Unsere BASIS: Gebote und Offenbarung, Moses und Propheten, Bibel und Tradition

Gottes Offenbarung benötigt keine Erscheinungen

Im heutigen Sonntagsevangelium (Lk 16,19 ff) wurde das bekannte Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser vorgelesen. Meist geht es dann in der Predigt des Pfarrers um die angesagte Solidarität mit den Armen und Hilflosen sowie um Kritik am Reichtum und mangelnder Nächstenliebe.

Alles schön und gut, aber zugleich auch etwas oberflächlich, denn diese Botschaft Gottes enthält weitere Gesichtspunkte, die oft zu wenig beleuchtet werden, die aber äußerst aktuell und wegweisend sind: P1020947

1. Der reiche Prasser, der sich in der Hölle befindet, kommt jetzt auf die Idee, daß der arme Lazarus, den er verachtet hatte, doch noch zu etwas nütze sein könnte, nämlich damit dieser seine fünf Brüder warnt. Der Genußmensch war es stets gewohnt, daß er bedient wurde und einen „Sonderservice“ erhielt – und er meint, das gelte auch jetzt für seinen dringlichen Wunsch, nämlich eine Erscheinung des verstorbenen Lazarus bei seinen vermutlich ebenfalls in Saus und Braus dahinlebenden Brüdern.

Allerdings hat dieser reiche Mann im Grunde noch immer nicht viel gelernt, denn er will seine Brüder offenbar nur deshalb aufrütteln, damit sie – wie es heißt – „nicht auch an diesen Ort der Qual kommen“. Es geht ihm also nicht so sehr um die Umkehr als solche, um die Liebe zu Gott und dem Nächsten, sondern allein  –  oder jedenfalls in erster Linie  –  um das bloße Vermeiden der ewigen Höllenstrafe.

„Sie haben Moses und die Propheten: darauf sollen sie hören!“

2. Abraham lehnt die Bitte des Reichen ab, aber nicht nur, weil dieser den Schwerpunkt falsch setzt, sondern weil Abraham sagt: Die Brüder sollen wie alle anderen Menschen auch gefälligst auf Moses und die Propheten hören. Es gibt für sie keine übernatürliche „Extrawurst“, denn jeder kann Gottes Wort und Willen wahrnehmen, wenn er wirklich will: Nämlich seine Gebote (Moses) und seine Botschaft (Propheten).

Moses hat das Gesetz Gottes verkündet, die Propheten haben Gottes Willen in die jeweilige Zeit hineingesprochen, haben vor Abwegen gewarnt und zum festen Glauben und zu guten Werken aufgefordert.2732900420_68d28f8a20 Die Haupt-Aufgabe der alttestamentlichen Propheten bestand also nicht etwa in der Zukunfts-Voraussage, sondern in der aufrüttelnden Verkündigung, in der Verdeutlichung des göttlichen Willens mit Hinweis auf Gebote und Wegweisungen des Ewigen!

Die Situation ist heute nicht wesentlich anders:

Auch uns liegt die göttliche Offenbarung bereits vor: durch die Heilige Schrift und die apostolische Tradition (mündl. Überlieferung der Apostel). Diese Botschaft Gottes, welche uns das kirchliche Lehramt vorlegt und auslegt, ist inhaltlich völlig ausreichend für unser Heil. Auch wir benötigen keine Erscheinungen, keine Visionen, Schauwunder oder weitere Sonderveranstaltungen des Himmels.

Angesichts von Wundersucht, religiöser Sensationsmacherei, Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, Erscheinungsfixiertheit und Schwärmereien aller Art ist dieses Gleichnis Christi heute aktueller als je!

Eben deshalb lehrt die katholische Kirche seit jeher, daß die göttliche Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist. Dies gibt uns auch der Hebräerbrief im NT zu verstehen, wenn es dort heißt, daß Gott zuerst durch die Propheten zu den Menschen sprach, zuletzt aber durch seinen Sohn  –  denn Christus ist die Vollendung der Offenbarung Gottes, die in IHM vollständig enthalten ist.

Deshalb sind Privatoffenbarungen bzw. Visionen und Erscheinungen  – und zwar auch solche, die von der Kirche approbiert (genehmigt, gebilligt) wurden  –  für die Gläubigen nicht verbindlich, denn sie gehören nicht zum amtlichen Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche.

Die überlieferte Glaubenslehre beruht vielmehr auf den beiden Säulen „Bibel und Tradition“, wobei das Traditions-Prinzip  h i e r  nicht im volkstümlichen Sinne von Brauchtum und frommer Folklore zu verstehen ist, sondern sich  – wie erwähnt – auf die apostolische Überlieferung (mündliche Lehre Christi und der Apostel) bezieht.

HIER zahlreiche ergänzende Artikel zum gleichen Grundsatz-Thema: https://charismatismus.wordpress.com/category/privat-offenbarung-stellenwert/

 


Kardinal Müller will „Botschaften“ und charismatische Phänomene kritisch prüfen

Am vergangenen Dienstag teilte das vatikanische Presseamt mit, daß Kardinal Gerhard Müller am 14. Juni 2016 ein Schreiben an die Bischöfe der katholischen Weltkirche richten wird, in dem er sich vor allem über Privatoffenbarungen sowie charismatische Bewegungen und Phänomene äußere und Richtlinien für ihre Beurteilunge vorlege.

Dabei geht es Medienberichten zufolge vor allem um das Verhältnis von Amt und Charisma, von kirchlicher Hierarchie und „charismatischen Gaben“.Scannen0008

Das angekündigte Dokument der Glaubenskongregation trägt den lateinischen Titel Iuvenescit Ecclesia („Die Kirche verjüngt sich“).

Wie die französische Tageszeitung „La Croix“ schreibt, will die wichtigste vatikanische Kongregation in Zukunft charismatische Gruppierungen stärker beaufsichtigen und Privatoffenbarungen, von denen Mitglieder aus entsprechenden Gruppen häufig berichten, sorgfältiger untersuchen lassen.

Kardinal Müller sagte in einem Interview mit der Vatikanzeitung, Charismatiker seien in etwa wie „ungeplante Kinder“, die ebenfalls geliebt würden, deren „grundstürzende“ Neuheiten aber „verstörend“ wirken könnten, weshalb sie der „Reinigung“ bedürften.

Auf „Katholisch.de“, dem Portal der deutschen Bischofskonferenz, heißt es dazu unter dem Titel „Kirche will Privatoffenbarungen strenger prüfen“, es gehe darum, charismatische Gruppierungen zukünftig „genauer zu beobachten“: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/medien-kirche-will-privatoffenbarungen-strenger-prufen2732900420_68d28f8a20

„Katholisch.de“ schreibt sodann zutreffend, daß „Privatoffenbarungen, etwa Marienerscheinungen“, die von der Kirche anerkannt wurden, „keine allgemeine Glaubensverbindlichkeit“ aufweisen; sie sind weder Dogma noch gehören sie zum amtlichen Glaubensgut der Kirche.

Tatsächlich sind „Privatoffenbarungen“ (Erscheinungen, Visionen, „Botschaften“, übernatürliche Einsprechungen etc.) von der Offenbarung Gottes nicht nur graduell, sondern grundsätzlich zu unterscheiden, denn die göttliche Offenbarung ist laut beständiger Lehre der katholischen Kirche mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen.

Daher sind auch jene Erscheinungen, welche von der Kirche approbiert (gebilligt, zugelassen, bejaht) wurden, keineswegs glaubensverbindlich bzw. nicht verpflichtend für die Gläubigen. Von den nicht-anerkannten oder gar ausdrücklich abgelehnten Privatoffenbarungen soll sich das Kirchenvolk ohnehin fernhalten.

Weitere Hinweise zu diesem Themenkreis hier: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/27/prof-joseph-schumacher-zur-kirchlichen-approbation-von-privatoffenbarungen/


Was bedeutet die kirchliche Anerkennung einer „Offenbarung“ bzw. Erscheinung?

Pfarrer Dr. François Reckinger befaßt sich mit dem Stellenwert kirchlich approbierter („anerkannter“, genehmigter) Privatoffenbarungen unter dem Titel „ErschePfarrer Dr. F. Reckingerinungen und Visionen: ihre Bedeutung und ihre Problematik“; der Beitrag erschien im Sammelband „Maria – Mutter der Kirche“, bestehend aus den Vorträgen der 12. Theologischen Sommerakademie Dießen 2004 (Hrsg.: Gerhard Stumpf, Landsberg 2004, ISBN 3-9808068-3-9, S. 201-258).

Wir zitieren aus dem Beitrag von Pfr. Reckinger die erwähnten Abschnitte über die tatsächliche Bedeutung einer kirchlichen Approbation:

Von Pfr. Dr. François Reckinger

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig zu wissen, wie es zur derzeitigen Anerkennungspraxis gekommen ist. Visionen und Auditionen geschahen zu allen Zeiten, und die Berichte darüber machten ihren Weg, wirkten weiter mit mehr oder weniger Erfolg und führten teilweise zur Errichtung von Kirchen und Wallfahrtszentren. 

