Die Segensaktion auf der MEHR-Konferenz und das charismatische Umkehrungsprinzip

Von Felizitas Küble

Die katholische Wochenzeitung „Tagespost“ vom 11. Januar 2018 berichtet unter dem Titel „Missionarische Ökumene“ völlig unkritisch über die schwärmerische MEHR-Konferenz, die von dem katholischen Theologen Dr. Johannes Hartl geleitet und von seinem „Gebetshaus Augsburg“ organisiert wird.

Unter den 11.000 Besuchern befanden sich  – wie der Autor berichtet – auch tausende Protestanten. Hartls Aufruf „Betet für uns, damit der Aufbruch in dieser großen alten Kirche gelingt“ erscheint mir typisch für enthusiastische Bewegungen und zeugt zudem von einem ausgeprägten Sendungsbewußtsein, zumal er ausdrücklich eine „Erweckung“ des „Riesen katholische Kirche“ herbeiwünscht. Aber damit nicht genug, ruft eine protestantische Vertreterin auf der Bühne den Katholiken zu „Wir segnen euch“, wonach diese artig „in der Halle das Haupt neigen und sich segnen lassen“.

Nun setze ich mich seit Jahrzehnten für eine theologisch konservative Ökumene ein und bin mit vielen evangelischen Christen befreundet, wobei gegenseitige Segenswünsche selbstverständlich sind.

Was jedoch gezielt als tausendfache, quasi-rituelle Segenshandlung auf der MEHR-Konferenz stattfand, ist von anderem Kaliber. Hier wird nach meinem Eindruck das typisch charismatische Umkehrungsprinzip sichtbar, das die biblisch und kirchlich bewährte Ordnung auf den Kopf stellt.

Im Hebräerbrief wird der geheimnisvolle Priester-Königs Melchisedech erwähnt, der einst den Patriarchen Abraham segnete, wobei es dann heißt, daß der Höhergestellte den Segen erteilt (Hebr 7,7). Dieser Grundsatz ist auch (theo)logisch klar; er orientiert sich weniger an der persönlichen Frömmigkeit bzw. Heiligkeit der einzelnen Personen, sondern vor allem an der geistlich-amtlichen Stellung dessen, der segnet. Letztlich ist es immer Gott und damit der Höchste selbst, der den Segen spendet.

In der charismatischen Bewegung wird das biblische Prinzip, dass der Höhergestellte den Segen erteilt, fast unmerklich verdrängt und nicht selten geradezu umgedreht. Der Höhergestellte spendet dann nicht den Segen, sondern er empfängt ihn, beispielsweise Priester durch Laien bzw. Nicht-Kleriker.

Hierzu zwei Beispiele:

  1. Die irische Nonne Briege McKenna gibt seit langem ihre Exerzitien für „innere Heilung“ und dergleichen, an denen vor allem Priester teilnehmen. Auf Großveranstaltungen  – etwa bei den Priestertagen in Ars –  nahm sie über tausenden von Geistlichen eine Art „Geistausgießung“ vor.
  2. Die aus Indien stammende Ordensfrau Sr. Margaritha Valappila erteilt bei Gebetstagen in ihrem –  kirchlich nicht anerkannten  – „Haus Raphael“ auch dem jeweiligen Hausgeistlichen ihren speziellen Einzelsegen per Handauflegung. Daß diese Priester dabei bisweilen wie in Trance nach hinten umkippen, läßt den Vorgang aus meiner Sicht noch problematischer erscheinen.

Wenngleich bei der MEHR-Konferenz keine allgemeine „Geistausgießung“ über Priestern stattfand, wurde auch dort das charismatische Umkehrungsprinzip sichtbar: Protestanten segneten tausende Katholiken, die „ihr Haupt neigten“. Hier wurde zwischen den Konfessionen nicht einmal auf gleicher Augenhöhe gesegnet, es fand offenbar kein gegenseitiger Segen statt, sondern evangelische Christen spendeten katholischen Christen ihrerseits den Segen. 

Das erscheint mir objektiv sehr fragwürdig, wenngleich die wohlmeinenden Absichten der protestanischen Besucher unbestritten sind, zumal der katholische Leiter Dr. Hartl sie ausdrücklich um Gebetshilfe für einen „Aufbruch“ und eine „Erweckung“ der katholischen Kirche gebeten hatte.

„Aufbrüche“ sind natürlich immer wünschenswert, doch bei nüchterner Analyse bleibt festzuhalten, daß sich die geistliche und kirchliche Situation im evangelischen Bereich insgesamt noch unerfreulicher darstellt als katholischerseits, ob es um Austrittsdaten, Kirchgängerzahlen oder die öffentlichen Zeitgeist-Erklärungen ihrer amtlichen Vertreter und Gremien geht – siehe etwa die Zustimmung der EKD zugunsten einer „Ehe für alle“.

Diese Situation dürfte auch Dr. Hartl bekannt sein; ihm geht es aber offenbar um spezielle Erweckungs-Impulse aus dem pfingstlerisch-protestantischen Spektrum. Tatsächlich ist hier die Pfingstbewegung sozusagen die „Mutter“ (nämlich über sechzig Jahre älter), während die erst 1967 entstandene katholische „Charismatische Erneuerung“ quasi einen Ableger, eine „Tochter“ darstellt. So gesehen ergibt der Wunsch des Katholiken Hartl, von evangelischer Seite eine Gebets- und Segenshilfe für (s)einen „Aufbruch“ zu erhalten, wiederum doch einen Sinn – einen speziell charismatischen allerdings.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

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Warum viele Enthusiasten auf ihre Weise selber Teil unserer „Spaßgesellschaft“ sind

Von Felizitas Küble

Die charismatische MEHR-Konferenz und das „Gebetshaus Augsburg“, das der katholische Theologen Dr. Johannes Hartl (siehe Foto) leitet, werden allenthalben gelobt und gepriesen:

Anscheinend sind sich darin fast alle einig: von konservativen Gruppen über das eher reformerische DBK-Portal „Katholisch.de“, die kath. „Tagespost“, evangelischen Redaktionen (z.B. PRO-Medienmagazin) und erst recht seitens der erscheinungsbewegten Nachrichtenseite „Kath.net“.

Auch ARD und „Tagesschau“ berichteten mehrfach wohlwollend über die MEHR-Konferenz – Herz, was willst du MEHR…?!

Als Kritiker dieses frommen Festivals steht man somit jenseits eines Jubelchores von „links bis rechts“ – das soll mich jedoch nicht weiter stören.

Was mir aber doch verwunderlich vorkommt: Wenn dann ausgerechnet dieses enthusiastische Spektakel als Kontrast zu unserer Spaßgesellschaft gewürdigt wird.

Dabei ist MEHR gerade der „spirituelle“ Ausdruck unserer Erlebnis- und Wohlstandsgesellschaft, die eben auch in puncto Religion MEHR sucht, will, begehrt – die das tolle Feeling wünscht, sich von rockiger Lobpreismusik, gruppendynamischen Prozessen, Lichtshow-Effekten und prominenter Besetzung faszinieren läßt: https://mehrkonferenz.org/

In einem solch erlebnisorientierten Umfeld werden dann auch „konservative“ Reden und Ansprachen gerne in Kauf genommen, sicherlich teils auch an-genommen. Die Frage bleibt, was davon auf Dauer hängen-bleibt  – und was sich als emotionales Strohfeuer erweisen wird. 

Sophia Kuby schrieb voriges Jahr auf „Katholisch.de“, dem amtlichen Portal der Deutschen Bischofskonferenz, ebenfalls ein warmes Lob auf die MEHR-Konferenz: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/mal-ehrlich

Die katholische Publizistin erwähnt den spirituellen „Durst nach mehr“: „Mehr als dieses Leben, als unsere Konsum- und Spaßgesellschaft, mehr als unser nach Effizienz strebendes, aber oft sinnleeres Dasein zu bieten hat.“  – Für die Erneuerung in der Kirche sei die Hartl-Veranstaltung „ein beeindruckendes Beispiel“, erklärt Kuby ihren Lesern.

Das „Neue“ daran sei eine „kraftvolle Verkündigung, die zeigt, dass der Heilige Geist nicht alt, sondern jung, das Evangelium brandaktuell ist“.  –  Einmal abgesehen davon, daß der Heilige Geist nicht „jung“, sondern  e w i g   ist, schreibt die Verfasserin sodann, die MEHR biete noch mehr, denn sie gebe evangeliumsgemäße Antworten auf  „die innere Farb- und Geschmacklosigkeit unserer Wohlstandsgesellschaft“.

Manche Beobachtung trifft sicherlich zu, allerdings ist die MEHR  –  nur eben auf einer anderen Ebene als der üblichen  –  selber Bestandteil unserer Konsum-, Spaß und Wohlstandsgesellschaft – und nur auf den ersten Blick ein Kontrast dazu.

Mal ehrlich:

Der Glaube wird in schwärmerischen Kreisen und auch bei der MEHR vor allem als Event erlebt, Gottes „Sieg“ wird programmiert, ein Halleluja-Christentum präsentiert, in der Religion vor allem ekstatische Gefühle und Erlebnisse gesucht  –  und dabei durchaus tief in die Tasche gegriffen: Der MEHR-Eintrittspreis beträgt immerhin regulär 149 €  – Spendensammeleien während der Konferenz gibt es zusätzlich.

Natürlich kann ein solch rockiges und zugleich frommes Festival für den einen oder anderen erst einmal ein Impuls, ein Rippenstoß in Richtung Glaube sein – für manche weckt es aber dauerhaft schwarmgeistige Vorstellungen von einem religiösen Dauer-Trip, prägt eine ruhelose Suche oder gar Sucht nach enthusiastischen Erlebnissen – und das wäre durchaus ein Irrweg und kein „Aufbruch“.
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Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

In den Glauben der Kirche hineinwachsen: Kritik an These 1 von „Mission Manifest“

Kürzlich erschien im Herder-Verlag das Buch „Mission Manifest“ von Dr. Johannes Hartl (Gründer des „Gebetshauses Augsburg“), dem Zisterzienser-Pater Karl Wallner und dem kath. Schriftsteller Bernhard Meuser, das „Zehn Thesen“ enthält.

