Bischof Algermissen: Die „Sterbehilfe“-Debatte zeigt, wes Geistes Kinder wir sind

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Die folgende Stellungnahme von Bischof Heinz Josef Algermissen, dem Oberhirten des Bistums Fulda, veröffentlichen wir mit seiner freundlichen Genehmigung:

Die Diskussion um die Beihilfe zum Suizid hat uns die letzten Monate begleitet und wird sich wohl in diesem Jahr zuspitzen, zumal Gerichtsurteile und politische wie ethische

Foto Leupolt – Bistum Fulda

Aussagen bestimmte Vorverständnisse bis hin zur Ideologisierung vermuten lassen.

Der Diskussionsprozess im Kontext dieses Problems berührt höchst bedeutsame existentielle Fragen des menschlichen Lebens. Es wäre ein Unding, würden wir sie an Politiker und Parteien abgeben. Ganz im Gegenteil ist es notwendig, vom christlichen Glauben her Orientierung und Position zu finden, denn das Sterben ist die letzte große Lebensaufgabe, die der Mensch zu bewältigen hat.

Im Grundsätzlichen einmütig haben sich Vertreter beider großer Kirchen in der Debatte engagiert zu Wort gemeldet. Ihre Position lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Jede Hilfe beim Sterben, keine Hilfe zum Sterben.

Das allgemein eingeforderte Sterben in Würde kann doch nur bedeuten, Art und Weise des Sterbens würdevoll zu gestalten. Entsprechend erfreulich ist der in den letzten Jahren zunehmend allgemeine politische Konsens, den palliativ-medizinischen Bereich in Deutschland entschieden ausbauen zu wollen und dadurch die helfende Zuwendung zum schwerkranken und sterbenden Menschen zu fördern.

Vor allem misstraut die katholische Kirche dem offenbar weit verbreiteten Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben, dem Wunsch, über den Zeitpunkt des eigenen Todes entscheiden zu können. Einfache Appelle wie „mein Tod gehört mir“ oder „Selbstbestimmung bis zuletzt“ sind plakativ und helfen nicht weiter.

Dahinter steckt oft nicht nur die Angst vor einem schmerzvollen, womöglich von der Intensivmedizin sinnlos hinausgezögerten Sterbeprozess. Stimmen aus Theologie und Kirche beklagen, dass hinter diesem Wunsch häufig auch ein falsches Autonomieverständnis steht, demnach man um jeden Preis verhindern möchte, anderen zur Last zu fallen, von anderen in der Endphase seines Lebens abhängig zu werden. 

Weil das Leben indes ein Geschenk Gottes ist, hat kein Mensch das Recht, über seinen eigenen Tod zu verfügen. Das von Gott geschenkte Leben lässt sich nicht einfach zurückgeben.

BILD: Bischof Algermissen auf dem Kongreß „Freude am Glauben“ vor unserem Infostand im Gespräch  (Foto: Felizitas Küble)

Das geschenkte Leben bis zu seinem Ende zu leben und auch das Sterben zu leben, ist vielmehr Ausdruck der wahren Selbstbestimmung des Menschen. Und so kann es der „Katechismus der Katholischen Kirche“ (in Nr. 2277) auf den Punkt bringen:

„Eine Handlung oder eine Unterlassung, die von sich aus oder der Absicht nach den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende zu machen, ist ein Mord, ein schweres Vergehen gegen die Menschenwürde und gegen die Achtung, die man dem lebendigen Gott, dem Schöpfer, schuldet.“

Tatsächlich gibt es ethische Grundeinstellungen, die für die katholische Kirche nicht verhandelbar sind und niemals sein werden. Andernfalls würde sie dem „Evangelium des Lebens“ untreu.

In Diskussionen höre ich mitunter den Einwand, durch Gesetze, Normen und Weisungen werde der Mensch von außen gelenkt und fremdbestimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Denn der Mensch hat seine einzigartige Würde, die unser Grundgesetz „unantastbar“ nennt, weil er Abbild Gottes ist. Nur in lebendiger Beziehung zu seinem Urbild vermag sich das Abbild wirklich zu entfalten, kommt das Gewissen zu seiner vollen Würde und Bedeutung.

Das Gesetz im Inneren des Gewissens, von dem das Zweite Vatikanische Konzil spricht, wird durch die Stimme Gottes nicht verfremdet, sondern entfaltet und gedeutet.

