Papst Benedikt: Demut führt zur Wahrheit – und die Wahrheit zur Liebe

Zur Arbeit der Internationalen Theologischen Kommission

„Die Bischofssynode als stabile Einrichtung im Leben der Kirche und die Internationale Theologische Kommission wurden beide der Kirche von Papst Paul VI. geschenkt, um die Erfahrungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu fixieren und fortzuführen“, schreibt der emeritierte Papst. 

Die Theologenkommission wie übrigens auch die Bibelkommission seien „kein Organ der Glaubenskongregation“: „Das hätte nämlich einige Theologen davon abhalten können, Mitglied zu werden“, notiert Benedikt. 

Er erinnert auch an einen „dramatischen Zusammenstoß“ zu der Frage, ob die katholische Kirche dem Weltrat der Kirchen als Vollmitglied beitreten solle. Das sei „ein entscheidender Punkt zur Richtung, die die Kirche nach dem Konzil einschlagen sollte“, gewesen. Als die Frage abschlägig beschieden wurde, habe das Johannes Feiner und Karl Rahner veranlasst, die Kommission zu verlassen.

Unter Lehmanns Führung beschäftigte sich die Internationale Theologische Kommission auch ausgiebig mit dem Thema der Befreiungstheologie. „Sie stellte damals nicht nur ein theoretisches Problem dar, sondern bestimmte und bedrohte sehr konkret auch das Leben der Kirche in Lateinamerika. Die Leidenschaft, die die Theologen an den Tag legten, entsprach dem konkreten, auch politischen Gewicht der Frage.“

Der mit ihm befreundete Theologe Juan Alfaro, ein Jesuit, sei in diesen Jahren „aus für mich völlig unverständlichen Gründen“ zu einem starken Befürworter der Befreiungstheologie geworden. „Ich wollte die Freundschaft mit ihm nicht aufs Spiel setzen, und darum habe ich ein einziges Mal in der ganzen Zeit, in der ich zur Kommission gehörte, die Vollversammlung geschwänzt“, so Benedikt in einer weiteren Fußnote.

Zusammenfassend urteilt der emeritierte Papst, für ihn sei es immer eine Freude gewesen, in dem Gremium „andere Sprachen und Arten des Denkens“ kennenzulernen:

„Vor allem aber war es für mich eine ständige Gelegenheit zur Demut, die die Grenzen dessen sieht, was uns eigen ist, und dadurch den Weg zur größeren Wahrheit öffnet. Nur die Demut kann die Wahrheit finden, und die Wahrheit ist wiederum das Fundament der Liebe, aus der letztlich alles kommt.“

Quelle und vollständiger Text hier: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-11/papst-benedikt-xvi-emeritiert-text-theologie-frauen-diakon-glaub.html


Die Amazonas-Synode spiegelt den Konflikt zwischen Glaube und Zeitgeist

Mathias von Gersdorff

Die seit dem 6. Oktober tagende „Amazonas-Synode“ im Vatikan sorgt für nicht geringe Irritationen und Perplexitäten unter den Katholiken.

Grund dafür war zuerst der Duktus des Arbeitsdokumentes (Instrumentum laboris), das sich fast wie ein Pamphlet der Grünen liest und deutliche Sympathien für die (heidnischen) Lebensgewohnheiten der indigenen Völker in der Amazonasregion zeigt.

Weiterer Unmut entstand nach der Bekanntgabe der Teilnehmer an der Synode. Es finden sich die Namen der radikalsten Vertreter der Befreiungs-, der ökologischen und der indigenen Theologie.

Diese theologischen Richtungen plädieren für einen völlig neuen Weg der katholischen Kirche und einen drastischen Abschied von der katholischen Tradition und dem Lehramt. Und nun kommen immer wieder Berichte über heidnische Praktiken rund um die tagende Synode und von heterodoxen Stellungnahmen in der Synodenaula.

Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Was ist los in Teilen der katholischen Kirche?