Vor allem durch die vielbeachtete MEHR-Konferenz Anfang dieses Jahres sind auch diese 10 Thesen in aller Munde, zumal der Leiter dieser charismatischen Mega-Veranstaltung, Dr. Hartl, zugleich Autor jener Thesen ist.

Der ehemalige evangelische Vikar, Publizist und katholische Konvertit Uwe C. Lay hat sich auf seinem Blog „Nachtgedanken“ mit der folgenden These 1 befaßt:

These 1: Uns bewegt die Sehnsucht, dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist ja weniger eine Institution oder Kulturform als eine Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte. Wer Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn nachfolgt, wird andere für eine leidenschaftliche Nachfolge Jesu entzünden.

Aus der Antwort Lays veröffentlichen wir einige Auszüge:

Es reicht also nicht, katholisch sozialisiert zu sein, ich muß mich zudem Jesus übergeben. Nur: wo im deutschsprachigen Raum – und für ihn sind diese 10 Thesen produziert worden  –  ereignet sich denn noch eine katholische Sozialisation?
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Das setzte ja eine in der Familie gelebte Religiösität voraus, auf die dann der Religionsunterricht aufbauen könnte. Das offenkundige Problem ist doch, daß es weitestgehend keine katholische Sozialisation mehr in den Familien gibt  – und daß dies Defizit auch in keiner Weise durch die kirchliche Jugendarbeit kompensiert wird. (Schweigen wir höflichkeitshalber über die Qualität der Jugendarbeit des BDKJ und anderer kirchlicher Träger!) 
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Aber was soll man von einer plumpen Gegenüberstellung von der Kirche als Institution mit der Vorstellung einer „Gemeinschaft mit Jesus in der Mitte“ halten?
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Christus hat die Kirche mit ihrer hierarchischen Ordnung geschaffen und erhält sie so auch. Der christliche Kultus verlangt auch eine Organisiertheit, die den Vollzug des Kultes ermöglicht, Tag für Tag, Woche für Woche.
Spontanistische Bewegungen mögen punktuell erlebnisintensiver sein als der geregelte, immer gleich währende Gottesdienst, aber das gerade macht das Wesen des religiösen Kultes aus.
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Wie aber in einer Institution geistliches Leben wachsen kann  – wie etwa die Bildung in einer Schule  –  so ist auch Mutter Kirche, ohne die niemand Gott zum Vater haben kann, eine Schule des geistlichen Wachsens – das sollte sie zumindest sein.
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Warum die Kirche das nicht mehr ist, das ist eine nicht leicht respondierbare Frage. Aber nur weil sie jetzt das, was sie zu leisten hat, eine Bildungsanstalt des christlichen Glaubens zu sein, durch die der Einzelne in den Glauben der Kirche hineingeführt wird, nicht erbringt, nun die Institution als unwesentlich zu disqualifizieren und in das Pathos des Sichentscheidens zu flüchten, hilft nicht weiter. Das Wachsen in den christlichen Glauben hinein kann keine „Entscheidung für Jesus“ ersetzen! 
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„Leidenschaftliche Nachfolge“ klingt gut, das verheißt intensives Leben. Aber ist das nicht ein Stil religiösen Lebens, das immer nur für wenige Auserwählte vorgesehen ist? Machen wir eine Probe darauf: Was, wenn jeder wie der Apostelfürst Paulus sein ganzes Leben in den Dienst Jesu Christi stellte? Leidenschaftlich, intensiv….!
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Lebten alle Christen die Nachfolge wie dieser Apostel, sich an Jesu Leben ausrichtend, das Christentum stürbe in Bälde aus, weil dann alle um des Herrn willen enthaltsam leben würden.
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BILD: Titelseite eines Buches unseres Gastautors Uwe C. Lay: „Der zensierte Gott“
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Wo aber die Leidenschaft der Nachfolge mit den Notwendigkeiten eines Familien- und Berufslebens konfrontiert wird, da muß sich das Leidenschaftliche abkühlen und das religiöse Leben wird sich in gemäßigten Temperaturen abspielen. Die radikale Nachfolge ist eben – gut katholisch  – dem Mönchsstand vorbehalten. 
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Und: Es fehlt dieser ersten These das rechte Verständnis der christlichen Religion – da entscheidet man sich nicht einfach für Jesus und lebt dann leidenschaftlich mit ihm.
Meinem individuellen Glauben geht stets der Glaube der Kirche voran  –  und wie kein Mensch sprechen könnte, gäbe es nicht eine bestimmte Sprache als System, so glaubt auch niemand individuell, wenn nicht durch sein Partizipieren am Glauben der Kirche.
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So wie es keine Privatsprache gibt, sondern nur meine individuelle Nutzung einer allgemeinen Sprache, etwa des Deutschen in meinem Falle, so kann es auch keinen reinen Privatglauben geben.
In den Glauben der Kirche kann man nur hineinwachsen  – und so lange wir auf Erden weilen, werden wir immer nur Schüler im Glauben sein können.
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Quelle und vollständiger Text hier: http://pro-theol.blogspot.de/2018/01/mission-manifest-die-zehn-thesen.html

Medjugorje und „katholische“ Charismatik am Beispiel von Sr. Margaritha Valappila

Von Felizitas Küble

In den 70er Jahren bis Anfang der 80er Jahre gingen die erscheinungsbewegte Szene und das charismatische Lager fast durchgängig getrennte Wege – und tatsächlich paßten sie sowohl theologisch wie vom „Lebensgefühl“ her kaum zusammen:

Während die Anhänger von Visionen und Marienerscheinungen meist aus dem (erz)konservativen bis traditionalisten Spektrum kamen und sich um neueste „Botschaften“ (oft waren es Panikbotschaften) und angesagte Weltuntergänge kümmerten, stammten die katholischen Charismatiker vielfach aus bildungsbürgerlichen Schichten mit liberal-konservativen Ansichten. Geleitet wurde die „Charismatische Erneuerung“ damals von Prof. H. Mühlen aus Paderborn – wobei der katholische Theologe immerhin dafür sorgte, daß allzu große Entgleisungen in seiner Bewegung sich in Grenzen hielten.

Diese Situation änderte sich ganz wesentlich Mitte der 8oer Jahre:

Medjugorje war dabei der Brückenkopf, gleichsam eine Art Schmelztiegel, der die bislang getrennten Strömungen zusammenführte: Zunehmend pilgerten nicht nur Erscheinungsbewegte dorthin, um sich die neuesten „Marienbotschaften“ anzuhören, sondern auch Leute aus dem charismatischen Lager zog es in diese von kroatischen Katholiken geprägte Pfarrei in Bosnien-Herzegowina, obgleich die Erscheinungsstätte kirchlich nicht anerkannt war und ist.

Hintergrund dieser  – auf den ersten Blick – überraschenden Annäherung, ja weitgehenden Verschmelzung zweier verschiedener Strömungen ist die Tatsache, daß die dortigen Franziskanerpatres, welche Pfarrei und „Seherkinder“ leiteten, fast alle zur charismatischen Szene gehör(t)en. 

Vicka, eine der Medjugorje-Seherinen beim Austeilen des Toronto-SegensSo fand zusammen, was im Grunde teilweise auch zusammengehört, denn es gibt neben etlichen Unterschieden durchaus geistig-spirituelle Überschneidungen in beiden Richtungen, vor allem hinsichtlich der Wundersucht und Sensationsgier. (Näheres dazu in unserer Broschüre „Botschaften des Himmels?“).

Das kleine Foto hier zeigt die „Seherin“ Vicka bei einer charismatischen Handauflegung.

Ein typisches Beispiel für diesen Zusammenklang beider Bewegungen bietet uns die charismatische und zugleich erscheinungsbewegte Nonne Sr. Margarita Valappila, die das Exerzitienhaus St. Raphael im hessischen Bad Soden-Salmünster leitet. (Das Bistum Fulda hat sich seit langem ausdrücklich von ihrer Tätigkeit distanziert; sie darf ihre Tagungsstätte daher nicht als „katholisch“ bezeichnen.)

Wo führt diese schwarmgeistig geprägte Ordensfrau im April dieses Jahres ihre Exerzitien durch? – Genau: In Medjugorje – und zwar gemeinsam mit ihrem Hausgeistlichen Manfred Huber. (Quelle: https://www.haus-raphael.de/news-einzelansicht/?tx_news_pi1%5Bnews%5D=14&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=b0792985969322cbc10e401ba45a0e90)    

In ihrem enthusiastischen und wundersüchtigen Buch „Jesus lebt heute“ berichtet sie auf S. 28 von ihren Exerzitien in Medjugorje aus dem Jahre 1999 (natürlich schildert sie dabei gleich wieder ein wundersames Ereignis, das von ihr ausging). Eingeladen hatte sie damals der in Medjugorje tätige Franziskanerpater Slavko Barbaric.

Ein Dauerbrenner bei Charismatikern ist die sog. „Innere Heilung“, welche die angeblich Geistbegabten bei belasteten Menschen bewirken. Auch hiervon schildert Valappila entsprechende Episoden in ihrem weiteren Buch „Unterwegs mit Jesus“ (siehe Foto) – zugetragen  haben sich die Vorgänge in Medjugorje (S. 115).

Zudem hielt sie dort „Exerzitien für Franzosen“ (S. 108), wobei es natürlich gleich zu einer Heilung von Nervenschmerzen kam – und die betreffende Frau   – typisch charismatisch den Hammersegen erhielt bzw.  „im Heiligen Geiste ruhte“ (in Trance nach rückwärts kippte).

Umgekehrt hielten auch Geistliche aus Medjugorje ihre Seminare im Haus Raphael ab, so daß es sich um einen beiderseitigen Austausch handelt: Auf S. 197 berichtet Valappila, daß der bekannte Pater Slavko in ihrem Haus St. Raphael seine Exerzitien durchführte.

