Helle Oberflächen lassen Räume größer wirken

Vor allem Helligkeit ist für die Einschätzung der Größe von Räumen wichtig / Farben und Kontraste spielen kaum eine Rolle

Helle Wände oder Decken lassen Räume größer wirken. Welchen Farbton die Raumoberflächen haben und eventuelle Kontraste spielen dabei keine wesentliche Rolle. Zu diesen Ergebnissen sind drei Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) mit zwei aktuellen Studien gekommen. 

Mit der einen Studie, die in der Zeitschrift „PLOS ONE“ erschienen ist, zeigen sie, dass Räume umso breiter und tiefer wirken, je heller die maßgeblichen Wände gestrichen sind, also bei der Breite die Seitenwände und bei der Tiefe die Rückwand.

Das fanden die Forscher heraus, indem sie 20 Probanden mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille simulierte Räume zeigten. Dabei änderten sie die Helligkeit der gezeigten Wände und Decken von Weiß nach Grau und ließen jeweils die Tiefe und Breite der Räume schätzen. Bei einer im Durchschnitt geschätzten Breite von 385 Zentimetern wurden Räume mit weißen und dadurch besonders hellen Seitenwänden um 8 Zentimeter breiter eingeschätzt als Räume mit grauen Seitenwänden – und zwar weitgehend unabhängig von der Helligkeit der Decke oder der Rückwand.

Ähnlich ist es bei der Tiefe der Räume: Die Rückwand wirkte weiter entfernt, wenn sie weiß statt grau dargestellt wurde – weitgehend unabhängig von der Helligkeit der Decke oder der Seitenwände.

„Diese Ergebnisse sind in zweierlei Hinsicht bemerkenswert“, sagt Christoph von Castell, einer der Autoren der Studie. „Erstens haben wir nun auch für Wände nachgewiesen, was für Decken bereits bekannt war: Dass sie umso weiter entfernt zu sein scheinen, je heller sie sind. Zweitens haben eventuelle Helligkeitskontraste zu den umgebenden Raumoberflächen auf dieses Phänomen kaum einen Einfluss.“

Letzteres stehe im Gegensatz zu einer verbreiteten Auffassung in der Architektur: „Zum Beispiel gehen manche Architekten davon aus, dass eine helle Rückwand den Raum noch tiefer wirken lässt, wenn die Seitenwände dunkler sind. Einen solchen Kontrasteffekt zeigen unsere Ergebnisse nicht“, sagt von Castell.

Mit einer zweiten Studie, die in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Human Factors“ erschien, zeigen dieselben Wissenschaftler, dass die geschätzte Höhe von Raumdecken vor allem durch deren Helligkeit und nur geringfügig durch deren Farbton oder Farbsättigung beeinflusst wird. Auch dieses Ergebnis basiert auf einer Versuchsreihe mit 20 Probanden, denen, ebenfalls auf einer Virtual-Reality-Brille, simulierte Räume mit unterschiedlich gefärbten Decken gezeigt wurden.

Dadurch stellten von Castell und seine Kollegen Prof. Dr. Heiko Hecht und Privatdozent Dr. Daniel Oberfeld-Twistel fest, dass die Räume umso höher eingeschätzt wurden, je heller sie waren. Welchen Farbton und welche Farbsättigung die Decken hatten, spielte dabei kaum eine Rolle.

„Bisher geht man in der Architektur aber stark davon aus, dass der Farbton und die Farbsättigung der Raumoberflächen Einfluss auf die Wahrnehmung von Raumgrößen haben“, sagt von Castell. „Zumindest, was die Deckenhöhe betrifft, stellen unsere Ergebnisse diese Annahme nun in Frage. Entscheidend ist vor allem die Helligkeit. Wenn man einen Raum so hoch wie möglich wirken lassen möchte, sollte man die Decke weiß streichen.“

Quelle: Universität Mainz


„Freunde der St-Hewigs-Kathedrale“ gegen Umbaubeschluß des Berliner Erzbischofs

Die Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale, zahlreiche Gemeindemitglieder und Fachleute für Geschichte, Architektur und Denkmalschutz haben seit mehr als zwei Jahren vergeblich gegen die Absicht der Berliner Erzbischöfe Woelki und Koch protestiert, den denkmalgeschützten Innenraum der Berliner Kathedrale abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen.

