Wenn Askese den Hochmut begünstigt: Man kann auch „nach unten“ fasten

Fastendünkel bei Pharisäern, Sekten und Erscheinungen

In der überlieferten, traditionellen Messe wurde am heutigen Sonntag das Evangelium vom selbstverliebten Pharisäer und dem reumütigen Zöllner im Tempel vorgelesen.

Der von sich selbst überzeugte Gesetzeslehrer listet beim Gebet seine religiösen Leistungen und Werke auf und dankt dem Allmächtigen, daß er nicht so sei wie „die anderen“. Zu den guten Taten des Pharisäers gehörte es auch, „zweimal pro Woche zu fasten“, wie das Lukasevangelium erzählt.

Das war im damaligen Volk Israel durchaus eine „stramme Leistung“, eine besondere Askese (Verzichtsübung, „Abtötung“), denn die Juden sind nur verpflichtet, anläßlich einiger hoher Festtage zu fasten, vor allem am Versöhnungstag, dem höchsten Feiertag.

Folglich haben die Pharisäer weitaus mehr gefastet, als es „das Gesetz verlangt“ – und genau dies erfüllte den frommen Schriftgelehrten im Tempel mit Stolz.

Dieses Beispiel hat Christus seinen damaligen Zuhörern nicht ohne Grund warnend vor Augen gestellt.

Dabei geht es gewiß nicht um eine grundsätzliche Kritik an einem freiwilligen Fasten, das über die „geforderte Norm“ hinausgeht. Vielmehr werden wir ermahnt, uns nicht in einen religiösen Leistungswahn zu versteigen, der zu einer unterschwelligen Verbitterung führen kann – und dazu, daß unsere asketischen Bemühungen im Hochmut enden.

Damit würde man letztlich nicht „nach oben“ fasten, sondern gleichsam „nach unten“…

Die katholische Kirche hat durch ihre gemäßigte Haltung zum Fasten stets jedem Fanatismus und aller Verstiegenheit vorbeugen wollen. Es gibt nur zwei „gebotene“ (verpflichtende) Fasttage im ganzen Jahr, nämlich Aschermittwoch und Karfreitag (aber nicht bei „Wasser und Brot“).

Das kirchliche Freitagsgebot (lediglich kein Fleisch essen bzw. sonst ein Opfer bringen) ist kein eigentliches Fasten im strengen Sinn.

Es fällt auf, daß verschiedene häretische Gruppen und Sekten sowie Schwarmgeister im Laufe der Kirchengeschichte häufig besonders striktes Fasten und sonstige asketische Übungen verlangten, man denke z.B. an die Montanisten, Donatisten, Katharer, Geißler, „Inspirierte“, Skopzen (in Rußland) etc.

Wichtiger als eine ausgeprägte Askese sind aber gute Werke, Einhaltung der göttlichen Gebote, Taten der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, wie der Prophet Jesaja im Alten Testament betont: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen, die Versklavten freilassen, jedes Joch zerbrechen.“ (Jes. 58,6)

MEDJUGORJE und das Fasten bei Wasser und Brot

Einen seltsam asketischen Schwerpunkt setzen auch manche Erscheinungen wie etwa Medjugorje. Dort wurde von Anfang an eine merkwürdige Überbetonung des Fastens proklamiert.

Hierbei fordert die „Marienerscheinung“ am Mittwoch und Freitag zu einem „strengen Fasten“ bei Wasser und Brot auf (vgl. z.B. die „Botschaft“ vom 14.8.1984) – also auch zweimal pro Woche (wie einst die Pharisäer).

Dieser Punkt gehört zu den „fünf Steinen“ bzw. Hauptbotschaften von Medjugorje. So heißt es z.B. bei „Totus tuus“ (einer Medjugorje-Jugendbewegung) wörtlich unter dem Titel „Die Botschaften“:

In ihren Botschaften ruft sie uns auf,…mittwochs und freitags bei Brot und Wasser zu fasten. (Quelle: http://www.totus-tuus.de/site/medjugorje/die-botschaften-von-medjugorje/)

Einer Medjugorje-Seherin der „2. Generation“ namens Helena sagte die vermeintliche Madonna: „Ich will, daß ihr zweimal in der Woche bei Wasser und Brot fastet.“  (Quelle: Pater Vlasic in „Téqui“, S. 25).

Selbst eingefleischte Fans bringt diese Anforderung bisweilen um ihre Arbeitsfähigkeit und gute Laune.

