Meine Erfahrungen bei der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ in Warstein

Von „Laienbeichte“ bis Zungenreden war alles dabei

Als ich mich noch in meiner charismatischen Phase befand  – sie dauerte von 1996 bis 2002  – bin ich einmal pro Monat zur katholischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ nach Warstein gefahren. Viele Besucher kamen jeden Samstag, was ich aber meiner Familie nicht zumuten wollte.

In Warstein gab es eine Niederlassung dieser „neuen geistlichen Gemeinschaft“ in einem klosterähnlichen alten Gebäude. Die Kommunität bestand aus ehelosen Brüdern und Schwestern sowie aus Familien. (Der Vatikan hat später dieses „gemischte“ Gemeinschaftsleben verboten, nachdem führende Personen des Werkes sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatten.)

Zu den Treffen am frühen Samstagabend kamen meistens ungefähr 50 bis 60 Personen in die Hauskapelle. Es begann mit Lobpreisliedern, die vor allem junge Leute anziehen, zumal diese Musik starke Elemente von Pop und Rock enthält. Ich weiß aus Erfahrung und auch durch Beobachtung bei anderen Gläubigen, dass der Lobpreis so eine Art „Türöffner“ ist, ein geschicktes Lockmittel für das Hineinwachsen in die charismatische Szene. Er kommt nicht nur bei Gottesdiensten und Festivals zum Einsatz, sondern auch ständig bei Wallfahrten  – und das teils schon morgens kurz nach 6 Uhr.

Außerdem erlebten wir in Warstein regelmäßig Zungenreden und Zungensingen, weniger von den Besuchern, vor allem von den führenden Mitgliedern der Seligpreisungen. Einerseits konnte ich mit diesem unverständlichen Lallen (das auch keiner ausgelegt oder erklärt hat) nichts anfangen, fand es aber als neue Erfahrung doch interessant, wobei ich selber diese damals begehrenswerte „Geistesgabe“ nie erhielt (was mir im nachhinein nur recht ist). Nach der Feier gab es manchmal noch Tänze aus Israel für Interessierte.

Die Predigten, die ich dort hörte, zeigten viel Gefühl, waren aber theologisch nicht gerade gehaltvoll. Es wurde zudem viel von Medjugorje und den „Marienerscheinungen“ geredet und geschwärmt, Wallfahrten nach dorthin organisiert, wobei ich zweimal selber dabei war (mich aber inzwischen davon völlig entfernt habe und die „Botschaften“ für banal bis irrig halte).

Bei den Seligpreisungen wurde der jeweilige Hausleiter als „Hirte“ bezeichnet. In Warstein war es ein verheirateter Diakon namens Karl.

Dieser gab vor, Einsprechungen von oben zu erhalten, ein „Wort der Erkenntnis“ für die Situation einzelner Gläubiger. Während der Lobpreis-Andachten sagte er z.B.: „Jemand mit Rückenschmerzen ist jetzt geheilt“ oder „Unter uns ist gerade jemand von seiner Drogensucht frei geworden“ usw. Man wußte zwar nicht, ob es stimmte (weil sich keine Leute meldeten), glaubte aber wohl „irgendwie“ daran.

Zu den Treffen kamen deutlich mehr Frauen als Männer, die Altersgruppen waren jedoch gemischt. Das Leitungsteam der Lobpreisfeier war teils ledig, teils verheiratet.

Was ich im nachhinein auch skeptisch sehe, sind die „Problemgespräche“, fast so etwas wie eine Laienbeichte, die dort regelmäßig stattfand.

Es wurde gesagt, auch als Christen hätten wir ja so unsere Sorgen und Schwierigkeiten und das Bedürfnis, uns auszusprechen und Fürbitte durch Glaubensgeschwister zu erhalten, die Trost und Segen spenden.

Das lief so ab, daß man nach vorne kam, dort standen acht Mitglieder der Seligpreisungen parat. Zwei von denen umringten dann einen Besucher beim Seelsorgsgespräch, sie nahmen ihn oft in den Arm. Wenn vier Gäste damit fertig waren, kamen die  nächsten vier an die Reihe usw.

