Integrierte Gemeinde: Debatte um geistlichen Missbrauch – Priestergemeinschaft aufgelöst

Laut Informationen der „Herder Korrespondenz“ hat der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker mit einem Dekret vom 9. September 2021 die „Gemeinschaft der Priester im Dienst an Integrierten Gemeinden“ aufgelöst. Ein Sprecher bestätigte die Auflösung, wollte aber bis zum „rechtskräftigen Abschluss des kirchenrechtlichen Verfahrens“ keine näheren Angaben machen.

Die 1948 gegründete „Integrierte Gemeinde“ (IG) wurde 1978 von den damaligen Erzbischöfen in Paderborn und München – Johannes Degenhardt und Joseph Ratzinger – kirchlich anerkannt.

Wie CNA Deutsch berichtete, wurden im November 2019 Ergebnisse eines Zwischenberichts des Erzbistums München und Freising veröffentlicht, demzufolge ehemalige Mitglieder über Eingriffe in das Privatleben – bis hin zur Wahl des Wohnorts und sogar der Zahl der Kinder in einer Familie – sowie die Ausübung weiteren psychischen Drucks auf Angehörige schilderten.

Vertreter der IG wiesen alle Anschuldigungen stets weit von sich. Ein ehemaliges Mitglied begrüßte im November 2019 gegenüber CNA Deutsch dagegen die Untersuchung und bezeichnete sie als „ein Glück und ein Segen für die Kirche und für die letzten Mitglieder der IG selbst, die einem im Grunde nur leid tun können“. 

Schließlich war im Jahr 2020 die IG in der Erzdiözese München und Freising kirchenrechtlich aufgelöst worden.

Auch Papst emeritus Benedikt XVI. hat sich von der IG distanziert, zu der er jahrzehntelang engste Verbindungen unterhielt.

Quelle und vollständige Meldung hier: https://de.catholicnewsagency.com/story/priestergemeinschaft-der-integrierten-gemeinde-aufgeloest-9388

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Frankreich: Führender Charismatiker wegen geistlichem und sexuellem Missbrauch laiisiert

Pater Marie-Michel Hostalier von Rom bestraft

Der 72-jährige Karmelit ist jetzt vom Vatikan wegen schwerer Vergehen gegen Frauen innerhalb der Seelsorge und „geistlichen Begleitung“ aus dem Priesteramt entlassen bzw. laiisiert (in den Laienstand zurückversetzt) worden.

Pater Marie-Michel Hostalier gehörte gemeinsam mit dem Charismatiker Pater Daniel-Ange zu den Gründern der Evangelisierungsbewegung „Jeunesse Lumière“ im Jahre 1984.

Der Priester ist in der französischen Diözese Valence (Drôme) inkardiniert. Dort auf der amtlichen Webseite wurde auch über seine Laiisierung berichtet, die gemeinsam mit der römischen Glaubenskongregation verfügt worden seiund zwar wegen früherem „geistlichem und sexuellem MIssbrauch“.

Der 1949 in Bordeaux geborene Priester gründete später gemeinsam mit anderen charismatischen Leitern weitere Kommunitäten.

Diese sogenannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ werden vom Nachrichtenportal „Kath.net“ seit Jahrzehnten gelobt und gepriesen, auch die hier erwähnte „Evangelisationsschule“ Jeunesse Lumiere, die von Pater Hostalier mitinitiiert wurde.

So veröffentlichte die erscheinungsbewegte Webseite noch am 12. August 2021 einen Artikel des Gründers Pater Daniel Ange und schrieb, aus seiner Bewegung seien „zahlreiche Priesterberufungen hervorgegangen“.

Weiter heißt es: „Bei Veranstaltungen der Charismatischen Erneuerung im deutschen Sprachraum kamen regelmäßig viele tausende Menschen zu seinen Veranstaltungen.“

Na dann ist ja wohl alles bestens!


Das habe ich in charismatischen Kreisen erlebt

Die folgende Schilderung von Erfahrungen in schwärmerisch-katholischen Gruppen stammt von einer Familienmutter und Leserin aus dem Münsterland, die unserer Redaktion seit langem persönlich bekannt ist:

Meine Erfahrungen, die ich in einigen „neuen geistlichen Gemeinschaften“ machte, haben mich dazu veranlasst, diese Bewegungen wieder zu verlassen. Das Lesen kritischer Bücher und dieses CHRISTLICHE FORUM hat mich dann in dieser Entscheidung weiter bestärkt.

Was mich sehr stark gestört hat, war vor allem die fehlende Bereitschaft, vernünftig mit Einwänden und skeptischen Fragen umzugehen. Man wird in dieser Szene, wenn man etwas kritisch hinterfragt – z.B. Medjugorje und die „Marienerscheinungen“ dort – oft schon beim ersten Gespräch mit dem Teufel in Verbindung gebracht.

Kritik wird als ein Angriff des Satans ausgelegt, der es darauf abgesehen hat – so heißt es – den Skeptiker zu Fall zu bringen. Manche haben mir, als ich mich allmählich von Medjugorje abwandte, vorgeworfen, ich würde die „Gottesmutter verraten“ . Man wird aufgefordert, dieser Versuchung aus der Hölle auf keinen Fall nachzugeben.

Wenn ich Schriften zur Aufklärung angeboten habe, wurde das rundweg abgelehnt. Selber hinterfragen diese Erscheinungssüchtigen nur wenig. Das ist klar, sie wollen ja nicht dem „Teufel“ auf den Leim gehen.

EIne weitere nervige Erfahrung ist das unentwegte Leistungsbeten mit lautem Lobpreis und endloser Nachtanbetung besonders auf Fahrten und Seminaren von Charismatikern.

Morgens früh geht es bei Pilgerreisen schon los mit lautem Trommel-Lobpreis. Mein Sohn hat das selber auf einer Fahrt nach Medjugorje erlebt und ist bis heute abgeschreckt davon. Er sagte mir: „Wir bekamen keine Ruhezeiten, immer wieder Lobpreis, Rosenkranzbeten, Trommeln bis in die Nacht.“ – Das war in den 90er Jahren bei einer Medju-Fahrt mit „Totus tuus“.

Von Medjugorje bin ich nicht zuletzt durch das Buch „Der Medjugorje-Betrug“ aus dem Verax-Verlag abgekommen. Die vielen Beweise gegen die Echtheit dieser Erscheinungen haben mir die Augen geöffnet.

Bei der charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“, die ebenfalls für Medjugorje wirbt, erlebte ich außerdem den Versuch, die Gläubigen sozusagen auszuhorchen – natürlich unter einem frommen Vorwand.

Oftmals standen die Mitglieder der Gemeinschaft bei ihren Anbetungsandachten mit bis zu drei Personen um einen herum und wollten fürbittend für die Anliegen beten, die man denen erzählen konnte.

Verpackt wurde dieses „Aushorchen“ als Seelsorge und Fürbitt-Gebet im Kirchenraum. Das war nicht weit entfernt von einer Art „Laienbeichte“ (allerdings ohne Beichtgeheimnis-Verpflichtung).

Zudem hat diese Kummerkasten-Methode manche Besucher von dem Gang zur Beichte abgehalten, denn sie hatten ja schon ihre „Seelsorge“ erfahren.

Unmöglich übergriffig wurde es dann in einer charismarischen Gruppenfahrt bei einem indischen Priester, der mich während der Beichte ständig am Arm streichelte.

Meine Freundin hat sich vor Jahren von dem „Heilungsprediger“ Alan Ames trotz meiner Warnung per Handauflegung segnen lassen. Seitdem ist sie oft erschöpft und längst nicht mehr so leistungsfähig, wie ich sie vorher kannte.

Man kann vor diesen Handauflegungen durch Charismatiker nur warnen. Viele bekommen hinterher echte psychische und physische Beschwerden. Ich bin solchen Betroffenen mehrmals begegnet, auch bei Seminaren und Freizeiten in Klöstern.