Als Ausgangspunkt: Hans Küng

Der Theologe Hans Küng beschreibt in seinem 2015 erschienenen Buch „Sieben Päpste“ das, was er als Grundübel der katholischen Kirche ansieht: Die Bildung eines effizienten und schlagfertigen Apparates im Vatikan unter dem Pontifikat von Innozenz III. (Papst von 1198 bis 1216), also der Vatikanischen Kurie.

Alle Progressisten sind mehr oder weniger der Auffassung, dass damals die katholische Kirche mehr oder weniger (es gibt nämlich erhebliche Schattierungen) zu einem Apparat geworden ist, der den Geist erstickt.

In der Kirche stehe angeblich seitdem nicht mehr der direkte und uneingeschränkte Glaube im Mittelpunkt, sondern das Kirchenrecht, die lehramtlichen Dokumente, der Machtanspruch des Papstes, die Kirchenverwaltung.

Diese Karikatur kann nur bei Personen entstehen, die die Kirche nicht als eine übernatürliche Institution, deren Leben von der göttlichen Gnade geleitet wird, ansehen. Dann kann man leicht zur Auffassung gelangen, das real existierende Leben der Kirche hätte genauso gut einen völlig anderen Weg nehmen können, als ob Gott nicht letztlich die Geschichte leiten würde.

Der heutige Progressismus will im Grunde die Kirchengeschichte korrigieren. Dies geschieht auf zwei Wegen, dem europäischen und dem südamerikanischen Weg.

Die europäische (progressistische) Vision von Kardinal Marx & Co.:

Was der europäische Reformkatholizismus will, ist bekannt: Die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist. Dem Zeitgeist messen die Progressisten Autorität zu. Er besitzt sogar Deutungshoheit darüber, wie das Leben und der Glaube in der Kirche sein sollen.

Aus diesem Grund werden die Thesen des Zeitgeistes bereitwillig übernommen: Die Kirche hat demokratisch zu sein, die Sexualmoral soll sich an den Ansichten der Welt anpassen, der Feminismus hat die Strukturen der Kirche zu bestimmen etc.

Heute soll der Ökologismus die prägende Idee in der Kirche sein.

Die Tradition, die Kirchengeschichte, das Lehramt, die Dogmen, die Volksfrömmigkeit werden als unnötigen Ballast angesehen, der den Glauben erstickt. Vielmehr soll sich die Kirche ständig neu erfinden: Liturgisch, glaubensmäßig, moraltheologisch.

Die lateinamerikanische (befreiungstheologische) Vision von Kardinal Humes & Co.:

In Südamerika hat der Progressismus einen anderen Weg genommen, weil er stark vom Marxismus beeinflusst wurde. Die sog. „Befreiungstheologie“ ist die Übernahme der Methode des Klassenkampfes in die katholische Kirche. Die Befreiungstheologie verteidigte die Notwendigkeit eines Klassenkampfes der Armen gegen die Reichen, genauso wie der klassische Marxismus.

Weil der katholische Glaube keine „Klassen“ kennt, wurde die Befreiungstheologie vom Vatikan verurteilt (u.a. durch die Instruktion der Glaubenskongregation Libertatis nuntius im Jahr 1984).

Sie lebte aber in den Köpfen vieler Theologen fort und durchlief eine erstaunliche Metamorphose. Auf der Basis der Befreiungstheologie entstanden eine „Feministische Theologie“, eine „Ökologische Theologie“, eine „Indigene Theologie“ etc.

Allen liegt die Grundthese zugrunde, dass eine herrschende Schicht die große Mehrheit der Menschen unterdrückt.

Die „Indigene Theologie“ ist aus kulturrevolutionärer Perspektive die radikalste: Sie besagt, dass die ganze Kolonisierung und Evangelisierung Lateinamerikas ein einziger Akt der Unterdrückung war. Wohlgemerkt: Auch die Evangelisierung. Denn diese habe legitime religiöse Gewohnheiten zerstört. Ebenso habe man den Eingeborenen eine europäische Weltanschauung aufgedrückt.

Auf diese Weise leben die Urvölker seit 500 Jahren kulturell und religiös unterdrückt.