Fast alle Teilnehmer gingen nach vorne, auch ich machte dabei mit. Im nachhinein denke ich mir, dass zwei Gründe ausschlaggebend waren: Erstens fast so etwas wie eine Gruppendynamik, ein indirekter Sog durch die anderen, man wollte „dazugehören“, sich gemeinschaftsfähig und offenherzig zeigen, sich nicht ausgrenzen, kein „Spielverderber“ sein.

Zweitens war das Angebot des Fürbittgebetes verlockend, auch die Chance, einige Sorgen „loswerden“ zu können, vielleicht auch familiäre Schwierigkeiten und Konflikte aller Art auszusprechen. Das konnte psychologisch entlastend wirken. Zudem suchte man gerade bei solchen Problemen „Trost“ durch diese Gemeinschaft, auch eine Bestätigung, auf dem richtigen (charismatischen) Weg zu sein, zumal wenn man damit zuhause auf wenig Gegenliebe stieß.

Ich sehe heute im Rückblick zwei Kehrseiten dieser Problemgespräche: Auch wenn es dort zusätzlich die Möglichkeit gab, das Bußsakrament zu empfangen, so war diese „Laienbeichte“ doch ganz klar der einfachere Weg. Ich denke, daß viele dann die Beichte – zumindest die Andachtsbeichte   – vernachlässigt haben, auch weil sie sich sagten: Es wurde ja von diesen „Ordensleuten“ oder dem Diakon für mich gebetet, sie gaben mir ihren Segen etc.

Zu dieser schleichenden Verdrängung der Beichte kam eine weitere „Grauzone“:

Die Seligpreisungs-Gemeinschaft erhielt durch diese Gespräche einen Einblick in das Seelenleben der Neulinge oder sonstiger Teilnehmer; sie konnten also leicht „sortieren“, wer wohl dauerhaft zu ihnen passen könnte oder nicht, wie die psychische, gesundheitliche und familiäre Situation des Betreffenden aussieht, der sich in diesem Gebetsgespräch geöffnet hat. Ich selber hatte nach einiger Zeit dort in Warstein ein bestimmtes verblüffendes Erlebnis, das mir eine solche Vermutung nahelegt.

Trotz  jahrelangem Verbleib in der charismatischen Bewegung kam allmählich ein leiser Zweifel bei mir auf. Ich koppelte mich schrittweise ab und suchte zunehmend den Kontakt zu traditionelleren, konservativen Gruppen, lernte auch die „alte Messe“ schätzen und bemerkte, daß die Vorträge und Predigten in diesem Milieu mehr Hand und Fuß hatten, die Priester oder sonstige führende Leute viel nüchterner waren.

Als ich im Jahre 2003 mit meinem dritten Kind schwanger wurde, verstärkte sich diese Entwicklung bei mir noch mehr. Ich war jetzt voll in der „Alltagsrealität“ angekommen, zudem waren weite Fahrten nach Warstein schon praktisch kaum noch möglich. Mit den weltfremden Halleluja-Sprüchen und dieser euphorischen Stimmung konnte ich nicht mehr viel anfangen. Ich wollte von der „Wolke“ runter und wieder auf dem Boden des wirklichen Lebens ankommen.

Deshalb bin ich aus der charismatischen Bewegung komplett ausgestiegen. Zwei Dinge waren dabei für mich entscheidend: Ich hatte auch in meiner „Schwärmerzeit“ meinen Restverstand und eine gewisse Bodenständigkeit noch behalten, was sich dann immer stärker bemerkbar machte. Es ist entscheidend, dass man den Verstand nie ganz ausschaltet. Zudem hörte ich auch auf kritische Stimmen in meiner Familie und meinem Freundeskreis, zumindest ließ  ich sie ein bißchen an mich heran und dachte darüber nach.

In den charismatischen Gruppen ist zwar viel und ständig von „Heilung“ die Rede – aber meine eigene Heilung erlebte ich, weil mir die befreiende Wirkung eines „nüchternen“ Glaubens klar geworden ist, der dem Gefühl auch sein Recht gibt, aber mehr Vernunft und Besonnenheit walten läßt. Gerade dies habe ich als wirkliche Befreiung aus der vorherigen „Achterbahn der Gefühle“ erfahren!