Dasselbe geschah ebenso mit erfundenen Visionsberichten, Wundern und Reliquien. Die Bischöfe wachten mehr oder weniger aufmerksam und wirksam darüber, notfalls auch gemeinsam bei Partikularkonzilien innerhalb der betroffenen Kirchenprovinzen.vierge_pellevoisin

Zu einer grundsätzlichen Regelung kam es erstmals auf dem 5. Laterankonzil 1516, eigentümlicherweise in einem Dekret, das nur die Ordensleute betrifft [1] – so als sei man davon ausgegangen, dass nur unter ihnen Visionen und Offenbarungen vorkämen. 

Ein halbes Jahrhundert später dehnte das Trienter Konzil das Verbot auf alle Kirchenglieder aus und verfügte, dass ohne Billigung des zuständigen Bischofs keine ungewohnten Bilder, neuen Wunderberichten oder neuen Reliquien zugelassen werden dürfen.

In zweifelhaften oder schwierigen Fällen muss sich der Ortsordinarius mit dem Metropolit und den übrigen Mitbischöfen auf dem Provinzialkonzil beraten. Dabei darf „nichts Neues oder bisher in der Kirche Ungewohntes“ ohne Rücksprache mit dem Papst zugelassen werden [2]. Diese Bestimmung ist bis heute in Kraft.

„Anerkennung“ beinhaltet eine Aufhebung des Verbotes

Von daher wird deutlich, was „Anerkennung“ in diesem Zusammenhang bedeutet: die Aufhebung des Verbotes, öffentlich über ein bestimmtes neues Wunder zu reden und zu schreiben, in einem bestimmten, sorgfältig geprüften Fall. Es wird nichts gesagt von positiver Anerkennung in dem Sinn, dass der neue Wunderbericht nunmehr der öffentlichen Diskussion in der Kirche entzogen sei.   023_20A

Diese Deutung bestätigt Kardinal Prosper Lambertini, der spätere Papst Benedikt XIV. (siehe Foto), in seinem 1734 – 1738 erschienenen kanonistischen Werk über die Selig- und Heiligsprechungen:

„Man muss wissen, dass diese Billigung (von Visionen und Offenbarungen) nichts anderes ist als eine Erlaubnis …, sie nach reiflicher Überprüfung zu Belehrung und Nutzen der Gläubigen zu veröffentlichen.“

Im Unterschied zu den „Offenbarungen, wie sie den Aposteln und Propheten zuteil wurden“, kommt den später erfolgten und von der Kirche anerkannten Offenbarungen lediglich Wahrscheinlichkeit zu:

„Daraus folgt, dass jemand unbeschadet seines vollen … katholischen Glaubens den vorgenannten Offenbarungen keine Zustimmung leisten und sich von ihnen distanzieren kann, sofern dies mit der nötigen Zurückhaltung, nicht grundlos und ohne Geringachtung geschieht“ [3].

Approbation bedeutet „Zulassung“, nicht Bestätigung

Pius X. hat diese Sicht der Dinge in seiner Enzyklika gegen den Modernismus 1907 bestätigt, indem er erklärte, dass nachbiblische Erscheinungen oder Offenbarungen vom Apostolischen Stuhl weder bestätigt noch verworfen, sondern lediglich zugelassen worden sind, in dem Sinn, dass man die Berichte darüber mit bloß menschlichem Glauben annehmen kann [4].

Der Papst erklärte dies im selben Jahr, in dem er das „Fest der Erscheinung der unbefleckten Jungfrau Maria“ am 11. Februar für den gesamten lateinischen Bereich der Kirche vorschrieb. Das bedeutete sicher eine ganz besondere Aufmerksamkeit für den Erscheinungsort Lourdes, entsprechend der Bedeutung, die er inzwischen für die Kirche gewonnen hatte.

Einige Theologen wollten aus dieser und anderen päpstlichen Bekundungen eine besondere Anerkennung von Lourdes und später auch von Fatima ableiten und daraus eine gewisse kirchliche Verpflichtung zur Annahme der entsprechenden Visionen und Botschaften ableiten. 012_9

Aber diese Position lässt sich m. E. nicht halten, einmal weil, wie gesagt, derselbe Papst, der das Fest damals vorgeschrieben hat, zur selben Zeit seine zitierte Erklärung zur Bedeutung der Anerkennung von Erscheinungen abgegeben hat.

Zum anderen geht dasselbe noch deutlicher aus der Tatsache hervor, dass Paul VI., nach allen päpstlichen Gunsterweisen, die Lourdes zwischenzeitlich zusätzlich erhalten hatte, das bis dahin vorgeschriebene Fest 1969 auf einen fakultativen Gedenktag zurückgestuft und dabei Titel und Texte so geändert hat, dass darin nicht mehr von Erscheinung, sondern nur noch von „Unserer Lieben Frau in Lourdes“ und von ihrer erbsündefreien Empfängnis die Rede ist und um Heilung von aller Krankheit des Leibes und der Seele gebetet wird.

Johannes XXIII., der die wohl stärkste Empfehlung der Botschaft von Lourdes ausgesprochen hat, tat dies mittels einer sorgfältigen Wortwahl, die erkennen lässt, dass es sich um Empfehlung und Hinweis handelt, die bewirken sollen, dass die Gläubigen ihre Aufmerksamkeit auf dieses Geschehen richten. Mehr ist nicht gesagt, und es wird die herkömmliche Lehre über den Sinn von Privatoffenbarungen wiederholt [5].

Wenn ich das sage, dann bin ich dabei fest überzeugt, dass die Erscheinungen von Lourdes echt sind. Aber sie empfehlen sich durch ihre eigenen Anzeichen von Glaubwürdigkeit, man braucht dafür keine Glaubensverpflichtung aufgrund päpstlicher Bekundungen zu bemühen.

Im übrigen hat Pius XI. durch die Ritenkongregation 1932 ausdrücklich klarstellen lassen, dass Selig- oder Heiligsprechung einer Person keine Anerkennung der Echtheit ihrer Visionen bedeutet. Er tat es anlässlich der Seligsprechung von Gemma Galgani, bei der er guten Grund dazu hatte, erklärte aber generell, dass dies auch sonst „niemals zu geschehen pflegt“ [6].

Anmerkungen:
[1] Conciliorum Oecumenicorum Decreta … (G. Alberigo/J. Wohlmuth) II, Paderborn 2000, 637.
[2] Ebd. III, 2002, 776.
[3] De Servorum Dei Beatificatione et Beatorum Canonizatione II, 32, 11; III, cap. ult., 15; Übers. nach W. Beinert, Theologische Information über Marienerscheinungen, in: AnzSS 16, 1997, 250-258 (252). [4] ASS 40, 1907, 649.
[5] Radiobotschaft vom 18.2.1959, in: Mar 21, 1959, 102-105 (104): zitiert nach Courth (Anm. 32), 189f.
[6] AAS 24, 1932, 57.

Quelle und vollständiger Text hier: http://www.f-reckinger.de/pdf-dateien/marienerscheinungen.pdf
Internetpräsenz des Autors: www.f-reckinger.de

HINWEISE von Pfr. Dr. Reckinger zur Leserkommentar-Debatte über Begriff und kirchlichen Gebrauch des „Anathema“:

Mein lateinisch-deutsches Wörterbuch gibt an: 1. Weihegeschenk; 2. Verfluchung. Das Lexikon für Theologie und Kirche, 1, Spalte 604, kehrt die Reihenfolge der beiden Bedeutungen um: Anathema „bedeutet etwas (der Gottheit) Anheimgegebenes, und zwar als Weihegabe … oder als ihrem Fluch Verfallenes. Auf der Linie der zweiten Bedeutung verwendet das Neue Testament … das Anathema, um die Grenzen der christlichen Gemeinschaft zu markieren …“

Als Belege werden anschließend die Stellen 1 Kor 12, 3; 16, 22, Gal 1, 8f, vgl. 1 Kor 5, 1-5; und 1 Tim 1, 20 zitiert.

Am aufschlussreichsten erscheint die Stelle 1 Kor 5, 1-5. Dort geht es (nach 5, 1) um einen Mann aus der Gemeinde, der „mit der Frau seines Vaters“ (also wohl mit seiner Stiefmutter) geschlechtlich zusammenlebt. Als demgegenüber zu treffende Maßnahme erklärt Paulus in 1, 4f: „Im Namen Jesu, unseres Herrn, wollen wir uns versammeln, ihr und mein Geist, und zusammen mit der Kraft Jesu, unseres Herrn, diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.“

Daraus geht hervor, dass keineswegs eine endgültige Übergabe an den Satan gemeint ist (eine solche steht auch der Kirche, und damit selbst den Aposteln in keiner Weise zu). Absicht und Ziel der Maßnahme ist nach Paulus ja vielmehr, dass „sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“. Das Mittel dazu wird als „Verderben des Fleisches“ benannt. Das kann nur bedeuten: ein Leiden in dieser Welt, das dem betreffenden Sünder durch den vorläufigen Ausschluss aus der Gemeinde erwächst, nämlich den Verlust des als beglückend empfundenen Gemeindelebens und der vielfältigen erfreulichen Kontakte unter den Gemeindemitgliedern.