So weiß Pfarrer Dirk Grothues zu berichten: „Ich selber habe vor einigen Jahren versucht, mittwochs und freitags bei Brot und Wasser zu fasten. Es ist mir erbärmlich bekommen. Mir wurde schlecht und ich konnte meine Arbeit nicht mehr tun.“ (Aus dem Buch Der Himmel fängt schon an, Oros-Verlag, S. 104)

Ähnlich schreibt Pater Andreas Hönisch, Gründer der „Kath. Pfadfinderschaft Europas“ (er war erst Anhänger, später ein Kritiker von Medjugorje):

„Es war in dieser Anfangszeit von Medjugorje, dass ich auch begann, zweimal in der Woche bei Wasser und Brot zu fasten. Ich mußte diese Praxis nach einiger Zeit aufgeben, weil ich es gesundheitlich nicht mehr schaffte.“  (Quelle: https://charismatismus.wordpress.com/2011/07/07/medjugorje-mein-eigener-weg/)

In unserem Christoferuswerk hatten wir in den 90er Jahren eine Medjugorje-Neubekehrte als Praktikantin. Die fromme Frau klebte nicht nur gerne die neuesten „Botschaften des Himmels“ an alle möglichen Wände, Schränke und sonstigen Ecken unseres Hauses, sondern hielt sich auch strikt an ihr Fasten am Mittwoch und Freitag bei Wasser und Brot. Allerdings war ihre Stimmung an diesen Tagen verständlicherweise nicht die beste.

Mehrfach erlebte ich zudem am nächsten Tag, wie sie mir vormittags den halben Kühlschrank leergegessen hatte, so daß ich – als ich gerade mit dem Kochen beginnen wollte – erst einmal einkaufen mußte, weil die Fleischportionen „verschwunden“ waren.

Ob das wohl ein sinnvolles Fasten ist?

Wenigstens hat die Praktikantin aber die anderen Mitarbeiter mit ihrem Fasten-Spleen in Ruhe gelassen.

Das kann auch anders ausgehen, wie mir eine Leserin des CHRISTLICHEN FORUM vor einiger Zeit anschaulich geschildert hat:

Sie durfte bei einer Freundin eine an sich recht schöne Ferienzeit auf dem Lande verbringen – soweit prima. Allerdings handelte es sich bei der Gastgeberin um eine überzeugte Medjugorje-Anhängerin. Die Folge: Am Mittwoch und Freitag war Schmalhans Küchenmeister und unserer Leserin wurde der Urlaub dadurch schon ein bißchen versalzen.

Noch ganz anders wurde ihr zumute, als die Freundin an einem Fastentag ihre Autofahrt abrupt beenden und an den Straßenrand ausweichen mußte, weil sie vor Schwäche nicht mehr weiterkam.

Wer also mehr fastet, als die Kirche verlangt, kann dies gerne tun, doch sollte er andere Gläubige damit nicht behelligen oder ungebeten „mitfasten“ lassen. Zudem muß sich jeder Asket vor (un)geistlichem Hochmut hüten: er darf sich nicht einbilden, deshalb „besser“ zu sein als die anderen Katholiken.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt


Münster: Überlieferte Messe auch an Festtagen

Von Felizitas Küble

In der Universitäts-Stadt Münster, der katholisch geprägten Metropole Westfalens, wird seit über 20 Jahren in der Kirche St. Aegidii die überlieferte Messe gefeiert – und zwar fast immer am Sonntag um 9,30 Uhr (meist auch an den Hochfesten) und zudem jede Woche freitags um 18 Uhr.

Lesungen, Evangelium und Predigt erfolgen auf deutsch, ebenso einige Lieder, die Gesamtliturgie findet in lateinischer Sprache statt. Die Gläubigen können in ihrem Schott-Meßbuch den ganzen Ablauf in deutsch mitverfolgen.

Die nach dem hl. Ägidius benannte Gotteshaus paßt in seiner Form und seiner farbenfrohen Ausgestaltung im Nazarenerstil sehr gut zur „alten Messe“.

BILD: Der Priester spendet den Blasiussegen mit zwei gekreuzten Kerzen in St. Aegidii

Im Laufe des Kirchenjahres gibt es neben den Hochfesten bzw. den „gebotenen“ Feiertagen auch manche kleineren Feste, die zwar das katholische Volk nicht zum Kirchgang verpflichten, die aber für viele Gläubige ein guter Anlaß zum Meßbesuch sind.

