Preisverleihung: Pater Samir SJ gab Christen im Orient ein neues Selbstbewußtsein

Die Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen verleiht ihren diesjährigen Sonderpreis einem der einflussreichsten Gelehrten im Dialog zwischen Orient und Okzident: Der ägyptische Jesuitenpater Professor Pater Samir Khalil Samir (siehe Foto) wird an diesem Samstag in der Residenz im bayerischen Eichstätt mit der Auszeichnung geehrt.

„Der Islamwissenschaftler und katholische Theologe ist Berater führender Persönlichkeiten aus Kirche und Politik, einige darunter waren sogar seine Studenten. Weil er gerade orientalischen Christen durch seine Forschungen ihre Geschichte und damit neues Selbstbewusstsein in Zeiten der Unterdrückung zurück gegeben hat, wird er für sein Lebenswerk geehrt“, unterstrich die Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Stephanus-Stiftung, Michaela Koller.

Das US-Magazin „Time“ sagte dem 80-jährigen Geistlichen höchsten Einfluss nach: Er sei jener Jesuit gewesen, der die Vorstellungen des Papstes über den Islam angeregt habe. Damit war die Regensburger Rede des emeritierten Papstes Benedikts XVI. gemeint, durch die der Dialog im Jahr 2006 erst wieder in Fahrt kam. Mit Deutschland verbindet Samir, dass er jährlich im Bistum Regensburg in den Sommerferien in der Seelsorge aushilft.
.
„Samir hat sich in der islamischen Welt Respekt verschafft, weil er nicht bei Höflichkeiten stehenbleibt, sondern mit seinen Gesprächspartnern auf Augenhöhe gemeinsam nach der Ursache von Krisen und Ungerechtigkeit sucht“, begründet die Stephanus-Stiftung weiter ihre Entscheidung.
.
Zudem habe der Priester mit mancher Geschichtsklitterung aufgeräumt, indem er nachwies, in welchem Ausmaß christliche Gelehrte in Syrien und Mesopotamien das griechisch-römische Erbe an die islamisch-arabische Zivilisation weitergegeben haben. Ohne diesen Einfluss hätte auch die europäische Philosophie seit dem Mittelalter wohl einen anderen Weg eingeschlagen.
.
„In Deutschland lernen Jugendliche diese Geschichte in der Schule nur unvollständig. Orientalische Christen kommen darin nicht vor“, sagte die Vorstandsvorsitzende. In Italien, Frankreich, USA und im Libanon, wo Pater Samir gelehrt habe und häufig auch als Kommentator in den Medien vorkomme, sei diese Information verbreiteter. „Europa hat diesen Christen einen großen geistigen Schatz zu verdanken, was Pater Samir nicht müde wird, darzustellen.“
.
Mit nicht einmal 18 Jahren trat Samir 1955 ins Noviziat des Jesuitenordens ein und wurde hauptsächlich in Frankreich, jedoch auch in den Niederlanden, ausgebildet. Im Juli 1968  – vor 50 Jahren – empfing er die Priesterweihe im koptischen Ritus.
.
BILD: Michaela Koller überreicht Papst Benedikt ihr Interview-Buch mit Pater Samir SJ
.
In seiner islamwissenschaftlichen Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Al-Ghazzāli (1058 – 1111), der die aristotelische Logik in die islamische Jurisprudenz und Theologie einführte und in einer zweiten Dissertation mit dem arabisch christlichen Denker Abū Zakariyyā Yaḥyā Ibn ‘Adī al-Takrītī (893-974), auf den sich Averroes, von Thomas von Aquin als „der Kommentator“ des Aristoteles bezeichnet, wiederum berief.
.
An der Universität Saint-Joseph in Beirut begründete Samir das Dokumentationszentrum CEDRAC zur Erforschung des christlich arabischen Literaturerbes. In Beirut unterrichte er auch Imame über das Christentum. Im Jahr 2015 leitete er das Päpstliche Orientalische Institut (PIO)in Rom.
Wissenschaft und Öffentlichkeit verdanken Pater Samir mehr als 60 Werke und mehr als 1500 Artikel.
Die Laudatio hält Archimandrit Dr. Andreas Abraham Thiermeyer, Gründungsrektor des Collegium Orientale.
Der Theologe und Chefredakteur der „Tagespost“, Oliver Maksan, moderiert den Festakt.
.
TERMIN: Die Preisverleihung beginnt um 15 Uhr im Spiegelsaal.
Anmeldungen und Rückfragen unter: stephanuspreisverleihung@gmail.com und 0177 – 2599187
.
Die Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen ist nach dem Diakon der christlichen Urgemeinde benannt, der als erster Märtyrer wegen seines Bekenntnisses zu Jesus Christus gesteinigt wurde. Die Stephanus-Stiftung hilft laut ihren Statuten verfolgten Christen in Not, etwa durch einen Zuschuss zum Lebensunterhalt oder zu Anwaltskosten, und deckt Missachtung der Religionsfreiheit und ihre Hintergründe auf.
.
Zu den bisherigen Preisträgern zählen die syrisch-orthodoxe Ordensfrau Schwester Hatune Dogan (siehe Foto), die auch „moderne Mutter Teresa“ genannt wird, der Patriarch von Babylon, Louis Raphael I. Sako, Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche, Pfarrer Gottfried Martens, von der zur SELK (Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche) gehörenden Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz und der am 7. April 2014 im syrischen Homs ermordete Jesuitenpater Frans van der Lugt. Im vorigen Jahr erhielt die pakistanische Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony den Preis, die in der Vergangenheit prominente Fälle vor Gericht verteidigte, in denen Christen fälschlich der Blasphemie angeklagt waren.
.
In diesem Jahr nahm den Hauptpreis Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, ehemals Bischof von Hongkong, in Empfang, für seinen Mut und seine Beharrlichkeit im jahrzehntelangen Einsatz für die Freiheitsrechte in China. Über das Ereignis wurde weltweit berichtet. Gründer der „Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen“ in Frankfurt ist Wolfgang Link aus Gengenbach im Schwarzwald, Oberstudienrat im Ruhestand. Die Vorstandsvorsitzende Michaela Koller ist Referentin der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt.
.
Weiteres Info zu P. Samir: https://charismatismus.wordpress.com/2013/05/30/nahost-experte-samir-khalil-der-arabische-islam-wird-immer-radikaler/

