Augsburg: Eindrücke, Beobachtungen und Erlebnisse auf der MEHR-Konferenz

Von Hanna Jüngling

Ein führerzentriertes charismatisches Event vom 3. bis 6.1.2014

Um das Fest der Epiphanie herum bin ich in die MEHR-Konferenz in Augsburg hineingeraten. Es war mein erstes ausführliches Erlebnis mit dem Charismatismus.

Das Event fand wegen der ca. 4000 Teilnehmer in der Schwabenhalle auf dem Augsburger Messegelände statt und dauerte drei Tage lang.

Initiator ist die Führerfigur Johannes Hartl, ein katholischer Laientheologe. Ein junger Mann, 1979 geboren, also 35 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Er war ständig auf der Bühne und redete, wenn nicht gerade endloser „Lobpreis“ in meist ohrenbetäubender Lautstärke und aggressiver Rhythmik stattfand.

BILD: Poster der Konferenz (Foto: PR / Gebetshaus Augsburg)

Nur zweimal gab er einem anderen Referenten Raum. Das war einmal der charismatisch-protestantische Arzt und Heiler Arne Elsen, der langatmig und entertainig seinen mittlerfreien Draht zu Gott und seine großen Taten im Namen Gottes pries, kleine Zungerede-Einlagen zum Besten gab, die ihn interessant machten, unverständlich waren und vom Thema abführten. Aber er konnte sehr witzig erzählen, das muss man ihm lassen. Es war eine coole Frömmigkeits-Erfolgs-Show.

Das andere Mal war es Gabriele Kuby, die mit ihrer Nüchternheit und Komprimiertheit so gar nicht in den Stil dieses Events passen wollte und einen fundierten Vortrag über die globale sexuelle Revolution hielt, der Teile ihres letzten gleichnamigen Buches referierte.(…)  Das war denn auch die einzige Stunde in drei Tagen, in der für kurze Zeit ein klarer Geist einkehrte. Gabriele Kuby war übrigens auch die einzige Person, die während der Konferenz auf der Bühne den Namen „Maria“ aussprach.

Die Führergestalt J. Hartl

Von seinen Anhängern wird er gefeiert wie ein Prophet. Vor den Ohren einer ganzen Messehalle hat er sich im übrigen auch selbst so bezeichnet. Ein kleiner Mann, in hautenge Hosen und ein viel zu knappes Jackett gezwängt, wirkt er eher wie einer dieser ganz besonders coolen und aufreizend gekleideten „Youngsters“ und keineswegs wie einer, der für Keuschheit vor der Ehe und andere konservative Haltungen plädiert. 027_24..

Es wundert nicht, dass es hauptsächlich unerfahrene und junge Menschen sind, die sich hier versammeln. Vielfach entwurzelt, verwildert und orientierungslos werden sie ihn einfach nur als einen der Ihren empfinden, der ihre umfassende Verwilderung mit ihnen gemeinsam und dabei dennoch den Anschein der Orientierung hat und die Illusion einer rechtgläubigen Lichtgestalt erweckt. Und dazu gibt es mittelmäßige, reißerische Musik – was will man mehr…

Ein Gebetshaus für Lobpreis

Hartl hat 2006 mit seiner Frau das „Gebetshaus“ Augsburg gegründet. Die Idee, die dem zugrunde liegt, klingt für einen glaubenstreuen Katholiken zunächst vertraut: Das Haus soll ein Ort sein, an dem ewige Anbetung stattfindet. „24-7“ nennt Hartl das. Jeden Tag total. Das ist nichts Neues.

Nichts anderes haben traditionell die Orden gemacht. Trotz der Kirchenkrise findet auch heute noch in vielen Kirchen regelmäßig eucharistische Anbetung statt. Beten auch heute noch Ordensleute in großer Treue „immerwährend“.

Dennoch schieben sich sofort Fragen ein: Was machen die da eigentlich genau? Wieso ein extra Gebetshaus, das von einem geistlich nicht weiter gebundenen Laien geführt wird, der aber aus der charismatischen Bewegung stammt, wenn es doch immer noch wie seit 2000 Jahren die gute alte katholische  Kirche gibt, die wir im Credo bekennen?

Wieso eine extra Anbetung in „neuen Formen“, wenn ewige Anbetung und das geordnete und tiefe Stundengebet, das sich am Psalmgebet Israels orientiert, als „Lebensaufgabe“ doch traditionell das Charisma der Ordensfrauen und -männer ist?

Quelle und FORTSETZUNG des Artikels hier: http://zeitschnur.blogspot.de/2014/01/die-mehr-konferenz-in-augsburg-und-die.html

Ergänzender Bericht hier: https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/elsen-arne-gebetsheiler/

Zeitschnur Verlag & Werkstatt
Hanna Jüngling
Musikerin & Schriftstellerin
www.zeitschnur.de

 


Augsburg: „Gebetsheiler“ Dr. Arne Elsen bei der charismatischen MEHR-Konferenz

Glaube und Heilung, Zeichen und Wunder…

„Leidenschaftlich, explosiv und voller Möglichkeiten, einem faszinierenden Gott zu begegnen!“  –   Mit diesen Worten wird die MEHR-Konferenz, die das ökumenische „Gebetshaus“ in Augsburg in diesen Tagen veranstaltet, auf deren Webseite vollmundig angepriesen.

