Andreas Englisch beim Kaffeesatzlesen in Rom

Von Felizitas Küble

Unter dem enthüllungsschwangeren Titel „Wer die wahren Feinde von Papst Franziskus sind“ berichtet NEWS-online über die neuesten Mutmaßungen von Andreas Englisch: https://www.news.at/a/papst-franziskus-feinde-11967823

Das Interview der österreichischen Illustrierten mit dem Vatikanreporter und BILD-Journalisten erschien zwar am 1. April, ist aber ernst gemeint, obwohl manches daraus sich eher als Aprilscherz eignen würde.

Englisch hat schon früher gerne den Eindruck erweckt, als habe er einen besonderen Einblick hinter die Kulissen des Vatikan und einen optimalen Durchblick bei der Einschätzung von Päpsten und ihrer Persönlichkeit.

So ergab es sich, daß er Papst Johannes Paul II. gerne in den Himmel lobte, wogegen er Papst Benedikt vor allem moraltheologisch sehr skeptisch kommentierte und bereits zu dessen Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation als erzkonservativen und lebensfremden Gelehrten ins Eck stellte.

Natürlich fühlt sich der Buchautor jetzt dazu berufen, Papst Franziskus gegen seine vermeintlichen „Feinde“ im Vatikan zu beschützen. So schreibt News im Vorspann zum Englisch-Interview wörtlich: „Die komplette Kurie arbeitet gegen Papst Franziskus.“

Ganz in diesem Sinne bzw. Unsinne hat der fliegende Vatikan-Korrespondent nun ein Buch namens „Der Pakt gegen den Papst“ herausgebracht. Aufregende Titel versprechen Verlag und Autor eine erfolgreiche Auflage und vielleicht wochenlange Mediendiskussionen über diese Neuerscheinung.

NEWS erklärt, Andreas Englisch enthülle in seinem Interview, „was wirklich hinter dem Verbot der Segnung homosexueller Paare steht“, denn der Vatikan sei derzeit nichts weniger als der „Schauplatz eines kalten Krieges“, von Osterfrieden demnach keine Spur.

Gleich eingangs sagt der Rom-Reporter der Zeitung: „In diesen Wochen erleben wir einen sensationellen Kampf zwischen dem Papst und seinen Gegnern.“

Es geht also rund hinter den dicken Mauern des Vatikan.

Stellt sich nur die Frage, warum das Responsum mit dem Verbot der Segnungen von Homo-Partnerschaften mit ausdrücklicher Zustimmung des Pontifex erschienen ist.

Aber Englisch scheint Papst Franziskus für ein ausgekochtes Schlitzohr zu halten, das um zehn Ecken herum denkt. Nicht weit von Verschwörungstheorien entfernt, läßt uns der umtriebige Enthüllungsjournalist nämlich wissen:

„Was ist, wenn die Konservativen zu ihm gekommen waren und sagten: Wir wollen draufhauen. Keine Segnungen mehr gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Was ist, wenn der Papst gedacht hat:

Lass sie doch, ich unterschreibe das nicht, aber ich stoppe sie auch nicht, denn das wird zu der größten Solidaritätsbekundung von Priestern mit Homosexuellen auf der ganzen Welt führen? Die Konservativen werden mit diesem Verbot eine sensationelle Niederlage einfahren, und genau so ist es gekommen.“

Der bekannte Kaffeesatzleser vergißt bei seiner steilen These aber eine „Kleinigkeit“:

Papst Franziskus hat die Glaubenskongregation mit ihrem Responsum nicht etwa nur gewähren lassen, er hat sie keineswegs nur nicht gestoppt, sondern er hat der Veröffentlichung des Segnungs-Verbots ausdrücklich zugestimmt.

Zweitens konnte der Papst wohl nicht im vorhinein wissen, daß es in großen Teilen der katholischen Welt zu einer derartigen Protestwelle gegen das vatikanische Dokument kommen wird, woran sich in Deutschland sogar die Mehrheit der katholischen Oberhirten mehr oder weniger deutlich mitbeteiligt hat, wobei Bischof Bätzing als Vorsitzender der Bischofskonferenz besonders antirömisch und dreist hervortrat.

Im übrigen kam das Responsum aus Rom nicht überraschend, vielmehr wurde lediglich die bisherige Linie bekräftigt. Das gilt auch für „Amoris laetitia“. Darin schrieb Papst Franziskus: „Was die Pläne betrifft, die Verbindungen zwischen homosexuellen Personen der Ehe gleichzustellen, gibt es keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“ (AL 251).

Wohlgemerkt: „…auch nicht in einem weiteren Sinne„, was einen Segen für Homo-Partnerschaften ausschließt.

Andreas Englisch ist außerdem selber ein Mensch mit seinen (scheinbaren) Widersprüchen:

Während er in dogmatischer und sexualethischer Hinsicht sehr progressiv unterwegs ist und die Konservativen in und außerhalb des Vatikan gerne als vorgestrige Dunkelmänner kennzeichnet, ist er bei Themen wie „Mystik“ (was er darunter versteht) und Wundern aller Art ausgesprochen leichtgläubig zugange.

So hat er es Papst Benedikt schwer übel genommen, daß dieser in puncto „Privatoffenbarungen“ sehr nüchtern und zurückhaltend dachte und des öfteren betonte, daß die göttliche Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist, was freilich nicht seine Privatmeinung war, sondern amtliche kirchliche Lehre seit jeher. Doch Englisch fühlte sich mit seiner überquellenden Neigung zur Wundergläubigkeit von dieser päpstlichen Besonnenheit nicht sonderlich angesprochen.

Diese kuriose Haltung fiel uns schon vor 9 Jahren auf – siehe hierzu unser Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2012/04/17/andreas-englisch-uber-papst-benedikt-und-seinen-vorganger-den-%e2%80%9ejahrtausendpapst/


Papst-Franziskus-Buch: Dr. Heinz Althaus schreibt an den Autor Andreas Englisch

Sehr geehrter Herr Englisch!

Neulich wurde mir Ihr Buch „Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg“ geschenkt. Nach der Lektüre von Marco Politis Taschenbuch „Franziskus unter Wölfen“ war ich auf Ihr Buch gespannt. Und so las ich gleich auch Ihr Werk, das sich als wichtige Ergänzung des Taschenbuches von Marco Politi herausstellte.

Doch nun zu Ihrem Buch. Sie können schreiben. Das, was Sie zu erzählen haben, leiten Sie spannend ein. Wortwahl, Stil, Satzbau, Darstellungsart – all das ist kultiviert und angenehm zu lesen. Hinter Ihren nüchternen Berichten schimmert die Leidenschaft des Autors für seinen Gegenstand durch. Sie sind „Vaticanista“ geworden und berichten seit 1987 aus dem Vatikan.