Eine europäische Version dieser These würde behaupten (und der NS-Ideologe Rosenberg tat dies auch), den Germanen hätte man ihre Naturverbundenheit samt ihrem Kult zur „Mutter Erde“ und zu den anderen Gottheiten unzulässig weggenommen.

Was verbindet den europäischen und den lateinamerikanischen Progressismus?

Obwohl sich rein äußerlich europäischer und lateinamerikanischer Progressismus sehr unterscheiden, sind sie theologisch eng verwandt: Beide lehnen Tradition und Lehramt ab. Beide sind der Auffassung, der Glaube müsse sich völlig ungebunden entfalten und brauche keine Kurie, kein Kirchenrecht, keine Dikasterien, keine Hierarchie.

Was denkt die „Mitte“?

Die oben beschriebenen Strömungen sind radikal, bilden aber keine Mehrheit. Die meisten Bischöfe versuchen, in einer Äquidistanz (gleicher Abstand) zu Tradition und zur Anpassung an die Welt zu leben.

Doch wegen der allgemeinen Krise der Kirche (Missbrauchsfälle, Krise der Berufungen, schwindende Zahl von Gläubigen etc.) wirkt diese Mehrheit im Auftreten sehr schwach und blass. Deshalb ist heute der Einfluss der Progressisten, auch der Radikal-Progressisten, sehr stark. Sie treten mit großer Autorität auf und kaum einer wagt es, ihnen zu widersprechen.

Was ist neu an der heutigen Situation? Die Umgürtelung ist gesprengt.

Nun könnte man sagen, dass diese Bildung von Strömungen oder Parteiungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr ausgeprägt ist: Die einen wollen alles umkrempeln. Die anderen wollen, dass sich nichts ändert. (Eine dritte Gruppe wünscht, dass man zu Zeiten von Pius XII. zurückkehrt. Sie sind aber in der Synode gar nicht vertreten).

Heute ist aber neu, dass die unterschiedlichen Sektoren in der Kirche wie isolierte Inseln leben. Die Umgürtelung, die es noch unter Figuren wie Kardinal Lehmann gab, existiert es nicht mehr. Jeder Gruppe lebt sozusagen für sich allein.

Das führt dazu, dass die radikalen Wortführer, die von Lehramt und Tradition nichts halten, immer offener agieren und sich noch mehr radikalisieren.

Der Konsens darüber, was katholisch ist und was nicht, zerbricht zunehmend. Nichts ist mehr verbindlich, so scheint es. Die zentrifugalen Kräfte wachsen. Inzwischen wird offen über mögliche Schismen gesprochen, was noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.

Die Perspektiven:

Allein die Tatsache, dass manche Oberhirten laut über das Frauenpriestertum nachdenken, wie etwa Bischof Peter Kohlgraf von Mainz, zeigt, dass die Lage äußerst kritisch ist.

Aus dem lateinamerikanischen Progressismus hört man Forderungen wie etwa eine Entschuldigung der Kirche wegen der Evangelisierung der Indianer. Sie seien von Gott direkt „getauft“ worden und hätten in einem paradiesischen Zustand gelebt. Der Westen hätte all das zerstört und Jesus Christus wäre demnach kein notwendiger Retter mehr.

Hier geht es nicht „nur“ um Häresien, sondern um offene Apostasie, also komplette Abkehr vom Christentum.

Was ist das Ergebnis: Die Amazonas-Synode ist ein „Va-Banque-Spiel“.

Was kann daraus folgen? Der Progressismus scheint aus der Amazonas-Synode ein Va-Banque-Spiel gemacht zu haben. Also „Alles oder nichts“. Vieles deutet darauf hin, dass sie endgültig Fakten schaffen wollen, koste es, was es wolle.

Das gilt für Lateinamerikaner wie auch für Europäer.

Was sollten die lehramtstreuen Katholiken tun?

Mit hoher Geschwindigkeit bewegt sich die Kirche in die Anarchie.

Erstens: In einer solchen Situation muss der Einzelne zusehen, dass er seinen Glauben sturmfest macht: Durch das Gebet, durch die Sakramente, durch die Vertiefung der katholischen Wahrheiten.

Durch das andächtige Beten des Glaubensbekenntnisses!