Ich bin damals, als ich noch in dieser Szene zugange war, spontan zur „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ nach Warstein gefahren. Ich stand dort abends an der Tür, die von ein paar Mitgliedern der Gemeinschaft geöffnet wurde. Das übliche Programm war diesmal ausgefallen. Ich bat um Aufnahme für eine Nacht und darum, in der Kirche still beten zu können, um die Fahrt zu denen nicht vergeblich gemacht zu haben.

Sie sagten mir, sie müssen erst ihren Diakon Karl fragen und ihm meinen Namen nennen. Er könne durch seine besonderen Gnadengaben erkennen, ob Gott wolle, dass ich dort bleiben könne. 10 Minuten später bekam ich den Eintritt, weil Diakon Karl mitteilen ließ: Ja, diese Dame darf herein.

Ähnliches erlebte ich auf einer Wallfahrt nach Wigratzbad, das damals noch sehr charismatisch geprägt war (später änderte sich das erfreulicherweise durch den neuen Direktor Meier).

Auch wurde erst eine Art „Seherin“ befragt, die angeblich mit den Schutzengeln in Kontakt steht, ob ich mitfahren darf. Ich musste ein paar Tage warten, bis die Engelsdame ihr o.k gab. Ich war dann richtig glücklich. Inzwischen sehe ich es als psychisches Spielchen an, das die Leute zum Aberglauben (ver)führt.

Dann fragte ich die Engelsdame auf der Pilgerfahrt neugierig nach dem Schutzengel-Namen meines Patenkindes. Sie sagte mir einen Namen. Später fragte ich noch einmal nach, dann nannte sie mir aber einen anderen Namen des Schutzengels.

Als ich stutzig wurde, weil zwei verschiedene Namen im Raum standen, erwiderte die „begnadete“ Frau: „Manche Menschen haben mehrere Schutzengel.“ Somit war ich erst einmal zufrieden gestellt. Jedenfalls meine ich, dass solche Damen nicht leicht zu entlarven sind, wenn sie so geschickt daherreden.

Wenn man richtig „drin“ ist, fällt es schwer, aus der Charismatik wieder herauszukommen, weil man tatsächliche „Wunder“ erlebt, wie es scheint. Ich bin froh, ausgestiegen zu sein. Auch dafür einen herzlichen Dank an dieses CHRISTLICHE FORUM und Frau Küble, die mich durch viele Informationen auf einen guten und nüchteren Glaubensweg geführt hat.

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Warum eine charismatische Spiritualität den geistlichen Mißbrauch begünstigt

Von Felizitas Küble

Ein Thema, das jahrzehntelang auf katholischer Seite „verschlafen“ wurde, drängt allmählich in die innerkirchliche und gesamtgesellschaftliche Diskussion: Das Problem des geistlichen Mißbrauchs.

Das evangelikale Spektrum hat diese Gefährdung früher erkannt und in Büchern und sonstigen Veröffentlichungen kritisch analysiert, was schlicht auch damit zu tun hat, daß die pentekostale – also pfingstlerische  –  Bewegung dort schon viel länger existiert, nämlich seit Beginn des 20. Jahrhunderts, wogegen die Charismatik in der katholischen Kirche erst ab 1967 in den USA begann und sich bei uns eher schrittweise stärker ausbreitete.

Zunächst war diese Strömung in Deutschland noch vergleichsweise intellektuell ausgerichtet und in eher bildungsbürgerlichen Kreisen präsent, wodurch gewisse emotionale Ausuferungen in Grenzen gehalten wurden, was wohl auch mit der Leitung der halbamtlichen CE (Charismatischen Erneuerung) durch den Paderborner Priester und Theologen Dr. Heribert Mühlen zusammenhing.

Der am 25. Mai 2006 verstorbene Dogmatikprofessor gehörte zu den Konzilstheologen, war exegetisch und liturgisch eher liberal ausgerichtet (wenngleich er beileibe kein progressiver Rebell war). Infolgedessen hielt er als Intellektueller die CE mit Glaubenskursen und Segnungsandachten auf einem halbwegs gemäßigten Kurs. Gleichzeitig konnte er das konservative „Lager“ in der katholischen Kirche kaum für seine Bewegung gewinnen, zumal die Marienverehrung damals in der CE nur eine geringe Rolle spielte und auch sonstige typisch traditionelle Elemente fehlten.

Prof. Mühlen war Mitbegründer des „Katholischen Evangelisationszentrums Maihingen“, dessen pentekostale Ausrichtung in den 90er immer deutlicher wurde.

Von Teilnehmern dortiger „Segnungsgottesdienste“ erfuhr ich, dass sie damals bereits mit Befremden das sog. „Ruhen im Geist“ beobachten konnten, ein in dieser Szene weitverbreitetes Phänomen, das in der englischsprachigen Welt passender als „Slain in the Spirit“ (Erschlagenwerden im Geist) bezeichnet wird.

Die Betreffenden fallen gleichsam wie in Trance nach rückwärts oder sinken quasi ohnmächtig in sich zusammen, was von schwarmgeistiger Seite als „Taufe im Heiligen Geist“ (protestantisch-pfingstlerisch) oder zumindest als „Geistausgießung“ oder „Geisterfahrung“ (katholisch-charismatisch) angesehen wird. Diese Manifestation hat sich durch die „wilde“ Charismatik, die in den letzten beiden Jahrzehnten um sich greifen konnte, noch mehr gesteigert.

Unter der halbwegs gemäßigten Mühlen-Phase der CE bis Anfang der 90er Jahre war dieser „Hammersegen“ (wie ich ihn kritisch nenne) hierzulande noch kein Massenvorgang. Dort konzentrierte man sich eher auf das Zungenreden als Zeichen angeblicher „Geisterfüllung“.

Die seitdem erkennbare Ausbreitung des schwärmerischen Milieus weit über die kirchlich anerkannte CE hinaus ist vor allem auf zwei Ursachen zurückzuführen, nämlich auf Medjugorje und das  – damit durchaus verbundene  – Auftreten zahlreicher indischer „Heilungspriester“ sowie charismatischer Ordensfrauen, die meist aus dem südindischen, christlich geprägten Bezirk Kerala stammen, der schon seit Jahrzehnten durch protestantisch-pfingstlerische Einflüsse aus den Vereinigten Staaten geprägt ist, die dort allmählich auch in die katholische Kirche einsickerten, vor allem in neuere Ordensgemeinschaften und Kongregationen.

Viele dieser „Heilungsprediger“ oder Nonnen arbeiten eng mit Medjugorje-Gruppen zusammen, man spielt sich gegenseitig die Bälle zu und unterstützt sich jeweils mit Referenten und Tagungen.

Dabei war das kirchlich als Erscheinungsstätte nicht anerkannte, sondern lediglich pastoral geduldete Medjugorje von vornherein charismatisch geprägt – also bereits ab Sommer 1981 in der Frühphase der „Erscheinungen“, nicht zuletzt durch die dort ansässigen Franziskanerpatres, was sich für die meisten Wallfahrer aber erst in den 90er Jahren deutlicher herauskristallisierte.

Infolge des regen Pilgerbetriebs zu dieser weltweit bekanntgewordenen Pfarrgemeinde in Bosnien-Herzegowina entstanden zahlreiche charismatische Gebetsgruppen auch in deutschsprachigen Ländern, darunter fest organisierte neue „geistliche Gemeinschaften“, die oft vor allem aus jungen Katholiken bestanden.

Hierzu gehört die „Jugend 2000“, die sich allerdings   – je nach örtlicher bzw. priesterlicher Leitung und Begleitung – teilweise noch einigermaßen nüchtern-besonnen präsentiert, z.B. im Bistum Köln. Die charismatische „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ ist zwar älter als das Medjugorje-Phänomen, wird aber stark von diesem geprägt und ist eng damit verknüpft.