Zugleich werben Medju-Blätter für die Tagungen von Sr. Valappila in Bad Soden – Salmünster – zB. bei den Terminen hier: https://www.medjugorje.de/files/downloads/Zeitschriften/Echo/Nr.%20313%20-%20Juli.pdf

Die Connection „Haus Raphael“ und Medju ist natürlich nicht die einzige, in der sich beide Strömungen vereinigen. Es gibt charismatische Gruppen, die sich sehr stark für Medjugorje öffneten (z.B. die Gemeinschaft der Seligpreisungen) – und zugleich erscheinungsbewegte, von Medjugorje geprägte Initiativen (z.B. Fatima-Aktion) und Verlage (Mediatrix-Verlag, Miriam-Verlag, Fe-Verlag), die zugleich charismatische Bücher verbreiten.

Dergleichen kam noch bis Anfang der 80er Jahre allenfalls bei Einzelpersonen vor, nicht jedoch bei ganzen Gruppen und Verlagen. Erst durch Medjugorje erfolgte ein allmähliches Zusammenströmen dieser Bewegungen.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Jugendverlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Zuletzt erschien bei uns dieser Erfahrungsbericht eines Seminarteilnehmers im Haus Raphael: https://charismatismus.wordpress.com/2018/01/13/merkwuerdige-erfahrungen-bei-exerzitien-von-sr-margaritha-valappila/


Merkwürdige Erfahrungen bei Exerzitien von Sr. Margaritha Valappila (Haus St. Raphael)

Erlebnisbericht eines Teilnehmers

Voller Hoffnung fuhr ich im Dezember 2017 nach Bad Soden-Salmünster, um von einer chronischen Erkrankung geheilt zu werden. Schon beim Abendessen wurde mir zusammen mit den übrigen Teilnehmern erklärt, dass im Hause St. Raphael strenges Stillschweigen einzuhalten sei, das auch während der Essenszeiten gelte. (Schweige-Exerzitien waren aber gar nicht angekündigt!).

Am folgenden Tag wurden wir Teilnehmer um 6, 20 Uhr vom Klang der Trompeten aus den Lautsprechern geweckt. Die Exerzitien umfassten neben Lobpreis (Popmusik mit geistlichen Liedern zum Mitsingen, bei denen man sich auch tanzend im Kreise drehen sollte), Messen, eucharistischer Anbetung auch jede Menge Vorträge durch Schwester Valappila, eine ständig lächelnde Mitsiebzigerin, die durch unterhaltsame Anekdoten ihre biblischen Vorträge untermalt (z.B. habe sie das Kreuz mit den Reliquien aus dem Besitz des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. von einer Dame geschenkt bekommen – Jesus spreche ständig mit ihr – sie sehe Jesus vor sich – Jesus sei anwesend etc.).

Sie empfiehlt jeden Tag, zur heiligen Messe zu gehen, auch wenn man 100 km weit fahren müsse, sowie täglich 4 bis 5 Rosenkränze zu beten. Frauen legt sie nahe, im Haus Raphael ohne Bezahlung die WC`s und die Zimmer zu putzen oder in der Küche mitzuhelfen. Selbstverständlich sind Spenden jederzeit willkommen.

Nach der „inneren Heilung“ brechen einzelne Teilnehmer in Heulkrämpfe aus; ihnen geht es ohne erfindlichen Grund sehr schlecht.

Der Höhepunkt der Exerzitien ist die Austeilung der Geisttaufe: Unter Handauflegung des Hausgeistlichen bzw. von Schwester Valappila kippen die Teilnehmer in Trance nach hinten weg.

Überraschenderweise kippt der Hausgeistliche nach Handauflegung durch Schwester Valappila ebenfalls nach hinten und bleibt am Boden liegen, wo er minutenlang zu zappeln und wie ein Verrückter zu lachen beginnt.

Diese vermeintliche Manifestation des Hl. Geistes erscheint mir doch sehr eigenartig; sie erinnert mich vielmehr an massenhypnotischen Experimente, die etwa um die Jahrhundertwende von Professor Charcot an der Pariser Salpetriere (Psychiatrie) an Kranken durchgeführt wurden.

Für jeden durchschnittlich begabten Hypnotiseur dürfte es kein Problem sein, ebendiese angeblich durch den Heiligen Geist bewirkten Phänomene hervorzurufen.

Selbstverständlich gehört auch die Beichte sowie ein Tag Fasten zum Bestandteil der Exerzitien.

Krankheit wird angeblich durch begangene Sünden auch der Vorfahren verursacht und kann nur nach vorangegangener Beichte geheilt werden. Sollte eine Heilung nicht stattfinden, so liegt es am mangelnden Glauben des Exerzitienteilnehmers.

Ferner sollte man so viele Exerzitien wie möglich bei Schwester Valappila besuchen, da man oft erst nach dem zehnten Male geheilt werde.

Mit Spannung habe ich auf die Heilungsberichte am Abschluss der Exerzitien gewartet. Diese waren leider völlig unspektakulär:

Eine schwerhörige Teilnehmerin sollte auf Wunsch von Schwester Valappila die Hörgeräte herausnehmen. Dies tat sie, worauf sich Schwester Valappila hinter sie stellte und fragte, ob sie ihre Worte verstehe. Als die Teilnehmerin bejahte, wurde sie für geheilt erklärt. Dasselbe könnte ich mit meinem schwerhörigen Vater auch tun; für geheilt würde ich ihn aber keineswegs halten, da er ohne Hörgeräte nach zwei bis drei Tagen wieder erheblich schlechter hört.

Zusammenfassend muss ich feststellen, dass es eine interessante Erfahrung war. Schwester Valappila glaubt tatsächlich, Heilung bewirken zu können, da sie ja  – eigenen Angaben zufolge  –  ständig Jesus sieht und Jesus zu ihr spricht.

Für einen erfahrenen Psychiater dürfte ihr Fall nichts Neues darstellen.

Wirklich kranken Menschen kann ich nur raten, sich schulmedizinisch behandeln zu lassen. Im Exerzitienhaus St. Raphael werden Hoffnungen geweckt, die nie erfüllt werden können. Die Enttäuschung danach ist dann umso bitterer.

Nicht ohne Grund legt die katholische Kirche, die das Haus Raphael nicht als katholisch anerkannt hat, hohe Maßstäbe an die Anerkennung von Wunderheilungen gestellt: In Lourdes z.B. werden in einem Zeitraum von zehn Jahren nur eine niedrige, einstellige Zahl von Heilungen von kranken Pilgern als Wunder anerkannt (nachdem deren medizinischen Unterlagen von zwei unabhängigen Ärztekommissionen in Lourdes und Paris jahrelang geprüft und als medizinisch nicht erklärbare Heilungen eingestuft wurden).

Der Autor dieses Berichts ist unserer Redaktion mit Name und Anschrift bekannt

WEITERE ARTIKEL zu Haus Raphael / Sr. Valappila:
Infos zum charismatischen Hammersegen („Ruhen im Geist“) mit Zitaten aus Valappila-Büchern: https://charismatismus.wordpress.com/2017/09/08/ruhen-im-geist-phaenomen-jenseits-des-verstandes-wirkt-wie-elektrischer-strom/
Kritik an einer Valappila-Ansprache: https://charismatismus.wordpress.com/2012/10/07/anmerkungen-zu-einer-ansprache-von-sr-margaritha-valappila-haus-raphael/
Zitate und Hinweise aus einem schwärmerischen Erlebnisbericht: https://charismatismus.wordpress.com/2011/07/11/wunderliches-aus-haus-raphael-in-bad-soden-salmunster/

 

 


Die MEHR-Konferenz und weitere Aktivitäten des Gebetshauses Augsburg

Kritischer Bericht von Felizitas Küble

Unter dem Titel „Charismatik auf katholisch“ erschien der folgende Artikel in der Zeitschrift THEOLOGISCHES vom August/September. Der ausführliche Beitrag hat zu vielen Diskussionen in konservativ-katholischen Kreisen geführt.  Nur für UMBRUCH (4)

So erfuhr ich z.B. von etlichen „Radio-Horeb“-Hörern, daß sie sich bei der Leitung dieses privaten katholischen Rundfunks darüber beschwerten, daß dort immer wieder charismatische Sendungen – mit oder ohne Dr. Hartl – ausgestrahlt wurden.

Mehrere kirchliche Weltanschauungsbeauftragte (Anti-Sekten-Experten) teilen meine skeptische Sichtweise. Natürlich gab und gibt es zugleich Reaktionen, welche die MEHR-Konferenz verteidigen bzw. meine Kritik überzogen finden.

Am heutigen Donnerstag, den 4. Januar 2018, beginnt wieder die jährliche MEHR-Konferenz in Augsburg, die bis kommenden Sonntag veranstaltet wird. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir hier den erwähnten Artikel aus dem „Theologischen“:

Jahr für Jahr organisiert das charismatisch-katholische, ökumenisch orientierte „Gebetshaus“ Augsburg die sogenannte MEHR-Konferenz im Januar mit tausenden von vorwiegend jugendlichen Teilnehmern, lautstarker Rock- und Popmusik sowie einem euphorischen „Lobpreis“.

Auch der recht wohlwollend gehaltene ARD-Bericht in den „Tagesthemen“ vom 8.1.2017 bezeichnete das fromme Spektakel als „Mischung aus Rock-Konzert, Festival und Gottesdienst“. (Quelle: https://www.facebook.com/tagesschau/videos/10154956887504407/?hc_ref=NEWSFEED)

Das Gebetshaus ist eigenen Angaben zufolge aus der „Katholischen Charismatischen Erneuerung“ hervorgegangen.

Das Team inkl. der Leitung besteht derzeit aus 17 katholischen und 11 evangelischen, meist freikirchlich-protestantischen Mitarbeitern. (Quelle mit Stand vom 9.4.2017: https://gebetshaus.org/about/mitarbeiter)

Zu den wichtigsten Referenten des diesjährigen Events 2017, der mit seinen rund 10.000 Teilnehmern für eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit sorgte, gehörte neben Vatikanprediger Raniero Cantalamessa der pfingstlerisch orientierte Pastor Ben Fitzgerald.

