Katholische Debatte um das „Ruhen im Geist“ und seine psychisch-spirituellen Folgen

Von Felizitas Küble

Der erscheinungsbewegte Blog „Zeugen der Wahrheit“ (ZdW) bringt gerne die neuesten Botschaften selbsternannter Seher und „Propheten“, aber immerhin finden sich in den Leserspalten bisweilen auch kritische oder zumindest nachdenkliche Kommentare.

In einem der Foren wurde z.B. über das „Ruhen im Geist“ diskutiert: http://kath-zdw.ch/forum/index.php?topic=283.8

Angeregt wurde die Debatte durch einen kritischen Artikel von mir über dieses umstrittene Phänomen, bei dem die „Gesegneten“ plötzlich wie in Trance rückwärts auf den Boden fallen, weshalb ich hier schlicht von einem „Hammersegen“ spreche.

Für einen frommen Katholiken namens „Winfried“ ist dieser Vorgang „immer noch nicht geklärt“. Er schreibt:

„Wie viele andere gläubige Katholiken auch habe ich an solchen Veranstaltungen teilgenommen, wobei diese Phänomene wirklich auftraten. Einige, die dabei bewusstlos umfielen, berichteten von „positiven“ Erfahrungen, andere konnten sich an nichts mehr erinnern, wieder andere glaubten, von einer dämonischen Macht besessen zu sein.“

Zunächst hat „Winfried“ mit dieser Beobachtung durchaus recht; sie stimmt mit dem überein, was auch ich von zahlreichen Betroffenen gehört habe:

Es scheint, als seien manche dabei ganz euphorisch auf der Wolke, sie hören „himmlische“ Musik, erleben tolle Gefühle, es durchströmt sie eine Art Energie wie elektrischer Strom usw.

Andere wiederum hatten weder schöne noch schreckliche Empfindungen erlebt, sondern zunächst gar nichts, fühlten sich aber hinterher „wie beschwipst“: „Ich war wie neben mir“ (so sagte mir wörtlich eine Aussteigerin, die damit nichts mehr zu tun haben möchte).

Wieder andere – einige davon kenne ich persönlich – erfuhren diese angebliche „Taufe im Heiligen Geist“ genau gegenteilig, nämlich als okkulte Belastung mit der Vorstellung, sie seien jetzt besessen oder zumindest umsessen etc.

Diese Berichte erinnert fast an einen Drogen-Trip, der ja auch durchaus als „wolkig“ und „himmlisch“ erlebt werden kann – oder genau umgekehrt als angsteinflößende Panikstimmung.

So paradox es klingen mag: Langfristig ist der Negativ-Trip dann das kleinere Übel, wenn er wenigstens von dieser irrgeistigen Erfahrung abschreckt – ähnlich, wie wenn jemand nach einem Panik-Trip seinen Rauschmitteln für immer entsagt.

Aber lassen wir den nachdenklichen Leser „Winfried“ weiter zu Wort kommen:

„Was die Ursachen dieses Umfallens („Ruhen im – Heiligen – Geist“) betrifft, so schwanken die Vermutungen zwischen Hypnose, einer wirklichen Einwirkung des Heiligen Geistes und dämonischen Einflüssen. Bei alldem muss man allerdings darauf hinweisen, dass für einen getauften Katholiken in erster Linie das Sakrament der Firmung (Stärkung durch den Hl. Geist) ausschlaggebend ist, wenn es um das Handeln des Heiligen Geistes geht, welcher bekanntermaßen weht, wann, wo und wie ER will (vgl. Joh 3,8).

Tatsächlich gibt es theoretisch drei Erklärungsmodelle:
Das Phänomen stammt entweder von innen (Selbst-Suggestion, Erwartungshaltung, Fremdsuggestion = Hypnose, Erlebnishunger etc…) – oder von oben (Geistwirkung, Gotteserfahrung) – oder von unten, also durch Finsternismächte bewirkt.

Aus meiner Sicht – sowohl theologisch betrachtet wie aufgrund jahrzehntelanger Kontakte mit Hammersegen-Betroffenen – entfällt die Erklärung „von oben“ (was hier bereits in x-Artikeln näher begründet wurde) – und die häufigste Ursache dürfte jene „von innen“ sein, wobei solche psychologischen Vorgänge irrgeistiger Art keineswegs als harmlos anzusehen sind.

Vielmehr spielt der „Kellergeist“ auf vielen (allzu)menschlichen Klavieren, gerade wenn Wundersucht und fragwürdiger Erlebnishunger (Gott gleichsam „genießen“ wollen) damit verquickt sind.

Es kann also – eher indirekt – auch zu einem Einfluß „von unten“ kommen. Allerdings sollte diesbezüglich jedwede Panikmache vermieden werden, weil eine solche immer ungesund ist und nicht zu nüchternen Erkentnissen führt.

Zudem hat Leser Winfried recht, wenn er auf das Sakrament der Firmung verweist: HIER werden die Sieben Gaben des Heiligen Geistes vermittelt, die übrigens sehr vernunftbetont beginnen: „Geist der Weisheit, des VERSTANDES, des Rates, der Stärke, der WISSENSCHAFT, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht.“ – Somit können die echten Geistesgaben kein Phänomen jenseits der klaren Erkenntnis (und geistigen Wachheit) oder gar gegen den Verstand gerichtet sein.

Die Debatte auf dem ZdW-Forum geht weiter. Der Kommentar einer Userin mit Nicknamen „Kleine Seele“ lautet: „Ich stehe dem skeptisch gegenüber, es kommt mir eigenartig/unheimlich vor. Ich war aber noch nie persönlich dabei, habe es nur auf Video gesehen.