Am heutigen Samstagnachmittag sprach Dr. Arne Elsen aus Hamburg zu den zahlreichen, meist jugendlichen Teilnehmern. Er ist eng verbunden mit dem charismatischen Verein „Glaube und Heilung“, der ebenfalls in der Hansestadt ansässig ist. Der 1961 geborene Arne Elsen ist Mediziner im Fachbereich Diabetik und leitet ein entsprechendes Zentrum in Hamburg.

Sein Vortrag, der mitunter von seiner „spontan“ auftretenden „Zungenrede“ begleitet war (ohne daß eine Auslegung der vermeintlichen „Sprachengabe“ erfolgte), wurde vom Livestream der MEHR-Konferenz direkt übertragen und danach auf youtube präsentiert.

Das erwähnte „Gebetshaus“ sowie die dazugehörende 24/7-Bewegung vereinigen in sich sowohl protestantisch-pfingstlerische Strömungen wie auch katholisch-schwarmgeistige Bewegungen.

Am Sonntag spricht Gabriele Kuby kuby

Für Morgen ist dort  –  zu unserem  nicht geringen Erstaunen  –  die kath. Publizistin Gabriele Kuby (siehe Foto) als Rednerin angekündigt; sie ist vor allem durch ihre berechtigte Kritik am Genderismus in konservativen Kreisen bekannt geworden. Allerdings schrieb sie zugleich eine theologisch eher unausgreifte Biographie mit dem Titel „Mein Weg zu Maria“.

Der Leiter dieses Gebetshauses in Augsburg ist der Katholik Dr. Johannes Hartl, einigen vielleicht auch durch seine Beiträge in der kath. „Tagespost“ aus Würzburg ein Begriff. Dr. Hartl lädt zu der von ihm moderierten MEHR-Konferenz, die stets Anfang Januar stattfindet, häufig und gerne evangelisch-freikirchliche „Star-Evangelisten“ ein, darunter den US-Prediger Bob Fraser  – und diesmal z.B. den „Gebetsheiler“ Dr. Elsen, der sich heute zu einer stundenlangen enthusiastischen Rede aufschwang.

„Hunderte von Heilungen“ erlebt…

In der Ankündigung der Veranstalter heißt es über diesen Charismatiker , er habe „hunderte“ von „Heilungen“ erlebt, die von Gott bewirkt worden seien.

Entsprechend gestaltete sich auch die Rede Dr. Elsens, der reihenweise von den durch seine Gebete bewirkten „Heilungen“ erzählte, wobei vom Kopfschmerz über Gehirntumor bis zum Rheuma kaum ein Leiden unerwähnt blieb, das durch seinen gesegneten bzw. gesalbten „heißen Draht nach oben“ verschwunden sei. 038_35

Als sich z.B. ein Leserbriefkommentator im parallel laufenden Chat-Bereich über eigene enttäuschende Erfahrungen mit Dr. Elsen beklagte, wurde er von der Gebetshaus-Moderation zurechtgewiesen: derlei Kritik gehöre nicht in diesen Chat.

Auch die kleinen Kinder des „Heilungspredigers“ sind   –  Dr. Elsens Angaben zufolge  –  derart missionarisch drauf, daß sie dem Eifer des Herrn Papa alle Ehre machen und man nicht so recht weiß, ob sie ihm „nachfolgen“ oder gar „vorausgehen“…

Direkter „Draht nach oben“

Während der „normale Christ“ bemüht ist, den Willen des Höchsten anhand der göttlichen Gebote sowie durch Vernunft und „gesunden Hausverstand“ zu erkennen, dabei sicherlich auch auf die „sieben Gaben des Heiligen Geistes“ vertrauen, läuft das bei Dr. Elsen auf einem viel direkteren Wege.

In seiner Rede zitierte er mehrfach die wörtlichen Einsprechungen des Allmächtigen, der offenbar einen recht hemdsärmeligen Kontakt mit dem charismatischen Gebetsheiler pflegt, zB: „Der HERR sagte: „Arne, ich möchte, daß Du…“ (dies oder jenes unternimmst etc.)  – und so geht das in einem fort.

Demnächst tourt Elsen wieder durch deutsche Lande, wie er begeistert ankündigte  –  und weiß schon jetzt, daß es dabei sehr erwecklich zugeht: „Der HERR sagte, es werde eine Offenbarung des Geistes geben!“  –  Bald darauf erfolgte noch einmal die Kundgabe, es werde ein „neues Wirken des Heiligen Geistes entstehen“ etc.

Wie könnte es auch anders sein, arbeitet er doch, wie er ausdrücklich bekräftigte, mit dem Werk und Nachfolger des hochgradig schwarmgeistigen „Starpredigers“ Reinhard Bonnke zusammen, jenem bekannten „Mähdrescher Gottes“, durch den sich  –  dessen Angaben zufolge  –  schon Millionen Menschen „bekehrt“ haben…

Motto: „Gott heilt auch heute noch“

Das Thema der Elsen-Ansprache lautete „Gott heilt auch heute noch!“  und brachte damit Programm und Erwartungshaltung charismatischer Frömmigkeit auf den Punkt.