Typisch für die MEHR-Konferenz wirkt bereits ihr Motto „Holy fascination“. Nicht wenige katholische Medien von der „Tagespost“ über „Kath.net“ bis hinein ins traditionelle Lager waren des Lobes voll über diesen Mega-Kongress.

Dr. Hartls Fastenaufruf zur „Rettung Europas“

Zudem startete das Gebetshaus unter seinem Leiter, dem katholischen Theologen und Familienvater Dr. Johannes Hartl (siehe Foto) Ende Februar 2017 einen speziellen Fastenaufruf zur „Rettung Europas“ – genau genommen geht es um eine Hungerkur („Wasserfasten“).

Von einem „strategischen Fasten“ ist in seinem Appell die Rede, um die Herzen von Millionen zu bekehren.  

Allein die Ausdrucksweise läßt schon aufhorchen, stellt sich doch die Frage, wie weit solch eine „Strategie“ gegenüber Gott von einer Neigung zum magischem Denken geprägt ist. Schamanisch-heidnischen Vorstellungen ist es eigen, durch bestimmte Zeremonien, Mantras oder sonstige Worte und Handlungen die gewünschten Erfolge von den Himmelsmächten zu erzielen.

Zweifellos geht es Dr. Hartl und den Seinen nicht um Fruchtbarkeit, Regen oder Sonnenschein, gute Ernte oder bessere Jagderfolge, sondern um geistvollere Anliegen, in diesem Falle um nicht weniger als die Bekehrung eines ganzen Kontinents, weshalb er für seinen verstiegenen Zweck nicht weniger als zehntausend Fastenfreunde bzw. Hungerleider suchte.

Auf der Gebetshaus-Webseite (https://gebetshaus.org/news/40-tage-strategisches-fasten-europe-shall-be-saved) wird der Leser darüber informiert, daß Gott offenbar Großes mit Europa vorhat. Das weiß Dr. Hartl und sein Team deshalb so gut, weil man sich anno 2016 mit „Propheten, Evangelisten und Leitern großer Dienste“ getroffen hat:

„Quer durch den Leib Christi verbreitet sich Hoffnung und Menschen auf der ganzen Welt hören vom Herrn, dass dies eine besondere Zeit für Europa ist. Im letzten Jahr trafen sich Propheten, Evangelisten und Leiter großer Dienste aus der ganzen Welt, um sich über das auszutauschen, was Gott auf diesem Kontinent vorhat.“

Verheißungen „quer durch den Leib Christi“

Mit dem gewöhnungsbedürftigen Ausdruck „Quer durch den Leib Christi“ ist die konfessionsverschiedene Herkunft dieser Prophetenschar angesprochen, wobei eine solche Anschauung für einen katholischen Leiter bereits den doktrinären Rahmen sprengt, denn unter dem ecclesiologischen Begriff „Leib Christi“ versteht unsere Kirche keineswegs die ganze weite Christenheit, sondern konkret die Kirche Christi. (Daß die Gläubigen anderer Konfessionen mit ihr durch die Taufe und ggf. durch das Ehesakrament teilverbunden sind, steht auf einem anderen Blatt.)

Sodann hätte man gerne gewußt, auf welche Weise dieses Orakelteam „vom Herrn“ gehört hat, daß wir uns in einer „besonderen Zeit für Europa“ befinden. Offenbar sitzen die geistbegabten Herren – und vielleicht auch Damen – dem Allmächtigen gleichsam auf dem Schoß, zumal sie sich kenntnisreich über „das austauschen, was Gott mit diesem Kontinent vorhat“.

Befand sich die illustre Gruppe aus Evangelisten, Propheten und sonstigen Erleuchteten vielleicht gemeinsam in Ekstase? Wurde ihnen das „Wort der Erkenntnis“ geschenkt, wie es in Pfingstlerkreisen seit langem gang und gäbe ist? Warum hat der Höchste eigentlich nur mit Europa großartige Pläne, wo bleiben die anderen Kontinente?

Vermutlich erfahren wir darüber etwas beim nächsten Prophetentreffen unter Hartls Leitung.

(Sehn-)Sucht nach einem neuen Pfingsten

Immerhin erklärt er in seinem Fasten-Aufruf, warum 2017 ein so „strategisch bedeutsames Jahr“ ist, nämlich aufgrund von „500 Jahren nach der Reformation, 50 Jahren nach Beginn der Charismatischen Bewegung“ in der katholischen Kirche. Beides ein Grund zum Feiern?

Für Dr. Hartl zumindest ein Zeichen der Hoffnung:
„Wir glauben, dass dieses Jahr eine Veränderung im geistlichen Klima Europas bringen wird. Doch um diese Veränderung gilt es zu beten und zu fasten..Wir träumen von 10.000 Männern und Frauen, die im Zeitraum 1. März bis 9. April um Erweckung in Europa fasten und beten.“

Zum Thema Gebet schreibt er wie in einem Zustand höherer Eingebung: „Wie kann man konkret mitmachen? Indem man täglich die prophetische Aussage betet „Europe shall be saved!“, „Europa soll gerettet werden!“ und täglich mindestens 5 Minuten in diesem Anliegen betet.“

Hinsichtlich des Fastens ist der Meister anspruchsvoll, erwartet er doch nicht etwa – wie sonst in der katholischen Kirche üblich – lediglich die Beschränkung auf einmaliges tägliches Sattessen oder allenfalls einen Fleischverzicht einmal pro Woche.

Für die „Rettung Europas“ muß die Latte deutlich höher liegen:
„Das Fasten bedeutet hier Verzicht auf feste Nahrung. Manche wird der Herr zu einem kompletten Wasserfasten rufen (eine geistlich sehr besondere Erfahrung), manche zum Fasten bei Wasser und Saft oder Ähnlichem.“
Sollten bei einem Leser Bedenken auftreten, weiß er Trost und Rat: „Fasten ist generell gesundheitsfördernd, wenn es richtig durchgeführt wird.“

Daß im Gebetshaus Augsburg ein besonderer Draht nach oben wirksam ist, verwundert wenig. Immerhin zählt kein Geringerer als Daniel Kolenda zu den Gesinnungsfreunden.

Der evangelische Pfingstler aus den USA ist Nachfolger des extrem-charismatischen Starpredigers Reinhard Bonnke als Leiter der vor allem in Afrika aktiven Organisation „Christus für alle Nationen“ (CfaN). Bonnke bezeichnet sich aufgrund seiner angeblich enormen Missionserfolge auf Großveranstaltungen gerne als „Mähdrescher Gottes“.

Bei der „Feuer-Konferenz“, die Mitte Mai 2016 mit 2000 Teilnehmern stattfand, gehörte Kolenda ebenso zu den Rednern wie Dr. Johannes Hartl oder der ultracharismatische „Evangelist“ Todd Withe.

Zur CfaN-Connection paßt auch die vortragsreisende Pfingstlerin Monika Flach, die am 6. April 2017 im Gebetshaus Augsburg über das „Königreich Gottes“ und den „Gott aller Nationen“ sprach. (Quelle: https://gebetshaus.org/news/monika-flach-am-6-april).

„Neue Salbung für eine neue Zeit“

Die Protestantin aus Denkingen – sie leitet den Enthusiastenverein „Global Vision“ – scheint ebenfalls in die Pläne des Ewigen eingeweiht zu sein, denn sie spricht gerne euphorisch von einer künftigen weltweiten Erweckung bzw. einer „neuen Salbung für eine neue Zeit“.

Das Augsburger Gebetshaus schreibt bei der Ankündigung ihrer Rede hoffnungsfroh folgendes: 
„Wir leben in einer aufregenden Zeit. Unsere Länder werden erschüttert, aber gleichzeitig bereitet Gott uns für die Ernte zu. Es ist Zeit, dass Gebet und Mission zusammenkommen. Sind Sie dabei? Lernen Sie den Gott aller Nationen kennen und Ihr Leben bekommt Sinn und Ziel, denn er sendet Sie!“

Das Gebetshaus Augsburg hat aus der regen Beteiligung männlicher und weiblicher Pfingstprediger noch nie ein Geheimnis gemacht. Umso verwunderlicher erscheint es, wenn betont konservative Personen und Gruppen, die sonst mit einem überschäumenden Ökumenismus wenig am Hut haben und überdies Wert auf eine gediegene liturgische „Form“ legen oder direkt der überlieferten hl. Messe anhängen, Stimmung für die MEHR-Konferenz betreiben und das Gebetshaus Augsburg öffentlich loben und preisen.

Anscheinend regt nicht einmal die Tatsache zum kritischen Nachdenken an, daß im Gebetshaus Augsburg fleißig das charismatische „Ruhen im Geist“ praktiziert wird. Oder hält man dieses schwarmgeistige Phänomen ernsthaft für eine Manifestation des Heiligen Geistes? Handelt es sich bei diesem plötzlichen und tranceartigen Umkippen, wie Dr. Hartl behauptet, um eine „Kraftbezeugung Gottes“? Vermittelt dieser „Toronto-Segen“ (wie er in protestantischen Kreisen oft genannt wird) neuerdings eine besondere Gotteserfahrung?

Rückwärtskippen als Geistsendung von oben?

Wirkt unser HERR in solchen enthusiastischen Stimmungsmomenten auf ganz ungewöhnliche Weise? Zeigt er in der „Ohnmacht“ der Rückwärtskippenden seine außerordentliche „Macht“?

