Warnung vor geistlichem/seelsorgerlichem Missbrauch durch „Scheinheilige“

Von Felizitas Küble

Dieses Taschenbuch „Sie kommen auf leisen Sohlen“ ist bereits 1999 – also vor zwanzig Jahren –  im evangelikalen Brendow-Verlag erschienen. Der Untertitel „Scheinheilige und ihre Opfer“ weist erneut darauf hin, was ich schon mehrfach zum Thema „pastoraler Missbrauch“ erwähnte:

Das evangelikale (theologisch konservative evangelische) Spektrum hat dieses hintergründige Problem bereits vor Jahrzehnten erkannt, während man im katholischen Bereich stark hinterherhinkt und erst seit wenigen Jahren allmählich darüber öffentlich debattiert.

Diese verspätete Wahrnehmung hat sicherlich auch damit zu tun, daß die protestantische Seite durch bestimmte randständige Sondergruppen und vor allem durch die Pfingstbewegung schon viel früher mit geistlichem/seelsorglichem Missbrauch konfrontiert worden ist, denn die pentekostale (pfingstlerische) Strömung begann dort bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, in der kath. Kirche hingegen erst 1968 (und war in den ersten 20 Jahren noch relativ schwach – jedenfalls in Deutschland).

Das änderte sich katholischerseits erst durch die „Erscheinungen“ von Medjugorje und die Zunahme sonstiger „Seher“ oder indischer „Heilungsprediger“.

Der Autor Raimo Mäkelä ist evangelischer Theologe und Direkter der Stiftung des Finnischen Bibelinstituts. 

Er hielt Vorträge über „Psychohygiene“ und die Merkmale von Persönlichkeitsstörungen, wobei er die Scheinheiligkeit als Wesenszug ausmachte. Durch die Berichte von Geschädigten wurde ihm klar, wie häufig diese charakterliche Schwierigkeit gerade bei Leitern von Gruppen vorkommt, die sich als besonders fromm präsentieren:

„Meistens erzählen mir die Zuhörer sehr bewegt über ihre schmerzhaften Erfahrungen und wie sie versucht haben, davon loszukommen. Manche Menschen….haben innere Verwundungen davongetragen.“

Genau diese Rückmeldungen erfahre ich ebenfalls seit Jahrzehnten, nachdem sich wegen meiner kritischen Berichterstattung immer mehr Betroffene und Aussteiger aus esoterischen, sektiererischen und charismatischen Kreisen an mich wenden.

Narzissmus und Sucht nach Bewunderung

Beim Thema „Erkennungsmerkmale einer Persönlichkeitsstörung“ weist der Verfasser auf klassische psychologische Kennzeichen hin, vor allem Narzissmus (Selbstverliebtheit, überdurchschnittliche Ichsucht) und Abhängigkeit von der Bewunderung durch andere.

Zwischen Narzissten und Psychopathen (eine weitere Steigerung) gibt es fließende Übergänge, wobei aber beide in ihrer Art selbstbewußt und „nach außen kerngesund“ wirken können, nicht selten auch einen durchaus freundlichen, ja geselligen Eindruck hinterlassen. Solche Leiter versammeln dann gerne einen „Hofstaat“ um sich.

Der Scheinheilige meint, er mache alles richtig – und zwar gerade auf „geistlichem Gebiet“, so der Autor. Er zitiert aus dem alttestamentlichen „Buch der Sprüche“: „Ein prahlerischer Mensch liebt es nicht, daß man ihn rügt“ (Spr 15,12).

Ab S. 46 befaßt sich der Autor mit der Frage, warum es Persönlichkeitsgestörte auch „und besonders“ in christlichen Gemeinden gibt. Er weist darauf hin, daß das fromme Umfeld „eine perfekte Bühne für Selbstinszenierungen“ bietet und dort allzu leicht „geistliche Stars“ aufgebaut werden.

In Gemeinschaften, die nicht nüchtern und bodenständig aufgebaut sind, „bekommt ein persönlichkeitsgestörter Mensch die größtmögliche Autorität. Er kann sogar als Repräsentant Gottes auftreten“.

Dabei sind von diesem Problem weniger die „alten und bewährten geistlichen Bewegungen“ betroffen, sondern vor allem die neueren, jüngeren; dort haben scheinheilige Leiter „bessere Einflußmöglichkeiten“ (S. 49).

Opfer verfallen in verfehlte Selbstanklage

Meine eigene Erfahrung aus Gesprächen mit Betroffenen bestätigt genau das, was der Autor schreibt: „In der Regel sucht derjenige, der unter dem Verhalten des Scheinheiligen zu leiden hat, den Fehler zunächst bei sich selbst“ (S. 50). 

Genau hierin liegt das schlimmste Eigentor begraben, denn die selbsternannten „Propheten“ geben deutlich zu verstehen, daß sie den Heiligen Geist gepachtet haben und jede Kritik an ihnen daher eine schlimme Verfehlung darstellt, ja gar eine „Sünde gegen den Heiligen Geist“, wobei gerne hinzugefügt wird, diese Sünde könne „nicht vergeben werden“ etc.

Besonders verhängnisvoll ist es, wenn selbsternannte „Geisterfüllte“ jenen Anhängern, die allmählich skeptischer werden, vorwerfen, sie seien vom Teufel besessen, zumindest aber „okkult belastet“ und sie daher zum „Befreiungsdienst“ schicken, damit sie von dämonischen „Bindungen“ gelöst werden etc.

Noch gestern sprach ich mit einer Betroffenen, die von einem charismatischen Gebetskreis und vor allem von einer dortigen „Seherin“ als besessen verunglimpft wurde und darunter wochenlang gelitten hat, weil sie diese „Diagnose“ ernst nahm. Angeblich besaß jene Visionärin eine besondere „Herzensschau“ von oben (mit dieser angeblichen „Seelenschau“ wird erfahrungsgemäß besonders viel Unfug getrieben).

Sehr vernünftig ist auch der Rat des Verfassers an die Opfer von „frommen“ Psychopathen:

„Beten Sie nicht für ihn allein und nicht zuviel. Solches Beten bindet sie selber und Ihre Gedanken nur und verursacht bedrückende Gefühle…Bitten Sie Außenstehende, die keine gefühlsmäßige Verbindung zu ihm haben, mit für ihn zu beten.“

Richtig ist auch die Empfehlung, man möge Gott die Vergeltung für das Unrecht überlassen, das man erleiden mußte. Natürlich darf und soll man im Gebet durchaus seine Klagen aussprechen und die Bitterkeit der Seele vor Christus, dem Erlöser, ausbreiten.

Gerade die Betroffenen können aufklären und warnen

Verzicht auf Rache und Vergeltung bedeutet auch keineswegs, passiv im eigenen seelischen Mauseloch zu verbleiben. Ganz im Gegenteil: niemand kann wirkungsvoller informieren und aufklären, vor allem andere Menschen warnen, als gerade die Geschädigten von geistlichem/seelsorglichem Missbrauch.

