Coronakrise: Ältere Menschen vermissen Kontakte und sind öfter deprimiert

Alte Menschen sind nicht nur schutzbedürftig, sondern leisten auch wichtige Unterstützung in den Familien – Neue Studie über Corona-Pandemie aus Sicht alter und hochalter Menschen.

In Zeiten der Corona-Pandemie wird viel über alte Menschen debattiert, aber es ist wenig darüber bekannt, was Menschen in hohem Alter selbst über ihre Situation denken.

Wissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben daher im Rahmen einer Telefonumfrage 500 ältere Menschen über 75 Jahre nach ihrer Einschätzung der COVID-19-Pandemie befragt.

Erste Ergebnisse zeigen, dass eine große Mehrheit der älteren Menschen keine negativen Folgen der Corona-Pandemie auf ihre Gesundheit feststellt.

Allerdings zeigen sich im sozialen und psychosozialen Bereich teils deutliche Konsequenzen: Ältere Menschen vermissen ganz besonders den Kontakt zu anderen und viele fühlen sich alleingelassen. Ein Viertel der Befragten gibt zudem an, während der Corona-Pandemie öfter deprimiert zu sein als zuvor.

Pauschale Einordnung älterer Menschen als Risikogruppe ist nicht angemessen

In Diskussionen über alte Menschen geht es meist um die für sie besonders gravierenden Folgen einer COVID-19-Erkrankung. Älteren Menschen wird aus diesem Grund in besonderer Weise nahegelegt, die empfohlenen Hygiene- und Schutzmaßnahmen einzuhalten.

Eine pauschale Einschätzung als Risikogruppe birgt jedoch die Gefahr, die Heterogenität älterer Menschen im Hinblick auf ihre gesundheitlichen Voraussetzungen, Lebenssituationen und Ressourcenausstattung aus dem Blick zu verlieren. Darüber hinaus kann sie dazu beitragen, ältere Menschen per se als schutzbedürftig wahrzunehmen und in ihrer Isolation die Lösung für den jüngeren Teil der Gesellschaft zu sehen.

Obwohl im Fokus von Politik und Öffentlichkeit, ist wenig darüber bekannt, was alte und insbesondere Menschen sehr hohen Alters selbst über die Corona-Pandemie denken und wie sie selbst die Auswirkungen auf ihre Lebenssituation erleben.

Wie verhalten sie sich und welche Sorgen machen sie sich? Wie schätzen sie die Folgen der Corona-Pandemie auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden ein? Wie gehen sie mit den Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckungsgefahr um?

Diese und andere Fragen stehen im Mittelpunkt der Studie „Alte und hochaltrige Menschen in der Corona-Pandemie“, die unter der Leitung von Dr. Vincent Horn und Prof. Dr. Cornelia Schweppe an der JGU durchgeführt wird.

Einschätzung älterer Menschen über ihre Situation soll in öffentlichen Diskurs einfließen

Die Studie richtet sich an Menschen im hohen Alter, um ihre Perspektiven in den öffentlichen Diskurs einfließen zu lassen.

Erhoben wurden die Daten in der letzten Septemberwoche 2020, das heißt zu einem Zeitpunkt, als die Zahl der Neuinfektionen wieder zu steigen begann, ein weiterer Teil-Lockdown jedoch erst noch bevorstand. Neben dem Zeitpunkt der Erhebung ist nach Darstellung der Studienleiter zu beachten, dass es sich bei den Befragten um relativ gesunde ältere Menschen handelt, die in der Lage waren, an der Befragung teilzunehmen.

Die erste Auswertung der Daten zeigt, dass die älteren Menschen sich zwar nur zu einem Drittel größere Sorgen machen, sich mit dem Virus SARS-CoV-2 anzustecken, aber zwei Drittel die Folgen einer Infizierung für gefährlich halten. Ihr Verhalten richten sie weitgehend an den empfohlenen Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen aus. Dementsprechend verzichtet rund die Hälfte der Befragten auf die Teilnahme an privaten Feiern und 40 Prozent auf Treffen mit Freunden und Bekannten. Lediglich auf Treffen mit der Familie möchten 82 Prozent nicht verzichten.

Auch Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Freizeit von alten Menschen werden sichtbar. So geben 41 Prozent der Befragten an, dass sie bestimmten Hobbys seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht nachgehen können und 78 Prozent, dass sie aufs Reisen verzichten.

Ältere Menschen verfügen aber auch über belastbare soziale Netzwerke

Wenngleich die große Mehrheit der älteren Menschen keine negativen Folgen der Corona-Pandemie auf ihre Gesundheit konstatiert, zeigen sich im sozialen und psychosozialen Bereich teils deutliche Konsequenzen. Demnach fehlt mehr als der Hälfte der Austausch und Kontakt mit anderen Menschen, 15 Prozent fühlen sich alleingelassen. Ein Viertel der Befragten gibt zudem an, dass es während der Corona-Pandemie öfter deprimiert sei als davor.

Die Daten zeigen allerdings auch, dass ältere Menschen in der Regel über belastbare soziale Netzwerke verfügen, die ihnen in Krisensituationen Unterstützung bieten können.