Unsere Autorin ist katholische Familienmutter und lebt im Münsterland; sie ist unserer Redaktion seit über 15 Jahren persönlich bekannt

WEITERFÜHRENDER ARTIKEL zum Thema „Laienbeichte“ hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/01/29/religioeser-missbrauch-durch-die-laienbeichte/

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Philipp Madre und seine charismatische Fixierung auf das „Wort der Erkenntnis“

Von Felizitas Küble

Was man hinsichtlich der Esoterik-Szene und erst recht im Spiritismus schlicht als Hellseherei oder Wahrsagen bezeichnen würde, gilt in der charismatischen Bewegung als „Wort der Erkenntnis“, angeblich eine besondere Geistesgabe von oben, die zum Bereich des „Prophetischen“ gehöre.

Was der in Anspruch genommene „Heilige Geist“ aussendet, was besonders begnadete Personen empfangen, kann ja wohl  – so heißt es –  nichts Okkultes, auch nichts bloß (Para-)Psychologisches (also mehr oder weniger natürlich Erklärbares) sein, sondern gehört zu dem, was man in der schwarmgeistigen Spektrum als anzustrebende „Salbung“ betrachtet, die gar nicht genug herbeigesehnt werden kann.

Nun muß man kein Psychologe sein, um sich Folgendes vor Augen zu führen:

Wenn ein Gläubiger sich in einen gewissen geistlichen Hochmut versteigt (ohne sich natürlich dieser Problematik bewußt zu sein), wenn er seine Verstiegenheiten vielmehr als besondere „Gnadengabe“ betrachtet, dann fällt der Fall nach unten oft umso härter aus (von der „Wolke“ so hoch da oben in die schlimmsten „Niederungen“ der ungeistigen Art). Wie sagt der Volksmund: Hochmut kommt vor dem Fall.

Kein Wunder also, daß Gemeinschaften, die sich für besonders geisterfüllt halten, überdurchschnittlich häufig von Skandalen um Sex, Geld und Macht heimgesucht werden, wie das die protestantisch-pfingstlerische Starprediger-Szene in den USA seit Jahrzehnten eindringlich belegt.

Allerdings beschränkt sich das Phänomen nicht auf den entsprechend gepolten evangelischen Bereich.

Auch bei betont charismatisch-katholischen Gemeinschaften zeigt sich dieselbe Problematik, die damit zusammenhängt, daß der „Begnadete“ sich erstens selber einbildet, er stände sozusagen als Geisterfüllter gleichsam „über dem Gesetz“, zweitens seine Anhänger sich erst recht nicht getrauen, diesem „Propheten“ zu mißtrauen,  müssen sie doch befürchten, die in diesen Kreisen ständig an die Wand gemalte „Sünde gegen den Heiligen Geist“ zu begehen usw…

Dieser sowohl sexuelle wie auch (un)geistliche Machtmißbrauch zeigte sich auch in der charismatisch-erscheinungsbewegten, sehr an Medjugorje orientierten „Gemeinschaft der Seligpreisungen“:

Deren Gründer (Bruder Ephraim) mißbrauchte schutzbefohlene Ordensschwestern seines Werkes und ein minderjähriges Mädchen. Sein eng mit ihm verbundener Mitgründer, Br. Albert Pierre-Etienne, wurde von einem französischen Gericht wegen sexueller Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche verurteilt. 

Ephraims Mitgründer und späterer Generalmoderator, der Diakon, Arzt und Familienvater Dr. Philipp Madre, wurde wegen Mißbrauchstaten vom Vatikan nicht nur amsenthoben oder suspendiert, sondern sogar laiisiert (in den Laienstand zurückversetzt), war also von einer der härtesten Kirchenstrafen für Kleriker betroffen, die es überhaupt gibt.

Eben jener in der Seligpreisungs-Gemeinschaft führende Philipp Madre schrieb viele Bücher über charismatische Erneuerung und besondere Geistesgaben, darunter das Buch „Wort der Erkenntnis“ (siehe Foto).

Darin wird schon nach wenigen Seiten die typische Verstiegenheit und die (Sehn-)Sucht nach außergewöhnlichen „Charismen“ deutlich, die in diesen Kreisen oftmals vorherrscht.

Das „Wort der unmittelbaren Erkenntnis“ (S. 21) vollzieht sich etwa in Versammlungen, wenn der mit dieser Gabe „begnadete“ Leiter erklärt, es befände sich z.B. jemand unter der Menge, der 17 Jahre alt ist, Drogen nimmt und nun geheilt sei – oder drei taube Männer könnten soeben plötzlich wieder gut hören etc. 