Das erzbischöfliche Ordinariat hat es nicht einmal für nötig befunden, die Argumente der Kritiker, darunter die Stellungnahmen des Berliner Landesdenkmalrates, der Akademie der Künste, die Einwände der (allerdings hier formell nicht zuständigen) Denkmalfachbehörde und den von fast einhundert Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland unterzeichneten Offenen Brief der Fachwelt vom 21. März 2016 ernsthaft zu diskutieren.

Es geht in diesem Streit nicht um Architekturkritik an einem preisgekrönten Wettbewerbsentwurf oder um das unterschiedliche Schönheitsempfinden von Bauherrn, Nutzern und Experten, sondern um die Frage, ob ohne dringliche Not ein herausragendes Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne, das aus der Kooperation namhafter westdeutscher und ostdeutscher Künstler erwuchs, ein bedeutsames Zeugnis der deutsch-deutschen (Kirchen-)Geschichte aus der Epoche der Teilung und des Kalten Krieges und ein einzigartiges architektonisches Symbol zeitgemäßer Theologie, das die liturgischen Reformen des II. Vatikanischen Konzils vorwegnahm und modernes Märtyrertum im Kampf gegen Diktatur und Totalitarismus anschaulich vergegenwärtigt, auf Beschluss der derzeitigen Amtsträger in seiner zentralen Konzeption eines Doppelraumes zerstört werden darf, auf Kosten der Kirchenkassen, der Steuerzahler (durch bereits eingestellte 12 Millionen € Bundes-Zuschüsse) und Spender.

  • Das Argument der Bauherren, dass der Neubau aus liturgischen Gründen unausweichlich sei, ist durch namhafte Liturgiewissenschaftler und durch ein halbes Jahrhundert erfolgreicher Kirchenpraxis widerlegt (wobei kleinere Mängel hinsichtlich der Nutzungsabläufe ohne weiteres reduzierbar sind).
  • Die Freunde der St. Hedwigs-Kathedraleund ihre Unterstützer treten weiterhin für eine technische und materielle Sanierung ein, die die komplexe Bedeutung der Kirche als eines der wichtigsten Berliner Baudenkmäler, ihre einmalige Konzeption, ihre Bausubstanz, künstlerische und theologische Identität sowie ihre ästhetische Erscheinung bewahrtund für einen Bruchteil der Umbaukosten durchzuführen wäre.
  • Die Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale kündigen ihren politischen Widerstand gegen die angekündigte Bezuschussung der Denkmalzerstörung aus öffentlichen Mitteln an.
  • Die Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale verstehen ihre Kritik an der erzbischöflichen Baupolitik als ehrlichen Versuch, Schaden von der Institution der Katholischen Kirche in Zeiten außerordentlicher religiöser und gesellschaftlicher Herausforderungen abzuwenden.

Wir regen an, die einzusparenden Neubaukosten für den Wiederaufbau der erdbebengeschädigten Kirchen in Italien zu spenden !

Werner J. Kohl,  Dipl.-Ing. Architekt, ViSdP für die Initiative „Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale“

Für Erhalt und zukunftsorientierte Sanierung mit behutsamer Weiterentwicklung.

Quelle (Text/Foto) und weitere Infos: http://www.freunde-hedwigskathedrale.de


Regensburg: Tagung und Ausstellung zum 800-jährigen Bestehen des Dominikanerordens

Bericht zur Tagung „Mehr als Schwarz & Weiß“:

Regensburg als unerschöpflicher Ort des Miteinanders von Glaube und Kultur war – einmal mehr! – besonders während der Tagung „Mehr als Schwarz & Weiß“ zu erfahren, die am 18. Juni dort in der Minoritenkirche stattgefunden hat. GT2B5417

Die Tagung war eingebettet in die zentrale Ausstellung anlässlich des 800-jährigen Bestehens des Dominikanerordens, die derzeit in der Dominikanerkirche St. Blasius zu besuchen ist. Die Ausstellung ist deutschlandweit zentral.

