Prof. Söding in Münster: „Vater im Himmel: Führe uns nicht in Versuchung“

Von Felizitas Küble

Das Vaterunser wurde im Vorjahr heftig und langanhaltend diskutiert, nicht nur in kirchlichen Kreisen, auch in weltlichen Medien und in der weiten Öffentlichkeit.

Es ging dabei vor allem um die vorletzte Vaterunser-Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung.“ – Sogar Papst Franziskus regte eine Änderung des Wortlauts bzw. eine Neu-Übersetzung an, wobei ihm zahlreiche Theologen widersprachen und auch die deutschen Bischöfe nicht folgten.

Auch der katholische Theologe Dr. Thomas Söding hält an der wörtlichen Übersetzung aus dem griechischen Urtext fest. Der Neutestamentler hielt gestern Abend (20. März) eine Betrachtung im St.-Paulus-Dom von Münster zur Auslegung dieser „umstrittenen“ Bitte aus dem Gebet des HERRN.

Der Professor – er lehrt an der Ruhr-Universität in Bochum – sprach im Rahmen der „Geistlichen Themenabende“ zur Fastenzeit. Die Bischofskathedrale war fast vollbesetzt, Dompfarrer Hans-Bernd Köppen begrüßte die vielen Gäste unter dem Leitwort „Das Vaterunser als Quelle der Erneuerung“.

Södings Frau Christine las eingangs aus dem Matthäus-Evangelium jene Abschnitte vor, in welchem das Vaterunser von Christus verkündet wird.

Aus Mt 6,1-16 geht hervor, daß Christus die Lauterkeit der guten und frommen Werke wichtig ist: Nicht aus Eigennutz, nicht im Hinblick auf Lohn, Erfolg, Ansehen, Macht und Beliebtheit sollen wir fasten, beten und handeln, sondern aus Liebe zum Vater im Himmel und zum Nächsten.

BILD: Der Paulus-Dom gestern Abend nach der Vortrags-Andacht mit Prof. Söding

Es geht also darum, die eigene „Gerechtigkeit“ nicht zur Schau zu stellen. In genau diesem Zusammenhang lehrte Christus seine Jünger das Vaterunser.

Dr. Söding verdeutlichte, daß es das Problem der Versuchung überhaupt nur deshalb geben kann, weil Gott der HERR ist und wir seine Geschöpfe – und weil wir als Menschen anfällig sind – nicht nur für einzelne Sünden, sondern für den „Abgrund der Freiheit“, den existentiellen Mißbrauch dieser Freiheit.

Negative Eindrücke von außen können nur deshalb überhaupt eine Macht über uns ausüben, eine „Versuchung“ darstellen, weil diese Anfechtungen eine „Resonanz“ in unserem Inneren finden können. Ohne Versuchbarkeit kein Problem der Versuchung!

Der Theologe erinnerte an das Wort des HERRN, wonach derjenige sein Leben gewinnt, der es „verliert“ – darunter sei nicht allein das Martyrium zu verstehen, sondern grundsätzlich unsere Hingabebereitschaft, unser Einsatz für das Gute und unsere Übereignung an den Schöpfer.

Zugleich warne uns die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ davor, uns selber aus eigensüchtigen Beweggründen ein eigenes, ein falsches Gottesbild zu basteln oder den Glauben zur Unterdrückung  bzw. Beherrschung anderer Menschen zu vereinnahmen. Dieser Gedankengang führt uns zum 2. Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen!

Die Bitten des Vaterunsers sind zugleich auch Fürbitten für andere, denn wir beten es komplett in der Gemeinschaftsform: „uns/unser“.

Dr. Söding betonte, gerade der Wortlaut „Führe uns nicht in Versuchung“ verdeutliche, daß die Bibel nicht oberflächlich sei, daß sie kein „glattes“ Bild von Gott vermittle, sondern tiefgründig und existentiell auch die uns unverständlich erscheinenden Dimensionen Gottes zur Sprache bringe, etwa die für den Menschen so schmerzliche Frage nach seiner „Gerechtigkeit“, nach dem Sinn von Leid und Verzweiflung.

Dies wird auch in den Klagerufen des Alten Testamentes deutlich, vor allem aber in der Abrahams-Geschichte von der Opferung Isaaks und im Buch Hiob. Doch diese schmerzlichen Abgründe eröffnen zugleich den Horizont auf die Verheißungen Gottes, sie verdeutlichen, daß der Höchste auch im Tal der Tränen gegenwärtig und dem Menschen nahe ist.

Christus selbst wurde vom „Geist Gottes“ in die Wüste geführt, so heißt es im NT, „um dort versucht zu werden“, wobei natürlich nicht der himmlische Vater, sondern Satan der Versucher war.  Dies Ereignis markiert, daß unser Erlöser voll und ganz Mensch geworden ist, wie wir alle mit schweren Anfechtungen konfrontiert, die er aber sündenfrei überwunden hat.

Lieber hat Jesus in der Wüste weiter gehungert, statt Steine in Brot zu verwandeln, was ihm als Sohn Gottes ein Leichtes gewesen wäre. Aber ER verzichte auf den Einsatz seiner Wunderkraft zur Erleichterung des eigenen Lebens. Nur so konnte ER das Menschsein in allen Zügen – auch den schmerzlichen – durchleben und uns so ein lebensnahes Vorbild geben, wie auch der Hebräerbrief betont: Christus wurde wie alle Menschen versucht, doch ER sündigte nicht.

Professor Söding erläuterte weiter, bereits das aufrichtige Aussprechen der Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ entfalte seine innere Wirksamkeit, habe eine helfende und befreiende Wirkung. 

Im Garten Gethsemane habe Christus die schläfrigen Apostel noch vor seinem Leiden eindringlich aufgefordert: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.“ (Mt 26,41)

Das Vaterunser ist ein Gebet des Vertrauens: Wir wenden uns an Gott, weil wir zuversichtlich glauben, daß sein Reich zu uns kommt, daß sein Wille geschieht, daß ER vom Bösen befreit und Schuld vergibt.

Wir tragen ihm als Geschöpfe unser Flehen vor, weil wir um unsere Schwachheit wissen und seine beschützende Kraft nötig haben.

HIER unser Artikel aus dem Jahr 2016 über die jüdischen Wurzeln des Vaterunser-Gebets: https://charismatismus.wordpress.com/2016/11/09/die-juedischen-wurzeln-des-vaterunser-gebets/

 


Was Papst Benedikt zur „umstrittenen“ Versuchungs-Bitte im Vaterunser sagte

Was sagte Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. zur derzeit viel diskutierten sechsten Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“? 

In einem im August 2000 geführten Interview mit Ratzinger, dem damaligen Glaubenspräfekten und späteren Papst Benedikt XVI.,  ging Peter Seewald auch auf das Vaterunser ein.
Auf „Kathnews“ wurden jetzt die diesbezüglichen Passagen aus dem Ratzinger-Buch „Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter Seewald“ (S. 232) dokumentiert:

Peter Seewald: „Im Vaterunser heißt es an einer Stelle ‚und führe uns nicht in Versuchung‘. Warum soll ein liebender Gott uns in Versuchung führen wollen? Ist das ein Übersetzungsfehler. Frère Roger, der Gründer der Bewegung von Taizé, einer ökumenischen Ordensgemeinschaft in Frankreich, hat vorgeschlagen man möge beten: ‚Und lasse uns nicht in Versuchung.‘“

Kardinal Ratzinger:

„Daran wird ja viel herumgekaut. Ich weiß, das Adenauer den Kardinal Frings bedrängt hat, das könne ja so, wie es da steht, nicht stimmen. Wir kriegen auch immer wieder Briefe in dieser Richtung. Das ‚Führe uns nicht in Versuchung‘ ist in der Tat die wörtliche Übersetzung des Textes. Natürlich entsteht die Frage, was das eigentlich bedeutet?

Der Betende weiß, dass Gott ihn nicht ins Schlechte hineindrängen will. Er bittet Gott sozusagen um sein Geleit in der Versuchung.

Der Jakobus-Brief sagt ausdrücklich, Gott, in dem kein Schatten von Finsternis ist, versucht niemanden. Aber Gott kann uns auf die Probe stellen – denken  wir an Abraham -, um uns reifer zu machen, um uns mit unserer eigenen Tiefe zu konfrontieren, und um uns dann erst wieder vollends zu sich selber zu bringen.

Insofern hat auch das Wort ‚Versuchung‘ verschiedene Schichten. Gott will uns nicht zum Bösen anleiten, das ist klar. Aber sehr wohl kann es sein, dass er die Versuchungen nicht einfach von uns weghält, dass er uns, wie gesagt, durch Prüfung hilft und auch führt.

Wir bitten ihn jedenfalls darum, dass er uns nicht in Versuchungen geraten läßt, die uns ins Böse abgleiten lassen würden; dass er uns nicht Prüfungen auferlegt, die unsere Kräfte überschreiten würden; dass er die Macht nicht aus der Hand gibt, um unsere Schwachheit weißt und uns daher schützt, damit wir ihm nicht verlorengehen.“

Quelle: http://www.kathnews.de/und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung


Regensburg: Bischof Voderholzer übt Kritik an Neu-Formulierung der Vaterunser-Bitte

Schweizer Bischöfe haben Vaterunser-Bitte neu gefaßt

Die katholischen Bischöfe in der französischsprachigen Schweiz haben die bekannte Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ für den liturgischen Gebrauch neu formuliert. Zukünftig heißt es: „Ne nous laisse pas entrer en tentation“, also auf deutsch: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“

Der Regensburger Oberhirte Dr. Rudolf Voderholzer äußert sich kritisch über diesbezügliche Neufassungen.

Schließlich sei die überlieferte Vaterunser-Bitte so bei Matthäus und Lukas überliefert; es könne nicht darum gehen, Christus gleichsam zu korrigieren, erklärt der Bischof; vielmehr sei es angesagt, diese Worte im Lichte der biblischen Botschaft zu erläutern.

Dabei solle auch die Lehre von der Erbsünde und von der menschlichen Anfälligkeit und Erlösungsbedürftigkeit bedacht werden.

Dr. Voderholzer (siehe Foto) verweist zu diesem Thema auf seine Predigt zum 1. Fastensonntag 2015, als es u.a. auch um die Versuchung Jesu in der Wüste ging.

Wir dokumentieren diese Predigt des Bischofs vom 22. Februar 2015:

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Als Bischof werde ich immer wieder einmal auf die 6. Vater-Unser-Bitte angesprochen: „Vater, … und führe uns nicht in Versuchung“.

Viele Mitchristen tun sich schwer beim Gedanken, der bei dieser Bitte ja scheinbar vorausgesetzt ist, Gott der Vater könne uns Menschen in Versuchung führen, Gott könne ein Interesse daran haben, uns aufs Glatteis zu führen und uns straucheln zu sehen.

Regelmäßig kommt dann auch der Vorschlag, die Formulierung der Bitte abzuändern und zu sagen: „Führe uns in der Versuchung“ oder „führe uns durch die Versuchung“ oder ähnlich. Vielleicht sind ja auch unter Ihnen Mitchristen, die ähnlich denken und denen dieser Vorschlag aus dem Herzen spricht. 

Das Evangelium vom 1. Fastensonntag von der Versuchung Jesu nehme ich als Anlass, darüber einmal tiefer nachzudenken und die Frage zu beantworten.

Wer für eine Änderung der Vaterunser-Bitte im gerade beschriebenen Sinne eintritt, kann mit einem gewissen Recht den Jakobusbrief zu seinen Gunsten anführen, wo es im 13. Vers des 1. Kapitels heißt: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung ge-führt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selber niemand in Versuchung.“

Was hindert also daran, das Vaterunser umzuformulieren?

Uns hindert erst einmal die textliche Überlieferung. Sowohl in der Vaterunser-Fassung des Matthäus-Evangeliums (6,13) als auch in der Fassung des Lukas-Evangeliums (11,4), die sich an manchen Stellen durchaus unterscheiden, heißt es eindeutig und gleichlautend: kai mee eisenénkees hemas eis peirasmon. Und führe uns nicht in Versuchung.

Auch in den anderen Sprachen hält man sich treu an diese Überlieferung, im Englischen etwa, was mir durch die Reisen nach Indien und nach Südafrika in den letzten Wochen gegenwärtig besonders im Ohr ist: and lead us not into temptation (lateinisch: et ne nos inducas in tentationem).

Wenn wir anfangen würden, Jesus zu verbessern, zu sagen: Nein, Jesus, also so kannst du das nicht gesagt haben, wir wissen es besser und wir erlauben uns hier, dich zu korrigieren – dann bekommen wir bald eine ganz neue Bibel nach unseren menschlichen Vorstellungen. Die Bibel würde aufhören, Zeugnis von Gottes Offenbarung zu sein.

Die Änderung des Vaterunsertextes, so wie wir ihn gewohnt sind, scheidet aus, weil es die treue Übersetzung der Überlieferung des Jesus-Wortes ist.

Wir müssen versuchen, trotz der Schwierigkeiten, die sich unzweifelhaft mit dieser Aussage verbinden, Jesus richtig zu verstehen.

Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei – wie eigentlich immer im Neuen Testament, dass man den alttestamentlichen Hintergrund bedenkt.

Es ist mehr als einmal im Alten Testament bezeugt, dass die Versuchung oder Anfechtung im Glauben als etwas Positives gesehen wird insofern, als sie in den Vorgang des Reifens, des Erwachsenwerdens des Menschen hineingehören. Im Buch Tobit etwa heißt es gemäß einer Überlieferung in der griechischen Bibel: „Weil du bei Gott angenommen warst, war es notwendig, dass die Versuchung dich prüfe.“ – Und im Buch Jesus Sirach steht geschrieben: „Der nicht in Versuchung geführt wurde, weiß wenig“ (Sir 34,10a LXX).

Das sind Worte, deren Sinn man nachvollziehen kann, wenn man an die Reifung denkt, die einem selbst vielleicht eine bestandene Krankheit oder eine gut verarbeitete Verlusterfahrung im Leben gebracht haben. So gesehen kann man der Versuchung etwas Positives abgewinnen und sie vielleicht sogar als Teil göttlicher Pädagogik einordnen und es nicht von vorneherein für völlig ausgeschlossen halten, Gott könne einem diesen Weg der Reifung nicht zumuten.

Eine Lösung für unser Problem haben wir damit freilich noch nicht. Denn Jesus lehrt ja beten: Führe uns nicht in Versuchung!

Mir scheint, dass der Exeget Heinz Schürmann in seiner Vaterunser-Auslegung den richtigen Weg zum Verständnis weist. Er erinnert an alttestamentliche Gebetsworte wie etwa Ps 26,2, wo es heißt: „Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich. Prüfe mich auf Herz und Nieren.“ D. h. so viel wie: „Führe mich, oh Herr, ja, führe mich ruhig in Versuchung! Du wirst sehen, ich halte stand, ich bleibe treu!“

Das ist Ausdruck großen Selbstvertrauens, großer Sicherheit. Und da sagt nun Jesus: Betet nicht so! Seid euch nicht so sicher! Denn Jesus sieht unsere Versuchlichkeit, un-sere Gefährdung durch die Versuchung weit gefährlicher und tiefer. „Wer im Geiste Jesu betet, hat nicht die geringste Zuversicht, in der Versuchung bestehen zu können; darum muss er so dringend bitten, dass er erst gar nicht in sie hineingeführt werde.“

Dem entspricht die Mahnung an die Jünger auf dem Ölberg am Karfreitag: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geführt werdet“ (Mk 14,38).Von dieser Situation her wird dann auch klar, was die „Versuchung“ eigentlich meint, nämlich: einen Angriff auf meinen Glauben und meine Hoffnung.

Wir müssen wahrscheinlich immer wieder auch unsere Vorstellung von der „Versuchung“ überprüfen und am Ernst des Evangeliums messen. Gerade im Reden von der „Versuchung“ gibt es viel Unernst und Oberflächlichkeit – wenn ich nur an die Werbung denke für die Schokoladen-Marke, die gerühmt wird als „die ‚zarteste Versuchung‘, seit es Schokolade gibt.“

Liebe Schwestern und Brüder: Alle Versuche, in der Fastenzeit Verzicht zu üben, in Ehren. Aber das Thema „Versuchung“ in erster Linie mit Süßigkeiten in Verbindung zu bringen, entspricht nicht dem Ernst der biblischen Botschaft.

Die Versuchung, um deren Ausbleiben Jesus die Jünger zu beten lehrt, ist zunächst einmal die Verunsicherung im Glauben durch das Kreuz Jesu, seine Verhaftung und seinen schmählichen Tod!

Versuchung hat mit Glauben und Hoffnung zu tun. Versuchung, das ist Not, das ist Krankheit, das ist Hunger, das ist Einsamkeit, das ist Todesangst.

Versuchung, das ist die Not, die mich nicht mehr beten lehrt, sondern die mich an Gott irrewerden lässt und fluchen lehrt. Das Sprichwort: Not lehrt beten, ist ja nur die halbe Wahrheit. Die Erfahrung zeigt doch auch: Not lehrt fluchen. Versuchung ist diese Not, die einen fluchen lehrt.

In der Versuchung im wahren und ursprünglichen biblischen Sinn des Wortes sind derzeit unsere Mitchristen in Ägypten, denen die grausamen IS-Milizen im Nachbarland Libyen vor Augen führten, welche Konsequenzen allein schon die Tatsache des Christseins hat. 21 Männer wurden grausam enthauptet.

In einer solchen Situation treu zu bleiben, nicht unsicher und wankend im Glauben an Jesus Christus zu werden, das ist eine schier übermenschliche Herausforderung. Dass sie nicht unsicher werden und fallen, dafür müssen wir beten für die Kopten – ganz abgesehen von der Empörung, die durch die ganze christliche Welt gehen muss.

In der Versuchung sind vor allem die Opfer der Hinrichtung selbst auf ihrem Weg zum Strand, geführt von den Henkern mit den Messern im Gewand. Nicht zu verbittern, nicht zu fluchen, sondern für die Henker zu beten … das hieße, in der Versuchung standzuhalten. Wie schwer muss das sein!?

Vater, … führe uns nicht in Versuchung. Wenn wir dieses Wort Jesu, uns geschenkt im Vaterunser, einordnen in das Gesamt der biblischen Überlieferung, dann können wir sagen:
Gott kann die Versuchung zulassen, aber es ist der Böse selbst, der uns in ihr begegnet. Die Bitte unterstellt Gott nicht die Gemeinheit, uns aktiv böse zu wollen, sondern sie erinnert uns an die eigene Gefährdung, an die Versuchlichkeit im Glauben, sie warnt uns vor Selbstsicherheit und Überheblichkeit, und sie lehrt uns so gesehen auch, das große Geschenk wertzuschätzen, das darin besteht, wirklich glauben zu können und von Verunsicherungen im Glauben verschont zu sein.

„Der Beter des Unservater ist kein Überfrommer, kein Superstar der Frömmigkeit; er bittet Gott nicht um Gelegenheit zur Bewährung seines Glaubens, sondern bittet ihn, ihn nicht auf die Probe zu stellen.“

BILD: Bischof Voderholzer betet am Altar bei einer Firmung im Regensburger Dom

Das heutige Evangelium von der Versuchung Jesu zeigt uns: Jesus weiß, wovon er spricht, wenn er uns beten lehrt: „Vater, führe uns nicht in Versuchung.“ Er hat, vom Geist in die Wüste geführt, die Urversuchungen des Menschen bestanden: Physische Not, Vermessenheit Gott gegenüber und schließlich die Vergötzung der Welt und ihrer Macht.

Die Versuchungen Jesu durchziehen freilich sein ganzes irdisches Wirken. Wenn Petrus ihn beispielsweise davon abhalten will, den Weg des Kreuzes zu gehen, muss er sich anhören: Hinter mich, Satan, du willst nicht was Gott will …

So ist für Jesus die große Versuchung auch noch einmal sein Leiden, wie es der Hebräerbrief sagt: „Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.“ (Hebr 2,17)  Und: „Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.“ (Hebr 4,15)

Liebe Schwestern und Brüder des geweihten Lebens,

das Thema der Versuchung, der Anfechtung im Glauben ist ein Thema, das jeden Getauften Christen, der seinen Glauben ernst nimmt, immer wieder beschäftigen wird. Die Glaubenserfahrung der Kirche weiß darüber hinaus, dass der Weg in die besondere Nachfolge auch in besonderer Weise seine Prüfungen kennt.

So könnten die Überlegungen zur Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ Trost sein und Ansporn zugleich: Trost, weil der Herr um unsere Schwäche weiß und dass wir uns mit ihm verbinden können, wenn die Prüfungen uns an die Grenzen des Erträglichen führen; Ansporn, dankbar zu sein für den Glauben, dankbar vor allem, wenn wir sagen können, dass uns Prüfungen im Leben haben reifen lassen, wie wir in der Reflexion auf unseren Lebensweg vielleicht erkennen können.

Aufforderung freilich auch, uns mit allen Mitchristen, die in schwerer Versuchung sind, im Gebet zu vereinen; seien es die ägyptischen Christen, die Kranken und die Kinder und alle, mit denen Sie auf unterschiedliche Weise beruflich zu tun haben.

Der Herr hat stellvertretend für uns alle Versuchungen bestanden. Bitten wir ihn zum Beginn dieser österlichen Bußzeit, dass er uns in diesen 40 Tagen neu die Schönheit und das Glück des Glaubens und des Glaubenkönnens aufgehen lässt und dass wir uns, nach seinem Beispiel, durch Fasten, Gebet und Werke der Nächstenliebe in diesem Glauben stärken lassen, auf dass wir ihn in der Osternacht – in Erinnerung unserer Taufe – neu und froh bekennen können, Amen.

 


Mit der „Wahrheit“ lügen: Die charismatische Versuchung Christi in der Wüste

Wenn sich die Finsternis als Licht präsentiert

Der Bericht von der Versuchung unseres HERRN in der Wüste findet sich sowohl im Lukas- wie im Matthäus-Evangelium. Am heutigen 1. Fastensonntag wird diese Begebenheit sowohl in der überlieferten Meßform wie auch in der üblichen „neuen Messe“ vorgelesen.

Daß Christus diese Anfechtungen durch den Satan gerade in der Wüste erlebt, ist kein Zufall. Die Wüste ist einerseits ein Ort des Rückzugs und der Besinnung, des Gebets und der Verinnerlichung. Jesus geht erst in die Wüste, bevor er sein öffentliches Wirken beginnt.  Duccio

Zugleich ist die Wüste aber auch ein Ort des Ringens, der Anfechtung, Läuterung und Reifung. Die 40 Tage des Fastens Christi erinnern an die 40 Jahre Wüstenwanderung des Volkes Israel: dort empfingen sie durch Moses die Zehn Gebote, dort erlag das Volk der Versuchung durch das „Goldene Kalb“, dort standen die Hebräer immer wieder vor der Frage, sich für oder gegen Gott, für oder gegen seine Gebote zu entscheiden.

Auch für unseren HERRN in seiner menschlichen Natur erwies sich die Wüste als Ort der Entscheidung, Prüfung und Bewährung. Christus widerstand dem satanischen Versucher, war ER doch in die Welt gekommen, „um die Werke des Teufels zu zerstören“, wie es in der Hl. Schrift heißt.

Der Satan hat allerdings viele Gesichter  –  nicht nur ein „weltliches“ oder „fleischliches“ Gesicht, auch ein „geistliches“.

Wenn der Widersacher es nicht mit Ungläubigen oder Abständigen zu tun hat, sondern mit der frommen Schar, zieht er sich ein entsprechend „rechtgläubiges“ Gewand an. Würde er seine höllische „Visitenkarte“ vorzeigen, könnte er gleich einpacken. 

Satan verkleidet sich als „Engel des Lichts“

Wenn der Versucher sich als „Engel des Lichtes“ verkleidet, besonders „geistlich“ und überfromm gebärdet, ist besondere Vorsicht angesagt. Mit anderen Worten: der Diabolus ist „nomen est omen“ ein Durcheinanderbringer, er kann auch mit der „Wahrheit“ lügen und siegen!

Jesus Christus und damit Gott selbst ist gegen solch raffinierte Lügengespinste natürlich gefeit. Gleichwohl hat der Allmächtige es „zugelassen“, daß der Erlöser in der Wüste vom Teufel versucht wurde, war dies doch zugleich eine Demonstration des göttlichen Sieges über die Hölle   –  und zwar durch Jesus in seiner menschlichen Natur.

Es ist schon aufschlußreich, auf welche Weise sich der Widersacher in der Wüste präsentierte, um Christus von seinem messianischen Auftrag als „Leidensknecht“ abzubringen und ihm eine Art „Siegermentalität“ einzureden, die von Triumph zu Triumph schreitet, begleitet von sensationellen Großtaten und Schauwundern. kleines-rituale

Der natürliche, erbsündenbelastete Mensch schreckt vor dem Leiden zurück, er schleicht sich am Kreuz vorbei und wünscht eine „Halleluja“-Religion, die ohne Opfer zur Herrlichkeit führt. Die Annahme des Kreuzes ist dem Menschen nicht möglich ohne die Gnade Gottes, ohne übernatürliche Kraft von oben.

Interessanterweise wird Christus vom Teufel ausgerechnet in der Wüste versucht, wo er sich zum strengen Fasten zurückzog  – und zwar am Ende dieser Fastentage, als Christus unter Hunger litt.

Glaubt man den Vorstellungen manch frommer Kreise, dann ist man nach langer Askese (Abtötung, Verzicht) besonders gefeit vor dem Satan, befindet man sich doch angeblich in einem überlegenen geistlichen Zustand.

Listige Verführung zum Hochmut

Aber kann nicht gerade diese „Überlegenheit“ in Verbindung mit (un)geistlichem Hochmut zum Sturz führen?  – Ist nicht die scheinbar „geisterfüllte“, die charismatische Versuchung eine besonders raffinierte Trickkiste des Diabolus? Gibt es nicht bestimmte Sünden, die allein auf dem Boden der Frömmigkeit sprießen können und zur kaum erkennbaren Gefahr werden?

Freilich nicht bei Christus selbst, ist ER doch Gott und Mensch in einer Person, weshalb er diese besonders „religiöse“ Anfechtung aus eigener göttlicher Kraft siegreich besteht. Wenn Menschen solche listigen Versuchungen überwinden, dann allein durch die Gnadenhilfe des Erlösers, nie allein aus eigener Kraft.

Das Lukas-Evangelium berichtet von der Versuchung Jesu in der Wüste, auch von der ersten Provokation des Satans: „Wenn Du Gottes Sohn bist, so spricht zu diesem Stein, daß er Brot werde.“  –  Christus wird hier von der Hölle herausgefordert, seine Gottheit durch ein schnelles und sichtbares Wunder zu „beweisen“, das sich zudem angesichts seines menschlichen Hungers als nützlich erweisen würde.

Doch unser Erlöser läßt sich auf diese „wundersüchtige“ Herausforderung nicht ein. ER kann „Zeichen und Wunder“ wirken, keine Frage  –  aber ER will dies nicht im falschen Gehorsam gegenüber dem Versucher. Christus  kontert mit dem Wort Gottes aus dem Alten Testament: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch“ (Dtn 8,3).media-358103-2

Der Teufel startet einen zweiten Versuch, der sich auf allzu menschliche und triumphalistische Wunschvorstellungen bezieht, wie sie auch im Judentum der damaligen Zeit weitverbreitet waren:

Der Messias nicht als „Leidensknecht“, sondern als König der Herrlichkeit, der auch auf Erden ein triumphales Reich errichtet. Deshalb zeigt ihm der Widersacher alle Königreiche der Erde und verspricht dem Heiland, daß ihm all diese Macht und Herrlichkeit zufällt, wenn er vor ihm niederfällt und ihn anbetet.

Erneut reagiert Christus mit der Heiligen Schrift: „Es steht geschrieben: „Den HERRN, Deinen Gott, sollst Du anbeten und IHM allein dienen“ (Dtn 6,13).

Der DIABOLUS mißbraucht die HEILIGE SCHRIFT

Der Teufel ist durchaus lernfähig, er ändert jetzt seine Strategie, er will Christus mit dessen eigenen Waffen schlagen: mit Bibelworten also. Er schlüpft gewissermaßen ins Gewand der „Rechtgläubigkeit“ und verwendet das Wort Gottes als listige Taktik.

Diesmal will er IHN zu einem Schauwunder animieren: Christus solle sich von der Zinne des Tempels zu Jerusalem herunterstürzen. Damit könnte sich Jesus nämlich auf einfachste Art viele Mühen und Anstrengungen seiner späteren Verkündigung ersparen. Solch ein aufsehenerregendes Ereignis vor staunender Menge würde IHN auf einen Schlag sofort zum Volkshelden und bewunderten „Genie“ und Wundertäter machen.

Satan gibt Christus zu verstehen, daß solch ein auffälliges Mirakel angeblich durchaus ein „gottgefälliges“ Verhalten sei und zitiert wörtlich zwei Schriftstellen aus dem Alten Testament über den himmlischen Schutz der Engel für die Gerechten.

Christus geht auch dieser hinterlistigen Variante nicht auf den Leim, ER hält dieser falschen Vereinnahmung der Bibel stand  – und ER hält dem „Vater der Lüge“ ein anderes Bibelwort entgegen:  „Du sollst den HERRN, Deinen Gott, nicht versuchen.“ (Dtn 6,16) PAX

Was können wir aus dieser Begebenheit lernen?  –  Vor allem Folgendes:

  1. Die „geistlichen“  Versuchungen sind besonders raffiniert, weil weniger leicht erkennbar als die „weltlichen“ Versuchungen der Hölle. Der Teufel will die Gläubigen mit „charismatischer“ Raffinesse vom Weg des nüchternen Glaubens abbringen, er versuchte dies sogar bei Christus und damit bei GOTT selbst  – eine Dreistigkeit sondergleichen!
  2. Dauerhaftes bzw strenges Fasten und ähnliche asketische „Übungen“, die den Rahmen des normal-kirchlichen Bereichs überschreiten, bergen durchaus Gefahren in sich. Die größte innere Bedrohung ist die des selbstgefälligen Hochmuts, der für das ewige Heil weitaus gefährlicher ist als allzu „weltliche“ Wunschbefriedigung oder Versacken in der Oberflächlichkeit des Alltags.  –  Anders gesagt: Die Sünden des Geistes sind oft schlimmer als die Sünden des Fleisches, eben weil sie nicht auffallen, weil sie nicht so leicht ans Licht kommen, im Fall der Verblendung nicht einmal ans Licht des eigenen Gewissens.
  3. Der Teufel ist der „Affe Gottes“, er kann durchaus übersinnliche Schauwunder bewirken, soweit der Allmächtige dies zuläßt. Daher wollte der Widersacher auch Christus auf diese Schiene zerren, zumal dies der Sensationslust des Volkes entgegenkäme.

Die Wundersucht: des Aberglaubens liebstes Kind!

Demgegenüber kommt der wahre Glaube nicht aus der Sehnsucht nach „Zeichen und Wundern“,  sondern aus dem Hören des Gottes-wortes (vgl. Röm 10,17: „Der Glaube kommt vom Hören“)   – und die Vollmacht von oben ist eine Kraft des Geistes, nicht der Sinnlichkeit. 

Wir leben auf Erden im Glauben und nicht im Schauen, wie der Völkerapostel bekräftigt (2 Kor 5,7).

Die charismatische Versuchung besteht darin, den Himmel quasi vorwegzunehmen, ihn auf die Erde zu zerren, wobei aber nicht der Himmel, sondern die Hölle in Aktion tritt.

Der Teufel kann auch mit der „Wahrheit“ lügen und siegen, indem er sich beispielsweise der Heiligen Schrift „bedient“. Bei Christus konnte ihm dieser raffinierte Trick nicht gelingen, doch im irrgläubigen, schwarmgeistigen, charismatischen und sektiererischen Spektrum feiert er damit fröhliche Urständ, ebenso in „erscheinungsmarianischen“ Kreisen, wenn man dort an falschen Visionen festhält, weil der Inhalt jener „Botschaften“ gar so fromm in den Ohren klingt.

Es war immer schon ein Kennzeichen schwarm- und irrgeistiger Bewegungen, einzelne Bibelworte aus dem Zusammenhang zu reißen und ihnen eine falsche Deutung unterzuschieben, wie es auch der Widersacher bei unserem Erlöser in der Wüste versucht hat.

Nur wenn wir unbeirrbar und nüchtern in der Nachfolge Christi stehen und auf seine Hilfe bauen, können wir diese Anfechtungen von unten wachsam durchschauen, nur so können wir diese charismatische Verführung überwinden.

Felizitas Küble leitet den katholischen KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster


Martas Gastmahl – eine szenische Betrachtung

Von Lucia Tentrop 

Lk 10, 38-42:Sie zogen zusammen weiter,  und ER kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: „HERR, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mir die ganze Arbeit allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ –  Der HERR antwortete: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“   header_buch

Wie passt es zu einem Menschen, der die göttliche Liebe personifiziert, seine fleißige Gastgeberin, die ihn freundlich eingeladen hat und rührend umsorgt, in Anwesenheit einer weiteren oder sogar mehrerer Person(en) so herunterzumachen, dass sie im Schatten einer wegen ihrer Untätigkeit zum leuchtenden Beispiel erhobenen Schwester als die Dumme dasteht?

Verkündet Jesus das Reich Gottes als eine fromme 2-Klassen-Gesellschaft, in welcher der gedankenlose Teil der Menschheit selber schuld ist, wenn er zur Erhaltung unserer Spezies für den denkenden Teil arbeitet?

Eine Predigt kann sich noch so sehr bemühen, die Abqualifizierung Martas und ihrer gastlichen Mühe abzumildern: Maria steht seit Jahrhunderten als von Gott bevorzugt und Marta als die Dumme da, während Jesus mich irritiert.

„Ich steige innerlich in diese Bibelszene ein“

In Unzufriedenheit über die mir lieblos erscheinende Wertung unseres Erlösers steige ich innerlich in diese Bibelszene ein, versetze mich in die Rolle der Marta und erlebe das Geschehen als mein eigenes:

Marta hat den berühmten Wanderprediger, der nach tagelangem Fußmarsch durch Hitze, Regen und Trockenheit mit seinen Anhängern in ihr Dorf kommt, freundlich in ihr Haus eingeladen, in dem sie mit ihrer Schwester Maria lebt.

Es ist naheliegend, dass außer Jesus auch seine Freunde nach anstrengendem Umherziehen eine erquickende Gastfreundschaft benötigen. Ferner nehme ich an, dass weitere im Haus oder in der Nachbarschaft  lebende Menschen Jesus erleben möchten. Darüber hinaus ist die Zubereitung eines biblischen Mahles   –  egal, wie viele Personen daran teilnehmen  –   mit Schlachten  und Rupfen verbunden.

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: Evita Gründler

Also gehe ich davon aus, dass Marta und Maria die für uns unvorstellbar aufwändige tägliche Hausarbeit normalerweise als ihre gemeinsame Aufgabe besorgen.

Diesmal aber nicht. Maria widmet sich direkt dem begehrten Prediger und verschafft sich die persönliche Nähe des Meisters, den Marta als Gast des Hauses gewonnen hat. Der Text erzeugt in mir die innere Vorstellung eines malerisch idyllischen Bildes:

Marta steht am Herd, um den verehrten Gast würdig und liebevoll zu versorgen. In einiger Entfernung sitzt Jesus. Zu seinen Füßen widmet sich Maria  –  die diesen Namen nicht zufällig tragen dürfte –  hingebungsvoll der Empfängnis seines göttlichen Wortes. Im Hintergrund der Bühne weitere Personen, die aber nicht erkennbar sind.

Der Name Marta bedeutet „die Bittere“

Die Szene beleuchtet nur Jesus, Marta und Maria. Nicht lange bleibt der Schein friedlich, denn auch die wandelbare Schlange spielt im Verlauf der Handlung eine Rolle. Ihr Auftritt ist nicht so deutlich wie im Paradies. Er findet im Innern der Marta statt, deren aus dem Hebräischen abgeleitete Name „die Bittere“ bedeutet.  

Es ist extrem unfair, wenn in einem partnerschaftlichen Arbeitsteam die Mitarbeiterin mit Beginn eines zeitgebunden repräsentativen Projekts unerwartet und ohne Rücksicht auf die nunmehr überforderte Kollegin in Urlaub fährt.

Weil Maria aber noch anwesend ist, könnte Marta ihr von der Schwester unabhängiges Ziel, Jesus durch ein Gastmahl zu beglücken, noch retten, z.B. durch ein sachliches Gespräch oder die Vereinfachung ihres Aufwands. Klugheit ist ein positiver Aspekt der Schlange. Was hindert Marta daran, ihn zu nutzen?

Vermutlich spürt sie als instinktsichere Frau die innige Verbindung, die Maria in ihrer Beziehung zu Jesus genießt.(…) Marta ist empört: „Das ist mir ja eine nette Schwester! Ich habe Jesus eingeladen  –  und sie nimmt ihn mir weg!“ 

Eine neidische Frau kann zum „Kain“ werden

Eine Frau, die einen Mann als rechtmäßigen Besitz und jede andere Frau als Rivalin empfindet, kann zum Kain werden.

Statt sich also in der Nähe einer tieferen seelischen Beziehung ihrer eigenen Innigkeit bewusst zu sein und ihre tätige Liebe als höchsten Selbstwert zu schützen, verfällt  Marta dem negativen Aspekt der „Schlange“, d.h. der von unbewusster Selbstherabsetzung begleiteten Angst der „Ewig zu kurz Gekommenen“, einem unzufriedenen, weil stets vergleichenden und verallgemeinernden Urtyp des Misserfolges: „Maria hat immer das Bessere, und ich bin immer benachteiligt. Das ist ungerecht.“

Statt dieses Denken einer gedankenlosen Masse selbstbewusst abzuwehren, gleitet sie unter der Leitung ihrer „Schlange“ noch tiefer in die Missstimmungen ihrer seelischen Unterwelt ab und wird giftig: „Wie komme ich denn dazu, mich hier doppelt abzurackern, damit meine vom Erfolg verwöhnte Schwester es sich auf meine Kosten bequem macht und das Leben genießt?“ 

Damit  gibt sie ihr ursprüngliches Ziel, Jesus zu beglücken, zugunsten einer egozentrischen Hingabe an seinen Kontrahenten auf. 

Innerer Ärger statt direkte Offenheit

Dass sie ihre Wut nicht offen an die Schwester adressiert,  sondern Jesus auf der christlichen Mitleidsschiene vorwurfsvoll für sich in die Pflicht zu nehmen versucht, entspricht der Unaufrichtigkeit ihrer „Schlange“. Sie gibt sich nicht zu erkennen.

Wie könnte sie sich oder gar der  als Rivalin empfundenen Maria  eingestehen, dass  sie nur neidisch ist und die Absicht hat, der Schwester   – ohne Rücksicht auf eigene Verluste  –  das Glück zu vermiesen?

Jesus durchschaut Martas innere Zwangslage und begegnet ihrer Hinterhältigkeit mit entlarvender Schärfe. Für unsere heutige Zeit vielleicht so: 

„Marta, Marta, bist du wirklich so dumm, wie du dich zeigst? Geht es dir mit deiner Beschwerde wirklich nur um Arbeitsbelastung und Sorge um mich? Selbstverständlich werde ich Dir nicht den Gefallen tun, deiner Schwester das Gute wegzunehmen, das du ihr nicht gönnst. Denn damit hast Du Dich gegen mich entschieden. Maria hat besser gewählt. Was interessiert mich also die Organisation Deines Haushalts?“

Fürsorge aus rivalisierender Absicht

Mit dieser Abfuhr hat Marta nicht gerechnet. War ihre tätige Sorge um Jesus nicht etwas zweifellos Gutes? Ja  –  aber nur solange diese Sorge reinen Herzens von Liebe getragen und das Gastmahl nicht unbemerkt in den Dienst negativer Zielsetzung geriet.

Die Zurückweisung ihrer Beschwerde ist verletzend, sogar vernichtend. Aus dem Mund der erkennenden Liebe aber ist sie heilsam. Denn in dieser Anbindung richtet sich die unaufrichtige „Schlange“ zur Wahrheit auf und wandelt sich zurück in den ursprünglich positiven Lebenstrieb.

Jesus re-flektiert im wörtlichen Sinne Martas „Schlange“. Er wirft sie ihr gleichsam an den Kopf zurück. Das nunmehr bewusste Erleiden ihres Minderwertigkeitsgefühls  ist ein Akt der Erlösung. Er gibt Marta die Chance, ihre latente Selbstabwertung zu begreifen und die kriecherische „Schlange“ zugunsten ihrer positiven Lebenskraft abzuwehren.

Christi Reaktion ist heilsam

Damit komme ich mit meiner Betrachtung zu dem Ergebnis, dass die Szene in Lk 10,38-42 der Bericht einer Heilung ist. In dieser Deutung  erscheint mir das bisher unverständliche Verhalten Jesu einleuchtend und sinnvoll. Sie bestätigt ihn als Heiland und Erlöser und gibt glaubwürdig seine Liebe zu erkennen.

Im Übrigen erinnert mich  Marta an Petrus, der sich sogar wörtlich den „Satan“ an den den Kopf werfen lassen musste (Mt 16,23). Marta ist die Frau, die Jesus  am Anfang der Geschichte zu sich eingeladen hat, ihn aufnimmt, wie die Bibel es nennt. Sie ist auch die Frau, die ihn erkannt hat und seine Gottheit anerkennt  –  am Grab des Lazarus vor dessen Auferweckung (Joh.11,27).

Damit erinnert sie nochmals an Petrus (Mt 16,16), aber auch an die Jünger Jakobus und Johannes, denen sich Jesus ebenfalls auf dem Berg der Verklärung offenbart (Mt 17,1-9). Maria erkennt ihn erst später  – an seinem Grab nach seiner Auferstehung.

Beiden Frauen offenbart Jesus sich auf unterschiedliche Weise. Beide erreichen auf unterschiedlichen Wegen das höchste  Ziel: die Erkenntnis Gottes im Menschen.

Lucia Tentrop, Wundtstraße 40-44 in 14057 Berlin, Tel.: 030-325-4611