Als Christinnen und Christen sind wir dazu berufen, Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu sein, der sich als „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14, 6) mitgeteilt hat. Es ist unsere Berufung, den Menschen zu helfen, sich Gott zu öffnen, seinen Ruf zu vernehmen und seiner Botschaft zu folgen. Damit wir dieser Berufung gerecht werden können, bedürfen wir zunächst selbst der Stärkung und Schärfung unseres eigenen Gewissens, auf dass wir uns im Diskurs dieser Gesellschaft deutlich und eindeutig verhalten sowie helfende Zuwendung anbieten.

Und wir brauchen viele katholische Christinnen und Christen, die sich in der Politik engagieren und ihre Grundüberzeugung in die Debatten einbringen, profiliert, klar und unmissverständlich.

In der andauernden Auseinandersetzung über die „Sterbehilfe“ können wir zeigen, welch Geistes Kinder wir sind.


Wiesbaden: 2000 Teilnehmer protestierten gegen hessischen Sexual-Lehrplan

Bischof Algermissen (Fulda) dankte der „Demo für alle“

Bei strahlendem Sonnenschein sind in Wiesbaden am Sonntag 1900 Eltern, Kinder und Familienfreunde gegen den neuen Hessischen Lehrplan zur Sexualerziehung auf die Straße gegangen. demo-aufruf_30_10_16

Prominenten Segen erhielt die erste DEMO FÜR ALLE in Hessen vom Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen, der sich in einem Grußwort bei den Demonstranten für ihre Teilnahme an der „Demo für alle“ ausdrücklich bedankt hatte.

Die von einem breiten bürgerlichen Bündnis gestellten Redner hatten eine klare Botschaft an die CDU-geführte Landesregierung unter Volker Bouffier und seinen Kultusminister Alexander Lorz (ebenfalls CDU): „Wir sind auf eine jahrelange Auseinandersetzung eingestellt.“

Nach einem musikalischen Auftakt begrüßte Hedwig von Beverfoerde, die Sprecherin der DEMO FÜR ALLE, die Demonstranten. Sie forderte in ihrer Rede, dass der hessische Lehrplan umgehend zurückgezogen und grundlegend überarbeitet werden müsse.

Der Publizist Mathias von Gersdorff (siehe Foto) kritisierte mit scharfen Worten, dass Kultusminister Lorz seinen Lehrplan gegen den ausdrücklichen Willen der hessischen Eltern und der katholischen Kirche erlassen hat. Die CDU-Spitze sei damit den Eltern und Familien in Hessen regelrecht „in den Rücken gefallen“.

M. von GersdorffDer Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Manfred Spieker rief dazu auf, eine Sexualerziehung zu verteidigen, „in der die Sexualität nicht auf ein handelbares Konsumgut oder ein Instrument der Lust reduziert“ wird.

Mechthild Löhr, die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben, stellte klar, dass sie für Sexualaufklärung in der Schule sei, aber eindeutig gegen den „Missbrauch staatlicher Autoritäten in der Sexualerziehung“.

Außerdem sprachen mehrere hessische Eltern sowie Schulvertreter und kritisierten die Regierungspläne. Eine Rednerin sagte: „Es kann und darf nicht sein, dass durch Sexualkundeunterricht die natürlichen Schamgrenzen bei den Kindern ignoriert und gebrochen werden.“,

Die angereiste Sprecherin der Elternaktion Bayern freute sich über erste Erfolge bei der Abwehr der Gender-Ideologie in die bayerischen Richtlinien und machte den hessischen Eltern Mut, für ihre Kinder den Protest durchzuziehen.

Zum Abschluss ließen die Demonstranten hunderte rosa und blaue Luftballons in den Himmel steigen als Signal an Kultusminister Lorz und Ministerpräsident Bouffier, daß die Eltern nicht nachlassen werden, bis der Lehrplan zurückgezogen ist.

Die Wiesbadener Polizei hatte die Lage jederzeit hervorragend im Griff. Linksextreme, die den friedlichen Eltern- und Familienumzug aggressiv zu stören versuchten, hatten keine Chance. Die Demo-Route musste wegen mehrerer Sitzblockaden kurzfristig umgelegt werden und konnte so dann reibungslos ablaufen.

Hedwig von Beverfoerde
Koordinatorin DEMO FÜR ALLE
Münchenhofstr. 33 in 39124 Magdeburg
kontakt@demofueralle.de
www.demofueralle.de


Bischof Algermissen kritisiert Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden zur Euthanasie

Oberhirte von Fulda beklagt „dramatische“ Folgen mangelnder Prinzipientreue in der EKD

Mit Äußerungen zur seelsorgerlichen Begleitung schwerkranker Menschen mit Euthanasie-Wunsch hat sich der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, die Kritik der katholischen Kirche zugezogen.

