seinen Lebzeiten verkündete. Im gediegenen „Handbuch der Mystik“ des französischen Paters August Poulain SJ finden sich seitenlang weitere Beispiele  – das Werk wurde vom hl. Papst Pius X. ausdrücklich gewürdigt.

Es liegt also auf der Hand, daß Gläubige auch über den weitverbreiteten Barmherzigkeits-Rosenkranz nach den Visionen von Schwester Faustina kritische Überlegungen anstellen können und dürfen – was hiermit geschieht:

Zunächst sei festgehalten, daß der klassische Rosenkranz, der im späten Mittelalter schrittweise durch Ordensleute entstanden ist, seine Struktur und seinen Inhalt ganz auf biblischer Basis erhalten hat:

Die 15 Rosenkranzgeheimnisse sind fast alle der Heiligen Schrift entnommen, das Vaterunser von Christus selbst gelehrt, das Ave Maria besteht größtenteils aus den Worten des Engels bei der Verkündigung des HERRN an Maria. 

Auch die Zahl der 150 Ave-Marias beruht gleichsam auf der Hl. Schrift, da dieses sich an die 150 Psalmen des Alten Testaments (Psalterium) anlehnt, weshalb der vollständige bzw. dreifache Rosenkranz auch „Psalter“ genannt wird.

Warum nun sollte der Himmel diesen bewährten Rosenkranz grundlegend verändern?

Beim Vergleich des Faustina-Rosenkranz mit dem überlieferten Rosenkranzes ergeben sich folgende Unterschiede und Nachteile:

  1. Das Vaterunser kommt hier nur einmal vor, im klassischen Rosenkranz aber sechsmal.
  2. Das Ave Maria wird auf ein einziges Mal reduziert, so daß kaum noch von einem Rosenkranz die Rede sein kann (ein „normaler“ Rosenkranz enthält 50 Aves)
  3. Zudem entfallen die drei Aves zu Beginn mit ihrer Bitte um Glaube, Hoffnung und Liebe – immerhin die drei göttlichen Tugenden, die für unser Christenleben entscheidend sind (siehe 1 Kor 13).
  4. Bei den großen Perlen, die sonst das Vater-Unser anzeigen, wird jetzt folgende Anrufung gesprochen: „Ewiger Vater, ich opfere Dir auf den Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Deines über alles geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, zur Sühne für unsere Sünden und die Sünden der ganzen Welt.“ – Dieses Gebet enthält einen entscheidenden theologischen Fehler, denn die Gottheit Christi kann nicht aufgeopfert werden, weil ein Opfer seinem Wesen nach eine Darbringung, einen Verzicht darstellt  – und Christus kann auf seine Gottheit nicht verzichten, das ist ontologisch (von seinem Sein her) gar nicht möglich. Zudem ist es unsinnig, Gott(-Vater) die Gottheit (des Sohnes) aufzuopfern, da das Heilsopfer Christi im Leiden und Sterben seiner menschlichen Natur bestand, denn die Gottheit kann nicht sterben. Diesen entscheidenden Einwand haben wir hier bereits ausführlich biblisch und dogmatisch erläutert: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/korrektur-an-einem-sonder-rosenkranz-die-gottheit-christi-wurde-nicht-geopfert/
  5. Bei den kleinen Perlen des Rosenkranzes soll man beten: „Durch sein schmerzhaftes Leiden hab Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt.“  – Christus ist zwar – als Heilsangebot – für alle Menschen gestorben, aber Erbarmen kann Gott schlußendlich nur mit jenen haben, die sich im „Gnadenstand“ befinden, also im Frieden Christi heimgerufen werden. Zweifelsohne gilt zwar der „allgemeine Heilswille“ Gottes, denn der Ewige will alle Menschen zur Wahrheit und damit zur Rettung führen. Allerdings verhindert schon die erbsündliche Verfallenheit des Menschen, daß sich die gesamte Erde bekehrt – mit welcher Logik soll Gott dann „Erbarmen…mit der ganzen Welt“ haben? – Somit ist diese Anrufung zumindest fragwürdig.
  6. Am Ende soll dreimal gebetet werden: „Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, hab Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt.“  – Hier wiederholt sich das erwähnte Problem, zudem wird Gott nur als „unsterblich“ bezeichnet, was eine Geringschätzung beinhaltet, denn Gott ist nicht „nur“ unsterblich, sondern ewig. Die Seele des Menschen ist immerhin auch unvergänglich (sie hat einen Anfang, aber kein Ende), aber Gott ist ewig, da ER auch keinen Anfang hat.
  7. Vorher oder nachher soll noch gebetet werden: „O Blut und Wasser, aus dem Herzen Jesu als Quelle der Barmherzigkeit für uns entströmt, ich vertraue auf Dich! –  Barmherziger Jesus, in dem Augenblick Deines Kreuzestodes für uns bete ich Dich an, lobpreise Dich und bitte, umfasse mit Deiner unerschöpflichen Barmherzigkeit die ganze Menschheit, besonders die armen Sünder und die Sterbenden.“ (Faustina-Tagebuch, S. 186)   Sollen wir nun etwa – siehe erste Zeile der Anrufung –  auf „Blut und Wasser“ vertrauen? So wie oben zitiert, lautet der Satz aber im Originaltext. Da klar ist, daß dies keinen Sinn ergibt, wurde bei diesem Rosenkranz später das Wort „Jesus“ eingefügt: „O Blut und Wasser…für uns entströmt, Jesus, ich vertraue auf Dich!“
  8. Was soll sodann die Einschränkung: „…in dem Augenblick Deines Kreuzestodes für uns bete ich Dich an…“  – Der historische Kreuzestod geschah vor 2000 Jahren; selbst wenn damit „nur“ die Erinnerung daran oder die sakramentale Vergegenwärtigung in der hl. Messe gemeint sein sollte: Auch dann begrenzt sich doch unsere Anbetung nicht hierauf. Zudem beten wir Christus nicht in erster Linie seines Kreuzestodes wegen an, sondern aufgrund seiner GOTTHEIT.
  9. Der visionäre Jesus soll zudem zu Faustina gesagt haben: „Derjenige, der diesen Rosenkranz betet, wird stets von großer Barmherzigkeit umgeben sein im Leben und besonders in der Todesstunde. Die Priester werden ihn den Sündern vorschlagen als letztes Mittel der Rettung.“  – Ein Sonder-Rosenkranz als letzter Rettungsanker? Wird damit nicht die Beichte verdrängt? Ist ein Leben nach den Zehn Geboten nicht mehr nötig, um das Heil zu erlangen? Genügt nun etwa dieser Extra-Rosenkranz?
  10. Abgesehen davon kommt diese neue Form natürlich der menschlichen Bequemlichkeit zugute, denn dieser Rosenkranz ist weitaus kürzer als der überlieferte. So hat man dann in höchstens zehn Minuten einen „Rosenkranz“ gebetet, wozu man sonst eine halbe Stunde benötigen würde.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den kath. KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.