Zweitens: Er muss sich auch entschlossen und kraftvoll zur katholischen Kirche bekennen und fest halten an seinem Glauben von der Unzerstörbarkeit der Kirche, die Christus ihr verheißen hat (vgl. Mt 16,18 ff).

Unser Autor Mathias von Gersdorff aus Frankfurt leitet die Aktion „Kinder in Gefahr“ und betreibt u.a. die Webseite https://www.aktion-kig.eu/kultur-und-medien-online/


Die kirchliche Amazonas-Synode zwischen Befreiungstheologie und Öko-Sozialismus

Mathias von Gersdorff

Dass die Amazonas-Synode ein progressistisches Festival werden würde, ahnte man bereits. Stichwort „Abschaffung des Zölibats aus pseudo-pastoralen Gründen“.

Doch es fehlte noch an konkreten Hinweisen, um dies zu dokumentieren. Diese werden nun allmählich geliefert.

Die Jesuiten-Universität Georgetown in Washington, bekannt für ihre extravaganten theologischen Experimente, veranstaltet eine Konferenz zur Vorbereitung der Amazonas-Synode. 

Die „Katholische Nachrichtenagentur“ (KNA) berichtet dazu: „Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat sprach sich für klare Ziele aus. „Der umfassende Schutz der ausgegrenzten Armen und der geschundenen Schöpfung haben absolute Priorität“, erklärte Hauptgeschäftsführer Michael Heinz.“

Konkret bedeutet das: Angeblich pastorale Ziele werden verpackt in einem Programm zum Schutz einer „ausgegrenzten sozialen Schicht“ und zum Schutz einer angeblich „geschundenen Schöpfung“.

Dem europäischen Leser mag diese Verknüpfung fremd vorkommen. In reformkatholischen Kreisen Lateinamerikas ist diese Verbindung aber durchaus üblich. 

Hier geht es um eine Fortentwicklung der klassischen Befreiungstheologie (Übernahme der Methode des Klassenkampfes für kommunistische Ziele unter dem Deckmantel der katholischen Religion) hin zu einer Verschmelzung mit dem neuheidnischen und sozialistischen Ökologismus.

Insbesondere in Lateinamerika gingen diese beiden Strömungen in den letzten 30 Jahren (zumal nach der Verurteilung der Befreiungstheologie im Jahr 1984 durch Kardinal Ratzinger) eine Allianz ein: Nicht nur das sog. Proletariat demnach in der Marktwirtschaft ausgebeutet, sondern auch die Umwelt.

Die Befreiungstheologie versteckte sich nach der Verurteilung durch die Glaubenskongregation im Gewand des Umweltschutzes. Das alte Ziel behielt sie aber stets im Auge, also die Errichtung einer katholisch getarnten, sozialistischen Gesellschaft. 

Eine Überwindung dieser „Ausbeutung“ gelingt nach dem Verständnis der Progressisten durch die Aufhebung des Privateigentums und die Einführung eines marxistischen Systems. Eine solche Gesellschaft wird die Menschen zu ihrem primitiven „Urzustand“ führen, in der sie zwar bar jeglicher Zivilisation, aber im Einklang mit der Natur leben. Im Grunde eine Art Naturreligion mit katholischem Anstrich.

Dass hier marxistische politische Ziele unter kirchlichem Gewand angestrebt werden, ist offensichtlich. 

Die marxistische Revolution kann aber noch viel universeller ausgerufen werden. Wieso soll sie nur für die Amazonas-Anrainer gelten?

KNA schreibt nämlich: „Die Rechte der indigenen Völker werden regelmäßig mit Füßen getreten, wenn am Amazonas für unsere Autos Erdöl gefördert, für unsere Kraftwerke Kohle abgebaut, oder für unseren Fleischhunger Rinder gemästet werden“, ergänzte Thomas Wieland, der für Adveniat an der Konferenz in Washington teilnimmt.“

Hier werden klassisch sozialistisch-populistische Assoziationen hergestellt, nämlich das Bild des Südens, welches vom reichen Norden ausgebeutet wird. Ein typisches Klischee der 1960er und 1970er Jahre.

