Ausgrenzen und Anprangern: Israelischer Autor Noll über Bohleys frühe Vorausschau

Von Chaim Noll

Bärbel Bohley ist 2010 gestorben, zu jung, kaum 65 Jahre alt. Vor über dreißig Jahren, als die DDR unterging, kannte sie jeder….Sie galt als Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Doch zu einer Stellung im Nach-Wende-Deutschland kam es nicht, da stiegen andere auf, Mädchen, die bis zuletzt brav mitgemacht hatten. 

Bärbels Name stand für eine lange Vorgeschichte von Ungehorsam und Rebellion. Es lag in der Natur des westdeutschen Parteiensystems, dass im vereinigten Deutschland nicht Leute wie sie, sondern die Mitläufer hochkamen, die Angepassten. Als „Kohls Mädchen“ wäre Bärbel Bohley nicht geeignet gewesen. Da fanden sich Andere, Geschicktere…

Ich beschäftigte mich damals, im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Freien Universität Berlin, mit den Akten des DDR-Schriftstellerverbands und war entsetzt über die lückenlose Überwachung und Bespitzelung, die schon im Keim erstickte Meinungsfreiheit, die „innere Zensur“, der sich die Schreibenden unterworfen hatten und die – der heutigen political correctness vergleichbar – bereits die Wege ihres Denkens auf ungesunde Weise lenkte und behinderte.

Ich konnte nachverfolgen, wie Regulierung von Sprache, Themen, Meinungen ihre Rückwirkung nimmt auf die Psyche. Wie Menschen daran krank werden. Ich nannte es „Stacheldraht im Gehirn“…

Sofort war eine Übereinstimmung mit Bohley hergestellt. Und nun sagte sie etwas, was ich nie vergaß. „Alle diese Untersuchungen, die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen, der Methoden, mit denen sie gearbeitet haben und immer noch arbeiten, all das wird in die falschen Hände geraten. Man wird diese Strukturen genauestens untersuchen – um sie dann zu übernehmen.“

BILD: Buch von Bärbel Bohley über mutige Frauen in der „DDR“

Als wir verblüfft schwiegen, fuhr sie fort: „Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen. Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften. Es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen.

Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“

An diese Sätze denke ich oft. Wir haben bald nach diesem Abend Berlin verlassen und sind nach Israel gegangen.

Quelle und vollständiger Artikel hier: https://www.achgut.com/artikel/baerbel_bohley_die_frau_die_es_voraussah

Wir danken dem Autor für seine freundliche Abdrucksgenehmigung. Chaim Noll war einst ein politischer Verfolgter in der „DDR“; er publiziert als deutsch-israelischer Schriftsteller und lebt mit seiner Familie in der Negev-Wüste in Israel


Gedenkstätte Hohenschönhausen erinnert an Gewissensgefangene in der „DDR“

Die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen hat im vergangenen Jahr einen Besucherrekord verzeichnet:

Mehr als 385.000 Interessierte besichtigten die 1990 stillgelegte Haftanstalt, teilte Direktor Hubertus Knabe mit; das waren so viele wie nie zuvor und knapp vier Prozent mehr als 2012.  Gedenkstätte

Seit der Eröffnung vor 19 Jahren informierten sich damit insgesamt drei Millionen Menschen über das frühere zentrale Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit und den Alltag der politischen Gefangenen.

In der Anstalt können bei Führungen mit einst Inhaftierten, etwa der DDR-Oppositionellen Bärbel Bohley, original erhaltene Zellen und Verhörräume besichtigt werden.

Das Zeitzeugenbüro der Gedenkstätte hat nach eigenen Angaben vergangenes Jahr 586 Gespräche mit Zeitzeugen – meist in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen – organisiert; daran nahmen 29.000 Menschen teil.

Quelle: http://www.idea.de