Leser „CSPB“ schreibt folgendes von seinen Besuchen auf charismatischen Veranstaltungen:

„Bei diesem Segen dürfen ca. 3/4 aller Menschen im Geist ruhen (=in Ohnmacht fallen). Wenn jemand (so wie ich bis jetzt immer) nicht umfällt, ist das nicht deswegen, weil man weniger vom Heiligen Geist empfangen hat, sondern weil einen Gott nicht dazu zwingt, die Kontrolle des des menschlichen Geistes für ein paar Sekunden vollständig dem Heiligen Geist zu überlassen, der dann die Gedanken ordnet und in die richtigen Bahnen bringt….

Nicht umzufallen heißt aber nicht, dass man gar nichts fühlt. Die Beine werden weich, man beginnt das Gleichgewicht zu verlieren und es kribbelt im Kopf, ein durch und durch angenehmes Gefühl.“

Tatsächlich weiß ich von mehreren Betroffenen, daß sie sich in charismatischen Segensfeiern nur mit Mühe aufrecht halten konnten und schon weiche Beine bekamen.

Ein Priester schilderte mir, wie er sich in Medjugorje mit letzter Willenskraft an der Kirchenbank festhalten mußte, um nicht rückwärts zu fallen, als dort Pater Zovko seinen Hammersegen verteilte. Eine Familienmutter war in einer charismatischen Veranstaltung bereits am Schwanken, konnte aber ein Rückwärtskippen verhindern, weil sie an ihre Kinder dachte, die sie noch in voller Kraft benötigen, weshalb sie ihren Verstand ganz wachhalten müsse usw…

Einige schildern auch das „durch und durch angenehme Gefühl“ beim Rückwärtsfallen, als ob sie wie mit elektrischem Strom durchgekitzelt und „überschwemmt“ würden, sozusagen sehr energiegeladene Gefühle erleben. Dies wird auch in zahlreichen charismatischen Büchern geschildert und als großartig angepriesen

Eine Userin namens „Kleines Licht“ schreibt sodann halbkritisch bis eher wohlwollend Folgendes:

„Was die Menschen, die ich beobachten konnte während ihrer „Abwesenheit“ erlebt haben, weiß ich leider nicht. Doch ich hatte den Eindruck, dass sie sich des Fallens nicht bewusst waren. Eine Frau beispielsweise, die neben mir am Boden lag und wieder zu Bewusstsein kam, stellte ihrem Helfer als erstes die Frage: „Was ist passiert?“ Den Eindruck dieser „Unwissenheit“ oder „Unbekümmertheit“ hatte ich bei den meisten der umgefallenen Menschen.“

Genau dies wurde mir ebenfalls bestätigt – eben von jenen, die sich hinter „wie beschwipst“ vorkamen und nicht so recht wußten, wie ihnen geschah. Hätten sie dies vorausgeahnt, wären sie nicht zu diesen vielgepriesenen Sondersegnungen gekommen.

Im Grunde handelt es sich hier vielfach um (un)geistliche Übergriffe, letztlich um seelsorglichen Missbrauch. Um die dadurch Geschädigten kümmert sich hinterher kein Heilungsprediger, kein „Seher“, keine charismatische Gruppe, aber bei mir melden sie sich seit Jahrzehnten, manche stehen direkt vor meiner Haustür, um ihr Herz auszuschütten.

Welcher nüchtern denkende Christ glaubt denn ernsthaft, daß solche schwarmgeistigen Vorgänge vom Geiste Gottes bewirkt werden, daß sie gar eine „Geisttaufe“ oder eine „besondere Gotteserfahrung“ darstellen?!

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Gemälde: Evita Gründler


Sachbuch über religiösen Machtmissbrauch

Neuerscheinung: Religiösen Machtmissbrauch verhindern, Dr. Martina Kessler, 256 Seiten, Paperback, 13,8 x 20,8 cm. – ISBN: 978-3-7655-2117-1 – Preis 18 €, Brunnen-Verlag

Wer leitet, hat Macht – und wer etwas bewegen möchte, braucht Macht. Doch Macht wird dann missbraucht:
– wenn Menschen zu etwas gedrängt werden, was sie von sich aus nicht tun würden.
– wenn die drängende Person davon einen Vorteil hat.
– wenn persönliche Grenzen dabei übertreten werden.

Besonders schlimm wird es, wenn dieser Missbrauch im Namen Gottes geschieht und religiös begründet wird – und wenn er kontinuierlich passiert, also in der Struktur von Gruppen, Gemeinden oder Organisationen verankert ist.

Die Autoren dieses Buchs stehen in leitender Verantwortung in christlichen Gemeinden und Werken, die zum Netzwerk der Evangelischen Allianz gehören. Sie sind daher selbst auf verschiedene Art „Betroffene“. Dieses Buch hilft, Machtmissbrauch zu entlarven, aber mehr noch: ihm vorzubeugen.

Mit einem Vorwort von Ekkehard Vetter, einem Geleitwort von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher und Beiträgen von Tobias Faix, Rolf Gersdorf, Ansgar Härsting, Martina und Volker Kessler, Andreas Klotz, Florian Köppke, Angelika Marsch, Heinrich Christian Rust und Hans-Günter Schmidts.