Die Wahrheit ist eine ganz andere: Dank marktwirtschaftlicher Reformen (die man von Ländern des „Nordens“ kopiert hat) und Investitionen des „verhassten Nordens“ haben die lateinamerikanischen Staaten die wirtschaftliche und technologische Anpassung an die Industrieländer gefunden. Dies geschah durch den wirtschaftlichen Anschluss an kapitalistische Länder wie die USA, Deutschland und Japan. 

Solange die Länder Lateinamerikas sich in der Peripherie kommunistischer Diktaturen wie die Sowjetunion oder Kuba aufhielten, waren sie unterentwickelt und erreichten minimale Wachstumsraten. Das gilt vor allem für die Anrainer-Staaten des Amazonas. 

Erst durch marktwirtschaftliche Reformen in den 1980er und 1990er Jahren konnten massenhaft arme Menschen in den Mittelstand aufsteigen. Dies erwähnen die Progressisten in Europa niemals, denn sie wollen das (Zerr-)Bild eines unterentwickelten und armen Lateinamerikas pflegen. 

In Berkeley wird auch Kardinal Reinhard Marx sprechen. KNA schreibt über ihn: „Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat die politische Bedeutung der Amazonas-Synode im Herbst unterstrichen.“

Damit ist sozusagen die „Katze aus dem Sack“. Es geht vor allem um Politik und zwar um sozialistische Politik. Es geht nicht um die Bekehrung der Völker zur katholischen Kirche oder um die Verbreitung des katholischen Glaubens im Amazonas-Gebiet. 

Nein, in der Amazonas-Synode geht um die Schaffung eines neuen sozialistischen, ökologistischen und antieuropäischen Paradigmas: Eine primitive Kirche in der Wildnis als Modell für die Universalkirche. Und eine Abkehr des benediktinischen Ideals von Kirche, das dieVerbreitung des katholischen Glaubens stets mit der Förderung des zivilisatorischen Fortschritts der Menschheit verknüpfte.

Unser Autor Mathias von Gersdorff aus Frankfurt leitet die Aktion „Kinder in Gefahr“ und schreibt seine aktuellen Beiträge u.a. hier: http://mathias-von-gersdorff.blogspot.com/


„Frankfurter Rundschau“: polemische Klischees über Kardinal Gerhard L. Müller

Von Felizitas Küble

So wie Papst Benedikt als Chef der Glaubenskongregation von der hiesigen Mainstream-Presse einst gerne als „Panzerkardinal“ oder „Inquisitor“ abgestempelt wurde, ergeht es von Anfang an auch dem heutigen Präfekten und jetzt frischgebackenen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, vormals Oberhirte des Bistums Regensburg und seit über eineinhalb Jahren amtlicher Hüter des Glaubens, berufen von Papst Benedikt, der den brillanten früheren Dogmatik-Professor sehr zu schätzen weiß.  AL-0003

Anders sieht es freilich  –  wen wundert es?  –   in der deutschen Medienwelt aus. Die der SPD nahestehende „Frankfurter Rundschau“ gab am gestrigen Samstag, den 22. Februar, online bereits den passenden „Ton“ an:

Unter dem bezeichnenden Titel „Autoritärer Hardliner“ zeichnet Regina Kerner ein entsprechendes Bild bzw. Zerrbild des neuen Kardinals. Die nächste Zwischenüberschrift bietet bereits eine polemische Steigerung: „Katholischer Ayatollah“.

Schon der erste Satz läßt tiefe redaktionelle Verbitterung ob der von Papst Franziskus verliehenen Kardinalswürde für Erzbischof Müller erahnen: „Dass Gerhard Ludwig Müller sich von nun an in die Farbe Purpur kleiden kann, erfreut bei weitem nicht alle Katholiken.“

Die Verfasserin bezeichnet den Glaubenspräfekten als „Mann von hünenhafter Statur und strenger Ausstrahlung“  –  aber nicht einmal der Frankfurter Rundschau gelang es offenbar, ein Porträtbild Müllers aufzutreiben, das diese angebliche „Strenge“ belegen könnte..