Allerdings haben sie oft eine starke innere Angst davor, sie glauben teilweise noch an „Flüche“, die ihnen gleichsam hinterhergeworfen werden oder befürchten, in irgendeiner Weise „okkult belastet“ zu sein. 

Mindestens bei der Hälfte der Betroffenen, mit denen ich im Kontakt bin, ist genau dies der Fall.

Der Verfasser warnt daher zu Recht vor einer „christlich verbrämten Nachgiebigkeit“ (S. 62). Er trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: „In der Verkündigung eines persönlichkeitsgestörten Predigers stecken zwei Extreme: Zum einen eine gewisse Schwärmerei, zum anderen aber auch eine tiefe Gesetzlichkeit.“

Statt dem verschwommenen Ausdruck „Gesetzlichkeit“ sollte allerdings besser von Fanatismus oder einer sektiererischen Grundhaltung gesprochen werden.

Der Autor fügt hinzu: „Der schwärmerische Mensch zieht eine Trennlinie zwischen dem Wort Gottes und dem Geist Gottes.“ – Dies gibt er natürlich nach außen hin meist nicht zu, es könnte ja sonst seine Anhänger verstören: „Über das Wort Gottes setzt er in Wirklichkeit einen unerklärbaren Geist, den er zwar Gott nennt, bei dem es sich aber nur um sein eigenes religiöses Instrument handelt.“

Wenn Schwärmerei und Fanatismus in einer Person zusammenkämen, „entstehen Forderungen, die in Wirklichkeit nichts mehr mit Gottes Wort zu tun haben“.

Oft sind diese übertriebenen  – z.B. asketischen oder „missionarischen“ – Anforderungen mit Drohungen verbunden, so daß die Gläubigen eingeschüchtert sind und sich weiter geistlich missbrauchen lassen.

Das Buch eignet sich für Opfer von geistlichem Missbrauch, wenngleich es mit seinen 64 Seiten etwas schmal geraten ist und manche Themen eine ausführlichere Würdigung verdient hätten.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Spiritueller Missbrauch in der charismatischen Jugend-Gemeinschaft „Totus Tuus“?

Von Felizitas Küble

Unter dem Titel „Geistlicher Missbrauch bei Totus Tuus?“ berichtet die neue Juni-Ausgabe der „Herder-Korrespondenz“ aus Freiburg über Beschwerden von Aussteigern wegen sektenähnlicher Strukturen und religiösem Fanatismus bei dieser Bewegung. Auch das „Neue Ruhr-Wort“ berichtet aktuell darüber.

Die Jugend-Initiative „Totus Tuus“ gehört zu den sog. „Neuen geistlichen Gemeinschaften“, ist eng mit Medjugorje verbunden und versteht sich als „charismatisch“ und „marianisch“. Man fühlt sich dabei besonders der „Neu-Evangelisierung“ verpflichtet.

Solidarisch ist diese Gruppierung auch mit dem charismatisch-ökumenischen „Gebetshaus Augsburg“ und dem von dort initiierten „Mission Manifest“.

BILD: Medjugorje ist das Ziel der meisten Totus-tuus-Wallfahrten

Die Gemeinschaft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die 1997 entstand, veranstaltet seit Jahrzehnten Pilgerfahrten zum Erscheinungsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina.

Da die dortigen Phänomene kirchlich nicht anerkannt sind, tröstet man sich gerne mit dem Hinweis bzw. der Ausflucht, die Anerkennung der Marienerscheinungen sei gleichsam durch das „Gottesvolk“ vonstatten gegangen – wie eine Art Abstimmung mit den Füßen. Damit wird das kirchliche Hirtenamt in diesem Punkt letztlich durch die eigene Anhängerschar verdrängt.

Wir haben uns bereits zur Entstehungszeit unseres CHRISTLICHEN FORUM im Sommer 2011 skeptisch mit „Totus tuus“ befaßt: https://charismatismus.wordpress.com/2011/06/21/%e2%80%9etotus-tuus%e2%80%9c-feiert-medju-jubilaum-in-heroldsbach/

Zuvor hatte ich ausführliche Telefonate und Gespräche mit Totus-Mitgliedern geführt und (vergeblich) versucht, sie von ihrer Erscheinungsfixiertheit abzubringen und Schwärmer-Phänomene wie das sog. „Ruhen im Geist“ (charismat. „Hammersegen“, Rückwärtskippen in Trance) kritisch zu durchleuchten. (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/05/30/wie-eine-charismatikerin-die-geisttaufe-bei-alan-ames-und-totus-tuus-erlebte/)  

Laut Herder-Korrespondenz werfen ehemalige Mitglieder dieser Gemeinschaft nunmehr vor, bereits als Jugendliche von ihren Familien isoliert und seelisch-spirituell unter Druck gesetzt worden zu sein. Auch von „blindem Gehorsam“ und religiösem Leistungsdruck ist die Rede.

BILD: Der Paulus-Dom von Münster, in dem die Gruppe „Totus Tuus“ jahrelang ihre Gebetsabende im Beisein des Bischofs gestaltete.

„Totus Tuus“ (das lateinische Wort heißt übersetzt „Ganz Dein“ und bezieht sich auf Maria) ist auch in der Diözese Münster aktiv und kirchlich anerkannt.

Die Gemeinschaft schreibt dazu auf ihrer Webseite: „Aus einer lockeren Gruppe ist ganz langsam eine verbindliche Gemeinschaft gewachsen, die an Ostern 2004 als eine private Vereinigung von Gläubigen diözesanen Rechts durch den damaligen Bischof von Münster, Reinhard Lettmann, kirchlich anerkannt wurde.“

Die Gruppe durfte z.B. allgemeine Gebetsabende und Jugend-Andachten im Paulus-Dom mitgestalten, an denen der Bischof mehrfach persönlich teilnahm. Als Geistlicher Beirat fungierte Weihbischof Christoph Hegge, der früher allgemein für die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ zuständig war.

Seit einiger Zeit läuft nun aufgrund der Vorwürfe ehemaliger Mitglieder eine amtliche kirchliche Visitation der Gruppe im hiesigen Bistum, die nächstes Jahr abgeschlossen sein soll. (Näheres hier: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/aussteiger-werfen-gruppe-totus-tuus-geistlichen-missbrauch-vor/)

HINWEIS: Wir warnen seit Jahrzehnten vor dem pastoralen (seelsorglich-geistlichen) Missbrauch durch schwärmerisch-fanatische Gemeinschaften.  – Hier finden Sie weitere 27 Artikel (Erlebnisberichte, Analysen, Rezensionen) zu genau dieser Thematik: https://charismatismus.wordpress.com/category/geistlicher-pastoraler-missbrauch/


Die St.-Johannes-Gemeinschaft ist mit Sexaffären ihres Gründervaters belastet

Von Felizitas Küble

Anfang der 70er Jahre entstanden in Frankreich einige katholisch-charismatische Bewegungen und ordensähnliche Kongregationen, darunter die „Gemeinschaft der Seligspreisungen“, die Gemeinschaft Emmanuel und die Gemeinschaft vom Hl. Johannes (nicht zu verwechseln mit der „Johannesgemeinschaft“, einem Priesternetzwerk, das Kardinal Urs von Balthasar gründete).