Daß auch in diesem Jahr auf der MEHR-Konferenz wieder dieser „um-werfende“ Charismatikersegen erteilt wurde, wird von Fan-Seite selber geschildert, so etwa unter dem bezeichnenden Motto „Viel Spass und viel Segen“: (Quelle: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2017/01/viel-spa-und-viel-segen-teil-1.html038_35)

Hierbei handelt es sich nicht nur um Ausrutscher oder Auswüchse am Rande dieser Veranstaltung, zumal Dr. Hartl selber kein Geheimnis daraus macht, wie großartig er diesen Vorgang, den man im angelsächsischen Raum passenderweise als „Slain in the Spirit“ (Erschlagenwerden im Geist) bezeichnet. Dieser Charismatikersegen ist aus der pfingstlerisch-protestantischen Bewegung seit über 100 Jahren allgemein bekannt, seit Ende der 60er Jahre auch in entsprechend gepolten katholischen Kreisen.
Was einst beim „heiligen Chaos“ geschah

Der Gebetshausleiter schreibt in seinem Buch „In meinem Herzen Feuer – Meine aufregende Reise ins Gebet“ im Kapitel „Heiliges Chaos“ (!), bei dem Fallen „im Geist“ handle es sich um eine „Kraftbezeugung Gottes“, die er bereits 1999 bei einem von ihm geleiteten Jugendwochenende beobachtet habe.

Während der üblichen lautstarken Lobpreismusik ging es dort richtig rund – und dann kam ER (gemeint ist Gott):
„Doch während des 2. Liedes kommt er. Und übernimmt die Kontrolle. Ohne dass jemand sie berührt, beginnen Einzelne, umzufallen. Bum! Die Betroffenen berichten, sie seien von der Kraft Gottes überwältigt worden. Im ganzen Raum fallen Jugendliche um und bleiben liegen. Einige liegen ganz ruhig am Boden und berichten hinterher, den Frieden und die Liebe Gottes auf tiefe Weise erfahren zu haben.
Andere beginnen laut zu weinen, weil Gott Bereiche intensiven Schmerzes in ihnen berührt. Andere lachen, weil sie Gottes Freude in sich spüren, andere haben Visionen der geistlichen Realität, einige sogar über lange Zeit hinweg.“

Dr. Hartl wird nun klar: „Jemand hat mir die Leitung aus der Hand genommen. In alledem jedoch die überwältigende Präsenz von etwas Heiligem. Von jemand Heiligem.“

Wirkt der Heilige Geist wirklich ohne oder gar gegen den Verstand und das menschliche Bewußtsein? Erleuchtet Gottes Geist nicht vielmehr unsere Erkenntnis und unsere Vernunft mit dem Licht des Glaubens? Die Gnade baut auf der Natur auf – aber Gott überwältigt sie nicht, er „wirft sie nicht um“, denn Gott ist ein Freund der menschlichen Freiheit, die ER selber uns verliehen hat. 

Als Katholiken sind wir überzeugt, daß uns durch das Sakrament der Firmung die Sieben Gaben des Heiligen Geistes geschenkt werden, wobei wir diese Gnadengaben in unserem Leben fruchtbar machen sollen. Zu den „7 Gaben“ gehören interessanterweise auch die Gabe des Verstandes und der Wissenschaft (Erkenntnis) sowie der Stärke und Weisheit.

Soll man wirklich davon ausgehen, beim quasi-ohnmächtigem Umkippen seien Verstand, Weisheit, Stärke und Wissenschaft wirksam?

Es ist in zweitausend Jahren in keinem einzigen Fall bezeugt worden, daß bei einem Sakrament, das speziell den Heiligen Geist bzw. seine Gaben vermittelt (Taufe, Firmung, Priesterweihe) jemals ein Mensch „im Geist geruht“ hat. Nun wissen wir aber im Glauben, daß bei der sakramentalen Begegnung mit Gott tatsächlich auch seine wirksame Gnaden verliehen werden. Freilich kommt es hierbei keineswegs zu charismatischen Manifestationen wie dem Toronto-Segen, „Heiligem Lachen“, „Heiligem Weinen“, Zungenreden, „Prophetengabe“ usw.

Unser Glaube beruht nicht in erster Linie auf dem Gefühl, schon gar nicht auf ekstatischen, außer Kontrolle geratenen Emotionen oder Trance-Erfahrungen ähnlich wie bei Zen oder Yoga. Auch und gerade der Heilige Geist ist ein Gott der Ordnung, Besonnenheit und Nüchternheit, der Apostel Paulus die damaligen Gemeinden in seinen Briefen häufig ermahnt.

MEHR-Konferenz 2017 mit Erweckungspredigern

Passend zu diesen schwarmgeistigen Vorgängen verlief auch die Mehr-Konferenz im Januar dieses Jahres, an welcher der protestantische Star-„Evangelist“ Ben Fitzgerald als einer der vier Hauptredner teilnahm. Auf seiner Facebook-Seite wirbt er für die „Evangelisationsschule“ des extrem-charismatischen Heilungspredigers Reinhard Bonnke. (Quelle: https://de-de.facebook.com/benfitzgeraldandJesus)

In der erscheinungsbewegten und charismatisch geprägten Nachrichtenseite „Kath.net“ berichtete deren Leiter Roland Noé – wie zu erwarten: völlig unkritisch – über den Auftritt Fitzgeralds auf der MEHR-Konferenz, der dort für eine „neue Reformation“ geworben habe, freilich nicht als eine Neuauflage der Lutherischen Glaubensspaltung, sondern im charismatischen Sinne.  

Im Kath-net-Bericht heißt es sodann: „Der Prediger aus Melbourne hatte Ende 2002 eine tiefgreifende Umkehr erfahren, zuvor war er als Drogendealer tätig.“ – Dies ist ein recht häufiger Vorgang in der Lebensgeschichte charismatischer Prominenter. Bisweilen fragt man sich, ob diese Personen ihren Enthusiasmus gleichsam „umgelenkt“ haben: vom Drogen-Trip zum „Jesus-Trip“ bzw. einem Berauschtsein vom „Hl. Geist“.

Kritischer äußerte sich die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ in einem Artikel über eine Charismatiker-Konferenz in Nürnberg, auf der Starprediger Fitzgerald sprach. Demnach hat er dort die schwarmgeistige Erweckungslehre verkündet, derzufolge es vor der Wiederkunft Christi weltweit zu einer „Rettungswelle“ komme, die Christenheit einen herrlichen Aufschwung nehme und auch Fernstehende in großer Zahl zum Glauben finden.

Während gemäßigte Pfingstprediger für solch eine „Erweckung“ beten und Vorarbeit leisten wollen, glauben ultra-charismatische Kreise, dieser wunderbare Zustand sei bereits eingetreten. Laut EZW-Bericht erklärte Fitzgerald, „Erweckung sei nicht allein das, wofür gebetet und worauf gewartet werde, vielmehr habe sie bereits begonnen.“ – Es werde eine „Welle der Errettung über ganz Europa“ kommen, „die nicht mehr verebbt“.

Ermutigung durch Vatikanprediger Cantalamessa

Der italienische Pater Raniero Cantalamessa wurde bereits von Johannes Paul II. zum „Päpstlichen Hausprediger“ ernannt und hat seit über drei Jahrzehnten dieses Amt inne. Der Kapuziner konnte sich durch sein häufiges Lob für Martin Luther und seine Auftritte in der Pfingstlerszene bei protestantischen Charismatikern ebenso beliebt machen wie durch konservativ wirkende Ansprachen bei katholischen Erneuerungsbewegten.

Der päpstliche Hausgeistliche war 2017 als prominenter Redner auf der MEHR-Konferenz mit von der Partie. Vorigen Herbst trat er auf dem – weitgehend von freikirchlichen Protestanten geprägten – Kongreß „Pfingsten 21“ in Würzburg auf, ebenso Dr. Johannes Hartl. (Quelle: http://www.pfingsten21.de/)

Dabei ging es um die „Sehnsucht nach einem neuen Pfingsten im 21. Jahrhundert“ – also die typisch charismatische Erwartung einer allgemeinen Erweckung in der Christenheit als angeblicher Vorbote für die Wiederkunft Christi (wobei vielfach übersehen wird, daß vor unserem Erlöser erst der Antichrist auf der Bildfläche erscheinen wird).

Bei seiner Karfreitagspredigt 2016 im Vatikan hatte der Kapuziner wie so oft ein Loblied auf die Reformation gesungen. Zu den verheerenden Folgen der Glaubensspaltung (darunter ein sogar von Luther selbst eingeräumter Sittenverfall oder der 30-jährige Krieg) hat sich der Prediger freilich nicht geäußert.

Wie der katholische Nachrichtendienst ZENIT berichtete, erklärte Cantalamessa, Luther habe die „Wahrheit“ über Gottes „Gerechtigkeit“ erst wieder „ans Licht gebracht“:
„Luther kommt der Verdienst zu, diese Wahrheit wieder ans Licht gebracht zu haben, nachdem die christliche Verkündigung jahrhundertelang den Sinn dafür verloren hatte. Das ist es im Wesentlichen, was die Christenheit der Reformation verdankt, deren Fünfhundertjahrfeier nun bald ansteht.“

P. Cantalamessa spielte damit auf die lutherische Rechtfertigungslehre an, wonach allein der Glaube selig und vor Gott „gerecht“ mache; die Einhaltung der göttlichen Gebote und gute Werke seien zwar erfreulich, aber nicht heilsnotwendig. Angeblich habe die Kirche in den Jahrhunderten zuvor den Sinn für Gottes wahre Gerechtigkeit verloren, bedauerte er in seiner Karfreitagspredigt. Der Reformation sei es zu „verdanken“, daß sie wieder entdeckt worden sei.

Katholisches Lehramt gegen Werkgerechtigkeit

In Wirklichkeit hat die katholische Kirche schon in der Frühzeit des Christentums jede falsche Werkgerechtigkeit oder Leistungsfrömmigkeit abgelehnt, weshalb sie der Irrlehre des Pelagius entschieden widersprach und auch die sanftere Variante des Semipelagianismus ablehnte. Der Geistliche Pelagius hatte – vereinfacht gesagt – erklärt, die Gnade Gottes sei zwar eine helfende Zugabe, aber nicht absolut notwendig, da ein nach Gerechtigkeit strebender Gläubiger die Gebote Gottes letztlich auch aus eigener Kraft einhalten könne. 