Vincent Horn warnt davor, alte Menschen ausschließlich als besonders schutzbedürftige Gruppe zu betrachten. „Unsere Studie zeigt, dass sie in der Corona-Pandemie auch zu wichtigen Unterstützungspersonen geworden sind. Ein nicht unerheblicher Teil unterstützt ihre Kinder und Enkelkinder finanziell deutlich mehr als vor der Krise.“

Quelle: Pressemitteilung der Universität Mainz


Universität Mainz: Studie zur häuslichen Altenpflege in Corona-Zeiten gestartet

Pflege war mehr als sonst eine Aufgabe der Familie

In Deutschland wird der Großteil der rund 3,4 Millionen pflegebedürftigen älteren Menschen zu Hause gepflegt. Mit dem Ausbruch des Coronavirus im März dieses Jahres hat sich ihre Situation und die der pflegenden Angehörigen erheblich gewandelt.

Zum einen handelt es sich bei älteren pflegebedürftigen Menschen um eine Personengruppe mit erhöhtem Risiko, für die eine COVID-19-Erkrankung besonders gefährlich ist. Pflegende Angehörige sehen sich deshalb mit der stetigen Sorge konfrontiert, ihre pflegebedürftigen älteren Angehörigen versehentlich mit dem Virus infizieren zu können.

Zum anderen können zuvor genutzte Dienste wie ambulante Pflegedienste oder die Tages- beziehungsweise Kurzzeitpflege aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus derzeit nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt in Anspruch genommen werden.

Darüber hinaus mussten viele Familie spontan auf die Unterstützung von osteuropäischen Haushaltshilfen verzichten. Diese im Haushalt der pflegebedürftigen Person lebenden Frauen und Männer sind oftmals der Schlüssel für ein funktionierendes Pflegearrangement im Alter. Die meisten von ihnen arbeiten jedoch schwarz, sodass ihnen zumindest vorübergehend die Ein- oder Wiedereinreise nach Deutschland verwehrt war. Denn nur Haushaltshilfen mit einem gültigen Arbeitsvertrag durften die Grenze überqueren. Auch auf Arztbesuche muss häufig verzichtet werden; Hausärzte stellen Hausbesuche nicht selten ein.

Die entstandenen Lücken durch ambulante Pflegedienste zu schließen, ist praktisch unmöglich. In der Branche herrscht nicht nur chronischer Personalmangel. Hinzu kommt, dass gerade zu Beginn der Krise die Ausrüstung ambulanter Pflegedienste mit Schutzmaterial nur unzureichend war.

Die Familien müssen also entscheiden, ob sie das Risiko einer möglichen Ansteckung eingehen oder aber auf diese Dienste verzichten wollen. Vieles spricht also dafür, dass die Pflege älterer Menschen in Zeiten von Corona noch stärker als sonst von den Angehörigen geleistet werden muss.

Doch wie genau hat sich die häusliche Altenpflege nach der Ausbreitung des Virus verändert? Und was bedeuten diese Veränderungen für die pflegenden Angehörigen? Welche Belastungen sind entstanden und welche Lösungen wurden gefunden – oder auch nicht?

Diesen und anderen Fragen widmet sich eine kürzlich an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) begonnene Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Schweppe und Dr. Vincent Horn.

Für die Studie werden 300 pflegende Angehörige im Rahmen einer Online-Umfrage befragt. Parallel dazu werden Daten mittels leitfadengestützter Interviews erhoben. Auf diese Weise soll die Situation pflegender Angehöriger sowohl in der Breite als auch in der Tiefe erfasst werden.

Cornelia Schweppe sagt: „Auf die vielen Problematiken der häuslichen Pflege alter Menschen wurde seit geraumer Zeit hingewiesen. Es ist zu befürchten, dass sie sich in Zeiten Coronas um ein Weiteres verschärfen mit bislang ungekannten Auswirkungen sowohl auf die Angehörigen als auch auf die Pflegebedürftigen.“

Vincent Horn ergänzt, dass die Pflege älterer Menschen beim kürzlich verabschiedeten Konjunkturpaket zu kurz gekommen sei: „Tatsächlich kommt das Wort Pflege im Konjunkturpaket erst gar nicht vor.“

Durch ihre Studie erhoffen sich die Erziehungswissenschaftler Einblicke in den Pflegealltag sowie Erkenntnisse über die aktuellen Bedarfe und Folgen der Corona-Krise für die pflegenden Angehörigen. Dies sei wichtig, um Unterstützungsangebote bereitstellen zu können, die pflegende Angehörige entlasten, und die Qualität der häuslichen Altenpflege in diesen Zeiten gewährleisten zu können.

Kontakt:
Prof. Dr. Cornelia Schweppe, J.-G.-Universität Mainz
Tel. +49 6131 39-20727 oder -26380
E-Mail: c.schweppe@uni-mainz.de

Weiterführende Links:
http://www.sozialpaedagogik.fb02.uni-mainz.de/1076.php – AG Sozialpädagogik
https://www.gfk.uni-mainz.de/prof-dr-cornelia-schweppe/ – GFK-Fellow Cornelia Schweppe

Lesen Sie mehr zum Thema:
https://idw-online.de/de/news742820 – idw-Meldung „Ruhestand im Globalen Süden: Hoffnung auf ein besseres Leben im Rentnerparadies“ (5.3.2020)
https://www.uni-mainz.de/presse/aktuell/7744_DEU_HTML.php – Pressemitteilung „Pflegenotstand in Deutschland: Migrantische Pflegekräfte als Lösung für Staat und Familien?“ (27.2.2019)
http://www.magazin.uni-mainz.de/9435_DEU_HTML.php – JGU-Magazin-Beitrag „Entwicklungsland in Sachen Altenpflege“ (20.8.2018)
https://idw-online.de/de/news688928 – idw-Nachricht „Alte Menschen besser vor Gewalt in der häuslichen Pflege schützen“ (8.2.2018)