Bestellung des Buches hier: https://brunnen-verlag.de/religiosen-machtmissbrauch-verhindern.html#


Warum „neue geistliche Gemeinschaften“ anfälliger für pastoralen Missbrauch sind

Von Felizitas Küble

Das kirchenamtliche Portal „Katholisch.de“ berichtet in einer Buchbesprechung über eine Neuerscheinung in Frankreich, die sich mit dem Problem des geistlichen Missbrauchs näher befaßt: https://www.katholisch.de/artikel/29431-journalistin-missbrauch-durch-gruender-systemisch-beguenstigt

Eingangs heißt es dort: „Ihre Bewegungen galten als Hoffnung der Kirche: Ausgerechnet die Gründer einiger Neuer Geistlicher Gemeinschaften in Frankreich haben sich als Missbrauchstäter entpuppt. Die französische Journalistin Céline Hoyeau hat die Hintergründe untersucht.“

Die Autorin des Buches „La Trahison des pères“ („Der Verrat der Väter“) gelangt zu der Schlußfolgerung, jene Gemeinschaften – von denen die meisten charismatisch geprägt sind – seien so aufgebaut, daß sie pastoralen (seelsorglichen) Missbrauch strukturell begünstigen.

Das bedeutet natürlich nicht, daß alle Initiativen davon betroffen sind, aber überdurchschnittlich viele von ihnen,

Somit stellt sich die Frage, ob dies reiner „Zufall“ ist oder ob es vielmehr gewisse system-immanente Faktoren gibt, die (un)geistliche Übergriffe erleichtern – vor allem angesichts der vielfach von ihren Anhängern sehr umschwärmten Gründern solcher Gemeinschaften:

„Sie erreichten eine Position der Allmacht, in der es ihnen möglich war, ungestraft zu missbrauchen, ohne dabei auf Gegenwehr oder wirksame kirchliche Kontrolle zu stoßen. Wenn diese Taten so lange stattfinden konnten, ohne gemeldet zu werden, ist das auch die Schuld des Systems“, sagte Hoyeau dem katholischen US-Onlineportal „Crux“.

Diese Initiativen seien – so heißt es weiter – vielen kirchlichen Würdenträgern wie ein „Wundermittel“ für eine Erneuerung erschienen, zumal der „Sinn für das Heilige“ nachkonziliar vernachlässigt wurde. Die Sehnsucht mancher Gläubigen nach einer gefühlsbetonteren Frömmigkeit und „inneren Heilung“ hat solche euphorischen Bewegungen begünstigt:

„Die Genialität der Gründer lag darin, dass sie es verstanden, dieser spirituellen Suche zu begegnen, indem sie einerseits eine beruhigende Autorität, andererseits aber auch eine neue Art zu Glauben verkörperten, die Emotion, eigener Befindlichkeit, dem eigenen Körper sowie der eigenen Verletzlichkeit Raum gab“.

In ihrem Buch befaßt sie sich mit Gründerfiguren wie z.B. den Brüdern Marie-Dominique und Thomas Philippe, Bruder Ephraim, Thierry de Roucy und Jean Vanier; die Autorin sprach mit Opfern, ehem. Mitgliedern und verschiedenen Experten. (Über die Problematik um die französischen charismatischen Gründerfiguren Philippe, Bruder Ephraim und Jean Vanier wurde hier im CHRISTLICHEN FORUM bereits berichtet.)

Innerhalb seiner Bewegung habe sich der jeweilige Gründer – so heißt es weiter – „mit einem Kreis loyaler Anhänger umgeben, der ihn gegen jede Kritik von außen wie von innen verteidigte“.

Dabei wurden in diesen Gemeinschaften teilweise die kirchenrechtlichen Vorschriften nicht eingehalten:

Die betreffenden Gruppen „respektierten die normalen Schutz- und Kontrollmechanismen der Kirche nicht“, sagt Hoyeau. Das beträfe besonders die Vorgabe, dass der (organisatorische) Leiter einer Gemeinschaft nicht gleichzeitig spiritueller Begleiter oder Beichtvater seiner Mitglieder sein dürfe. (Es geht hier um die im CIC-Kirchenrecht seit jeher festgeschriebene Trennung von „forum externum“ und „forum internum“).

HINWEIS: In der Ausgabe Nr. 3-4/2020 der katholischen Zeitschrift UNA VOCE erschien mein Artikel mit dem Titel: „Warum eine charismatische Spiritualität den geistlichen Mißbrauch begünstigt.“ – Dabei werden viele dieser hier erwähnten Punkte sowie weitere Aspekte auf sieben Seiten erläutert.

Das Thema „Geistlicher Missbrauch“ ist sodann im CHRISTLICHEN FORUM seit vielen Jahren präsent – siehe rund fünfzig Artikel dazu: https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/


Teuflischer Kreislauf und (un)geistlicher Missbrauch durch „Heilung und Befreiung“

Von Felizitas Küble

Es ist schon einige Zeit her, als ich mit einer jungen Frau, die durch Exerzitien im charismatischen „Haus Raphael“ in Hessen (Bad Soden-S.) psychisch und gesundheitlich erheblich geschädigt wurde, ein längeres Gespräch führte.

Die gläubige Katholikin war wegen dieser schlechten Erfahrungen mit einem Fuß aus der charismatischen Szene ausgestiegen – und mit dem anderen Fuß stand sie beharrlich weiter mittendrin. Man könnte auch sagen: sie hinkte auf beiden Beinen.

Obwohl sie nach dem sog. „Ruhen im Geist“ (Rückwärtskippen in Trance), das in schwarmgeistigen Kreisen weit verbreitet ist, seelisch schwer zu leiden hatte und sich gar dämonisch attackiert fühlte, wandte sie sich zwar gegen diesen „Hammersegen“ (wie ich ihn nenne), verteidigte aber ansonsten nach wie vor die charismatischen Seminare, weil dort ja „nicht alles schlecht“ sei.

Nun ist wohl klar, daß es auf dem weiten Erdenrund selten etwas gibt, das 100% negativ wäre – meist handelt es sich um eine Mischung aus gut und schlecht. Allerdings kommt es darauf an, so erklärte ich der Geschädigten, wie die Wurzel beschaffen ist.