Dem hat die katholische Kirche ihre biblisch begründete Gnadenlehre entgegengesetzt, wonach Gottes Erbarmen und seine zuvorkommende Gnade den Menschen überhaupt erst zum Glauben und zur Nachfolge Christi befähigt. Die Betonung der Gnade Gottes ist folglich keine „Entdeckung Luthers“, wie Pater Cantalamessa suggeriert, sondern seit jeher katholische Lehrauffassung gewesen und geblieben; sie wurde von Thomas v. Aquin ebenso betont wie vom Trienter Konzil bestätigt.

Was der römische Hausprediger laut einer Radio-Vatikan-Meldung vom 8.4.2017 diesmal in einer Fastenpredigt für den Papst und die Kurie verkündete, ist nicht weniger verstörend für katholische Ohren. Abgesehen davon, daß er den längst als Legende widerlegte Mythos vom „Anschlag der berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg“ aufwärmt, beklagt er erneut, es sei „ein Irrweg gewesen, dass die Kirche vor allem den Wert der Werke betont“ habe.

Radio Vatikan berichtet weiter:
„Die „Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben“, die von Luther ausgegangen sei, hat nach dem Urteil von Pater Cantalamessa „zweifellos eine Steigerung in der Qualität des christlichen Lebens zur Wirkung gehabt“. Und das, obwohl sie über Jahrhunderte den „Graben zwischen Katholiken und Protestanten“ markiert habe – übrigens auch, wie er hinzufügte, den Graben zwischen Christentum und Judentum.  

Die Katholiken hätten in dieser Optik „den jüdischen Ritualismus fortgesetzt und die Protestanten die christliche Neuheit“. Katholiken hätten im Lauf der Geschichte erst lernen müssen, dass „die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben keine Erfindung des Völkerapostels (Paulus) war, sondern die zentrale Botschaft des Evangeliums“.“  (Quelle:http://de.radiovaticana.va/news/2017/04/08/wenn_luther_heute_wieder_auftreten_w%C3%BCrde_/1304353)

Man reibt sich die Augen: Während selbst Luther einräumte, daß die von ihm verkündete Rechtfertigungslehre zu seinem Leidwesen einen Verfall der guten Sitten begünstigt habe, während Bonhoeffer in diesem Kontext eindringlich vor einer „billigen Gnade“ warnte und die Notwendigkeit der „Nachfolge Christi“ erwähnte, fabuliert Cantalamessa gegenüber der (hoffentlich!) staunenden Kurie zu Rom, Luthers Sonderlehre habe „eine Steigerung in der Qualität des christlichen Lebens zur Wirkung gehabt“.

Gebote-Ethik des AT ist kein „jüdischer Ritualismus“

Die jüdische Betonung der Gebote Gottes und des mosaischen Religionsgesetzes herablassend als „jüdischen Ritualismus“ zu bezeichnen, entspricht auch nicht gerade dem aktuellen Stand des christlich-jüdischen Dialoges, ganz zu schweigen von seiner sowohl theologisch wie historisch unqualifizierten Bemerkung, Katholiken hätten damals nicht gewußt, daß die Glaubensrechtfertigung „keine Erfindung von Paulus“ gewesen sei. Mit solch flapsigen Sprüchen wird seriösen ökumenischen Bemühungen ein Bärendienst erwiesen.

2015 erklärte der päpstliche Hofprediger laut „Livenet“-Bericht auf einem evangelisch-charismatischen Kongreß sogar, er habe sich auf einer pfingstlerischen Veranstaltung in Kansas City 1977 gleichsam zum zweiten Mal „bekehrt“, als er dort die „Geistestaufe“ empfangen habe. Cantalamessa weiter: „Wir werden Busse tun über alle unsere Abspaltungen. Der Herr giesst seinen Geist in allen Kirchen aus.“

Zudem sagte er darüber: „Die Geisttaufe änderte meine Einstellung den anderen christlichen Kirchen gegenüber – nicht aufgrund von theologischen Überlegungen, sondern ganz spontan, ohne dass ich es selbst wahrgenommen hatte. Gemeinsam mit der Gabe des Geistes war die Gnade der Einheit gekommen.“ (Quelle: http://www.leiterkreis.de/file/17.Einheit%20%20Erweckung.pdf – dort auf S. 18 unten)

Endzeitschwärmerei der Charismatischen Bewegung

Zurück zur charismatischen Hoffnung auf ein „neuen Pfingsten“. Seit Jahrzehnten wollen Geistbewegte eine Zeit großartiger weltweiter Erweckung herbeireden, indem sie eine Art Neuauflage des Pfingstereignisses ankündigen. Diese Endzeitschwärmerei stimmt allerdings mit der nüchternen biblischen Prophetie nicht überein. Aber das enthusiastische Wunschdenken ist hier stärker als der Sinn für die Wirklichkeit.

In seiner vierten Vatikan-Fastenpredigt im Jahre 2009 erklärte Pater Cantalamessa diesbezüglich:
„Dieselbe Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung, die in der Schrift hinsichtlich der Person Christi zu bemerken ist, ist auch hinsichtlich der Person des Heiligen Geistes festzustellen.

Wie Jesus zunächst in der Schrift verheißen und dann im Fleisch offenbar war und schließlich in seiner endgültigen Wiederkunft erwartet wurde, so wurde auch der Geist, einst „Verheißung des Vaters“, an Pfingsten gegeben und wird jetzt erneut „mit unausdrückbarem Seufzen“ vom Menschen und von der ganzen Schöpfung erwartet und angerufen, die die Fülle seines Geschenkes erwarten, nachdem sie dessen Erstlingsfrucht gekostet haben.“

Pfingsten war also demzufolge lediglich eine „Erstlingsfrucht“ des Heiligen Geistes, mit größeren pentekostalen Ereignissen ist noch in der Zukunft zu rechnen.

Theologischer Rückgriff auf Joachim von Fiore

Cantalamessa neigt zur Vorstellung des mittelalterlichen Abtes Joachim von Fiore über die „drei Zeitalter“, was von der Kirche nie anerkannt wurde, wenngleich er seine Thesen bisweilen zu spiritualisieren versuchte. Kurz auf den Nenner gebracht beinhaltet die Drei-Reiche-Lehre: Der Alte Bund war die Epoche des Vaters, der Neue Bund ist die Epoche des Sohnes – und in der Endzeit folgt die wunderbare Epoche des Heiligen Geistes, das „Dritte Reich“ (wie einige Joachimiten bzw. franziskanischen Spiritualen es damals nannten).

Pater Cantalamessa predigte weiter:
„Was meint Jesus, wenn er den Heiligen Geist „Verheißung des Vaters“ nennt? Wo hat der Vater diese Verheißung getan? Das gesamte Alte Testament ist, so könnte man sagen, eine Verheißung des Geistes. Das Werk des Messias ist ständig so präsentiert, daß es seinen Höhepunkt in einer neuen universalen Ausgießung des Geistes Gottes auf Erden findet.

Der Vergleich mit dem, was Petrus am Pfingsttag sagt, zeigt, daß Lukas insbesondere an die Prophezeiung Joels denkt: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch“ (Apg 2,17).“

Der Kapuzinerpater bezieht sich auf folgendes Bibelwort: „Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Und eure Söhne und Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Gesichte sehen – und selbst über Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.“ (Joel 3,1 f.)

Die Joel-Prophetie und ihre angemessene Auslegung

Wie es scheint, ist diese Verheißung in der Charismatischen Bewegung erstaunlich in Erfüllung gegangen. Gibt es dort nicht zahlreiche Prophetien, Träume, Visionen, „Geistesgaben“ in Hülle und Fülle?

Eine derartige Auslegung übersieht drei Gesichtspunkte:
1. Die Ankündigung wurde durch das Pfingstereignis bereits grundlegend erfüllt. Petrus selber verweist auf die Verheißung in Joel 3 zur Erklärung des Geistausgießung in Jerusalem (vgl. Apg 2,16 f). 
2. Eine mögliche „Voll-Erfüllung“ dieser Prophetie bezieht sich am ehesten noch auf die endzeitliche Bekehrung Israels, die Paulus hinsichtlich der Wiederkunft Christi ankündigt (Röm 11,12 und 11,26). – Auch im Alten Testament wird dies angedeutet: „Aber über das Haus Davids und über die Bewohner von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10).
3. Daß es sich bei der Vollendung der verheißenen Geistausgießung wohl um ein Phänomen der Endzeit handelt, geht auch aus Joel 3 selber hervor, wenn es dort heißt, daß dies geschieht, „bevor der Tag des Herrn kommt“ (Joel 3,4) und daß Gott dann das „Schicksal Judas und Jerusalems wenden wird“ (Joel 3,4).

Mit der Charismatischen Bewegung jedenfalls hat dieser biblische Kontext nichts zu tun. Es war immer schon ein Kennzeichen schwarmgeistiger bzw. häretischer Strömungen, einzelne Schriftworte aus ihrem Zusammenhang zu reißen, sie zu verabsolutieren und ihnen eine eigenwillige Deutung unterzuschieben.

Ekstatisches Pfingstlertum pur: Heidi Baker

Die 56-jährige Dr. Heidi Baker, geboren in Südkalifornien, lebt seit einigen Jahren mit ihrem Mann Rolland in Mosambik, wo sie Evangelisation und Sozialarbeit betreiben. Das Ehepaar gehört zu den weltweit bekanntesten Gestalten der protestantisch-pfingstlerischen Bewegung. 

Anfang Januar 2016 war sie der „heimliche Stargast“ auf der MEHR-Konferenz in Augsburg, wie das christliche Internet-Medienmagazin PRO unter dem bezeichnenden Titel „Deutschland braucht meeeeeeeeehr von Jesus“ schreibt.

Es heißt in diesem Artikel, der insgesamt durchaus positiv über diesen Mega-Kongreß berichtet, weiter:
„Am zweiten Tag der Konferenz ist die Halle bis auf den letzten Platz gefüllt mit Menschen, die neugierig sind auf die amerikanische Missionarin, die in Mosambik Waisenkinder beherbergt. Wer auf YouTube nach ihren Predigten sucht, findet Auftritte, bei denen sie weinend, singend und in Sprachen betend auf dem Boden liegt oder kniet.

