Rilke-Gedicht: Nacht der Herrlichkeit

 

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus, den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin, bereit –
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Reiner Maria Rilke
* 4. 12.1875 in Prag; † 29.12.1926

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Blick ich empor zu jenen lichten Welten…

Du großer Gott, wenn ich die Welt betrachte,
die Du geschaffen durch Dein Allmachtswort,
wenn ich auf alle jene Wesen achte,
die Du regierst und nährest fort und fort.

Blick ich empor zu jenen lichten Welten
und seh der Sterne unzählbare Schar,
wie Sonn und Mond im lichten Äther zelten,
gleich goldnen Schiffen hehr und wunderbar.

Wenn mir der HERR in seinem Wort begegnet,
wenn ich die großen Gnadentaten seh,
wie ER das Volk des Eigentums gesegnet,
wie ER’s geliebt, begnadigt je und je.

Und seh ich Christus auf der Erde wandeln
in Knechtsgestalt, voll Liebe und voll Huld,
wenn ich im Geiste schau sein göttlich Handeln,
am Kreuz bezahlen vieler Sünder Schuld.

Dann jauchzt mein Herz Dir, großer Herrscher, zu:
Wie groß bist Du! Wie groß bist Du!


MORGENLIED von Annette v. Droste-Hülshoff

Der Morgenstrahl                                                                   
Steht auf dem Tal,
Die Nebel ziehen drunter her,
Und auf der Au
Liegt still der Tau
Wie Perlen in dem weißen Meer.
Wie ich nun Alles recht beschaut,
Da wird mir’s rege im Gemüte,
Daß Alles nur ein Wort, ein Laut,
O Gott, von deiner Lieb und Güte!

Die Erd‘ in Pracht
Hast du gemacht 
Für mich, dein ungetreues Kind,
Und den Azur
Der Wolkenflur,
Für mich den frischen Morgenwind.
Ach, alle Worte sind zu schwach,
Um deine Liebe zu verkünden,
Und dennoch läßt mein Streben nach,
Und jeder Tag sieht mich in Sünden.

Herr, steh mir bei, 
Der du aufs Neu
Mir einen jungen Tag verliehn;
Der Geist ist wach,
Das Fleisch ist schwach,
Und ohne Frucht ist mein Bemühn.
Doch deine Hand ist stark und fest,
Will ich nur willig sie umfassen;
Ach, wer nicht selber dich verläßt,
Den hast du nimmermehr verlassen.

O Herr, wenn oft
Und unverhofft
Mich kleine Kränkungen bedrohn,
Sei mein Gesicht
Zu dir gericht‘,
Und mein Gedanke sei: dein Lohn!
Ach, manches Leiden groß und schwer
Gabst du mir Gnade zu besiegen,
Und vor der kleinen Sorgen Heer
Sollt‘ meine Stärke unterliegen?

Herr, mich befrei
Von falscher Scheu,
Von Hoffahrt und von Ungeduld,
Und all mein Sinn
Sich wende hin
Zu deinem Kreuz und meiner Schuld.
Wer diesen Tag mich schmäht und kränkt,
Dem laß mich gern und treu verzeihen,
Und ihn laß, eh die Nacht sich senkt,
Vor dir sein Unrecht still bereuen.

Zu deinem Preis,
Auf dein Geheiß
Will ich an meine Pflichten gehn;
Wie auch die Welt
Sie rings umstellt,
Ich will nur deinen Willen sehn.
Mein Wirken über Haus und Kind,
Das ruht in deinen weisen Händen,
Was sich mit deinem Preis beginnt,
Das muß zu deinem Ruhme enden.

Annette von Droste-Hülshoff


Das MAI-Lied von Goethe

Mailied

Wie herrlich leuchtet 
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb‘, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

Johann Wolfgang von Goethe

Fortsetzung des Gedichts hier: https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/mailied.html


Der Geist des HERRN erfüllt das All…

  Der Geist des HERRN erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten;
er krönt mit Jubel Berg und Tal, er lässt die Wasser fluten.
Ganz überströmt von Glanz und Licht erhebt die Schöpfung ihr Gesicht,
frohlockend: Halleluja.

 Der Geist des HERRN erweckt den Geist in Sehern und Propheten,
der das Erbarmen Gottes weist und Heil in tiefsten Nöten.
Seht, aus der Nacht Verheißung blüht; die Hoffnung hebt sich wie ein Lied
und jubelt: Halleluja.

  Der Geist des HERRN treibt Gottes Sohn, die Erde zu erlösen;
er stirbt, erhöht am Kreuzesthron, und bricht die Macht des Bösen.
Als Sieger fährt er jauchzend heim und ruft den Geist, dass jeder Keim
aufbreche: Halleluja.

 Der Geist des HERRN durchweht die Welt gewaltig und unbändig;
wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig.
Da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid,
Gott lobend: Halleluja.

Marie Luise Thurmair (1946)


DIE KAPELLE von Ludwig Uhland

Die Kapelle

Droben stehet die Kapelle,
schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies‘ und Quelle
froh und hell der Hirtenknab‘.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
schauerlich der Leichenchor,
stille sind die frohen Lieder,
und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Ludwig Uhland (1787 – 1862),
schwäbischer Dichter und Politiker, Mitglied des Paulsparlaments

 Geschrieben im September 1805 nach einem Spaziergang von Tübingen nach Wurmlingen


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