So gibt es auch in dieser Innenstadt-Kirche altrituelle Messen an solchen Feiertagen:

Am Aschermittwoch, dem 6. März, beginnt um 18 Uhr eine hl. Messe mit Aschenweihe und Aschenkreuz für die Gläubigen.

Am Dienstag  – 19. März – ist der Festtag des heiligen Joseph, Pflegevater Jesu und Gemahl der Gottesmutter. Der „Josefstag“ war früher in Teilen Deutschlands ein gesetzlicher Feiertag, leider wurde dies 1969 geändert. In St. Ägidii findet um 18 Uhr ein feierliches Hochamt zu Ehren des hl. Joseph statt.

Ebenfalls an einem Dienstag – dem 26. März – feiert die Kirche den Gedenktag des heiligen Ludgerus bzw. Liudger, des ersten Bischofs von Münster und eifrigen Missionars in Westfalen und Friesland. Auch am Ludgeri-Namenstag wird um 18 Uhr eine heilige Messe zelebriert.

Noch wichtiger ist der Tag davor, der 25. März, das Hochfest Annunziata, Verkündigung Mariens, als der Engel Gabriel ihr die Botschaft von der Menschwerdung Christi mitteilte. An diesem Montag beginnt die Messe ebenfalls um 18 Uhr.

 


Münster: Artikel des Bistumsblatts vermittelt Zerrbilder über die klassische Liturgie

Von Felizitas Küble

Die Bistumszeitung von Münster mit dem Titel „Kirche und Leben“ (KuL) ist schon seit Jahrzehnten als – gelinde gesagt – „reformkatholisch“ bekannt.

Der linksgerichtete Trend hat in den letzten zehn Jahren noch zugenommen, was zur Folge hatte, daß viele konservative und auch „nur“ bürgerlich orientierte Leser das Blatt abbestellten – nicht wenige davon kennen wir persönlich.

So gesehen verwundert es wenig, daß sich diese amtliche Wochenzeitung von Bischof Dr. Felix Genn, der für seine teilweise liberalen Auffassungen bekannt ist, jetzt über die „alte Messe“ hermacht, also die überlieferte Liturgie unserer Kirche in ein schiefes Licht zu rücken versucht.

BILD: Pater Dr. Ripplinger (links) neben Kurien-Erzbischof Guido Pozzo nach einem Pontifikalamt in Billerbeck

Seit über 20 Jahren wird diese klassische lateinische Messe – amtlich bezeichnet als „außerordentliche Form des römischen Ritus“  –  in der passend im Nazarener-Stil ausgestalteten St.-Ägidii-Kirche in der Innenstadt von Münster gefeiert. Der Hauptzelebrant und zuständige Priester dieser Gottesdienstgemeinschaft ist Pater Dr. Chrysostomus Ripplinger (siehe Foto).

Den zum Teil irreführenden und insgesamt einseitigen Bericht der Kirchenzeitung unter dem Titel „Das Hochamt ist hier immer auf Latein“ verfaßte Jonas Mieves in der KuL vom 27. Januar – siehe KuL Artikel Jan 2019

Meine  Zuschrift wurde in der neuen Ausgabe vom 1.2.2019 nicht veröffentlicht. Das CHRISTLICHE FORUM dokumentiert ihn hier im vollen Wortlaut.

Kritik an einem tendenziösen Artikel von „Kirche und Leben“

Der Autor hat seinen Bericht über die „alte Messe“ in der St. Ägidii-Kirche in Münster durchgängig in einem etwas spöttischen Ton verfaßt, was ich an sich schon gewöhnungsbedürftig finde. Allerdings kommt erschwerend hinzu, dass der Verfasser außerdem einige einseitige bis unrichtige Behauptungen aufstellt bzw. Zitate vorstellt, die einer Richtigstellung bedürfen:

1. Die Behauptung, der Priester spreche während der „gesamten Messe nur einmal das Volk direkt und auf Deutsch an, das ist während der Predigt“, trifft nicht zu, da er auch das Evangelium in deutscher Sprache vorliest. Zusätzlich gibt es eine biblische Lesung auf deutsch, die ein Lektor vorträgt.