Bei einem Auftritt – Predigt kann man es schwerlich nennen – in der kalifornischen Bethel-Kirche liegen Jugendliche um sie herum. Heidi Baker kriecht durch die Reihen, legt ihnen die Hände auf den Kopf und ruft Worte wie „Feuer“. Die Betenden reagieren mit Schreien, Weinen und Zucken.“

Die Webzeitschrift erwähnt danach den „extrem-charismatischen Dunstkreis“ um die Theologin und Afrika-Missionarin Baker.  

Sollen wir Gott eindringlich-beschwörend herbeizitieren? Auf der MEHR-Konferenz rief Baker vor tausenden Zuschauern den dreieinigen Gott in einer erregten Weise herbei, als würde es sich gleichsam um ein Schamanen-Ritual handeln:

„In Augsburg beginnt die dynamische 56-Jährige mit einer Art Meditation. „Komm, Jesus, komm“, ruft sie in einem Singsang, den das Publikum erwidert. Etwa eine Viertelstunde werden auf diese Weise die drei Personen der Dreieinigkeit herbeigerufen. „Gib mir Feuer, Herr, dass die Welt mich brennen sieht“, ruft Baker.“
Was hier auffällt, ist zum einen die aufdringliche Art, Gott gleichsam herbeizurufen (statt ihn im Gebet darum zu b i t t e n ), zum anderen eine egozentrische „Frömmigkeit“, die sich darin zeigt, daß Frau Baker wünscht, die „Welt“ (!) möge sie (!) „brennen“ sehen.

Die Starpredigerin wirkte aber durchaus eindrucksvoll und dynamisch auf die religiös-begeisterte Menge, was natürlich Massensuggestionen erleichtert.
(Hier geht es zu ihrem Auftritt auf der MEHR-Konferenz: https://www.youtube.com/watch?v=_nvowdTI8zI)

„Bekehrung“ durch Umkippen in Trance

In der evangelischen Pfingstler-Zeitschrift „Charisma“ (Nr. 117/2001) heißt es unter dem Titel „Unser Auftrag ist Liebe“ über Heidi Baker, daß sie mit einer schweren Lungenentzündung 1996 in die extrem-pfingstlerische Airport-Gemeinde nach Toronto kam, wobei sie das „Ruhen im Geist“ erlebte, also trance-artig rückwärts zu Boden fiel.

Angeblich handelt es sich hierbei um ein vom Hl. Geist bewirktes Phänomen, das in diesen Kreisen häufig vorkommt und oftmals die „Bekehrung“ zum vermeintlichen Pfingstgeist einleitet. Das Charisma-Magazin berichtet hierzu: „Dort erlebte sie zum ersten Mal, dass die Kraft des Heiligen Geistes sie so stark berührte, dass sie zu Boden fiel.“ – Zwei Jahre später reiste sie mit ihrem Mann Rolland erneut nach Toronto: „Wieder fiel die Kraft Gottes auf Heidi“, heißt es in dem Beitrag.

Aber nicht nur das, denn die vermeintliche „Kraft Gottes“ hatte Frau Baker eine ganze Woche lang buchstäblich lahm gelegt:
„Jeden Tag verbrachte Heidi während dieser Konferenz auf dem Boden, außerstande, sich zu bewegen. Sie spürte, wie ihr ganzer Körper von der Kraft Gottes durchströmt wurde und sie unfähig war, aus eigener Kraft etwas zu tun. Das ging sieben Tage lang so.“

Später wirkte der Heilige Geist in Toronto erneut „wieder mächtig an Heidi“, wobei sie von ihm folgende Eingebung erhalten haben will: „Du wirst sehen, dass Tote auferstehen, Blinde sehen und Wunder und Heilungen geschehen.“

Zeichen, Wunder und Heilungen sind der Schwärmer liebstes Kind – und ohnehin die begehrtesten Zauberworte in der Charismatikerszene.

In dem Artikel heißt es vollmundig weiter, Heidi habe in drei Jahren eine halbe Million Menschen zum Glauben geführt. Angenommen, die Zahl würde zutreffen – welcher „Glaube“ mag das wohl sein?

„Gebetsheiler“ Dr. Arne Elsen mit „Draht nach oben“

„Leidenschaftlich, explosiv und voller Möglichkeiten, einem faszinierenden Gott zu begegnen!“ – Mit diesen Worten wurde die MEHR-Konferenz vom Januar 2014 auf der Webseite des Gebetshauses Augsburg vollmundig angepriesen.

Zu den prominenten Rednern zählte damals Dr. Arne Elsen aus Hamburg, der sich zu einem stundenlangen enthusiastischen Vortrag aufschwang. Er ist eng verbunden mit dem charismatischen Verein „Glaube und Heilung“, der ebenfalls in der Hansestadt ansässig ist. Der 1961 geborene Arne Elsen ist Mediziner im Fachbereich Diabetik und leitet ein entsprechendes Zentrum in Hamburg.

Seine Rede, die mitunter von seiner „spontan“ auftretenden „Zungenrede“ begleitet war (ohne daß eine Auslegung der vermeintlichen „Sprachengabe“ erfolgte), wurde vom Livestream der MEHR-Konferenz direkt übertragen und danach auf youtube präsentiert.

In der Ankündigung der Veranstalter heißt es über ihn, er habe „hunderte“ von „Heilungen“ erlebt, die von Gott bewirkt worden seien. Entsprechend gestaltete sich auch der Auftritt Elsens, der ständig von den – durch seine Gebete bewirkten – Heilungen erzählte, wobei vom Kopfschmerz über Gehirntumor bis zum Rheuma kaum ein Leiden unerwähnt blieb, das durch seinen gesegneten bzw. gesalbten „heißen Draht nach oben“ verschwunden sei.

Während der „normale Christ“ bemüht ist, den Willen des Höchsten anhand der göttlichen Gebote sowie durch Vernunft und „gesunden Hausverstand“ zu erkennen, dabei sicherlich auch auf die „Sieben Gaben des Heiligen Geistes“ vertrauen, läuft das bei Dr. Elsen auf viel direkterem Wege.

In seiner Rede zitierte er mehrfach wörtliche Einsprechungen des Allmächtigen, der offenbar einen recht hemdsärmeligen Kontakt mit ihm pflegt, z.B.: „Der HERR sagte: „Arne, ich möchte, daß Du…“ (dies oder jenes unternimmst etc.). Er kündigte eine Vortragstour durch Deutschland an: „Der HERR sagte, es werde eine Offenbarung des Geistes geben!“ – Sodann erfolgte erneut die Kundgabe, es werde ein „neues Wirken des Heiligen Geistes entstehen“.

Das Thema der Elsen-Ansprache lautete „Gott heilt auch heute noch!“ und brachte damit Programm und Erwartungshaltung charismatischer Frömmigkeit auf den Punkt. Dabei berichtete er von der schweren Erkrankung seines einst dreijährigen Sohnes, für den er lange gebetet und dabei „Jesu Sieg proklamiert“ habe: „Die Krankheit muß weichen! Du hast uns Gesundheit verheißen!“

Dieser drängende Stil ist kennzeichnend für charismatisches „Beten“, das Gott gleichsam vorschreibt, wie er zu reagieren und zu handeln hat.
Dies wird gerne mit wohlklingenden Worten umnebelt („Den Sieg Jesu proklamieren“), so daß die Anmaßung wie eine fromme Tugend erscheint. Dazu paßt auch die ständige Ausrufung „Halleluja“, welche die Ansprache Elsens von A bis Z durchzog.

Dabei wurden auch Tendenzen eines charismatischen „Wohlstandsevangeliums“ sichtbar, wenn Elsen etwa erklärte, daß es „uns so gut geht“, sei eine Auswirkung des Heiligen Geistes.

Fixierung auf „Lobpreis“ verdrängt sittliches Ethos

Typisch schwärmerisch auch die einseitige Konzentration auf den sog. „Lobpreis“, der möglichst oft und unentwegt vollbracht werden solle. Die sittlichen Gebote des Christentums scheinen weniger zu interessieren; vielmehr stehen „Zeichen und „Wunder“, Heilungen, besondere „Geistesgaben“ und sog. übernatürliche „Salbungen“ im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Zu seiner Schmalspur-Theologie paßt es, daß Elsen rundweg erklärte: „Gott ist kein strenger, strafender, sondern ein liebender Gott“ – so ganz der Kuschelgott von heute.

In der Heiligen Schrift werden theologische Zusammenhänge anders erkennbar, zB. in folgenden Worten Christi (Mt 7,21 ff):
„Nicht jeder, der HERR, HERR zu mir sagt, wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters erfüllt. Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: HERR, HERR, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunderwerke getan? – Und dann werde ich ihnen sagen: Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter!“

Nach einem öffentlichen „Übergabe-Gebet“, das Dr. Elsen vorsagte und das die Konferenz-Teilnehmer Wort für Wort nachsprechen sollten, rief er in die Runde: „Applaus für Jesus! – Halleluja!“ – Als ob der göttliche Erlöser auf solch banalen Beifall und Theaterdonner angewiesen wäre. In seinen Kurzgebeten am Ende der Predigt wurde Gott u. a. dafür gedankt, „daß Du jeden hier berührst“, „daß Du uns einen großen Sprung nach vorne schenkst“, „daß Du jetzt so eingreifst“, „daß Du Gesundheit wiederherstellst“, „daß wir uns die Butter nicht vom Brot nehmen lassen“.

Daß sich charismatische „Starprediger“ ungern die Butter vom Brot nehmen lassen, ist allerdings bekannt.