 


Interview mit dem Philosophen Dr. Robert Rolle über Thomas von Aquin

Der heilige Thomas von Aquin gilt als großer Kirchenlehrer. Wer war dieser Mann, was insbesondere kennzeichnet seine wissenschaftliche Methodik?

Dr. Robert Rolle (siehe Foto): rolle-robert-2Thomas ist sicherlich die zentrale Figur der mittelalterlichen Theologie und Philosophie. Sehr abstrakt könnte man sagen, im Werk des hl. Thomas haben sich für einen kurzen Moment diverse Gegensätze zu einer großen Synthese vereint, die sowohl vor Thomas wie auch nach ihm wieder in unterschiedliche und oft gegenläufige Richtungen liefen.

In seinem Hauptwerk, der „Summe der Theologie“, gelingt ihm die Synthese einerseits von widerstreitenden philosophischen Denkrichtungen, vor allem aber von Glaube und Vernunft. Zu Thomas‘ Zeit galten diese beiden Pole oft als unvereinbare Gegensätze.

Thomas verbindet den Offenbarungsglauben der Heiligen Schrift mit den Lehren des Aristoteles. Aristoteles galt damals als die uneingeschränkte Autorität in philosophischen Fragen – wir würden heute im weitesten Sinn von wissenschaftlichen Fragen sprechen. Dieses Spannungsfeld zwischen Offenbarungsglauben und wissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigt uns ja auch heute noch vielfältig.

Zu Thomas‘ Methode lässt sich sagen: Man bezeichnet das Mittelalter auch als Scholastik – wobei der Begriff „Scholastik“ nun aber eine Methode der theologisch-philosophischen Auseinandersetzung mit einem Thema oder einer bestehenden Lehrmeinung bezeichnet. Bei der scholastischen Methode gliedert sich eine Abhandlung in einzelne Artikel oder Fragen (Questiones), wobei der  Autor zunächst die These nennt, Argumente dafür und dagegen aufführt und darauf jeweils eigene Antworten formuliert. Und Thomas gilt als der unbestrittene Meister dieser Methode.

Ein Merkmal der thomistischen Werke, welches für sich selbst spricht: Wenn Thomas theologische oder philosophische Argumente seiner „Gegner“ erörtert, so führt er gerade nicht deren schwächste Argumente an, um sie zu widerlegen – wie dies damals üblich war und uns auch heute noch nicht fremd ist. Nein, Thomas wählt als Ausgangspunkt der Diskussion stets die stärksten Argumente seines Widersachers, welche er dann erörtert.

Nach über 800 Jahren wird Thomas immer noch verehrt. Speziell seine Morallehre hat die christliche Lehre stark geprägt – was sind die Grundzüge der thomistischen Ethik, was unterscheidet seine Sicht von anderen?