Sie erzählte mir dazu ihre Geschichte:

Ihre Mutter besuchte das charismatische Evangelisationszentrum Maihingen im Schwarzwald, das seit Jahrzehnten in den entsprechenden Kreisen sehr bekannt ist. Von dort wurde sie und auch die Tochter – meine Gesprächspartnerin also – weitergeschickt nach Bad Soden-Salmünster zu den dortigen „Heilungs“-Seminaren in Haus Raphael (das freilich kirchlich nicht anerkannt ist).

Soweit – so ungut, denn was dort geschah, kann aus meiner Sicht nur als geistlicher Missbrauch bezeichnet werden.

Nun argumentierte die Betroffene folgendermaßen:

Es sei zwar schlimm, daß in Maihingen auch viele Leute „umkippen“, aber gut sei es doch, daß indische Heiler die „Belasteten“ durch einen Exorzismus wieder befreien.

Ich widersprach: Das sei ein teuflischer Kreislauf, sie habe es doch selbst erlebt: Mit dem vermeintlichen „Ruhen im Geist“, das dort als Glaubenserlebnis gepriesen wird, hätte sie äußerst bedrückende Erfahrungen gemacht, die sie dann mit einem pseudo-exorzistischen „Befreiungsgebet“ wieder loswerden wolle.

Also werde doch unter einem Dach ein buchstäblicher „Teufelskreis“ praktiziert und die Ratsuchenden in eine Achterbahn der Gefühle geworfen: Erst sollen sie in Zimmer 1 gleichsam auf der Wolke schweben (im „Geiste“ ruhen), hinterher – wenn ihnen „das“ nicht bekommt – sollen sie in Zimmer 2 von „Dämonen“ exorziert werden.

Damit werde zuerst ein Problem geschaffen, um es dann vermeintlich zu „lösen“, in Wirklichkeit werden Gläubige gleich mehrfach in irrgeistiger Weise verwirrt und auf spirituelle Abwege gebracht, die mit einer bodenständigen und besonnenen Frömmigkeit nichts mehr zu tun haben.

Hier sei die Wurzel schon hochproblematisch, somit das Weitere auch entsprechend abzulehnen.

Die junge Frau brachte den Einwand: Es kann keineswegs die ganze Wurzel schlecht sein: „Der Teufel würde doch nicht wünschen, daß Dämonen ausgetrieben werden, der ist doch nicht saublöd!“

Ich entgegnete: „Der Kellergeist ist nicht nur keineswegs saublöd, er ist sogar sauschlau!“

Sie: „Das sage ich doch!“

Ich: „Aber durch solche Schein-Erfolge wie eine vermeintliche Dämonenaustreibung verführt er die Gläubigen noch tiefer hinein in diesen Teufelskreis einer angeblichen „Heilung“ durch den Hammersegen – und wenn das nicht klappt, sondern zur Belastung wird, dann schreitet man zur exorzistischen „Befreiung“ – was das Problem aber nicht löst, sondern verschärft.“

Sie meinte, ich könne solche schlechten Erfahrungen, wie sie diese selber erlebt habe, nicht verallgemeinern.

Ich erklärte, das wolle ich auch gar nicht: „Auch ein charismatisches Huhn findet mal ein Korn“ – aber es komme auf den Ansatz, auf die Grundlage an – und die sei grundsätzlich problematisch, selbst wenn es vereinzelt zu Erfahrungen käme, die von den Betreffenden als positiv empfunden werden.

Immerhin könne Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben, was aber nichts an der Krummheit der Zeilen ändere, sondern auf Gottes Barmherzigkeit und Langmut zurückzuführen sei.

Sie erinnerte an das bekannte Bibelwort: „Der Geist weht, wo er will.“

Ich: „Ja, der Geist weht, wo ER will – denn Gottes Geist ist für uns nicht verfügbar, kann nicht eigenmächtig herbeizitiert und von uns vereinnahmt werden, ER ist eine göttliche Person und keine emotionale Energie oder Kraft.“

Zudem erinnere ich sie daran, daß Christus selbst verkündet hat, keineswegs alle Teufelsaustreiber würden sich gleichsam automatisch im Stande seiner Gnade befinden, nur weil sie mit gerade dieser Aufgabe zugange sind.

Bei seiner Warnung geht es wohlgemerkt um christliche Exorzisten, wie sich aus dem Zusammenhang und Wortlaut („…in deinem Namen…!) eindeutig ergibt:

Mt 7,21 ff:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Nicht jeder, der HERR, HERR zu mir sagt, wird in das Himmelreich gelangen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.
Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: HERR, HERR, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunder vollbracht?
Dann werde ich ihnen antworten: Ich habe euch nie gekannt. Hinweg von mir, ihr Übeltäter!

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Geistl. Missbrauch: Erzbistum Wien warnt vor charismatischer Bethabara-Gemeinschaft

Von Felizitas Küble

Seit Jahrzehnten warnt unser Christoferuswerk, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt, vor dem seelsorglichen Missbrauch in religiösen Gruppen, wobei (un)geistliche Übergriffe auffallend häufig in pfingstlerischen bzw. charismatischen Gemeinschaften auftreten. Dies wurde uns durch Kontakte mit zahlreichen Aussteigern bzw. Geschädigten immer wieder bestätigt.