Im nachfolgenden Abschnitt zählt Paulus eine Reihe weiterer Sünden auf, die, wenn sie von Christen begangen werden, mit derselben Maßnahme beantwortet werden sollen: „Habt nichts zu schaffen mit einem, der sich Bruder nennt und dennoch Unzucht treibt, habgierig ist, Götzen verehrt, lästert, trinkt oder raubt; mit einem solchen Menschen sollt ihr nicht einmal zusammen essen.“

Demnach zielt die Maßnahme gerade nicht auf die ewige Verdammnis der betreffenden Sünder ab, sondern sie soll eine (gewiss drastische, aber damals gerade deswegen möglicherweise effektive) Art sein, derartigen Menschen zur Bekehrung, Vergebung, Wiederaufnahme und ewiger Rettung zu verhelfen.

Genau dasselbe ist beabsichtigt mit der späteren kirchlichen Praxis des Anathema. Seit dem Übergang vom 3. zum 4. Jahrhundert gebrauchten Konzilien (Partikularkonzilien und allgemeine Konzilien) die Formel „anathema sit“, um jene Christen aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen, die eine vom Konzil ausgesprochene Glaubenslehre ablehnten. Auch Päpste haben in der Folgezeit dieselbe Formulierung übernommen. Sie erscheint noch in den Kanones des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870, nicht mehr dagegen in der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Marias durch Pius IX., 1854, sowie der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel durch Pius XII. 1950. Seither gehört sie der Vergangenheit an. Sinngemäß zu übersetzen ist sie dem Gesagten nach: „… der sei aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen.“

Angesichts des Gesagten ist vor allem festzustellen, dass all dies rein gar nichts mit der Anerkennung und Nichtanerkennung von Marienerscheinungen (und damit mit dem hier zu verhandelnden Thema) zu tun hat. Denn niemals ist die kirchliche Anerkennung einer Marienerscheinung (oder einer sonstigen Erscheinung) unter Verhängung des Anathema erfolgt.


Marienverehrung: JA – Wundersucht: NEIN

Warum ich mit Erscheinungsfrömmigkeit nichts anfangen kann…media-373855-2

…sehr wohl jedoch die Gottesmutter verehre und auch gerne „wallfahre“:

Es kommt mir so vor, als würden immer mehr fromme Katholiken ohne die Bestätigung ihres Glaubens durch „Wunder und Zeichen“ nicht mehr auskommen.

Der Zustrom zu charismatischen Gruppen mit wunderhaften Bekehrungen, Heilungen, der Pilgerstrom zu „Erscheinungsorten“ ohne jede Rücksicht, ob die dort geübte Devotion im Einklang mit der Glaubenslehre steht, sprechen eine beredte Sprache.

Offenbar brauchen immer mehr Menschen das emotionale „Durchgeschütteltwerden“ als Motor hinter ihrer Gläubigkeit.

Ich selbst habe keine Zweifel an der Möglichkeit „übernatürlicher Phänomene“, von denen Gläubige berichtecharismatiker_allg_606_pr13_02_ab36d7785en, von denen die Heiligenleben zeugen. Der Glaube kann, wie das biblische Wort sagt, Berge versetzen (Mt 21,18). Eine der häufigsten Wendungen Jesu in der Schrift lautet: „Dein Glaube hat Dich geheilt“. Der Glaube ist also die offene Tür zur Wirklichkeit Gottes.  

Wie kommt es also, daß so viele gläubige Menschen den sichtbaren, erlebbaren, bestaunbaren Beweis suchen?

Was beeindruckt und ergreift sie so, wenn Leute plötzlich nach hinten umfallen, angeblich vom Heiligen Geist berührt? Was bringt Menschen dazu, zu Hunderttausenden Sehern und „Warnern“ zu folgen?

In meinen Augen drückt sich darin allzu oft die Glaubensweise des Hl. Thomas aus: „Ich glaube nur, was ich sehe, höre, rieche, mit meinen eigenen Sinnen wahrnehmen kann, was mir bewiesen wird.“

Auch wenn es so aussieht, als seien die Wallfahrer zu den Erscheinungsorten die Frömmsten unter uns, die Glaubensstärksten, stimmt das wirklich? 

Sind es nicht jene, die Lichtwunder, Heilungswunder, Phänomene jeder Art brauchen, um überhaupt glauben zu können? Wollen sie nicht regelrecht von Jesus Christus und seiner Mutter überzeugt werden durch „Wunder und Zeichen“, verlangen sie nicht danach bis zur Aufgabe jeder Nüchternheit? 1_0_744292

Es ist, als würde man über die Erfahrungen der „Seher/innen“ die Hand in die Wunde legen wollen. Als würde die Zusage „Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ uns nicht reichen. Zu Thomas hat Jesus gesagt: Du hast gesehen und jetzt glaubst Du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Ich kann nicht verhehlen, daß gewisse Formen des Schwärmertums, der Überbegeisterung und fast zwingenden Bekehrungslust mich von Orten und Zusammenkünften fernhalten.

Für mich sind die Verehrungsorte, die Wallfahrtsorte zu Maria und den Heiligen, die wir von alters her besonders wertschätzen, Orte des Gebetes, Orte, wo viele Gläubige sich im Gebet vereinen. Und solche Orte geben uns Kraft und Zuversicht, ja.

Ganz sicher jedoch steht meine Kirche im Dorf, steht meine Gemeinde, wenn sie so betet, keinem Ort in der Welt nach, in der Nähe zu Jesus Christus und seinen Heiligen.  borMedia1836601

Unsere kleine Madonna in unserer Kirche ist ein ebenso gültiges Abbild der Gottesmutter als Begnadete, wie jedes andere in der Welt: so sehr ich sie liebe, die Guadalupa, die Mutter vom Guten Rat, die Immerwährende Hilfe; so sehr auch in meiner Marienverehrung diese Ikonen der Westkirche ihren festen Platz haben: ich verehre immer die Eine, die mich zu Jesus Christus führt.

Und wie sagte die Selige Schwester Blandine Merten: „Herr, gib mir die Gnade, daß ich nicht besondere Orte und Zeiten brauche, um Dich anzubeten und Deinen Willen zu tun!“

Auch wenn ich die „Thomasfrömmigkeit“ als einen gerechtfertigten Weg zum wahren Glauben sehe, so bleibt doch festzuhalten, daß sie, bleibt der reifende Katholik darin stecken, zum Heilshindernis werden kann.

Ein Beitrag der ANKERPERLENFRAU, die das gediegene und ansprechende Webmagazin “Rosenkranz und Pilgerzeichen” betreibt: http://rosenkranzbeten.info/

Hierzu paßt ein weiterer Text – diesmal von Pater Peter Lippert SJ: http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/du-hast-kein-recht-auf-wunderselige-erlebnisse/


Unklarheiten um den „Fatima-Zusatz“ aus der dritten Erscheinung vom 13.7.1917

Von Felizitas Küble

Wer verschiedene Bücher über den bekannten Marienwallfahrtsort Fatima liest, insbesondere solche Publikationen, die direkt aus dem Portugiesischen übersetzt wurden, wundert sich vielleicht darüber, daß hinsichtlich des Rosenkranz-Zusatzes verschiedene Versionen auftauchen.  vierge_pellevoisin

Es handelt sich um jene Anrufung, die laut der 3. Erscheinung vom 13. Juli 1917 jedem Gesätzchen des Rosenkranzes angefügt werden soll. Zunächst zu dem hierzulande üblichen Wortlaut:

„O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“

Nun scheint die zweite Bitte („bewahre uns…“) womöglich gar nicht niet- und nagelfest übersetzt zu sein, denn es ergeben sich einige Unklarheiten:

1. Die Publikation „Schwester Lucia spricht über Fatima“ (2. Auflage 1976) wurde von Pater Luis Kondor aus den portugiesischen Originalschriften übersetzt. Der Geistliche war Leiter der Seligsprechungsprozesse von Francisco und Jacinta (neben Lucia sind diesdie beiden anderen Visionäre von Fatima).

Wie er in seinem Vorwort erwähnt, wurde die Übersetzung ins Deutsche zusätzlich überprüft von Pater Dr. JoaProdukt-Informationchim Alonso CMF, der auch die Einführung für dieses Buch schrieb, in welchem die Äußerungen von Sr. Lucia zu Fatima ausführlich zitiert werden.