Betont charismatisch ausgerichtet ist sodann die durch Medjugorje-Pilgerfahrten entstandene Jugendvereinigung „Totus tuus“, die sich selbst als marianisch, charismatisch und eucharistisch versteht. Der Vereinsname lautet übersetzt „Ganz dein“ und orientiert sich an einer „Ganzhingabe an Maria“ im Sinne von Johannes Paul II. und der damit verbundenen Grignionschen Weiheformel.

Durch diese marianischen und eifrig das Rosenkranzgebet praktizierenden Jugendgruppen erhielt die charismatische Szene einen immer stärkeren Zulauf aus dem konservativen und teils sogar traditionellen Spektrum. Offenbar genügte vielen Gläubigen das Qualitätssiegel „marianisch“, um sich insgesamt der Spiritualität dieser neuen Strömungen anzuvertrauen.

Dies wurde verstärkt durch die Tatsache, dass sich die aus Medjugorje entstandenen Gruppierungen von A bis Z (von Abtreibung bis Zölibat) auch moraltheologisch konservativ positionierten. Was sollte also dagegen sprechen, sich dieser neuen, offenbar doch so frommen Bewegung anzuschließen?

Das Bedürfnis nach solch einer „Fluchtburg“ war umso größer, als es der akademisch-abstrakten Theologie ebenso wie den oft progressiven Zuständen in den Pfarreien nicht gelingen konnte, die spirituelle Sehnsucht heimatlos gewordener Katholiken zu stillen. In dieses Vakuum stieß nun die Medjugorje-Faszination und der Charismatismus, um sich als geeignete Alternative zu präsentieren.

Von amtskirchlicher Seite wurden die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ meist mehr oder weniger schnell anerkannt, selbst wenn manche Hierarchen wohl mit derem konservativem „Outfit“ gefremdelt haben mögen. Immerhin glaubte man aber, dadurch diese gläubige Jugend unter die eigenen Fittiche zu bekommen und damit auch eine gewisse Kontrolle ausüben und den Gang der Dinge im eigenen Interesse etwas „kanalisieren“ zu können.

Dabei unterschätzen die vatikanischen und bischöflichen Amtsstuben aber das eigendynamische Potential, das solchen Strömungen ihrer Natur nach innewohnt. Wie sollten sie hierüber auch Bescheid wissen, da sie zum einen vor einem relativ neuen Phänomen standen, zum anderen wegen ihrer eher liberalen bis hin zur progressiven Grundhaltung das konservative Spektrum nicht von innen her kennen – und damit auch nicht die Spezifika, geschweige spirituellen Gefährdungen beurteilen können. Somit sind sie in jeder Hinsicht  – sowohl theologisch wie psychologisch –  gegenüber pentekostalen Tendenzen überfordert und stehen hier ratlos wie der Ochs vorm Berg.

Das zeigt aktuell auch die Causa „Totus tuus“: 1994 gegründet, wurde die Jugendvereinigung zehn Jahre später vom Bistum Münster bischöflich approbiert.

Aber nicht nur dies – die Gruppe durfte sich im Sankt-Paulus-Dom (siehe Foto) jährlich mit einem stundenlangen öffentlichen Gebets-Festival präsentieren, an dem sogar der Bischof regelmäßig teilnahm (damals Reinhard Lettmann).

Diese enorme Aufwertung ist dem Ordinariat später gleichsam auf die Füße gefallen, als sich vor vier Jahren erste Ex-Mitglieder meldeten und über geistlichen Mißbrauch beklagten. Das Bistum Münster ergriff die Flucht nach vorne und startete im Jahr 2017 eine Visitation, die immer noch anhält. Die Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ bot den Aussteigern mehrfach ein Forum und kritisierte die von ihnen geschilderten pastoralen Übergriffe. Die konservative Seite überläßt diese Aufklärungsarbeit gerne den „Skeptikern“, schließlich fühlt man sich diesen „marianischen“ Gruppen mehr oder weniger verbunden und will nicht in die eigene Suppe spucken.

Daß die in manchen charismatischen Gruppen geleistete „Seelenführung“ religiös ungesund strukturiert ist und bis hin zur Verzweiflung oder gar Selbstmord führen kann, ahnt kaum jemand, es sei denn, er hat wie ich seit langem Kontakte zu Betroffenen. Der geringste Vorwurf ist noch jener einer unausgewogenen Leistungsfrömmigkeit (auf Pilgerreisen dauernde Gebete und „Lobpreis“ von früh bis spät) und asketischen Überforderung (Fasten bei Wasser und Brot am Mittwoch und Freitag gemäß Medjugorje-Botschaften).

Schlimmer sind freilich Machtmißbrauch, selbsternanntes Prophetentum, Personenkult um den/die Gruppengründer/in und massiver psychischer Druck auf die Mitglieder, verbunden mit Dämonisierung der Gläubigen, sobald kritische Rückfragen gestellt oder Zweifel am Vereinsgebaren geäußert werden.

Wie hilflos und schmalspurig eine vom Ordinariats-Personal durchgeführte Visitation sein kann, zeigt sich gerade im Fall „Totus tuus“. Der Deutschlandfunk strahlte am 19.9.2019 eine Sendung unter dem Titel „Totale Hingae als Prinzip“ aus, in welcher eine Aussteigerin erklärte, man habe sie und andere Betroffene lediglich „wie Informanten“ behandelt. Seitens des Bistums habe es keine Hilfsangebote gegeben, „auch nicht, was den Glauben anbelangt“. Andere Ex-Mitglieder äußerten sich ähnlich enttäuscht.

Glaubensweitergabe setzt aber erst einmal den Glauben voraus, was man nicht ohne weiteres von allen „Würdenträgern“ erwarten kann. Wie sollen theologisch „moderne“ Priester oder Laienmitarbeiter angemessen auf Katholiken reagieren, die sich in charismatischen Gefilden verlaufen haben und nun eine bodenständige, authentische kirchliche Spiritualität suchen? Es werden ihnen Steine statt Brot gereicht, wenn sie nur informativ für die Visitation abgefragt werden, ohne zugleich eine gediegene theologische und geistliche Wegweisung zu erhalten.

Hier könnte die traditionelle Seite hilfreich zur Seite stehen: Gerade die überlieferte hl. Messe ist mit ihrer Andacht, Feierlichkeit, Sakralität und Nüchternheit geeignet, die allzu emotionale Frömmigkeit aus der Charismatikerzeit in besonnene Bahnen zu lenken und ihr die nötige Tiefe zu verleihen.

Statt einer Achterbahn der Gefühle würde damit eine Glaubenshaltung vermittelt, die nicht auf dem Flugsand subjektiver „Erlebnisse“ beruht, sondern auf den Fundamenten der Kirche: Heilige Schrift, apostolische Tradition, Lehramt und Sakramente. Hierfür reicht aber die klassische Liturgie alleine nicht aus, so hilfreich sie ist  – es bedarf auch der katechetischen und apologetischen Begleitung und Glaubensvertiefung.

Aus meinen jahrzehntelangen Kontakt mit Aussteigern läßt sich resümieren, daß vor allem das neokonservative Spektrum anfällig für Charismatik, Wundersucht und Erscheinungsfixiertheit ist, aber auch ein erheblicher Teil des „halb-traditionellen“ Milieus, zumal jene Besucher der „alten Messe“, die ihr eher aus nostalgischen als aus theologischen Gründen zugetan sind oder sie lediglich aufsuchen, um den liturgischen Experimenten zu entfliehen, die in den meisten Pfarreien an der Tagesordnung sind.

Als emotionalen Ausgleich für die „nüchterne“ Meßform im alten Ritus suchen sie dann auf charismatischen Veranstaltungen das „prickelnde“ Erlebnis einer vermeintlichen „Gotteserfahrung“.