Alle drei Vereinigungen haben Ableger in deutschsprachigen Ländern.  

Zwei von ihnen hängen in ihrer Gründungsphase eng zusammen mit der französischen „Stigmatisierten“ und Visionärin Marthe Robin, nämlich die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ und die St.-Johannes-Gemeinschaft bzw. die „Brüder vom Hl. Johannes“. 

Genau in diesen beiden Kongregationen sind sowohl der jeweilige Gründervater wie auch führende Ordensbrüder in Sex- und Missbrauchs-Skandale verstrickt, die von diesen Gemeinschaften auch mehr oder weniger reumütig eingeräumt werden.

Merkwürdige Rolle der „Seherin“ Marthe Robin

Man fragt sich, warum die angeblich so hochbegnadete „Seherin“ Marthe Robin, die doch vieles für die Zukunft „prophezeite“, beidesmal die jeweiligen Gründer gleichsam im Namen Gottes (da von ihrem visionären Jesus befohlen…) dazu aufforderte, eigene Gemeinschaften zu gründen.  

Über einige ihrer endzeitschwärmerischen „Botschaften“ haben wir vor sieben Jahren berichtet: https://charismatismus.wordpress.com/2012/08/22/initiative-kinder-von-medjugorje-kundigt-phanomenale-geistausgiesung-fur-frankreich-an/

Derzeit ist die St.-Johannes-Gemeinschaft durch eine Film-Dokumentation in ARTE (Thema: missbrauchte Nonnen) wieder ins Gerede gekommen. Sogar die erscheinungsbewegte, charismatische Seite „Kath.net“ hat sich dazu entschlossen, jetzt zweimal über die Sexaffären des Gründerpaters Marie-Dominique Philippe (siehe Foto) zu berichten: http://www.kath.net/news/67185

Pater Philippe gehörte bis zu seinem Tod im Jahr 2006 dem Dominikanerorden an und war ein gelehrter Philosoph und Universitäts-Professor. Er gründete zugleich  – mit Erlaubnis seiner Oberen – besagte Kongregation „vom heiligen Johannes“, einen männlichen und zwei weibliche Zweige. Die Ordensbrüder sind mehrheitlich Priester. 

BILD: Französische Biographie über Marthe Robin

Papst Benedikt ermahnte die Kongregation allerdings bereits 2006 zu größerer Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder. Zehn Jahre später kritisierte der Vatikan die „verdächtige Nachsichtigkeit“ dieser Gemeinschaft bei sexuellen Übergriffen. Unlängst äußerte sich auch Papst Franziskus sehr kritisch über sie. (Näheres hier: https://bazonline.ch/ausland/europa/papst-wirft-ordensgemeinschaft-versklavung-von-frauen-vor/story/26852175)

Zu Lebzeiten des Gründervaters  – als von seinen missbräuchlichen Verhältnissen u. a. mit gottgeweihten Frauen noch nichts bekannt war  – wurde der Geistliche viel verehrt, Anhänger verlangten nach seinem Tod sogar die Seligsprechung.

„Kath.net“ führte ein Exklusiv-Interview mit ihm: http://www.kath.net/news/792

Darin betonte der Generalobere seine „marianische“ Frömmigkeit, was freilich zu seinem unsittlichen Lebenswandel nicht passen will.

Er kommt auch darauf zu sprechen, wie Marthe Robin (1901 – 1981) ihn zur Gründung seines Werks inspirierte, nachdem junge Männer ihn um geistliche Begleitung baten:

„Als diese Studenten mich gebeten haben, mich um sie zum kümmern, habe ich mit Marthe Robin, die ich sehr gut kannte, gesprochen und sie hat zu mir gesagt: „Sie müssen diesen Auftrag annehmen!“ Und ich habe zu Marthe gesagt: „Sagen Sie das, weil Sie mich gerne haben, oder sagen Sie das von Gott?“ Und nachdem sie gebetet hat, sagte sie, dass Jesus das von mir verlange. Und so ist die Gemeinschaft entstanden.“

Auf die Kath.net-Frage „Können Sie etwas über Marthe Robin erzählen?“ antwortete der Pater: „Marthe war wirklich eine große Charismatikerin.“ – Sie habe jahrzehntelang „das Leiden Jesu erlebt“. Wenn sie sich in Ekstase befunden „und ganz von Jesus ergriffen“ war, sei sie „nicht ansprechbar“ gewesen. 

Sektiererische Tendenzen und geistlicher Missbrauch

Am 26. Mai 2014 veröffentlichte AVREF  – ein französischer „Verein für religiöses Leben und Familie“ aus Chaville – eine Pressemitteilung, worin bereits ausführlich über geistliche und sexuelle Übergriffe, Manipulation, schlimmste gesundheitliche Verwahrlosung und sektenhafte Strukturen in der St. Johannes-Gemeinschaft berichtet wurde: http://www.prevensectes.com/gris1.htm

Typisch für irrgeistige Tendenzen ist z.B. das vorschnelle Herbeireden angeblicher Besessenheit etwa bei Krankheiten, Lebenskonflikten oder sonstigen psychisch-sozialen Belastungen, um dann schleunigst durch ein charismatisches „Befreiungsgebet“ (einen Quasi-Exorzismus) „geheilt“ zu werden. Natürlich wird damit in Wirklichkeit das Gegenteil bewirkt: die Situation wird psychisch und spirituell für die Betroffenen solcher Panikmache noch verschlimmert.

Zum sexuellen Missbrauch gesellt sich der seelsorgliche, denn wie sollen leitende Personen, die ein Doppelleben führen, von dem die eigene Gemeinschaft nichts weiß, in angemessener Weise eine „geistliche Leitung“ und Begleitung ihrer Untergebenen ermöglichen? Diese fühlen sich zudem ihrem Oberen sowohl zum äußeren wie zum religiösen Gehorsam verpflichtet.

Genau dies ist der eigentlich unverständliche Punkt:

Wenn Gründer und Leiterfiguren schon in sittenloser Weise leben, warum geben sie dann nicht wenigstens die Führung ab – und sei es pro forma altersbedingt, aus gesundheitl. Gründen oder einfach, um einem jüngeren Nachfolger Platz zu machen.  –  Diese Oberen müßten deshalb noch nicht einmal ihr Sündenleben „outen“, sich aber wenigstens aus der 1. Reihe entfernen.

Das geschah weder hier noch bei den „Legionären Christi“ und auch nicht bei der „Gemeinschaft der Seligspreisungen“.