Dort heißt es auf Seite 153 betr. der Erscheinung des 13. Juli bzw. des Rosenkranz-Zusatzes zwar wie üblich „Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle“, doch ab S. 104 wird der Brief von Sr. Lucia an den Bischof von Leira dokumentiert, den sie ihm auf seine Aufforderung vom 26. Juli 1941 hin geschrieben hat. Darin berichtet sie Folgendes von ihrer Mit-Seherin Jacinta:

„Öfters pflückte sie Blumen auf dem Feld und sang dabei nach einer Melodie, die sie aus dem Stegreif erfand: „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung! Unbeflecktes Herz Mariä, bekehre die Sünder, errette die Seelen aus der Hölle.“ (S. 104)

Natürlich ist ein solche Anrufung theologischer Unfug, weil die Seelen aus der Hölle nicht herausgerettet werden können, denn die Verdammnis ist ewig. Aber selbst dann, wenn die Hölle zeitlich begrenzt wäre: Eine Rettung aus der Hölle wäre allein durch GOTT möglich  – und nicht etwa durch das „Unbefleckte Herz Mariä“. Auch die Formel Jacintas „Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung“ klingt theologisch reichlich mißverständlich.

Zumindest unklar erscheint folgende Äußerung Lucias, womit sie die Worte der Marienerscheinung wiedergibt: „Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen.“ (S.153) 131223-stern-von-bethlehem_b87bfae72c

Abgesehen davon, daß die göttliche Offenbarung seit dem Tod des letztes Apostels vollständig und abgeschlossen ist und daher den „armen Sündern“ bereits alle Gnadenmittel offenstehen, um der ewigen Verwerfung zu entgehen, ist an diesem Zitat nicht eindeutig erkennbar, ob es sich um eine Rettung der Seelen „aus“ der Hölle handelt oder um eine Bewahrung derselben „vor“ der Hölle.

2. In dem 1978 erschienenen Buch „Fatima“, für das der Rektor der Wallfahrtskirche Fatima, Pater Luciano Guerra, ein Geleitwort schrieb, heißt es zweimal, nämlich auf den Seiten 26 und 78: „O mein Jesus, vergib uns, erlöse uns von dem Feuer der Hölle…“

Ich fragte vor einigen Jahren einen katholischen Missionar, der gut portugiesisch sprechen konnte, ob es im portugiesischen Text „Erlöse uns“ oder „Bewahre uns“ heiße, worauf er mir erklärte, eine direkte Übersetzung laute „erlöse“ oder „befreie“ uns, im weiteren Sinne könne man auch als „bewahre uns“ übertragen. 0022

Auf einer an Fatima orientierten Webseite wird der Rosenkranz-Zusatz beim Gebetsvorschlag für den Mittwoch folgendermaßen wiedergegeben: „O mein Jesus, vergib uns, rette uns von dem Höllenfeuer. Führe alle Seelen in den Himmel, besonders die, die es am nötigsten haben.“  (Dasselbe hier: http://www.internetgebetskreis.com/gebete/sonstige-gebete/)

Auch hier heißt es nicht „Bewahre uns vor“, sondern „rette uns von…“, was zumindest mißverständlich bis irreführend ist.

Die genaue Übersetzung aus dem portugiesischen Original ist offenbar eine bislang noch nicht voll geklärte Frage.

Fest steht freilich, daß das von Sr. Lucia erwähnte „Lied“ der Seherin Jacinta („errette die Seelen aus der Hölle“) theologisch unzutreffend ist.

Weitere Anfragen zum Rosenkranz-Zusatz lesen Sie hier: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/warum-der-fatima-zusatz-nicht-zum-eigentlichen-rosenkranzgebet-gehort/

Lucia und die Warnungen von Pfarrer Ferreira

Diese Anrufung stammt  – wie bereits erwähnt  – aus der dritten Marienerscheinung vom 13. Juli 1917.

Die Hamedia-FZMqzvujo1V-2uptseherin Lucia wollte der himmlischen Kundgabe zunächst strikt fernbleiben, weil ihr Ortspfarrer Ferreira sehr skeptisch dachte und diese Phänomene als eine Art Trickkiste „von unten“ verdächtigte. Er dachte an die Warnung des hl. Paulus, daß der Satan auch als „Engel des Lichts“ erscheinen könne. (Der Priester blieb weiterhin bei seiner Ablehnung der Ereignisse und ließ sich später in eine andere Pfarrei versetzen.)

Dieser Vorgang wird in vielen Fatima-Büchern ausführlich geschildert; hier folgt eine relativ kurze Fassung aus der Schrift „Jacinta und Francisco“ (Verlag Maria, 1997):

„Der Pfarrer der Gemeinde, Dom Ferreira, meinte: Die Kinder könnten einer List des Teufels zum Opfer gefallen sein, vielleicht stecke dieser hinter den Erscheinungen. Deshalb entschloss sich Lucia, nicht mehr zur Cova da Iria zu gehen.

Jacinta jedoch hatte ein besseres Urteil, als sie erklärte: „Nein, das ist nicht der Teufel, er ist doch hässlich und unter der Erde in der Hölle. Und die Dame war so schön und wir haben sie ja in den Himmel aufsteigen sehen.“

Auch am Abend vor dem 13. Juli blieb Lucia bei ihrem Entschluss, am nächsten Tage nicht zur Cova da Iria zu gehen. Jacinta und Francisco aber wollten hin: „Wenn die Dame nach mir fragen sollte“, trug ihnen Lucia auf, „so sagt ihr nur, ich sei nicht gekommen, weil ich Angst habe, dass es der Teufel ist.“  – Am anderen Morgen jedoch verspürte Lucia eine unerklärliche Macht, die sie zur Cova da Iria trieb.“ (S. 24 f.)https://i1.wp.com/www.gottliebtuns.com/images/fatima_kinder_1.JPG

Dort waren mehrere tausend Menschen versammelt, Gläubige und Neugierige, während die Mutter Lucias auf den Rat des Pfarrers hin zuhause geblieben war.

FOTO: Das erste Bild der drei Fatima-Seherkinder, fotografiert am 13. Juli 1917 (dem Tag der 3. Erscheinung)

Laut dem bereits erwähnten Buch „Fatima“ ist die Erscheinung sogleich auf Lucias neuerliche Skepsis eingegangen, denn sie habe zu Beginn ihres Gespräches gesagt: „Ich bin es und ich komme vom Himmel. In der Hölle gibt es nicht diesen Glanz und soviel Licht.“ (S. 16) 

An diesem bedeutsamen Tag  – dem 13.7.1917 – wurden die sog. „drei Geheimnisse von Fatima“ geoffenbart, wobei vor allem das 3. Geheimnis jahrzehntelang für Spekulationen sorgte. Die beiden ersten Geheimnisse hat Sr. Lucia 1941 in einem Brief an ihren Bischof erstmalig enthüllt.

In dem erwähnten Büchlein heißt es auf S. 27, die Madonna habe den beiden Sehermädchen aufgetragen: „Dieses dürft ihr niemandem sagen; nur Francisco dürft ihr es sagen.“

Der neunjährige Knabe wird deshalb eigens erwähnt, weil er die Erscheinung zwar sehen konnte, aber bis zuletzt kein Wort von den Botschaften zu hören vermochte. Eine Begründung für diese Extrabehandlung des Jungen ist weder aus den Fatima-Botschaften noch aus der einschlägigen Literatur bekannt.

Felizitas Küble leitet ehrenamtlich das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Hier folgt ein Grundsatzartikel des kath. Dogmatikers Prof. Dr. Joseph Schumacher zum theologischen Stellenwert von Privatoffenbarungen in der Kirche: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/27/prof-joseph-schumacher-zur-kirchlichen-approbation-von-privatoffenbarungen/

 


Papst Franziskus stellt klar: Die Madonna erscheint nicht auf Knopfdruck

RADIO VATIKAN meldet heute:

Was ist christliche Identität?  –  Diese Frage stellte der Papst am heutigen Dienstag in seiner Morgenpredigt in der Casa Santa Marta.(…)RadioVatikan

Franziskus sprach sich in seiner Morgenmesse gegen eine „ätherische“ christliche Spiritualität und auch gegen die „moderne Gnosis“ aus.

Als Beispiel bezog er sich auf bestimmte Ausformungen des Marienglaubens.

Die Gottesmutter sei keine Botin, die an bestimmte „Seher“ zu bestimmten Tageszeiten ihre Botschaften übermittle, sagte Franziskus, ohne näher auf solche Formen privater Offenbarungen einzugehen.