Noch vor wenigen Wochen beklagte sich eine solch altrituell orientierte Dame mittleren Alters bei mir ernsthaft darüber, sie habe noch nie bei einem der von ihr besuchten Heilungsseminare das „Ruhen im Geist“ erlebt.

Foto: Pattayablatt

Auf meinen Hinweis, sie möge Gott auf den Knien danken, daß ihr das erspart geblieben sei, es sich keineswegs um eine Geist-Erfahrung (sondern wohl eher eine Geister-Führung) handelt, mir zudem genügend Psycho-Geschädigte dieses Phänomens bekannt seien, schien sie erst einmal einsichtig. Doch einige Zeit später brach sie jeden Kontakt ab und erzählte anderweitig, sie lasse sich von mir ihren innigen Wunsch nach diesem besonderen Trance-Erlebnis nicht nehmen.

Bereits vor 15 Jahren führte ich ein längeres Gespräch mit einer Büroleiterin von „Totus tuus“ und versuchte, sie hinsichtlich solcher Privatoffenbarungen wie Medjugorje auf ein nüchternes Gleis zu bringen, was ebenso vergeblich war wie mein Bemühen, ihr den irrgeistigen „Hammersegen“ auszureden.

Die Dame verteidigte geradezu euphorisch das „Ruhen im Geist“ als göttlich bewirkte Gnadengabe. Ich verwies z.B. darauf, daß auch der Verstand zu den Sieben Gaben des Heiligen Geistes zähle, der Hl. Geist daher nicht gegen die Vernunft wirke, daß die Gnade auf der Natur aufbaue und unser Frömmigkeitsleben auf den Sakramenten der Kirche beruhe, nicht auf außergewöhnlichen Manifestationen, die zudem ursprünglich aus dem protestantischen Pfingstlertum stammen und in der katholischen Tradition unbekannt sind.

Sämtliche Argumente waren in den Wind geredet, wobei zu bedenken ist, daß der Hinweis auf die „Tradition“ in diesen Kreisen selten zum Nachdenken führt, das gilt auch in liturgischer Hinsicht.

Die Gruppe „Totus tuus“ hat mit der überlieferten Messe schlicht nichts am Hute, was wenig erstaunt, denn ihre euphorischen Schwärmer-Praktiken lassen sich in diesem geregelten Ritus nicht „unterbringen“, was auch für den verstiegenen „Lobpreis“ gilt, der musikalisch in etwa zwischen Gospel, Pop und Rock angesiedelt ist.

Sinn und Zweck dieses enthusiastischen Gesanges ist es letztlich, den „Durchbruch“ zu erleben, eine besonderes „Gotteserfahrung“ zu erhalten, sei es durch den Hammersegen, das Zungenreden, eine „erleuchtete“ Prophetie, das „Wort der Erkenntnis“ (spontane Eingebungen von „oben“), angebliche Herzensschau oder Empfang des Heilungs-Charismas. Diese Lobpreismusik ist also vom kirchlichen Psalmengesang oder gar Gregorianischen Choral so weit entfernt wie der Nordpol vom Südpol.

Es liegt auf der Hand, daß die gefühlsfixierte und erlebnissüchtige Frömmigkeit in pentekostalen Bewegungen den geistlichen Mißbrauch strukturell begünstigt. Das Problem ist geradezu system-immanent und besteht keineswegs nur aus einer Ansammlung von Einzelfällen.

Vielmehr sind einige Faktoren im Wesen dieser Strömung begründet, die  seelsorglichen Übergriffen und Irreführungen Tür und Tor öffnen, darunter z.B. folgende Aspekte:

  1. Wenn die Gründer bzw. Leiter der jeweiligen Gemeinschaft den Heiligen Geist gleichsam gepachtet haben, vom Himmel direkt geführt und inspiriert werden, dann sind diese Personen von einem gleichsam unantastbaren Nimbus umgeben, der sie außerhalb jeder Kritik stellt. Visionär begabte und „begnadete“ Persönlichkeiten stehen quasi unter Denkmalschutz und üben gewissermaßen ein Prophetenamt aus. Es geziemt sich folglich für die Gruppenmitglieder, ihnen den schuldigen Gehorsam zu erweisen, weil alles andere den Heiligen Geist „betrüben“ könnte.
  2. Die nüchterne Vernunft wird durch eine ständige Suche bis Sucht nach „Tabor-Erlebnissen“ allmählich verdrängt. Das Bedürfnis, seelisch auf der „Wolke“ zu sitzen, eine vermeintlich unmittelbare „Gotteserfahrung“ zu erhalten, begünstigt das Ausschalten des kritischen Verstandes. Skepsis wird in diesem Kreisen ohnehin gerne dämonisiert: Den Gläubigen wird eingeredet, es handle sich um teuflische Versuchungen, zumindest aber um „okkulte Belastungen“ oder gar Umsessenheit. Womöglich wird zur „Heilung“ dann ein Quasi-Exorzismus vollzogen, nämlich das sogenannte „Befreiungsgebet“, auf daß die „Finsternismächte“ gebannt werden. Wenn dann besonders erleuchtete Personen mit Visionen in einer Gebetsgruppe mittels Sonderoffenbarung verkünden, welches Mitglied dringend eine „Befreiungsaktion“ benötigt, ist der geistliche Mißbrauch komplett und der/die Betroffene nicht selten für Jahre seelisch „neben sich“. (Ich weiß von etlichen tragischen Schicksalen, manche Geschädigte enden zuletzt in der Psychiatrie.)
  3. Die für charismatische Kreise typische Sehnsucht nach „Heilung und Befreiung“ kann dazu führen, daß die Gruppenmitglieder von einem „Heilungsprediger“ zum anderen laufen, von einem Seminar zum nächsten, von einem Propheten zum noch stärker begnadeten Visionär etc. Es dreht sich alles im Kreise und die Betroffenen kommen kaum noch zur ruhigen Besinnung und zur Distanz. Auch dies erleichtert geistlichen Mißbrauch und bewirkt keine Seelsorge, sondern Seelenverwirrung.

Aus einer klassisch-konservativen und traditionell katholischen Sicht ist die Einsicht entscheidend, daß der Schwarmgeist eine innere Gefährdung des eigenen Spektrums darstellt, was zu entsprechender Vorsicht und Nüchternheit veranlaßt.

Nicht der Skeptizismus ist die typische Versuchung der Frommen, sondern die Verstiegenheit, nicht die Wunderflucht, sondern die Wundersucht, nicht der Unglaube, sondern der Aberglaube, nicht der Rationalismus, sondern der Irrationalismus. Achten wir also darauf, weder links noch rechts vom Pferd zu fallen – auch „rechts“ lauern ernsthafte Gefahren, wie die Kirchengeschichte seit jeher angesichts sektiererischer Bewegungen in Hülle und Fülle belegt.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags von Felizitas Küble in der traditionell-theologischen Zeitschrift UNA VOCE (Nr. 4/2020)


Katholische Debatte um das „Ruhen im Geist“ und seine psychisch-spirituellen Folgen

Von Felizitas Küble

Der erscheinungsbewegte Blog „Zeugen der Wahrheit“ (ZdW) bringt gerne die neuesten Botschaften selbsternannter Seher und „Propheten“, aber immerhin finden sich in den Leserspalten bisweilen auch kritische oder zumindest nachdenkliche Kommentare.

In einem der Foren wurde z.B. über das „Ruhen im Geist“ diskutiert: http://kath-zdw.ch/forum/index.php?topic=283.8

Angeregt wurde die Debatte durch einen kritischen Artikel von mir über dieses umstrittene Phänomen, bei dem die „Gesegneten“ plötzlich wie in Trance rückwärts auf den Boden fallen, weshalb ich hier schlicht von einem „Hammersegen“ spreche.