Diese Beispiele, die nicht vollständig sind, zeigen auf, daß in etlichen sog. „neuen geistlichen Gemeinschaften“ intensiv der Wurm drin ist – nicht „nur“ sexuell, sondern grundsätzlich spirituell.

Quelle des 1. Fotos: https://johannesgemeinschaft.at/gruender-der-johannesgemeinschaft/


Wölfe im frommen Schafspelz: Wie spiritueller Missbrauch funktioniert

Von Felizitas Küble

Über den großen deutschen Philosophen Immanuel Kant, der im ostpreußischen Königsberg lebte, schreibt der jüdische Religionspsychologe Karl Jaspers:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Unbegreifliche aber ist nicht das Unvernünftige, sondern das durch Vernunft als Grenze der Vernunft Erfahrene und in das Licht der Vernunft Aufgenommene“ (Karl Jaspers, Die großen Philosophen, S. 511).

Ja, das ist wahr: Der Glaube reicht zwar über den Grenzen der „bloßen Vernunft“ hinaus und hinauf, aber er steht nicht gegen sie. Immerhin ist GOTT selbst der Schöpfer des menschlichen Verstandes und seiner Einsichtsfähigkeit. Freilich benötigt die Vernunft, die infolge des Sündenfalls geschwächt ist, das Licht des Glaubens.

Es gibt aber auch religiöse Milieus, die keinen Wert auf eine Übereinstimmung von Glaube und Vernunft legen. Hierzu gehören nicht allein die vielkritisierten Sekten, sondern auch Gemeinschaften innerhalb der etablierten christlichen Kirchen, die sich gleichsam ihr eigenes Glaubensnest gebastelt haben und dieses für komplett unfehlbar halten.

Wenn dann auch noch eine umschwärmte Führerfigur  –  von „Gottes Gnaden hocherleuchet“ – vorgibt, den Willen des Allerhöchsten in allen Details zu kennen, sind die aus diesem System erwachsenden Sumpfblüten des geistlichen Missbrauchs nur eine Frage der Zeit.

Das raffinierte Problem bei seelsorglichen Übergriffen besteht darin, daß diese im Namen des Glaubens oder gar des Heiligen Geistes erfolgen und daher für die Betroffenen schwer durchschaubar sind, vor allem dann, wenn sie in diesem spirituellen Umfeld selber „bekehrt“ worden sind oder glauben, dort eine „Geisttaufe“ erhalten zu haben.

Besonders Menschen, die selber existentiell und/oder unsicher sind, die sich evtl. von den Ansprüchen und der „Unübersichtlichkeit“ des modernen Lebens überfordert fühlen, sind ein leichtes Opfer manipulativer Machenschaften.

Hierzu einige Beispiele aus den Erlebnisberichten von Betroffenen, die sich seit Jahrzehnten bei mir melden, da ich mich schon lange kritisch mit esoterischen und schwarmgeistigen Phänomenen befasse.

Natürlich anonymisiere ich die Schilderungen und lasse einige Umstände weg, damit keine Rückschlüsse auf die realen Personen möglich sind:

Missbrauch der SEELENSCHAU:

Eine Frau mittleren Alters ruft an und fragt mich, was ich von dem Wirken einer gewissen Nonne aus dem Bistum Fulda halte, die ein charismatisches Seminarhaus leitet. Ich erkläre ihr, daß ich die Vorgänge seit langem skeptisch sehe und sich etliche Geschädigte bei mir gemeldet hätten. Dadurch ermutigt, erzählt mir die Dame folgendes: Jene Ordensfrau gibt vor, die  „Herzensschau“ zu besitzen (das suggeriert sie tatsächlich auch in ihren beiden Büchern) – und zudem die Gabe der Heilung, das „Wort der Erkenntnis“ usw. – Nun war die Anruferin lange Zeit sehr eingenommen von jener Nonne, doch bei einem ihrer Gebetstage widersprach sie ihr in einer eher unwichtigen Sache in bester Absicht. Was folgte, habe sie aber total verstört: Die deutsch-indische Seminarleiterin gab ihr „im höheren Auftrag“ zu verstehen, die Gottesmutter Maria sei ganz weit von ihr entfernt, sehr enttäuscht und wolle nichts mit ihr zu tun haben.   – Dadurch sei ihre Gebetsverbindung zu Maria jahrelang gestört gewesen, denn sie habe nach wie vor an die „Geistesgaben“ jener Nonne geglaubt. Erst als sie meine kritischen Artikel darüber las, seien ihr ernste Zweifel gekommen. 

Ich sagte der erkennbar immer noch erschütterten Dame, sie möge kein einziges Wort von diesem Unsinn glaube, es handle sich hier um geistlichen Missbrauch bzw. darum, jeden – noch so harmlosen – Ansatz einer Kritik im Keime zu ersticken mit dem Verteufeln von jenen, die sich nicht mehr hundertprozentig auf ihrer Linie befinden. – Mir schien, die Anruferin war getröstet und darin bestärkt, sich von diesem spirituellen Übergriff, der an ihr geschehen war, zu lösen.

Missbrauch der AHNENSCHULD:

Es mag sein, daß unsere Vorfahren vielleicht in Aberglauben, Magie, Zauberei und Spiritismus verstrickt waren. Vielleicht findet der eine von uns ein altes Zauberbuch in Großvaters Hinterlassenschaft, der nächste ein Wahrsage-Pendel beim Großonkel, der dritte hört, daß sich die Uroma von einer „Hellseherin „beraten“ ließ usw. – Nun geht uns dies im Grunde nichts an und man sollte es tunlichst unterlassen, diesbezüglich eine unnötige „Ahnenforschung“ zu betreiben. Schließlich gibt es auch noch ein Gebot Gottes: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, das gilt auch für weitere Vorfahren etc.  – Überdies wissen wir nicht, ob unsere vielleicht schuldig gewordenen Ahnen ihre magischen Irrwege bereut haben, also überlassen wir diese Dinge der Barmherzigkeit Gottes und beten für unsere Verstorbenen (und fertig!).

Nicht so in charismatischen „Heilungs“-Seminaren, die sich der Vorfahrensschuld widmen und die Teilnehmer allen Ernstes auffordern, rituelle „Lossage-Gebete“ zu sprechen, um sich von vermeintlicher „Ahnenschuld“ und deren dämonischer Bindung zu „befreien“. –  In diesem Zusammenhang rief mich vor einigen Jahren ein verzweifelter Ehemann an. Seine Frau war in solch einem Kreis gelandet, seitdem psychisch sehr belastet und sie befand sich gleichsam jenseits der praktischen Vernunft. Ich erklärte dem geplagten Manne, er möge seiner Frau diesen Unfug ausreden, zumal die katholische Kirche die schräge Theorie von einer nötigen „Heilung der Ahnenschuld“ ablehnt. Bald darauf vermittelte ich ihn an einen bodenständigen katholischen Priester in seinem Umfeld, den er mit seiner Frau besuchen könne, wobei ich den  Geistlichen zuvor gefragt hatte. Einige Zeit später erklärte mir der Ehemann, das Treffen mit dem Pfarrer im Ruhestand habe seiner Frau wirksam geholfen und auch ihm selber eine gute Orientierung verschafft.