Das sei jedenfalls „keine christliche Identität“, betonte er: „Das letzte Wort Gottes heißt ‚Jesus‘ und nichts darüber hinaus.“

Warnung vor Verweltlichung der Gläubigen

Neben solchen Vorstellungen der Verfügbarkeit des Religiösen könne auch die Weltlichkeit zu einer „Verwässerung“ der christlichen Identität führen, fuhr Franziskus fort:

„Und so verliert das Salz den Geschmack. Und so sehen wir christliche Gemeinden oder Christen, die sich für Christen ausgeben, aber keine Zeugen Jesu sein können. Und so rückt die (christliche) Identität weiter nach hinten und verliert sich ein wenig hinter diesem weltlichen Nominalismus, den wir jeden Tag sehen.“


Kurze theologische Antworten zum Problemfeld der sog. Privatoffenbarungen

Erscheinungen, Botschaften, Visionen, Prophezeiungen: wie soll man unterscheiden, was von Gott kommt, was nicht?

Hier folgen einige Antworten von Theologen und Mystikern auf oft gestellte Fragen:

„Man verschließe den Verstand gegen jede Offenbarung und halte sich schlicht an die Lehre der Kirche und ihren Glauben“.  – Warum sagt das der hl. Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz? mtcarmelpic1

Pater Bonifatius Günther: Dies gilt besonders für jeden Mystiker, für ihn also noch mehr als für den einfachen Gläubigen, weil für ihn größere Gefahren bestehen. Nicht seine mystischen Erlebnisse, sondern sein kindlicher und lebendiger Glaube rettet seine Seele und führt ihn zur Vollkommenheit.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig sind für falsche Mystik?

B. Günther: Auf die falsche Mystik fallen besonders gute Priester und fromme Seelen herein. Sie wissen um die außergewöhnlichen Dinge bei den Heiligen, welche von manchen Biographen zu sehr in den Vordergrund gerückt werden. Dies führt dann zur Überschätzung der mystischen Phänomene… Die Seele öffnet dadurch, daß sie nach außergewöhnlichen Dingen Verlangen trägt, dem Teufel Tür und Tor, so daß er sie mit ähnlichen Erscheinungen hintergehen kann.

Sind Privatoffenbarungen eher eine Gefahr für den Menschen?

Pater August Poulain SJ: Kommen sie nicht von Gott – der Fall ist viel häufiger und man erlangt darüber nur schwer Klarheit – so begibt man sich auf sehr gefährliche Wege. Daraus folgt, daß Offenbarungen im allgemeinen eine Gefahr für den Menschen sind. 131223-stern-von-bethlehem_b87bfae72c

Welche Autorität haben Privatoffenbarungen?

A. Poulain: Sie haben den Wert des Zeugnisses der Person, welche sie berichtet, nicht mehr und nicht weniger. Diese Person ist aber niemals unfehlbar.

Nun gibt es eine Reihe kirchlich gebilligter Privatoffenbarungen. Was bedeuten sie für uns?

A. Poulain: Die Kirche verpflichtet nie, an Privatoffenbarungen, die Heiligen zuteil wurden, zu glauben. Auch dann nicht, wenn sie dieselben bestätigt (approbiert). Durch diese ihre Bestätigung erklärt sie bloß, daß in ihnen sich nichts gegen den Glauben und die guten Sitten findet, und daß man sie ohne Gefahr, ja sogar mit Nutzen lesen kann..

Hat manchmal auch der Teufel seine Hand im Spiel?

Hl. Franz von Sales: Es kann auch der böse Feind den Verstand in Ekstase versetzen und entrücken; er kann ihm so wunderbare Einsichten geben, daß sie ihn über die menschlichen Kräfte erheben und in Schwebe halten. Er kann auch durch solche Klarheiten dem Willen eine Art eitler, weichlicher, schwächlicher und unvollkommener Liebe geben… 

Was bezweckt der böse Feind damit? Bsp-7

Hl. Franz von Sales: Er tut das, um Gott nachzuäffen, Seelen in die Irre zu führen, Schwachen Ärgernis zu geben und einen Geist des Lichtes vorzutäuschen… Sieht man also einen Menschen, der im Gebet entrückt ist, so daß er über sich hinaustritt und sich zu Gott erhebt, aber kein Gott hingegebenes, höheres Leben führt, seine weltlichen Lüste nicht überwindet, seine naturhaften Willensäußerungen und Neigungen nicht abtötet durch innerliche Güte, Einfachheit, Demut und besonders andauernde Liebe, glaube mir, dann sind diese Entrückungen sehr zweifelhaft und gefährlich.

Stimmt es, daß auch Heilige sich in ihren Offenbarungen und Visionen geirrt haben?

A. Poulain: Der hl. Vincenz Ferrer (1398-1419) predigte die letzten 21 Jahre seines Lebens, daß das Jüngste Gericht nahe bevorstehe. Er wisse das aus einer klaren Offenbarung, und zum Beweise dafür wirkte er überall Wunder. Unter vielen anderen erweckte er zu Salamanca 1412 eine Frau vom Tode, welche man gerade zum Friedhof trug, und welche dann seine Worte bestätigte. Und doch ging diese so gut beglaubigte Weissagung nicht in Erfüllung…

Woher kommt der populäre Hang zu falscher Mystik?

Sel. Kardinal Henry Newmann: Das große Übel, von dem ich spreche (der populäre Hang zu abergläubischer Wahrsagerei und Zukunftsprophezeiungen), entsteht infolge der Vernachlässigung der Heiligen Schrift… Aber große Erbauung und Segen kommt von der Lektüre der biblischen Verheißungen…Christus kennen heißt die Hl. Schrift kennen. Das ist ein Anker.

Quelle und vollständige Zitatenlese hier: http://www.vision2000.at/index/?article=154027_24

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Gehören Privatoffenbarungen zur amtlichen Verkündigung der Kirche?
 .
Guido Becker: Der öffentlichen Offenbarung, die nach der Lehre der Kirche mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist, können Privatoffenbarungen nichts neues an Glaubensinhalten hinzufügen. Privatoffenbarungen sind auch nicht Gegenstand der kirchlichen Lehrverkündigung.
Die kirchliche Anerkennung ihrer Echtheit im Einzelfall besagt nur, dass darin nichts enthalten ist, was gegen den Glauben und die Sitten verstösst. Die Kirche übernimmt, wenn sie Privatoffenbarungen anerkennt, auch nicht die Garantie für den göttlichen Ursprung derselben.
Die Zustimmung des einzelnen Gläubigen zu Privatoffenbarungen kann darum nur mit menschlich-natürlichem Glauben erfolgen und nicht mit übernatürlichem Heilsglauben.
 .
Quelle: „Theologisches“ vom Jan. 2002, S. 22 (http://www.theologisches.net/files/32_Nr.1.pdf)

Die hl. Katharina von Siena erlebte eine irrtümliche „Marienerscheinung“

Von Felizitas Küble

Zu den solidesten theologischen Standardwerken über Grundfragen der Mystik  – also der außergewöhnlichen „Gnadenerweise“   –  gehört das „Handbuch der Mystik“, das der französische Jesuitenpater August Poulain SJ verfaßte.

Das Buch wurde seinerzeit vom hl. Papst Pius X. ausdrücklich empfohlen sowie  in der quasi-amtlichenvierge_pellevoisin, jesuitischen Vatikanzeitschrift „Civilta Cattolica“ gewürdigt.

Das tiefgründige, systematisch durchdachte Werk wurde 1925 beim Herder-Verlag in deutscher Sprache herausgebracht und umfaßt 564 Seiten.

Der Autor beschäftigt sich in seinem katholischen Kompendium sehr fundiert auch mit dem Themenkreis Privatoffenbarungen / Erscheinungen.

Dabei räumt er unter Auflistung seitenlanger Beispiele ungeschminkt ein, daß auch Selige und Heilige nicht selten durch irrige Visionen getäuscht wurden.

Hierbei ist zu berücksichtigen, daß jene vorbildlichen Katholiken, die zur „Ehre der Altäre“ erhoben wurden, ohnehin keineswegs als unfehlbar zu gelten haben, geschweige sind ihre Ansichten etwa automatisch irrtumsfrei.

Noch viel weniger kann man davon ausgehen, daß bei den von diesen Personen erlebten außerordentlichen Begleiterscheinungen der Mystik immer eine göttliche Einwirkung bzw. himmlische Ursache vorhanden war.

Sogar bei solchen Visionen oder Einsprechungen, die wahrscheinlich durchaus einen übernatürlichen „Kern“ enthalten, haben sich nicht selten menschliche bzw. allzu menschliche Irrtümer eingeschlichen, weil derlei Offenbarungen auch durch individuelle Sinneseindrücke, die Besonderheiten der jeweiligen Sprache und Gefühlswelt geprägt sind.