Für einen frommen Katholiken namens „Winfried“ ist dieser Vorgang „immer noch nicht geklärt“. Er schreibt:

„Wie viele andere gläubige Katholiken auch habe ich an solchen Veranstaltungen teilgenommen, wobei diese Phänomene wirklich auftraten. Einige, die dabei bewusstlos umfielen, berichteten von „positiven“ Erfahrungen, andere konnten sich an nichts mehr erinnern, wieder andere glaubten, von einer dämonischen Macht besessen zu sein.“

Zunächst hat „Winfried“ mit dieser Beobachtung durchaus recht; sie stimmt mit dem überein, was auch ich von zahlreichen Betroffenen gehört habe:

Es scheint, als seien manche dabei ganz euphorisch auf der Wolke, sie hören „himmlische“ Musik, erleben tolle Gefühle, es durchströmt sie eine Art Energie wie elektrischer Strom usw.

Andere wiederum hatten weder schöne noch schreckliche Empfindungen erlebt, sondern zunächst gar nichts, fühlten sich aber hinterher „wie beschwipst“: „Ich war wie neben mir“ (so sagte mir wörtlich eine Aussteigerin, die damit nichts mehr zu tun haben möchte).

Wieder andere – einige davon kenne ich persönlich – erfuhren diese angebliche „Taufe im Heiligen Geist“ genau gegenteilig, nämlich als okkulte Belastung mit der Vorstellung, sie seien jetzt besessen oder zumindest umsessen etc.

Diese Berichte erinnert fast an einen Drogen-Trip, der ja auch durchaus als „wolkig“ und „himmlisch“ erlebt werden kann – oder genau umgekehrt als angsteinflößende Panikstimmung.

So paradox es klingen mag: Langfristig ist der Negativ-Trip dann das kleinere Übel, wenn er wenigstens von dieser irrgeistigen Erfahrung abschreckt – ähnlich, wie wenn jemand nach einem Panik-Trip seinen Rauschmitteln für immer entsagt.

Aber lassen wir den nachdenklichen Leser „Winfried“ weiter zu Wort kommen:

„Was die Ursachen dieses Umfallens („Ruhen im – Heiligen – Geist“) betrifft, so schwanken die Vermutungen zwischen Hypnose, einer wirklichen Einwirkung des Heiligen Geistes und dämonischen Einflüssen. Bei alldem muss man allerdings darauf hinweisen, dass für einen getauften Katholiken in erster Linie das Sakrament der Firmung (Stärkung durch den Hl. Geist) ausschlaggebend ist, wenn es um das Handeln des Heiligen Geistes geht, welcher bekanntermaßen weht, wann, wo und wie ER will (vgl. Joh 3,8).

Tatsächlich gibt es theoretisch drei Erklärungsmodelle:
Das Phänomen stammt entweder von innen (Selbst-Suggestion, Erwartungshaltung, Fremdsuggestion = Hypnose, Erlebnishunger etc…) – oder von oben (Geistwirkung, Gotteserfahrung) – oder von unten, also durch Finsternismächte bewirkt.

Aus meiner Sicht – sowohl theologisch betrachtet wie aufgrund jahrzehntelanger Kontakte mit Hammersegen-Betroffenen – entfällt die Erklärung „von oben“ (was hier bereits in x-Artikeln näher begründet wurde) – und die häufigste Ursache dürfte jene „von innen“ sein, wobei solche psychologischen Vorgänge irrgeistiger Art keineswegs als harmlos anzusehen sind.

Vielmehr spielt der „Kellergeist“ auf vielen (allzu)menschlichen Klavieren, gerade wenn Wundersucht und fragwürdiger Erlebnishunger (Gott gleichsam „genießen“ wollen) damit verquickt sind.

Es kann also – eher indirekt – auch zu einem Einfluß „von unten“ kommen. Allerdings sollte diesbezüglich jedwede Panikmache vermieden werden, weil eine solche immer ungesund ist und nicht zu nüchternen Erkentnissen führt.

Zudem hat Leser Winfried recht, wenn er auf das Sakrament der Firmung verweist: HIER werden die Sieben Gaben des Heiligen Geistes vermittelt, die übrigens sehr vernunftbetont beginnen: „Geist der Weisheit, des VERSTANDES, des Rates, der Stärke, der WISSENSCHAFT, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht.“ – Somit können die echten Geistesgaben kein Phänomen jenseits der klaren Erkenntnis (und geistigen Wachheit) oder gar gegen den Verstand gerichtet sein.

Die Debatte auf dem ZdW-Forum geht weiter. Der Kommentar einer Userin mit Nicknamen „Kleine Seele“ lautet: „Ich stehe dem skeptisch gegenüber, es kommt mir eigenartig/unheimlich vor. Ich war aber noch nie persönlich dabei, habe es nur auf Video gesehen.

Leser „CSPB“ schreibt folgendes von seinen Besuchen auf charismatischen Veranstaltungen:

„Bei diesem Segen dürfen ca. 3/4 aller Menschen im Geist ruhen (=in Ohnmacht fallen). Wenn jemand (so wie ich bis jetzt immer) nicht umfällt, ist das nicht deswegen, weil man weniger vom Heiligen Geist empfangen hat, sondern weil einen Gott nicht dazu zwingt, die Kontrolle des des menschlichen Geistes für ein paar Sekunden vollständig dem Heiligen Geist zu überlassen, der dann die Gedanken ordnet und in die richtigen Bahnen bringt….

Nicht umzufallen heißt aber nicht, dass man gar nichts fühlt. Die Beine werden weich, man beginnt das Gleichgewicht zu verlieren und es kribbelt im Kopf, ein durch und durch angenehmes Gefühl.“

Tatsächlich weiß ich von mehreren Betroffenen, daß sie sich in charismatischen Segensfeiern nur mit Mühe aufrecht halten konnten und schon weiche Beine bekamen.

Ein Priester schilderte mir, wie er sich in Medjugorje mit letzter Willenskraft an der Kirchenbank festhalten mußte, um nicht rückwärts zu fallen, als dort Pater Zovko seinen Hammersegen verteilte. Eine Familienmutter war in einer charismatischen Veranstaltung bereits am Schwanken, konnte aber ein Rückwärtskippen verhindern, weil sie an ihre Kinder dachte, die sie noch in voller Kraft benötigen, weshalb sie ihren Verstand ganz wachhalten müsse usw…

Einige schildern auch das „durch und durch angenehme Gefühl“ beim Rückwärtsfallen, als ob sie wie mit elektrischem Strom durchgekitzelt und „überschwemmt“ würden, sozusagen sehr energiegeladene Gefühle erleben. Dies wird auch in zahlreichen charismatischen Büchern geschildert und als großartig angepriesen

Eine Userin namens „Kleines Licht“ schreibt sodann halbkritisch bis eher wohlwollend Folgendes:

„Was die Menschen, die ich beobachten konnte während ihrer „Abwesenheit“ erlebt haben, weiß ich leider nicht. Doch ich hatte den Eindruck, dass sie sich des Fallens nicht bewusst waren. Eine Frau beispielsweise, die neben mir am Boden lag und wieder zu Bewusstsein kam, stellte ihrem Helfer als erstes die Frage: „Was ist passiert?“ Den Eindruck dieser „Unwissenheit“ oder „Unbekümmertheit“ hatte ich bei den meisten der umgefallenen Menschen.“

Genau dies wurde mir ebenfalls bestätigt – eben von jenen, die sich hinter „wie beschwipst“ vorkamen und nicht so recht wußten, wie ihnen geschah. Hätten sie dies vorausgeahnt, wären sie nicht zu diesen vielgepriesenen Sondersegnungen gekommen.

Im Grunde handelt es sich hier vielfach um (un)geistliche Übergriffe, letztlich um seelsorglichen Missbrauch. Um die dadurch Geschädigten kümmert sich hinterher kein Heilungsprediger, kein „Seher“, keine charismatische Gruppe, aber bei mir melden sie sich seit Jahrzehnten, manche stehen direkt vor meiner Haustür, um ihr Herz auszuschütten.

