Linke Gesinnungsdiktatur als neue Leitkultur?

Von Peter Helmes

70 – 80 Prozent der Plakate der AfD wurden während der letzten Wahlkämpfe zerstört, gestohlen oder verschmiert, Häuser und Autos von AfD-Kandidaten z. T. massiv beschädigt, einige Kandidaten körperlich bedroht oder sogar verletzt.

Das Ausmaß erschreckt. Aber eine „Betroffenheitsreaktion“ der Gesellschaft und erst recht der Politik bleibt aus. Man muß deshalb die Frage stellen, ob dies symptomatisch für eine lethargische Gesellschaft und einen maroden Linksstaat ist, wie es ihn nicht einmal zu APO-Zeiten gegeben hat.

Hier wird die Gesellschaft zunehmend ihrer Grundrechte beraubt, und die Politik, schaut weg oder fördert dies sogar – gewissermaßen eine staatlich geförderte Recht(s)zerstörung, deutlich zu erkennen z. B. an dem Entzug der Meinungs- und Versammlungsfreiheit bzw. der Bevorzugung linker  –  will heißen: „politisch korrekter“ – Gruppen.

Das ist eine durchgängige Linie, in linken Landen stärker, in gemäßigten schwächer ausgeprägt  – vorläufig noch. Denn „die Bewegung marschiert“, linksradikale Randale werden achselzuckend hingenommen, gegen „rechts“ jedoch empören sich die halbe Nation, die politisch Angepaßten und ihre Medien sowieso.

Es geht um die Eroberung des Luftraumes über der FDGO – der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“, die von bewährten Axiomen bestimmt ist.

Genau hier setzen die Systemzerstörer an: Sie stellen diese Denkvoraussetzungen nicht nur in Frage, sondern sie wollen sie ersetzen durch ihre Theorien. Die „…ismen“ frohlocken! Ungeist ersetzt Geist. Klassische Staatsdenker hätten heute keine Chance mehr. Die Libertinage hat von der Gesellschaft in weitem Maße Besitz ergriffen, keine Norm von gestern gilt mehr.

Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Bolz, einer der wenigen Intellektuellen, die noch nicht der politischen Korrektheit erlegen sind, bringt die Verkommenheit dieser Gesinnungsdiktatur auf den Punkt:

„Der Politischen Korrektheit geht es nicht darum, eine abweichende Meinung als falsch zu erweisen, sondern den abweichend Meinenden als unmoralisch zu verurteilen. Man kritisiert abweichende Meinungen nicht mehr, sondern hasst sie einfach. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht.“

Dank der 68er- und ihrer Nachfolge-Generation hat sich unsere Gesellschaft immer negativer verändert. Weite Teile der Bevölkerung merken dies nicht oder – schlimmer – wollen es nicht sehen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, können sie sich nicht vorstellen, daß sie getäuscht werden. Sie glauben der einseitigen Berichterstattung gleichgeschalteter Medien und nehmen die Bedrohung nicht wahr. 

Falsche Toleranz führt dazu, daß dieser Staat hemmungslos ausgehöhlt werden kann. Das ist die offenbar unaufhaltsame Zerstörung unseres Landes in moralischer und ethischer Hinsicht.

Der frühere Ministerpräsident Baden-Württembergs, Erwin Teufel, sagt es deutlich:

„Viele sprechen von Mut, wenn man seine Meinung sagt, obwohl diese politisch nicht korrekt ist. Denn politische Korrektheit trägt in Deutschland bereits Züge der Unterdrückung. Wer seine Meinung sagt – vor allem, wenn sie nicht linksextrem oder aber zumindest links ist -, der ist in Deutschland gleich ein Rechtsextremist.“

Die Tyrannei beginnt dort, wo Meinungen kriminalisiert und tabuisiert werden. Ich darf nicht mehr sagen, was ich denke. Vergessen der kluge Satz von Voltaire: „Ich mag verdammen, was Du sagst. Aber ich werde mein Leben dafür geben, daß Du es sagen darfst.“ – Ein solcher Imperativ ist den Linken unserer Gesellschaft ein Greuel. Eine eigene Meinung zu vertreten, die einer selbsternannten Wächterliga nicht paßt, ist tabu.

Vollständiger Text des Artikels von Peter Helmes hier: https://conservo.wordpress.com/2018/12/07/linke-zerstoerungswut-eine-staatlich-gefoerderte-oder-geduldete-rechtszerstoerung/


Führende Experten widerlegen einen „Zusammenhang“ von Zölibat und Missbrauch

Von Felizitas Küble

In der erneut aufgeflammten Debatte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wird der Zölibat vielfach direkt oder indirekt als Ursache für pädosexuelle Verfehlungen angesehen; zumindest wird die priesterliche Ehelosigkeit mit Hinweis auf diverse Vorfälle infrage gestellt, teils auch von Kirchenvertretern.

Diese Würdenträger sollten den Fokus stattdessen auf die mangelnde Wahrnehmung der bischöflichen Aufsichtspflicht richten.

BILD: Katholische Priester bei der Feier einer hl. Messe

Die Frage steht gleichwohl im Raum: Gibt es ein Ursache-Wirkung-Verhältnis oder besteht zumindest ein konkreter Zusammenhang zwischen dem Zölibat und den entsetzlichen Vorfällen von Kinderschändungen durch Kleriker?

Von fachlicher Seite – zumal von Gerichtspsychiatern  –  wird dieser Kontext schon seit längerem bestritten; hierzu einige Beispiele:

Dr. Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, erklärte am 23. August 2010 gegenüber dem „Deutschlandradio“, niemand werde durch den Zölibat pädosexuell geprägt, zumal diese Neigung bereits während der Pubertät entstehe, das Zölibatsversprechen hingegen erst viel später erfolge.

Daher sei es „nicht sonderlich einleuchtend“, überhaupt einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch herzustellen.

Dr. Leygraf widersprach zudem der Auffassung, dass abnorme Formen der Sexualität unter kath. Priestern überdurchschnittlich stark vertreten seien: „Irgendwelche Studien, die belegen würden, dass sie besonders häufig Leute mit einer abnormen Sexualität wären, gibt es nicht.“

(Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-sind-ja-ueberwiegend-altfaelle.1008.de.html?dram:article_id=163438)

Evangelischer Forensiker: Zölibat keine Ursache für Missbrauch

Der bekannte Forensiker Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber erklärte bereits  zu Beginn der öffentlichen Missbrauchsdebatte im Februar 2010, dass katholische Priester gerade wegen ihrer geistigen Grundhaltung weitgehend davor geschützt seien, zu Missbrauchstätern zu werden.

Der evangelische Kriminal-Psychiater Kröber ist Mitherausgeber des Standardwerkes „Handbuch der Forensischen Psychiatrie“ und Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Seinen Studien zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein kath. Priester zum Missbrauchs-Täter wird, 36 mal geringer als bei Männern, die nicht zölibatär leben.

BILD: Kardinal Müller weiht einen jungen Mann zum Priester

In einem Artikel der Tageszeitung „Die Welt“ vom 3.4.2010 heißt es, die Lebensform Zölibat habe „mit dem Missbrauch von Kindern nichts zu tun.“ Als Beleg wird Professor Kröber zitiert: „Statistisch gesehen wird man eher vom Küssen schwanger, als vom Zölibat pädophil.“ 

(Quelle: https://www.welt.de/debatte/article7038687/Der-Zoelibat-ist-eine-Liebesbeziehung.html)

Ähnlich argumentiert der katholische Publizist und Psychotherapeut Manfred Lütz, Direktor eines Psychiatrischen Krankenhauses in Köln, in der FAZ vom 11.2.2010:

„Den Zölibat in diesem Zusammenhang (Kindesmissbrauch) zu nennen, ist besonders verantwortungslos. Auf einer Tagung 2003 in Rom erklärten die international führenden Experten – alle nicht katholisch – es gebe keinerlei Zusammenhang dieses Phänomens mit dem Zölibat.“

Bei der erwähnten Tagung handelte es sich um einen kompetenten Fachkongress: er dauerte eine Woche und versammelte international führende Forensische Psychiater, Mediziner und Sexualwissenschaftler zum Thema Missbrauch.

Prof. Nedopil: Beherrschung reduziert das Verlangen

Auch Prof. Dr. Norbert Nedopil wies im März 2010 in diversen Talksendungen die weitverbreiteten Unterstellungen gegen den Zölibat zurück. Der Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie der Universität München (LMU) erklärte, die religiös begründete, freiwillige Ehelosigkeit senke das Risiko, zum Sexualtäter zu werden: „Wenn man Sexualität einschränkt, dann sinkt auch das Verlangen danach.“

Prof. Dr. Christian Pfeiffer nimmt den Zölibat ebenfalls gegen den Vorwurf der Begünstigung pädosexueller Taten in Schutz: Der evangelische Kriminologe und frühere SPD-Justizminister von Niedersachsen ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

In einem Gastbeitrag für die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ stellte er klar, dass der statistische Anteil der Priester an den Missbrauchsfällen exakt 0,1 % beträge, also 1 Promille. Obwohl es überall Dunkelziffern gibt, rechnet er bei Priestern „für alle Fälle“ eine dreifach so hohe Dunkelziffer wie sonst, was dann 0,3% ergäbe, folglich drei Promille.

Auch dieser Experte stellt fest, dass selbst bei hochgerechneter Dunkelziffer der Priester-Anteil im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt sehr gering sei, ein Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch daher nicht erkennbar.

(Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-drei-promille-aller-taeter-1.24359)

„Zartbitter“-Chefin: Anti-Zölibats-Debatte kontraproduktiv

Neben Gerichtspsychiatern haben sich auch Fachleute aus dem Beratungsspektrum zu dieser strittigen Frage zu Wort gemeldet.

Das Problem von Missbrauchstätern in eigenen Reihen betrifft nach Meinung der Kölner Expertin Ursula Enders beide großen Kirchen in Deutschland in gleich starker Weise:

„Die evangelische Kirche hat sich lange Zeit in Sicherheit gewiegt und geglaubt, `bei uns doch nicht, das liegt ja am Zölibat`“ sagte die Therapeutin bei der Fachtagung „Missbrauch in Institutionen“ Anfang Juni 2012 in Hamburg. Das sei jedoch ein Mythos: „Missbrauch hat mit Zölibat wenig zu tun“, so die Leiterin von „Zartbitter“, einer Einrichtung gegen sexuellen Missbrauch in Köln. 

Enders betonte, ihrer Beobachtung zufolge komme das Problem in der evangelischen Kirche nicht seltener vor. Nachdem diese lange die Augen vor dem Thema verschlossen habe, würden jetzt verstärkt Fälle in protestantischen Einrichtungen bekannt. 

Die Kirchen seien vom Thema sexualisierte Gewalt nicht stärker betroffen als etwa Sportvereine, Schulen oder das familiäre Umfeld, sagte die Expertin.

Zu den Risikofaktoren zähle, dass Täter häufig die Maske des sozial Engagierten trügen. Gerade in sozialen Einrichtungen gebe es den Typus des „Dauerjugendlichen“, erklärte Enders: „Das ist niemals gut für Kinder.“ Diesen Typus habe sie vor allem in evangelischen Kirchengemeinden erlebt.

(Quelle: https://www.kath.ch/newsd/deutsche-therapeutin-missbrauch-hat-wenig-mit-zoelibat-zu-tun/)

Ergänzend dazu folgen Äußerungen von Ursula Enders aus ihrer diesbezüglichen Stellungnahme vom 15. März 2010 speziell zum Dauerbrenner Zölibat:

„So kritisch man dem Zölibat gegenüberstehen mag, die breite Erfahrung von Zartbitter entlarvt die Reduzierung der Täterschaft auf zölibatäre katholische Priester als Mythos, der zu einer grundlegenden Vernachlässigung eines ausreichenden Schutzes von Mädchen und Jungen vor sexuellen Grenzverletzungen führen kann.

Eine allzu einseitige Diskussion über das Zölibat lenkt ab von dem großen Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern in Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe, Sportvereinen, kommerziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche (Ballett, Ferienreisen, Musikunterricht).

Folglich ist die mit großer Heftigkeit geführte aktuelle Diskussion über das Zölibat im Sinne des Kinderschutzes kontraproduktiv.

Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften (zum Beispiel der evangelischen Kirche, den Zeugen Jehovas, dem Islam) verkünden häufig mit einem trügerischen Seufzer der Erleichterung: „Bei uns sind die Geistlichen verheiratet und unsere Kinder somit vor Missbrauch durch Geistliche sicher“.  – Derart „naive“ Gläubige werden nicht selten mit der bitteren Realität konfrontiert, dass ein vermeintlich ungefährlicher, heterosexuell lebender Geistlicher oder Laienhelfer Mädchen und/oder Jungen missbraucht hat!

Die Beratungsarbeit von Zartbitter Köln in den letzten 25 Jahren hat deutlich gemacht, dass auch der Missbrauch innerhalb kirchlicher Institutionen vorrangig von heterosexuell lebenden Tätern und Täterinnen verübt wird, die sich in kirchlichen Institutionen als Gemeindereferenten, Diakone, Gruppenleiterinnen, Jugendbetreuer, jugendlichen Messdienerführer, Koch auf Ferienfreizeiten etc. engagieren.“

(Quelle: http://www.zartbitter.de/gegen_sexuellen_missbrauch/Fachinformationen/6510_mythos_zoelibat.php)

Fakten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Im Jahre 2012 wurde in Medien berichtet, laut polizeilicher Kriminalstatistik hätten in Deutschland die Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern wieder deutlich zugenommen.

Allgemein stieg damals die Zahl der registrierten Sexualdelikte um 5%, der Besitz von Kinderpornografie sogar um dramatische 23%.

Dazu schrieb die Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ (Nr. 42/2012, Seite 2):

„Während die Kirchen das Thema in den vergangenen Jahren stark aufgegriffen haben und die Fälle, die fast alle aus der Vergangenheit stammen, aufarbeiten, ändert sich in der „weltlichen“ Bevölkerung am sexuellen Missbrauchsverhalten offenbar gar nichts. Das aufklärerische Vorbild der sonst so viel gescholtenen Kirche und die damit medial aufgebauschte Debatte haben auf das allgemeine gesellschaftliche Verhalten da offenbar überhaupt keinen reinigenden Einfluss.“

Zum Thema „aufgebauschte“ Debatte gehört auch der ständige Vorwurf gegen den Zölibat in vielen Medien.

Interessanterweise hat hierzu die staatliche „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“  –  die ansonsten nicht gerade für „konservative“ Äußerungen bekannt ist – Stellung bezogen.

Unter dem Titel „Sexueller Missbrauch in Fallzahlen der Kriminalstatistik“ wird in einem Internet-Bericht klargestellt, dass der Zölibat weder direkt noch indirekt als Ursache für sexuelle Übergriffe anzusehen sei.

Im Kapitel „Risikofaktor Zölibat?“ heißt es darin, in der Öffentlichkeit sei „der Eindruck entstanden, dass katholische Kinder, die in ihren Kirchengemeinden beispielsweise als Ministranten tätig sind, ein besonders hohes Risiko haben könnten, Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester zu werden. Verschiedentlich wurde die These aufgestellt, der Zölibat sei mitverantwortlich für einen sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und Ordensangehörige.“

Die erwähnte Ausarbeitung kommt nun auf die Fakten zu sprechen:

„Die bisher bekannt gewordenen Fakten scheinen allerdings nicht dafür zu sprechen, dass diese Einschätzungen zutreffen. So hat der „Spiegel“ Anfang Februar 2000 bei allen 27 Diözesen Deutschlands nachgefragt, wie viele Priester oder kirchlich angestellte Laien in ihrem jeweiligen Amtsgebiet seit 1995 als Tatverdächtige oder Verurteilte dieses Deliktes registriert worden sind. 24 Diözesen haben geantwortet. Stellt man die dort ermittelten Zahlen den polizeilich ermittelten Tatverdächtigen des sexuellen Kindesmissbrauchs für die Jahre 1995-2009 gegenüber, so entfiele auf die katholischen Priester ein Anteil von 0,1%.“

In der betreffenden Fußnote wird zudem angemerkt:

„Wenn man die dort benannten sieben Laien streicht, ergeben sich 117 verdächtige Priester – im Durchschnitt pro Bistum also 4,9. Unterstellt man ferner für die drei fehlenden Bistümer sicherheitshalber jeweils eine doppelt so große Zahl, also 30 weitere Personen, errechnet sich eine Gesamtzahl von 147 Priestern, die in den 15 Jahren bundesweit von der Polizei als Tatverdächtige registriert worden sind. Dem steht gegenüber, dass in Deutschland zwischen 1995 und 2008 die Zahl der polizeilich erfassten Tatverdächtigen des sexuellen Kindesmissbrauchs insgesamt 128.946 betrug. Rechnet man für 2009 den Durchschnittswert dieser 14 Jahre hinzu, ergibt sich für die 15 Jahre eine Gesamtzahl von rund 138.000.“

Außerdem stellt diese Analyse klar, dass die Theorie, wonach zwischen Zölibat und Kindesmissbrauch ein Zusammenhang bestände, auch rein psychologisch gesehen nicht haltbar sei, weil die pädophile Prägung  – also die sexuelle Orientierung an Kindern – weitaus früher ansetzt als eine im Erwachsenenalter erfolgte Entscheidung für den Zölibat. Hierzu heißt es:

„Zweifel ergeben sich ferner an der These, dass katholische Priester durch den Zölibat ein deutlich erhöhtes Risiko hätten, Täter des Missbrauchs zu werden. Gegen diese Annahme spricht zunächst, dass es sich bei einem Teil der Täter um pädophile Männer handeln müsste, also um Personen, deren sexuelle Präferenz sich zeitlebens auf Kinder richtet. Bei ihnen kann die spätere Entscheidung, als Priester eine Keuschheitsverpflichtung einzugehen, ihre sexuelle Grundorientierung also nicht befördert haben.“

(Quelle: http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1348)

Feministische Historikerin verteidigt den Zölibat

Die weitverbreitete Vorstellung von einem angeblichen Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch erhielt zudem Widerspruch von feministischer Seite. So wendet sich die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog, Autorin der wissenschaftlichen Studie „Die Politisierung der Lust“, ausdrücklich gegen die Verdächtigung dieser Lebensweise. index

Das „Deutschlandradio“ führte am 14. März 2010 ein ausführliches Gespräch über „Pädophilie und Pädagogik“ mit der Autorin aus New York, die in ihren Forschungen vor allem den Umgang mit Missbrauchsverbrechen in den USA und Irland untersuchte.