US-Charismatiker Bob Fraser bietet „sieghaften“ Glauben

Zur MEHR-Konferenz des Jahres 2014 erschien der Leiter einer Initiative namens „Joseph International“, Bob (Robert) Fraser, in Augsburg. Er war dort bereits ein Jahr zuvor als umjubelter Gastredner präsent.
Seine Internetseite (http://josephinternational.org/) bietet eine pfingstlerische Version der evangelischen Rechtfertigungslehre und eine „Geisttaufe“ samt einer sog. „Versiegelung“ für den „Tag der Erlösung“, was immer das sein mag. Obwohl die Heilige Schrift anderes lehrt, verkündet Bob Fraser eine absolute Heilsgewißheit für alle Christen: „We believe that when Christians die, they pass immediately into the blessed presence of Christ.“  

Es wird demzufolge behauptet, alle Christen würden nach ihrem Tod mit der Gegenwart Christi gesegnet, also in den Himmel kommen. Weiter heißt es, Taufe und Abendmahl seien zwar als Anordnungen der Kirche „zu beachten“, aber sie seien „kein Mittel des Heils“. – Somit wird die Heilsnotwendigkeit der Taufe bestritten.

Typisch schwarmgeistig ist die Erwartung glorreicher Zeiten für die gläubige Schar. Die Kirche werde noch „in großer Macht zum Sieg gelangen“. Die Endzeit bringe eine gewaltige „Ernte von Seelen“ und die Ausbreitung einer „siegreichen“ Kirche; diese werde eine „beispiellose Einheit, Reinheit und Macht des Heiligen Geistes erleben“ etc.

Bezeichnend für die überwiegend von Frauen geprägte Pfingstbewegung ist auch die folgende Aussage: „We believe that women, no less than men, are called and gifted to proclaim the gospel and do all the works of the kingdom.“

Obwohl Christus in den Kreis der 12 Apostel keine Frauen berufen hat, schreibt Fraser, daß Frauen nicht weniger als Männer dazu berufen seien, das Evangelium zu verkünden und in allen Tätigkeiten des Reiches Gottes zu wirken – in „allen“? 

Natürlich sollen auch Frauen ebenso laienmissionarisch tätig sein wie Männer, zumal Frauen zur Jüngerschar Jesu und zum Mitarbeiterkreis des Völkermissionars Paulus gehörten. Doch die apostolische Sukzession bzw. die Priesterweihe ist laut biblischem Befund allein Männern vorbehalten. Es gab auch im Alten Bund keine Priesterinnen, aber große, vorbildliche Frauen, darunter Prophetinnen (z.B. Miriam, Hannah, Deborah) und tapfere Rettergestalten wie Judith oder Ester.

Die Auflistung der erwähnten, teils sogar extrem-pfingstlerischen Redner auf den MEHR-Konferenzen, aber auch die von Dr. Hartl selbst erzählte Geschichte seiner Hinführung zur Charismatik sowie die gesamte Programmatik des Gebetshauses Augsburg sollte zu nüchterner Skepsis veranlassen.

Dies gilt besonders für katholische Amtsträger, die dazu berufen und verpflichtet sind, das Kirchenvolk vor theologischen und spirituellen Gefährdungen zu warnen, wozu nicht zuletzt der „Schwarmgeist“ gehört, der sich gerne in den Mantel der Frömmigkeit hüllt und daher für unerfahrene Gläubige nicht immer leicht zu durchschauen ist.

Die Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Jugendverlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt. –  Mail-Kontakt: felizitas.kueble@web.de


Die erste „Marienerscheinung“ des Sehers Mario D´Ignazio am 5.8.2009 in Brindisi

Von Felizitas Küble

Seit einigen Jahren zieht ein angeblich begnadeter Visionär und „Stigmatisierter“ aus dem süditalienischen Brindisi auch in Deutschland von Stadt zu Stadt und hält Gebetstage ab, in denen er sogar „Live-Erscheinungen“ der Madonna präsentiert.

Wir haben uns bereits vor über zwei Jahren im CHRISTLICHEN FORUM skeptisch dazu geäußert.

Nachdem wir kürzlich erfuhren, daß der zuständige Erzbischof und die vatikanische Glaubenskongregation die „Privatoffenbarungen“ dieses Sehers Mario D´Ignazio (siehe Foto) entschieden ablehnen und er aus der kirchlichen Sakramentengemeinschaft per Interdikt ausgeschlossen wurde, haben wir die entsprechenden Dokumente veröffentlicht (bitte herunterscrollen): https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/mario-aus-brindisi-italien/

Nun wird bekanntlich jedes Hemd mit dem ersten Knopf zugemacht – und wenn schon zu Beginn etwas schief läuft, muß man sich über die weitere Fehlentwicklung nicht wundern.

So ging es auch bei diesem Visionär vonstatten, dessen erste „Marienerscheinung“ vom 5. August 2009 bereits eine Menge kritischer Fragen aufwirft.

Diese „übernatürliche“ Ersterfahrung des jungen Mannes, der –  dem Vernehmen nach –  einst Geistlicher werden wollte, wird auf der Werbe-Seite der Brindisi-Bewegten ausführlich geschildert: https://brindisi-marienerscheinungen.jimdo.com/

Jene erste Marienerscheinung beginnt nach einem Bericht Marios folgendermaßen:

„Während ich beim Haus Unkraut jätete, sah ich drei Lichtkugeln, die um einen Ölbaum in der Nähe wirbelten. Ich war von diesem Phänomen angezogen und ging näher hin. Ich sah, dass die drei Kugeln sich in einer einzigen leuchtenden Kugel vereinigten. Kurz darauf zerplatzte sie und erleuchtete dabei den Ölbaum, und in dem unermesslich hellen Licht erschien eine sehr schöne Frau, die nicht auf dem Boden, sondern auf einer Wolke stand.“

Das Phänomen der Lichtkugeln ist nicht gerade neu; es gab diese ähnlich bereits in Heroldsbach (kirchlich abgelehnt) oder auch in La Salette (nur der 1. Teil davon ist anerkannt).  

Sodann fordert ihn die angebliche Madonna auf:

„Tu Buße und bete für die Bekehrung der Sünder, um die schweren Gotteslästerungen vieler Menschen zu sühnen und bete für den Frieden in der sehr bedrohten Welt…Mein Kind, in Zukunft wirst du mein Sprachrohr und mein Vertrauter sein.“

Es ist zwar richtig, daß wir für die „Bekehrung der Sünder“ beten sollen (hierbei aber nicht vergessend, daß wir selber  – die Frommen im Lande – ebenfalls Sünder sind!)  –  doch die eigentliche Sühne für die Sünden hat unser göttliche Erlöser selbst durch sein Leben, Leiden und Sterben auf sich genommen. Wir können uns als Geschöpfe lediglich in einer „un-eigentlichen“, also indirekten Weise an einer „Entsühnung“ beteiligen. 

Problematisch erscheint zudem die anschmiegsame Vertraulichkeit dieses Marienphänomens, die den erwachsenen Seher als „Mein Kind“ anspricht und ihn als „mein Sprachrohr“ und „mein Vertrauter“ (!) würdigt. Ob dies zur Bescheidenheit und Besonnenheit eines „Begnadeten“ beiträgt, darf bezweifelt werden. 

Dann kommt das in solchen Fällen oftmals übliche Lamento über die böse Verfolgung, die dem Auserwählten des Himmels zuteil werde, wobei die Kritiker natürlich von vornherein des Teufels sind:

„Die Gefolgsleute der Schlange werden sich gegen dich richten und sie werden dich verfolgen, aber sie werden damit keinen Erfolg haben, weil mein Sohn und ich dich immer in unseren Herzen behüten werden.“

Typisch ist auch das anpreisende Reden von einer „neuen Menschheit“, ja sogar von einer „großen geistlichen Renaissance auf der Erde“, die zu erwarten sei. Biblisch betrachtet ist das wohlklingender Unfug, denn die Heilige Schrift spricht von wachsendem Glaubensabfall und Verwirrung – und nirgendwo von einer künftigen großen christlichen Erneuerung auf dem Erdenrund.

Ebenfalls bezeichnend ist die Geheimniskrämerei, die der „Himmel“ mit seinen erwählten Sühneseelen betreibt: „Mein Kind, was ich dir jetzt sage, soll ein Geheimnis bleiben, das du nie jemanden enthüllen darfst.“

Während in anderen Fällen (z.B. La Salette, Fatima, Medjugorje) das Rätselraten wenigstens irgendwann ein Ende nahm oder dies zumindest in Aussicht gestellt wird (Medju), darf Seher Mario sein Geheimnis „nie“ enthüllen – und zwar niemandem. Als ob wahre Gottesmutter einen solchen Kinderzauber vornehmen würde!

Sodann proklamiert das Erscheinungsphantom einen heiligen Ölbaum im sogenannten „gesegneten Garten Mariens“, einem parkähnlichen Gelände des Visionärs:

„Ich trage dir auf, an diesem heiligen Ort die Gläubigen aufzunehmen, die in besonderer Weise an jedem Freitag kommen werden, dem Tag, an dem ich möchte, dass man den Rosenkranz zu Füßen dieses Ölbaumes betet, den ich heute für geheiligt erkläre…Dieser Ort, ein gesegneter Garten meines göttlichen Sohnes Jesus, wird meine Bleibe auf Erden sein, und die Menschen, die hierher kommen, werden Gnade und Trost erfahren.“

Der geheiligte Ölbaum im gesegneten Garten des Herrn Mario war dann auch die künftige Stätte weiterer Erscheinungen – aber nicht nur das: „Maria“ erklärt gar, hier werde ihre „Bleibe auf Erden“ sein, als ob sie sich dauerhaft auf Marios Gelände niederlassen wolle.

Damit nicht genug, erklärt die vermeintliche Himmelsmutter sogar:Diese Erscheinung wird die Erscheinung der Erscheinungen sein.“

Das läßt sich gewiß nicht mehr steigern – und man braucht sich nicht wundern, daß der Abschied der visionären Dame von ihrem gesegneten Mario sich auch in direkten Zärtlichkeiten ausdrückt:

„Bevor sie mit ihrem ganzen unendlichen Licht verschwand, umarmte sie mich zärtlich und ich empfand großen Frieden und heitere Gelassenheit.“