Welcher nüchtern denkende Christ glaubt denn ernsthaft, daß solche schwarmgeistigen Vorgänge vom Geiste Gottes bewirkt werden, daß sie gar eine „Geisttaufe“ oder eine „besondere Gotteserfahrung“ darstellen?!

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Gemälde: Evita Gründler


Sachbuch über religiösen Machtmissbrauch

Neuerscheinung: Religiösen Machtmissbrauch verhindern, Dr. Martina Kessler, 256 Seiten, Paperback, 13,8 x 20,8 cm. – ISBN: 978-3-7655-2117-1 – Preis 18 €, Brunnen-Verlag

Wer leitet, hat Macht – und wer etwas bewegen möchte, braucht Macht. Doch Macht wird dann missbraucht:
– wenn Menschen zu etwas gedrängt werden, was sie von sich aus nicht tun würden.
– wenn die drängende Person davon einen Vorteil hat.
– wenn persönliche Grenzen dabei übertreten werden.

Besonders schlimm wird es, wenn dieser Missbrauch im Namen Gottes geschieht und religiös begründet wird – und wenn er kontinuierlich passiert, also in der Struktur von Gruppen, Gemeinden oder Organisationen verankert ist.

Die Autoren dieses Buchs stehen in leitender Verantwortung in christlichen Gemeinden und Werken, die zum Netzwerk der Evangelischen Allianz gehören. Sie sind daher selbst auf verschiedene Art „Betroffene“. Dieses Buch hilft, Machtmissbrauch zu entlarven, aber mehr noch: ihm vorzubeugen.

Mit einem Vorwort von Ekkehard Vetter, einem Geleitwort von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher und Beiträgen von Tobias Faix, Rolf Gersdorf, Ansgar Härsting, Martina und Volker Kessler, Andreas Klotz, Florian Köppke, Angelika Marsch, Heinrich Christian Rust und Hans-Günter Schmidts.

Bestellung des Buches hier: https://brunnen-verlag.de/religiosen-machtmissbrauch-verhindern.html#


Warum „neue geistliche Gemeinschaften“ anfälliger für pastoralen Missbrauch sind

Von Felizitas Küble

Das kirchenamtliche Portal „Katholisch.de“ berichtet in einer Buchbesprechung über eine Neuerscheinung in Frankreich, die sich mit dem Problem des geistlichen Missbrauchs näher befaßt: https://www.katholisch.de/artikel/29431-journalistin-missbrauch-durch-gruender-systemisch-beguenstigt

Eingangs heißt es dort: „Ihre Bewegungen galten als Hoffnung der Kirche: Ausgerechnet die Gründer einiger Neuer Geistlicher Gemeinschaften in Frankreich haben sich als Missbrauchstäter entpuppt. Die französische Journalistin Céline Hoyeau hat die Hintergründe untersucht.“

Die Autorin des Buches „La Trahison des pères“ („Der Verrat der Väter“) gelangt zu der Schlußfolgerung, jene Gemeinschaften – von denen die meisten charismatisch geprägt sind – seien so aufgebaut, daß sie pastoralen (seelsorglichen) Missbrauch strukturell begünstigen.

Das bedeutet natürlich nicht, daß alle Initiativen davon betroffen sind, aber überdurchschnittlich viele von ihnen,

Somit stellt sich die Frage, ob dies reiner „Zufall“ ist oder ob es vielmehr gewisse system-immanente Faktoren gibt, die (un)geistliche Übergriffe erleichtern – vor allem angesichts der vielfach von ihren Anhängern sehr umschwärmten Gründern solcher Gemeinschaften:

„Sie erreichten eine Position der Allmacht, in der es ihnen möglich war, ungestraft zu missbrauchen, ohne dabei auf Gegenwehr oder wirksame kirchliche Kontrolle zu stoßen. Wenn diese Taten so lange stattfinden konnten, ohne gemeldet zu werden, ist das auch die Schuld des Systems“, sagte Hoyeau dem katholischen US-Onlineportal „Crux“.

Diese Initiativen seien – so heißt es weiter – vielen kirchlichen Würdenträgern wie ein „Wundermittel“ für eine Erneuerung erschienen, zumal der „Sinn für das Heilige“ nachkonziliar vernachlässigt wurde. Die Sehnsucht mancher Gläubigen nach einer gefühlsbetonteren Frömmigkeit und „inneren Heilung“ hat solche euphorischen Bewegungen begünstigt:

„Die Genialität der Gründer lag darin, dass sie es verstanden, dieser spirituellen Suche zu begegnen, indem sie einerseits eine beruhigende Autorität, andererseits aber auch eine neue Art zu Glauben verkörperten, die Emotion, eigener Befindlichkeit, dem eigenen Körper sowie der eigenen Verletzlichkeit Raum gab“.

In ihrem Buch befaßt sie sich mit Gründerfiguren wie z.B. den Brüdern Marie-Dominique und Thomas Philippe, Bruder Ephraim, Thierry de Roucy und Jean Vanier; die Autorin sprach mit Opfern, ehem. Mitgliedern und verschiedenen Experten. (Über die Problematik um die französischen charismatischen Gründerfiguren Philippe, Bruder Ephraim und Jean Vanier wurde hier im CHRISTLICHEN FORUM bereits berichtet.)

Innerhalb seiner Bewegung habe sich der jeweilige Gründer – so heißt es weiter – „mit einem Kreis loyaler Anhänger umgeben, der ihn gegen jede Kritik von außen wie von innen verteidigte“.

Dabei wurden in diesen Gemeinschaften teilweise die kirchenrechtlichen Vorschriften nicht eingehalten:

Die betreffenden Gruppen „respektierten die normalen Schutz- und Kontrollmechanismen der Kirche nicht“, sagt Hoyeau. Das beträfe besonders die Vorgabe, dass der (organisatorische) Leiter einer Gemeinschaft nicht gleichzeitig spiritueller Begleiter oder Beichtvater seiner Mitglieder sein dürfe. (Es geht hier um die im CIC-Kirchenrecht seit jeher festgeschriebene Trennung von „forum externum“ und „forum internum“).

HINWEIS: In der Ausgabe Nr. 3-4/2020 der katholischen Zeitschrift UNA VOCE erschien mein Artikel mit dem Titel: „Warum eine charismatische Spiritualität den geistlichen Mißbrauch begünstigt.“ – Dabei werden viele dieser hier erwähnten Punkte sowie weitere Aspekte auf sieben Seiten erläutert.

Das Thema „Geistlicher Missbrauch“ ist sodann im CHRISTLICHEN FORUM seit vielen Jahren präsent – siehe rund fünfzig Artikel dazu: https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/


Teuflischer Kreislauf und (un)geistlicher Missbrauch durch „Heilung und Befreiung“

Von Felizitas Küble

Es ist schon einige Zeit her, als ich mit einer jungen Frau, die durch Exerzitien im charismatischen „Haus Raphael“ in Hessen (Bad Soden-S.) psychisch und gesundheitlich erheblich geschädigt wurde, ein längeres Gespräch führte.

Die gläubige Katholikin war wegen dieser schlechten Erfahrungen mit einem Fuß aus der charismatischen Szene ausgestiegen – und mit dem anderen Fuß stand sie beharrlich weiter mittendrin. Man könnte auch sagen: sie hinkte auf beiden Beinen.

Obwohl sie nach dem sog. „Ruhen im Geist“ (Rückwärtskippen in Trance), das in schwarmgeistigen Kreisen weit verbreitet ist, seelisch schwer zu leiden hatte und sich gar dämonisch attackiert fühlte, wandte sie sich zwar gegen diesen „Hammersegen“ (wie ich ihn nenne), verteidigte aber ansonsten nach wie vor die charismatischen Seminare, weil dort ja „nicht alles schlecht“ sei.