Frau Prof. Herzog wurde in dem Interview gefragt, was sie von der Ansicht des Hamburger Weihbischofs Jaschke halte, wonach der Zölibat eine Anziehungskraft für sexuell Fehlgeleitete ausübe.

Die Antwort der Historikerin: „Ich finde, daß das falsch ist.“ –  Es gäbe schließlich zahllose Männer, die mit dem Zölibat gut klarkämen.

Sexuelle Übergriffe kämen zudem auch in Familien und im linken Spektrum vor, wobei sie an die Odenwaldschule erinnerte: Dort habe man sich sogar bewußt die antiken Zeiten Griechenlands mit ihrem Päderastentum bzw. der sog. „Knabenliebe“ zum Vorbild genommen.

Die Geschichtswissenschaftlerin widersprach überdies jener vulgärpsychologischen „Dampfkessel-Theorie“, die besagt, eine Unterdrückung sexueller Triebe führe zu Fehlformen, krankhafter Sexualität, Machtrausch und Aggressionen  –  eine These, die nicht zuletzt auf Wilhelm Reich zurückgeht, einen Vordenker der „sexuellen Befreiung“.

Dagmar Herzog weist diese These zurück, denn sie sei falsch und gerade durch die NS-Diktatur widerlegt: Damals habe eine  –  im Vergleich zur Zeit davor – größere sexuelle Freizügigkeit geherrscht, gleichzeitig gab es aber auch eine Zunahme an Machtgier und Aggressionen. Die Sexual-„Moral“ der Nazis sei insgesamt nicht konservativ, sondern liberal gewesen.

Hierüber verfasste die feministische Autorin 2005 eine faktenreiche Studie mit dem Titel „Die Politisierung der Lust“ (Siedler-Verlag), worin sie analysiert, dass die NS-Zeit zu einer „Fortschreibung, Ausweitung und Intensivierung der bereits vorhandenen liberalisierenden Tendenzen“ führte. So haben die kirchenfeindlichen Nationalsozialisten z. B. die Strafbarkeit des Ehebruchs reduziert und voreheliche Sexualität propagiert.

Diese Stellungnahmen von Expertenseite  – seien es Psychiater, Historiker, Forensiker oder Therapeuten  –  widerlegen die in vielen Medien und bisweilen auch in kirchlichen Kreisen aufgestellte These, der Zölibat sei eine oder gar die maßgebliche Ursache für Missbrauch bzw. es bestehe ein erkennbarer Kontext zwischen beiden Aspekten.

Erstveröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift „Theologisches“ vom Oktober 2018

Weiteres Info hierzu: https://charismatismus.wordpress.com/2018/10/02/sogar-zdk-praesident-sternberg-stellt-klar-kein-zusammenhang-von-zoelibat-und-missbrauch/


Der „Gutmensch“ als Folge der 68er Revolte

Von Christa Meves

Aufklärung über den Strukturverlust des christlichen Weltbildes hierzulande, das ist der Inhalt eines neuen Buches des em. Professors der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, Peter Gerdsen, unter dem Titel: „Das Imperium des Guten – Gutmenschen im Lichte des Neuen Testaments“. (Books on Demand, Norderstedt 2018).

Was versteht der Autor unter der Bezeichnung „Gutmensch“ – und wieso besitzt dieser ein „Imperium“?

Der Verfasser versteht darunter in schonungsloser Analyse die mehrheitliche Seelenlage vieler Menschen hierzulande. Professor Gerdsen bezeichnet diesen Menschentyp als vorrangig materialistisch und oberflächlich. Unnachdenklich halte man alles für gut, was der Zeitgeist diktiere.

Die Folge sei ein von der Technik dominiertes „kaltes Herz“. Gutmenschen halten ihre Meinungen aber unbekümmert für richtig; denn sie haben es nicht im Bewusstsein, dass sie die in der Presse vorgegebenen Trends nachplappern. Sie halten sich zwar für absolut frei, ohne es wirklich zu sein: „In ihnen lebt ein Teil einer Gruppenseele, die allen Gutmenschen gemeinsam ist.“ Aber weil sie viele sind, bilden sie gewissermaßen ein Imperium. „Gutmenschen empfinden eine globale Solidarität, die in einem die ganze Menschheit umfassenden Humanitarismus mündet.“ Daraus entstehe „Formlosigkeit, Gestaltlosigkeit und Strukturlosigkeit“ (S. 172).

Diese bedauernswerte Mitläuferei hat aber in den vergangenen 40 Jahren eine Minderung des kulturellen Niveaus zur Folge gehabt. Der Autor beschreibt, dass dieser Verlust letztlich eine lange Vorgeschichte hat, und zwar durch den schleichenden Glaubensverlust des Christentums seit dem 19. Jahrhundert unter den Nachwirkungen der Französischen Revolution.

Allerdings sei dann durch die sog. Studentenrevolte von 1968 die heutige Wirrnis manifest geworden. Auch die feministische Bewegung hält der Professor für einen Strukturauflöser: „Es ist ihr gelungen, die Tradition Ehe mit Kindern als Familie zu diskreditieren und damit zurückzudrängen. Damit einher gingen zunehmende Belastung für die Frauen und eine weitgehende Befreiung der Männer von Verantwortung. Die Folgen sind Kinderlosigkeit, Einsamkeit und Bitterkeit in weiten Teilen der Gesellschaft“ (S. 206).

Hier habe die Entfesselung der Strukturen in neomarxistischem Geist Schritt gefasst. Professor Gerdsen spricht in dieser Hinsicht von diabolischen Umtrieben mit einer Tendenz zur Lüge und Verschleierung. Sich damit zu identifizieren, das bedeute „geistiger Selbstmord“. Unter dem Einfluss der digitalen Medien bringe dieser Geist eine mangelnde Nachdenklichkeit des Menschen – eben den „Gutmenschen“ – hervor.

Um sich davon abzuheben, nimmt der Professor die Bibel, und zwar vornehmlich die Offenbarungen des Johannes als die in Bildern dargestellte Endzeit in Anspruch. Als Drache, der für den Antichristen die Strippen zieht (Offb 13), geht Diabolos – gestützt von der Mainstreampresse – z. Z. in „loderndem Zorn“ umher. Er erweist sich damit aber auch als ein Seelenvernichter.

Der Gutmensch durchschaut das nicht und verdrängt die ihn selbst angreifenden Folgen, die nun als „Burnout, Depression und Suchtkrankheiten“ in einem entsprechenden Ausmaß in Erscheinung getreten sind. Die fehlende Ausrichtung aus dem Christentum bringt dem nach „Political Correctness“ lebenden Menschen keine klare Orientierung.

Er könne so nämlich keine Distanz zu sich selbst aufbauen; denn die dem Glauben entfremdete Welt sei ja schließlich allein er selbst. Durch diesen Verlust einer tiefen, feinfühligen, natürlichen Befindlichkeit entstehe schließlich sogar eine Verdunkelung seines Bewusstseins. Dadurch wird der Mensch letztlich zu einem unfreien Wesen, indem sein Sinnen und Trachten materialisiert wird.

Diese geistige Diktatur zerstöre den Wesenskern des Menschen, sodass er auf animalisches Niveau herabsinke. Stattdessen proklamiert Gerdsen: „Die Wahrheit ist, dass der Mensch ein transzendentes Wesen ist, eine einmalige, einzigartige, ewige von Gott geschaffene geistige Individualität, die sich für die Dauer eines Lebens in einem menschlichen Leib inkarniert hat und die ihrem Schöpfer gegenüber verantwortlich ist“ (S. 141). Die Bestimmung des Menschen sei es deshalb, die Materie zu vergeistigen.

Was erwartet Peter Gerdsen mit seiner so tiefschürfenden, aus der Erfahrung gewonnenen Analyse vom Leser? Nun, gewiss nichts weniger als die Rückkehr zur Wahrheit: Die Abkehr von einer unbewussten Identifikation mit dem Lügengeist.

Die Lektüre dieses Buches lohnt sich in der Fülle all seiner Einzelheiten; denn es hält uns allen den Spiegel unserer Angefochtenheiten vor, ohne sich auf einen moralischen Thron zu setzen. Unausgesprochen, ebenso entsetzt wie bescheiden, steht zwischen den Zeilen eine Mahnung, wie sie in den oft zitierten Offenbarungen des Johannes als Motto über diesem Buch stehen könnte:

Und die Menschen „taten nicht Buße von den Werken ihrer Hände, dass sie nicht anbeteten die Dämonen und die goldenen und die silbernen und die kupfernen und die steinernen und die hölzernen Götzenbilder, die weder sehen, noch hören, noch gehen können. Und sie taten nicht Buße von ihren Mordtaten noch von ihren Zaubereien, noch von ihrer Hurerei, noch von ihren Diebstählen“ (Offb 9, 20-22).

Der weise Professor bekundet mit seinem Werk: „Christen müssen in dieser antichristlichen Zeit alle Kräfte des Glaubens und der Erkenntnis mobilisieren, um nicht unterzugehen“ (S. 39).

Bestellmöglichkeit hier: https://www.bod.de/buchshop/das-imperium-des-guten-peter-gerdsen-9783746056289

 


Die Keuschheit ermöglicht „sexuelle Selbstbestimmung“ statt Triebbestimmung

Mathias von Gersdorff

Am 22. September wird dieses Jahr erneut der “Marsch für das Leben” in Berlin stattfinden, bei dem für das Lebensrecht der Ungeborenen auf der Straße demonstriert wird.

Wie in den Jahren zuvor fühlen sich Radikalfeminist/innen von dieser Veranstaltung provoziert und rufen zu Gegendemonstrationen, Blockaden und Störungen auf. In den vergangenen Jahren konnten sie ca. 1500 linke Aktivisten mobilisieren. Das reicht, um den Marsch zu stören, jedoch nicht, um ihn ernsthaft zu beeinträchtigen oder gar zu blockieren.

Die wichtigste Gruppierung in diesem Kontext ist das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“. Deren Argumentation lautet: Wer Abtreibungen verbieten oder den Zugang erschweren will, greift das „Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper“ an.

Abtreibung müsse legal und leicht zugänglich sein, denn ansonsten könnte die Frau nicht „selbstbestimmt“, also nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen leben. Wird eine Frau „ungewollt“ schwanger, so solle sie frei entscheiden können, ob sie das Kind bekommt oder nicht.

Dieses Prinzip wird im Slogan „My Body, my choice“ zum Ausdruck gebracht. Früher verwendeten Abtreibungsaktivisten noch die deutsche Sprache und brüllten “Mein Bauch gehört mir!“.

Die angebliche „Selbstbestimmung“ erstreckt sich auch auf den Körper des ungeborenen Kindes, obwohl es eine andere Person als die Mutter ist. Die „Selbstbestimmung“ beinhaltet also eine Art Recht zum Töten des eigenen Kindes.

Dass der so definierte Begriff „sexuelle Selbstbestimmung“ barer Unsinn und sogar unlogisch ist, soll hier kurz erläutert werden:

1. Wenn eine Frau tatsächlich „selbstbestimmt“ lebt, könnte sie schlicht und ergreifend entscheiden, keinen Geschlechtsverkehr zu haben und damit von vornherein ausschließen, schwanger zu werden. Diese banale Tatsache aber kommt in den Aussagen der Feministinnen niemals vor.

Auf Geschlechtsverkehr zu verzichten, ist für sie keine Option. Das feministische Verständnis von „Selbstbestimmung“ beinhaltet impliziert hemmungslosen Sex, obwohl dadurch die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, stark ansteigt. Denn Verhütungsmittel sind nicht völlig sicher, abgesehen davon, dass irgendwann die sog. „Pillenmüdigkeit“ eintritt.
Wer aber der Auffassung ist, man müsse sich dem Geschlechtstrieb ohne Einschränkungen hingeben, lebt nicht „selbstbestimmt“, sondern unterwirft sich seinem Trieb. Dieser wird als so mächtig empfunden, dass man gar nicht anders kann, als diesem zu folgen. Der Wille ist zu schwach, sich dagegen zu wehren, so die feministische „Logik“. Dies bedeutet im Grunde genommen „Triebbestimmung“.
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2. Dass die Frau keine „Selbstbestimmung“ besitzt, zeigt auch die banale Tatsache, dass sie durch den Geschlechtsakt schwanger werden kann. Dem eigenen Körper interessiert nicht, was die Frau will: Sind die Voraussetzungen gegeben, dann wird sie schwanger, ob sie das will oder nicht. Das ist aber alles andere als „Selbstbestimmung“. Der Körper lässt sich nicht bestimmen, denn er folgt der Natur.

„Sexuelle Selbstbestimmung“ besitzt im Grunde nur, wer frei entscheiden kann, ob und wann er Geschlechtsverkehr hat und sich dabei nicht von seinem Trieb, sondern von einer sittlichen Norm leiten lässt.

Diese Norm ist für die katholische Kirche folgende: der Geschlechtsakt ist nur ethisch einwandfrei, wenn er innerhalb einer gültigen Ehe vollzogen wird und offen für neues Leben ist.

Keuschheit bezeichnet ein Leben nach dieser Norm, dem 6. Gebot Gottes in und außerhalb der Ehe. Die Tugend, die ein solches Leben ermöglicht, heißt Reinheit. Papst Paul VI. erklärte dazu: „Die Reinheit ist die Atmosphäre, in der die Liebe atmet.“

Wichtig ist dabei, zu beachten, dass der Geschlechtstrieb nicht entscheiden soll, ob und wann jemand den Eheakt vollzieht. Der Trieb ist lediglich eine Hilfe für den Vollzug. Der Mensch soll nicht ihm folgen, wie das eben Tiere tun, sondern immer souverän entscheiden, so die katholische Sexualethik.

Alle Religionen und Kulturen setzten Normen auf, die mehr oder weniger der katholischen Sittenlehre ähnelten. Der entscheidende Punkt aber ist immer: Der Mensch soll sich nicht willenlos seinem Trieb hingeben, sondern nach einem höheren Prinzip leben. Dies setzt voraus, dass er seine Triebe zügelt und diesem Prinzip unterordnet.

Erst die 1968er Revolte bzw. die sexuelle Revolution vertraten das Prinzip, der Mensch solle sich nicht nach Prinzipien orientieren, sondern wie ein Tier seinen Trieben hingeben. Die 1968er haben diese moralische Verkommenheit philosophisch zu rechtfertigen versucht.

Diese Verwahrlosung führt aber mitnichten zu einer „Selbstbestimmung“, sondern zu einer Versklavung –  und zwar unter die eigenen Triebe.

Am 22. September sollten die Abtreibungsaktivisten deshalb nicht „sexuelle Selbstbestimmung“, sondern „unfreie Triebbestimmung“ fordern.
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Unser Autor Mathias von Gersdorff aus Frankfurt leitet die Aktion „Kinder in Gefahr“ und schreibt aktuelle Artikel u .a. hier: http://mathias-von-gersdorff.blogspot.com/

Die fatale Hinterlassenschaft der 68er Kulturrevolution in der Bildungspolitik

Von Christa Meves

Im Zeitgeist ist eine neue Ära angebrochen. Die Geschlossenheit eines linken Hauptstroms ist glücklicherweise vorüber. In der stolzen Mehrheit der maßgeblichen Medienmacher ist eine leise bemerkbare Unsicherheit aufgebrochen.

Die Eindeutigkeit von zugelassenen Personen in der Öffentlichkeit und die Auswahl von Nachrichten, die der linken Lebenseinstellung entsprechen, wird brüchig. Die Hoffnung, vorrangig mit Gleichheitsideologie Wahlen zu gewinnen, schwindet zusehends und entbehrt dadurch immer mehr ihrer Durchschlagskraft.

Diese Situation wird unterstützt dadurch, dass es renommierte Verlage wieder wagen, auch Bücher zu publizieren, die sich als political-inkorrekt erweisen. Das neue Buch von Thilo Sarrazin ist damit keineswegs ein Einzelfall. 