BILD: Teilnehmer der Tagung zur Dominikanergeschichte

Veranstalter der Tagung waren das Akademische Forum Albertus magnus in Regensburg sowie die Katholische Akademie in Bayern.

Prof. Dr. Sigmund Bonk, Direktor der Akademischen Forums, nannte die Kooperation mit der Katholischen Akademie in München „Freude und Auszeichnung zugleich“. Bischof Dr. Rudolf Voderholzer fungierte als Schirmherr der Tagung, wie er auch Schirmherr der Ausstellung ist.

Vom Sinn der „Biblia pauperum“ 

Außerdem hielt er den ersten Vortrag der auch in ihrer Zusammenstellung einmaligen Tagung.

„Biblia pauperum – Bibel der armen Bettelmönche?“   – so lautete dazu das Thema, wobei der Regensburger Oberhirte über die typologische Schriftauslegung als Predigtgrundlage im Ringen mit den Katharern sprach. Dabei wies er die Vorstellung von der Biblia pauperum („Bibel der Armen“) als gemalte Bibel zurück, die für Menschen gemacht wäre, die nicht lesen können. Vielmehr stellte der Bischof Auszüge aus einer bebilderten Heiligen Schrift vor, die das Alte Testament und das Neue Testament miteinander verknüpfen. polskaweb

Gnostisch inspirierte bzw. sektiererische Bewegungen des Hochmittelalters in Südfrankreich, gegen welche die Dominikaner Seelsorge betrieben und predigten, hatten die Schriften des Alten Bundes hingegen ausgeschlossen, vor allem die Katharer.

Ob nun die „Biblia pauperum“ die Bibel der (armen) Bettelmönche – darunter insbesondere Dominikaner und Franziskaner – meinte, wäre nun wohl nicht uneingeschränkt zu bejahen. Allerdings sei die These Alfred Weckwerths nicht auszuschließen, der annimmt, dass die Biblia pauperum ihre Entstehung der Bekämpfung der Katharer sowie weiterer sektiererischer Gruppen verdankt.

Bedeutung der SchöpfungstheologieborMedia1847901

Dabei sei man schließlich, so Bischof Dr. Voderholzer, auf der richtigen Fährte, um die Inhalte zu bezeichnen, die die ersten Predigten des Dominikus bzw. der Dominikaner prägten. Von hier aus spannte der Bischof den theologisch einsichtigen Bogen zur Bedeutung der Schöpfung sowie der Schöpfungstheologie, wie im Anfang des Buches Genesis grundgelegt, bei den Dominikanern.v

Deren Albertus magnus, von 1260 bis 1262 Bischof von Regensburg, hatte sich der Beschreibung der Schöpfung durch die Naturbetrachtung verschrieben. Thomas von Aquin mit einem Epitheton zu versehen hätte nahegelegt, ihn „Thomas vom Schöpfer“ – Thomas a Creatore – zu nennen.

Prof. Dr. Hans-Christoph Dittscheid vermittelte in der Folge zentrale Einsichten zur Bettelordens-Architektur der Gotik in Regensburg – anhand der Minoritenkirche St. Salvator (wo das Symposium tagte) und anhand der Dominikanerkirche St. Blasius, deren beide Westfassaden, miteinander verglichen, die Bauten als „geschwisterlich“ erschienen ließen.

Zur Architektur der Bettelorden: „Gebaute Armut“

Diese Bauwerke seien nicht dazu angetan, um am Wetteifern um den höchsten Turm in Regensburg teilzunehmen. Bemerkenswert in beiden Bauten außerdem die Zitate aus der französischen Kathedral-Architektur, die demnach aus Reims und Chartres „abgerufen“ worden sind. Prof. Dittscheid sprach beeindruckend von „gebauter Armut“, um Regensburgs Bettelordensarchitektur zu charakterisieren.