Wir haben zum (anti)pastoralen Missbrauch bislang 46 Artikel und Erlebnisberichte veröffentlicht: https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/

Nun hat sich sogar das Erzbistum Wien, dessen Oberhaupt – Christoph Kardinal Schönborn (siehe Foto) – selber zur Charismatik neigt, dazu aufgerafft, öffentlich vor der Bethabara-Gemeinschaft zu warnen und dem schwarmgeistig geprägten Werk jede Tätigkeit im kirchlichen Bereich der Diözese durch ein amtliches Dekret zu verbieten: https://www.stjosef.at/index.php?id=news&newsnr=7035

Hintergrund der jüngsten kirchlichen Warnung ist offenbar der „Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses“ durch den Gründer, Pater Jean-David Lindner, der kirchlich deshalb verurteilt wurde. Dies geht aus einer angefügten Erklärung der Johannesbruderschaft aus Wien hervor.

Bethabara wurde vorher von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten bereits als kirchlicher Verein anerkannt. Wie so oft, waren katholische Hierarchen nicht kritisch genug, wenn es darum geht, hinsichtlich charismatischer Phänomene eine wachsame Unterscheidung der Geister vorzunehmen.

Bischof Küng, der dem Opus Dei angehört, trat am 6.6.2017 sogar selbst bei einer Lobpreis-Konferenz von Bethabara als Redner auf und lies die Veranstaltung auf seiner offiziellen Bistumsseite würdigen: https://presse.dsp.at/einrichtungen/kommunikation/artikel/2017/bethabara-konferenz-mit-bischof-kueng-krems

Die erwähnte Gemeinschaft versteht sich selbst als „charismatisch“ und sogar als „prophetisch“. Wie viele Gruppen ähnlicher Art (z.B. Arche, Gemeinschaft der Seligpreisungen, Johannesgemeinschaft, Emmanuel) hat auch Bethabara seinen Ursprung in Frankreich.

Die Initiative begann dort mit Exerzitien für Jugendliche im Jahre 2005 durch Pater Marie-Angel Carre. Die charismatische Gruppierung schwappte nach Österreich weiter und wurde dort von Pater Jean-David Lindner (ursprünglich ein Angehöriger der „Brüder des hl. Johannes“) geleitet. Dieser Geistliche war seit 2012 sogar Bundesjugendseelsorger der Katholischen Jugend Österreich: https://www.erzdioezese-wien.at/site/nachrichtenmagazin/nachrichten/archiv/archive/30699.html

Pater Lindner fiel seit Jahren auf durch seine Empfehlung fragwürdiger bis irrgeistiger „Seher“ wie z.B. Fra Elia, wodurch er auf der erscheinungsbewegten Webseite „Kath.net“ gerne als Kronzeuge für selbsternannte Begnadete aufgerufen wurde. (Näheres dazu in unserem Bericht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/05/31/der-stigmatisierte-und-lichtreiche-bruder-elias-cataldo-tagt-in-krems-und-hallein/) – Schon vorher wurde er gerne auf Kathnet-Videos präsentiert: https://www.youtube.com/watch?v=1w6GxbG9EZE

Aber nicht nur dies – Kathnet veröffentlichte einen euphorischen, wunderbewegten Artikel über ein Bethabara-Seminar zur „Inneren Heilung“. Darin heißt es: „Seelische Wunden, Traumata, Ängste, systematisch betet das Team die verschiedenen Lebensphasen durch, von der Empfängnis bis in die Gegenwart…“ – also auch vorgeburtlich wird nichts ausgelassen in puncto „Innerer Heilung“! (Quelle: https://www.kath.net/news/59649)

Auch ansonsten konzentierte sich die Bethabara-Gemeinschaft gerne auf das Außergewöhnliche und veranstaltete sogar „Prophetenschulungen“, denn – so schwärmte der Gründer – die Seminare waren konzipiert „für Menschen, die ihre prophetische Dimension der Taufgnade ernst nehmen und vollmächtig als Propheten und Fürbitter in dieser Endzeit auftreten möchten. Propheten, die dem Herrn den Weg bereiten“ .

Weitere enthusiastische Auslassungen, wie man sie sonst nur von extrem-pfingstlerischer Seite kennt, finden sich auf einer Informationsbroschüre dieser „Propheten“: https://www.bethabara.de/download/flyer/Informationsbroschuere_Prophetenschule2018.pdf

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Ergänzennder Info-Hinweis vom 9.3.: In der nachfolgend verlinkten Erklärung der Johannes-Bruderschaft ist betr. Pater Lindner konkret von „unkeuschen Handlungen im Rahmen der geistlichen Begleitung“ die Rede, womit der sonstige Ausdruck „Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses“ ergänzt bzw. präzisiert wird: https://johannesgemeinschaft.at/pdf/2020_08_23%20-%20Pressemitteilung.pdf


Evangelikales Aufklärungsbuch über Machtmenschen und geistlichen Missbrauch

Besprechung von Felizitas Küble

Seit gut zwei Jahren ist in amtlichen katholischen Kreisen das Wort vom „Geistlichen“ oder „Spirituellen“ Missbrauch in aller Munde. Entsprechende Veröffentlichungen der ehem. Ordensfrau Doris Wagner-Reisinger und des Jesuiten Klaus Mertes sorgten dafür.

Dabei entstand vielfach der Eindruck, als hätten diese beiden Autoren aus dem reformkatholischen Spektrum ein besonderes, vorher verborgenes oder totgeschwiegenes Thema ganz neu „entdeckt“ und endlich zur Sprache und in die Öffentlichkeit gebracht.

Das ist insofern richtig, als katholische Kirchenobere das Problem lange kaum zur Kenntnis nahmen, geschweige wirksam dagegen vorgegangen sind.

Allerdings kümmert sich nicht nur unser CHRISTLICHES FORUM inzwischen seit fast 10 Jahren um diese Problematikund dies z.B. mit dutzenden von Sach-Analysen sowie Erlebnisberichten von Betroffenen oftmals aus der charismatischen Szene.