2. Der Autor schreibt, Guido Gunderloch „organisiert seit Jahren die lateinischen Gottesdienste in der Ägidii-Kirche“, wodurch der Eindruck entsteht, als sei dieser Laien-Zeremoniar eine Art Gemeindeleiter, zumal Pater Dr. Chrysostomus Ripplinger als Hauptzelebrant im ganzen Artikel mit keiner Zeile erwähnt wird. Außerdem gibt es weitere Gläubige, die ihren Teil zum Ablauf der überlieferten Messe beitragen, etwa der Organist oder die gregorianische Schola. Die Organisation ist daher eine Teamarbeit unter Leitung des Priesters und von daher ebenso wie der Gottesdienst selbst gleichsam ein „Gesamtkunstwerk“.

3. Die im Bericht zitierte Äußerung von Herrn Gunderloch, wonach der Priester im alten Ritus „als Person fast verschwindet“, weil er „Teil einer genau festgelegten Zeremonie“ sei, ist nur halbrichtig und insgesamt etwas irreführend. Zwar tritt der Geistliche in der klassischen Liturgie als „Privatperson“ kaum hervor, aber sehr wohl eindeutig als Leiter der „Zeremonie“, zumal er in persona Christi handelt, der das Haupt seiner Kirche ist. Somit ist der Priester nicht irgendein „Teil“ der Liturgie, sondern buchstäblich die „Haupt-Person“, die vor allem bei der hl. Wandlung an Christi Statt handelt.

4. Äußerst missverständlich klingt sodann die Behauptung, Papst Benedikt habe den „Zankapfel Alte Messe aus der Grauzone des Illegalen, Sektiererischen“ herauszuholen versucht. In Wirklichkeit war diese überlieferte Meßform nie verboten, was Papst Benedikt mehrfach klargestellt hat. Zudem gab es schon vor seinem Motu proprio die bischöflich genehmigten Indult-Messen, die bereits unter Papst Johannes Paul II. eingerichtet wurden und die auch in Münster vor 21 Jahren in St. Ägidii begonnen haben. Von einer – noch dazu illegalen   – „Grauzone“ kann daher keine Rede sein.

5. Als geradezu unverfroren empfinde ich die zustimmend zitierte Äußerung aus der Wochenzeitung „Die Zeit“, wonach die alte Messe wie ein „U-Boot“ wirke, „um altes, autoritäres Gedankengut in die Kirche der Neuzeit einzuschmuggeln“. Eine reichlich steile These ohne jeden Beleg, die mir fast wie eine Art Verschwörungstheorie von links erscheint.

Felizitas Küble, 48167 Münster

HINWEIS: Dieser Leserbrief wurde inzwischen – am 8.2. – in der KuL-Zeitung veröffentlicht.


Großer katholischer Philosoph und Gelehrter Robert Spaemann verstorben: R.I.P.

Von Dr. David Berger

Im Alter von 91 Jahren verstarb gestern in Stuttgart der weltweit anerkannte katholische Philosoph Robert Spaemann. Er war Berater des hl. Papst Johannes Paul II. und ein Freund von Papst Benedikt XVI.

Vielleicht prädestinierte ihn – weltlich gedacht – bereits seine außergewöhnliche Lebensgeschichte, zu einem der ganz Großen zu werden: Am 5. Mai 1927 geboren, wuchs Spaemann als Kind katholischer Konvertiten auf, die Mutter starb früh, sein Vater ließ sich danach zum Priester weihen.

Spaemann lehrte als Professor Philosophie an den Universitäten Heidelberg, München und Stuttgart. Obgleich als katholischer Denker vor allem auch Ethiker gegen den Zeitgeist schreibend, erhielt er zahlreiche Ehrendoktor-Würden und andere akademische Preise.

CNA schreibt: „Als buchstäblich katholischer Denker sprengte der Intellektuelle die politischen Schubladen, in die ihn kleinere Geister immer wieder stecken wollten, vom „Linkskatholiken“ und „Öko-Philosophen“, der sich für die Schöpfung, besonders auch eine Ethik im Umgang mit Tieren einsetzte, bis hin zum „Rechtskatholiken“, der sich für das Naturrecht, aber zum Beispiel auch die Rede- und Pressefreiheit von Stimmen aussprach, die in der deutschen Gegenwart als konservativ eingeordnet werden.“

Nicht erwähnt ist hier sein unermüdlicher Kampf für die klassische römische Liturgie, der dazu führte, dass ich mehrmals die Gelegenheit hatte, mit ihm privat zusammen zu treffen und ihn als eine echt charismatische Persönlichkeit zu erleben, die das war, was er lehrte: Integere, fromme Authentizität umschreibt vielleicht am besten meinen Eindruck von ihm.