Bekannt sind Ihre Bücher über die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus, dem Sie nun schon das zweite Buch widmen. Wenn man das bedenkt, ist man doch sehr erstaunt, daß der Autor in einer frühen Periode seines Lebens den Glauben verloren hatte. Wie Sie selbst mitteilen, haben Sie erst durch Johannes Paul II. zum Glauben gefunden, der unter den geradezu herausragenden Papstgestalten des 20. Jahrhunderts gemeinhin als der größte gilt.

Wie sehr Sie ihn bewundern und verehren, spiegelt sich auch in Ihrem neuesten Werk wider. Wenn dem aber so ist, versteht man nicht, wie Ihre frühere Phase des Unglaubens immer wieder durchschlägt in Formulierungen wie ‚wenn es Gott gibt‘. Dann sprechen Sie auffallend oft von ‚Jesus von Nazareth‘. Das ist die Sprache der Historiker, nicht die des Glaubens und der Theologie, denn Glaube und Theologie sagen „Jesus Christus“.

Da wir nun gerade bei Ihrer „ungläubigen“ Jugend sind, so finde ich es verwunderlich, daß Sie in einem Buch über Franziskus so ausführlich über Ihr Elternhaus schreiben. Es mag sein, daß Sie damit Ihre Nähe zu Franziskus‘ Pauperismus betonen wollen, aber dafür bräuchte es diese Ausführlichkeit nicht.

Im übrigen haben Millionen junger Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kindheit und Jugend in Armut erlebt – auch ich selbst (geb. 1938). Das war früher nichts Besonderes. Nur heute wird ein großes Bohé über Kinder- und Jugendarmut gemacht, wobei es den „armen“ Kindern und Jugendlichen um ein Vielfaches besser geht als uns früher, denn der Begriff der Armut ist an den gesellschaftlichen Wohlstand geknüpft: 60 % des Durchschnittseinkommens in Deutschland.

Auf S. 83 machen Sie zu Recht darauf aufmerksam, daß die beiden nicht italienischen Päpste vor Franziskus aus sehr einfachen Verhältnissen kamen, im Gegensatz zu ihren italienischen Vorgängern, daß sie aber die Armut nicht zum Thema ihres Pontifikats machten.

Franziskus zieht nicht in die päpstlichen Gemächer des Apostolischen Palastes ein, sondern bewohnt eine kleinere Wohnung in Santa Marta, er ißt mit den Vatikanangestellten in der Kantine, er trägt nicht die roten Papstschuhe, sondern schäbige Alltagstreter, er läßt sich in einem Kleinwagen chauffieren usw.

Man fragt sich unwillkürlich, was das bedeuten soll. Fast alle Päpste im 20. Jahrhundert waren Heilige oder wenigstens Selige, denen jeglicher Luxus fremd war, die persönlich ziemlich bedürfnislos lebten. Johannes Paul II. ist inzwischen heilig gesprochen, aber auch von Ratzinger weiß man, daß ihm ein aufwendiger Lebensstil völlig fremd war. Und wenn er der Sitte in Italien entsprechend Wein zum Essen kredenzen ließ, so nahm er selbst nur ein halbes Glas.

Selbst P. Eberhard von Gemmingen, der sicher nicht zu den Bewunderern Benedikts gehört, betonte am Dienstag, dem 11. April, in der großen Sondersendung des bayerischen Fernsehens, daß Benedikt die roten Schuhe nicht aus Eitelkeit getragen habe, sondern weil man ihm gesagt habe, das seien die üblichen Schuhe des Papstes, und als gehorsamer Sohn der heiligen römischen Kirche, der er zeitlebens war, habe er die Tradition eingehalten.

In diesem Zusammenhang stieß mir Ihre Äußerung „Während Joseph Ratzinger schon als Kind das schicke Auto eines Kardinals bewunderte, dem er zufällig begegnete, verabscheut Mario Bergoglio Priester in teuren Autos …“ unangenehm auf. Der gegensätzliche Vergleich ist nicht nur fehl am Platz, sondern auch unlogisch. Wie kann man das spontane Gefühl eines Knaben mit dem moralischen Habitus eines Erwachsenen vergleichen! Oder wollen Sie gar Benedikt als Liebhaber des Luxus denunzieren? Das wäre infam!

Franziskus macht nun – fast – alles anders. Aber von größerer Bedeutung sind freilich seine doktrinären Äußerungen über die Wirtschaft. Wenn man so ein Wort hört wie „Wirtschaft tötet“, ist man zunächst einmal fassungslos und fragt sich, wie Franziskus so offensichtlich seine Ignoranz in ökonomischen Fragen zu Markte tragen kann.

Daß das „reiche Deutschland“ 1945 völlig am Boden lag, daß das deutsche Volk hungerte, nichts zum Anziehen hatte und im Winter fror, so daß der Kölner Kardinal Frings den Leuten erlaubte, die Güterzüge, die deutsche Kohle für die Sieger abtransportierten, zu überfallen  –  all das scheint Franziskus nicht zu wissen. Insbesondere weiß er nicht, daß sich die Deutschen selbst hochgerappelt haben  –  dank der freien Marktwirtschaft, für die kein anderer so eintrat wie Ludwig Erhard.

Der Marshall-Plan, der wiedergutmachte, was die Alliierten mit der Demontage vorher kaputt gemacht hatten, konnte nur in Deutschland so wunderbar funktionieren, weil die Menschen mit ungeheurem Fleiß und eiserner Disziplin Fabriken und Häuser wiederaufbauten.

Als ich während meines Studiums in den Jahren 1958 bis 1964 Werkarbeit leistete, erzählten mir Fabrikarbeiter in Emsdetten und Rheine von Frühinvaliden, die in den fünfziger Jahren 70 und mehr Stunden in der Woche gearbeitet und damit ihre Gesundheit ruiniert hatten.

Und wie ist es in den Entwicklungsländern heute? Als ich 2010 eine Gruppen-Rundreise durch Äthiopien machte, erzählte uns der einheimische Reiseleiter, daß ein Äthiopier keine 8 Stunden am Tag arbeiten könne! Mehr als 4 Stunden schaffe er nicht.

Und wie sieht es in Lateinamerika, wo ja Franziskus herkommt, aus? Nehmen wir einmal Cuba. Die Mittagspause beträgt mindestens 4 Stunden. Vor 17 Uhr bewegt sich gar nichts. In Vietnam ist es ganz anders. Dort wird auch in der Mittagshitze auf dem Bau gearbeitet. Die Ostasiaten gelten nicht nur als besonders intelligent, sondern sie sind auch ungeheuer fleißig und zäh.

Japan galt schon Anfang der 60er Jahre als Industrieland, China konnte erst nach Maos Tod die Aufholjagd beginnen und ist heute an der Weltspitze. Auch Südkorea ist mit seinem großen Wirtschaftswachstum nicht zu übersehen, ferner Singapur. Doch genug davon.