Sodann heißt es, dieser „Hüter der katholischen Doktrin ist zwar einer der mächtigsten Männer im Vatikan, aber auch einer der umstrittensten. Viele kirchliche Laien- und Reformbewegungen sehen in dem prinzipientreuen Konservativen einen autoritären Hardliner, Inquisitor oder gar katholischen „Ayatollah“.“

Sobald es freilich an die Begründung für jene Klischees geht, scheitert die so forsch schreibende FR-Autorin am einfachsten theologischen ABC: AL-0005

„Forderungen, die Kirche müsse die Lebenswirklichkeit der Menschen stärker respektieren und etwa Geschiedene nicht mehr ausgrenzen, lehnt der 66-Jährige ab. Man dürfe die Gläubigen hinsichtlich der kirchlichen Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe nicht verwirren.“

Betroffene Katholiken sind nicht „ausgegrenzt“

Zum Nachbüffeln wollen wir klarstellen:

1. Geschiedene werden sowieso nicht „ausgegrenzt“; es geht bei der dabei angesprochenen Debatte allein um  jene Katholiken, die nach Scheidung eine (nicht-kirchliche) Zivil-Ehe eingegangen sind. Wegen der Unauflöslichkeit einer gültig geschlossenen und vollzogenen Ehe ist diese „Wiederheirat“ grundsätzlich nicht erlaubt; daher sind die Betreffenden nicht zum Tisch des HERRN eingeladen.

2. Aber auch die Betroffenen sind keineswegs, wie die FR unterstellt, pauschal „ausgegrenzt“: sie sind nicht exkommuniziert (also nicht aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen); sie sind zum Sonntagskirchgang nicht nur eingeladen, sondern wie alle Katholiken verpflichtet, gehören also schlicht zum katholischen Kirchenvolk. Daß sie nicht zur hl. Kommunion zugelassen sind, ist eine Situation, die sie mit all jenen Kirchgängern teilen, welche sich im Zustand einer schweren Sünde (welcher Art auch immer) befinden, wozu beileibe nicht allein an das 6. Gebot zu denken ist (sondern an alle!).

Weiter berichtet FR-online über Kardinal Müller:

„Glauben und Moral dürften nicht verwässert werden, das ist Müllers Überzeugung. Er streitet gegen Relativismus, Verweltlichung und die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist. Selbst im Vatikan sehen das einige kritisch. „Für ihn gibt es nur richtig oder falsch, das war’s“, sagt der honduranische Kardinal Maradiaga über seinen Mitbruder.“ Müller

Hierbei befindet sich der Kirchenmann Müller (und nicht etwa der Kardinal aus Honduras) freilich in bester Gesellschaft, hatte doch schon Christus ohne Wenn und Aber verkündet: „Euer JA sei ein JA, euer NEIN sei ein NEIN, alles andere ist vom Bösen.“

Näheres über die unangemessenen, zudem wenig kollegialen Seitenhiebe von Kardinal Maradiaga lesen Sie HIER.

Katholische Priester gegenüber Medienhetze verteidigt

Natürlich wird dem vatikanischen Glaubenshüter seitens der „Frankfurter Rundschau“ auch  verübelt, daß er sich schützend vor die katholische Priesterschaft stellte, nachdem der Klerikerstand vielfach von Medien und Politikern unter unfairen Generalverdacht gestellt wurde:

„Angesichts des Missbrauchs-Skandals bestritt er eine generelle Verantwortung der Kirche, die öffentliche Empörung über den Limburger Bischof Tebartz-van-Elst tat er als Medienkampagne ab.“

Daß es sich tatsächlich bei jener monatelangen Stimmungsmache weitgehend um eine üble Schlammschlacht handelte, haben längst auch Nicht-Katholiken erkannt, zB. der bekannte evangelische Fernsehmoderator Peter Hahne (siehe HIER).