Auf dem pädagogischen Sektor soll jetzt zunächst das Buch des langjährigen Präsidenten des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, empfohlen sein. In seinem neuen Werk „50 Jahre Umerziehung“ – Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“ ist glücklicherweise Schluss mit den Beschönigungen nach 50 Jahren dieser traurigen Revolte.

Es geht stattdessen um eine ungeschminkte Analyse der voll eingetretenen negativen Folgen auf dem gesellschaftlichen, vor allem aber auf dem schulischen Gebiet.

Dieser Oberstudiendirektor hat nicht nur über die Jahrzehnte hinweg die Folgen einer nach Proporz erstellten Kultusministerkonferenz in den schulischen Auswirkungen seufzend erleben müssen, er hat die einzelnen Ereignisse sogar so akribisch gesammelt, dass aus seinem Werk nun wirklich aus jeder Zeile nicht widerlegbare Kompetenz spricht.

Nach einem Teil gründlicher Analysen der einzelnen Umerziehungsphasen in der Bundesrepublik kommt dieser so genau recherchierende Autor zur Sache: den ideologischen und realen Hinterlassenschaften dieser Entfesselung der Strukturen.

Besonders erschreckend eindrucksvoll geht Josef Kraus – auf dem Boden seiner praktischen Erfahrungen – auf die pädagogischen Folgen der geistigen Entfesselung ein. So beschreibt dieser erfahrene Autor mit vielen Zahlen den desaströsen Bildungsabbau durch den Niveauverlust der Schüler in den beiden letzten Jahrzehnten.

Ironisch bezeichnet er die schulischen Veränderungen in den Lehrplänen als nicht eingetretene „Heilsversprechungen“. „Lernen ohne Anstrengungen“ hieß nun die Devise, „keine Kränkungen, kein Stress, ausschließlich selbstgesteuertes intrinsisches, hirnbasiertes Lernen! Kein Frontalunterricht! Keine Selektion! Und am Ende angeblich hochkompetente junge Leute, fit für das globale Haifischbecken.“

Dazu bringt der Berichterstatter Beispiele des zergehenden Wissenspotenzials der Schüler: 1972 hätten z. B. in Siegen Schüler der 4. Klasse durchschnittlich 6,9 Fehler gehabt. Heute seien es 12,2 Fehler  – und der Kommentator fügt hinzu: „Das ist ein Plus von 77 Prozent, also nicht weit weg von einer Verdoppelung.“

Und allgemeiner heißt es: Der Grundwortschatz der Schüler am Ende der 4. Grundschulklasse sei wegen der allgemeinen Niveauminderung nun von der Kultusministerkonferenz von noch 1100 Wörtern 1999 auf 700 Wörter heruntergefahren worden. Und der führende Pädagoge kommentiert: „Wo Sprache verarmt, da verarmt schließlich das Denken.“

Eine vernichtende Bilanz erhält die Gesamtschule. Sie erwies sich bereits unmittelbar nach ihrer Einführung in den 70er und 80er Jahren dem gegliederten Schulsystem als weit unterlegen. Zitat: „Auf die Idee aber, dass die Vision (Gesamtschule) nicht taugt, kommt man nicht.“

Grimmig resümiert Josef Kraus: „Beispiel Baden-Württemberg!…Das Ländle, das sonst bei Leistungsstudien immer zu den vier besten zu Deutschland gehört hatte, ist in kürzester Zeit vom Musterschüler zum Problemfall geworden, ob bei 15-Jährigen oder 10-Jährigen. Das frühere Vorzeigeland liegt nun nur knapp vor dem Schlusslicht Bremen.“

In diesem Rahmen ist nur eine knappe Empfehlung möglich, aber die Analyse des Werkes von Josef Kraus deckt die Fehlentwicklung in der Schulpädagogik der Bundesrepublik ungeschminkt auf.

Zum Schluss ruft der Autor dazu auf, eine „ideologiekritische Auseinandersetzung“ anzuberaumen – nun zwar im digitalen Zeitalter, aber mit einer kindgerechten Schule.

Buch-Daten: Kraus, J.: 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften, Berlin 2018 (19,90 €)

Grundsatzartikel über die 68er (Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Neomarxismus) von Studiendirekter Rudolf Willeke hier: https://charismatismus.wordpress.com/2018/09/07/die-ziele-der-68er-kulturrevolution-frankfurter-schule-und-kritische-theorie/


Die Ziele der 68er-Kulturrevolution, Frankfurter Schule und „Kritische Theorie“

Von Rudolf Willeke

Der bekannte Rechtsphilosoph und sozialdemokratische Justizminister der Weimarer Republik, Gustav Radbruch, hat den Satz formuliert: „Jede Idee, die der menschliche Geist erzeugt hat und den Kopf verläßt, also zur “Sprache kommt”, strebt danach, verwirklicht zu werden. Auf dem Wege der Verwirklichung verändert sie das Bewußtsein und die Gesellschaft.“

Diese Aussage erscheint zunächst banal, denn jedermann weiß, welche gesellschaftlichen und bewußtseinsmäßigen Folgen die Ideen etwa von Jesus Christus, von Martin Luther und Immanuel Kant oder von Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Wladimir I. Lenin hatten.

Der Satz ist gleichwohl beachtenswert, wenn man bedenkt, daß die Ideen, das gesamte Ideengebäude der Frankfurter Schule bisher kaum zur Kenntnis genommen wurden, so daß sich die Kulturrevolution ab 1968 hinter dem Rücken des kollektiven Bewußtseins vollziehen konnte und die Folgen nicht der eigentlichen (letzten) Ursache zugerechnet wurden, sondern dem namenlosen “Zeitgeist”, dem “Fortschritt”, der “Modernisierung”.

BILD: Linke Kundgebung in Münster mit dem bekannten Spruch der 68er

Die kulturrevolutionären Veränderungen infolge der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule liegen weit überwiegend im Bereich der gesellschaftlichen Institutionen, der Umwertung der Werte, der Umbegreifung der Begriffe und des praktischen Verhaltens der Menschen in der Gesellschaft.

Wenngleich die Kritische Theorie längst kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr ist, so ist ihr Einfluß auf die Wissenschaften, auf Gesellschaft und Politik nachhaltig, sie ist richtunggebend für die sozialdemokratisch-ökologische Politik und letztentscheidend für die “political correctness” in den Kommunikationsmedien der Gesellschaft und Kirchen.

I. Einführung zu den Begriffen Frankfurter Schule und Kritische Theorie

Eine philosophische Richtung wie die Frankfurter Schule besteht aus der Gemeinschaft der Lehrer- und Schülergeneration, die durch gemeinsame Grundanschauungen, durch gemeinsame Forschungsmethoden und Ziele miteinander verbunden sind und die sich mit einer Idee oder mit einem Programm identifizieren.

Die Namen Frankfurter Schule und Kritische Theorie hat Max Horkheimer in den frühen 30er Jahren erfunden und genutzt, um seine Position vom dogmatischen Marxismus abzugrenzen und um zu dokumentieren, daß die “Frankfurter” einen revisionistischen Marxismus (Neomarxismus) vertreten. Dogmatisch-orthodoxer Marxismus wurde in den 30er Jahren mit KPD und Stalinismus gleichgesetzt.

Zugleich wollte Horkheimer seiner Theorie eine ganz besondere Aura, ein unverwechselbares Merkmal der qualitativen Unterscheidung von anderen Theorien, etwa der Philosophie des Deutschen Idealismus, verleihen.

Die Kritische Theorie der Frankfurter Lehrer und Schüler meint ein Denken, das in einer offenen Form der marxistischen Tradition steht und das der Abschaffung von Herrschaft jeder Art verpflichtet ist. [1]

Für den bekannten Historiker Golo Mann, der in der amerikanischen Emigration sozusagen Hausnachbar von Horkheimer war, ist Kritische Theorie nichts anderes als »Marxismus für feine Leute«, also Intellektuelle.

Die Kritische Theorie unterscheidet sich grundlegend von traditionellen Theorien und Wissenschaften, die vom Interesse an Objektivität und Wahrheit geleitet sind; sie ist demgegenüber vom Interesse an Veränderung der bestehenden Gesellschaft geleitet und aus diesem Grunde an der Hervorbringung eines bestimmten Verhaltens, d.h. “Kritischen Verhaltens” interessiert.

Das erkenntnisleitende Interesse der “Frankfurter” ist auf Veränderung und kritisches Verhalten gerichtet; dieses zeige sich in dem bewußten Widerspruch gegen das gesellschaftliche Ganze. Die “Kritik” ist prinzipielle Kritik, d.h. eine Grundhaltung der Verneinung aller Wirklichkeit und zugleich Kampf gegen das Bestehende, also gegen die bürgerliche Gesellschaft im weitesten Sinne.

Die Kritische Theorie will die Wirklichkeit nicht beschreiben, sie will sie verändern, sie steht damit im polemischen Widerspruch zu allen traditionellen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie des Deutschen Idealismus.[2]

Damit ist schon angedeutet, daß die Gründerväter der Frankfurter Schule Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, aber auch deren frühe Mitarbeiter, etwa der Sexualtheoretiker und Sexualpolitiker Wilhelm Reich, der evangelische Religionsphilosoph und Theologe Paul Tillich, die Psychoanalytiker Erich Fromm und Alexander Mitscherlich und der marxistische Nationalökonom und KP-Funktionär Friedrich Pollock und viele andere keine neuen Ideen hervorbrachten oder verwirklichten, die Väter standen vielmehr auf den Schultern der geistigen Großväter, vor allem auf Karl Marx und Sigmund Freud, bzw. der geistigen Urgroßväter Jean-Jacques Rousseau und der Französischen Revolution von 1792 (nicht 1789).

Marx und Freud, beide prominente Vertreter des philosophischen Materialismus, nahmen die These Rousseaus auf, daß die »Zivilisation das Glück des Menschen, das ihm im Naturzustand zuteil wurde, zerstört und die Sitten verdorben habe«. Von Natur aus sei der Mensch gut, erst mit dem Privatbesitz, der eigentlichen Ursünde des Kapitalismus, seien Herrschaft und Unterdrückung und damit Unglück und Bosheit in die Welt gekommen.[3]

Allein durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln könne die Herrschaft von Menschen über Menschen endgültig beendet und eine menschenwürdige Gesellschaft – das Paradies auf Erden – errichtet werden.

Die Parole “Zurück zur Natur” findet heute noch ihren Widerhall in der Technikfeindlichkeit und ökologischen Besessenheit der Grün/Alternativen. Der marxistische Appell »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« lautet in der neomarxistischen Version “Intellektuelle aller Institutionen, emanzipiert euch!”

Während der Marxismus/Sozialismus an die ökonomisch-sozial verelendeten Proletarier appellierte und eine Arbeiterbewegung in Gang setzte, die die Basis (Produktionsverhältnisse) ändern, vielleicht sogar mit Gewalt umstürzen (revolutionieren) sollte, wendet sich der Neomarxismus der “Frankfurter” an die intellektuell und psychosozial verelendeten Subjekte im Bildungssystem, d.h. im kulturellen Oberbau.

Er bewirkte 1968 eine Studentenbewegung, die den kulturellen Oberbau revolutionieren, d.h. eine Kulturrevolution durchführen sollte.

Die gesamte Programmatik der Frankfurter Schule und der neu-linken Bewegung läßt sich als Kulturrevolution, als Umbau des Menschen, seiner Psyche, seines Denkens und Strebens und seines Lebens, als Umbau der Institutionen, die das menschliche Bewußtsein und Verhalten prägen sowie als Umwälzung der gesamten Kultur und Zivilisation beschreiben.

Die Studentenrevolte von 1968 war kein Randphänomen der Gesellschaft, sondern eine wirkliche Revolution.

Da es unmöglich ist und auch nicht der Anschein erweckt werden soll, das Ideen- und Lehrgebäude der “Frankfurter”, das aus mehr als 40 Büchern, 50 Aufsätzen und Tausenden von Brief- und Manuskriptseiten besteht[4], angemessen darstellen zu wollen, werden nur einige zentrale Thesen der Kritischen Theorie herausgegriffen.

Wenn im folgenden undifferenziert von der Frankfurter Schule gesprochen wird, ist immer einer der vier Gründer gemeint. Eine differenzierte Darstellung der einzelnen Positionen ist in der von mir mitherausgegebenen Broschüre [5] vorgenommen worden.

II. Vier zentrale Thesen der Kritischen Theorie

Die Kritische Theorie ist nach Auffassung der “Frankfurter” eine alles umfassende, alles erklärende Theorie. Sie will sowohl Religions- als auch Gesellschaftsphilosophie, ebenso Theorie der Menschwerdung (Ontogenese) wie Moralphilosophie, Geschichts-, Kultur-, Musik- und Kommunikationstheorie sein. Sie stellt den Anspruch, eine Theorie der Wahrheit zu sein und damit die gesamte vorausgehende Philosophie von Thomas von Aquin bis Kant und Hegel zu überbieten und abzulösen.

1. Die religionsphilosophische These: Gott ist eine falsche Hypothese, Theologie ist sinnlos

Für Horkheimer wie für Habermas steht fest, daß Gott durch die tatsächliche Geschichte, durch die modernen Naturwissenschaften (Evolutionismus/Darwinismus) sowie durch den (dogmatischen) Marxismus widerlegt ist.

Das Christentum ist für Horkheimer eine Lüge,[6] die Wiederbelebung der heidnischen Mythologie in Deutschland während des Dritten Reiches nichts anderes als Polytheismus. Nicht Gott, sondern der Mensch sei das höchste Wesen (Feuerbach), und der Nächste sei das Volk, die Gesellschaft, die Menschengattung.

Horkheimer und Adorno teilen die Auffassung, daß die entscheidenden Fragen der Metaphysik nur negativ, d. h. nur verneinend, aufhebend beantwortet werden können, dementsprechend gebe es nur negative (bestreitende, verneinende) Theologie.

Adorno, der getaufter Jude war, ist –  wie Habermas betont –  völlig standhaft und unerschütterlich Atheist geblieben.

Für Habermas, vom Elternhaus her evangelischer Christ, ist Gott eine falsche Hypothese [7] – geschichtlich überholt, wissenschaftlich widerlegt. Gott ist vielmehr, wie Ludwig Feuerbach vor ihm schon behauptete, eine Projektion des leidenden Menschen an den Himmel, also Phantasieprodukt des Menschen. Der Mensch hat sich seinen Gott geschaffen, weil er ein Bedürfnis nach ihm hatte.

Nach Habermas [8] ist das Zeitalter der Hochreligionen und die Epoche des metaphysischen Denkens vorbei. Das Christentum sei kein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr, die neue “wissenschaftliche Weltanschauung”  –  der Darwinismus/ Evolutionismus  –  habe dem Christentum den Rang streitig gemacht, wissenschaftliche Aufklärung habe das unaufgeklärt-mythische Bewußtsein aufgelöst, die religiöse Welt insgesamt “entzaubert” und jede religiös begründete Ethik wie Lehmbröckchen zwischen den Fingerspitzen zerrieben.

Das moderne, nachmetaphysische Denken bestreite keine bestimmten Behauptungen der Theologen oder Metaphysiker, es behaupte vielmehr deren Sinnlosigkeit. Sinnlos ist das Nachdenken über Gott deshalb, weil Gott in der Kritischen Theorie nicht real existiert, sondern nur ein Phantasieprodukt leidender Menschen ist. Theologie als Nachdenken und Reden über Gott ist dann eben nur Reden über nichts oder über menschliche Einbildungen.

Die “Moderne” oder das nach-metaphysische Zeitalter sei die Epoche des Massenatheismus: die katholische Kirche sei in mehrere Konfessionen und in eine Unzahl von Denominationen zersplittert, und alle moderne Theologie sei Schrumpfungsprozeß, der zur Auflösung führe, weil diese “moderne” Theologie die Unterschiede
zwischen Heils- und Weltgeschichte,
zwischen Diesseits und Jenseits,
zwischen Kirche und Welt,
zwischen Theologie und Soziologie,
zwischen Seelsorge und Psychologie,
zwischen Christen und Nichtchristen,
also den überlieferten Dualismus,
einebne.

Mit dieser Zustandsbeschreibung von 1974 hat Habermas sogar recht behalten. Habermas hält es schließlich für gerechtfertigt (und notwendig), daß überall dort, wo in der idealistischen Philosophie “Gott” gedacht oder geschrieben wurde, “Mensch” oder “menschliche Gattung” einzusetzen sei. Damit wird Gott entthront, der Mensch bzw. die Gesellschaft dagegen werden vergöttlicht.

Wenn ein dogmatischer Marxist gefragt wird, wie ein “Sozialist” die Frage nach Gott beantworten würde, würde er mit Karl Marx antworten, der “sozialistische Mensch” sei so, daß er diese Frage nicht mehr stelle.

Zusammenfassung:

Der Neomarxismus der “Frankfurter” ist seinem Selbstverständnis nach anti-idealistische, materialistische Philosophie, sie ist anti-metaphysische, atheistische Philosophie und damit zugleich Negation des christlich-abendländischen Denkens, unvereinbar mit christlicher Theologie. Das radikal emanzipatorische Konzept der “Frankfurter” ist immanentistisch und widerstreitet übers Ganze dem Konzept christlicher Theologie von Erlösung und Befreiung.