Auch auf dem evangelikalen Buchmarkt gibt es seit Jahrzehnten ein breites Feld der Aufklärung vor seelsorglichem bzw. pastoralem Missbrauch. (Siehe unsere Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/07/evangelikale-buecher-warnten-schon-vor-lange-vor-dem-geistlichem-missbrauch/ und hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/06/12/warnung-vor-geistlichem-seelsorglichem-missbrauch-durch-scheinheilige/)

Diese theologisch konservativen evangelischen Autoren haben sich dabei häufig vor allem charismatische und neo-pfingstlerische Gruppen vorgeknöpft – und dies deshalb, weil dort die Anfälligkeit für „Machtmenschen“ besonders stark ist, wenngleich nicht hierauf begrenzt. Freilich hat der Protestantismus mit dieser Schwarmgeisterei auch schon viel länger ein Problem – nämlich seit Anfang des 20. Jahunderts, die kath. Kirche erst seit 1968 – von daher auch die schnelleren Abwehr-Reaktionen.

Der pietistische Prediger und in Skandinavien vielgelesene Schriftsteller Edin Lovas aus Norwegen veröffentlichte bereits 1996 – also vor einem Vierteljahrhundert – im pietistischen Brendow-Verlag seine warnende Schrift über „Wölfe in Schafspelzen“.

Dabei ging es ihm nicht etwa um die „böse Welt“, sondern – so der Untertitel – um „Machtmenschen in der Gemeinde“, also innerhalb der Christenheit.

Seine Aufklärungsschrift entstand nach vierzig Jahren Seelsorgsarbeit, wobei er „entsetzt“ darüber sei, „welches Ausmaß von Leiden durch Machtmenschen“ einzelnen Gläubigen, aber auch ganzen Gemeinden und Gemeinschaften zugefügt worden sei, schreibt er im Vorwort und fügt hinzu:

„Ich bin zugleich bestürzt darüber, daß in christlichen Kreisen und selbst unter sachkundigen Fachleuten über diese Dinge nicht offen und ehrlich geredet wird.“

Der Verfasser, der im norwegischen Sandom eine Jesus-Meditations-Bewegung gründete, die den Ignatianischen Exerzitien der katholischen Jesuiten ähnelt, stellt besorgt fest: „Soweit ich Einblick habe, scheinen die Opfer von Machtmenschen selten ernst genommen zu werden.“

Diesen Befund kann ich aus meiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrung mit Aussteigern nur bestätigen. Vielfach zeigt sich dies auch hier bei uns in Leserkommentaren von charismatischen Eiferern:

Wenn ein Geschädigter über seine negativen Erfahrungen in schwarmgeistigen Zirkeln berichtet, kommt sofort die Selber-schuld-Keule von dieser Seite: Die Betroffenen seien psychisch angeknackst, wollten sich jetzt nur „rächen“, hätten die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ begangen, die Strafe des Himmels folge auf dem Fuße – und dergleichen Unfug mehr. Natürlich werde auch ich ständig mit solchen „Keulen“ konfrontiert so z.B. seit vielen Jahren auf erscheinungsbewegten Seiten von Gloria-TV und früher auch auf „Kathnet“, was mich aber nicht aus dem kritischen Konzept bringt, sondern vielmehr darin bestätigt.

Der deutsche Buch-Herausgeber Andreas Ebert bezeichnet derlei Verirrungen in seinem Vorwort mit Recht als einen „wunden Punkt“, auf den man den Finger legen müsse (S. 11), denn „schlimme Formen des Machtmißbrauchs“ gäbe es eben nicht nur in der Politik, sondern auch in christlichen Kreisen und Gemeinden.

Er erwähnt auf derselben Seite „neopfingstlerische Strömungen“aus den USA sowie die charismatische „Glaubensbewegung“, die sich auch als „Herrlichkeitstheologie“ bezeichnet – gemeint ist das sog. „Wohlstandsevangelium“. Dort werde gelehrt, „daß Kinder Gottes das Anrecht auf irdischen Wohlstand und diesseitiges Wohlergehen“ hätten.

Weiter heißt es, daß auf „diesem Boden“ Gruppen und Gemeinden ohne Kontrolle und Ordnung entstehen: „Sie sammeln sich um starke, angeblich direkt von Gott berufene Führergestalten“.

Und genau dies ist der springende Punkt!

Eine FORTSETZUNG unserer Buchbesprechung folgt demnächst.


Geistlicher Missbrauch: Bischöfliche Visitation von „Totus Tuus“ im Bistum Münster

Bei der Visitation der Gemeinschaft Totus Tuus sind „noch nicht alle Fragen geklärt“: Das hat der Münsteraner Bischof Felix Genn am Rande einer Online-Tagung zum Thema „Gefährliche Seelenführer? Geistiger und geistlicher Missbrauch“ erklärt.

Seit drei Jahren läuft im Bistum Münster eine kirchliche Visitation (Untersuchung) der charismatischen Jugendgruppe „Totus Tuus“, die durch ihre Medjugorje-Begeisterung entstanden ist und 1994 gegründet wurde. 10 Jahre später wurde sie im Bistum Münster kirchlich anerkannt bzw. bischöflich approbiert.

Nachdem ehemalige Mitglieder aber von (un)geistlichem Missbrauch und autoritärem Machtgebaren durch führende Personen berichtet hatten, begann 2017 die erwähnte Visitation. Im Mai dieses Jahres meldeten sich weitere Aussteiger in der Herder-Korrespondenz und beklagten den psychischen Druck, den sie erlebt hätten.

„Die Leitung von ‚Totus Tuus‘ hat es verpasst, ihre Mitglieder zu freien und mündigen Christen zu machen“, berichtete eine weitere Betroffene in einem Beitrag des „Deutschlandfunk“. Darin wurde auch der Führungsstil des Gründers Leon Dolenec kritisiert.