Missbrauch des EXORZISMUS:

Bevor es in der katholischen Kirche amtlich zu einer Teufelsaustreibung kommt, sind viele Voraussetzungen erforderlich: Die angeblich besessene Person muß erst bei ein Facharzt (Neurologe) und einem Psychiater/Psychologen gewesen sein. Nur dann, wenn diese Experten hinsichtlich einer Diagnose völlig ratlos sind, kommt überhaupt ein Exorzismus infrage. Diesen darf nur ein  erfahrener und besonnener Priester ausüben, der vom Bischof dafür die schriftliche Erlaubnis bekommen hat. – Ganz anders in der charismatischen Szene: Dort gibt es das wohlklingende Zauberwort „Heilung und Befreiung“. Der Quasi-Exorzismus wird – um die kirchlichen Vorgaben zu umgehen – einfach als „Befreiungsgebet“ umschrieben. Doch für die Betroffenen läuft es auf dasselbe hinaus, denn auch bei einer „Befreiung“ von dämonischer Besessenheit oder „Belastungen“ wähnen sie sich buchstäblich in einem verteufelten Zustand – also das schlimmste, was es für gläubige Menschen geben kann.

Eine Frau rief mich an, sie sei von einer charismatischen Gebetsgruppe, in welcher sich eine „Seherin“ befände, als besessen „durchschaut“ worden. Ein männlicher Teufel, dessen Name man ihr nannte, habe sie in ihrer Gewalt. Die verzweifelte Katholikin war völlig aufgelöst, litt unter zahlreichen psychosomatischen Beschwerden und hatte bereits alles (un)mögliche unternommen, um „befreit“ zu werden. Doch der Gang zu charismatischen „Befreiungsheilern“ machte  – natürlich! – alles noch viel schlimmer, denn dadurch wurde sie ja in der irrigen Auffassung bestärkt, sie sei in teuflischer Hand. Ich führte zahlreiche Gespräche mit der Betroffenen, um ihr diese Wahnvorstellung  auszureden, die man ihr regelrecht verbal eingeprügelt hatte. Dabei erklärte ich ihr auch, es gäbe gar keine „männlichen“ Dämonen, da die bösen Geister weder weiblich noch männlich, sondern  – wie die Engel –  eben Geistwesen seien (freilich gefallene Engel). Schon daran könne sie erkennen, daß jenes charismatische „Wort der Erkenntnis“ kompletter Humbug sei. Nach dutzenden Gesprächen  – verbunden mit der von ihr gewünschten Weitervermittlung an nüchterne und besonnene Seelsorger  –  konnte sich dieses Opfer eines fanatischen Gebetskreises wieder freier fühlen.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Wenn Gott und sein Widersacher für Drohungen & Panikmache herhalten müssen

Von Felizitas Küble

Auf dem traditionalistischen Portal „Gloria-TV“ tummeln sich viele Hobby-Autoren mit erscheinungsbewegten Anmutungen oder gar Zumutungen.

Teils sind die Beiträge nur naiv und leichtgläubig, teils von einer fanatischen Verbissenheit geprägt, manchmal seltsam kombiniert mit sentimentaler Rührseligkeit.

Die Kommentare, auf denen ich wegen meiner kritischen Artikel zur Falschmystik als „Lästerzunge“ verunglimpft und mit der Strafe des Himmels bedroht werde, nehme ich seit Jahren ungerührt zur Kenntnis, weil ich derart „fromme“ Entgleisungen seit jeher gewohnt bin.

Das ist das eine – aber der andere Gesichtspunkt erscheint mir von allgemeinem Interesse, denn diese Panikmache ist ein typisches Kennzeichen irrgeistiger oder schwarmgeistiger „Frömmigkeit“.

Hierzu zwei aufschlußreiche Beispiele zur Illustration:

Die Gloria-TV aktive Userin „Andrea“ ist eine Prophetin der besonderen Art, die sich in aller Bescheidenheit als „geringstes Rädchen im Uhrwerk Gottes“ bezeichnet und parallel auch einen eigenen Blog betreibt.

Eine besondere Vorliebe pflegt die anonyme Visionärin für kirchlich abgelehnte „Erscheinungen“ wie etwa die irrigen Kundgaben von der „Warnung“, die auf eine als Betrügerin entlarvte irische Seherin zurückgehen. Mit deren  „Restarmee“ kämpft besagte Andrea gegen kritische Katholiken, die vor dem um sich greifenden Botschaftszirkus warnen.

Nun wäre das egal, wenn nicht der Übereifer dazu führen würde, skeptische Katholiken mit vermeintlich himmlischen  – oder soll man sagen: höllischen?  –  Warnungen zu überziehen.

So schreibt das „geringste Rädchen“ beispielsweise folgendes auf ihrem Restarmee-Blog:

„Was bleibt von einem solchen Forum, welches gleichzusetzen ist mit Uneinsichtigkeit und Ignoranz gegenüber unzähligen Marienerscheinungen, der Besserwisserei einer Frau Küble in Bezug auf viele Seher und Propheten, welche reihenweise dort auf´s Korn genommen und verunglimpft werden?

Mit manchen Leuten hat der Böse leichtes Spiel und kann sie, ob bewusst oder unbewusst, als seine Marionetten tanzen lassen.

O bitte, liebe Frau Küble, lassen Sie ab von der Theatralik, welche Sie auf Ihrer Webseite sehr zum Gefallen Satans aufführen!…Frau Felizitas — Sie haben große Schuld auf sich geladen durch das Bekämpfen der Worte Gottes bzw. Seiner Propheten!“

Freilich gibt es dergleichen Drohgebärden auch bei der anderen Feldpostnummer, nämlich auf evangelischer Seite – genauer: bei dortigen Pfingstbewegten.

 

Hierzu ein Beispiel aus einer Webseite, in der Geschädigte des geistlichen Missbrauchs zu Wort kommen: https://www.matth2323.de/bericht-anonymus-17062017b/

Dort berichtet eine betroffene Christin folgendes:

„Das habe ich in einer Pfingstgemeinde wirklich erlebt. Der Prediger auf der Kanzel bat alle Kinder, den Gottesdienstraum zu verlassen. Dann sagte er:

„Der Hl. Geist wird gleich unmittelbar durch mich zu euch sprechen. Nicht ich werde etwas sagen, sondern der Heilige Geist selbst wird mir seine eigenen Worte auf die Zunge legen. Deswegen müsst ihr genau zuhören. Und ihr müsste aufpassen, dass ihr nichts sagt gegen das, was der Heilige Geist durch mich zu euch spricht…

Ihr wisst, was die Heilige Schrift sagt: Wer auch nur ein Wort sagt gegen den Heiligen Geist, dem wird es niemals vergeben, weder in dieser Welt noch in der nächsten. Er ist einer ewigen Sünde schuldig.