Dabei berichtete von schwerer Erkrankung seines einst dreijährigen Sohnes, für den er langanhaltend gebetet und dabei „Jesu Sieg proklamiert“ habe: „Die Krankheit muß weichen! Du hast uns Gesundheit verheißen!“    media-390606-2

Das ist ein typisches Beispiel für charismatisches „Beten“ mit seinem drängenden, aufdringlichen Stil, das Gott gleichsam vorschreibt, wie er zu reagieren und zu handeln hat. 

Diese unstatthafte, unangemessene Haltung gegenüber unserem Schöpfer und Erlöser wird mit wohlklingenden Worten umnebelt („Den Sieg Jesu proklamieren“), so daß diese dreiste Anmaßung gar wie eine fromme Tugend erscheinen  mag. Dazu paßt auch die ständige Ausrufung „Halleluja“, welche die ganze Ansprache von A bis Z durchzog.

Dabei wurden auch Tendenzen eines sog. charismatischen „Wohlstandsevangeliums“ sichtbar, wenn Elsen etwa erklärte, daß es „uns so gut geht“, sei eine Auswirkung des Heiligen Geistes…

Fixierung auf „Lobpreis“ verdrängt sittliches Ethos

Typisch schwärmerisch auch die einseitige Konzentration auf den sog. „Lobpreis“, der möglichst oft und unentwegt vollbracht werden solle. Hingegen scheinen die sittlichen Gebote des Christentums kaum zu interessieren, stattdessen stehen „Zeichen und „Wunder“, Heilungen und besondere „Geistesgaben“ und „Salbungen“ von oben im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Zwischendurch brachte Elsen seine typisch protestantische Rechtfertigungslehre zum Ausdruck, indem er sich abfällig über eine sog. „Werkgerechtigkeit“ äußerte und bekräftigte: „Wir sind gerechtfertigt durch den Glauben.“

Der recht verstandene Glaube ist zweifellos die Grundlage unserer „Rechtfertigung“ vor Gott, doch für das ewige Heil ist sehr wohl auch die Einhaltung der göttlichen Gebote und praktizierte Nächstenliebe angesagt, wie die Heilige Schrift uns nicht „nur“ im Jakobusbrief einschärft.

Zur oberflächlichen Schmalspur-Theologie paßt es dann auch, daß der Redner dem überwiegend jugendlichen Publikum folgende angenehme Ansage bietet: „Gott ist kein strenger, strafender, sondern ein liebender Gott“ –  so ganz der gefühlsselige Kuschelgott der Schwärmerszene eben, stets eifrig darauf bedacht, die Bedürfnisse und Wünsche seines irdischen Fanclubs zu erfüllen und deren „Proklamationen“ nachzukommen.

„Nicht jeder, der HERR, HERR sagt…“polskaweb

In der Heiligen Schrift werden theologische Zusammenhänge doch ganz anders erkennbar, zB. in folgenden Worten Christi (Mt 7,21 ff):

„Nicht jeder, der HERR, HERR zu mir sagt, wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters erfüllt.

Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: HERR, HERR, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunderwerke getan?   –  Und dann werde ich ihnen sagen: Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter!“

Diese Bibelstelle ist hinsichtlich der wachsenden schwärmerischen und wundersüchtigen Tendenzen unserer Zeit aufschlußreich und mahnt zur Wachsamkeit und Nüchternheit.

Zurück zu Elsens Ansprache: Nach einem öffentlichen „Übergabe-Gebet“, das der Redner vorsagte und das die versammelten Konferenz-Teilnehmer ihm Wort für Wort laut nachsprechen sollten, rief Dr. Elsen in die Runde: „Applaus für Jesus!  –  Halleluja!“ 

Als ob der göttliche Erlöser in seiner himmlischen Erhabenheit auf solch lächerlichen Beifall und Theaterdonner angewiesen wäre! 

Ähnlich kurios erscheint auch seine Bemerkung, wir sollten „ein bißchen nett zu unserem Gott“ sein, gleichsam so „von Mensch zu Gott“.  – Dr. Elsens „Lobpreis“-Reden waren ebenfalls reichlich salopp in ihrer sprachlichen Darbietung und Selbstinszenierung: „Du bist so sagenhaft, Gott, ich bin so begeistert!“ 

In seinen Kurzgebeten am Ende der Predigt wurde Gott u. a. dafür gedankt,

„daß Du jeden hier berührst“,
„daß Du uns einen großen Sprung nach vorne schenkst“,
„daß Du jetzt so eingreifst“,
„daß Du Gesundheit wiederherstellst“,
„daß wir uns die Butter nicht vom Brot nehmen lassen“.

Daß sich charismatische „Starprediger“ und „Glaubensheiler“ grundsätzlich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, ist allerdings bekannt (siehe zB. HIER).

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Jugendverlags und Christoferuswerks in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.