In seinem Bericht vor der EKD-Synode hatte der leitende evangelische Bischof Schneider von Situationen gesprochen, „in denen auch Christen die Entscheidung von Menschen für ein selbstbestimmtes Sterben gegen ihre eigene Überzeugung respektieren und ihnen eine mitfühlende und seelsorgerliche Begleitung nicht verweigern“.

Auf Rückfragen von Synodalen hatte Schneider hinzugefügt: „Wenn ein Mensch intensiv darum bittet, dann mache ich mir nach der reinen Lehre auch die Hände schmutzig.“ –  In Grenzfällen sei die Kirche „für die Menschen da und nicht für die Sauberkeit unserer Position“.

In diesen Äußerungen sieht der katholische Bischof Heinz Josef Algermissen (Fulda) eine Belastung des ökumenischen Miteinanders.

Der katholischen Zeitung Tagespost sagte er, Schneiders Ansicht zeige erneut, „dass die beiden Kirchen keine gemeinsamen Antworten mehr auf gravierende theologische Fragen und drängende bioethische Probleme geben können“.

Dies sei bereits in der Diskussion um die embryonale Stammzellforschung und die Präimplantationsdiagnostik deutlich geworden. Bischof Algermissen bezeichnete die Folgen als „dramatisch“.

Daß die Kirchen in entscheidenden Fragen des menschlichen Lebens politisch auseinanderdividiert würden, schwäche ihr Zeugnis und mache es politisch zunehmend bedeutungslos.

Quelle: www.idea.de

Punkt für Punkt: Was Bischof Algermissen zu „Hirntod“ und Organspende äußerte

Unter dem Titel „Bischof Heinz-Josef Algermissen (Fulda) übt Kritik am Hirntod-Konzept bei Organspendern“ erschien unser folgender Artikel heute in der katholischen Nachrichtenagentur ZENIT aus Rom (deutschsprachige Ausgabe), wobei wir die wegweisenden Äußerungen des Fuldaer Bischofs Punkt für Punkt zitiert und zum Teil etwas erläutert haben:

MÜNSTER, 7. März 2012 (ZENIT.org). – In der „Fuldaer Zeitung“ vom 6. März 2012 erschien ein Artikel von Heinz-Josef Algermissen, dem Oberhirten des Bistums Fulda, der aufhorchen lässt. Der Bischof setzt sich in seinem ausführlichen Beitrag mit der medizinisch gängigen Hirntod-These auseinander, die freilich seit einigen Jahren fachwissenschaftlich zunehmend in die Kritik gerät. Allerdings beschränkt sich diese skeptische Debatte meist auf akademische Publikationen und erreicht somit im Wesentlichen nur ein Fachpublikum.

Die engagierte Stellungnahme des Fuldaer Bischofs zu diesem „heißen Eisen“ dürfte nun eine offene innerkirchliche Diskussion anstoßen und erleichtern, was sicherlich erfreulich ist, denn mit einer Tabuisierung dieses wichtigen Themas wäre niemandem gedient, am wenigsten den Betroffenen selbst, nämlich den Organspendern, bei denen es sich durchaus nicht um „Tote“ handelt, wie im Medizinbetrieb fast durchgehend behauptet wird, sondern in Wahrheit um Sterbende.

Bischof Algermissen beginnt seinen Beitrag mit dem Hinweis auf die weitverbreitete, von vielen gesellschaftlichen Gruppen vorangetriebenen Werbung für die Organspende und fährt dann fort:

„Gleichzeitig wird aber immer wieder die Frage gestellt: Wie kann es möglich sein, einem toten Körper lebende Organe zu entnehmen, um diese zu transplantieren? Ist das nicht in sich absurd?“

Der kritische Oberhirte befaßt sich außerdem mit weiteren  – wie er schreibt  –  „ungelösten“ Gesichtspunkten dieses Themas:

„Neben vielen noch ungelösten Aspekten der Transplantationsmedizin, so zum Beispiel Abstoßung, lebenslange Medikamenteneinnahme, die dadurch bedingten Folgen, mitunter auch deutliche Persönlichkeitsveränderungen, ist das ethische Hauptproblem die Spende der entnommenen Organe.“

Damit kommt der Autor zum springenden Punkt, nämlich der zentralen Frage, ob es sich wirklich um eine „postmortale“  – also nach dem Tod vollzogene  –  Organspende handelt:

„Nur wenn man weiß, was sich hinter dem Begriff „postmortale Organspende“ verbirgt, kann man sich frei entscheiden, zumal künftig jeder Bürger mehrmals im Leben mit der Frage konfrontiert werden soll, ob er zu solcher Organspende bereit ist.“

Tatsächlich will der deutsche Bundestag eine sog. „Entscheidungslösung“ einführen, wonach jeder Bürger de facto gezwungen ist, sich in regelmäßigen Abständen festzulegen, ob er zur Organspende bereit ist oder nicht.