Manchmal wird das „Wort der Erkenntnis“ auch in der Weise praktiziert, daß einer Person bei der Segnung bzw. Handauflegung mitgeteilt wird, welchen besonderen Auftrag sie von Gott habe oder von welchen seelischen Verletzungen sie „befreit“ werde etc.

In diesem Sinne schreibt auch Madre, er und seine Frau hätten durch die Handauflegung eines charismatischen Geistlichen diese „zu unserem Dienst notwendige Gabe“ (wozu „notwendig“?) erhalten (S. 10), so daß sie „genauere Aussagen, die in einem Wort der Erkenntnis verborgen waren, erhalten konnten, wie z.B. über das Alter, den Beruf oder die genauen Umstände der Verletzung der Person oder den Vornamen und anderes.“

Was unterscheidet nun dieses Phänomen von dem seit  jeher bekannten Vorgang des esoterischen „Hellsehens“?

Einzig die Behauptung, das „Wort der Erkenntnis“ stamme nun einmal vom Heiligen Geist – und punktum!

Auf S. 11 schreibt der Autor munter drauflos: „Was Gott vor 2000 Jahren durch das öffentliche Wirken seines Sohnes vollbracht hat, führt Er fort, auch auf die Gefahr hin, damit zu erstaunen, zu verwirren oder zu schockieren“.   

Verwirrend bis schockierend ist gewiß  manches in der schwarmgeistigen Szene, allerdings hat Christus in keinem einzigen Fall durch Handauflegung das „Wort der  Erkenntnis“ vermittelt, auch hat er bei seinen Heilungen keine vermeintliche „Seelenschau“ betrieben und irgendwelche Einzelheiten aus dem Leben des vorher Kranken ausgeplaudert.

Wahr ist es freilich, wenngleich gewiß nicht erfreulich, wenn der Verfasser über seine Sondergabe weiter schreibt: „…es beginnt sich diese Art von charismatischen Ausdruck gegenwärtig in den Kreisen der sog. „Erneuerung“ rasch auszubreiten“ (S.13).

Allerdings gäbe es hierbei Widerstände von anderen Gläubigen, weiß er zu berichten: „Besonders heutzutage fürchtet man sich jedoch sehr vor dem Wunderbaren aus Angst, es könnte die Schwachen täuschen, die Einfachen verführen und zur Flucht oder zu irgendeinem Mystizismus verleiten.“ (S. 14).

Wie wahr – und wie berechtigt diese Sorge ist, hat seine eigene Gruppierung zur Genüge unter Beweis gestellt.

Die vermeintlich geisterfüllte Verstiegenheit („emporgehoben“) wird auf S. 15 wieder einmal deutlich, wo es heißt, das „Wort der Erkenntnis“ sei eine „Sinneserfahrung mystischer oder charismatischer Art“, wobei sie immer eine „subjektive Beimischung“ beinhalte.

Das wirke zwar bisweilen störend, sei aber zugleich „beruhigend“, denn sie verweise darauf, „daß die gesamte menschliche Natur einschließlich der Sinne „emporgehoben“ werden kann von der Gnade.“

Ja, gewiß – allerdings ist gerade bei der „Emporhebung“ der Sinne Vorsicht geboten, denn wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen (vgl. 2 Kor 5,7), wie der Apostel Paulus schon vor zweitausend Jahren betonte, der die Geister noch zu unterscheiden wußte.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


„Bruder Ephraim“ (Gerard Croissant) gibt vielfachen Ehebruch zu

„Gemeinschaft der Seligpreisungen“: Gründer praktizierte Sex mit einer Minderjährigen

Bereits am 7. Juni 2011 haben wir darüber berichtet, daß es bei der 1973 gegründeten katholisch-charismatischen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ zu schwerwiegenden sexuellen Verfehlungen in der Führungsspitze gekommen ist, darunter zahlreiche Ehebrüche und sogar Mißbrauch von Kindern aus der eigenen Gemeinschaft.

Die Gruppierung nannte sich zunächst etwas verstiegen „Der Löwe von Juda und das geopferte Lamm“; sie wuchs in den letzten Jahrzehnten immer mehr  –  und verfügt über 70 Niederlassungen auf allen fünf Kontinenten und in 35 Lnädern.