Franziskus ist einfach von seinen Erfahrungen in Argentinien geprägt. Was heißt das? Das Land der Gauchos war  bis 1945 wohlhabender als Deutschland, aber Korruption und Nepotismus in Verbindung mit verkrusteten Strukturen sorgten für den unaufhaltsamen Niedergang. Inzwischen gab es zwei Staatspleiten. Man denke nur einmal an Peron und die Kirchners.

Daß sich Erzbischof Bergoglio so sehr um die Armen in Buenos Aires gekümmert hat, ist ungeheuer anrührend, taugt aber nicht zur Lösung der tiefen Wirtschaftskrise des Landes. Der von Franziskus hochgeschätzte Kardinal Walter Kasper, der Korreferent meiner theologischen Dissertation, sagte einmal: Christliche Nächstenliebe zeigt sich heute nicht mehr einfach im Almosengeben, sondern in groß angelegten Förderprogrammen wie Misereor, Adveniat und Missio.

Warum schaut Franziskus nicht auf Deutschland, wo diese großen Förderprogramme erfunden und umgesetzt worden sind? Er war doch eine gewisse Zeit zum Studium in St. Georgen. Ludwig Erhards Grundgedanke war nicht, wie die Sozialisten sagten, den „Reichen“ etwas wegzunehmen und dann an die Ärmeren zu verteilen, sondern die Wirtschaft wachsen zu lassen und den Zugewinn gerecht auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verteilen. Und dieses Rezept war ungeheuer erfolgreich. Es hat, wie Ludwig Erhard versprach, Wohlstand für alle gebracht.

Was Ihre historischen Kenntnisse anbelangt, so sieht es ziemlich trübe aus.

  1. Der Sklavenhandel.

Ab S. 55 berichten Sie ziemlich unkritisch von einem Gespräch mit einem lateinamerikanischen Priester, der keine genauen geschichtlichen Kenntnisse hat. Da lassen Sie auf S. 57 den ungenannten Priester sagen, daß die Muslime in sechshundert Jahren nur 1,7 Millionen Christen versklavten, während Christen über 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppten.

Richtig ist folgendes: Die Araber waren von Beginn an Sklavenhändler und fingen Schwarze aus Afrika, um sie nach Arabien und später ins Osmanische Reich zu verschleppen. Daß es keine Schwarzen in der arabischen Welt gibt, liegt einfach daran, daß die Araber die Männer gleich töteten und nur die Frauen und Kinder am Leben ließen. Genaue Zahlen zum arabischen Sklavenhandel liegen nicht vor. Aber es wäre naiv anzunehmen, es habe sich nicht um viele Millionen gehandelt.

Im Mittelalter haben die Mauren viele Christen in Spanien, Frankreich und Italien verschleppt, um sie zu Sklaven zu machen. Nicht umsonst hat Rossini im 19. Jahrhundert die Oper „Die Italienerin in Algier“ geschrieben. Zur Befreiung der Christen aus der Gefangenschaft bei den Sarazenen wurden sogar im Mittelalter zwei Orden gegründet, und zwar die Trinitarier, deren Ordensregel 1198 vom Papst approbiert wurde, und die Mercedarier, deren Ordenssatzung der Papst 1235 approbierte.

Die Trinitarier haben 900.000 Christen aus der arabischen Sklaverei freigekauft. Von 1500 bis 1750 wurden 1,5 Millionen Christen aus ganz Europa von den Sarazenen versklavt, sogar aus England. Überall, wo die Sarazenen oder später die Osmanen auftauchten, verbreiteten sie Angst und Schrecken, und zwar in einem viel schlimmeren Maße, als dies christliche Heere je taten.

Ich war zweimal auf Malta, wo 1565 die große Seeschlacht der weit überlegenen osmanischen Flotte gegen die Johanniter standfand. Aber diese hielten unter ihrem Großmeister la Valette stand, bis eine christliche Flotte aus Richtung Sizilien für den Entsatz sorgte. Von den 40.000 Matrosen der Osmanen waren inzwischen 3/4 gefallen. Was die Osmanen im Falle eines Sieges gemacht hätten, wurde den Maltesern am Schicksal der Nachbarinsel Gozo deutlich. Dort machten die Osmanen alle kurzerhand nieder, Männer und Frauen, Kinder und Greise. Daß Malta das katholischste Land Europas ist, liegt nicht zuletzt daran, daß die Erinnerung an die existenzielle Bedrohung durch die muslimischen Osmanen bis zum heutigen Tage wachgehalten wird.

Auch in anderer Beziehung hat der von Ihnen zitierte Priester keine Ahnung. Es ist ein geradezu unverzeihlicher Irrtum zu meinen, erst Leo XIII. habe 1888 – hundert Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – die Sklaverei verboten. Schon Eugen IV. hat im 15. Jahrhundert gegen die Sklaverei Stellung bezogen, und Paul III. hat 1537 ausdrücklich die Versklavung eroberter Völker verboten, auch wenn sie keine Christen waren. Gregor XVI. zählte in seiner Konstitution von 1839 im einzelnen die Erlasse seiner Vorgänger zur Sklavenfrage auf.

Was die USA anbelangt, so sollte auch Ihr Gewährsmann wissen, daß gerade wegen der Sklavenfrage der schlimme amerikanische Bürgerkrieg stattgefunden hat. Erst der Sieg des Nordens in Gettysburg 1865 hat den Weg für die Durchsetzung des Verbotes der Sklaverei freigemacht. Hinsichtlich der hehren Ideale der amerikanischen Gründungsväter zeigt sich wieder einmal: Papier ist geduldig. Erst der Sieg auf dem Schlachtfeld führte zur Befreiung der Sklaven.

Also trotz der Unabhängigkeitserklärung von 1776 wurden in den Vereinigten Staaten noch ca. 90 Jahre lang mit größter Selbstverständlichkeit Sklaven gehalten, vor allem in den Südstaaten, wo die Schwarzen besonders in den Baumwollplantagen eingesetzt wurden.

Von dem hohen Roß unserer modernen Moral läßt sich leicht ein Verdammungsurteil über die Geschichte fällen. Aber nur dadurch, daß das junge Christentum eben nicht als sozialrevolutionäre Bewegung mit der Forderung nach Abschaffung der allgegenwärtigen Sklaverei auftrat, konnte es in der antiken Sklavenhaltergesellschaft des Römischen Reiches überleben.

Unter den Schriften des Neuen Testaments findet sich auch der kleine Brief des Apostels Paulus an Philemon, dessen Sklave Onesimos entlaufen war. Paulus schickt ihn seinem Herrn zurück und empfiehlt, den Sklaven wie einen Bruder in Christus aufzunehmen. An anderer Stelle schreibt Paulus, in Christus gelte nicht mehr Mann und Frau, Herr und Sklave, sondern alle seien eins in Christus.

Ich glaube, das haben die lateinamerikanischen Befreiungstheologen bis heute nicht begriffen, für die der Glaube ein Instrument zur Durchsetzung sozialer oder gar sozialrevolutionärer Reformen ist.

