Das satirische Gedicht „Sprachverderbnis“ aus dem 17. Jahrhundert bleibt aktuell

Fast jeder Schneider
will jetzt und leider
Der Sprach erfahren sein
und redt Latein,
Welsch und Französisch,
halb Japonesisch,
wann er ist doll und voll
der grobe Knoll.


Der Knecht Matthies
spricht: bonae dies,
wann er guten Morgen sagt
und grüßt die Magd;
die wendt den Kragen,
tut ihm Dank sagen,
spricht: Deo gratias,
Herr Hippocras.


Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen,
daß ihr die Muttersprach
so wenig acht.
Ihr liebe Herren,
das heißt nicht mehren,
die Sprach verkehren
und zerstören.

Ihr tut alles mischen
mit faulen Fischen,
Und macht ein Misch-Gewäsch,
ein wüste Wäsch,
ich muß es sagen,
mit Unmut klagen,
ein faulen Hafen Käs,
ein seltzams Gfräß.


Wir hans verstanden
mit Spott und Schanden,
wie man die Sprach verkehrt
und ganz zerstört.
Ihr böse Teutschen,
man sollt euch peutschen.
In unserm Vatterland;
pfui dich, der Schand!

Johann Michael Moscherosch

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MARIENLOB aus dem christlichen Altertum

Sei gegrüßt,
Maria, heilige Mutter Gottes!
Sei gegrüßt,
kostbarer Schatz der Schöpfung.
Sei gegrüßt,
Tabernakel des HERRN,
den die Welt nicht fassen konnte.

Mutter und Jungfrau,
Urbild und Zepter des Glaubens,
aus dir ging unser Retter hervor,
der den Tod besiegte.

Sei gegrüßt,
durch dich hat das Licht,
Gottes eingeborener Sohn,
all jene erleuchtet, die in der Finsternis sind
und im Schatten des Todes wandeln.

Kirchenlehrer Cyrill von Alexandrien
(370 – 444 n. Chr.)


Henry van Dyke: Liebe, Zeit und Ewigkeit

ZEIT ist
zu langsam für jene, die warten,
zu bewegt für jene, die fürchten
zu lang für jene, die trauern,
zu kurz für jene, die sich freuen,
aber für jene, die lieben,
ist die Zeit EWIGKEIT.

{Time is
Too slow for those who wait,
Too swift for those who fear,
Too long for those who grieve,
Too short for those who rejoice,
But for those who love,
Time is Eternity.}

Henry Jackson van Dyke
amerikanischer Schriftsteller, Erzieher und Geistlicher; 1852-1933


Denn betend singen sie, was ewig gilt…

Nachdem Sänger aus Wladimir 1999 im fränkischen Erlangen auftraten, verfaßte Dr. Renate Myketiuk dieses Gedicht und stellte es nun unserer Redaktion zur Verfügung:

Russische Seele

Sie kamen her zu uns und wollen singen;
aus einem fernen Land, verdämmernd weit,
wo Uhren messen eine frühe Zeit,
wo Flüsse ihre Fracht zum Nordpol bringen.

Sie singen uns von der Barmherzigkeit,
die Gott im Abendmahl läßt sichtbar werden;
und singen von der Liebe hier auf Erden,
von Suchen, Finden und von Liebesleid.

Sie lassen ihre Seele voll erklingen:
es ist der dunkle Schmerz der weiten Ferne,
der fromme Kuß auf ein Ikonenbild.

Und unser Herz, sie bringen es zum Schwingen;
wir horchen still, sie strahlen wie die Sterne,
denn beten singen sie, was ewig gilt.

Dr. Renate Myketiuk aus Erlangen

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Kurt Tucholsky 1931: Es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit…

An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,

sag mal: Bist du wirklich so dumm,

wie uns das an allen Tagen

alle Unternehmer sagen.
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: „Das Publikum will es so!“

Jeder Filmfritze sagt: «Was soll ich machen?

Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!»

Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:

„Gute Bücher gehn eben nicht!“

Sag mal, verehrtes Publikum:

bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,

immer weniger zu lesen steht?

Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;

aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;

aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn

könnten mit Abbestellung drohn?

Aus Bangigkeit, es käme am Ende

einer der zahllosen Reichsverbände

und protestierte und denunzierte

und demonstrierte und prozessierte . . .

Sag mal, verehrtes Publikum:

bist du wirklich so dumm?

Ja, dann . . .

Es lastet auf dieser Zeit

der Fluch der Mittelmäßigkeit.

Hast du so einen schwachen Magen?

Kannst du keine Wahrheit vertragen?

Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?

Ja, dann . . .

Ja, dann verdienst du´s nicht besser.

Kurt Tucholsky

„Die Weltbühne“ vom 7. Juli 1931


Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne

Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.

Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
dass er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.

Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen
zu danken dem HERRN.
Ei, bittet und flehet,
dass ER uns beistehet
und weiche nicht fern.

Philipp von Zesen (1619 – 1689)


„Die Welt ist schnöder Katze gleich“

Die Welt ist schnöder Katze gleich:
Streichelst du, krümmt sie sich glatt und weich;

tust du ihr aber nichts zu gefallen,
so enthüllen sich bald ihre scharfen Krallen.

Gottfried Kinkel
(evang. Theologe, Professor für Kulturgeschichte, 1815-1882)

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VERTRAUEN: Weiß ich den Weg auch nicht…

1) Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl;
das macht die Seele still und friedevoll.
Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.

2) Du weißt den Weg für mich, du weißt die Zeit,
dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise dich für deiner Liebe Macht,
ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

3) Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht,
und du gebietest ihm, kommst nie zu spät,
drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug,
du weißt den Weg für mich, das ist genug.

Hedwig von Redern


Gedicht: Die Liebe und das Antlitz der Welt

Stumm
muß die Erde dir bleiben,
du nur ihr einsamer Gast,
läßt du vom Strome dich treiben,
wenn du dich selbst nur umfaßt.

Nur die – sich opfernd – ihr dienen,
sind in ihr Leuchten gestellt.
Erst von der Liebe beschienen
erhellt sich das Antlitz der Welt.

Fritz Woike

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Thomas von Aquin: Fronleichnams-Sequenz

Was beim Mahl durch IHN geschehen,
das hieß Christus uns begehen
zum Gedächtnis seines Tods.
Treu befolgend heil’ge Lehren,
weihen, unser Heil zu mehren,
wir als Opfer Wein und Brot


Wie des Christen Glaube lehret,
Brot in Christi Fleisch sich kehret,
und in Christi Blut der Wein.
Sehen kannst du’s nicht noch fassen;
starker Glaube wird’s nicht lassen
trotz Natur und Augenschein.


Unter beiderlei Gestalten,
die als Zeichen nur hier walten,
birgt sich göttliche Substanz.
Blut als Trank und Fleisch als Speise:
Christus ist auf beide Weise
bei uns ungeteilt und ganz.


Sieh, das Brot, der Engel Gabe,
wird den Pilgern hier zur Labe,
wahrhaft ist’s der Kinder Habe,
nicht den Hunden werft es hin.
Längst im Bild war’s vorbereitet:
Isaak, der zum Opfer schreitet,
Osterlamm, zum Mahl bereitet,
Manna nach der Väter Sinn.


Guter Hirt, Du wahre Speise,
Dich barmherzig uns erweise;
Nähre uns auf unsrer Reise;
Deine Güter, Jesu, weise
uns im wahren Lebensland.
Du, der alles weiß und leitet,
hier im Todestal uns weidet:
Dort, wo hell dein Reich sich breitet,
sei uns Los und Tisch bereitet
In der Heiligen Verband.

Amen. Alleluja.

Hl. Thomas von Aquin
(aus dem Schott von 1962)