Es gab stets gemeinschaftliches Leben zwischen Priestern, ordensähnlich geweihten Brüdern und Schwestern, Familien sowie Ledigen; diese „gemischte“ Struktur wurde vom Vatikan mittlerweile untersagt und „getrennte Lebensstände“ angeordnet.

In unserem Artikel vom 7. Juni 2011 kritisierten wir diese schwarmgeistige und erscheinungsfixierte Bewegung nicht allein wegen der Mißbrauchs-Vorfälle, sondern auch inhaltlich und strukturell:

https://charismatismus.wordpress.com/category/charismatik-und-visionen/gemeinschaft-der-seligpreisungen/

Inzwischen machen weitere Negativ-Meldungen die Medienrunde, wobei nunmehr kein Geringerer als der Gründer der Kommunität,  Gerard Croissant, sexuelle Kontakte zu Mitgliedern seiner ordensähnlichen Gemeinschaft zugab (dazu gehörte auch eine Minderjährige).

Daß der als „Bruder Ephraim“ bekannte Diakon seit 2007 von seiner Ehefrau Josette (eine Mitgründerin der „Seligpreisungen“) getrennt lebt, ist schon länger bekannt. Er wirkt heute als „Psychotherapeut“ in Frankreich.

Beileibe nicht besser steht es um seinen Schwager und Nachfolger als Generaloberer, den verheirateten Diakon Philippe Madre: er wurde mittlerweile von einem Berufungsgericht wegen schwerwiegender sexueller Vergehen verurteilt.

Noch schlimmer steht es um die Vergangenheit von „Bruder Etienne“, einem ehem. führenden Mitglied, gegen den am 30. November 2011 in der südfranzösischen Stadt Rodez ein Prozeß läuft. Die Anklage lautet, daß er über 50 Jungen und Mädchen der Seligpreisungs-Gemeinschaft mißbraucht habe: im Alter von 5 bis 13 Jahren!

Die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ erklärte in einer Stellungnahme ihren Willen zu „Buße und Umkehr“  – und stellte zugleich fest, die schlimmen Verfehlungen seien lediglich von einer „kleinen Gruppe“ von Mitgliedern begangen worden. Dies trifft zweifellos rein zahlenmäßig zu, doch handelt es sich hierbei immerhin um führende „Mitglieder“ der Kommunität, die außerdem zum Gründungsteam gehören.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster


Unseliges von der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“

Was in den letzten Wochen über die katholisch-charismatische „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ bekannt wurde, läßt das Schwärmerherz gewiß nicht höher schlagen, denn zum Jubeln besteht kein Anlaß:

Sowohl der Gründer der „Seligpreisungen“ (Bruder Ephraim) wie auch derenspäterer Leiter (Diakon Philippe Madre)  – beides Franzosen  –  sind schwer ins Gerede gekommen.  Übrigens war der verheiratete Leiter Madre der  Schwager des verheirateten Gründers Ephraim (so blieb die Führung quasi schön „in der Familie“).

Der einst vielverehrte, heute 62-jährige „Bruder Ephraim“  – ebenfalls Diakon  –  hat sich vor vier Jahren von seiner Frau und seinem Lebenswerk (den „Seligpreisungen“) getrennt; angeblich arbeitet er nun als „Therapeut“  – ob in eigener Sache (oder wie auch immer) sei dahingestellt.

Diakon Madre wurde jetzt von der Kirche schwer bestraft und sogar aus dem Klerikerstand ausgeschlossen, nachdem ein diözesanes Kirchengericht in Frankreich ihn „der ihm vorgeworfenen Delikte für schuldig befunden“ hat.
Vorgeworfen wird ihm seit dem Jahre 2003 mehrfacher sexueller Mißbrauch  – allerdings nennt das Entlassungsdekret keine näheren Angaben über die Art der erwiesenen „Delikte“
(daß es sich um schwerwiegende Vorgänge handelt, versteht sich angesichts der Härte der Strafe von selbst).

Voriges Jahr gab es bereits Turbulenzen um die „Seligpreisungen“ in Frankreich: der 60-jährige Bruder Pierre-Etienne gab zu, bei sage und schreibe  etwa fünfzigKindern (Jungen und Mädchen) sexuell übergriffig geworden zu sein; er wurde inzwischen aus der Kommunität entlassen.