Das Ergebnis der Visitation soll noch Ende dieses Jahres bekannt gegeben werden.

Quelle (auszugsweise): https://de.catholicnewsagency.com/story/geistlicher-missbrauch-noch-nicht-alle-fragen-geklart-bei-untersuchung-von-totus-tuus-7288

Info-HINWEIS: Wir haben uns im CHRISTLICHEN FORUM bereits vor neun Jahren kritisch mit der Gruppe „Totus tuus“ befaßt – und auch danach mehrfach: https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/totus-tuus-medju-charismatisch/


Die „Integrierte Gemeinde“ wurde aufgelöst

Geistlicher Missbrauch war strukturell begünstigt

Kardinal Reinhard Marx hat die Katholische Integrierte Gemeinde in seinem Erzbistum München aufgelöst, wie Vatican-News berichtet: https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-11/muenchen-kardinal-marx-katholisch-integrierte-gemeinde-aufloesen.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NewsletterVN-DE

Der 1986 errichtete Verein besaß zuletzt weder Leitungsorgane noch Mitglieder.

Die vom Erzbischof beauftragten Visitatoren haben unter www.erzbistum-muenchen.de/bericht-kig einen Bericht über ihre Arbeit veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund prüft die Erzdiözese weitere Schritte zur Aufarbeitung der Geschichte und Arbeit der Integrierten Gemeinde.

Kardinal Marx zeigt Verständnis für Menschen, die sich von dieser Initiative enttäuscht fühlen: „Ich bedaure sehr, dass ehemalige Mitglieder… Leid erfahren mussten und die Verantwortlichen sich gegenüber den Visitatoren nicht als kooperationsbereit erwiesen haben.“

Der Bericht der Visitatoren verdeutlicht nach Einschätzung von Marx, „dass nicht mangelnder Glaube oder einzelnes persönliches Versagen den Verein problematisch machten, sondern dass hier manche negativen Erfahrungen im Anspruch und in der Struktur der Katholischen Integrierten Gemeinde grundgelegt waren“.

HIER zwei Artikel im CHRISTLICHEN FORUM zur Integrierten Gemeinde und zur öffentlichen Distanzierung von Papst em. Benedikt, der diese Bewegung jahrzehntelang unterstützt hatte und dies schlußendlich bedauert hat: https://charismatismus.wordpress.com/?s=integrierte+gemeinde


Schöner Schein: Wenn Strukturen des geistlichen Missbrauchs undurchsichtig sind

Von Felizitas Küble

Die Versuchungen, von denen wir Christen bedrängt werden, sind nicht alle auf den ersten Blick als negativ zu erkennen. Bisweilen verbirgt sich eine manipulative Struktur unter dem Schein des Guten, ja sogar des Rechtgläubigen. Wie sollen Katholiken dann aber die inneren Gefahren erkennen?

In den letzten Tagen war in kirchlichen Kreisen viel von der öffentlichen Distanzierung die Rede, die Papst Benedikt gegenüber der „Integrierten Gemeinde“ vorgenommen hat. Er sei über die negativen Hintergründe – es geht vor allem um Vorwürfe des geistlichen Missbrauchs – nicht informiert gewesen bzw. getäuscht worden, gab er zu erkennen.

Mancher wird sich fragen: Wie konnte dies bei einer gelehrten Persönlichkeit wie Kardinal Joseph Ratzinger, einem solch hochrangigen Theologen und Kirchenmann passieren?Aber Bildung schützt vor Torheit nicht – auch Rechtgläubigkeit nicht immer.

Es gibt nämlich durchaus Gemeinschaften, denen man inhaltlich bzw. von ihrer Verkündigung her keine nennenswerten Vorwürfe machen kann, die sogar in mancher Hinsicht besonders gute Ansätze zu vertreten scheinen – und in denen dennoch seelsorgliche Manipulationen und Übergriffe nicht nur vereinzelt vorkommen, sondern strukturell begünstigt werden, also gleichsam „system-immanent“ sind.

Nehmen wir diese „Integrierte Gemeinde“ als aktuelles Beispiel. Was mag den einstigen Erzbischof von München und späteren Kardinal Ratzinger bzw. Papst Benedikt vor über vierzig Jahren zu dieser Bewegung hingezogen haben, so daß er ihr jahrzehntelang weiter verbunden blieb?

Hierfür gab es durchaus Anziehungspunkte, die seine Sympathie verständlich erscheinen lassen:

  1. Die Integrierte Gemeinde (IG) betonte – durchaus zu Recht – stark die heilsgeschichtliche Bedeutung des christlichen Glaubens, was der theologischen Ausrichtung Ratzingers entsprach. Es geht hierbei um das Wirken Gottes in der Geschichte, in Schöpfung und Erlösung, in dem Bund mit Israel, seinen rettenden Taten, der Menschwerdung Christi und seinem Heilswerk etc.
  2. Damit verbunden ist die Betonung der Kirche als des „Volkes Gottes“: So wie das erwählte Israel als Gottes Bundesvolk wirkte, so ist auch die Gemeinschaft der Kirche gläubig unterwegs als „Pilgerndes Gottesvolk“. (Gelehrte sprechen hier von der Volk-Gottes-Theologie – und die Integrierte Gemeinde errichtete sogar eine entsprechende Akademie für dieses Anliegen.)
  3. Angesichts dieser heilsgeschichtlichen Zusammenschau von Altem und Neuem Bund ergab sich von selber eine Hinneigung zum Judentum als der „Wurzel“, der Mutterreligion des Christentums. So pflegte man in der IG seit langem intensiv den theologischen Dialog mit jüdischen Vertretern – auch mit Persönlichkeiten aus Israel.