Nun ist wohl klar, daß es auf dem weiten Erdenrund selten etwas gibt, das 100% negativ wäre – meist handelt es sich um eine Mischung aus gut und schlecht. Allerdings kommt es darauf an, so erklärte ich der Geschädigten, wie die Wurzel beschaffen ist.

Sie erzählte mir dazu ihre Geschichte:

Ihre Mutter besuchte das charismatische Evangelisationszentrum Maihingen im Schwarzwald, das seit Jahrzehnten in den entsprechenden Kreisen sehr bekannt ist. Von dort wurde sie und auch die Tochter – meine Gesprächspartnerin also – weitergeschickt nach Bad Soden-Salmünster zu den dortigen „Heilungs“-Seminaren in Haus Raphael (das freilich kirchlich nicht anerkannt ist).

Soweit – so ungut, denn was dort geschah, kann aus meiner Sicht nur als geistlicher Missbrauch bezeichnet werden.

Nun argumentierte die Betroffene folgendermaßen:

Es sei zwar schlimm, daß in Maihingen auch viele Leute „umkippen“, aber gut sei es doch, daß indische Heiler die „Belasteten“ durch einen Exorzismus wieder befreien.

Ich widersprach: Das sei ein teuflischer Kreislauf, sie habe es doch selbst erlebt: Mit dem vermeintlichen „Ruhen im Geist“, das dort als Glaubenserlebnis gepriesen wird, hätte sie äußerst bedrückende Erfahrungen gemacht, die sie dann mit einem pseudo-exorzistischen „Befreiungsgebet“ wieder loswerden wolle.

Also werde doch unter einem Dach ein buchstäblicher „Teufelskreis“ praktiziert und die Ratsuchenden in eine Achterbahn der Gefühle geworfen: Erst sollen sie in Zimmer 1 gleichsam auf der Wolke schweben (im „Geiste“ ruhen), hinterher – wenn ihnen „das“ nicht bekommt – sollen sie in Zimmer 2 von „Dämonen“ exorziert werden.

Damit werde zuerst ein Problem geschaffen, um es dann vermeintlich zu „lösen“, in Wirklichkeit werden Gläubige gleich mehrfach in irrgeistiger Weise verwirrt und auf spirituelle Abwege gebracht, die mit einer bodenständigen und besonnenen Frömmigkeit nichts mehr zu tun haben.

Hier sei die Wurzel schon hochproblematisch, somit das Weitere auch entsprechend abzulehnen.

Die junge Frau brachte den Einwand: Es kann keineswegs die ganze Wurzel schlecht sein: „Der Teufel würde doch nicht wünschen, daß Dämonen ausgetrieben werden, der ist doch nicht saublöd!“

Ich entgegnete: „Der Kellergeist ist nicht nur keineswegs saublöd, er ist sogar sauschlau!“

Sie: „Das sage ich doch!“

Ich: „Aber durch solche Schein-Erfolge wie eine vermeintliche Dämonenaustreibung verführt er die Gläubigen noch tiefer hinein in diesen Teufelskreis einer angeblichen „Heilung“ durch den Hammersegen – und wenn das nicht klappt, sondern zur Belastung wird, dann schreitet man zur exorzistischen „Befreiung“ – was das Problem aber nicht löst, sondern verschärft.“

Sie meinte, ich könne solche schlechten Erfahrungen, wie sie diese selber erlebt habe, nicht verallgemeinern.

Ich erklärte, das wolle ich auch gar nicht: „Auch ein charismatisches Huhn findet mal ein Korn“ – aber es komme auf den Ansatz, auf die Grundlage an – und die sei grundsätzlich problematisch, selbst wenn es vereinzelt zu Erfahrungen käme, die von den Betreffenden als positiv empfunden werden.

Immerhin könne Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben, was aber nichts an der Krummheit der Zeilen ändere, sondern auf Gottes Barmherzigkeit und Langmut zurückzuführen sei.

Sie erinnerte an das bekannte Bibelwort: „Der Geist weht, wo er will.“

Ich: „Ja, der Geist weht, wo ER will – denn Gottes Geist ist für uns nicht verfügbar, kann nicht eigenmächtig herbeizitiert und von uns vereinnahmt werden, ER ist eine göttliche Person und keine emotionale Energie oder Kraft.“

Zudem erinnere ich sie daran, daß Christus selbst verkündet hat, keineswegs alle Teufelsaustreiber würden sich gleichsam automatisch im Stande seiner Gnade befinden, nur weil sie mit gerade dieser Aufgabe zugange sind.

Bei seiner Warnung geht es wohlgemerkt um christliche Exorzisten, wie sich aus dem Zusammenhang und Wortlaut („…in deinem Namen…!) eindeutig ergibt:

Mt 7,21 ff:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Nicht jeder, der HERR, HERR zu mir sagt, wird in das Himmelreich gelangen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.
Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: HERR, HERR, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunder vollbracht?
Dann werde ich ihnen antworten: Ich habe euch nie gekannt. Hinweg von mir, ihr Übeltäter!

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Geistl. Missbrauch: Erzbistum Wien warnt vor charismatischer Bethabara-Gemeinschaft

Von Felizitas Küble

Seit Jahrzehnten warnt unser Christoferuswerk, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt, vor dem seelsorglichen Missbrauch in religiösen Gruppen, wobei (un)geistliche Übergriffe auffallend häufig in pfingstlerischen bzw. charismatischen Gemeinschaften auftreten. Dies wurde uns durch Kontakte mit zahlreichen Aussteigern bzw. Geschädigten immer wieder bestätigt.

Wir haben zum (anti)pastoralen Missbrauch bislang 46 Artikel und Erlebnisberichte veröffentlicht: https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/

Nun hat sich sogar das Erzbistum Wien, dessen Oberhaupt – Christoph Kardinal Schönborn (siehe Foto) – selber zur Charismatik neigt, dazu aufgerafft, öffentlich vor der Bethabara-Gemeinschaft zu warnen und dem schwarmgeistig geprägten Werk jede Tätigkeit im kirchlichen Bereich der Diözese durch ein amtliches Dekret zu verbieten: https://www.stjosef.at/index.php?id=news&newsnr=7035

Hintergrund der jüngsten kirchlichen Warnung ist offenbar der „Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses“ durch den Gründer, Pater Jean-David Lindner, der kirchlich deshalb verurteilt wurde. Dies geht aus einer angefügten Erklärung der Johannesbruderschaft aus Wien hervor.

Bethabara wurde vorher von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten bereits als kirchlicher Verein anerkannt. Wie so oft, waren katholische Hierarchen nicht kritisch genug, wenn es darum geht, hinsichtlich charismatischer Phänomene eine wachsame Unterscheidung der Geister vorzunehmen.

Bischof Küng, der dem Opus Dei angehört, trat am 6.6.2017 sogar selbst bei einer Lobpreis-Konferenz von Bethabara als Redner auf und lies die Veranstaltung auf seiner offiziellen Bistumsseite würdigen: https://presse.dsp.at/einrichtungen/kommunikation/artikel/2017/bethabara-konferenz-mit-bischof-kueng-krems

Die erwähnte Gemeinschaft versteht sich selbst als „charismatisch“ und sogar als „prophetisch“. Wie viele Gruppen ähnlicher Art (z.B. Arche, Gemeinschaft der Seligpreisungen, Johannesgemeinschaft, Emmanuel) hat auch Bethabara seinen Ursprung in Frankreich.