Aus den zahlreichen Beispielen irriger Erscheinungen bei Heiligen, welche Pater Poulain offen und konkret anspricht, erwähnen wir nun ein Beispiel, das die hier behandelte Problematik anschaulich aufzeigt:

Hl. Katharina: Maria „nicht unbefleckt empfangen“

Die heilige Katharina von Siena gehört zu den bekanntesten Mystikerinnen des Mittelalter; sie wurde 1939 von der Kirche zur „Schutzpatronin Italiens“ erklärt und 1970 von Papst Paul VI. (ebenso wie die hl. Theresa von Avila) sogar zur „Kirchenlehrerin“ erhoben.

1999 hat Papst Johannes Paul II. sie (zusammen mit der hl. Brigitta von Schweden und der hl. Edith Stein) zur „Patronin Europas“ ernannt.

Diese Ehrentitel ändern jedoch nichts daran, daß Katharina von Siena zumindest eine Erscheinung für echt hielt, die aber sicherlich nicht von „oben“ stammte:

Die stigmatisierte Ordensfrau erklärte nämlich, die Gottesmutter sei ihr im Jahre 1377 erschienen und habe ihr unmißverständlich erklärt, sie sei keineswegs unbefleckt empfangen. 

Nun muß man hierzu wissen, daß jene Auskunft damals keineswegs eine allgemeine Empörung auslöste, denn das Dogma von der Immaculata  – also der makellosen Empfängnis Mariens (Bewahrung vor der Erbsünde)   – wurde erst 1854 von Papst Pius IX. verkündet.  P1020947

Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit war dieses Thema eine unentschiedene Streitfrage unter Theologen, wobei der Dominikanerorden sich an dem namhaften Kirchenlehrer Thomas von Aquin orientierte, welcher die Immaculata-These wegen seiner strikten Auslegung von der Universalität der Erbsünde ablehnte.

Stattdessen plädierte er für eine „Reinigung“ bzw. Heiligung Mariens im Mutterschoß (als sie im Leib ihrer Mutter Anna lebte). Ähnlich argumentierte bereits zuvor der große Marienverehrer und Zisterzienser-Ordensgründer Bernhard von Clairvaux.

Die Wortführer dieser theologischen Richtung nannte man „Makulisten„.

Hingegen vertraten vor allem führende Franziskaner mit zunehmendem Eifer die Auffassung von Johannes Duns Scotus, daß die selige Jungfrau Maria durch einen besonderen Gnadenakt Gottes und im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi von vornherein vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt blieb.

Die Vertreter dieser Strömung wurden als „Immakulisten“ bezeichnet.

Beide theologischen Schulen argumentierten mit biblischen und patristischen Hinweisen, hatten aber auch jeweils „ihre“ dazu passende Erscheinung. Die Immakulisten beriefen sich auf die hl. Birgitta von Schweden, der die selige Jungfrau in einer Vision bestätigt habe, sie sei die unbefleckt Empfangene.

Papst Urban VIII. wußte sich zu helfen…

Die Päpste erlaubten ausdrücklich beide gegensätzlichen Standpunkte. Urban VIII. wurde angeblich gefragt, welche der beiden heiligen Jungfrauen  – Brigitta von Schweden oder Katharina von Siena  – mit ihrer jeweiligen Marienerscheinung denn richtig liege. Er antwortete diplomatisch: Als Privatmann plädiere er für Katharina, als Papst für Brigitta…

Auch das Konzil von Trient vermied eine lehramtliche Festlegung in dieser Streitfrage. Allerdings wuchs die Zahl der bedeutenden Immakulisten beständig, auch in der Volksfrömmigkeit verstärkte sich diese Tendenz. 3068

1854 wurde sodann die Immaculata-Lehre dogmatisiert und damit der jahrhundertelange Theologenstreit endgültig entschieden.

Hätte Katharina von Siena also heute bzw. in den letzten 170 Jahren gelebt, so würde die Kirche eine solche Erscheinung sogleich als unrichtig einschätzen, zumal es sich bei der Immaculata-Lehre um ein Dogma handelt, also einen letztverbindlichen, unfehlbaren Glaubenssatz der Kirche, an dem es aus katholischer Sicht nichts zu deuteln gibt.

„Marienerscheinung“ unterstützte Dominikaner-These

Nun muß man berücksichtigen, daß die hl. Katharina von Siena dem Dominikanerorden angehörte  – und damit wohl jener theologischen Richtung nahestand, welche die Immaculata-Auffassung ablehnte.

Insofern hatte sie eine dazu passende Privatoffenbarung erhalten, die sie als Himmelsbotschaft ansah. Möglicherweise war die Erscheinung im Kern sogar „echt“, doch sie hat nicht alles korrekt aufgefaßt. Mitunter können sich übernatürliche Phänomene und menschliches Mitwirken stark durchdringen.

Seit der erwähnten Dogma-Verkündigung ist jedenfalls sonnenklar, daß sich die Heilige bezüglich ihrer Marien-Auskunft geirrt hat. Dabei ist zu beachten:

Die spezielle Schwierigkeiten besteht nicht etwa darin, daß Katharina nicht an die Immaculata glaubte (das war damals  wie gesagt kein Problem; immerhin konnte sie sich hierbei auf die namhafte Autorität des hl. Thomas berufen).

Der springende Punkt ist vielmehr, daß sie sich bezüglich ihrer Auffassung nicht etwa auf Verstandeseinsichten bzw. theologische Begründungen (welcher Art auch immer) stützte, sondern auf eine Erscheinung   –  und damit ihrer Auffassung quasi einen „himmlischen Stempel“ verleihen wollte. Zumindest wird deutlich, daß jenes Visionserlebnis von ihrem theologischen Denken und Umfeld mitgeprägt war.  023_20A

Das „Handbuch der Mystik“ erwähnte diese Causa Katharina auf S. 330 und fügt hinzu, daß bereits Benedikt XIV. (siehe Abbildung) jene Marienerscheinung kritisch beurteilt habe.

In seinem vielbeachteten Werk über die Selig- und Heiligsprechungen erwähnte der Papst hierzu die Auffassung von P. Lancicius, wonach die Heilige sich offenbar „infolge einer vorgefaßter Meinung“ selber getäuscht habe.

Der Autor, Theologe und Jesuitenpater Carlos M. Staehlin äußert sich hierzu in seinem 1954 in Spanien erschienenen Werk „Visionen, Stigmata und Offenbarungen“. Es folgt ein Zitat aus dem Skriptum der deutschen Übersetzung von Theodor Baumann SJ (S. 381 f):

„Benedikt XIV. prüfte eingehend die berühmte Vision, die der hl. Katharina von Siena im Jahre 1377 zuteil wurde. In dieser Offenbarung teilte die Muttergottes selbst mit, daß sie in ihrer Empfängnis keineswegs unbefleckt geblieben sei. Der Papst zitiert einige Autoren, die in ihrem Bemühen, den guten Ruf der Heiligen als Seherin zu wahren, nicht davor zurückschrecken, die Herausgeber dieser Visionen als Fälscher anzuklagen. Als Lösung dieses Problems bietet der Papst schließlich die Meinung von P. Lancicius dar, wonach es möglich ist, daß die Heilige sich in gutem Glauben geirrt habe und wirklich meinte, die Muttergottes wiederhole ihr in jenen Ekstasen das, was Katharina wohl öfter vorher gehört hatte.“

Pater Poulain spricht angesichts dieser Causa und weiterer Beispiele, die er anführt, auf S. 309 folgende Warnung aus:

Wenn jedoch selbst Heilige getäuscht worden sind, und die Tatsachen sich nicht leugnen lassen, da muß jeder einsehen, daß auch er nach den Regeln der Klugheit vorzugehen hat.“

Amort: „Zahlreiche Widersprüche bei Offenbarungen“

Pater Poulain zitiert zu diesem Themenkreis auf S. 319 den bedeutenden Gelehrten und Kirchenrechtler Eusebius Amort (1692  – 1775), der kritische Werke über Erscheinungen und Visionen herausgab und sich insbesondere skeptisch mit den Privatoffenbarungen der spanischen Nonne Maria von Agreda befaßte.