Die Kritische Theorie ersetzt “Gott” durch “Gesellschaft”, sie vergesellschaftet Gott und divinisiert die Gesellschaft als das Subjekt der Geschichte. Die Kritische Theorie ist materialistische Religion, Selbsterlösungsglaube, profaner Messianismus.

Die konsequentesten Nach-Denker der Kritischen Theorie sind im Bereich Theologie und Metaphysik Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann, ferner auf katholischer Seite Eugen Drewermann und auf evangelischer der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann. [9]

Ihre Theologie ist negatorisch, verneinend-bestreitend. Die Mode- oder auch Genitiv-Theologien wie z.B. die “Theologie der Revolution”,[10] die “Befreiungstheologie”,[11] die “Politische Theologie”[12] und die “Theologien des Feminismus”[13] wären ohne die Kritische Theorie nicht denkbar.

Wenn Gott eine falsche Hypothese ist, wenn Gott tot ist, wie es nun sogar Theologen, z. B. die evangelische Theologin Dorothee Sölle, verkünden, wenn Gott nur eine Projektion des leidenden Menschen ist oder wenn wir selbst gemäß dem kommunistischen Programm Gott aus unserem Denken und aus der Gesellschaft vertreiben, dann müssen wir unsere Religion vergessen, ad acta legen, weil sie lediglich unaufgeklärt-mythisches Bewußtsein widerspiegelt, weil sie anachronistisch geworden ist und weil sie falsche “herrschaftslegitimierende Weltbilder” erzeugt.

Mit der Abschaffung der “religio” müßten wir neu darüber nachdenken, wie man im nach-metaphysischen Zeitalter (ohne Gott) atheistisch-religiös leben kann. 

Wenn Gott tot ist oder wir ihn mit den “Frankfurtern” und Sölle für tot erklären, dann bedeutet das die Wiederbelebung des nietzscheanischen oder des Schopenhauerschen Nihilismus/Atheismus, dann bedeutet das, wie Habermas mit einer gewissen Häme formuliert hat, die Absage an Sinn: [14]

„Sinn ist eine knappe und immer knapper werdende Ressource.“

Ohne den obersten (absoluten) Wert (Gott) verlieren alle Werte und alle Orientierungen an Bedeutung: Warum etwa sollen wir gut sein und nicht böse, warum sollten wir die Zehn Gebote oder die Normen der Bergpredigt beachten, wenn die Antwort dahinter nicht immer wieder lautete: weil Gott selbst es so gewollt, geordnet, für richtig befunden hat.

Der standhaft atheistische Philosoph Jean-Paul Sartre beantwortet die Frage nach Gott sinngemäß wie folgt: Wenn er nicht existiert, dann ist die Geschichte eines jeden Menschen eine Geschichte des Scheiterns, dann ist menschliches Leben absurd, dann bliebe nur die Verzweiflung, die nackte Angst, der Strick. Wenn es keinen Gott gibt, heißt es bei dem großen christlichen Denker Rußlands Fjodor Dostojewski an zentraler Stelle, dann ist alles erlaubt, wenn Gott tot ist, so kann es kein Glück mehr geben.

Die Rezeption der religionsphilosophischen These der Kritischen Theorie in die Theologie kann die Frankfurter Schule als ganz unerwarteten, aber ganz großen “Erfolg” verbuchen, die Folgen sind gar nicht zu übersehen. Wo immer das Christentum zurückgedrängt wird oder zurückweicht, besetzen der Islamismus, die Gnosis oder Esoterik, mehr und mehr auch der Buddhismus und Okkultismus die gesellschaftlichen Leerstellen.

2. Die anthropologische/erziehungsphilosophische These

Der verzweifelte Zustand der Gesellschaft wird am Subjekt deutlich. Die Frankfurter stellen dem “alten” bürgerlichen Menschen mit seiner Menschenwürde, der in Familien zu einem gewissensorientierten moralischen Verhalten erzogen wurde, den “neuen”, ganz anderen Verhaltenstypus gegenüber, der in “alternativen” Institutionen mit neuen wissenschaftlichen Methoden und nach neuen Leitbildern (Lebensentwürfen) erzogen werden soll.

Deshalb kritisieren sie den “alten” Menschen als kapitalistisch deformiert und psychisch krank, während sie den “neuen” Menschen als Ideal entwerfen. Nur diesem “neuen” Menschen mit den kollektiven Ich-Strukturen trauen die Frankfurter die Rebellion gegen das Bestehende, die Veränderung der von ihnen gehaßten gesellschaftlichen Strukturen und ein Leben unter sozialistischen Bedingungen zu.

Die Kritische Theorie hat insgesamt ein negatives Verhältnis zum Individuum, der Mensch der bürgerlichen Epoche sei das Produkt kapitalistischer Produktions- und patriarchalischer Gewaltverhältnisse: „Das Über-Ich, im eigenen Hause ohnmächtig, wird zum Henker in der Gesellschaft.“[15]

Die Kritik ist bei Adorno besonders schrill, empört [16] und radikal, wenn er etwa formuliert: Das Subjekt ist die Lüge […], die Menschen, keiner ausgeschlossen, sind überhaupt noch nicht sie selbst.“[17]   „Der Mensch ist ein Raubtier.“[18]

Das Individuum sei dem Idol “Herrschaft” geopfert worden und damit verschwunden. Das “Ich” des bürgerlichen Typus sei nichts anderes als die Verinnerlichung von Herrschaft und Unterdrückung, durch das Gewissen habe der Mensch Herrschaft über sich selbst errichtet. Adorno weiter: „Das Gewissen ist das Schandmal einer unfreien Gesellschaft.“ [19]

Die ganze Argumentation gegen den “alten” zu überwindenden Menschen gipfelt in dem Satz: Schizophrenie ist die geschichtsphilosophische Wahrheit übers Subjekt und in dem Appell, das Subjekt aufzulösen, in die Dissoziation und frühkindliche Unordnung von Es, Ich und Über-Ich zurückzustürzen, in einen Entwicklungszustand also, der noch von keinem festen Ich gesteuert wird.

Hier wird deutlich, daß Adorno und mit ihm die Links-Freudianer die Freudschen Begriffe verwenden und gegen die Freudschen Intentionen argumentieren, also nicht zur Stärkung oder Restabilisierung, sondern zur Destabilisierung der Bildungssubjekte aufrufen.

Die Grundidee, das Leitbild des “neuen” Menschen, ist bei Marcuse der orphisch-narzißtische Mensch. Marcuse wählt dieses Bild aus der griechischen Mythologie mit Bedacht, um es mit dem Gegenbild von König Ödipus zu konfrontieren.

Im sogenannten ödipalen Konflikt mit der Vater-Autorität verschafft sich der heranwachsende Mensch nach Freud eine eigene Geschlechtsidentität, ein frei bejahtes Gewissen, eine positive Einstellung zur zeugenden Sexualität.

Orpheus und Narziß dagegen stehen für vorödipale, infantil-anarchische Sexualität: Orpheus ist der Sänger, der befreit ist vom Druck der Zeit und der Arbeit, der nur noch singt. Und Narziß ist der in seine eigene Schönheit verliebte Jüngling, der sich selbst im Spiegel des Sees zu ergreifen versucht und dabei ertrinkt. Orpheus und Narziß sind für Adorno die Urbilder der “Großen Weigerung”:
der Verweigerung des ödipalen Konfliktes,
der Verweigerung des Leistungsprinzips,
der Verweigerung zeugender Sexualität.

Marcuse fordert nichts weniger als die Regression, pointierter noch, die Retrogression des Menschen zur frühkindlichen (strukturlosen, polymorph-perversen) Sexualität.
Das Ziel Marcuses ist die Zerstörung des Leistungsprinzips:Das wäre der “erlöste” Mensch, der auch vom Ich erlöst und in dem alle Transzendenz zur Ruhe gekommen ist.“ [20]

Marcuse plädiert deshalb für die Freigabe der Perversionen; geschlechtliche Perversionen sind für ihn Urbilder völliger Freiheit und Erfüllung.

Wilhelm Reich zusammen mit Marcuse versprechen den Intellektuellen die “Erlösung” durch die sexuelle Revolution.[21]

Von diesem Plädoyer (1966) über die ministeriellen Richtlinien für die Sexualerziehung in den Schulen (ab 1972), über die grundlegende Veränderung des deutschen Sexualstrafrechts (ab 1976) bis zur gesetzlichen Gleichstellung der homosexuellen Beziehungen mit den heterosexuellen Ehepaaren im Bürgerlichen Gesetzbuch (1999) dauerte der “mühsame Marsch durch die Institutionen”, setzte sich die Erfolgsserie der Frankfurter gegen die bürgerliche Gesellschaft christlicher Prägung durch.

Das tiefgehend gewandelte Rechts- und Sittlichkeitsbewußtsein der Deutschen – massenhafte Abtreibung, verbreitete Kinderschändung, Pornographie in allen Medien und “Verschweinung der Gesellschaft” – sind Ursache bzw. Folge dieses beispiellosen Erfolges.

Das Bild, das Habermas vom “neuen” sozialistischen Menschen zeichnet, läßt sich mit folgenden wichtigen Elementen skizzieren:
a) kollektive Ich-Strukturen,
b) reziprokes “demokratisches” Verhalten,
c) kommunikative Ethik.

Dieser “neue” Mensch wäre homo communicativus:

Der “neue” Mensch verdankt seine Ich-Identität nicht mehr seiner Familie, er identifiziert sich nicht mit Vater und Mutter [22], sondern mit Kommunikationspartnern in der Kindertagesstätte, in der Ganztagsschule, im gruppendynamischen Labor oder in der “peer-group”.

Homo communicativus verdankt sich ganz dem gesellschaftlichen Kollektiv, er ist alles durch die Gesellschaft und alles für die Gesellschaft.

Er bindet sich nicht mehr an bestimmte Glaubensinhalte oder Werte, auch nicht an bestimmte Moral- oder Gesetzesnormen wie etwa die Zehn Gebote oder die Normen des Strafgesetzbuches, er folgt nur noch den Verhaltenserwartungen des Kommunikationspartners. Von allen Bindungen und Verbindlichkeiten hat er sich erfolgreich distanziert und emanzipiert.

Homo communicativus hat die christlichen Verhaltensnormen der Zehn Gebote ebenso wie die der Bergpredigt und die Goldene Regel “Was du nicht willst, daß man es dir tu, das füg auch keinem anderen zu” als repressiv durchschaut und hinter sich gelassen.

Für den Kantischen Kategorischen Imperativ vernunftgeleiteten Verhaltens “Handle stets so, daß die Maxime deines Handelns ein allgemeines Gesetz werden könnte” kann der “neue” Mensch nur noch ein müdes Lächeln aufbringen; denn alle diese Normen unterdrücken die menschlichen Bedürfnisse oder lassen weniger Bedürfnisse zur Befriedigung zu als nach dem Stande der Produktion (objektiv) unterdrückt werden müssen.

Homo communicativus erkennt nur noch eine einzige Verhaltensregel als verbindlich an, diese lautet:

“Ich verhalte mich stets so, wie der Andere es von mir erwartet, weil auch der Andere (der jeweilige Kommunikationspartner) sich stets so verhält, wie ich es von ihm erwarte”, d. h. vollständig reziprok (“demokratisch”).[23]

Habermas nennt diese neue kommunikative Moral auch “universalistische Moral”, weil sie sich in der ganzen Welt als verbindlich durchsetzen soll.

Während sich Bürger und Christen an ihr Gewissen binden und sich selbst “bestrafen”, wenn sie den Verhaltenserwartungen des Gewissens nicht nachgekommen sind, orientiert sich homo communicativus an den Verhaltenserwartungen des Außenstehenden. Das gewissensgesteuerte – theonome – Verhalten wird gegen ein gesellschafts- bzw. kollektivgesteuertes – heteronomes – Verhalten ausgewechselt. Für autonomes Verhalten, d. h. aus Freiheit generiertes Verhalten, ist dann kein Platz mehr. [24]

Habermas ist es gelungen, eine Ethik zu formulieren und zu propagieren, die von “erlösungsreligiösen Grundlagen entkoppelt” ist.

Man kann diese Ethik kommunikative oder auch “hedonistische” Moral nennen, weil sie erlaubt, was den beiden Partnern nutzt, was ihnen Vergnügen bereitet. Absolut Böses gibt es danach nicht. Dieser “neue” Mensch mit den kollektiven Ich-Strukturen, der kommunikativen Moral und dem reziproken Verhaltensrepertoire wird seit den 60er Jahren millionenfach in sog. Rollenspielen und gruppendynamischen Labors erzeugt: aus Bürgern werden “Encounter-Konvertiten”, die ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben haben.

3. Die Faschismusthese: Die Familie ist Ursache des “autoritären Charakters” und des Faschismus

Horkheimers Kritik an Ehe und Familie, die der Christ als “Kirche im Kleinen” und der Staatsbürger als “Zelle des Staates” betrachtet, ist besonders aggressiv und polemisch:
Die Ehe sei geschichtlich überholt, sie verliere immer mehr an Bedeutung[25], in der Ehe räume die Lust vor der Pflicht das Feld, in der gegenwärtigen Gesellschaft sei die Lust in die Zote und in die Prostitution verbannt.

Diese Kritik versteigt sich zu der These Horkheimers, die Familie sei die massenpsychologische Grundlage des Faschismus.[26]

In der Familie werde nämlich mit Autorität erzogen und aus dieser autoritätsbezogenen Erziehung gehe der “autoritäre Charakter”, die autoritäre Persönlichkeit, der Typus des Untertanen und Undemokraten hervor, der schon in der Familie gelernt habe, nach “oben” zu katzbuckeln und nach “unten” seine Untergebenen zu treten.

Gegen diesen “autoritären Charakter” fordert Marcuse die Erziehung des anti-autoritären Charakters,[27] eines Menschentypus also, der sich allen Erwartungen und Verpflichtungen der Gesellschaft verweigert und der nur seinen eigenen Bedürfnissen nachgeht.
Lustprinzip gegen Leistungsprinzip heißt die Erziehungsdevise der Frankfurter. Deshalb fordern sie die Erziehungsdiktatur.

Die Familie ist nach Horkheimer nur “kultureller Kitt”[28], Klebstoff also, mit dem das an sich längst brüchig gewordene kapitalistische System notdürftig zusammengehalten und vor dem überfälligen und endgültigen Einsturz bewahrt werde.

Horkheimer hat ganz im Gegensatz zu unseren gegenwärtigen Familienpolitikern erkannt, daß die Familie tatsächlich den Kern der bürgerlichen Gesellschaft bzw. die Mitte des Christentums und der Kultur darstellt. Richtig ist auch, daß diese christlich-bürgerliche Kultur und Gesellschaft, die bewußt als unmoralisch und inhuman diffamiert werden, zusammenbrechen werden, wenn ihnen die Familie entzogen wird.

Den Beweis dafür hat die chinesische Kulturrevolution nach 1949 erbracht.
Der heutige theologische und politische Feminismus wird von Habermas als (vorerst) letzter Versuch angesehen, der Familie das Leben in der Gesellschaft zu erschweren und die Kulturrevolution zu vollenden, anstatt auslaufen zu lassen.

Zu den familienfeindlichen und anti-autoritären Tendenzen in Gesellschaft und Staat, in Schule und Kirche können hier nur einige Stichpunkte genannt werden, die eigentlich in ihrem ideepolitischen Zusammenhang dargestellt werden müßten:
Das Scheidungsrecht berücksichtigt die Schuldfrage nicht mehr.
Fast jede dritte Ehe wird geschieden.
Die Zahl der Eheschließungen geht zurück.
Die Zahl der Alleinerziehenden steigt.
Die Zahl der Kinder je Ehe sinkt gegen 1.
Die Zahl der Scheidungswaisen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt.
Das Mehrwertsteuerrecht benachteiligt Familien mit Kindern.
Familien werden im Steuerrecht 20 Jahre lang benachteiligt.

Die Kriminalität steigt allgemein, die Kriminalität der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden steigt explosionsartig.
Die hohe und steigende Zahl der Ehescheidungen pro Jahr, die hohe und wachsende Zahl von in nicht legalisierten Gemeinschaften lebenden Männern und Frauen und die steigende Zahl von homosexuell zusammenlebenden Partnern zeigt die zunehmende Distanzierung der jungen Generation von der Institution Ehe/Familie und von den mit dieser Institution im Zusammenhang stehenden Normen und Werten (z.B. eheliche Treue, lebenslängliche Monogamie, Homosexualitätsverdikt).

4. Die gesellschafts- und die geschichtsphilosophische These: Das Ganze ist falsch, der Geist der Geschichte = die permanente Katastrophe

Für Horkheimer ist die Gesellschaft in Deutschland eine Klassengesellschaft, in der es sich wenige auf Kosten der vielen gut gehen lassen. [29]

Diese These von Marx haben die Frankfurter nicht auf sich selbst bezogen, obgleich sie alle aus großbürgerlichen Verhältnissen stammten und mit einem Millionenvermögen den Krieg und die Emigration “gut” überstehen konnten.