Diese Liebe zur „alten Messe“ war es – neben der gegenseitigen Faszination für die edle Geistigkeit – , die die freundschaftliche Verbindung von Spaemann mit Josef Ratzinger und auch dem späteren Papst Benedikt XVI. prägte.

Dass Benedikt der klassischen Liturgie erneut ein Heimatrecht in der aktuellen Institution katholische Kirche gab, ist sicher auch zu einem großen Anteil Spaemann zu verdanken. 2006 sprach Spaemann auf Einladung Benedikts in Castel Gandolfo für den berühmten Ratzinger Freundeskreis.

Requiescat in Pacem.

Erstveröffentlichung dieses Nachrufs auf Prof. Dr. Robert Spaemann hier: https://philosophia-perennis.com/2018/12/11/konservativer-kaempfer-fuer-meinungsfreiheit-und-katholizismus-robert-spaemann-ist-tot/


Vorkonziliare Vielfalt in der Liturgie – Papst Pius XII. würdigte „religiösen Volksgesang“

Von Felizitas Küble

Zu Beginn der 70er Jahre wurde bekanntlich das neue Meßbuch in der katholischen Kirche eingeführt. Die überlieferte Liturgie – die sog. „alte Messe“  – schien in Vergessenheit geraten, wurde jedoch von einigen traditionellen Gemeinschaften (darunter der Pius- und der Petrusbruderschaft) weiter gefeiert.

Mit dem Indult von Johannes Paul II. und erst recht durch das liturgische Motu proprio von Papst Benedikt hat sich die überlieferte Messe wieder stärker verbreitet und ihr Heimatrecht in der Kirche zurückerhalten.

In der Debatte um die Liturgiereform wird manchmal die frühere erstaunliche Vielfalt in der Liturgie übersehen, wobei neben dem Choralamt bzw. Hochamt zum Beispiel die „stille Messe“, die deutsche Singmesse, die Gemeinschaftsmesse und die Betsingmesse geläufig waren.

Von den Singmessen ist besonders die Haydn- und die Schubert-Messe seit Jahrhunderten bekannt; auch die Betsingmesse war bereits vor 85 Jahren allgemein verbreitet – und somit der Gesang deutscher Lieder in diesen Varianten der Liturgie an der Tagesordnung.

Dieser Formenreichtum der überlieferten heiligen Messe war keine „wilde“ spezialdeutsche Angelegenheit, sondern wurde vom Vatikan gebilligt, zumal unsere Bischöfe sich damals gehorsam an römische Weisungen hielten. 

So sei z. B. an die Enzyklika „Mediator Dei“ vom 20.11.1947 erinnert, worin Pius XII. (siehe Foto) den „religiösen Volksgesang“ ausdrücklich empfiehlt.

In diesem Schreiben an die Bischöfe der Weltkirche würdigt der Papst zunächst den Gregorianischen Choral. Dann heißt es in Nr. 193 weiter, wenn zeitgenössische Musik und Gesänge gediegen seien, „so  müssen ihnen unsere Kirchen ohne weiteres Zutritt gewähren“, denn ihr Beitrag zur „Erhebung des Geistes“ und zur „Erweckung wahrer Andacht“ sei „nicht gering“.

Im nächsten Abschnitt Nr. 194 klingt die päpstliche Sprache noch eindringlicher: „Wir ermahnen euch auch, ehrwürdige Brüder, in eurer Hirtensorge den religiösen Volksgesang zu fördern. Mit Liebe und geziemender Würde gepflegt, vermag er nämlich den Glauben und die Andacht des christlichen Volkes sehr zu stärken und zu entflammen.“

Pius XII. hat damit eine kontinuierliche Entwicklung bestätigt, die schon seit Jahrhunderten ihre Bahnen zog.

Das Bischöfliche Generalvikariat Trier brachte 1892 ein amtliches „Gesangbuch“ heraus, bestehend aus 40 Seiten Choralgesängen und 400 Seiten deutschen Liedern, nicht nur für Andachten dem Kirchenjahr entlang, sondern ausdrücklich auch deutsche „Meßgesänge“ in fünf Varianten. 