Amort zieht als Ergebnis seiner gründlichen Studien folgendes Fazit:

„Die Offenbarungen von Personen, deren Heiligkeit und Wissenschaft von den Doktoren und Vorstehern der Kirche approbiert (akzeptiert, gebilligt) wurden, widersprechen sich untereinander, wie jene der hl. Birgitta, der hl. Gertrud, der hl. Katharina von Siena.“

(Es gab übrigens in Bern Anfang des 16. Jahrhunderts den aufsehenerregenden „Jetzer-Prozeß„, bei dem es um betrügerische Erscheinungen ging  – und zwar zu genau demselben Thema der unbefleckten Empfängnis Mariens. Vier Dominikaner wurden infolgedessen nach einem zweijährigem, vom Vatikan selbst angestrengten Verfahren hingerichtet. Die durch jene falschen Visionen entstandene Verwirrung im Volke wirkte sich verheerend aus und begünstigte damit die dortige Ausbreitung der Reformation. Näheres hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jetzer)

Dazu muß man wissen, daß die Kirche mit einer Heiligsprechung lediglich den heroischen TUGENDGRAD der betreffenden Persönlichkeit würdigt  –  und damit aber keineswegs ihre außergewöhnlichen religiösen Erlebnisse bestätigt.Radio Vatikan Dies bringt auch Pater Poulain auf S. 326 wie folgt auf den Punkt:

„Wenn ein Diener Gottes heiliggesprochen wird, bestätigt man seine Tugenden, nicht seine  Visionen.“

Hierzu zitiert der Autor auf S. 307 erneut Papst Benedikt XIV.: „Was hat man von Offenbarungen zu halten“, so fragt er, welche durch den Vatikan approbiert (genehmigt) wurden, also von kirchlich gebilligten Erscheinungen:

„Ich antworte darauf, daß ein Akt göttlichen Glaubens ihnen gegenüber weder notwendig noch möglich ist, sondern nur ein Akt menschlichen Glaubens nach den Regeln der Klugheit, die sie uns als wahrscheinlich und fromm glaubwürdig hinstellen.“

Auf keinen Fall eignen sich Privatoffenbarungen aber dazu (und damit wären wir wieder bei der Causa Katharina von Siena), um strittige theologische Fragen zu entscheiden.

„Katholiken ist es freigestellt, an Erscheinungen zu glauben“

Hierzu zitiert Pater Poulain auf S. 307 seines Handbuchs den sachkundigen Kardinal Pitra:

„Jeder weiß, daß man ganz frei ist, an Privatoffenbarungen zu glauben oder nicht, selbst bei den allerglaubwürdigsten. Auch wenn die Kirche sie approbiert, werden sie bloß als wahrscheinlich, nicht als absolut sicher hingestellt.

Sie dürfen nicht dazu dienen, unter Gelehrten strittige Fragen der Geschichte, Physik, Philosophie oder Theologie zRadioVatikanu entscheiden. Man darf ruhig von diesen Offenbarungen abweichen, selbst von den approbierten, wenn man sich auf solide Gründe stützt.“

Hieraus ergibt sich die (theo)logische Schlußfolgerung:

Wenn ein Katholik an irgendeine „Privatoffenbarung“ eines Seligen oder Heiligen nicht glauben möchte, so ist das sein gutes Recht  – und niemand kann daraus einen berechtigten Vorwuf ableiten, zumal die Kirche es auch nicht tut.

Dasselbe Prinzip gilt allgemein für die kirchlich approbierten Erscheinungen: Das Kirchenvolk darf ihnen seine Zustimmung schenken, muß es aber nicht, denn die göttliche Offenbarung ist mit dem Tod des letzten Apostels bzw. dem Ende der apostolischen Zeit abgeschlossen.

Dies ist nicht „nur“ ein Dogma, sondern sogar ein sog. „Axiom“, also eine Denkvoraussetzung (!) für viele weitere Dogmen und Lehraussagen der Kirche.

Wegen dieses fundamentalen Prinzips sind selbst die sog. „anerkannten“  – also die kirchlich approbierten  – Erscheinungen nicht glaubensverpflichtend, sondern diese Billigung stellt lediglich eine Erlaubnis bzw. Genehmigung dar (Benedikt XVI.: „Es ist gestattet, daran zu glauben“)  –  und bedeutet keineswegs eine verbindliche Bestätigung durch das kirchliche Lehramt.  (Näheres dazu: https://charismatismus.wordpress.com/2013/10/29/was-bedeutet-die-kirchliche-approbation-einer-privatoffenbarung-genau/)

Diese kirchlichen Grundsätze zur göttlichen Offenbarung einerseits und Privatoffenbarungen andererseits sind selbst frommen Katholiken nicht immer bekannt, weshalb es nötig erscheint, sie gelegentlich einzuschärfen.

Leider sind auch die im allgemeinen zu einer gesunden Vorsicht neigenden kirchlichen Untersuchungskommissionen durchaus nicht immer kritisch genug. Welche fürchterlichen Folgen es zeitigen kann, wenn eine bischöfliche Kommission zu wenig skeptisch vorgeht, zeigt z.B. der verhängnisvolle „Fall Stella“ aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. (Bericht hierzu: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45789205.html)

Fundierte Literatur zur Vertiefung: Vorlesung des katholischen Theologen Prof. Dr. Joseph Schumacher aus Freiburg: http://www.theologie-heute.de/MystikvorlesungIEndfassung2014_2015.pdf


Warum die katholische Kirche gegenüber „Privatoffenbarungen“ vorsichtig ist

Die Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe Nr. 13/2005 eine Zeitschriftenkritik bzw. Besprechung von „Theologisches“ unter dem Titel „Offenbarung oder Täuschung?“. Theologisches

Werner Olles befaßt sich darin auch mit der grundsätzlichen Haltung der katholischen Kirche gegenüber Erscheinungen, Visionen, „Botschaften“, also sog. Privatoffenbarungen. Wir veröffentlichen nachfolgend die entsprechenden Abschnitte, die das Thema fundiert und zutreffend beleuchten:

Die (…) katholische Monatsschrift „Theologisches“ befaßt sich in einem aktuellen Sonderheft mit der Thematik „Neuere Marienerscheinungen“. Weil gerade unter traditionsverbundenen Katholiken die Tendenz, sich bestimmten Marienerscheinungen und Privatoffenbarungen zuzuwenden, stark anstieg, warnte der Kanonist (Kirchenrechtler) Hans Barion bereits zu Beginn der siebziger Jahre vor der Unart „naiver Anti-Progessisten“, sich auf das Gebiet der „Muttergotteserscheinungen abdrängen zu lassen“.

Diese spezielle Frömmigkeit sei dabei, die dringend notwendige geistige Auseinandersetzung mit der als bedrückend empfundenen Glaubenskrise zu ersetzen.

Inzwischen verschwimmen gar esoterische Themen und Thesen mit Visionen und Privatoffenbarungen und haben längst Eingang in die Verlagsprogramme einstmals gut katholischer Verlage gefunden.  media-372515-2

Und in Internetpublikationen wird nicht nur für Medjugorie und Heroldsbach, zwei kirchlicherseits nicht anerkannte Erscheinungsorte, sondern auch für Salzkristall-Lampen und ähnlichen Esoterik-Tand geworben.

Zwar besagt die grundlegende theologische Lehre, daß private Offenbarungen, marianische Erscheinungen und wunderbare Heilungen, aber auch Erscheinungen Jesu Christi und mit ihnen verbundene Zeichen möglich sind, das Grundproblem ist jedoch die Frage nach ihrer Authentizität. Massensuggestion und die Kraft des Unterbewußtseins machen es oft nicht leicht, eine wahre Erscheinung von einer Illusion oder Täuschung zu unterscheiden.

Dabei läßt sich die Kirche von dem Prinzip leiten, daß bei Privatoffenbarungen die übernatürliche Wirkung nicht vorausgesetzt werden darf, sondern nach strengen Regeln überprüft werden muß.

Bis heute sind von der (vatikanischen) Ritenkongregation nur Lourdes, La Salette, Fatima und Guadalupe als echte marianische Erscheinungen anerkannt worden.

Um jegliche Autosuggestion, Sinnestäuschung und subjektive Wahrnehmungsphänomene auszuschließen, die beispielsweise durch das Eindringen des Charismatismus in die Kirche zugenommen haben, werden inzwischen bei Privatoffenbarungen auch Psychiater und Mediziner eingeschaltet. Halluzinationen, Simulationen, Hysterie und Geltungssucht können so besser dargestellt werden, ohne sich damit verengte materialistische Denkweisen zu eigen zu machen oder vorschnell von „religiösem Wahn“ zu sprechen.

Quelle und vollständiger Text hier:  http://jungefreiheit.de/service/archiv/


Prof. Joseph Schumacher zur kirchlichen Approbation von Privatoffenbarungen

Was bedeutet die „Anerkennung“ einer Erscheinung?

Der bekannte Dogmatiker Prof. Dr. Joseph Schumacher (siehe Foto) hat sich eingehend mit der Frage befaßt, was die kirchliche „Anerkennung“  –  genauer: Approbation  –  von Marienerscheinungen bzw. Privatoffenbarungen beinhaltet und bedeutet.   Joseph-Schumacher

Der Freiburger Priester und Professor ist ordentliches Mitglied der „Pontificia Academia Theologica Romana“ und korrespondierendes Mitglied der „Internationalen Päpstlichen Akademie für Mariologie“.

Vielfach herrscht im katholischen Kirchenvolk die Meinung vor, eine Approbation sei als eine „Anerkennung“ in der Weise zu verstehen, als ob die Kirche damit ein verbindliches Glaubensgut vorlegt bzw. mittels ihrer lehramtlichen Autorität feststellt, jene Privatoffenbarung sei gewiß übernatürlichen (himmlischen) Ursprungs.