Die industrielle Gesellschaft sei nicht die Gesellschaft freier Menschen, sondern eine Gesellschaft totaler Unterdrückung und totaler Herrschaft. In der Gesellschaft herrsche die tote Arbeit (Maschine, Kapital) über die lebendige Arbeit (Arbeiter, Mensch). Ursache dieser total gewordenen Herrschaft und Unterdrückung ist nach Horkheimer die Technik. Diese Technik versklave den Menschen und deformiere sein Denken und sein Bewußtsein. Der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft folge daher nicht mehr der humanen, sondern der instrumentellen Vernunft.[30]

Der gesamte technische Fortschritt wird von Horkheimer als ein unendlicher Prozeß der Entmenschlichung beschrieben. Alle versuchten, wohlmeinenden gesellschaftlichen Reformen könnten an diesem Prozeß nichts verändern, sie könnten lediglich das bestehende, kapitalistische System stabilisieren. Nicht Reform, sondern Totalveränderung des Bestehenden heißt die gesellschaftspolitische Devise der Frankfurter.

Die Gesellschaftsanalyse von Habermas läßt sich mit “Verfall” überschreiben. Er spricht von ökonomischen Krisen, die das kapitalistische System ständig erschütterten, aber nicht verhindert werden könnten, von Sinnkrisen, die dem System die motivierenden Kräfte entzögen und von Legitimationskrisen.

Legitimationskrisen entstehen nach Habermas immer dann, wenn die im Staate und in den gesellschaftlichen Institutionen Herrschenden ihr eigenes Tun nicht mehr legitimieren können.
Alle diese Teilkrisen zusammen könnten das System von Herrschaft und Unterdrückung in eine Systemkrise stürzen und damit in den Zusammenbruch des Kapitalismus führen.[31]

Diese technikfeindliche Grundströmung in unserer Gesellschaft führt den “Grünen” ein Wählerpotential von 10%, führt “Greenpeace” und den Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden finanzielle und humane Ressourcen zu und macht die Ökologie zum Staatsziel Nr. 1 und zur alles in ihren Bann schlagenden Ideologie.[32]

Das Bild, das Horkheimer von der “neuen” sozialistischen Gesellschaft zeichnet, ist unklar und höchst widersprüchlich. Einerseits soll es eine Gesellschaft des Genusses [33] sein, in der Triebregungen nicht mehr unterdrückt und verpönt sind (Paradies oder Schlaraffenland), andererseits ist alles geplant und nichts den Kräften des Marktes (Angebot und Nachfrage) überlassen – also strikte Plan- und Staatswirtschaft wie im Kommunismus. An anderer Stelle verspricht Horkheimer den Intellektuellen und studentischen Rebellen die “herrschaftsfreie Gesellschaft”, in der das “Prinzip Herrschaft” endgültig gebrochen sei.

Bei Habermas ist die paradiesisch-sozialistische Gesellschaft exakt umschrieben, hier können nur einige Elemente herausgestellt werden:
alle Bedürfnisse sollen chancengleich zugelassen und befriedigt werden;
alle durch Herrschaft verzerrten Kommunikationsstrukturen der jetzigen Gesellschaft sollen durch den “herrschaftsfreien Diskurs” der Vernünftigen und “Aufgeklärten” abgelöst werden;
alle Machtansprüche müßten sich ständig rechtfertigen.[34]

Habermas fordert und verspricht wie Horkheimer die (völlig) herrschaftsfreie Gesellschaft.
Diese Perspektive bedarf der kritischen Anmerkung: Wenn niemand herrscht, wenn weder der Staat noch die Gesetze herrschen dürfen, dann herrschen alle, dann herrschen insbesondere die Mächtigeren, die Kräftigeren, die Durchsetzungsfähigeren. In der herrschaftsfreien Gesellschaft herrscht das Prinzip homo homini lupus, bzw. bellum omnium contra omnes, herrschen Anarchie und das Recht des Stärkeren.

BILD: Buchtitel „Kulturbruch 68“ von Dr. Karlheinz Weißmann

Auch Adorno macht in seiner Gesellschaftsanalyse das Prinzip Herrschaft verantwortlich für den katastrophalen Ablauf der Geschichte und für die apokalyptische Zukunft der Kultur. In seinem geschichtsphilosophischen Hauptwerk Negative Dialektik zeichnet er den ganzen Weg der Menschheitsgeschichte nach.[17]Anfang der Geschichte habe der Mensch versucht, sich von den Naturgewalten zu emanzipieren.

Bei diesem Befreiungskampf sei dem Menschen die Maschine und die Technologie zu Hilfe gekommen. Der Mensch sei zunächst Herr über die Natur und Herr über die Technik gewesen. Bis genau zu diesem Zeitpunkt der Emanzipation des Menschen von den Mächten der Natur sei der Geschichtsprozeß positiv-dialektisch verlaufen.

Dann aber sei mit der Erfindung der Maschine und der Industrie der Umschlag ins Negative erfolgt: Der Mensch, der die Maschine/Technik erfunden und sich dienstbar gemacht hatte, mußte fortan die Maschine bedienen, mußte sich den Sachzwängen und Gesetzen der Technik und Industrie unterwerfen. Je mehr er sich von der Natur emanzipieren wollte, um so mehr geriet und gerät er unter die Herrschaft und Sklaverei des industriellen Systems.

Herrschaft ist nach Adorno total geworden:
in den Betrieben herrsche die Technik über den Menschen;
in den gesellschaftlichen Institutionen (Familie, Schule, Kirche, Betrieb, Klinik, Bundeswehr) herrsche der Mensch über Menschen;
in seinem Gewissen habe der Mensch Herrschaft über sich selbst errichtet.

“Auschwitz” war also kein Betriebsunfall der Geschichte: »Jeder technische Fortschritt ist ein Fortschreiten in Richtung Abgrund und Katastrophe.«

Das ist die tief pessimistische und deprimierende Botschaft der Frankfurter: der Mensch wird vom Subjekt der Naturbeherrschung zum Objekt total gewordener Herrschaft und Unterdrückung. Aber jedes Zurück bringt ihn erneut unter die Herrschaft der Natur.

Im Hinblick auf diesen geschichtlich-gesellschaftlichen Circulus vitiosus von Emanzipation und Unterdrückung formuliert Adorno den radikalen, an die Wurzeln der Gesellschaft gehenden Satz: Das Ganze ist falsch, die Gesellschaft ist zum Unheil gewuchert [35], sie ist ein unendlicher Fortschritt im Falschen, der Geist der Geschichte ist die permanente Katastrophe, absolute Negativität ist absehbar und überrascht keinen mehr.

Aus dieser Analyse folgert Adorno die Befürwortung der Anarchie, des anarchistischem Aufstandes gegen den technischen Fortschritt, weil nur der Ausstieg aus dem System das Prinzip Herrschaft durchbrechen könne.

Dieses Motiv des Ausstiegs und der Rebellion gegen die Technologie treibt die Grünen” und die Greenpeace-Organisationen zu Handlungen gegen den technologischen Fortschritt.
Ich darf auch daran erinnern, daß bekannte Repräsentanten des sogenannten Militärisch-Industriellen Komplexes (Beckurtz, v. Braunmühl, Herrhausen, Ponto, Schleyer sowie deren begleitende Polizeibeamte) aus eben diesem Motiv von zum Teil akademisch gebildeten Anhängern der Rote Armee Fraktion ermordet wurden.

Bei dem Kampf gegen das Prinzip Herrschaft stehen die Frankfurter auf Seiten der Befürworter der Gewalt.

Marcuse [36] unterscheidet zwei Formen der Gewalt: Auf der einen Seite stehe die »institutionalisierte Gewalt« des Establishments, des Staates, der Institutionen und der Gesetze. Diese Gewalt bezeichnet er als »Gewalt der Unterdrückung«, als »Gewalt der Aggression«, sie stehe im Dienste des geltenden Rechts, sie sei daher »legale Gewalt«, zugleich aber auch »illegitime Gewalt«, weil sie den Menschen in der Gesellschaft die Freiheit, die Befreiung von Herrschaft und Unterdrückung vorenthalte.

Der institutionalisierten Gewalt stehe die 2. Form, die »Gewalt des Widerstandes« gegenüber, die Marcuse auch als »Gewalt der Befreiung« oder als »Gewalt der Verteidigung des Lebens« bezeichnet.

Diese Gegengewalt gegen den Staat sei nach geltendem Recht (Gesetz) notwendigerweise illegal, aber sie sei legitime Gewalt, weil sie auf Befreiung (Emanzipation) vom Bestehenden abziele. Marcuse erklärt, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein »Naturrecht« auf Widerstand gibt und daß außergesetzliche Mittel (Gewalt gegen Sachen/Personen) angewendet werden müssen, sobald sich die gesetzlichen als unzulänglich herausgestellt haben. [37]

Wenn die unterdrückten Minderheiten Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern sie zerbrechen die etablierte (Gewalt), d. h. die Gewalt des Staates, der Gesetze. Und Marcuse weiter: Kein Dritter, am allerwenigsten der Erzieher und Intellektuelle habe das Recht, den Aufständischen, den Gewalttätern Enthaltsamkeit (von Gewalt) zu predigen. Die Botschaft der Frankfurter lautet also: In bestimmten Situationen hat Gewalt mehr Recht als das Recht, das sie bricht.

Diese Heilslehre Marcuses wurde von der Linken als Kampfanweisung gegen den demokratisch legitimierten Rechtsstaat aufgefaßt und umgesetzt.
Seit Verkündung dieser Botschaft wird in politischen Kreisen öffentlicher Diskurs darüber geführt, welche Gewalt illegal, aber legitim bzw. legal, aber illegitim sei und ob Gewalt auch gegen Personen legitim sei. Gewalttäter “mit politischem Hintergrund” können mit mehr Nachsicht der Gerichte rechnen.[38]

Seit Verkündung dieser Botschaft sind Sitzblockaden vor Kernkraftwerken, Munitionsdepots der Bundeswehr oder auf Gleisen der Bundesbahn keine illegale Gewalt (Nötigung), sondern legitim (Recht der freien Meinungsäußerung) und “Befreiung” vom “Atomstaat” bzw. von der “Plutoniumswirtschaft”.

Der Rechtsstaat Deutschland verlangte nicht die Auslieferung des kommunistischen Kurdenführers Öcalan, der unter dem Verdacht des mehrfachen Mordes stand, weil die Bundesregierung die Gewalt der bei uns Gastrecht genießenden PKK-Kurden befürchten mußte und weil die Kurden lediglich die “Befreiung” Kurdistans von Iran und der Türkei durchsetzen wollten.

In Deutschland muß man heute für “linke” Gewalt Verständnis haben, sie wendet sich ja gegen Ungerechtigkeiten in Deutschland und in der Welt. Sie kann mit Nachsicht der Gerichte rechnen, denn die Motive seien “edel”. 

“Rechte” Gewalt dagegen ist verabscheuungswürdig und ruft allgemeine, tiefempfundene Betroffenheit hervor. Sie muß mit drakonischen Maßnahmen bestraft werden, denn es gilt, für alle sichtbar den “Anfängen zu wehren” . Ebenso ist bei Gewalt “mit politischem Hintergrund” sensibler, differenzierter und großzügiger zu verfahren als bei Gewalt ohne “politischen Hintergrund”. Letztere ist kriminell, erstere sollte nicht von vornherein “kriminalisiert” werden.

Gewalt gegen Sachen (Autos, Geschäftsfassaden, Fensterscheiben, Reisebüros, Banken) gefährdet nicht “unsere gefestigte Demokratie”, die Geschädigten haben halt Pech gehabt.
Gewalt gegen Personen gilt im allgemeinen (noch) als Schwerkriminalität, wenn sie nicht nach den Regeln des § 218 StGB (Abtreibung) ausgeübt wird. Sie ist besonders gefährlich und verwerflich, wenn Deutsche an Ausländern solche Gewalt mit oder ohne Todesfolge anwenden.

Weniger gefährlich ist die Gewalt von Fremden gegen Deutsche. An ein und demselben Tag im Februar 1999 wird ein junger Algerier in Guben von deutschen Skinheads in den Tod getrieben. Der Polizeichef von Guben bestreitet einen “politischen Hintergrund” der Tat, die Medien aber sehen darin eine Tat der Neonazis, also Gewalt “von rechts”. Der junge Algerier wird mit einem Quasi-Staatsakt, mit Lichterketten, Blumenbergen und Betroffenheitsszenarien “verabschiedet”.

Der 24jährige Deutsche, der auf dem Bahnhof von Frankfurt-Griesheim am gleichen Tag mit mehreren Messerstichen von Afrikanern niedergestreckt wurde, wird von seinen Eltern still beerdigt, von den Medien totgeschwiegen.

Es gibt also “gute” Tote, die heftig an das Rechtsbewußtsein der Deutschen appellieren sollen, und “schlechte” Tote, die man links liegenlassen kann.

Jede Überschreitung der Geschwindigkeitsbegrenzung, jedes verbotswidrige Parken in der Innenstadt, jeder Blechschaden im Straßenverkehr sowie jeder Versuch, die Steuerlast zu mindern, wird unnachsichtig verfolgt und spürbar bestraft.

Demonstrieren dagegen Tausende von Ausländern rechtswidrig (Art 8 GG) an Grenzen, auf Autobahnen, in Innenstädten, oder dringen Scharen von PKK-Kurden oder sog. Antifaschisten/Antirassisten mit Gewalt in Parteigeschäftsstellen, in Teestuben oder ausländische Botschaften/Konsulate ein, verzichtet die Polizei (der Staat) auf Festnahmen, Feststellung der Personalien oder Beweismittel, auf Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. 

Der Staat, der auf sein Gewaltmonopol verzichtet und Schwäche demonstriert, erntet Gewalt und Terror und wandelt seinen Charakter, denn der Rechtsstaat folgt den Regeln: “Nur das Recht soll herrschen”, “Gleiches Recht für alle”, “Das Recht braucht der Gewalt nicht zu weichen”.

Zusammenfassung:

Die Speerspitze der Kritischen Theorie ist gegen die durch christlich-bürgerliche Ideen geordnete Gesellschaft mit allen ihren Institutionen und Werten (Familie, Schule, Kirche, Betrieb) sowie gegen den demokratisch verfaßten Rechtsstaat, wie er sich im Grundgesetz Deutschland darstellt, gerichtet.

Die Hauptwaffe der Frankfurter ist die fundamentale, radikale, nichts auslassende Kritik, die sich empört gegen alle Selbstverständlichkeiten, Traditionen, Institutionen und Verbindlichkeiten, die sich insgesamt gegen das Bestehende richtet und die vollständige Alternative zum Bestehenden durchzusetzen versucht.
Ihre Kampftruppen rekrutieren die Frankfurter unter den Linksintellektuellen, unter den emanzipatorisch-feministisch Bewegten und unter den durch die Kritische Theorie “Aufgeklärten” und ideologisch Geschulten.
Die Folgen dieser Auseinandersetzung können hier nur resümierend in Stichworten aufgezählt werden. Auf die “Erfolge” der Frankfurter hat vor allem Habermas hingewiesen.

Unter dem Druck der Dauerkritik am Leistungsprinzip, an der Autorität und an den Institutionen, der permanenten “Hinterfragung” aller Werte, Normen und kulturellen Selbstverständlichkeiten, der “Dauerdemokratisierung” fast aller Institutionen, insbesondere von Kirche, Schule, Universität, Betrieb, Parteien sowie der seit 30 Jahren anhaltenden semantischen Strategie der “Umbegreifung” der Begriffe ist es in der Gesellschaft

zu einer rasanten Schwächung der Erziehungskraft und des Erziehungswillens der Familie und der Autoritäten;
zu einem tiefgehenden Werteverfall bzw. Traditionsbruch zwischen der älteren und jüngeren Generation;
zu einer Legitimations- und Legitimitätskrise;
zu einem grundsätzlichen Wandel des Bewußtseins und des Verhaltens der Bürger gekommen: Permissivität ist gestiegen, Hemmschwellen wurden abgesenkt.

BILD: Buchtitel „Linksversifft“ von Stefan Müller gegen die 68er Bewegung

Die Fähigkeit der Institutionen, sich zu wehren, d. h. der Wille, die überkommenen Institutionen zu rechtfertigen und gegen deren “Enteignung”, “Umfunktionalisierung” oder Auflösung zu verteidigen, ist im Schwinden begriffen.

Diese Folgen der Kritischen Theorie bekommen auch die kirchlichen Verbände und Organisationen zu spüren, ohne zu wissen, woher der Gegenwind kommt.