Dr. Robert Rolle: Von Moral, Sitte oder Tugend ist heute wenig zu lesen und zu hören. Fast scheint es, als meiden Autoren diese Begriffe. Zu intim und anmaßend erscheint der Gebrauch. Wir rechnen das, was hier angesprochen sein soll, der Privatsphäre zu. Und wir erwarten, dass hier in erster Linie von  Verbotenem zu reden ist, von Pflicht, von Verzicht, von Verfehlungen und deren Konsequenzen.

Thomas aber spricht zu uns vom Menschen wie er sein kann und soll. Es geht gar nicht so sehr darum, was nicht erlaubt ist. Die Verwirklichung der Tugenden macht den Menschen nach Thomas erst zum Menschen. Und Thomas insistiert darauf, dass darin die eigentliche Natur des Menschen liege: durch ein tugendhaftes Leben erfüllt der Mensch sein Potential hin in Richtung auf seine wirkliche Natur – die Gottebenbildlichkeit.  christus

Thomas stellt den drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung zur Seite. Diese sieben Tugenden in ihrer Gänze bilden die Eckpfeiler des christlichen Menschenbildes.

Von Aristoteles übernimmt Thomas dabei die Auffassung, dass sich tugendhaftes Verhalten als ausgewogene Mitte zwischen zwei Extremen findet. In der Sphäre der Mäßigung wie der Gerechtigkeit beispielsweise ist weder der Geizige tugendhaft zu nennen noch der Verschwender. Tugendhaft wäre ein freigiebiges Verhalten zu nennen – allerdings nur, insofern die Freigiebigkeit mit Klugheit geschieht.

Die Klugheit oder Vernunft nimmt in der Lehre des Thomas eine ganz hervorragende Stellung im Kanon der Kardinaltugenden ein: ohne die Klugheit gibt es nach Thomas kein tugendhaftes Verhalten. Tugend muss sich immer mit der Klugheit verbinden. Der Gerechte wie der Tapfere sind nur in dem Maße gerecht und tapfer, als ihr Handeln mit der Klugheit einhergeht. Ansonsten bleibt es sinnleer.

Und dies gilt freilich ebenso für die Tugend des Maßhaltens, welche ja teilweise als die christliche Tugend schlechthin hochstilisiert wird. Das entspricht aber weder ihrer Stellung innerhalb der Tugendlehre des heiligen Lehrers, noch trifft es den Kern der Sache, sofern nicht die wesensnotwendige Hinordnung einer jeden Tugend auf die Vernunft unterstrichen wird. Wer fastet, wer seine Unbeherrschtheit zügelt, wer keusch lebt und dies nur um der Entbehrung willen tut, der verfehlt nach Thomas die Tugend.  Heiliger

Die Tugend des Maßhaltens wird ja oft falschverstanden als „strenger Verzicht“. Es geht aber gar nicht darum, den Verzicht zu einem Maximum zu treiben, sondern es soll das vernünftige Maß gefunden werden. Ganz ausdrücklich sagt Thomas, das Wesen der Tugend bestehe nicht so sehr im Schweren als im Guten – und das heißt für Thomas: im Vernunftgemäßen.  

Die Vernunft entfernt den Menschen also nicht von seiner Natur, sondern führt die Natur des Menschen erst zu ihrer Vollendung. Dass der Tugendhafte dabei auf mancherlei verzichtet, ergibt sich hier als Konsequenz aus vernünftiger Überlegung.

Dabei wird Thomas in seinen Ausführungen niemals moralisierend, seine Sittenlehre gerät nie zur Ideologie: Immer steht der konkrete Mensch im Hier und Jetzt im Mittelpunkt. Für Thomas spielt eine große Rolle, unter welchen Umstände ein Mensch konkret handelt.

Thomas kennt den Menschen sehr gut: Den konkreten, mit all seinen Alltagssorgen, eingebunden in widrige Umstände, den von falschen Idealen Fehlgeleiteten. Mitunter lesen sich die Ausführungen des großen Heiligen eher wie ein freundschaftlicher Ratgeber, ganz im Gegensatz zu den weitverbreiteten mittelalterlichen Lasterkatalogen. Einer von Thomas Ehrentiteln ist der „doctor humanitatis“, der Lehrer der Menschlichkeit.

Was heißt es denn heute „thomistisch“ zu denken – wie lässt sich die Ethik des Thomas auf Alltagsthemen der unserer Zeit anwenden?