Das heißt konkret, wer etwas sagt gegen das, was gleich der Heilige Geist durch mich spricht, der kommt unfehlbar in die Hölle, und niemand kann ihm mehr helfen…“

Auch diesen Mißbrauch der Bibelstelle Mt 16,26 von der „Sünde gegen den Heiligen Geist“ habe ich selber x-mal bei Erscheinungsbewegten und Charismatikern erlebt, die mir genau dies vorhalten.

Warum diese absurde Beschuldigung?

Ganz einfach: weil sie ihren eigenen Geist oder die „Geistbegabung“ selbsternannter Visionäre für das Gelbe vom Ei halten und daher jede Kritik buchstäblich verteufeln.

Bei mir kann das nach jahrzehntelanger Gewöhnung natürlich keine Gemütsregung, geschweige einen Schock auslösen, zumal ich von vornherein wußte, wie diese Anhängerkreise „ticken“ und dies in Kauf nahm.

Anders ist es bei unerfahrenen Gläubigen, die sich skeptisch äußern und dann mit solchen Drohungen überschüttet werden. Ich weiß von etlichen Betroffenen, die sich dadurch haben einschüchtern und verunsichern lassen oder zumindest davon abgehalten wurden, öffentlich von ihren Erfahrungen zu berichten.

 

 


Wenn der Exorzismus die Beichte verdrängt und die nötige Umkehr blockiert

Von Felizitas Küble

Das Portal „Katholisch.de“ der Deutschen Bischofskonferenz ist  – wie man sich vorstellen kann – insgesamt eher liberal orientiert, manchmal kommen auch ausgesprochen progressive Standpunkte zu Wort.

Gast-Autoren sowie ich selber haben hier im CHRISTLICHEN FORUM bereits mehreren Beiträgen dieser Webseite widersprochen.

Umso mehr darf man sich wundern, was diese amtliche kirchliche Plattform in aller „Naivität“ über das Thema Exorzismus zu berichten weiß. Am 20.1.2017 veröffentlichte „Katholisch.de“ diesen Artikel über den Ordensmann Francisco Lopez Sedano: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/der-teufel-hat-angst-vor-mir

Der 80-jährige Pater soll in Mexiko bereits 6000 Teufelsaustreibungen vorgenommen haben. Auch bei einem Zeitraum von 40 Jahren ist das ungewöhnlich viel für einen einzigen Geistlichen.

„Katholisches.de“ zitiert völlig unkritisch  – ohne jede theologische Reflektion und Rückfrage –  etliche Aussagen des Priesters zu seiner Spezialseelsorge. So erzählt der Exorzist fröhlich drauflos, nicht etwa er habe Angst vor dem Teufel, sondern dieser habe vielmehr Angst vor ihm.

Was sagt die Heilige Schrift dazu?

Eine solche prahlerische Selbstgewißheit erscheint im Lichte der Bibel doch etwas gewagt, um nicht zu sagen vermessen.

Nicht einmal der hl. Erzengel Michael hat sich derlei erdreistet, heißt es doch im NT (Judasbrief 1,9 f):

Michael aber, der Erzengel, als er mit dem Teufel stritt und mit ihm über den Leichnam des Moses verhandelte, wagte kein lästerliches Urteil zu fällen, sondern sprach: Der HERR strafe dich!“

Und wie reagierte Christus selbst, als seine 72 Jünger ihm stolz berichteten, sogar die bösen Geister würden ihnen in seinem Namen gehorchen:

„Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister untertan sind, sondern darüber, daß Eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind“ (Lk 10,17 f).

Der HERR warnt hier vor der Gefahr eines (un)geistliches Hochmutes im frommen Gewande und ER erinnert die Seinen daran, daß ihre Erlösung  – das Heil im Himmel – doch viel wichtiger sei und der wahre Grund zur Freude.

Esoterik als Ursache für Besessenheit?

Auch ein weiterer Punkt von Pater Lopez Sedano ist typisch für viele Exorzisten und die mit ihnen geistesverwandten charismatischen „Befreiungsdienstler“:

Er erklärt nämlich, Besessenheit werde durch esoterische und okkulte Praktiken verursacht: „Deshalb verbietet die Kirche die Praktiken Magie, Aberglaube, Hexerei, Zauberei, Wahrsagerei, Herbeibeschwörung von Toten und Geistern sowie Astrologie“.

Das verbietet die Kirche durchaus nicht „deshalb“ (um Besessenheiten zu verhindern), sondern schlicht aus dem entscheidenden Grunde, weil es sich bei allen Formen von Aberglauben und Okkultismus um einen schweren Verstoß gegen das 1. Gebot handelt: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“

Wer gegen dieses Gebot sündigt, gehört daher in die Beichte – und nicht in die Hände eines Exorzisten!

Eine „Teufelsaustreibung“ ist in solchen Fällen auch seelsorglich völlig verkehrt, weil sie nämlich den Betroffenen den Weg zur wirklichen Sinnesänderung, zu Umkehr und Buße geradezu versperren kann, denn diese Menschen meinen dann, nicht sie selber seien für ihre magischen Frevel verantwortlich, sondern die bösen Geister, von denen sie „besessen“ sind.

Folglich geht es nur noch darum, die Dämonen „loszuwerden“ – und nicht mehr so sehr um eine  e i g e n e  Umkehr und Rückkehr zu Gott.

Genau eine solche Falle und Blockade könnte allerdings dem Teufel sehr gefallen!

Näheres zum (Nicht-)Zusammenhang von Okkultismus und Besessenheit hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/17/warum-auch-nach-okkulten-suenden-ein-exorzismus-verfehlt-ist/

Krankheiten als Folge satanischen Einflusses?

Typisch für charismatische Vorstellungen ist auch die Äußerung des Exorzisten Lopez, zu den „spezifischen Verhaltensweisen“ von Besessenen gehörten „große Schmerzen oder Krankheiten, die entweder erst gar nicht bestimmt oder nicht behandelt werden könnten.“

So zitiert ihn „Katholisch.de“  – aber auf dem amerikanischen kath. CNA-Portal wurde er noch deutlicher:

„Die Verletzungen von Satan liegen außerhalb der Kontrolle der klinischen Medizin. Menschen, die mit dauerhaftem Durchfall leben und nichts führt dazu, dass sie verschwinden; Menschen, die Augenschmerzen und Augenärzte haben, die nichts finden…. Andere Leute haben furchtbare Rückenschmerzen, aber die Ärzte sagen, dass es ihnen völlig gut geht….Das sind Beschädigungen, die die Wissenschaft nicht erkennt.“

Nur weil jemand z.B. an „dauerhaften Durchfall“ oder Rückenschmerzen leidet, ohne daß eine organische Ursache feststeht, ist er/sie noch lange nicht besessen. Es gibt schließlich auch psychisch bedingte Krankheiten – manche Störungen sind quasi moralisch verursacht (z.B. Depressionen  nach Abtreibungen, wobei seelische Verletzungen sich psychosomatisch auswirken können).