III. Die Erfolge der Frankfurter in der Gesellschaft nach Habermas

Nach 1980 hat Habermas in verschiedenen Beiträgen sechs Veränderungen genannt, die von der Kritischen Theorie ausgegangen sind und das geistige Klima in Deutschland zwischen 1960 und 1980 revolutionär verändert haben. Habermas verbucht diese Veränderungen als Erfolge, als Siege über die bürgerliche Gesellschaft, die er selbst in polemischer Absicht als “spätkapitalistische” bezeichnet:

1. Ent-Christlichung der Öffentlichkeit

Habermas sieht sich darin bestätigt, daß die Zeit der Hochreligion Christentum abgelaufen sei, daß das Christentum kein allgemein anerkanntes Weltinterpretationssystem mehr sei, sich Massenatheismus ausbreite und der (bisher christlich orientierte) Bürger dem Staate seine (schuldige) Loyalität entziehe.
Es kann in diesem Zusammenhang weder als Zufall noch als Betriebsunfall betrachtet werden, daß im sogenannten Andachtsraum im Berliner Reichstag kein Kreuz zu finden ist, sehr wohl aber ein Hinweis auf Mekka und auf die Klagemauer von Jerusalem.
Das Kreuz wird aus der deutschen Öffentlichkeit verdrängt; es könne ja “bei Bedarf” aus dem Schrank hervorgeholt werden. Auch im Andachtsraum der UNO fehlen christliche Symbole, es befindet sich dort nur ein großer schwarzer Stein.
Auch durch den Spruch des Bundesverfassungsgerichts (Kruzifixe in öffentlichen Schulen) wird das Christentum aus der Öffentlichkeit verdrängt, obwohl sich die große Mehrheit des Volkes zum Christentum bekennt.

2. Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft

Die den Staat tragenden Institutionen werden “umfunktionalisiert”, sie werden ihrer bisherigen Aufgabe “enteignet” und mit neuen “alternativen” Aufgaben betraut.
Die Umfunktionalisierung ist den Frankfurtern am durchgreifendsten bei den obersten Gerichten, den Universitäten und Schulen, aber auch bei den Massenmedien und sozialen Diensten, nicht zuletzt in den Verwaltungsapparaten der Kirchen gelungen.[39]

3. Ent-Ethisierung des Rechts

Die Rechtsnormen des Staates, die Gesetze, enthalten und schützen nicht länger das sittliche Minimum der Rechtsgemeinschaft, sie dienen fortan außerethischen Zwecken wie der Abschreckung oder der Veränderung der gesellschaftlichen Institutionen.
Nach Abschaffung des §175 StGB und Einführung des §218 StGB wäre die gesetzliche Aufwertung der Prostitution zum Beruf (Bundesfamilienministerin Bergmann, SPD) ein weiterer kulturrevolutionärer Schritt in Richtung “Ent-Ethisierung des Rechts” und Enteignung der Familie von ihren bisherigen Privilegien (Art. 6 GG).

4. Ent-Kriminalisierung des Verbrechens

Verbrechen werden weniger individuell dem Täter zugerechnet und angelastet als kollektiv den gesellschaftlichen Verhältnissen. Man ist (fast zwangsläufig) kriminell, weil man unter “kriminell-kapitalistischen” Verhältnissen, unter “struktureller Gewalt” aufwachsen mußte und lebt. Gemäß dieser Argumentation müßten eigentlich die bedingenden Ursachen bestraft und “resozialisiert” werden und nicht der Täter.

5. Ent-Pathologisierung der Krankheit

Man ist nicht etwa krank, weil der Naturhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern weil man durch gesellschaftlichen Streß, durch vergiftende Umwelt, durch Leistungsdruck der kapitalistischen Wirtschaft oder durch repressive Normen der christlichbürgerlichen Moral (Triebverzicht/Askese) beschädigt wurde.

6. Ent-Ästhetisierung der Kunst

Die moderne Kunst folgt nicht mehr den Regeln des Schönen, Wahren, Guten, des Ehrwürdigen oder der Harmonie der Ordnung, sondern ganz bewußt und provokativ der Veralberung und Verächtlichmachung, der Propaganda und Agitation: Das Häßliche, Sinnlose, Anstößige wird dominant.
Aus diesen sechs Entwicklungen wird deutlich, daß Auflösung, Destruktion, Negation die Absicht der Frankfurter und ihrer Epigonen war und ist. [40]

IV. Die geschichtliche Entwicklung der Frankfurter Schule

Zur Darstellung der Geschichte der Frankfurter benötigte Wiggershaus 765 Druckseiten, Jay weitere 420 Seiten. Diese Entwicklung läßt sich im Zeitrafferstil und unter Verzicht auf Details in folgende Abschnitte gliedern:

Durch Eintritt Horkheimers in das damalige Frankfurter Institut für Sozialforschung und mit der Herausgabe der Zeitschrift für Sozialforschung wurde die Frankfurter Schule 1929 gegründet, ausgestattet mit dem Millionen-Vermögen eines jüdischen Weizengroßhändlers.

In der Gründerzeit befaßte sich das Institut schwergewichtig mit marxistischer Kultur- und Zivilisationskritik.

Die Gründer mußten ausnahmslos um 1933 aus rassischen und politischen Gründen emigrieren. Sie forschten in der Emigration im kalifornischen Pacific Palisades, in der Nähe von Hollywood und Los Angeles, insbesondere nach den Ursachen des Antisemitismus, Nationalsozialismus und Faschismus, ohne jedoch auf die amerikanische Wissenschaft und Gesellschaft Einfluß erlangen zu können.

Sie lebten vielmehr in beständiger Angst vor politischer Verfolgung durch die McCarthy-Kommission, die noch 1945 auf Kommunisten in den Vereinigten Staaten Jagd machte.
Nach 1949 blieb Marcuse in den USA, während Horkheimer und Adorno an die Frankfurter Universität zurückkehrten und etwa ab 1960 ihre Frühschriften in großen Auflagen veröffentlichten oder neu auflegten.

Die Hochblüte und zugleich den Abstieg erlebte die Frankfurter Schule zwischen 1965 und 1975. Adorno und Horkheimer wurden Opfer der studentischen Störungen und Institutsbesetzungen, zu denen sie selbst aufgerufen hatten. Auch Habermas entzog sich den Unruhen in Frankfurt, indem er einen Ruf an das Max-Planck-Institut am Starnberger See annahm, das von der deutschen Industrie großzügig mit Forschungsmitteln ausgestattet war.

Vergleicht man abschließend noch einmal das System der Philosophie des Deutschen Idealismus mit dem des deutschen Neomarxismus, so kommt man zu dem an sich erstaunlichen Ergebnis, daß Kant und Hegel rund 150 Jahre benötigten, um sich in den Universitäten, in der bürgerlichen Gesellschaft bzw. in den Rechtsstaaten Westeuropas und den USA durchzusetzen.[41]

Die Frankfurter hingegen brauchten nur 10, maximal 15 Jahre, um die Institutionen von Grund auf umzumodeln und ihre Ideen in Gesellschaft und Kirche zu verwirklichen.
Vor allem auf den folgenden Wegen gelangte die Theorie mit nie gekannter Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit von den Studierstuben aus in die Köpfe und Herzen der Intellektuellen und der nachwachsenden Generation der 68er.

Zunächst entfalteten Horkheimer und Adorno eine intensive Vortragstätigkeit, die im Hessischen Rundfunk eine breite Zuhörerschaft fand.
Der Suhrkampverlag verlegte, z. T. in Großauflagen, alles, was von der Lehrer- und Schülergeneration geschrieben wurde. Von 1963-1980 gab der Verlag 1000 Bände “Kritische Theorie” verschiedenster Fachbereiche heraus.[42] Nach Auskunft von Siegfried Unseld erreichte Suhrkamp bis 1988 eine Auflage von 30 Mio. Der Verlag hat sich um die Frankfurter Schule verdient gemacht.

Unter dem Einfluß der Kritischen Theorie verwandelte sich das Selbstverständnis der geisteswissenschaftlichen Pädagogik rasch zur Erziehungswissenschaft mit emanzipatorisch-kritischem Forschungsinteresse. Der emanzipatorischen Erziehungswissenschaft entsprach die emanzipatorisch-kritische Didaktik für fast alle Schulfächer in der Sekundarstufe I und II der deutschen Schulen.[43]

Im gleichen Zeitraum (1970 – 1980) wurden fast alle Richtlinien für den Unterricht neu geschrieben und die Schulbücher für den Deutsch-, Politik- und Religionsunterricht emanzipatorisch-kritisch ausgelegt.[44]

Die Frankfurter kooperierten mit der emanzipatorischen Bewegung der “Neue Linke”, indem sie diese Protestbewegung als moralische und revolutionäre Macht rechtfertigten und ihr das Programm lieferten, mit dem sich die Linke politisch artikulieren und durchsetzen konnte. Umgekehrt ist die Kritische Theorie durch diese Bewegung erstaunlich rasch und tiefgreifend geschichtswirksam geworden [45], jedenfalls rascher als in Frankreich oder in den USA.

Etwa zeitgleich mit der Verbreitung der Kritischen Theorie in Deutschland kamen nach 1960 die Gruppendynamik und die Gruppendynamische Bewegung aus den USA in die Bundesrepublik und wurden von der neu-linken Bewegung für Ziele der Frankfurter instrumentalisiert.

Von diesen Psychotechniken, die ursprünglich in den Vereinigten Staaten für die psychologische Kriegsführung [46] entwickelt wurden, erwartete sich die neu-linke Bewegung sowohl die Veränderung der Institutionen als auch die tiefgehende Veränderung des Menschen in Richtung auf den “homo communicativus”, sowie die Veränderung des politischen und religiösen Bewußtseins.

Ganz ähnlich wie Habermas die Erfolge der Frankfurter Schule beschreibt, umreißt Oskar Nigsch, ein Studentenpfarrer und prominenter Vertreter der gruppendynamischen Bewegung, die Ziele der Befürworter. [47]

Nigsch stellt die fünf wichtigsten Ziele der Veränderungsagenden wie folgt vor:

Ziel: Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft. die Institutionen sollen nicht länger kulturelle Leitbilder, Normen, Erwartungen bzw. Weltbilder an die nachwachsende Generation tradieren, sondern diese in ihrer “kontrafaktischen Gültigkeit” relativieren, durch Gruppendynamik lockern und auflösen.

Ziel: Ent-Bürokratisierung. Der bei uns eingespielte bürokratische Problemlösungsstil verursache stärkere seelische Störungen als der Kapitalismus insgesamt, weil er die Individuen in ihrer Spontaneität, Initiative und Verantwortungsfähigkeit fundamental beschneide. Durch Einführung gruppendynamischer Elemente in die Bürokratie sollen die Probleme dort gelöst werden, wo sie entstehen, nämlich auf der Gruppenebene. Probleme sollen also nicht auf die nächsthöhere Ebene verlagert und damit entschärft werden.

Ziel: Ent-Hierarchisierung. Hier geht es um die Absetzung und Entmachtung der Hierarchien, der Autoritäten, Vorgesetzten, der Über- und Unterordnungsverhältnisse. Jeder soll seinen Status in der Hierarchie für auswechselbar halten. Alle innovatorischen Impulse und Entscheidungen sollen von gruppendynamischen Prozessen ausgehen (Brainstorming).

Ziel: Ent-Funktionalisierung des Bildungssystems. Bildungs- und Beschäftigungssystem sollen voneinander entkoppelt werden. Schule soll nicht länger Institution der Erziehung und Bildung sein, sondern vielmehr zu einer Veranstaltung der Verhaltensmodifikation, der Verhaltenstherapie und -kontrolle werden. Das bisherige Schulsystem mit seinen Leistungsanforderungen und Auslesemechanismen soll nicht länger die soziale Schichtung der Gesellschaft reproduzieren. In der Gesellschaft soll es keine Schichten, sondern nurmehr ökonomisch-soziale Gleichstellung geben. Diese Gesellschaft der Gleichheit nannte Marx “klassenlose Gesellschaft”.

Letztes Ziel der gruppendynamischen Bewegung ist die Ent-Stabilisierung der Bildungssubjekte. Die Gesellschaft soll an stabilen Ich-Strukturen, wie Freud sie im Auge hatte, kein Interesse mehr nehmen. Durch Gruppendynamik könnten die Ich-Strukturen als “falsche Sicherheiten” interpretiert und “neue Horizonte” erschlossen werden.

Diese destruktiven, kulturrevolutionären Ziele der gruppendynamischen Bewegung sind inzwischen überall dort erreicht worden, wo Gruppendynamik in Kirche, Schule, Betrieb, Klinik, Behörde, Kloster stattgefunden hat. Diese Ziele decken sich vollständig mit dem “reeducation program” der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem die “faschistischen” (autoritär erzogenen) Deutschen zu Demokraten umerzogen werden sollten. Die Frankfurter tragen zu Recht den Titel »Philosophen der Reeducation«.[48]

Zusammenfassung:

An Stelle einer eigenen Zusammenfassung verweise ich auf ein Resümee von Juan Donoso Cortés.[49]

In einer Denkschrift stellt Donoso Cortés (1809-1853, spanischer Staatsrechtslehrer und Kritiker des (theoretischen) Sozialismus) zwei Gruppen von furchtbaren und folgenschweren Irrtümern heraus, die entweder 1. zur “allgemeinen Auflösung”, zur Anarchie oder 2. zur Verwirklichung von Despotismus riesigen Ausmaßes führen.

Die erste Gruppe der Irrtümer zielt auf Übersteigerung der menschlichen Freiheit, auf gewaltsame Zerstörung aller menschlichen Einrichtungen. Die zweite Gruppe zielt auf völlige Umwälzung und Unterdrückung der menschlichen Freiheit.
Der 1. Gruppe sind die Sozialisten, der 2. Gruppe die Kommunisten zuzuordnen.

Die Sozialisten erstreben vor allem die unbegrenzte Ausdehnung der individuellen Freiheit (Emanzipation) auf Kosten der Staatsobrigkeit, die geschwächt und beseitigt werden soll.
Die Kommunisten erstreben dagegen die völlige Unterdrückung der menschlichen Freiheit und gleichzeitig die Ausdehnung des Staates ins Kolossale an.

Die Sozialisten und die Kommunisten (und, wie wir gesehen haben: die Neomarxisten) geben sich – religiös gesehen – nicht damit zufrieden, Gott in den Himmel zu verbannen, sie gehen vielmehr weiter, bekennen sich offen zum Atheismus und leugnen das Dasein Gottes überhaupt.

Wenn man aber – wie diese drei Gruppen – Gott, die Quelle und den Ursprung jeder Autorität, leugnet, dann ergibt sich daraus logisch die Leugnung der Autorität selbst, und zwar bedingungslos und vollständig. Die Leugnung der weltumfassenden Vaterschaft Gottes bringt die Verneinung der Vaterschaft in der Familie mit sich. Die Leugnung der religiösen Autorität hat ebenso logisch die Leugnung der politischen Autorität zur Folge. “Wenn einmal der Mensch ohne Gott auskommen will, dann sofort auch der Untertan ohne König und der Sohn ohne Vater.”

Fußnoten / Anmerkungen:

Rudolf Willecke, Flaßkuhl 30, D-48167 Münster, Tel. 0251-619047; geb. 1933, Studium der Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik in Frankfurt/M und München: Dipl.-Kfm., Dipl.-Hdl. Studium der Philosophie und Psychologie in Münster; bis 1997 Studiendirektor am Seminar für Lehrer der Sek.St. II für Wirtschaftswissenschaften und Recht. Seit 1997 i.R. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Pädagogik/Gruppendynamik und Bildungspolitik/Kulturrevolution.
Erstveröffentlichung in der Schriftenreihe der Aktion Leben e.V., Heft Nr. 10, Postfach 61, D-69518 Abtsteinach/Odw., 3. Auflage 2002.  Der vorliegende Text ist teils ergänzt, teils gekürzt.
[1] R. Wiggershaus, Die Frankfurter Schule – Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung, Hanser Verlag, München 1988.
[2] M. Horkheimer, Traditionelle und Kritische Theorie (4 Aufsätze), Fischer TB, Frankfurt/Main 1970. Kritische Theorie ist, wie P. Tillich, der Religionsphilosoph der ersten Stunde, formuliert »ebenso sehr Kampf [!] um die sozialistische Kulturidee wie um die sozialistische Wirtschaftsidee«, sie steht auf »seiten des Materialismus gegen den Idealismus«, auf »seiten des Liberalismus gegen die Orthodoxie« und »lieber auf seiten des Atheismus als irgendeiner Art von autoritärer [!] Religion« (S. 73). Tillich war sich des Sieges nicht ganz so sicher wie seine Mitkämpfer, er hielt es für möglich, daß »am Ende der kapitalistischen Entwicklung« nicht nur »der Sozialismus, sondern auch die Barbarei« stehen könnten (S. 100). P. Tillich, Die sozialistische Entscheidung, Medusa Verlag, Berlin 1980. Kritische Theorie ist also parteiliche, interessengebundene “Wissenschaft” oder Ideologie.
[3] F. Romig, »Der Ungeist der Frankfurter Schule«, in: Aula, Österreich 11/1998, S. 30-33. Romig spricht zu Recht vom »Ungeist«. Der “Geist” der Frankfurter Schule ist der Geist des Mephistopheles in Goethes Faust, erster Teil: »Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht […] so ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.«
[4] Vgl. R. Wiggershaus, aaO. (Anm. ), II. Publikationen des Instituts und seiner wichtigsten Mitarbeiter bzw. der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule, S. 739-765; vgl. auch M. Jay, Dialektische Phantasie – Die Geschichte der Frankfurter Schule und des Instituts für Sozialforschung 1923 bis 1950, Fischer TB, Literaturverzeichnis S. 405-422.
[5] H. Günther, C. u. R. Willeke, Die Gewalt der Verneinung – Die Kritische Theorie und ihre Folgen, Seewald, Stuttgart 1978.
[6] M. Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt M. 1976, S. 267.
[7] J. Habermas, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt M. 1976, S. 19.
[8] J. Habermas/D. Henrich, Zwei Reden aus Anlaß des Hegel-Preises, Suhrkamp tb, Frankfurt M. 1974.
[9] G. Lüdemann, Ketzerei, die andere Seite des frühen Christentums, Radiusverlag, Stuttgart 1994.
[10] E. Feil/R. Weth (Hg.), Diskussion zur “Theologie der Revolution”, München/Mainz 1969.
[11] Vgl. G. Gutiärrez, Theologie der Befreiung, München 1873.
[12] J. B. Metz in: H. Peukert (Hg.), Diskussion zur “Politischen Theologie”, München/Mainz 1969.
[13] H. Schenk, Die feministische Herausforderung – 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Beck, München 1981, 2. Aufl. C. Haqlkes, Gott will nicht nur starke Söhne – Grundzüge einer feministischen Theologie, Gütersloh 1980. Feministische Theologie als Befreiungstheologie will
Befreiung von Unterdrückung
Herrschaftsfreie Gesellschaft durch Bewußtseinsänderung
Eine neue Kirche (Antikirche)
den neuen Menschen, die neue (androgyne) Frau
Umwertung der Werte, Umbegreifung der Begriffe durch Selbsterlösung und Negation des Bestehenden.
[14] J. Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt M. 1973, S. 104.
[15] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 118.
[16] R. Wiggershaus, aaO. (Anm. ), verweist darauf, daß Adorno mit »haßerfülltem Herzen« bei der gemeinsamen Sache war: »Wichtig waren für Horkheimer schließlich Adornos von Haß geschärfter Blick auf das Bestehende und seine Aggressivität«, S. 185.
[17] Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt M. 1966, S. 272.
[18] Ebd., S. 339.
[19] Ebd., S. 270.
[20] H. Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt M. 1966, S. 130. An anderer Stelle fordert er: »Der Bruch mit dem Kontinuum der Herrschaft muß ein Bruch mit deren Vokabular sein.« Es geht den Frankfurtern also um die Umbegreifung der Begriffe (»semantische Strategie zur Tarnung der eigenen Intentionen«), um Umwertung der (christlich-bürgerlichen) Werte sowie um Umorientierung des moralischen Bewußtseins. Die Frankfurter haben die gesamte Werte-Ordnung durcheinander gewirbelt.
[21] W. Reich, Die sexuelle Revolution, Fischer TB, Frankfurt M. 1977.
[22] J. Habermas, aaO. (Anm. ), S. 65: »Die intrapsychische Auseinandersetzung [der ödipale Konflikt, Verf.] soll in der total vergesellschafteten Gesellschaft, die die Familie sozusagen unterläuft und dem Kinde die kollektiven Ich-Ideale unmittelbar aufprägt, obsolet geworden sein.«
[23] Ebd., S. 150: »Soziale Rollen können zwei verschiedene Verhaltenserwartungen konditional so verknüpfen, daß sich ein System wechselseitiger Motivation bildet. Alter darf damit rechnen, daß Ego seine, Alters, Verhaltenserwartungen erfüllt, weil Ego damit rechnet, daß Alter seine, Egos Verhaltenserwartungen, ebenfalls erfüllt.«
[24] Ebd., S. 74: »Solange sich das ich von seiner “inneren Natur” abschnürt und die Dependenz von Bedürfnissen verleugnet, bleibt die noch sehr durch Prinzipien geleitete Freiheit gegenüber bestehenden Normensystemen in Wahrheit unfrei.« Das ist der Habermas’sche Freiheitsbegriff.
[25] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 300f.
[26] Das Antisemitismus-Projekt des Instituts für Sozialforschung, in das die »Studien über Autorität und Familie« einbezogen waren, wurde ab 1938 vom American Jewish Committee, vom American Jewish Congress, von der Anti-Defamation-League und vom Jewish Labor Committee mitfinanziert: Wiggershaus, aaO. (Anm. ) S. 391.
Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung wurden über 1943 hinaus in den USA nicht veröffentlicht, weil sie zeigten, daß der Antisemitismus bei Kriegsausbruch in den Staaten weiter verbreitet war als in Deutschland. »Horkheimer behauptet, der soziale Antisemitismus sei in den USA weitaus schlimmer als in Europa und lege die Annahme nahe, daß – ungeachtet der offensichtlichen Unterschiede zwischen den USA und dem Dritten Reich – der Unterschied in der psychologischen Basis gefährlich klein sei.« (Wiggershaus, S. 406)
Horkheimer fürchtete, »daß ein weitaus verbreiteteres und brisanteres antisemitistischen Potential [in den USA, Verf.] bereits unter weitaus weniger kritischen, politisch-ökonomischen Bedingungen als in Deutschland in offenen und gewaltsamen Antisemitismus umschlagen könnte.«
Horkheimer betrachtete dieses “Antisemitismus-Projekt” und die »Studien über Autorität und Familie« als ernstzunehmenden Beitrag zu dem großen Kampf (!) gegen den Antisemitismus (Wiggershaus, S. 404), deshalb ließen er und Adorno »die institutsübliche Praxis strategisch verstandener Selbstzensur wie eh und je weiter[laufen]« (Wiggershaus, S. 408), ohne das Projekt jedoch zum Abschluß bringen zu können, »das Institut hatte sich übernommen« (Wiggershaus, S. 412).
Die Frankfurter sind Meister der Tarnung, der semantischen Strategie und der opportunistischen Anpassung.
[27] Adorno fordert eine Erziehung, die jede Identifikation der Kinder mit ihren Eltern verhindert, eine Erziehung zum Widerstand und Widerspruch, eine Erziehung des “Madigmachens” und des “Perhorreszierens aller Wirklichkeit”. In der Jugend soll ein Bewußtsein dafür erweckt werden, daß die Menschen in der Gesellschaft immerzu betrogen werden. Damit sollen sie zu Fremden werden in einer ihnen feindlich gegenüberstehenden Gesellschaft. Dieses Erziehungsprogramm übernahmen viele Schulbücher der 70er Jahre, vgl. Anm. 39.
[28] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 272.
[29] M. Horkheimer, Kritische Theorie II, Frankfurt M. 1968, S. 9.
[30] M. Horkheimer, aaO. (Anm. ), S. 13.
[31] J. Habermas, aaO. (Anm. ), S. 129.
[32] 1981 fürchteten 76 % der unter 24jährigen Deutschen, daß »Technik und Chemie« unser Leben und die Umwelt zerstörten. BMJFG, Jugend in der Bundesrepublik heute – Aufbruch oder Verweigerung?, 1981.
[33] M. Horkheimer, aaO.(Anm. ), S. 161.
[34] J. Habermas/N. Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt M. 1971, S. 286-290.
[35] Th. W. Adorno, aaO. (Anm. ), S. 73: Der von der Menschheit angestrebte Fortschritt habe nicht vom Wilden zur Humanität, sondern vielmehr von der Steinschleuder zur Megabombe geführt. Der technische Fortschritt ist also ein mißlungenes Projekt. Damit ist dem Rationalismus (dem Glauben an die Kraft der menschlichen Vernunft) und der Aufklärung Kants (wenn die Menschen nur von ihrem Verstand Gebrauch machen und sich gemäß den Gesetzen der Vernunft verhalten, dann ist der Fortschritt des Menschengeschlechts unaufhaltsam) eine scharfe Absage erteilt.
[36] H. Marcuse, Das Problem der Gewalt in der Opposition, Frankfurt M. 1966.
[37] R. P. Wolff, B. Moore, H. Marcuse, Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt M. 1966, S. 127 ff.
[38] Anmerkung der Redaktion: Dies gilt offenbar nur für Gewalttäter mit linkem politischem Hintergrund. Für rechte Gewalttaten gilt das Umgekehrte.
[39] st an Rechts- und Sittlichkeitsbewußtsen.
[40] Prof. Dr. Gerhard Gerlich, Direktor des Instituts für Mathematische Physik der Universität Braunschweig, 2002:
»Die 68-er bescherten uns eine neue “Wissenschaft”, die neomarxistische “Kritische Theorie”, in der sich alle die tummeln konnten, die in den klassischen Disziplinen nichts zustande gebracht hatten. Auf diese Weise bekamen die marxistischen Prognosen, die insbesondere den Untergang des Kapitalismus und das Arbeiterparadies auf Erden versprachen, den Anstrich wissenschaftlicher Aussagen.
Jeder Ignorant, Betrüger oder Dummkopf konnte so plötzlich zu einem Wissenschaftler werden. Auch wurde der Begriff der “gesellschaftlich relevanten Wissenschaften” geboren. […] Die “zweckfreie” Wissenschaft wurde durch die “gesellschaftlich relevante” Wissenschaft ersetzt.«
[41] A. Bloom, Der Niedergang des amerikanischen Geistes – Ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur, Hoffmann & Campe, Hamburg 1988.
[42] edition suhrkamp, Band 1 bis Band 1000, 1963-1980, Frankfurt M. 1980.
[43] Repräsentativ für emanzipatorische Didaktik: H. u. Th. Castner, Emanzipation im Unterricht – Didaktik und Methodik einer Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, Bad Homburg v. d. H. 1972 (M. Gehlen):
»Die emanzipatorische Gesellschaft bedarf der emanzipatorischen Schule. [Die Emanzipation der Schüler] mündet in demokratisch-sozialistisches Verhalten und gipfelt in der Überwindung des menschlichen Egoismus und individueller Herrschaftsinteressen.«
In einem vom (kath.) Deutschen Katechetenverein herausgegebenen Unterrichtsmodell für den Religionsunterricht der 6./7. Jahrgangsstufe zum Thema Normen – Hilfe oder Gefährdung?, München 1980, schrieb der Herausgeber: »Emanzipatorische Erziehung ist heute nötiger denn je«, es gehe in dem Modell »um die Erarbeitung eines Instruments zur Normenkritik«, diese Erziehung sei »gesellschaftlich notwendig und theologisch legitim, weil heute überall[!] über Menschen geherrscht, überall mit Sanktionen Herrschaft aufrechterhalten« werde. (Lehrerhandbuch, S. 6f.)
[44] H. Günther/R. Willeke, Was uns deutsche Schulbücher sagen – Eine empirische Untersuchung der genehmigten Deutsch-, Politik- und Religionsbücher, Bonn 1982; vgl. auch K. J. Groth/J. Schäfer, Eingetrichtert – Die tägliche Manipulation unserer Kinder im Klassenzimmer, Universitas, München 1999.
[45] Von der Außerparlamentarischen Opposition (APO), dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB/SDS), den Marxismus-Leninismus- und den verschiedensten “Friedens”-Gruppen führte der Weg vor allem zu den Grün/Alternativen, zu den extremistischen Links-Autonomen und zu den Schalthebeln in Politik, Hochschule, Justiz, Kultur und Massenmedien. Der “Marsch durch die Institutionen” von 1968 endete 1998 im Deutschen Bundestag und 1999 in der Brüsseler EU-Zentrale. Der politische Kampf gegen den Staatsfeind Nr. 1, das Establishment, führte zur Herrschaft der Aufständischen (68er, Frankfurter) durch Besetzung staatlicher und gesellschaftlicher Machtpositionen und zur Absicherung gesellschaftlicher Privilegien für die eigene Klientel. Vgl. R. Proske, Vom Marsch durch die Institutionen, v. Hase & Köhler, Mainz 1997.
[46] Gegen Deutschland, Anm. der Redaktion.
[47] O. Nigsch, »Studentische Lernapathie – Herausforderung oder Überforderung der Gruppendynamik?«, In: Zeitschrift “Gruppendynamik”, 1975/6; vgl. auch H. Günther, C. u. R. Willeke, Die gruppendynamische Bewegung in Kritik und Selbstkritik, Paderborn 1977, (Dt. Institut für Bildung und Wissenschaft); vgl. auch B. Schwertfeger, Der Griff nach der Psyche – Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen anrichten, Campus, Frankfurt M. 1998.
[48] Antworten auf Jürgen Habermas, H. U. Gumbrecht, »Reeducation«, in: FAZ, 18.6.99, S. 52ff.
[49] J. Donoso Cortés, Die Hauptirrtümer der Gegenwart nach Ursprung und Ursachen, Denkschrift an Seine Eminenz Kard. Fornari, 19. Juni 1852, Wien 1932 (Hg. Karl Haselböck).
Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 57-68

Wir danken dem Autor, Studiendirektor i.R. Rudolf Willeke aus Münster, den wir seit Jahrzehnten kennen und schätzen, für seine freundliche Abdruckerlaubnis


Klare Analyse und Abrechnung mit der sozialistischen Bildungspolitik der 68er

Buch-Daten: Josef Kraus: 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften. Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Lüdinghausen / Berlin 2018, ISBN 978-3-944872-81-0, 189 S., 19.90 €

Dieses Buch füllt Lücken, die unbedingt gefüllt werden müssen. Wer sich nur mit den lückenhaften und schwindsüchtigen Häppchen von ARD, ZDF und Co informiert, hat keinerlei Wissen über Zusammenhänge und Hintergründe alle dessen, was uns momentan um die Ohren fliegt….Deshalb ist ein solcher engagierter Augenöffner eine Notwendigkeit.

Seine glasklaren Analysen einer verfehlten sozialistischen Bildungspolitik machen ihn zu einem der bekanntesten Kritiker und schonungslosesten Schilderer der heutigen Lage und Situation.

Mit einer Fülle von Belegen zeigt Kraus (er war jahrzehntelang Präsident des Deutschen Lehrerverbands), daß „68“ keinesfalls geschichtsnotwendig geschehen ist, sondern von den so genannten „Urvätern“ initiiert wurde.

Der Buchautor scheut sich auch nicht, Roß und Reiter zu nennen, was die augenblickliche Lage der „Berliner Republik“ betrifft… Das Kapitel VII (Vollender und Quereinsteiger von „68“) geht mit Sozialdemokraten, „Grünen“, Medien (ein Abschnitt, der sich besonders lohnt), der Rolle der Wirtschaft, mit antideutschen Multikulti-Ideologen und der Quereinsteigerin Angela Merkel ganz ausgezeichnet begründet ins Gericht.

Die gegen jegliche Realität geleugnete Islamisierung Deutschlands wird untersucht, die äußerst beschämende Rolle der Kirche (bzw. Kreuz-ab-Marx und seine geistigen Ministranten) und der Glaubensgemeinschaften findet ihre angemessene Kritik.

Im letzten Kapitel nennt Josef Kraus auch den Impetus, aus dem heraus er dieses kämpferische und offene Buch geschrieben hat:

„Ich mache mir Sorgen um die Zukunft unserer jungen Leute… Weil ich möchte, daß uns dieses Land nicht noch fremder wird… Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, daß Deutschland nicht ausschließlich zur politisch korrekten und gesinnungskonformen „Zivilgesellschaft“ wird: gutmenschlich domestiziert, postnational, ständig sich selbst und andere umerziehend.“

Quelle und vollständige Buchbesprechung hier: http://civitas-institut.online/?p=80


Offener Brief an die Deutsche Welle: „Willkommen im Club der Zensoren!“

Der Publizist Ulrich F. Sackstedt ist Gründungsmitglied des Vereins Deutsche Sprache (VDS): Er hat sich in einem Beschwerdebrief an den staatlichen Auslandsrundfunk Deutsche Welle (DW) in Köln gewandt. Anlaß war eine Meldung (siehe ganz unten), wonach die DW dazu übergegangen sei, die Leserkommentarfunktion abzuschalten.

Wir dokumenieren hier mit Erlaubnis des Autors dieses Schreiben an den Intendanten Peter Limbourg und DW-Chefredakteurin Ines Pohl: 

Sehr geehrter Herr Limbourg,
sehr geehrte Frau Pohl,
sehr geehrte Mitarbeiter der Deutschen Welle,

ich nehme untenstehenden Presseartikel zum Anlaß meiner Reaktion.
Zunächst seien Sie meiner persönlichen Anteilnahme versichert, was die Leiden Ihrer Redakteure betrifft, die diese Kommentare zu verwalten hatten. Eine solche Reaktion von Lesern / Hörern ist aber nicht neu…

Es müssen einmal die Dinge klar gestellt werden, die zu Ihrer – wie ich meine – verständlichen , aber mediensoziologisch dennoch ungerechtfertigten Reaktion geführt haben.

Kommentare haben das Ziel, eine Art Dialog zwischen Sendendem und Empfangendem herzustellen. Man nennt das soziale Interaktion.

Wenn sich innerhalb dieser Kommentatorenschaft nun Personen befinden, deren sozio-kulturelle Erziehung, Bildung und Elternhausvorbilder sich jenseits dem befinden, was wir Gebildete als kultiviert erachten, so ist dies zunächst eine Tatsache, die hinzunehmen ist.

Fragt man nach den Gründen dieser Unerzogenheit, so führt dieses sprachliche Unterschichtenbenehmen auf die Spur der jahrzehntelangen Bemühungen innerhalb unseres Staatswesens zurück, sogenannte „alte Zöpfe“ abzuschneiden, tradierte Verhaltensmuster und erlernte Ausdrucksweisen somit als alt, überholt, unzeitgemäß, ja bestimmt auch wieder nazistisch und was sonst noch darzustellen.