Unabhängig vom Fall „Madre“ hat der Vatikan die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“  jetzt kirchenrechtlich wesentlich heruntergestuft; die Kommunität ist jetzt kein Verein gläubiger Katholiken „päpstlichen Rechtes“ mehr.
Diesen relativ hohen Status erhielt die erscheinungsmarianische Kommunität bedauerlicherweise im Jahr 2002  – und zwar ausgerechnet am 8. Dezember, dem Immaculata-Fest der Erwählung Mariens.

Außerdem hat der Vatikan jetzt verfügt, daß die neu zu strukturierende „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ ihre spezifische „Spiritualität“ (hauseigene Frömmigkeitsausrichtung) ändern müsse, was sowieso überfällig ist.

Zudem wird das gemeinsame Wohnen von Männlein, Weiblein und verheiraten Familien unter einem Dach kirchlich nicht weiter erlaubt.

Mit anderen Worten:  es gibt jetzt die drei Lebensstände (Männerzweig, Frauenzweig, Laien/Familien) – und zwar getrennt, wie das bei den klassischen Orden selbstverständlich ist.

Aber in der besonders „geisterfüllten“ charismatischen Szene meint man gerne, sich über gewisse vernünftige Vorsichtsmaßnahmen hinwegsetzen zu können, auf die früher seitens der Kirche früher haarscharf geachtet wurde.
Aber wozu die altmodische „Vorsicht“: Schließlich kann ja das Fleisch nicht schwach werden bei  sooooviel „Geist“…

Nur daß die Realität hier etwas ganz Anderes ans „charismatische“ Licht bringt.

Es gab denn auch kaum eine „charismatische“ Verstiegenheit, die Philippe Madre in seinen Büchern nicht hochgejubelt hätte –  bis hin zum schwarmgeistigen Heilerguru P. Emilian Tardif.

Die beiden „Zauberworte“ der Schwärmerkreise heißen seit langem „Heilung und Befreiung“ – wofür man sich besonders „zuständig“ fühlt.
Passenderweise nannte der oberste Seligpreiser Madre sein Buch „Gott heilt  – auch heute!“

Als besonders „heilsam“ werden seine Opfer ihn selber wohl nicht empfunden haben.

Meine eigenen Eindrücke zu den Inhalten dieser Charismatiker:

Als ich vor etwa 20 Jahren  den ‚Nachsommerregen‚  las, die Biographie des Gründers („Bruder Ephraim“), war ich davon sehr enttäuscht.

Das Buch wurde damals in einigen frommen Kreisen wie ein „Geheimtip“ gehandelt. Nun kommt es auch nicht alle Tage vor, daß ein protestantischer Pastor erst katholisch wird, dann Diakon und danach auch noch eine ordensähnliche „geistliche Gemeinschaft“ gründet; er nannte sie zunächst reichlich verstiegen „Der Löwe von Juda und das geopferte Lamm„, später wurde seine Kommunität in „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ umgenannt (oder soll man „geistgetauft“ sagen?).

Je mehr ich in dem Schwärmerbuche von den Erlebnissen des Herrn Ephraim und seiner Frau Josette Croissant las, umso stärker legte ich es im Geiste zur Seite. Klar war mir, daß ich ein derartiges Werk weder besprechen („das lohnt nicht, nicht mal als Verriß“) und noch viel weniger verbreiten werde –


Was mißfiel mir an diesem euphorischen Buch?

Eine ganze Menge, aus der Erinnerung weiß ich noch Folgendes:
1.Es fehlte die inhaltliche Substanz, der Autor war fast nur am Halleluja-Herumschwärmen – keinerlei Erkenntnisgewinn für den Leser also.
2. Bereits vor seinem Übertritt in die kath. Kirche wußte der Geisterleuchtete alles besser, so daß ich mir dachte: Solch ein Konvertit hat uns gerade noch gefehlt!

So hat er zB. schon vor seinem Katholischwerden heimlich (ohne wenigstens einen Priester zu befragen) die hl. Kommunion empfangen – aber bei den besonders „Begnadeten“  – das kennt man ja  – sind kirchliche Regeln und Vorschriften eh nur „kalter Kaffe“: die Heißblütigen im Geiste nehmen sich, was sie kriegen wollen!
Sein unerlaubtes Kommunizieren schilderte er in seiner Biografie ohne jede Spur von Selbstkritik.