Die Initiative begann dort mit Exerzitien für Jugendliche im Jahre 2005 durch Pater Marie-Angel Carre. Die charismatische Gruppierung schwappte nach Österreich weiter und wurde dort von Pater Jean-David Lindner (ursprünglich ein Angehöriger der „Brüder des hl. Johannes“) geleitet. Dieser Geistliche war seit 2012 sogar Bundesjugendseelsorger der Katholischen Jugend Österreich: https://www.erzdioezese-wien.at/site/nachrichtenmagazin/nachrichten/archiv/archive/30699.html

Pater Lindner fiel seit Jahren auf durch seine Empfehlung fragwürdiger bis irrgeistiger „Seher“ wie z.B. Fra Elia, wodurch er auf der erscheinungsbewegten Webseite „Kath.net“ gerne als Kronzeuge für selbsternannte Begnadete aufgerufen wurde. (Näheres dazu in unserem Bericht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/05/31/der-stigmatisierte-und-lichtreiche-bruder-elias-cataldo-tagt-in-krems-und-hallein/) – Schon vorher wurde er gerne auf Kathnet-Videos präsentiert: https://www.youtube.com/watch?v=1w6GxbG9EZE

Aber nicht nur dies – Kathnet veröffentlichte einen euphorischen, wunderbewegten Artikel über ein Bethabara-Seminar zur „Inneren Heilung“. Darin heißt es: „Seelische Wunden, Traumata, Ängste, systematisch betet das Team die verschiedenen Lebensphasen durch, von der Empfängnis bis in die Gegenwart…“ – also auch vorgeburtlich wird nichts ausgelassen in puncto „Innerer Heilung“! (Quelle: https://www.kath.net/news/59649)

Auch ansonsten konzentierte sich die Bethabara-Gemeinschaft gerne auf das Außergewöhnliche und veranstaltete sogar „Prophetenschulungen“, denn – so schwärmte der Gründer – die Seminare waren konzipiert „für Menschen, die ihre prophetische Dimension der Taufgnade ernst nehmen und vollmächtig als Propheten und Fürbitter in dieser Endzeit auftreten möchten. Propheten, die dem Herrn den Weg bereiten“ .

Weitere enthusiastische Auslassungen, wie man sie sonst nur von extrem-pfingstlerischer Seite kennt, finden sich auf einer Informationsbroschüre dieser „Propheten“: https://www.bethabara.de/download/flyer/Informationsbroschuere_Prophetenschule2018.pdf

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Ergänzennder Info-Hinweis vom 9.3.: In der nachfolgend verlinkten Erklärung der Johannes-Bruderschaft ist betr. Pater Lindner konkret von „unkeuschen Handlungen im Rahmen der geistlichen Begleitung“ die Rede, womit der sonstige Ausdruck „Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses“ ergänzt bzw. präzisiert wird: https://johannesgemeinschaft.at/pdf/2020_08_23%20-%20Pressemitteilung.pdf


Evangelikales Aufklärungsbuch über Machtmenschen und geistlichen Missbrauch

Besprechung von Felizitas Küble

Seit gut zwei Jahren ist in amtlichen katholischen Kreisen das Wort vom „Geistlichen“ oder „Spirituellen“ Missbrauch in aller Munde. Entsprechende Veröffentlichungen der ehem. Ordensfrau Doris Wagner-Reisinger und des Jesuiten Klaus Mertes sorgten dafür.

Dabei entstand vielfach der Eindruck, als hätten diese beiden Autoren aus dem reformkatholischen Spektrum ein besonderes, vorher verborgenes oder totgeschwiegenes Thema ganz neu „entdeckt“ und endlich zur Sprache und in die Öffentlichkeit gebracht.

Das ist insofern richtig, als katholische Kirchenobere das Problem lange kaum zur Kenntnis nahmen, geschweige wirksam dagegen vorgegangen sind.

Allerdings kümmert sich nicht nur unser CHRISTLICHES FORUM inzwischen seit fast 10 Jahren um diese Problematikund dies z.B. mit dutzenden von Sach-Analysen sowie Erlebnisberichten von Betroffenen oftmals aus der charismatischen Szene.

Auch auf dem evangelikalen Buchmarkt gibt es seit Jahrzehnten ein breites Feld der Aufklärung vor seelsorglichem bzw. pastoralem Missbrauch. (Siehe unsere Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/07/evangelikale-buecher-warnten-schon-vor-lange-vor-dem-geistlichem-missbrauch/ und hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/06/12/warnung-vor-geistlichem-seelsorglichem-missbrauch-durch-scheinheilige/)

Diese theologisch konservativen evangelischen Autoren haben sich dabei häufig vor allem charismatische und neo-pfingstlerische Gruppen vorgeknöpft – und dies deshalb, weil dort die Anfälligkeit für „Machtmenschen“ besonders stark ist, wenngleich nicht hierauf begrenzt. Freilich hat der Protestantismus mit dieser Schwarmgeisterei auch schon viel länger ein Problem – nämlich seit Anfang des 20. Jahunderts, die kath. Kirche erst seit 1968 – von daher auch die schnelleren Abwehr-Reaktionen.

Der pietistische Prediger und in Skandinavien vielgelesene Schriftsteller Edin Lovas aus Norwegen veröffentlichte bereits 1996 – also vor einem Vierteljahrhundert – im pietistischen Brendow-Verlag seine warnende Schrift über „Wölfe in Schafspelzen“.

Dabei ging es ihm nicht etwa um die „böse Welt“, sondern – so der Untertitel – um „Machtmenschen in der Gemeinde“, also innerhalb der Christenheit.

Seine Aufklärungsschrift entstand nach vierzig Jahren Seelsorgsarbeit, wobei er „entsetzt“ darüber sei, „welches Ausmaß von Leiden durch Machtmenschen“ einzelnen Gläubigen, aber auch ganzen Gemeinden und Gemeinschaften zugefügt worden sei, schreibt er im Vorwort und fügt hinzu:

„Ich bin zugleich bestürzt darüber, daß in christlichen Kreisen und selbst unter sachkundigen Fachleuten über diese Dinge nicht offen und ehrlich geredet wird.“

Der Verfasser, der im norwegischen Sandom eine Jesus-Meditations-Bewegung gründete, die den Ignatianischen Exerzitien der katholischen Jesuiten ähnelt, stellt besorgt fest: „Soweit ich Einblick habe, scheinen die Opfer von Machtmenschen selten ernst genommen zu werden.“

Diesen Befund kann ich aus meiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrung mit Aussteigern nur bestätigen. Vielfach zeigt sich dies auch hier bei uns in Leserkommentaren von charismatischen Eiferern:

Wenn ein Geschädigter über seine negativen Erfahrungen in schwarmgeistigen Zirkeln berichtet, kommt sofort die Selber-schuld-Keule von dieser Seite: Die Betroffenen seien psychisch angeknackst, wollten sich jetzt nur „rächen“, hätten die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ begangen, die Strafe des Himmels folge auf dem Fuße – und dergleichen Unfug mehr. Natürlich werde auch ich ständig mit solchen „Keulen“ konfrontiert so z.B. seit vielen Jahren auf erscheinungsbewegten Seiten von Gloria-TV und früher auch auf „Kathnet“, was mich aber nicht aus dem kritischen Konzept bringt, sondern vielmehr darin bestätigt.

Der deutsche Buch-Herausgeber Andreas Ebert bezeichnet derlei Verirrungen in seinem Vorwort mit Recht als einen „wunden Punkt“, auf den man den Finger legen müsse (S. 11), denn „schlimme Formen des Machtmißbrauchs“ gäbe es eben nicht nur in der Politik, sondern auch in christlichen Kreisen und Gemeinden.

Er erwähnt auf derselben Seite „neopfingstlerische Strömungen“aus den USA sowie die charismatische „Glaubensbewegung“, die sich auch als „Herrlichkeitstheologie“ bezeichnet – gemeint ist das sog. „Wohlstandsevangelium“. Dort werde gelehrt, „daß Kinder Gottes das Anrecht auf irdischen Wohlstand und diesseitiges Wohlergehen“ hätten.

Weiter heißt es, daß auf „diesem Boden“ Gruppen und Gemeinden ohne Kontrolle und Ordnung entstehen: „Sie sammeln sich um starke, angeblich direkt von Gott berufene Führergestalten“.

Und genau dies ist der springende Punkt!

Eine FORTSETZUNG unserer Buchbesprechung folgt demnächst.