Im Islam ist die Sklaverei etwas ganz Normales. Der Koran erlaubt sie ausdrücklich, während das Neue Testament die Sklaverei nur als gegeben hinnimmt, wie oben dargestellt. Und Mohammed selbst hat unterworfene Stämme versklavt. Erst die Herrschaft der europäischen Kolonialmächte hat zur Abschaffung der Sklaverei geführt. 1950 wurden in Saudiarabien noch 500.000 Sklaven gezählt. Erst 1963 hat das Land die Sklaverei offiziell abgeschafft.

  1. Kirche und Nationalsozialismus

Daß Sie das deutsche Volk so mir nichts, dir nichts als „Tätervolk“ bezeichnen, ist geradezu empörend. Daß „Tätervolk“ kein offizieller Begriff ist, daß die deutschen Bischöfe stets eine Kollektivschuld des deutschen Volkes strikt abgelehnt haben, ist Ihnen offensichtlich unbekannt. Man schätzt, daß 300.000 Deutsche wie auch Vertreter anderer europäischer Völker (z.B.  Litauer und Letten) am Holocaust beteiligt waren.

Die Programme zur Judenvernichtung wurden unter strengster Geheimhaltung durchgeführt. Wer darüber sprach, wurde kurzerhand hingerichtet. Ich selbst bin 1938 als Nachkömmling geboren. Weder meine Eltern noch meine fünf Geschwister, die sogar schon zur Wehrmacht eingezogen worden waren, wußten von dem Massenmord in Auschwitz u.a. Was man wußte, war, daß Juden abtransportiert wurden, aber nicht, wohin.

Wenn der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 im Bundestag behauptete, „alle“ hätten von dem Massenmord gewußt, so stieß er auf den erbitterten Widerstand der ganzen CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seine falsche Behauptung wurde natürlich von den Linken mit lebhafter Zustimmung aufgenommen und von den linksorientierten Medien in Presse und Fernsehen verbreitet.

Empörend ist auch, wie Sie die Kirche beschuldigen, während des Zweiten Weltkrieges katastrophal versagt zu haben. Die Kirche hat nicht versagt. Die kirchenhistorische Aufarbeitung der Rolle der kath. Kirche zur Zeit des Dritten Reiches ist weitgehend abgeschlossen, wie ein Blick in die neueren „Kirchengeschichten“ zeigt. Was noch fehlt, ist die Veröffentlichung aller Akten aus dem vatikanischen Geheimarchiv.

Allerdings haben die Kirchenhistoriker, die die Rolle Pius XII. für den Seligsprechungsprozeß untersuchen sollten, Einblick in die Quellen erhalten und haben ein abschließendes Urteil gefällt, das diesen Papst in jeder Hinsicht entlastet. Wenn Benedikt XVI. trotzdem den Seligsprechungsprozeß nicht zum Abschluß gebracht hat, so hat das ausschließlich politische Gründe, denn die jüdische Seite hält an ihrem (unbegründeten) Vorurteil fest, daß die namentliche Verurteilung Hitlers und seiner Barberei durch Pius XII. Millionen von Juden vor der Shoah gerettet haben würde. 

Dabei ist das auf jüdischer Seite eine Kehrtwendung um 180 Grad, denn die unmittelbaren Zeugen der Shoah wie Ben Gurion und Golda Meir haben immer Pius XII in Schutz genommen und ihm für die Errettung hunderttausender Juden, die aus Ungarn nach Auschwitz deportiert werden sollten, gedankt. Auch wurde dankbar hervorgehoben, daß der Papst Tausende von Juden in der Stadt Rom in Kirchen und Klöstern vor der SS versteckt hat.

Die Wende leitete Rolf Hochhuth mit seinem Drama „Der Stellvertreter“ ein, in dem er behauptete, eine öffentliche Verurteilung durch Pius XII. hätte Millionen von Juden vor der Vernichtung bewahren können. Das Stück wurde damals viel aufgeführt und brachte die Diskussion in Schwung.

Tatsache aber ist, daß die niederländischen Bischöfe mit ihrer öffentlichen Verurteilung der Judentransporte nach Auschwitz 1942 die NS-Schergen dermaßen in Wut versetzten,  daß sie nun auch die getauften Juden – unter ihnen die Karmelitin Edith Stein – abtransportierten. Daher haben die deutschen Bischöfe den Papst beschworen, von einer namentlichen Verurteilung Hitlers und seiner Judenvernichtung Abstand zu nehmen.

In allgemeiner Form hatte der Papst schon die Judenvernichtung verurteilt. Wie allergisch die Nationalsozialisten auf jegliche Kritik reagierten, zeigt das Beispiel des Berliner Propstes Bernhard Lichtenberg, der in jedem Gottesdienst für die Juden betete. Das kostete ihn das Leben.

9 von 10 christlichen Geistlichen in den Konzentrationslagern waren katholische Priester. Die katholische Kirche war die einzige Großorganisation, die sich im Dritten Reich nicht gleichschalten ließ. Auf Seiten der Protestanten entwickelten sich bald die Deutschen Christen mit ihrem „Reichsbischof“ Müller, gegen die die Bekennende Kirche mit der Barmer Erklärung von 1934 zu Felde zog. Das war eine regelrechte Spaltung der Protestanten. Auf katholischer Seite gab es so etwas nicht.

Daher brauchte die katholische Kirche 1945 auch kein Schuldeingeständnis abzugeben, wie es die Protestanten 1945 taten. Aber sie taten es nicht freiwlllig, sondern gezwungen, denn die amerikanischen Protestanten hatten das Schuldeingeständnis zur Bedingung ihrer Hilfe gemacht.

Da deutsche Kirchenhistoriker die Materie in den vergangenen Jahrzehnten hinreichend erforscht haben, ist es völlig unerfindlich, wie Sie Ratzinger in diesem Zusammenhang noch einen Vorwurf machen können. Sie sind sich wohl bewußt, daß Ratzinger nie Historiker, sondern immer Dogmatiker war, aber Sie vermissen ein Wort von ihm „als Deutscher“. Das ist für einen Menschen, der auch nur halbwegs etwas von Wissenschaft versteht, schlichtweg Unsinn – oder vielleicht Bosheit.

Bei dieser Frage lohnt sich auch ein Blick auf die Praxis in den deutschen Diözesen. Vor mir liegt die Dokumentation „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich. Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ von Pater Ludger Born SJ, bearbeitet und ergänzt durch Pater Lothar Groppe SJ, Neuauflage 2016.

Es ist bewundernswert, welche Hilfe die kath. Hilfsstelle für Juden unter äußerst schweren Umständen geleistet hat. Und es ist erschütternd zu lesen, daß fast alle Hilfskräfte verhaftet und ermordet worden sind. Was hier für Wien bezeugt ist, gilt sicher auch für andere deutsche Bistümer.