3. Seine ganze „Frömmigkeit“, die er aufdringlich zum Besten gab, bestand fast nur aus pseudo-mystischem Schwarmgeist und selbstgefälligem Sendungsbewußtsein.

Ähnlich der Person dann auch sein Werk, wobei sich im Laufe der Zeit weitere (un)geistliche ‚Tick-s‘ dazugesellten:

1. Eine überschwängliche Juden-und-Israel-Euphorie, so daß man in seiner Seligpreisungs-Gemeinschaft jüdische Feste zu feiern begann, israelische Tänze einübte, damit vor und um den Altar herumschwirrte etc.

Ich bin gewiß allergisch gegen jede Art von Judenhaß, aber das andere Extrem ist ebenfalls zu vermeiden: die philosemitische Jubelgesinnung bzw. eine un-nüchterne „Umarmungs-Mentalität“, die übrigens von jüdischer Seite (verständlicherweise!) gar nicht gern gesehen wird. Juden spüren durchaus, wenn etwas übertrieben oder an den Haaren herbeigezogen wird  – oder wenn mit einer schwärmerischen „Israel-Euphorie“ nur eigene Gefühle befriedigt werden sollen.

2. Bruder Ephraim mit Frau (die er inzwischen verlassen hat) und sein frommes Gefolge entdeckten eine weitere Schwärmerwiese: die „Marienerscheinungen“ von Medjugorje, mittlerweile weit über 40.000 „Erscheinungen“ an der Zahl, kirchengeschichtlich absolut einmalig  –   mehr ist zum Sinn und Unsinn dieser 30-jährigen Visions-Veranstaltung auch nicht zu sagen.

3. Frei nach Art der Schwärmer drechselte Bruder Ephraim aus einer gesunden, kirchlich verankerten Marienverehrung seine persönliche Himmels-Tändelei.
Es genügte ihm nicht, die spezielle Andacht einer „Ganzhingabe“ (nach Grignion) zu propagieren  – er scheint an dieser Andacht zudem einiges mistverstanden zu haben, denn gemeint ist dort ein Hingabe-Akt „an
Christus durch Maria“.

Doch für Bruder Ephraim geriet offenbar das Mittel zum Zwecke selbst  – und aus der fürsprechenden Madonna wurde sein spiritueller Lebensmittelpunkt, glaubt man z.B. seinen Ausführungen im Buch „Marie intime“ (sic!), worin er  w e i t  über die kirchliche Marienlehre hinausschwebt und allerlei Sondereinfälle verkündet;
so fabuliert er zB., Maria sei schon vor der Schöpfung bei Gott mental „präexistent“ gewesen  – woher will er das denn wissen?!

Sodann dichtet er die Gottesmutter ernsthaft zur Charismatikerin um und behauptet munter drauflos, die Madonna sei ab der Verkündigung des HERRN durch den Engel Gabriel mit der „Zungenrede“ begabt gewesen.  Auch sei sie zusammen mit Josef die „kleine Trinität auf Erden“ gewesen, eine Art Spiegelbild der himmlischen Trinität  – und unter dem Kreuze sei dann aus dem Herzen Christi und dem Herzen Mariens ein einziges Jesu-Maria-Herz geworden  – und ähnlicher „höherer Blödsinn“ bzw. teils häresieverdächtiger Unfug, den man weder in der Heiligen Schrift noch in der kirchlichen Lehre vorfindet.

Kein Wunder, daß diese euphorische „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ irgendwann ziemlich an die Wand gefahren ist, weil es ihr entschieden an theologischer Substanz und Bodenhaftung mangelte, freilich nicht an charismatischem Überschwang und pseudo-geistlichen Verstiegenheiten, die sein Nachfolger, ebenfalls Diakon, der Franzose Philippe Madre, in seinem Sinne bzw. Unsinne fortsetzte, bis dann der tiefe Fall kam und die Kirche ihn aus dem Klerikerstand entließ.

Je höher sich einer auf Wolke 7 und-so-weiter hinaufspinnt, umso kräftiger ist dann manchmal der Fall….ins Bodenlose….weil es nie eine ausreichende Bodenhaftung gab!

Felizitas Küble, KOMM-MIT-Verlag in Münster

Kontaktmail: felizitas.kueble@web.de