Dr. Robert Rolle: Zunächst muss man feststellen, dass sich die Morallehre des heiligen Thomas nicht 1:1 auf unsere heutige Zeit aufsetzen lässt. Die großen Prinzipien gelten weiterhin – ohne Frage. Dennoch müssen wir uns bewusst sein, dass Thomas ein Mensch des 13. Jahrhunderts war.

Er hatte Restriktionen zu achten, die uns heute eher fremd sind. Andererseits sehen wir uns heute mit Problemen konfrontiert, die Thomas so noch nicht kannte. Denken Sie an die Globalisierung der Arbeits-, Güter- und Finanzmärkte, an Umweltverschmutzung, an die atomare Gefährdung  und vieles andere mehr.  ???????

Sicherlich wäre Thomas irritiert darüber, dass sich das Reden vom Menschen heute in eine Vielzahl von Einzeldisziplinen ausdifferenziert hat, die sich aber in keiner Gesamtschau mehr vereinen lassen. Man spricht heute nicht mehr vom ganzen Menschen, von seinen wesensbildenden Tugenden, von seiner Bestimmung. Sofern heute doch noch von Ethik und Moral die Rede ist, so differenziert sie sich aus bis zur Unkenntlichkeit: wir haben für jeden Lebensbereich ein isoliertes Menschenbild und die hierfür adäquate Ethik: eine Wirtschaftsethik, eine Umweltethik, eine Ethik der Politik, eine Ethik des Sports, eine Wissenschaftsethik, eine Medizinethik usw.

Freilich stoßen wir bei solcher fraktalen Sichtweise an keine „natürliche“ Grenze. So differenziert sich die Wirtschaftsethik dann aus in eine Unternehmensethik, eine Arbeitsethik, eine Konsumentenethik, eine Finanzmarktethik usw.

Vom Menschen „an sich“ zu sprechen in seiner ganzen Wesens- und Lebenswirklichkeit passt in solches Denken dann freilich nicht mehr hinein.

Solches Denken kommt freilich nicht ohne den Menschen aus – aber er ist hier reduziert auf eine „Arbeitshypothese“. Auch das Reden von Ethik und Moral besitzt heute den Status einer wissenschaftlichen Disziplin und orientiert sich als solche an dem neuzeitlich (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnisideal, nämlich nur die vermeintlich relevanten Phänomene in den Blick zu nehmen und gegen das Übrige abzugrenzen.jesus

In den Wirtschaftswissenschaften sprechen wir heute vom Menschen als einem Eigennutz-Maximierer. Die Maximierung des eigenen Nutzens gilt dabei sowohl individuell wie auch gesamtwirtschaftlich als wünschenswert, ja tugendhaft.  Dahinter steht die Annahme, sofern jeder seinen eigenen Nutzen maximiert, so wird die Gesellschaft hiervon in höchstem Maße profitierten. Dieses Denken geht zurück auf Bernard Mandeville und Adam Smith.

Anders Thomas von Aquin: Ganz selbstverständlich behandelt er die Thematik des guten Wirtschaftens im Kontext der Tugend der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit im Tausch erfolgt für Thomas im Raum des sozialen Miteinanders und ist bei kluger Ausgestaltung beider/aller Tauschpartner der Garant für den sozialen Frieden.

Und da wir am Beginn der Fastenzeit stehen und die Tugend des Maßhaltens in dieser Zeit eine besondere Rolle spielt, sei noch ein letzter Gedanke des „heiligen Lehrers“ angesprochen, welcher in seiner Tugendlehre eine wichtige Rolle spielt und der so aktuell und lehrreich ist wie vor rund 800 Jahren, als er ausgesprochen wurde:

Dass sich die Tugendhaftigkeit einer Tat in erster Linie am Guten bemisst, das bewirkt wird – und nicht daran, wie groß die Entbehrungen sind, die einer auf sich nimmt. „Das Wesen der Tugend“, sagt Thomas, „liegt mehr im Guten als im Schweren. Die Größe einer Tugend ist daher mehr zu bemessen nach dem Begriff des Guten als nach dem des Schweren“.

Das Interview führte Jakob Schötz von der Bischöflichen Pressestelle in Regensburg

Dr. Robert Rolle hat Betriebswirtschaftslehre in Augsburg studiert, anschließend Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften in Regensburg.  Er promovierte an der Uni Regensburg  zu einem wirtschaftsphilosophischen Thema bei Prof. Dr. Rolf Schönberger. Rolle lebt in Regensburg und leitet heute die Akademie Handel e.V., eine Institution der Beruflichen Bildung.