Die Devise lautete „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“. In Berlin skandierte man „Alle Macht den Räten, brecht dem Schütz die Gräten“. Also ein eindeutiger Aufruf zur Gewalt, und alle – zumindest sehr viele – klatschten Beifall zu dieser „Modernisierungsaktion“.

Ich nehme an, Sie kennen die Vorgänge während der 1968er Studentenrevolten, die mit ihrem Aufstand eine völlige Neu(un)ordnung unserer Gesellschaft – des deutschen Volkes – zum Ziel hatten. Linke, marxistische, maoistische und internationalistisch ideologisierte Kreise junger Leute, die damals für die Propagandisten der bekannten „Frankfurter Schule“ eine leichte Beute waren, versuchten, einen Staat auf den Kopf zu stellen, der bis dato funktionierte.

Gottseidank klappte das nicht ganz, denn das von diesen Kreisen so gesuchte „Proletariat“ verweigerte die Gefolgschaft, weil es keinen Grund hatte, den abstrusen Ideen lebensunerfahrener Weltverbesserer und Politabenteurer zu folgen. D.h. die linken Salonrevolutionäre arbeiteten im luftleeren Raum.

Was aber blieb, war der marxistische Entwurf einer Gesellschaftsveränderung in den Gehirnen breitester Akademikerschichten, die seither die innenpolitischen Geschicke der BRDeutschland bestimmen, füllten sie doch nun in den Institutionen und den politischen Parteien die Plätze derer aus, die sie einst haßerfüllt bekämpft hatten. Inzwischen ist eine weitere Generation herangewachsen, die in die Fußstapfen der 68er traten und das ebenso unselige wie überflüssige und vor allem destruktive Werk ihrer Väter fortsetzten.

Und jetzt kommen Sie als Deutsche Welle und wollen sich vor den Früchten dieser Entwicklung die Augen verschließen, indem Sie ihre Redakteure bemitleiden und in Schutz nehmen, wenn sie den verbalen Wurfgeschossen der 68er Enkel-Generation ausgesetzt sind ? 

Wir alle haben doch tatenlos zugesehen, wie sich dieses Volk und mit ihm sein Staat von den Ideen seiner Gründerväter von 1948 vollständig fortentwickelt hat. Niemand hat „Halt“ gerufen, niemand hat diesen Zug in die kulturelle Sackgasse und in die Selbstvernichtung gestoppt. Schon gar nicht die Medien.

Im Gegenteil, die Protagonisten der genannten Frankfurter Schule bekamen – eben aus den USA remigriert – für ihren Umerziehungsauftrag eigene Gebäude in Frankfurt zur Verfügung gestellt.  Na super. Die Kindergartenarbeit an den zu infantilisierenden Deutschen konnte beginnen.

Ich darf daran erinnern, daß es gerade die DW war, die durch die Entfernung der deutschen Sprache aus ihren Sendungen das schäbige Spiel mitgemacht bzw. noch daraufgesattelt hat.

Ist es nicht lächerlich, einem einstigen Weltsender (den ich früher gern auf dem 49- und 31m-Band auch vom Ausland aus hörte), seine eigene Sprache abzuschneiden?  War dies nicht eine tolle Frucht der genannten Umerziehung, die Verleugnung der eigenen kulturellen Werte?

Gewiß, Sie stehen keineswegs allein da, aber sie sollten den Mut und die Ehrlichkeit besitzen, das zuzugeben. Abschaltung von Kommentarfunktionen ist nichts weiter als Vogel-Strauß-Denken. Ihre Wunschwelt ist Ihnen mehr wert als die Realität.

Und da nützt auch ein Ausweichen auf Facebook gar nichts, denn dort werden ebenfalls selbstgemachte „Antihaßregeln“ zum Einsatz gebracht, die beherzte oder auch unverschämte Meinungsäußerungen unterbinden.

Willkommen im Club der Zensoren – sage ich nur.

Ich hoffe, es wird noch mehr solcher Aha-Erlebnisse in den Medienredaktionen geben. Der Chefredakteur von t-online, Sebastian Harms, tut dasselbe wie Sie. Er schaltet Kommentare ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ab und aus. Bei ihm haben Kommentare keinen Platz mehr.

Wozu brauchen wir eine Realität, wenn wir uns eigene schaffen können?

Dieses Denken zieht sich leider bis in die Berliner Regierungskreise hoch, wo man dem deutschen Volk seit vielen Jahren ein X für ein U vormacht, weil man dem Kulturmarxismus zum endgültigen Durchbruch verhelfen will, koste es, was es wolle. Man will Volkes Stimme nicht hören. Man produziert lieber ein neues, internationalistisch und konsumistisch eingestelltes.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Mitarbeitern der DW eine kommentarfreie Zukunft, in der man sich so richtig bequem einrichten kann. Das Steuerzahlergeld aus der Medienzwangssteuer bzw. aus dem Portfolio der Regierung kommt ja eh.

MfG
Ulrich F. Sackstedt, Gründungsmitglied des Vereins Deutsche Sprache (VDS)

„Haßbotschaften“: Deutsche Welle schaltet Kommentarfunktion ab

Der staatliche Auslandsrundfunk Deutsche Welle (DW) hat die Kommentarfunktion unter seinen redaktionellen Meinungsbeiträgen abgeschaltet. „Diese Entscheidung ist uns schwer gefallen. Denn gerade wir, die Deutsche Welle, kämpfen ja für einen offenen, kritischen Austausch von unterschiedlichen Argumenten, für die weltweite Pressefreiheit“, teilte Chefredakteurin Ines Pohl am Donnerstag mit.

In jüngster Zeit hätten die meisten Beiträge ein solches Niveau erreicht, „daß sie mit einem konstruktiven Meinungsaustausch nichts mehr zu tun haben“. Statt dessen sei der Diskurs von „persönlichen
Beschimpfungen, Beleidigungen und rassistischen Äußerungen“ geprägt worden.

Die Betreuung der Leserkommentare habe viel Zeit in Anspruch genommen und „das Nervenkostüm der hierfür verantwortlichen Redakteurinnen und Redakteure erheblich strapaziert“, begründete die frühere Chefredakteurin der taz die Entscheidung. „Und es war ein ungleiches Spiel, denn es waren immer dieselben Nutzer, die unter dem Deckmantel eines Alias-Namens unsere Kommentarfunktion für die Absonderung von Haßbotschaften nutzten.“ – Leser, die ihre Meinungen zu Artikeln abgeben möchten, sollen dies auf Facebook oder über die eingebundene Feedback-Funktion tun, empfahl die 51jährige, die seit März 2017 DW-Chefredakteurin ist.  (Quelle: Junge Freiheit)


Die SPD ist längst keine Volkspartei mehr

Beatrix von Storch

Dass die SPD keine Volkspartei mehr ist, spricht sich inzwischen sogar in der SPD herum. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel gehört der Grundwertekommission der SPD an. Er rät den Sozialdemokraten: „Die SPD muss sich von ihrem Anspruch verabschieden, Volkspartei zu sein.

Die SPD sei in Wahrheit schon jetzt „keine echte Volkspartei mehr, weder von ihrer Sozialstruktur her, noch indem sie bestimmte Milieus dominiert“.

Was Kurt Schumacher, Willy Brandt und Helmut Schmidt nach dem Krieg aufgebaut haben, haben 68er, linke Akademiker und Politiker mit der Karriereleiter Kreissaal-Hörsaal-Plenarsaal grundlegend ruiniert.

Im Jahr 1981 erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“ – Ein Jahr darauf verkündete Schmidt: „Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze.“

Wäre die SPD dieser Linie treu geblieben, dann wäre sie vielleicht heute noch eine Volkspartei. Stattdessen will die SPD den Familiennachzug in die Sozialsysteme, lehnt die Zurückweisung an der Grenze ab und ist Vorkämpferin für den Beitritt der Türkei in die EU.

www.beatrixvonstorch.de


Dr. Weißmann über den „Kulturbruch“ der 68er Revolte und ihre fatalen Folgen

Von Felizitas Küble

Wie bereits im CHRISTLICHEN FORUM berichtet, fand am 25. April eine AfD-Veranstaltung mit dem evangelischen Theologen und Philosophen Dr. Karlheinz Weißmann (siehe Fotos) in der Stadtbücherei von Münster statt. Im Vorfeld der gehaltvollen Rede gab es massive Proteste und Tumulte von linksradikaler Seite (Antifa, Linkspartei etc) gegen den konservativen Publizisten und gegen die AfD.

Es lohnt sich, die inhaltsreiche und frei gesprochene Ansprache von Dr. Weißmann näher zu beleuchten, zumal das Thema 68er wegen des fünfzig-jährigen Jubiläums dieser Studentenrebellion derzeit wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit findet.

Der Redner erläuterte zunächst, daß die Meinungsvielfalt und Debattenkultur in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts weitaus besser war, als dies von linker Seite gerne in düsteren Farben über die „Adenauer-Ära“ dargestellt wird. Die Randale vor dem Tagungshaus seien ein Beispiel dafür, wie es hier und heute mit der Meinungs- und Versammlungsfreiheit bestellt ist.

Zum politisch-gesellschaftlichen Kulturbruch mit der abendländischen Wertewelt erinnerte Dr. Weißmann an die geschichtsträchtigen Daten: 1789 (Französische Revolution), 1917 (Oktoberrevolution, Bolschewismus), 1933 (National-Sozialismus) und 1968. Jede dieser Umwälzungen trug auf ihre Weise zur Zerstörung der christlichen Kultur und zur revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft bei.

Allerdings könne man hinsichtlich der Auswirkungen der 68er Bewegung von einer „stillen Revolution“ sprechen, denn die Vertreter dieser linkssozialistischen Ideologie hätten in den letzten Jahrzehnten schrittweise ihren „Marsch durch die Institutionen“ erfolgreich durchgeführt  – und sich sowohl im staatlichen wie vielfach auch im kirchlichen Bereich  – vor allem in der EKD – einflußreich etabliert.

Die Folgen und der damit verbundene Wertewandel in unserem Land seien fatal (verhängnisvoll).  Der Referent verwies beispielhaft auf die rotgrüne Schulpädagogik, den Gender-Irrwitz, die Einführung der „Ehe für alle“ und die linke Doppelmoral vieler Mainstream-Medien.

Dr. Weissmann erinnerte an die Ursprünge der Studentenunruhen in den USA schon Mitte der 60er Jahre, die danach auf Europa, besonders auf Frankreich und Deutschland herüberschwappten. Politischer Anlass war damals der Vietnam-Krieg gegen den kommunistischen Vietcong, was in den Vereinigten Staaten zu Massenprotesten führte.

In Deutschland spielte er nicht diese herausragende Rolle – bei uns griff die Studentenrevolte vor allem das autoritäre Regime des Schahs von Persien an. (Daß die Schah-Herrschaft aber im Vergleich zur heutigen radikal-islamischen Diktatur im Iran aber weitaus gemäßigter, „westlicher“ und frauenfreundlicher war, sei nur am Rande vermerkt.)

Zusätzlich zu den politischen Reizthemen gab es im breiten Spektrum der 68er Bewegung weitere Interessen und Strömungen, vor allem die „sexuelle Befreiung“, die Neigung zu fernöstlichen Religionen (Indien-Trips), die Hippie-Rock-Drogen-Szenerie und weitere irrationale Tendenzen. 

Die 68er Rebellen bezeichneten sich selber als „Neue Linke“, denn sie wollten einen dritten Weg zwischen der staatstreuen Sozialdemokratie auf der einen Seite und dem real existierenden Kommunismus auf der anderen Seite aufzeigen.

Da die Arbeiter jedoch an dem herbeigeträumten „Arbeiterparadies“ nicht nur keinerlei Interesse zeigten, sondern der Studentenbewegung fast durchgängig mit Ablehnung gegenüberstanden, konzentrierten sich die Links-Ideologen auf die Studentenschaft, die „Intellektuellen“, Medienleute und „Randgruppen“ – in der Hoffnung, dadurch eine „revolutionäre Sprengkraft“ neuen Stils erzeugen zu können.

Organisatorischer Ursprung der 68er Rebellion war der SDS = Sozialistischer Deutscher Studentenbund, der sich einst wegen seines Linksdralls von der SPD abgespalten hatte. Der bekannte Studentenführer Rudi Dutschke hatte Marx und Engels gründlich gelesen, strebte eine revolutionäre Entwicklung in Deutschland an und versuchte daher ab 1965 verstärkt, den SDS voranzubringen. Dies gelang ihm zeitweise mit dem heißen Eisen Vietnam-Krieg, das in den USA bereits für Straßenproteste sorgte.

Er nahm Kontakt mit dem Neo-Marxisten Herbert Marcuse auf und setzte gemeinsam mit ihm in den Jahren 1966 und 1967 verstärkt auf das Thema Kuba und den Revoluzzer Che Guevara; damit mobilisierten sie viele Studenten für eine kommunistische Umwälzung auf Kuba, die tatsächlich eingetreten ist (die rote Diktatur besteht dort bis heute).

Dabei beschränkte sich der Studentenführer und sein enges Umfeld nicht auf Parolen und Proteste; es wurden auch Sprengsätze gebaut ( technisch gesehen aber gottlob unzulänglich), um z.B. ein Attentat auf den Schah von Persien und seine Frau durchzuführen. 

Die Stimmung unter den 68er Rebellen wurde immer radikaler, Straßenschlachten mit Polizisten wurden häufiger. Deutschland befand sich am Rande eines staatlichen Ausnahmezustands. Der damals linke Schriftsteller Magnus Enzensberger erklärte rundweg, die Revolution sei nun „unabwendbar“.

Allerdings erhielt die Studentenrevolte einen erheblichen Dämpfer, als im August 1968 sowjetische Truppen die CSSR besetzten und dort dem tschechischen „Reform-Kommunismus“ ein blutiges Ende bereiteten.

Die „Unentwegten“ innerhalb der 68er Bewegung ließen sich jedoch in ihrem revolutionären Eifer nicht beirren. Zahlreiche weitere K-Gruppen mit ihren Kadern entstanden neben der DKP. Der radikale Flügel ging noch weiter: es erfolgte die Gründung der terroristischen RAF (Rote Armee Fraktion), die unseren Staat über ein Jahrzehnt in Atem hielt.

Den verbliebenen 68er Rebellen außerhalb der RAF kam die neue, sozialdemokratisch geführte Regierung durch Amnestien (Straferlasse) großzügig entgegen. Das Konzept unter Kanzler Willy Brandt nannte sich wohlklingend „Mehr Demokratie wagen“. Die linke Bewegung rannte nun offene Türen bei der SPD ein  – und sie begann systematisch mit ihrem „Marsch durch die Institutionen“.

Ende der 70er Jahre waren Universitäten, SPD, Teile der FDP und kirchliche Institutionen größtenteils von 68ern unterwandert. Durch das Aufkommen der Grünen wurd e dieser Trend weiter verstärkt: Alt-68er, die einst den Staat bekämpften, gelangten zunehmend an die Schalthebel der staatlichen Macht.

Nach dem lehrreichen und interessanten Vortrag Weißmanns begann die Aussprache mit dem Publikum, wobei etwa ein Dutzend Fragen gestellt wurden, z.B. zur „Frankfurter Schule“ als bedeutsamer Ideenquelle und Theoretikerin der 68er Revolte.

BILD: Neuerscheinung eines Buches von Dr. Weissmann über die 68er – weiteres dazu HIER.

Der Redner äußerte sich dazu sehr differenziert: Nicht alle führenden Köpfe der Frankfurter Schule hätten mit den Studentenunruhen sympathisiert. Marcuse zwar sehr wohl, Adorno hingegen nur teilweise. Horkheimer sei sehr kritisch gewesen  –  und Habermas habe Dutschke sogar „linken Faschismus“ vorgeworfen.

Ein älterer Herr meldete sich und erklärte: „Ich war selbst ein 68er!“ – Worauf es einen humorvoll gemeinten Ruf aus den Zuschauerreihen ab: „Raus hier!“  – Der Saal schmunzelte  – und der Ex-68er erzählte, er habe diese Bewegung damals vor allem als hedonistisch, als sexuell tabu-frei kennengelernt, weniger als intellektuell anspruchsvoll.

Kurz darauf wurde eine weitere Frage an den Redner gerichtet, nämlich nach dem Zusammenhang von 68 und „Humanistischer Psychologie“, dem Aufkommen der Gruppendynamik und der Ausbreitung der „sexuellen Befreiung“.

Dr. Weißmann erklärte, es gäbe sicherlich Parallelen und gegenseitige Ermutigung zwischen der hedonistischen und der politisch-rebellischen Strömung; allerdings sehe er hier kein direktes Ursache-Wirkung-Verhältnis.

Vor allem die Einführung der Pille und das „irre Konzept der Selbstverwirklichung“ habe die Sexwelle vorangetrieben und dabei die Stabilität von Ehe und Familie zunehmend zerstört. Der linke Zeitgeist der 68er sei vor allem in seiner eigenen evangelischen Kirche eingedrungen, aber auch in Teilen der katholischen Kirche.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den Jugendverlag KOMM-MIT und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.