Bischof Michael Felix schreibt im Vorwort: „Unsere deutschen Lieder wie unsere Weisen sind aus dem kindlich gläubigen Sinn unserer Vorfahren hervorgegangen. Sie brachten ihnen Trost im Leid, heilige Freude und Begeisterung im Dienste Gottes. Möchten sie dieselben Wirkungen bei uns hervorrufen.“

Ähnlich präsentierte sich das katholische Gebetbuch „Himmelsleiter“ von Ehrendomherr Tappehorn, das 1888 bei Laumanns im Verlag des Hl. Apstolischen Stuhles in Dülmen erschien. Darin wurde neben dem Hochamt ausdrücklich die „Deutsche Singmesse“ nach Haydn ausgebreitet (Eingangslied: „Hier liegt vor Deiner Majestät…“).

Diese im Volksmund als „Deutsches Hochamt“ bezeichnete Messe war schon Jahrzehnte vor der Einführung der Betsingmesse weit verbreitet; danach gab es beide Meßformen nebeneinander. Als Beispiel sei das Gesangbuch „Laudate“ des Bistums Münster von 1950 erwähnt: Darin wurden vier verschiedene Singmessen mit deutschen Liedern präsentiert, die zahlreichen Betsingmessen nehmen sogar über vierzig Seiten ein.

Fotos: Felizitas Küble, Archiv, Piusbruderschaft


Große Anteilnahme aus Kirche und Politik bei der Trauermesse für US-Bischof Morlino

Von Dr. Edith Breburda

Am 4. Dezember 2018 trauerten viele Gläubige  – darunter zahlreiche staatliche Repräsentanten der USA  –  um den katholischen Oberhirten Robert Morlino. Der theologisch konservative Bischof war unerwartet am 24. November im Alter von 71 Jahren verstorben. (Siehe hierzu diesen Bericht: https://charismatismus.wordpress.com/2018/11/25/bischof-morlino-von-madison-verstorben/)

Die Maria-Goretti-Pfarrkirche auf der Westseite der Stadt Madison im Bundesstaat Wisconsin war mit 1700 Trauergästen  – darunter 14 Bischöfen  – gefüllt.

Mit dabei der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, Paul Ryan, sodann die Kongreßabgeordneten F. James Sensenbrenner jr., Sean Duffy und Glenn Grothman; außerdem Bryan Steil, der Ryan’s Platz im US-Kongress ab Januar 2019 einnehmen wird.

Der US-Bundestaat Wisconsin ist ein Juwel des amerikanischen Katholizismus. In diesem Milchland der USA gibt es sehr viele deutsche Einwanderer; seinerzeit fehlte bei der Abstimmung, ob man in diesem Land Englisch oder Deutsch reden sollte, nur eine einzige Stimme zugunsten der deutschen Sprache. Wisconsin ist zugleich der Bundesstaat, in dem einst Pater Josef Kentenich sein sogenanntes Exil verbrachte.

Kurz nachdem der dritte Bischof von Madison, William Bullock, im Jahr 2003 seinen Ruhestand einreichte, kam Bischof Morlino aus Helena in dieses Amt. Es wurde damals gemunkelt, Papst Johannes Paul II. habe bewusst einen kompetenten Bioethiker in diese Stammzellenmetropole berufen.

Bischof Morlino liebte es, als Dozent an der Hochschule zu lehren und war wohl eher enttäuscht, als er 1999 zunächst als Bischof nach Helena in Montana berufen wurde. Seine Nachfolgerin am kirchlichen Seminar in Detroit wurde die allgemein bekannte Frau Prof. Janet E. Smith ( https://www.shms.edu/content/dr-janet-e-smith), eine Weltexpertin für „Humanae Vitae“, die Enzyklika von Papst Paul VI. über Ehe und Fruchtbarkeit (https://www.youtube.com/watch?time_continue=157&v=5eqyFyr2qMU).

Es dauerte nicht lange, bis der neue Bischof Morlino den Gläubigen der Diözese seine moralische Autorität kundtat. Im Wisconsin State Journal stand mit großen Lettern auf der ersten Seite: „Hey Bishop, don’t call my City unmoral.“ (Hallo Bischof, nennen Sie meine Stadt nicht unmoralisch.)

Der Bischof trat offensichtlich mit seiner Aussage ins Fettnäpfchen, dass Abtreibung viel wichtiger und schlimmer sei, als sich z.B. darüber aufzuregen, wo und ob man ein Spielcasino am Stadtrand aufmachen sollte.