Unter dem Zwischentitel „Signal an traditionalistischen Flügel der Kurie“ bedient die FR zunächst weiter ein paar medienübliche Klischees: 

„Seit mit Franziskus ein offenerer Stil im Vatikan eingezogen ist, galt der Glaubenspräfekt als der konservative Gegenspieler. Müller bestreitet das, Franziskus und er hätten ein herzliches Verhältnis. Dass er nun Kardinal wird, ist nicht nur ein klares Signal an den traditionalistischen Flügel der Kurie.“

Danach gerät die Darstellung etwas differenzierter:

„Es gibt tatsächlich auch vieles, das den Argentinier, der eine Kirche für die Armen will und den Deutschen verbindet: Müller ist Lateinamerika-Experte, seit Jahren ein engagierter Kämpfer gegen die Armut auf dem Kontinent und überraschenderweise ein Verfechter der Befreiungstheologie. In Peru wurde er zum Ehrenbürger eines Slums ernannt.“

Die Redakteurin verschweigt allerdings, warum Kardinal Müller in Lateinamerika so wertgeschätzt wird: Weil er als deutscher Priester selber dort gelebt und unter den Armen gewirkt hat. Während Linksgruppen gerne Sprüche klopfen für die Unterdrückten und Entrechteten in aller Welt, hat sich dieser Geistliche höchst lebenspraktisch engagiert.

Was die sog. Befreiungstheologie betrifft, so ist der vatikanische Glaubenspräfekt bekanntlich seit Jahrzehnten mit dem namhaften Befreiungstheologen Pater Gustavo Gutiérrez befreundet, lehnt dabei aber den marxistischen Flügel strikt ab, gehört also zum gemäßigten Spektrum.

Fotos: Bistum Regensburg


Kontroverse der Boff-Brüder über die „Theologie der Befreiung“

Clodovius Boff widerspricht seinem berühmten Bruder

Unter dem Titel „Befreite Kirche, befreite Kultur“ berichtet die reformkatholisch orientierte Herder-Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ am heutigen 12. Januar online über kontroverse Debatten zur Befreiungstheologie, die in einem Untertitel auch als „Streit unter Brüdern“ bezeichnet werden. 

Einer der führenden Köpfe jener weitgehend marxistisch orientierten und vom Vatikan daher abgelehnten „Theologie der Befreiung“ ist der  –  in deutschen Medien vielgerühmte  –  lateinamerikanische Geistliche Leonardo Boff.

In seinem 1981 erschienenen Buch mit dem Titel „Kirche: Charisma und Macht“ zeichnet der katholische Theologe ein äußerst negatives Bild seiner Kirche und lehnt ihr Amtsverständnis grundsätzlich als angeblich „unbiblisch“ ab. 

Als ihm Joseph Kardinal Ratzinger, damaliger Präfekt der Glaubenskongregation, 1992 zum zweiten Mal ein „Bußschweigen“ auferlegte, trat Boff aus dem Franziskanerorden aus und heiratete ein Jahr später Marcia M. de Silva Miranda.

Befreiungstheologie im Kielwasser des Modernismus

Die bereits erwähnte Freiburger Zeitschrift berichtet nun Folgendes über die theologische Auseinandersetzung zwischen Leonardo Boff und seinem Bruder Clodovis Boff, der anfangs ebenfalls der Befreiungstheologie anhing und diverse Bücher veröffentlichte, sich später aber immer stärker davon distanzierte:

„Im Herbst 2007 hat Leonardos Bruder Clodovis Boff in einem Artikel „Theologie der Befreiung und die Rückkehr zu ihren Fundamenten“ beklagt: Nicht mehr Gott sei das erste Prinzip, sondern der Arme. Er bemängelt den Verlust theologischer Fruchtbarkeit, die Verweltlichung (…) der Kirche, wobei der Glaube auf eine bürgergesellschaftliche Mobilisierungsideologie reduziert werde.

Dazu sei es gekommen, weil die Theologie der Befreiung den „Schock“ der Begegnung mit der Armut nicht verkraftet habe und  –  wie die gesamte Theologie  –  ein Opfer des Modernismus und Anthropozentrismus geworden sei.

HIER unser Grundsatz-Artikel über die Befreiungstheologie: https://charismatismus.wordpress.com/2011/08/01/papst-benedikt-und-die-%E2%80%9Etheologie-der-befreiung%E2%80%9C/