Für jene, die sich näher mit Thomas von Aquin beschäftigen wollen, gibt Dr. Robert Rolle folgende Literaturtips:

Pieper, Josef: „Das Viergespann: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß“, Kösel Verlag, München
Guardini, Romano: „Tugenden – Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens“, Werkbundverlag, Würzburg
Chesterson, Gilbert: „Thomas von Aquin“, F.H. Kerle Verlag, Heidelberg


Warum die Wertschätzung ungeborener Babys alles andere als „mittelalterlich“ ist

Neues Leben: der gleichwertige Beitrag von Mann und Frau  

Unter dem Titel „Mittelalter, Mittelalter“ veröffentlichte Dr. Josef Bordat am heutigen 20. September auf seiner Webseite „Jobo72″einen aufschlußreichen Artikel darüber, daß gerade im Mittelalter völlig falsche Vorstellungen über die Entstehung und Entwicklung des Kindes im Mutterleib im Umlauf waren, die auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurückgingen. Leider wirkte sich sein Einfluß damals diesbezüglich auch in kirchlichen Kreisen aus. de9e7-marsch_2015_logo

Mit seiner Überschrift bezieht sich Dr. Bordat auf den Slogan „Mittelalter, Mittelalter, hey!“, den linksradikale Chaoten am gestrigen Samstag brüllten, als sie den „Marsch für das Leben“ störten. Mit ihrer Ablehnung des Lebensrechts der Ungeborenen befanden sich diese Randalierer selber in jenem „Mittelalter“, das sie den Lebensrechtlern vorhielten.

Lesen Sie hierzu nun folgenden Beitrag von Dr. Bordat:

Woran glaubte man eigentlich im Mittelalter hinsichtlich des Lebensbeginns? Man glaubte, kurz gesagt, dass der Mensch im männlichen Samen bereits  –  winzig, aber vollständig und fertig ausgeprägt  –  vorhanden war und die Frau lediglich eine Brutstätte für diesen Mini-Menschen bildete. images (2)

Das führte zu der Vorstellung, man könne Menschen prinzipiell auch ohne Frau “erzeugen”, wenn man eine gebärmutterähnliche Trägersubstanz fände.

Diese Homunculus-Theorie entwickelte immer skurrilere Hypothesen, etwa die des Paracelsus’ (“Frühe Neuzeit, Frühe Neuzeit! Hey, hey!”), der meinte, man könne statt einer Frau auch einen Behälter mit Pferdemist nehmen. Allerdings falle das Kind dann etwas kleiner und blasser aus – und das solle man nicht wollen.

Also: Der Embryo ist im Spermium vorgebildet, die Gebärmutter zwar ein nützlicher, mit Blick auf die Genetik des Kindes aber völlig unbedeutender – tja – Zellhaufen. Dass man ehedem so dachte, war übrigens nicht Schuld der Vernebelungstaktik einer frauenfeindlichen Kirche, sondern ging auf Aristoteles zurück, der damals  –  obgleich kein Kirchenmitglied  –  bei naturwissenschaftlichen Fragen hoch im Kurs stand.

Pater Gregor Mendel brachte die WendeEdith-Breburda

Mittlerweile wissen wir es besser: Männliches und weibliches Erbgut sind gleichwertig. Beide bilden zu jeweils einer Hälfte die DNA des neuen Lebewesens. Übrigens haben wir dieses Wissen von einem katholischen Geistlichen aus dem 19. Jahrhundert, dem Augustinermönch Gregor Mendel.

Mendel veröffentlichte 1865  –  also vor 150 Jahren  –  seine Erkenntnisse über die Vererbung bei Erbsen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Frau nicht nur die “Ackerfurche” ist, in die der Mann seinen Samen legt, sondern dass “zur Bildung des neuen Embryo eine vollständige Vereinigung der Elemente beider Befruchtungszellen stattfinden“ müsse.

Das bedeutet zugleich, dass mit der Vereinigung der Befruchtungszellen etwas Neues entstanden ist, das zwar von den Befruchtungszellen abstammt (zu je 50 Prozent), das nun aber eigenständig existiert. Dieses Wissen ist die Grundlage dafür, dass man meint, Abtreibungen seien keine außermoralischen Handlungen wie es Naseputzen oder Zahnstein entfernen (lassen) sind. Eine Meinung, wie sie von Lebensschützern vertreten wird.

Mit Blick auf die Geschichte der Genetik und Gregor Mendels epochaler Entdeckung von 1865 wäre es beim nächsten Mal also angebracht, die passende Epoche zu skandieren: “Realismus, Realismus! Hey, hey!”. Geht doch auch.

Quelle: https://jobo72.wordpress.com/2015/09/20/mittelalter-mittelalter/

Großes Foto: Dr. Edith Breburda