Schon bei der Amtseinführung von Bischof Morlino am 3. August 2003 warnte ihn sein Freund, der jetzige Kardinal Dolan, dass sich auf solch einem Bischofstuhl viele Splitter befänden, auf die man sich unweigerlich setzt, wenn man seine Sendung ernst nimmt. Es erinnerte an das, was einst Bischof Johannes Dyba aus Fulda sagte: „Bischofsein ist kein Honiglecken.“

Als am Passionssonntag 2005 die Kathedrale von Madison in Flammen stand und bis auf die Grundmauern abbrannte, war dies einer der ersten Rückschläge, die Bischof Morlino schwer trafen. Zu Schaden kam zwar niemand und sein Generalvikar Paul Swain, der spätere Bischof von Sioux Fall, rettete sich, nur mit seinem Schlafanzug bekleidet, aus dem angrenzenden Rektorat des Gebäudes.

Der tief enttäuschte Bischof betrachtete den Verlust des Gebäudes als sein „9.11.“, als er kurz danach am Prayer-Breakfast in Washington mit Präsidenten Bush sprach. Nach einer kostspieligen Umfrage unter allen seinen Priestern entschied sich Bischof Morlino dafür, den Bau der Kathedrale seinem Nachfolger zu überlassen.

Stattdessen konzentrierte er sich auf die jungen Katholiken seiner Diözese und baute ihnen ein wunderschönes Studentenheim im Herzen der Universität, die einst von Deutschen gegründet wurde; ihre Ausbildung lag ihm sehr nahe.

Mit den entsprechenden Verbindungen zu treuen Katholiken dauerte es nicht lange, und die Universität – aber auch Industrievertreter – luden den Kirchenmann zu Podiumsdiskussionen ein.

Der Bischof versuchte, die Lehre der Kirche über den Lebensschutz unter bekannten Stammzellforschern plausibel zu machen  –  genau dort also, wo man sie eigentlich nicht hören wollte. Schließlich hatte ihm Papst Benedikt XVI. nahegelegt, etwas gegen die embryonale Stammzellforschung zu unternehmen. Schon davor hegte der Bischof den Gedanken, ein katholisches bioethisches Institut in Madison zu eröffnen.

Leider kam er nicht so schnell dazu, denn Vorrang hatte es, junge Männer für das Priestertum zu begeistern. Als er nach Madison kam, gab es nur sechs Seminaristen, was sich bald besserte. Nach einiger Zeit wurde er von anderen Bischöfen ob der Anzahl der vielen Neupriester beneidet. Viele der jungen Geistlichen begannen damit, ihrem Bischof nachzufolgen, auch dadurch, dass sie die hl. Messe so wie er im alten bzw. überlieferten Ritus feierten.

Natürlich gab es auch in der St. Raphaels-Diözese von Madison die traditionelle Priesterbruderschaft St. Pius X, die sich mitsamt ihrem Bischof Marcel Lefebvre 1988 vom Vatikan trennten. Erzbischof Fellay, der nicht ganz unschuldig an dem Scheitern einer Verständigung mit Rom unter Papst Benedikt XVI war, kam oft nach Madison, um dort die Sonntagsmesse zu zelebrieren.

Bischof Morlino löste diese Situation dadurch, dass er rund um diese Kapelle der Piusbruderschaft seine eigenen Priester platzierte, die ebenfalls eine hl. Messe im alten Ritus zelebrierten. So machte er es traditionell orientierten Gläubigen einfach, die überlieferte Liturgie zu feiern, ohne dabei auf die Messen der Piuspriester angewiesen zu sein.

Bischof Morlino lehnte es ab, Beerdigungen mit ständigen Lobreden gleichsam in Heiligsprechungen umzuwandeln. Er selbst sagte oft etwas scherzhaft, dass der hl. Petrus ihm wohl den Schlüssel zum Fegefeuer zuwerfen würde, damit er es zuschliessen könne, wenn alle Seelen diese Stätte der Läuterung verlassen durften.

Doch wir wollen hoffen, dass Bischof Morlino recht bald im Himmel ankommt. Desto mehr kann er dann durch seine Fürsprache für die Kirche auf Erden wirken, auch für eine Versöhnung der Piusbruderschaft mit dem Vatikan.

Unsere Autorin Dr. Edith Breburda ist Buchautorin, Bioethik-Expertin und Veterinär-Medizinerin (Tierärztin); sie lebt in den USA (Bundesstaat Wisconsin); von ihr stammen auch die Fotos in diesem Artikel (mit Ausnahme des letzten Bildes).
 
Ediths Homepage: http://scivias-publisher.blogspot.com/

 


Deutsche Lieder gibt es in der „alten Messe“ schon seit Jahrhunderten

Von Felizitas Küble

In der katholischen Zeitung „Tagespost“ läuft seit einigen Monaten eine Leserbrief-Debatte über die Frage, ob in der „klassischen Liturgie“  – also in der alten hl. Messe  – neben dem Gregorianischen Choral und sonstigen lateinischen Gesängen auch deutsche Kirchenlieder ihren Platz haben sollen.

Am Freitag, dem 2. November 2018, veröffentlichte die Tagespost unter dem Titel „Ergänzung, kein Ersatz“ meine folgende Leserzuschrift:  

Claus Winkler befaßt sich in seiner Leserzuschrift „Deutsche Lieder nicht als Regelfall“ (DT vom 4.10.2018) kritisch mit meinem Leserbrief „Laienherrschaft im alten Ritus“ (DT vom 2.8.), in dem ich mich zugunsten deutscher Kirchenlieder in der überlieferten Liturgie aussprach – und zwar nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu lateinischen Gesängen.

Der Autor will dies nur für den Fall zugestehen, daß eine Choralschola nicht verfügbar ist, doch ansonsten dürften deutsche Lieder „nicht der Regelfall sein“: „Im Hochamt ist der Choral oder der lateinische polyphone Gesang vorzuziehen.“

Der Verfasser übersieht, daß es bereits in vorkonziliarer Zeit hierzulande eine breite Palette verschiedener Formen der alten Messe gab. Am Sonntag wurden vor dem Hochamt meist mehrere stille Messen zelebriert, sodann am späten Vormittag Singmessen und Betsingmessen mit deutschen Kirchenliedern. Dabei handelte es sich nicht um Spätentwicklungen der 50er Jahre oder gar um „Ausuferungen“ der Liturgischen Bewegung, sondern um kirchenamtliche Meßformen bereits Anfang der 30er Jahre.

Als Beispiel sei auf die Gottesdienstordnung 1930 in der Pfarrgemeinde St. Lamberti in Münster hingewiesen – und zwar unter Pfarrer Clemens Graf von Galen, dem späteren Bischof: Es gab frühmorgens drei stille hl. Messen, es folgte ein Hochamt und danach um 9,30 und 11 Uhr „hl. Messen mit Predigt und Volksgesang“.

In der Münsterschen Diözesansynode 1936 unter dem Vorsitz Bischof von Galens wurde die Gemeinschaftsmesse, die deutsche Singmesse und die Betsingmesse positiv hervorgehoben. Aber schon die Synode von 1924 legte ausdrücklich Wert auf die „Pflege des deutschen Kirchenliedes“, dies wurde sogar „aufs neue eingeschärft“.

Dabei war diese Wertschätzung des deutschen Kirchengesangs im damals konservativ geprägten Bistum Münster keine kuriose „Neuerung“, sondern entsprach einer kontinuierlichen Entwicklung, schließlich existiert ein vielseitiges und reichhaltiges Liedgut seit vielen Jahrhunderten.

Der gewiß nicht als „modernistisch“ verdächtige Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen brachte 1677 das erste Diözesan-Gesangbuch in Münster heraus, das sowohl lateinische wie deutsche Gesänge enthielt. Es empfahl darin eine Singordnung für eine fast durchgängige deutsche Liedbegleitung der „missa cantata“ bei Sonn- und Feiertagen. Bereits zwei Jahre vorher legte der Oberhirte von Münster fest, daß deutsche Lieder gemäß dem Kirchenjahr nicht nur Ausnahme, sondern Regelfall sein sollten – wohlgemerkt: im 17. Jahrhundert!

Natürlich beschränken sich diese Beispiele nicht auf das Bistum Münster. In Köln brachte das bischöfliche Ordinariat im Jahre 1919 das Gebet- und Gesangbuch „Sallite Domino“ für höhere Lehranstalten heraus.  Über 90% der darin enthaltenen Lieder für die Meßliturgie sind deutschsprachig.

Im ebenfalls amtlichen „Oremus“-Gesangbuch für das Bistum Aachen aus dem Jahre 1949 finden wir hunderte von deutschen Kirchenliedern. Noch eindeutiger sieht es im Hildesheimer Gesangbuch „Cante Bona“ von 1948 aus, denn es enthält mit einer einzigen lateinischen Ausnahme ausschließlich deutsche Lieder.

Felizitas Küble, 48167 Münster