Tatsächlich ist es aber so (und dies gilt sowohl „vorkonziliar“ wie „nachkonziliar“), daß eine kirchliche Approbation den Gläubigen erlaubt, jener Erscheinung Glauben zu schenken; hinsichtlich nicht-gebilligter Privatoffenbarungen sollten Katholiken sich ohnehin zurückhalten.v

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Schumacher veröffentlichen wir nun seine Ausführungen im Kapitel „Kirchliche Approbation“ aus der theologischen Abhandlung „Privatoffenbarungen und Marienverehrung“, die in dem Sammelband „Der Widerschein des ewigen Lichtes“ bereits 1984 im Verlag Butzon & Bercker erschien:

„Weil die Unterscheidung zwischen echten und falschen Visionen und Offenbarungen im konkreten Fall äußerst schwierig ist, deshalb übt die Kirche ihnen gegenüber generell Zurückhaltung. Nur eine geringe Zahl von Privatoffenbarungen hat sie approbiert. Bei grundsätzlicher Wertschätzung solcher Phänomene verhält sie sich im konkreten Fall im allgemeinen distanziert. Camberg-Peter-Paul-DSC_0342

Zwischen 1930 und 1950 hat sie in Westeuropa allein 30 Reihen von Muttergotteserscheinungen mit insgesamt 300 Einzelerscheinungen vor kindlichen Seherinnen und Sehern untersucht.

Von den vielen Erscheinungen der letzten Jahrzehnte erhielten nur die von Banneux und Beauraing die kirchliche Anerkennung. In allen anderen Fällen erfolgte ein ablehnender oder verwerfender Bescheid, oder man nahm eine abwartende Haltung ein.

„Eher durch Leichtgläubigkeit verfehlen“

Man kann sich gegenüber visionären Vorkommnissen eher durch Leichtgläubigkeit als durch Skepsis verfehlen, besonders in unruhigen und unsicheren Zeiten. Das ist die Meinung des hl. Johannes vom Kreuz, der selbst ein hochbegnadeter Mystiker gewesen ist.

Bereits Thomas von Aquin warnt hier vor Leichtgläubigkeit, weil der christliche Glaube sonst dem Spott der Ungläubigen ausgesetzt werde. domi

In ähnlicher Weise stellt Bonaventura, der mystischen Erfahrungen durchaus nicht negativ gegenüberstand, fest:

“Der Mensch darf … nicht jedem Geiste glauben, sondern er muß (die Geister) prüfen, ob sie aus Gott sind. Wer nämlich in solchen Dingen schnell glaubt, ist leichtsinnig, und vielleicht ist er auch aufgeblasenen Sinnes, indem er sich für solche Visionen und Offenbarungen besonders geeignet hält. – Deshalb sind solche Erscheinungen mehr zu fürchten als zu erwünschen.

Es wird nämlich von einem gewissen heiligen Pater erzählt, daß er, als ihm der Teufel in der Gestalt Christi erschien, die Augen schloß und sprach, er wolle in diesem Leben Christus nicht sehen. Da verschwand der Teufel, durch solche Demut beschämt, auf der Stelle.

Andererseits wird von sehr vielen berichtet, die sich für Visionen geeignet hielten und sie begehrten, die in viele Wahnvorstellungen und Irrtümer gestürzt sind”.

Johannes Gerson  ist der Meinung, daß es kaum eine zerstörendere und ungesundere Seuche gibt als die Begierde nach Offenbarungen.

Die Zurückhaltung der Kirche gegenüber Privatoffenbarungen ist eine grundlegende Verpflichtung auch für den einzelnen Katholiken.

Daher sollen weder seine eigenen subjektiven Erlebnisse noch jene anderer für ihn eine entscheidende Norm für sein geistliches Leben sein, vielmehr soll er sich der öffentlichen Offenbarung unterwerfen und der Lehre und der Leitung der Kirche anvertrauen. Wichtiger als die Privatoffenbarungen sind das Evangelium und die Sakramente .

Gefahr von Geltungsstreben und Selbsttäuschung

Weil die Gefahr der Selbsttäuschung hier groß ist, kann die subjektive Gewißheit des Visionärs nicht an die Stelle einer eingehenden Prüfung gesetzt werden.

Zurückhaltung ist auch deswegen geboten, weil bei derartigen Phänomenen nicht selten aufdringliche Propaganda und menschliches Geltungsstreben mitspielen und weil ihnen die Tendenz zur Eskalation immanent ist. Sie arten leicht aus zu einer Leidenschaft, speziell in Zeiten des Umbruchs.

In der ganzen Kirchengeschichte hat die Kirche nicht so viele falsche Offenbarungen verwerfen müssen wie im 20. Jahrhundert.

Der ungesunden Begierde nach Offenbarungen liegt einerseits ein geschwächter Glaube zugrunde, andererseits das Streben nach immer neuen Abwechslungen. Es wird ausgesprochener Mißbrauch mit den Privatoffenbarungen getrieben, wenn man mit ihrer Hilfe historische oder topographische Fragen zu lösen versucht.

Mit ihnen kann man keine exegetischen Schwierigkeiten lösen. Sie können nicht als theologische Beweismittel Verwendung finden. Sie haben keinen Platz in der theologischen Erkenntnislehre. Sie können nicht davon dispensieren, das Denken und Leben nach den Lehren des Glaubens und mit Hilfe der Vernunft zu normieren.

Stets eine untergeordnete Stellung

Schon deshalb kann ihre Stellung im kirchlichen Leben stets nur eine untergeordnete sein. Das Heil liegt nicht in den außerordentlichen Dingen.

Nicht die visionäre Erleuchtung ist die Grundlage des christlichen Lebens, sondern der Glaube an die  –   der Kirche anvertraute   –  öffentliche Offenbarung, das depositum fidei. Nicht die Ekstase ist der Höhepunkt der Vollkommenheit, sondern die Liebe. kt2012-p1110153

Bei aller Wertschätzung der außerordentlichen Gnadengaben ist auch für Paulus die Agape wichtiger. Dieser Gedanke findet sich in immer neuen Variationen bei Johannes vom Kreuz. Das Streben des Menschen muß sich primär auf die Vereinigung mit Gott, auf die Entfaltung der Liebe richten. Dabei muß er sich in erster Linie der gewöhnlichen Gnadenordnung bedienen.

Niemals werden Privatoffenbarungen von der Kirche als Gegenstand allgemeiner Glaubenspflicht vorgelegt.

Ihre kirchliche Approbation besagt nur, daß sie nichts enthalten, was dem Glauben und der Sitte widerspricht, daß sie veröffentlicht und Gegenstand des Kultes werden können, daß ihre übernatürliche Verursachung vernünftigerweise (fide humana) angenommen werden kann und sie der Erbauung der Gläubigen dienen können.

Approbierte Erscheinungen sind nicht verpflichtend

Ihre kirchliche Billigung hat nicht die Gewißheit des göttlichen Glaubens zum Ziel, wie das bei dem depositum fidei der Fall ist, sondern nur eine Zustimmung im menschlichen Glauben, wonach sie wahrscheinlich glaubwürdig sind. media-444757-2

Die Approbation geht mehr auf die Vereinbarkeit einer Privatoffenbarung mit der öffentlichen Offenbarung als auf ihre Echtheit oder Gottgewirktheit. Sie gehört nicht in den Bereich des Lehramtes, sondern des Hirtenamtes.

Daher sind auch approbierte Privatoffenbarungen für die Gläubigen nicht verpflichtend. Die Kirche könnte sie gar nicht verpflichtend machen, selbst wenn sie es wollte, denn ihre Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf die Bewahrung und Interpretation der öffentlichen Offenbarung.

Infolgedessen sind maßvolle Kritik an den Privatoffenbarungen und ihre begründete Ablehnung möglich und durchaus mit dem Glauben zu vereinbaren, wenn sie nur mit der gebotenen Bescheidenheit, vernünftig und ohne Mißachtung vorgetragen werden.

Der einzelne hat, von Sonderfällen abgesehen, für sich das Recht, niemals von Privatoffenbarungen Gebrauch zu machen. Auch wenn sie offiziell von der Kirche approbiert worden sind, ist er nicht an sie gebunden.

Das hat letztlich seinen Grund darin, daß von außen für gewöhnlich nur ein mehr oder weniger hoher Grad von Wahrscheinlichkeit für die Echtheit einer Privatoffenbarung erreichbar ist.

Dem Außenstehenden ist der Zugang zu dem eigentlichen mystischen Kernerlebnis eines Visionärs verwehrt. Selbst für den unmittelbaren Empfänger einer Offenbarung ist hinsichtlich ihrer Echtheit oft nur schwerlich Gewißheit zu erreichen.“

HIER geht es zum vollständigen Artikel von Prof. Schumacher: Privatoffenbarungen[1]