  1. Indianermission

Daß in der Indianermission auch Gewalt eine Rolle spielte, ist unbestritten, aber die Indianermission als ganze als Akt der Gewalt darzustellen, geht überhaupt nicht. Das hat auch Papst Johannes Paul II. mit seinem Schuldbekenntnis im Jahre 2000 nicht gesagt. Im wesentlichen ist die Mission vielmehr das Werk von – unbewaffneten, friedlichen  – Missionaren, die unter unglaublichen persönlichen Entbehrungen und Anstrengungen den Heiden das Licht des Glaubens gebracht haben.

Auf meinen großen Reisen durch Lateinamerika habe ich viel über die Geschichte dieser Länder und ihre endogene Kultur erfahren. Wenn heute von bestimmter Seite aus geleugnet wird, das Christentum habe einen Fortschritt in der Zivilisation gebracht, so kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Die Religionen der Inka und Azteken waren grausam, von Milde und Humanität keine Spur.

Eine große Rolle in der Bekehrung der Azteken etwa spielte die Erscheinung der allerseligsten Jungfrau in Guadalupe vor einem Indio. Dieses Ereignis beeindruckte die Eingeborenen so sehr, daß sich viele, viele taufen ließen. Seitdem ist Guadalupe der größte Wallfahrtsort in Mexiko, ja in ganz Lateinamerika. Dort sieht man auch die große Statue von Johannes Paul II in Bronze. Denn dieser große Marienverehrer hat das Marienheiligtum wenigstens einmal besucht, woran die Mexikaner in Dankbarkeit erinnern.

  1. Diversa

Seit 1987 sind Sie in Rom und nehmen an allem, was Papst und Kurie betrifft, innigen Anteil. Aus einem katholischen Elternhaus stammend, haben Sie in Ihrer Jugend den Glauben verloren und erst im Erwachsenenalter wiedergefunden. Eine große Rolle spielen in dieser Hinsicht die Päpste. Von Johannes Paul II. und Franziskus nehmen Sie an, daß man durch ihre Nähe Gott spüren könne. Im Falle von Benedikt aber müßten Sie passen. 

Wenn das Ihre ganz persönliche Erfahrung ist, so muß man das eben so akzeptieren. Allerdings wundert es einen schon, daß Sie so überhaupt keinen Zugang zu dem deutschen Papst fanden. Indes konnte man aus verschiedenen Bemerkungen zu Benedikt merken, daß Ihnen dieser Papst „nicht liegt.“

Dabei ist der Eindruck, den Benedikt auch auf ungläubige Menschen gemacht hat, ganz erstaunlich. So erinnere ich mich noch genau, wie der bekennende Atheist Paul Biedermann, der ehemalige Weltrekordler im Schwimmen, von der Begegnung mit Papst Benedikt tief beeindruckt war. Biedermann spürte hier zum ersten Male in seinem Leben so etwas wie Transzendenz, den Einbruch des Göttlichen in diese materielle Welt.

Für mich ist Joseph Ratzinger eine große Lichtgestalt. 1963 kam er als junger Professor für Dogmatik nach Münster, wo er bis 1966 blieb, um dann nach Tübingen zu gehen. Wir Studenten strömten mit Begeisterung in seine Vorlesung. Er sollte der Korreferent meiner theologischen Dissertation über den griechischen Kirchenvater Gregor von Nazianz werden.

Unvergeßlich ist mir das Vorgespräch mit ihm, in dem sich seine große Kenntnis der Kirchenväter zeigte. Er begegnete mir nicht mit der hochmütigen Herablassung des anerkannten Professors, sondern mit Zuvorkommen und Eleganz. Er war ein echter Gentleman.

Als er zum Papst gewählt worden war, schilderte seine frühere Wirtin hier am Aasee, wie er mit ihr und ihrer Familie Karten gespielt und mit seinen Assistenten und studentischen Hilfskräften im Garten Fußball gespielt hatte. Zur Vorlesung fuhr er immer mit dem Fahrrad. Und als er sich später in Tübingen mit Hans Küng zur Redaktionssitzung der von ihm und Küng gegründeten Zeitschrift Concilium traf, erschien Küng im eleganten Sportwagen, während Ratzinger mit dem Fahrrad kam.

Als er Papst wurde, sagte der Altmeister der kath. Theologie, Prof. Dr. Eugen Biser (+), Benedikt sei seit Leo dem Großen, also seit fast 1600 Jahren, der größte Theologe auf dem Stuhle Petri. Als Papst glänzte er nicht nur durch seine überragende Theologie, sondern auch durch seine Eloquenz und die Beherrschung von ca. acht Fremdsprachen. Und wenn zu seinen Ehren Konzerte in der Aula Pauls VI. stattfanden, dann staunten die Zuhörer über die musikalische Kompetenz des Papstes, der sogar die wissenschaftliche Einleitung zu den aufgeführten Werken selbst vortrug.

Das große Thema seines Pontifikates war Glaube und Vernunft, in denen er keine Gegensätze, sondern polare Ergänzungen sah. Die Welt von Wissenschaft und Kultur nahm staunend wahr, daß hier ein Mann an der Spitze der früher von den Protestanten belächelten und als rückständig eingestuften katholischen Kirche stand, der auch einem philosophischen Disput mit dem führenden Philosophen unserer Zeit, Jürgen Habermas, gewachsen war. Es ist ganz offensichtlich, daß man nicht nur in der Kurie, sondern in Wissenschaft und Kultur ganz allgemein einer solchen Geistesgröße nachtrauert.

All das, was hier ohne Übertreibung von Benedikt gesagt werden kann, fehlt bei Franziskus. Ja, Kardinal Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, sagte einmal über Franziskus: „Er ist kein Theologe, deshalb muß man ihm helfen.“

Von seinen Gegnern werden Benedikt drei Skandale zugeschrieben: die Aufhebung der Exkommunikation des schismatischen Bischofs Richard Williamson, die Regensburger Rede 2006 und der 2010 aufgedeckte Mißbrauchsskandal. Was das Erstere anbelangt, so ist Benedikt einfach nicht informiert worden über Williamsons Leugnung des Holocausts. Er sagte später selbst, wenn er davon gewußt hätte, hätte er die Exkommunikation nicht aufgehoben. Es gab damals noch keinen PC in der Kurie. Erst Benedikt hat im Zuge der Affäre Richardson die Anschaffung von Computern angeordnet. Wie Kardinal Kasper sagte, ist in keinem anderen Land die Sache so hochgespielt worden wie in Deutschland.

Bei der Regensburger Rede wurde ein Zitat des byzantinischen Kaisers aus dem Zusammenhang gerissen und damit verschärft. Während der Rede selbst, nahm keiner der Anwesenden an dem Zitat Anstoß, wie erst noch neulich im Fernsehen gezeigt wurde. Das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat führte in der islamischen Welt zu wilden Protesten. Sie besitzen die Unverschämtheit, dem Papst den Tod zweier Ordensschwestern, die der muslimische Mob ermordete, anzulasten. Lasten Sie auch dem Karikaturisten von Jyllands-Posten, Kurt Westergaard,  all die Morde und Brandstiftungen an, die seine Mohammed-Karikaturen in islamischen Ländern auslösten?