Bischof Algermissen befaßt sich sodann mit der Frage, ob der „Hirntod“ wirklich der definitive Tod des Menschen ist:

„Was verbirgt sich hinter dem Begriff ‚Hirntod‘? Es geht um Menschen, bei denen das gesamte Gehirn (Groß-, Klein- und Stammhirn) seine Funktion unwiederbringlich verloren hat. Es sind bewusstlose, beatmete Menschen, deren gehirngebundene Reflexe erloschen sind.

Die Körpertemperatur ist allerdings erhalten, das Herz schlägt spontan, der Blutdruck ist messbar, Stoffwechsel, Ausscheidungen, Hormonsystem funktionieren noch. Vegetative Reaktionen wie unter anderem Hautrötung und Schwitzen sind zu beobachten. Diese Phänomene beschreibt die Biologie korrekt als zum Leben gehörig.“

Mit diesen präzisen, aber verständlichen Ausführungen hat der Bischof die medizinische Sachlage treffend auf den Punkt gebracht. Er erwähnt zudem einen weiteren Anhaltspunkt, wonach der „Hirntod“ nicht der endgültige Tod sein kann:

„Die Behandlung von schwangeren ‚Hirntod‘-Patientinnen, deren Kinder normal entwickelt geboren werden, beweist geradezu, dass solche Menschen zwar schwer krank, aber lebende Menschen sind. In einer Toten kann sich kein Embryo entwickeln.“

Außerdem gibt es weitere Indizien in diesem Sinne, wie der Fuldaer Bischof erläutert:

„Bei der Organentnahme unter Narkose, so bestätigen Transplantationsmediziner, steigt der Blutdruck enorm, der Herzschlag beschleunigt sich stark. Diese Reaktionen zeigen, dass der Spender unbewusst etwas spüren muss. Es sind Lebenserscheinungen, die auch jeder andere Patient bei einer Operation zeigt.“

Hieraus zieht der logisch argumentierende Verfasser eine unumgängliche Schlußfolgerung:

„Angesichts dessen ist es aufrichtig festzustellen: Einen Sterbenden im Hirnversagen für tot zu erklären, um bei einer Organentnahme eine Tötung zu umgehen, stellt eine willkürliche Setzung dar, die mit Redlichkeit als Voraussetzung für jede ethische Betrachtung nicht zu vereinbaren ist.

Mit anderen Worten: Der Begriff ‚Hirntod‘ suggeriert einen Zustand, der nicht den Tatsachen entspricht. Auch hier können wir wieder feststellen, dass Sprache zur Vernebelung herhalten muss.

Von der ‚postmortalen Organspende‘ zu sprechen, geht von falschen Tatsachen aus, entspricht dem Tatbestand der bewussten Täuschung. Deshalb ist das sogenannte ‚Hirntodkonzept‘ mit den moralischen und ethischen Ansprüchen des Evangeliums nicht zu vereinbaren.“

Das ist ein zweifellos deutlich formuliertes, aber zugleich fundiert begründetes Resümee. Der Bischof weist zu Recht darauf hin, daß alle Bürger – vor allem potentielle Organspender – einen Anspruch auf korrekte Information haben:

„Da Spender im Hirnversagen zwar Sterbende, aber doch noch lebende Menschen sind, ergibt sich für eine ehrliche Information als Grundlage einer schwierigen Entscheidung die notwendige medizinische Aufklärung über den Zustand des Hirnversagens.“

Sodann verweist der Bischof auf den im Katechismus der Katholischen Kirche unter Nr. 2296 festgelegten Grundsatz, wonach der Zweck die Mittel nicht heiligt, auch nicht im Falle guter Absichten.

Im Zusammenhang mit Organverpflanzung ist davon die Rede, daß es „sittlich unzulässig“ sei, die „Invalidität oder den Tod eines Menschen direkt herbeizuführen, selbst wenn dadurch der Tod anderer Menschen hinausgezögert würde.“

Christliche Ethik ist immer bestrebt, die Würde der einzelnen Person zu wahren, den Menschen nicht zu „verzwecken“, denn er gehört nicht dem Staat oder der Gesellschaft, auch nicht dem Medizinbetrieb, sondern er ist ein Geschöpf Gottes mit einer unantastbaren Würde, wobei niemand anders als der Schöpfer selbst der HERR über Leben und Tod ist und sein darf.

Felizitas Küble

Link zu diesem Artikel bei ZENIT: http://www.zenit.org/article-24499?l=german