Kardinal Ratzinger hat vor seiner Wahl zum Papst ein einziges Marienbuch verfaßt, das den bezeichnenden Titel trägt: „Tochter Zion“ – er beschreibt darin die Madonna als edelste Frucht aus dem Stamme des jüdischen Volkes, von Gott-Vater erwählt als Mutter seines Sohnes.

Diese Gesichtspunkte sind nicht nur „nicht falsch“, sie sind ausgesprochen richtig und sie waren auch wichtig. Kein Wunder also, daß Papst Benedikt sich der IG zugehörig fühlte – und dies umso mehr, als diese Gemeinschaft angesehene Theologen in ihren Reihen aufweisen konnte (vor allem die Gebrüder Lohfink oder auch die Professoren Weimer und Pesch).

Was lernen wir daraus?

Vor allem dies: Daß eine rechte (rechtgläubige) Lehre noch lange nicht automatisch dazu führt, daß eine Bewegung auch vom richtigen Geist geprägt ist, sonst wäre ein systematischer geistl. Missbrauch gar nicht möglich gewesen. Es gab in der Kirchengeschichte durchaus Fälle, in denen die Rechtgläubigkeit stimmig schien, doch der Geist der Sondergruppe dennoch in die Irre führte, z.B. bei den schwärmerischen Montanisten im 2. Jahrhundert.

Dazu kommt, daß mancher Grundgedanke zwar einerseits gut sein kann, andererseits aber leicht ins Einseitige abgleitet, wenn nicht genau aufgepaßt wird.

So wurde z.B. in der IG gerne von der katholischen Gemeinde als einem „Kontrastprogramm“ zur Gesellschaft gesprochen. Das ist nicht falsch, denn als Gläubige sind wir zwar „in“ in der Welt, aber nicht „von“ der Welt. Wir sollen uns ihr nicht anpassen, geschweige unterwerfen, sondern das ganz „Eigene“ des christlichen Glaubens praktizieren.

Doch dieser an sich berechtigte Ansatz kann leicht ins Elitäre (ver)führen, in die Neigung, eine Art „besseres“ Christentum zu vertreten, somit zu einer gewissen Verachtung der „normalen“ Volkskirche verlocken. Elitäre Anmaßung und Verstiegenheit sind jedoch ein gefährlicher Nährboden für sektiererische Tendenzen, Manipulation und seelsorgliche Übergriffe.

Deshalb sollten Gläubige, wenn sie sich „geistlichen Gemeinschaften“ anschließen, nicht nur auf die „rechte LEHRE“ achten, sondern auch auf den richtigen GEIST. Wachsamkeit, Nüchternheit und Besonnenheit sind hierbei unerläßlichmit anderen Worten: Es geht um die biblisch geforderte „Unterscheidung der GEISTER“(nicht nur der LEHREN).

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Geistlicher Missbrauch durch öffentliche „Beichte“ nicht nur in „Integrierter Gemeinde“

Von Felizitas Küble

Die Katholisch Integrierte Gemeinde (IG), die vor allem in München jahrzehntelang gewirkt hat und großes Ansehen in kirchlichen Kreisen bis hinauf in den Vatikan genoß, ist jetzt ins Gerede gekommen.

Sogar Benedikt XVI. hat sich nunmehr öffentlich von der IG distanziert und seine frühere Unterstützung bedauert, die sich über dreißig Jahre erstreckte. (Vgl. hier: https://www.amazon.de/Wegbegleitung-Ratzinger-Benedikt-Katholische-Integrierte/dp/3932857402)

Die Vorwürfe gegen die intellektuell und theologisch durchaus anspruchsvolle Gemeinschaft beziehen sich auf überzogene Kontrolle der Mitglieder, Manipulation des Privatlebens, seelsorgliche Mißstände – kurzum: es geht um geistlichen Missbrauch.

Dr. Benjamin Leven hat sich ausführlich mit dieser Causa befaßt und auf CNA über seine Recherchen über die IG informiert, die von Frau Traudl Wallbrecher in München gegründet wurde: https://de.catholicnewsagency.com/story/die-katholische-integrierte-gemeinde-und-papst-benedikt-ein-interview-7170

Ein besonders schwerwiegender Kritikpunkt ist aus meiner Sicht jener, wonach in der IG „die ordentliche Beichte in der Gemeinde durch öffentliche Bußgespräche im Rahmen von Versammlungen ersetzt“ worden sein soll. Dies wäre tatsächlich – das sagt Dr. Leven zu Recht – ein „schwerwiegender Missbrauch des Sakraments“.

Allerdings sollte in der jetzigen Debatte um die IG nicht übersehen werden, daß es genau diese Problematik auch in anderen „neuen geistlichen Bewegungen“ gibt – und zwar schon lange, vor allem im „Neokatechumenat“ und etwas abgemildert in einigen charismatischen Gruppen wie z.B. der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“.

In unserem CHRISTLICHEN FORUM berichten wir seit langem über solche strukturellen Fehlentwicklungen, die den geistlichen Missbrauch geradezu begünstigen, so daß man sich über seelsorgliche Übergriffe und gruppendynamische Manipulationen nicht zu wundern braucht.

Siehe hierzu als Beispiel unsere folgenden drei Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/30/oeffentliche-beichten-eine-sumpfbluete-die-pastoralen-missbrauch-beguenstigt/

https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/29/religioeser-missbrauch-durch-die-laienbeichte/

https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/10/meine-erfahrungen-bei-der-gemeinschaft-der-seligspreisungen-in-warstein/

HIER v i e r z i g Beiträge über geistlichen Missbrauch (darunter sowohl Grundsatzartikel wie Erlebnisberichte von Aussteigern): https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/