Benedikt für die zum Teil Jahrzehnte zurückliegenden Mißbrauchsfälle verantwortlich zu machen, ist in jeder Hinsicht horrend. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hatte sich gerade Joseph Ratzinger für eine härtere Bestrafung der Täter eingesetzt. 2010 aber kam es gewissermaßen zu einer Explosion, die den Pontifikat dieses absolut integren Papstes verdunkelte. 

Für die Gegner und Feinde war es die Gelegenheit, die katholische Kirche, den Fels in der Brandung der modernen Zeit, anzugreifen und ihre moralische Autorität in den Dreck zu ziehen. Daß es auf der evangelischen Seite genau so schlimm war, wurde einfach ignoriert, denn die evangelische Kirche war ja zeitgeistkonform, vor allem im Hinblick auf die Sexualmoral.

Nicht unerwähnt bleiben soll, was alles in staatlichen Heimen passierte. Und schließlich mußten auch die Grünen zugeben, was alles unter dem Deckmantel einer repressionsfreien Erziehung an Unsittlichem und Verbrecherischem geschehen war. Daniel Cohn-Bendit mußte in Frankreich seine Kandidatur für das Europa-Parlament zurückziehen, als bekannt wurde, daß er in einem Kinderladen in Frankfurt Kinder mit seinem Penis spielen ließ.

Zum Schluß noch zwei kleinere Korrekturen. Fabius Maximus cunctator hat Hannibal nicht besiegt. Das blieb Scipio Africanus in der Schlacht bei Zama 202 v.C. vorbehalten. Fabius hat als dictator nach der verheerenden Niederlage bei Cannae 216 die militärische Lage für Rom stabilisiert, indem er konsequent Hannibal ausgewichen ist (S. 266). Ein Priester gelobt keine Armut, das bleibt dem Ordensmann vorbehalten (S. 351).

Zwei Päpste haben mir eine große Wohltat erwiesen: Johannes Paul II. hat  mich zum Ritter des päpstlichen Silvesterordens ernannt, und Franziskus hat mir und meiner Ehefrau zur Goldenen Hochzeit den Apostolischen Segen erteilt. Die Urkunde hängt, golden eingerahmt, in unserem Wohnzimmer.

Umso mehr bedaure ich, daß Franziskus mit unbedachten Äußerungen Anstoß erregt. Vor wenigen Jahren sprach er davon, Eltern könnten ihre Kinder körperlich züchtigen, und die Beleidigung der Mutter könne sogar mit einem Fausthieb geahndet werden. Ich habe das damals noch in einem ausführlichen Schreiben an die Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands, Frau Marie-Theres Kastner, als Ausdruck der argentinischen Kultur verteidigt.

Aber Flüchtlingslager in der EU als Konzentrationslager zu schmähen, das ist nicht mehr zu verteidigen. Offensichtlich weiß er nicht, welche Erinnerungen der Begriff Konzentrationslager in Europa hervorruft. Zum Glück ist das mediale Echo auf diese Entgleisung relativ gering, weil sich Franziskus großer Sympathien in der Öffentlichkeit erfreut. Es tut der Kirche gut, daß sich die Sympathien für den Papst nicht auf die katholische Welt beschränken, sondern sich auch auf die Protestanten, ja auf die ganze Welt erstrecken.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Heinz Althaus

 


Günter Jauch: Talksendung um Limburgs Bischof zwischen Fakten und Sprücheklopferei

Kommentar von Felizitas Küble

Die ARD-Gesprächsrunde mit Moderator Günter Jauch am Sonntag, den 20. Oktober, drehte sich zunächst um Bischof Tebartz-van Elst und danach um das weite Feld der Kirchenfinanzen: Vatikanbank, Kirchensteuer, Bischofsgehälter, kirchliche Einrichtungen und vertraglich geregelte Staatsverpflichtungen gegenüber den Kirchen in Deutschland etc.

An der Talksendung nahmen neben Günter Jauch, der insgesamt  – für Fernsehverhältnisse  – noch relativ sachlich agierte, folgende Gäste teil: Schmid_Wuerzburg_2013_2

Dr. Albert Schmid (siehe Foto), Chef des Laienkomitees der Katholiken in Bayern und vertrauter Freund des Limburger Bischofs 
Heribert Prantl, von linker Seite gerne als „Edelfeder“ bezeichneter Ressortleiter der „Süddeutschen Zeitung“; er gehört zur SZ-Chefredaktion; Prantl sitzt zugleich im Beirat der äußerst kirchenfernen „Humanistischen Union“
Gisela Friederichsen, bekannte „Spiegel“-Redakteurin, die aus der katholischen Kirche wegen deren (wie sie meint) „traditionellen“ Haltung austrat, sich aber gleichwohl weiterhin subjektiv als „katholisch“ empfindet
Andreas Englisch, ehem. BILD-Reporter, Vatikankorrespondent und Bücherschreiber (vor allem Papstbiografien)
Norbert Feldhoff, früherer Generalvikar des Erzbistums Köln, Aufsichtsratsvorsitzender der kirchlich geprägten Pax-Bank
 

Zunächst zur Debatte um die Causa Limburg: 

Andreas Englisch neigte (nicht zum ersten Mal) zum Schwadronieren und Sprücheklopfen, was von dem entsprechend gepolten Publikum häufig mit Beifall quittiert wurde: je simpler seine Aussagen, umso stärker der Applaus.

Typisch war auch die sofortige Klatscherei vieler Zuschauer im Studio, als sich „Spiegel“-Redakteurin Friederichsen eindeutig pro Abtreibungsfreiheit äußerte und Erzbischof Johannes Dyba aus Fulda (verstorben im Juli 2000) in diesem Zusammenhang scharf kritisierte.

Frau Friederichsen hatte teilweise aber durchaus recht bei anderen Themen, etwa wenn sie nach den wortreichen Erzählungen von Andreas Englisch über die Armutsprinzipien des Papstes darauf hinwies, daß Franziskus auch noch andere Grundsätze wichtig finde, zB. die Barmherzigkeit. Daher glaube sie nicht, daß der Papst bei dem gleichsam „am Boden liegenden“ Limburger Bischof nachtreten werde.

Eingangs wurde Dr. Albert Schmid, der zur Zeit täglich mit dem Limburger Bischof telefoniert, von Günter Jauch gefragt, wie es um die Befindlichkeit und Seelenstimmung des jetzt in Rom weilenden Oberhirten stehe.