Weitere Themen waren das „Ketzerproblem“ in der frühen Geschichte des Dominikanerordens (Prof. Dr. Jörg Oberste, Regensburg), die Dominikaner in Auseinandersetzung mit Judentum, Islam und anderen Kulturen (P. Elias H. Füllenbach OP, Köln), die Auseinandersetzung der Dominikaner mit der Reformation („Vom Theologenstreit zum Überlebenskampf“, Prof. Dr. Klaus Unterburger, Regensburg), der Auftrag des Dominikanerordens heute (P. Thomas G. Brogl OP, Provinzial der Dominikaner in Süddeutschland und Österreich, Wien) sowie der liturgische Gesang bei den Dominikanern (Prof. Dr. David Hiley, Regensburg). jesus in der synagoge von nazareth

Prof. Bonk bemerkte über die Tagung in trefflicher Weise, sie sei eine „wunderbare Einheit von Ort und Wort“.

Am Ende ging man – so ein Wort Bischof Voderholzers – „vom Wort zur Tat“ und feierte die Vesper in St. Kassian Regensburg. Die Gregorianik sangen Studenten der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg unter der Leitung von Rudolf Fischer.

In seiner Predigt spann Dr. Voderholzer erneut kunstvoll die theologischen Fäden von der Ordensgemeinschaft der Predigerbrüder über die marianische Spiritualität sowie überhaupt mariologische Zusammenhänge hin nach St. Kassian, wo an der Nord- und an der Südinnenwand ein „einzigartiges mariologisches Programm“ zu betrachten ist, und zwar im Rückgriff auf typologische Zusammenhänge Mariens im Alten und im Neuen Testament.

Immerhin eignet dem Predigerorden selbst ein „starkes mariologisches Moment“, wusste der Bischof, der auf Rosenkranz, Schutzmantelmotiv und die tiefe Verehrung des Ave Maria sowie des Salve Regina verwies. Außerdem hatte Papst Pius V. (1566 – 72), der ursprünglich ein Dominikaner war, den Angelus (Engel-des-HERRN-Gebet) eingeführt.

Bei diesen Ausführungen in der Predigt ging es leitmotivisch um Schönheit und Wahrheit. So drückte der Regensburger Oberhirte abschließend den Teilnehmern der Tagung gegenüber den Wunsch aus: „Mögen Sie von diesem Tag eine Resonanz in Sachen Heiligkeit und Schönheit mitnehmen.“

Text sowie Foto 1 und 3: Bistum Regensburg


Gespräch mit dem jüdischen Star-Architekten Daniel Libeskind: Die Kunst soll dem Schönen, Wahren und Guten dienen!

Er erschafft Gebäude, in denen man seekrank wird, zB. das Jüdische Museum in Berlin, in dessen Untergeschoß die Flure so gebaut sind, daß man die von geflohenen Juden erlebte Heimatlosigkeit gleichsam körperlich nachempfinden kann. Die Rede ist vom jüdischen Architekten Daniel Libeskind (siehe Foto). 1_0_695476

Libeskind ist der wohl berühmteste Gedenk-Architekt; er wird vor allem mit solchen Projekten verbunden: Neben Berlin vor allem mit Ground Zero in New York, mit dem Umbau eines ehem. Gefängnisses für die IRA in Irland, dem Imperial War Museum in Manchester oder dem Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück.

Libeskind reiste vor kurzem nach Rom zu einer vom Vatikan  mitveranstalteten Konferenz, auf der es vor allem um Religionsfreiheit ging. Das Thema liegt ihm am Herzen, die Einladung hat ihn gleichwohl überrascht, wie er Radio Vatikan in einem Interview mitteilt:

„Ich fühle mich geehrt; ich denke, dass diese Konferenz sich mit einem der wichtigsten Themen heute beschäftigt, der Religionsfreiheit. Das ist die Fähigkeit, tolerant zu sein, die Welt als nicht nur von Gewalt und der Unterdrückung Einzelner beherrscht zu sehen, sondern sie als von Freiheit bestimmt zu sehen. Was gibt es heute wichtigeres als genau dieses Thema?“

„Freiheit ist für mich nichts Selbstverständliches“

Es ist auch Libeskinds eigene Geschichte, die sein Engagement mitbestimmt. Als Kind jüdischer Polen bringt er die Geschichte von Vernichtung und Unterdrückung mit:

„Meine Eltern waren beide Überlebende des Holocaust, ich selber bin unter dem Kommunismus in Polen aufgewachsen, bis wir dann ausreisen konnten. Das ist für mich nicht abstrakt, keine Geschichte, die man in einem Buch liest und studiert. Es ist etwas, bei dem ich erfahren habe, was Totalitarismus bedeutet. Freiheit ist für mich nichts Selbstverständliches. Ich denke, dass wir uns dafür jeden Tag einsetzen müssen.“

Diese Haltung prägt auch sein berufliches und künstlerisches Wirken:

„Jeder Architekt muss ein Brückenbauer zwischen Völkern und Menschen sein. In der Architektur geht es um gemeinsam genutzten sozialen Raum, es geht um das Erschaffen von Räumen, wo Menschen zusammenkommen  – und damit ist sie das beste Mittel zu zeigen, dass die Menschheit eine einzige ist.

Jedes einzelne Stück Architektur muss sich damit befassen, dass es um etwas Positives gehen muss. Wie ich schon oft gesagt habe: Architekt ist der einzige Beruf, wo man Pessimisten nicht gebrauchen kann. In fast allen anderen Bereichen kann man Pessimist sein, als Politiker, in der Wirtschaft, als General, sogar Komponisten oder Schriftsteller können das.

Aber als Architekt kann man kein Pessimist sein, denn Architektur legt immer die Fundamente für eine bessere Zukunft. Deswegen geht es bei Architektur auch immer um Glauben, du musst an etwas glauben, um es bauen zu können.“

Sakralbauten sind die „Kunstsprache des Glaubens“

Es geht immer auch um Glauben: Für Libeskind spielt diese Dimension des Lebens immer mit, wenn er zu Reißbrett und Bleistift greift. Manchmal wird es für ihn sogar explizit, so hat er zum Beispiel Olivier Messiens Oper „Franz von Assisi“ 2002 in Berlin inszeniert.

Vorbilder sind für den Architekten Libeskind deswegen u.a. auch Sakralbauten, Kirchen, Kapellen, die Kunstsprache des Glaubens der Vergangenheit und Gegenwart:

Foto: Bistum Regensburg

Foto: Bistum Regensburg

„Absolut. Ich würde sogar sagen, dass es schwer ist, ‚säkular’ von ‚heilig’ zu trennen, denn die Göttlichkeit zum Beispiel von Licht ist nicht einfach nur eine materielle Sache. Wir sind alle an etwas beteiligt, das größer ist als wir selber.

Immer in der Geschichte haben Architekten versucht, über die Welt des Funktionierens und der Nützlichkeit hinaus zu gehen, über unsere eigene Welt hinaus. Licht und Proportion, das sind Dinge, die uns lehren: Was ist das, das Materielle? Was sind die Fragen, die die Welt an uns stellt und an unsere Weise, zu leben?“

„Nicht den Sinn für das Wunderbare verlieren“

Die Wirklichkeit und das Transzendente: Für Libeskind sind das keine Gegensätze. Man kann einfach das Schöne und das Wunderbare nicht vom Realen, Anfaßbaren trennen:

„Nein, wenn wir den Sinn für das Wunderbare verlieren, baut man nur noch Massenwaren und Dinge, die innen leer sind. Wir müssen in jedem Projekt, wie klein und bescheiden es auch sei, die wunderbare Natur der Welt einfangen. Es um das Wunderbare, wo wir sind und warum es und gibt und wohin wir sehen und es geht um unsere Horizonte. Das ist alles wirklich inspirierend.“

2009 hatte Papst Benedikt viele Künstler in die Sixtinische Kapelle eingeladen: Filmemacher, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler  –  und mit Daniel Libeskind auch die Architektur. Benedikt XVI. zitiert dabei seinen Vorgänger, Papst Paul VI:

„’Wir brauchen euch’, sagte er damals. ‚Wir brauchen eure Mitarbeit, um unseren Dienst ausüben zu können, ein Dienst, der, wie ihr wisst, darin besteht, die geistlichen Dinge, das Unsichtbare, Unaussprechliche, die Dinge Gottes, zu verkünden, zugänglich und verstehbar zu machen für den Geist und die Herzen der Menschen.(…)

Eure Kunst besteht darin, Schätze aus dem himmlischen Bereich des Geistes zu ergreifen und sie in Worte, Farben, Formen zu kleiden, sie zugänglich zu machen’. (…)

Diese Welt, in der wir leben, braucht Schönheit, um nicht in Verzweiflung zu versinken.  Schönheit und Wahrheit bringen  Freude ins menschliche Herz   –  und es ist diese kostbare Frucht, die dem Zahn der Zeit widersteht, die Generationen vereint und sie befähigt, in Bewunderung miteinander verbunden zu sein (…) Vergesst nicht, dass ihr die Hüter des Schönen in der Welt seid.“

„Wir sollen Bewahrer des Schönen sein“

„Das ist ein großartiger Auftrag“, bestätigt Libeskind: „Das stimmt, wir sollen Bewahrer des Schönen sein, denn diese Worte, Schönheit, Wahrheit und das Gute sind keine leeren Begriffe.“

Für viele sei das zum Klischee geworden, die ‚Schönheit’, aber er glaube an sie. Es gäbe schöne Räume und Plätze. Architektur ohne das Schöne sei keine Architektur, so Libeskind. Ohne Wahrheit und Güte und diese edlen Ziele sei der Mensch ein Nichts: Das ist eine Dimension seines Arbeitens als Architekt:

„Architektur ist trotz aller Schwere und trotz der Tatsache, dass sie sich mit schweren Materialien auseinander setzen muss, eine spirituelle Kunst. Zu Bauen bedeutet, etwas Geistliches zum Ausdruck zu bringen: Was ist die Welt, was geht über die Welt hinaus? Das ist beides geistlich.

Es gibt heute keine Trennlinie zwischen dem Säkularen und dem Heiligen mehr, denn jeder Arbeiter, jeder, der an einer Stadt und dem gemeinsamen Raum mitbaut, ist an etwas beteiligt, was größer als er selbst ist.

Ich halte die Städte selbst für die größten Kunstwerke, denn sie sind von so vielen Menschen erschaffen worden, die meisten von ihnen namenlos. Und sie sind über so lange Zeiträume entstanden, nicht erst heute. Wir stehen auf den Schultern der Großen aus der Vergangenheit. Wir sind bei etwas dabei, das viel großartiger ist, als dies den meisten Menschen bewusst ist.“

Das gilt sicher auch für Rom. Man kann nicht über Architektur sprechen, ohne auf die Stadt selber einzugehen. Für Libeskinds Sicht auf Architektur ist gerade Rom mit ihren unendlich vielen Gebäuden, die aus dem Glauben heraus entstanden sind, ein inspirierender Ort.

Rom ist ein Regenbogen der Architektur“

Umso schwieriger aber ist es, ein Lieblingsgebäude zu benennen, selbst für den Kenner Libeskind.

„Ein Lieblingsgebäude in Rom zu nennen wäre wie die Frage, was deine Lieblingsfarbe ist. Da würde ich ‚der Regenbogen’ sagen. Das gleiche gilt für Rom. Rom ist ein Regenbogen der Architektur, Rom hat wunderbare Räume und Plätze für Menschen: Die Piazza Navona gleich hier in der Nähe bis zur Pizza di Spagna, großartige Brunnen, wunderbare Straßenzüge, bis hin zu den Gebäuden, die von einer Würde zeugen, die auf menschlichem Maß genommen sind.

Das alles verbindet uns mit etwas Jenseitigem, über das es sich lohnt, nachzudenken und nachzusinnen.

Hier in der Nähe ist zumindest eines meiner Lieblingsgebäude von Borromini, Sankt Ivo, eines wunderbarsten Beispiele dafür, wie es gelingt, ein geometrisches Pendant für die geistliche Welt zu schaffen  –  und dass aus ganz prosaischen Materialien. Diese Kirche zeigt eine Art zu berechnen, die selbst über die Mathematik hinausgeht, bei ihr geht es um das Licht selber. Es ist ein transzendentes Gebäude.“

Durch Rom wandernd könne man weitere Werke der Architektur sehen, die von erster Qualität seien, zum Beispiel das Pantheon, ein wahres Wunderwerk:

„Wo immer man so eine solche Kühnheit hat wie bei diesem Gebäude, das für so viele andere Pate gestanden hat, sieht man Wunderwerke. Rom ist so glücklich, denn über die Gebäude selbst hinaus hat Papst Sixtus die Stadt auch noch organisiert und mit Obelisken markiert –  und zwar nach Gesichtspunkten der Perspektive und des Rituals. Rom ist eine einzige Unterrichtsstunde in Architektur.“

„Sehr gerne würde ich Kirchen bauen“

Aber fertig ist auch Rom nicht. Gefragt, ob er einen Auftrag für einen Kirchenbau zum Beispiel im Vatikan annehmen würde, zeigt sich Libeskind begeistert: „Sehr gerne würde ich das tun.“

Bekannt geworden ist Libeskind durch viele Gedenkorte an den Holocaust. Aber der in der öffentlichen Wahrnehmung bedeutendste Raum ist sicherlich Ground Zero, der Ort in New York, wo das World Trade Center stand, bis die Terroranschläge vom 11. September 2001 sie zum Einsturz brachten. Auch für diesen Gedenkort hat Libeskind den Entwurf geliefert, auch wenn dort andere letztlich das Bauen selbst übernehmen.

Was kann er selbst nach so einem Projekt noch bauen? Was bleibt an Idealismus oder auch Ehrgeiz übrig?

„Mein neuestes Projekt habe ich hier vorgestellt, es ist das ‚Gebäude des Friedens’, ein Konferenzzentrum und Zentrum für Konfliktlösung im Maze-Gefängnis in Belfast in Nordirland, wo wir in den katholisch-protestantischen Auseinandersetzungen so viel Schmerz gesehen haben. Dort etwas zu bauen, was Menschen und die individuellen Geschichten zusammenbringt und ihnen etwas gibt, wo vorher Dunkelheit und Schmerz war: Das ist ein wirklich großartiges Projekt.“

Was also treibt Libeskind an? Das Gedenken, der Schmerz der Menschen und der Seele, für den er Denkmäler schafft  –  oder doch die Schönheit, die ihn anzieht?

„Bilder für die tieferen Sinne des Herzens“

„Ich glaube nicht, dass man den Schmerz der Seele von Schönheit trennen kann. Ich denke, dass die Seele etwas sehr komplexes ist. Wir bauen nicht nur für die Augen, wir errichten Bilder nicht nur für die äußerlichen Sinne, sondern für die tieferen Sinne des Herzens.

Schönheit ist nicht nur eine intellektuelle, sondern eine zutiefst spirituelle Erfahrung. Deswegen muss alles einbezogen werden, was mit dem Menschen zu tun hat, einschließlich Schmerz und Leid und der Abgrund, der durch katastrophale Morde entstanden ist. Das ist alles Teil der Seele.“

Der Blick in die Vergangenheit und der Blick nach innen  – und zugleich der Blick um ihn herum: Einflüsse von anderen Künstlern wie George Braque zum Beispiel. Die Liste derer, von denen Libeskind sich gerne beeinflussen lässt, ist lang und sie wächst:

„Wir sind glückliche Menschen, dass wir heute einen so einfachen Zugang zur Welt haben und so viel von den außerordentlichen Arbeiten von Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Komponisten, Filmemachern, Dichtern, Mathematikern und Astronomen lernen können. Es ist eine so wunderbare Welt.“

Quelle: Radio Vatikan siehe hier