Der unsinnigen Ansicht, Krankheiten seien vom Teufel verursacht, hat schon Christus seinerzeit widersprochen, weshalb in den Evangelien eindeutig zwischen Krankenheilungen und Teufelsaustreibungen unterschieden wird.

Diese Wundertaten Christi sollten vor allem seine göttliche Vollmacht bezeugen und verdeutlichen, daß das Reich Gottes mit ihm bereits angebrochen ist.

Die Apostel haben den exorzistischen Dienst anfangs noch fortgesetzt (vgl. Apg.), doch bereits in den Briefen der Apostel von Paulus über Petrus bis zu Johannes findet sich keine einzige Aufforderung an die Gemeinden (auch nicht in den späteren Pastoralbriefen des NT) zur Ausübung von Teufelsaustreibungen – und zwar wohlgemerkt auch nicht im Zusammenhang mit Zaubereisünden, die mehrfach erwähnt werden.  In all diesen Fällen werden die Gläubigen zur Umkehr aufgerufen, nicht etwa zum Exorzismus.

Phänome der Besessenheit – oder der Charismatik?

Apropos Pater Lopez, der das Benehmen von „Besessenen“ laut CNA folgendermaßen beschreibt: „Sie haben angefangen zu schreien, wie ein Hund zu bellen oder sich auf dem Boden zu wälzen und wie eine Schlange zu winden.“

Foto: Pattayablatt

Das sind haargenau die Phänomene, die man auf pfingstlerischen Versammlungen zuhauf beobachten kann – und zwar gleich massenhaft. Nur nennt sich das dort nicht „Besessenheit“, sondern „Ruhen im Geist“, „Weinen im Geist“, „Bellen im Geist“ usw.

BILD: Sogar baumstarke Männer „ruhen im Geist“ (Rückwärtskippen in Trance) während einer charismatischen Veranstaltung nach der Handauflegung eines „Heilungspredigers“

Diese Vorgänge werden in schwärmerischen Kreisen seit Jahrzehnten als „Toronto-Segen“ bezeichnet und gewürdigt (!), nachdem diese vermeintlichen Manifestationen des „Heiligen Geistes“ in den 90er Jahren im Rahmen der „Erweckung“ in Toronto an der Tagesordnung waren – sie sind aber in der Pfingstbewegung von Anfang an bekannt; sie geschahen bereits bei den „Kasseler Versammlungen“ Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen der damals aufkommenden Charismatik.

Was also?

Wer noch bei Verstand und nicht schwarmgeistig vernebelt ist, der weiß, daß solche absonderlichen Verhaltensweisen nicht vom Heiligen Geist gewirkt sind.

Aber auch ich, die ich mich seit über dreißig Jahren denkbar kritisch mit genau diesen Vorfällen befasse, habe noch nie pauschal behauptet, es handle sich hierbei um ein Symptom von Besessenheit.

Zwar sind es zweifellos ungeistige und irrgeistige Vorkommnisse, doch der größte Teil dürfte seelisch-psychisch erklärbar sein, nicht zuletzt angesichts der aufgepeitschten Stimmung in solchen Massenversammlungen und der gegenseitigen Suggestion (unterschwelligen Beeinflussung) dieser Enthusiasten; dazu kommen quasi-hypnotische Psycho-Techniken und gruppendynamische Kraftwirkungen angeblich geistbegnadeter „Heilungsprediger“, die von ihrer Anhängerschar wie Gurus angehimmelt werden.

Daß es in besonders schlimmen Fällen extrem-charismatischer Verführung auch zu einem direkten Einwirken satanischer Mächte auf labile Menschen kommen kann, ist freilich nicht auszuschließen, aber in der Regel handelt es sich wohl um indirekte (psychische) Folge der Irrgeisterei.

Fest steht jedenfalls, daß schwarmgeistige Verirrungen dem geistlichen Leben der Betroffenen schweren Schaden zufügen. Die zum Teil jahrelangen seelischen Auswirkungen erlebe ich bei Ratsuchenden und Geschädigten, die sich bei mir melden, schon seit Jahrzehnten – und die entsprechenden Schicksale mehren sich.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

 


Warum auch nach „okkulten Sünden“ ein Exorzismus verfehlt ist

Geistlicher Missbrauch durch Panikmache und „Befreiungsdienst“

Seit Jahrzehnten erhalte ich Anfragen von Gläubigen, die in eigener „Sache“ oder hinsichtlich ihres Bekanntenkreises von dem Gedanken umgetrieben werden, eine Teufelsaustreibung sei vonnötigen und die mich daher nach einem „kirchlich anerkannten“ Exorzisten fragen. 

Es ist zwar schon einmal grundsätzlich gut, wenn man sich nicht dem nächstbesten selbsternannten „Exorzisten“ oder gar einem charismatischen „Befreiungsdienstler“ von eigenen Gnaden zuwendet, sondern seriös nach einem amtlichen kirchlichen Vertreter fragt.

Aber einmal abgesehen davon, daß es hiervon in Deutschland nur sehr wenige gibt, ist es nicht Aufgabe dieser Priester, Menschen zu „exorzieren“, die überhaupt nicht besessen sind, sondern sich dies lediglich selber einreden oder durch Panikredner aufschwatzen ließen. Beispiele hierfür kenne ich in Hülle und Fülle.

Der Hintergrund ist fast immer der folgende:

Die Ratsuchenden haben sich  – teils vor längerer Zeit, teils noch unlängst – mit esoterischen Praktiken eingelassen, waren in Zaubereisünden oder sonstige okkulte Handlungen verstrickt etc.

Das ist dann natürlich die „Stunde der Charismatiker“: Kaum lernen sie solch einen Betroffenen kennen, reden sie ihm ein, er sei aufgrund seiner magischen Vergangenheit „besessen„, mindestens aber „okkult belastet“. 

Folglich ist ein Exorzismus, mindestens aber eine „Befreiungs-Seelsorge“ nötig, um den Geschädigten zu „heilen“. Daß dessen Probleme aber durch solch eine Falschdiagnose erstens verstärkt und zweitens alles andere als gelöst werden, wird nicht wahrgenommen.

Warum „Falschdiagnose“?

Weil auch schwerwiegende Magie-Sünden noch lange nicht zur Besessenheit führen, auch nicht ohne weiteres in eine sonstige Form von „satantischer Gebundenheit“.

Das hat die katholische Kirche auch nie (!) behauptet, vielmehr handelt es sich um Panik-Vorstellungen von sektiererischer und schwarmgeistiger Seite.

Es gibt auch in anderen Bereichen schwere Sünden, man denke nur an massive Verstöße gegen die Zehn Gebote  – etwa Mord, Ehebruch, schwerer Diebstahl, Verleumdung oder gar Glaubensabfall etc.

Was tun Katholiken, wenn sie umkehren wollen und Gottes Vergebung suchen? – Genau: sie bereuen ihre Laster und gehen zur Beichte. –  Keiner, der bei Verstand ist, kommt auf die Idee, einen Exorzisten aufzusuchen!

Warum nun sollte es denn bei Zauberei-Sünden anders sein? Sind sie etwa schlimmer als Mord und Totschlag? – Es gibt keine Sünde, die Christus im Sakrament der Buße nicht auslöschen könnte – vorausgesetzt, die Reue des Umkehrwilligen ist aufrichtig.

Auch der hl. Paulus hat sich in seinen Briefen an die urchristlichen Gemeinden – vor allem an die Korinther – intensiv immer wieder mit schlimmen Lastern befaßt, die „vom Reiche Gottes ausschließen“, sofern keine Buße erfolgt. 

Nicht ein einziges Mal – auch nicht im Zusammenhang mit ausdrücklich erwähnten Zaubereisünden – hat der Völkerapostel seine Gemeinden bzw. deren Vorsteher zum Exorzismus aufgerufen.

Damit soll wohlgemerkt nicht gesagt sein, es gäbe keine wirkliche Besessenheit  – aber die in charismatischen Kreisen ständige Fixiertheit auf einen sogenannten „Befreiungsdienst“ ist ein Irrweg sowohl der theologischen Sache nach wie auch zu Lasten der seelischen Gesundheit der Betroffenen, wie ich aus zahlreichen Gespräche mit Geschädigten weiß.

Es handelt sich objektiv eindeutig um seelsorglichen Missbrauch, um eine (un)geistliche Manipulation. (Ob diese Problematik den Fehlgeleiteten subjektiv bewußt ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.)

Statt daß diese reumütigen Menschen ermutigt werden, die sakramentale Seelsorge der Kirche in Anspruch zu nehmen, werden sie völlig abwegig in Panik versetzt, als teuflisch besessen hingestellt und dem fragwürdigen Treiben eines selbsternannten „Befreiungsdienstlers“ unterworfen.

Dabei wird dies sogar praktiziert, wenn die Betroffenen nicht einmal selber in Zauberei-Sünden verstrickt waren, sondern lediglich  – angeblich  –  ihre „Ahnen“ bis zurück in die dritte oder vierte Generation (Urgroßeltern).

Dieses absurde Konstrukt nennt sich „Vorfahrensschuld“  – und ist dann immer noch ein willkommener Anlaß zur „Spezialseelsorge“, wobei die Gläubigen sich von den „Sünden ihrer Ahnen“ rituell lossagen sollen usw. Dazu gibt es auch noch Seminare und Einkehrtage, welche diesen Unfug lehren und betreiben.

Dazu kommt, daß das Einreden von „Besessenheit“ der Hölle sehr entgegenkommt. Warum? Weil die Betreffenden dann logischerweise meinen, ihre Sünden seien vom Teufel bewirkt, der durch sie gehandelt habe – also geht es dann nicht oder jedenfalls weniger um die eigene Verantwortung. Die Einsicht in eigene Schuld ist aber die wichtigste Voraussetzung für Reue und Sinnesänderung, also für eine Umkehr zu Gott. 

Nehmen wir als Anhaltspunkt für diesen ganzen Problembereich ein Beispiel aus dem Alten Testament, das uns zeigt, wie mit okkulten Lastern zu verfahren ist.

Es geht um den abgefallenen jüdischen König Manasse, der 55 Jahre lang in Jerusalem regierte. Er hatte zwar einen guten, gläubigen Vater (Hiskia), aber der Junior war ganz dem Götzendienst verfallen, wie wir in 2 Chronik 33 (1-20) nachlesen können. Er trieb es mit diesen „Greueln“ sogar noch schlimmer als die heidnischen Völker, die vor der Landnahme in Israel lebten (vgl. 2 Chr 33,2).

Er errichtete sogar Altäre für den Götzen Baal und die heidnische Göttin Aschera – und das nicht nur „auf den Höhen“ (auf Bergesgipfeln), sondern im Tempel des HERRN zu Jerusalem. Also schlimmer gings nimmer!

Auch in puncto Zaubereisünden war er unschlagbar:

„Er ließ seine Söhne durchs Feuer gehen im Tal Ben-Hinnom, und er trieb Zauberei, Beschwörung und Magie und ließ sich mit Totengeistern und Wahrsagegeistern ein. Er tat viel, was böse war in den Augen des HERRN, um ihn zum Zorn zu reizen.“

Gott warnte diesen gottlosen Herrscher und „redete zu Manasse und zu seinem Volk; aber sie achteten nicht darauf“.

Also zog der Ewige stärkere Register, um den König zur Umkehr zu bewegen. Er ließ den heidnischen Herrscher von Assyrien über Jerusalem kommen, die Heeresobersten nahmen Manasse gefangen und führten ihn ab nach Babel.

Da saß der König nun in seinem Elend – und ging endlich in sich: Und als er so bedrängt war, flehte er den HERRN, seinen Gott, an und demütigte sich sehr vor dem Gott seiner Väter und betete zu ihm.“

Und was tat der HERR? Ließ er dem König erst einmal durch einen Propheten oder Priester den Teufel austreiben? – Mitnichten!

Hier folgt die Antwort: „Und der HERR ließ sich von ihm erbitten und erhörte sein Flehen und brachte ihn nach Jerusalem in seine Königsherrschaft zurück. Da erkannte Manasse, dass der HERR der wahre Gott ist.“

Die Reue des „gefallenen Königs“ war echt, denn seiner Umkehr folgten handfeste Taten: 

„Und er tat die fremden Götter weg und das Götzenbild aus dem Haus des HERRN und alle Altäre, die er auf dem Zionsberg und in Jerusalem gebaut hatte; und er warf sie vor die Stadt hinaus. Und er baute den Altar des HERRN wieder auf und opferte auf ihm Heilsopfer und Dankopfer. Und er befahl dem Volk von Juda, dass sie dem HERRN, dem Gott Israels, dienen sollten.“

Was dieser Manasse sich an Abfall, Götzendienst und schlimmstem Aberglauben „geleistet“ hat – noch dazu als verantwortlicher Herrscher  – war schon von anderem Kaliber, als wenn sich in charismatischen Gebetskreisen  herausstellt, daß Frau M. vor zwanzig Jahren Zeitungs-Horoskope gelesen hat – oder ihr Urgroßvater einen Hellseher aufsuchte usw.

Bleiben wir also auf dem kirchlichen Teppich, auf dem Boden der Heiligen Schrift nämlich – und der Vernunft!

Ergänzender Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/18/wenn-der-exorzismus-die-beichte-verdraengt-und-die-noetige-umkehr-blockiert/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.