„Der Bischof geht mit den Problemen spirituell um“

Der oberste katholische Laienvertreter in Bayern erläuterte, Tebartz-van Elst sei innerlich durchaus „gefaßt“:

„Er geht mit den Problemen spirituell um“; er sehe sie gleichsam als geistliche Herausforderung an.

Schmerzlich sei für den Limburger Kirchenmann vor allem die Tatsache, daß „die Angriffe überwiegend aus seiner eigenen Kirche gekommen“ seien.

Foto: Radio Vatikan

Foto: Radio Vatikan

Tebartz-van Elst verstehe sich, so erklärte Dr. Schmid weiter, in seinem Amtsverständnis als Bischof der römisch-katholischen Kirche  –  und nicht etwa lediglich als leitender Angestellter kirchlicher Gremien in Deutschland.

Mit anderen Worten: Er fühlt sich in erster Linie dem Papst verpflichtet, von dem jeder katholische Bischof ernannt wird  –  seine Loyalität gehört nicht in gleicher Weise diversen kirchlichen Kreisen und Kommissionen.

Dr. Schmid erwähnte sodann, daß es im Bistum Limburg schon seit Bischof Kempfs Zeiten (70er Jahre) eine tendenzielle Los-von-Rom-Strömung gäbe.

Diese reformlustige Richtung wurde unter dem als „liberal“ gefeierten Bischof Kamphaus munter fortgesetzt, wie sich vor allem bei der Debatte um Abtreibung und Beratungsscheine in den 90er Jahren deutlich zeigte.

Vom Weihbischof in Münster zum Oberhirten von Limburg

Als nun Tebartz-van Elst  –  der eher konservative, „romtreue“ Weihbischof aus Münster  –  zum Oberhirten dieses weitgehend modernistisch ausgerichteten Bistums ernannt wurde, fand er eine äußerst schwierige Situation vor, wie man sich wohl lebhaft vorstellen kann.

Dr. Schmid erläuterte, daß der Limburger Bischof bis zu einem gewissen Grad durchaus Opfer dieser innerdiözesanen Spannungen sei.

Die Vorwürfe wegen der Baukosten seiner Residenz seien auch deshalb hochgekocht worden, um letztlich andere, tieferliegende und grundsätzliche Konflikte anhand dieses vorgeschobenen Themas auszutragen.

Es sei wichtig, so Dr. Schmid, auch in dieser Causa besonnen zu bleiben, rechtsstaatliche Grundsätze zu beachten, keine Vorverurteilungen vorzunehmen und nicht vorschnell den Stab über jemanden zu brechen, ohne sich sorgfältig zu informieren – kurz und gut: die Prinzipien der Fairneß einhalten.

Herr Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) schien insoweit auf beiden Ohren taub zu sein, denn nach dieser ruhigen, sachlichen Argumentation des katholischen Laienvertreters legte er erst richtig los:

Tebartz-van Elst sei „der erste deutsche Bischof mit Strafbefehl“ und könne daher „nicht mehr Bischof sein“. Dabei blieb völlig unerwähnt, daß es sich lediglich um einen Strafbefehl-ANTRAG der Hamburger Staatsanwaltschaft handelt, keineswegs um eine Gerichtsentscheidung  –  von einer rechtskräftigen Verurteilung ganz zu schweigen. Warum kehrt Prantl dieses entscheidende ABC des Rechtsstaats unter den Tisch?

Der kirchenkritische SZ-Chefredakteur agierte sodann mit lockeren Sprüchen etwa des Stils, daß Tebartz-van Elst bei dem Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ wohl gleich an seinen Bischofssitz denke. Derartige Flaxereien kommen bei einem oberflächlichen Studio-Publikum freilich besser an als eine besonnene, sachorientierte Argumentation, wie sie Dr. Schmid überzeugend vorlegte.

40 Millionen Euro für das Diözesan-Museum in Köln

Im Laufe der Diskussion wurde der ehem. Generalvikar nach dem Diözesan-Museum in Köln befragt, das immerhin die stolze Stumme von 40 Millionen Euro verschlang. Feldhoff betonte, die Entscheidung zugunsten des Museums sei durch alle gängigen kirchlichen Instanzen gegangen und dort mehrheitlich befürwortet worden.

Aber dieser eher formale Aspekt entbindet doch wohl nicht von der Frage, ob ein solcher Bau angemessen, geschweige notwendig ist.

Immerhin befindet sich in dem als „Protzbau“ verlästerten Diözesan-Zentrum in Limburg durchaus ein eigenes Bistums-Museum mit dem Domschatz  –  und zwar als eines von mehreren Gebäuden.

Folglich hat allein das Museum in Köln mit 40 Mill. € weitaus mehr gekostet als in Limburg das gesamte, doch so heiß „umstrittene“ Diözesan-Zentrum, wovon die Bischofswohnung nur einen Teil des Gebäudekomplexes darstellt, was in vielen Medienberichten allerdings unterschlagen wird.

25.000 Ordensleute leben ihr Armutsgelübde Tag für Tag

Dr. Schmid wies beim vieldiskutierten Thema „Armut“ und Bescheidenheit, das von Vatikanreporter Englisch ständig neu aufgewärmt wurde, auf die 25.000 Ordensleute in Deutschland hin, die von Armut nicht nur reden, sondern sich durch ihr Ordensgelübde für ihr ganzes Leben hindurch dazu handfest verpflichten.

Außerdem betonte er zu Recht, daß jeder Papst sein Amt auf Petrus selbst bezieht und auf den Felsen Petri zurückführt, nicht auf den jeweiligen Vorgänger. Daher solle man die jeweiligen Päpste, die durchaus ihren eigenen Stil haben dürfen, nicht gegeneinander ausspielen.

Am Schluß meldete sich die vermeintliche SZ-„Edelfelder“ wieder zu Wort und lieferte ein Beispiel mangelnder Kenntnisse:

Prantl empörte sich publikumswirksam darüber (natürlich war hier wieder viel Beifall aus dem Studio fällig), daß kirchliche Angestellte im Falle einer „Scheidung“ aus ihrer beruflichen Stellung herausfliegen würden.

Dieser Vorwurf ist theologisch völlig unsinnig und sachlich falsch: Wegen einer Scheidung wird kein kirchliches Arbeitsverhältnis gekündigt, sondern vielmehr erst im Falle einer zivilen Wiederverheiratung, obwohl das erste und einzige Eheband (auch im Falle einer Trennung oder Scheidung) sakramental fortbesteht.

Aber mit derlei Unterscheidungen ist ein Heribert Prantl offenbar überfordert.

DIESER ARTIKEL ist auch in der SÜDWATCH veröffentlicht: suedwatch.de/blog/?p=11524
81.169.144.135

Ebenso bei der JOURNALISTENwatch: http://journalistenwatch.com/cms/2013/10/21/guenter-jauch-talksendung-um-limburgs-bischof-zwischen-fakten-und-spruecheklopferei/

Ergänzende Infos zu Dr. Schmids sonstigen Aussagen im „Fall Limburg“ siehe hier: https://charismatismus.wordpress.com/2013/10/16/causa-limburg-skandaloser-umgang-von-amtsbrudern-mit-bischof-tebartz-van-elst/

 


Andreas Englisch über Papst Benedikt und seinen Vorgänger, den „Jahrtausendpapst“

Ist die Verständigung mit der Traditionsbewegung ein „klarer Schritt zurück“?

Der bekannte Buchautor und Journalist Andreas Englisch war bis 2010 als Vatikan-Korrespondent für die BILDzeitung tätig. Er begleitete Johannes Paul II. auf vielen Reisen und zeigte sich überaus begeistert von der Person des Vorgänger-Papstes. Davon berichtet er in zwei Papst-Biografien, zuletzt mit dem euphorischen Titel „Der Wunderpapst“.

Hingegen hatte sich der BILD-Reporter in seinem Buch „Johannes Paul II.“ über Kardinal Joseph Ratzinger kritisch bis abfällig geäußert. Er nahm dem damaligen Chef der Glaubenskongregation beispielsweise sehr übel, daß dieser beim Thema Abtreibung und „Beratungsschein“ auf klar konservativen Positionen beharrte.

Foto: Radio Vatikan

Foto: Radio Vatikan

Andreas Englisch kritisiert in dieser Biographie mehrfach moralische Standpunkte der katholischen Kirche, zumal in der Sexualethik. Seine Begeisterung galt also nicht der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche, sondern vielmehr eher emotional der Persönlichkeit  und dem „Charisma“ von Papst Johannes Paul II.

Außerdem faszinieren Englisch offenbar „wunderbare“ und „mystisch“ anmutende Ereignisse, weshalb er ein weiteres Buch verfaßte, nämlich über die „Wunder der katholischen Kirche“, das allerdings theologisch vielfach unausgegoren ist und von wenig Sachkenntnis zeugt.

So hat der BILD-Reporter dem damaligen Kardinal Ratzinger stark angekreidet, daß dieser bei der Veröffentlichung des sog. „Dritten Geheimnisses von Fatima“ im Jahr 2000 kritische Bemerkungen über „Privatoffenbarungen“ und ihre untergeordnete Stellung in der Kirche äußerte.

Aus Sicht von Englisch hätte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation weitaus positiver über Privatoffenbarungen, Marienerscheinungen und besonders über Fatima  Stellung nehmen sollen, weil das Thema Fatima für Johannes Paul II. so zentral gewesen sei.  Englisch mutmaßt in seiner Biographie („Johannes Paul II.“), daß diese Zurückhaltung Ratzingers den damaligen Papst sehr enttäuscht habe.

Dabei übersieht Englisch, der von Theologie und Dogmatik nicht sonderlich viel versteht, daß Kardinal Ratzinger sich lediglich an der bewährten Lehre der Kirche orientierte, wonach Privatoffenbarungen (das gilt auch für kirchlich anerkannte) die katholischen Christen keineswegs zum Glauben verpflichten. Warum sollte der Chef der Glaubenskongregation dies nicht klar zum Ausdruck bringen dürfen?

Nachdem der von ihm so stark gerügte Kardinal Ratzinger im Jahr 2005 zum Papst gewählt wurde, hat Englisch seine Vorwürfe allmählich etwas zurückgefahren, sei es aus Überzeugung oder aus eher taktischen Gründen, ganz verschwunden sind seine Vorbehalte freilich nicht:

Im gestrigen Interview mit dem Sender „n-tv“ (16.4.2012) erzählte er, daß Kardinal Ratzinger „unglaublich schüchtern“ gewesen sei: „Er stand nie gerne im Mittelpunkt – für einen Papst ist das natürlich denkbar schlecht…Und er musste lernen, auf Menschen zuzugehen; das war für ihn alles sehr schwierig.“  – Inzwischen sei Joseph Ratzinger  freilich ein „wirklich guter Hirte“ geworden.

Allerdings fügte Englisch hinzu: „Es war eigentlich unmöglich, neben dem Jahrtausendpapst eine halbwegs ordentliche Figur zu machen. Die katholische Kirche hatte in den letzten tausend Jahren kaum einen so großen Erfolg wie unter Karol Woityla: den Fall der Berliner Mauer.“

Für die Kirche waren etliche Ereignisse in den letzten tausend (!) Jahren wichtiger als der politische Vorgang des Mauerfalls. Denken wir beispielsweise an das so positiv und gründlich wirkende Reform-Konzil von Trient, an große neue Ordensgründungen wie die Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten etc. oder an die erfolgreiche Überwindung des „Kulturkampfs“ im 19. Jahrhundert bzw. an den kirchlichen Widerstand in der NS-Diktatur und unter dem Kommunismus.

Was soll zudem die überschwängliche Bezeichnung „Jahrtausendpapst“ für Johannes Paul II.?  Was ist mit den zahlreichen heiliggesprochenen Päpsten dieses zweiten Jahrtausends?  – Denken wir etwa an den hl. Pius X., der Anfang des 20. Jahrhunderts segensreich wirkte und dem aufkommenden theologischen Modernismus klarsichtig entgegentrat   –  was Andreas Englisch wohl weniger anspricht

Zum Thema „Mißbrauchsskandal“ meint der BILD-Reporter gegenüber „n-tv“:  „Es hat ja ganz eklatante Fälle gegeben, wie zum Beispiel bei dem Wiener Kardinal Hans Hermann Groer – ihm wurde zweifellos Missbrauch nachgewiesen. Konsequenzen gab es damals keine.“

Kardinal Groer wurde keineswegs „Mißbrauch nachgewiesen“, sondern lediglich ohne Sach- und Zeugenbeweis vorgeworfen. Es gab weder ein weltliches noch ein kirchliches Gericht, das Mißbrauch nachweisen konnte  – und eben deshalb (!) gab es „keine Konsequenzen“.

Zum jetzigen Papst erklärt Andreas Englisch: „Es hat einen deutlichen Ruck ins Konservative gegeben. Er hat ganz klare Zeichen gegeben. Einige Beispiele wären die Mundkommunion, die unglückliche Rehabilitierung der Piusbruderschaft und die Erlaubnis der alten, lateinischen Messe. All das wäre unter Johannes Paul II. nicht möglich gewesen und ist ein klarer Schritt zurück.“

Das kann man auch genau anders sehen: als einen großen Schritt nach vorne.

Dies gilt erst recht dann, falls es zu einer Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft kommt. Eine solche Verständigung wäre allerdings unter dem Vorgängerpapst  vermutlich„nicht möglich gewesen“, insofern hat Englisch recht.

Eine vorbereitende Entscheidung für die Integration der Traditionellen war sicherlich die verstärkte Zulassung der überlieferten Liturgie  –  und auch das war gut so, mag es dem fliegenden Reporter Englisch gefallen oder nicht.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster