Papst Benedikt: Sorge und Freude der Kirche

Kirchenboot im Sturm „bis zum Kentern angefüllt“…

Beim Requiem (Totenmesse) für den verstorbenen Kardinal Joachim Meisner las Erzbischof Georg Gänswein im Kölner Dom den Nachruf von Papst Benedikt vor, in welchem er den früheren Erzbischof von Köln würdigt, der zu den vier sog. „Dubia-Kardinälen“ gehört, welche mehrfach kritische Nachfragen zu „Amoris laetita“ von Papst Franziskus stellte.

In seinem Gedenkwort, das von Kardinal Woelki erbeten wurde, erwähnt der ehemalige Pontifex, daß er noch einen Tag vor Meisners Tod mit diesem telefoniert habe.

Benedikt schreibt sodann, daß wir in einer Zeit leben, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.“

Kardinal Meisner habe trotz aller kirchlichen Nöte aus der „tiefen Gewissheit“ gelebt, daß „der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“.

Zudem habe sich Meisner froh über eine neue Hinwendung zur Beichte gezeigt,  zumal „gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.“

Auch das leise Anwachsen der eucharistischen Anbetung bei katholischen Jugendlichen habe den Kardinal „freudig gestimmt“; beim Weltjugendtag in Köln (an dem Papst Benedikt teilgenommen hatte) sei ihm dies ein „zentraler Punkt“ gewesen, daß es „die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht.“

Übrigens hat auch Papst Franziskus einen Nachruf auf Kardinal Meisner nach Köln geschickt. Beifall von den Gläubigen im Dom erfolgte aber allein nach dem Gedenkwort des früheren Papstes Benedikt.

Die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ reagierte auf die beiden Nachrufe  – wohl doch überspitzt?  – mit dem Titel: „Benedikt gegen Franziskus“. (Siehe hier: http://www.sueddeutsche.de/politik/katholische-kirche-benedikt-gegen-franziskus-1.3591263)


Losung und Lösung für die Kirchenkrise: Nicht Anpassung, sondern Umkehr

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Das Stück, das auf der Weltbühne gespielt wird, trägt den Titel „Gott oder der Widersacher“. Man könnte das Thema ebenso gut „Wahrheit oder Lüge“ nennen. Dass Gott für das eine, der Widersacher für das andere steht, wird in der Antwort Jesu an Pilatus unterstrichen: Dazu bin ich auf die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen (Joh 18,37).

In diesem Theater spielen jene, die in Politik, Wirtschaft oder in den Medien für „mächtig“ ausgegeben werden oder sich dafür halten, die Rolle von Komparsen. Sie sind aber nicht unwichtig, wenn sie sich von der einen oder der anderen Seite in Dienst nehmen lassen.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“ und den Kongreß  „Freude am Glauben“

Gibt es die Wahrheit und kann man sie erkennen?

„Die Tragödie der neuzeitlichen Philosophie besteht“, so der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer „in der sukzessiven Fesselung der Vernunft und der Depotenzierung ihrer Wahrheitsfähigkeit“ (Tagespost v. 15.4.17) .

Joseph Ratzinger hat sein Leben lang für die Entfesselung der menschlichen Vernunft und für die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft gekämpft und auf die „Diktatur des Relativismus“ hingewiesen. In seiner viel beachteten Rede an der Sorbonne 1988 sagte er: „Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden“: „Die biblische Botschaft ist die Kraft der Entmytologisierung und Entdivinisierung (Entgöttlichung) aller vorletzten Wirklichkeiten“.  – Die moderne Philosophie, die in der Wahrheitsfrage abgedankt hat, lässt den Menschen im Stich.

Der Relativismus, wonach alle Aussagen gleichen Rang haben, schafft Verwirrung. Chaos ruft aber nach Ordnung. Diese geschieht durch die „Sprachpolizei“. Sie legt fest, was gesagt werden darf und was nicht  (vgl. Tagespost v. 11.4.17).

Der „große Bruder“, der die Auslegung und die Umdeutung der Wirklichkeit festlegt, existiert. Im Kampf um das Interpretationsmonopol sind hart erkämpfte bürgerliche Grundfreiheiten, wie die Meinungs-, Rede-, Religionsfreiheit und das Recht auf friedliche Demonstration in Gefahr. Wer aus seinem Elfenbeinturm heraustritt und sie praktiziert, bekommt das zu spüren.

Hierzu einige Beispiele:

Wer gegen die Genderideologie auftritt und sie, wie der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera, der an der Universität Kassel und Stanford (USA) lehrt, als „universitäre Pseudowissenschaft“ bezeichnete, bekam deswegen an der Uni Marburg Redeverbot. Gegner der „Frau-Gleich-Mann-Irrlehre“ werden mangels Gegenargumente als „Frauenfeind“, „rechtsradikale Unmenschen“ etc. diskreditiert.

Das geschieht heute an Unis, die sich immer die Freiheit des Denkens und Sprechens auf ihr Panier geheftet hatten. Prof. Kutschera formulierte seine Erkenntnisse folgendermaßen: „Eine Meinungsfreiheit, wie sie im Grundgesetz verankert ist, kann ich derzeit in Deutschland kaum mehr erkennen“ und weiter: „Leider sind inzwischen nahezu alle deutschen Leitmedien ideologisch gleichgeschaltet.“ (Kath.net im April 2017)

Die Genderideologie wird mit mehr „substantielle Gleichheit“ zwischen Männern und Frauen verkauft und bereits in Kindergärten und staatlichen Pflichtschulen unter dem Etikett „Sozialerziehung“ Kindern eingeimpft. Wer dagegen friedlich demonstriert, kann das nur unter massivem Polizeischutz tun. Medien werden nicht darüber berichten.

In der Genderideologie geht es nicht um die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen. Tatsächlich geht es um Selbstbestimmung des Geschlechts entgegen der Schöpfungsordnung, wo es heißt: „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Genesis 1,26).

Papst Paul VI. hat in der Generalaudienz vom 15. September 1972 erklärt: „Das Böse ist nicht nur ein Mangel, sondern es ist eine wirkende Macht, ein lebendiges, geistiges Wesen… Wir werden sein unheilvolles Wirken überall dort vermuten können, wo die Leugnung Gottes radikale, scharfe und absurde Formen annimmt, wo die Lüge sich heuchlerisch und mächtig gegen die offenkundige Wahrheit behauptet.“ (Vgl. Schweizerisches katholisches Sonntagsblatt, 9/2017, S. 4)

In Selbstzensur berichten die „Qualitätsmedien“ sowie der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das Fernsehen nicht darüber, wenn tausende für das Lebensrecht ungeborener Kinder auf die Straße gehen, selbst wenn es 7500 Teilnehmer wie 2016 in Berlin sind.

Durch die Möglichkeit zur Abtreibung werden Frauen vom Gebärzwang befreit, heißt die Parole. Das ist eine Lüge: Tatsächlich tragen viele Frauen psychische Schäden und ein Leben lang Selbstvorwürfe nach der Abtreibung mit sich herum. Der Gesellschaft aber fehlen durch die praktizierte Massenabtreibung Lehrer, Facharbeiter, Ärzte, Krankenpfleger, aber auch Priester und Seelsorger…

Unwahrheit, verkleidet in humanitäre Worthülsen, findet sich auch bei den Bestrebungen, die Leihmutterschaft zu legalisieren. In Deutschland wird zur Zeit eine Lockerung des Verbots der Leihmutterschaft diskutiert. Die Forderung wird mit ungewollter Kinderlosigkeit bei Ehepaaren und auch bei lesbischen und homosexuellen Paaren begründet. Das Kind wird zu einem „Objekt des Rechtsgeschäftes“.

Der Druck steigt, weil alles medizintechnisch Machbare in einer säkularen Gesellschaft ethisch nicht mehr nachgefragt wird. Wie die Frau, die ein Kind für andere austrägt, damit zurechtkommt oder das Kind, das evtl. nie seine wahre Identität erfährt, damit fertig wird, interessiert nicht. Eine „uneigennützige“ Leihmutterschaft ist in Wahrheit die Ausbeutung einer Frau und eine neue Form moderner Sklaverei, die aber auch von Feministinnen toleriert wird.

In einer moralisch geschwächten Gesellschaft, die Selbstverwirklichung und das Vergnügen zum obersten Ziel erhebt, ist auch die Widerstandskraft gegen Gefahren von außen geschwächt. Das lässt sich an der Bedrohung durch den Islam deutlich machen. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq schildert in seinem 2015 erschienenen Buch „Unterwerfung“ (Soumission) die Selbstaufgabe der westlichen Gesellschaft vor dem Islam.

Das Nachrichtenportal Kath.net macht dies an einem Beispiel aus unseren Tagen deutlich (13. April 2017):

Eine saudische Frau mit Namen Dina Ali Lasloom versuchte, über die Philippinen nach Australien zu fliehen und dort Asyl zu beantragen. Darauf steht in Saudi Arabien die Todesstrafe. Dina Ali wollte aus einem Land fliehen, das für Frauen einem Gefängnis gleicht, wie sie es selber auf Twitter formulierte. Mit einem Video richtete sie Hilferufe an die Öffentlichkeit, weil Gefahr bestand, dass sie in Manila/Philippinen den saudi-arabischen Behörden überstellt wird. Trotz ihrer Hilferufe kam es zu keinem Protest von Politiker/innen oder zu Appellen von Menschenrechtsorganisationen oder zu einem Aufschrei der Feministinnen.

Ein weiteres Beispiel für die Selbstunterwerfung unter den Islam liefert der ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad. Er hat an der Uni Augsburg studiert und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Als er einen islamkritischen Vortrag an der Universität Augsburg und der Ludwig-Maximilians-Universität in München halten wollte, wurde ihm das verwehrt: „Wenn ein Islamkritiker an Unis unerwünscht ist“ (Augsburger Allgemeine Zeitung, 27.10.2016).

Günther Klempnauer hat in seinem Artikel „Das ist die Dekadenz des Denkens“ (Tagespost v. 31.12.2016) über die Bedrohung durch die Islamisten geschrieben: „Hätten wir von Anfang an klare Regeln gezeigt und den Islamisten den Riegel vorgeschoben, wäre es anders. Abe wir haben geglaubt, die ganze Welt bestehe aus Humanisten. Wir haben zugelassen, dass im Namen der Toleranz die Intoleranten ihre Strukturen aufbauen konnten. Das war unsere Schwäche“.

Wenn die Würde des Menschen und sein Leben bedroht sind, wird auch nach der mahnenden Stimme der Kirche gerufen. Die Menschen erwarten, dass sie ihre Stimme erhebt, wenn sittliche Fragen, Gerechtigkeit, die Familie als Grundlage der Gesellschaft gefährdet sind.

Die katholische Kirche in Deutschland ist aber vor allem mit dem strukturellen Umbau beschäftigt. Es werden Großraumpfarreien geschaffen. Den Anfang machte das Erzbistum Berlin. Der Vorwand für die neuen Verwaltungseinheiten ist der Priestermangel. Das ist ein vorgeschobener Grund. Denn lt. der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz kamen „1990 auf einen aktiven Priester 316 aktive Gläubige, im Jahr 2014 nur noch 181“.

Tatsächlich liegt der Umstrukturierung ein neues Kirchengemeindebild zugrunde. Pfarrer Michael Theuerl hat es unter die Lupe genommen (Kath.net v. 11.4.2017). Die Großpfarreien werden von Pastoralausschüssen mit einem Leiter/Moderator vorbereitet. In den anderen Gremien, „bestehend aus wenigen Priestern und vielen Laien, hat jeder eine gleichberechtigte Stimme“.

Dieser Auffassung liegt die Ideologie zugrunde, „dass in der Kirche alle gleich sind und folglich alle das Gleiche zu sagen haben“. Der Unterschied zwischen allgemeinem und Weihepriestertum wird verwischt. Es ist die Absage an die Hierarchie und die Anpassung an die Forderung „mehr Demokratie in der Kirche“.

Dieser Demokratisierung wird sprachlich der Weg geebnet mit Forderungen wie „Wertschätzung aller“ und nach „angstfrei“, „Ergebnis offener Diskussion auf Augenhöhe“ und „ohne Denkverbote“.

Der Berliner Pastoralplan „Wo Glaube Raum gewinnt“ hat nach Pfarrer Theuerl zu einer „Dezimierung und Marginalisierung der Priester“ geführt. Ob die neue Großraumpastoral zu mehr Priesterberufungen führt und zu einer Beheimatung der Gläubigen in der Pfarrei, kann bezweifelt werden.

In der Diözese Trier werden z.Zt. ebenfalls neue Pfarreinheiten eingeführt. Aus 887 Pfarreien, die in 172 Pfarreiengemeinschaften zusammengefasst sind, werden nach der beschlossenen Umstrukturierung 35 Großpfarreien übrig bleiben. In diesen „Pfarreien der Zukunft“ haben die Laien mehr „Mitbestimmungsrechte“ mit „Verkündigung und Predigt in unterschiedlichen Gottesdienstformen“.

Die „weitreichende Öffnung“ der Kirche von Trier hat Bischof Stephan Ackermann akzeptiert, in dem er schon früher ankündigte, sich an die Trierer Synodenbschlüsse zu halten. (SWR-Beitrag, 24.März 2017)

Anstatt nach den Ursachen des Rückgangs von Priesteramtskandidaten an den theologischen Fakultäten zu fragen oder allgemein die Ursachen des Glaubensschwundes unter die Lupe zu nehmen, schafft man neue Leitungsgremien für Superstrukturen.

Die Vertreter der „Kirche von unten“ und des Kirchenvolksbegehrens von 1995 haben ihre Sympathisanten auch in den neuen Strukturen. Sie können ihre Ziele jetzt ganz demokratisch per Abstimmung erreichen.

Wie wird es weitergehen?

Der Erzbischof der Diözese München und Freising, Kardinal Marx, hat für seine Diözese ein Zukunftsmodell angekündigt, das Parallelen zu Berlin und Trier aufweist. Auch bei dieser Konzeption soll den Laien mehr Rechte eingeräumt werden.

Wenn die Kirche in Deutschland Zukunft haben soll, kommt tatsächlich auf die Laien eine größere Verantwortung zu. Wir sollten sie nicht vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) und den ihm angeschlossenen Verbänden, wie dem BDKJ oder den katholischen Frauenverbänden, erwarten.

Ein Neubeginn setzt voraus, die Worte Jesu zu Beginn seines öffentlichen Wirkens wieder ernst zu nehmen: Kehrt um und glaubt an das Evangelium.

Zu diesem notwendigen Umdenken gehört die Bekehrung, konkret die Wiedergewinnung des Bußsakramentes. Mit ihm steht und fällt eine Neuevangelisierung.

Prof. Dr. Thomas Sternberg, der Vorsitzende des ZdK, sieht das ganz anders. In einem Interview mit der slowakischen Internetzeitung „Postoj“ erklärte Prof. Sternberg auf die Frage: „In Ihrem ZdK kennen sie keinen Menschen, der zur Beichte gehen würde?“ –  Sternberg: „Nein, ich kenne niemanden.“

Der ZdK-Chef sagte weiter: „Deutschland ist darin wirklich ganz anders. Das Bußsakrament ist eigentlich verschwunden. In Deutschland beichten nicht mal die frömmsten Katholiken“.  – Auf die Frage von „Postoj“: „Aber wie dürfen die Leute, die nicht mehr beichten gehen, die Eucharistie empfangen?“ Darauf Sternberg: „Wir sehen den Zusammenhang zwischen und Beichte und Eucharistie nicht mehr so“. (Kath.net vom 13. April 2017)

Die erste Antwort Sternbergs ist leider eine Tatsachenfeststellung; die zweite beinhaltet eine neue Theologie.

Eine Neuevangelisierung braucht tatsächlich die „kleine Herde“, die den Mut hat, zum Glauben der Kirche zu stehen, ihn wieder zu verkünden und vorzuleben.


Bistum Essen: Was dem „Zukunftsforum“ zum Thema Schuld und Beichte einfällt

Von Felizitas Küble

Im Bistum Essen – bekanntlich umfaßt es das dicht bevölkerte Ruhrgebiet  – wurde von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck ein „Zukunftsforum“ einberufen, wozu mehrere Veranstaltungen gehörten und auch für das nächste Jahr weiter geplant sind.  
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Die bisherigen Ergebnisse dieses „Dialogprozesses“ wurden in einer offiziellen kirchlichen Broschüre zusammengefaßt: https://zukunftsbild.bistum-essen.de/fileadmin/medien/bistumsfest/Bistum_Essen_Zukunftsforum_2015_klein.pdf
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Wie heutzutage nicht anders zu erwarten, findet der Leser neben sinnvollen Vorschlägen eine Reihe fraglicher oder problematischer Ideen. Das Sakrament der Buße  –  also die Beichte  –  wird dort im Grunde gleich „entsorgt“.
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Auf S. 86 heißt es unter der Rubrik „Rituale zu Schuld, Vergebung und Versöhnung“ kurzerhand:
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„Dennoch werden wir als Kirche hier kaum noch wahrgenommen, weil unsere überkommenen Rituale (Beichte, Bußgottesdienste …) selbst unter geübten Katholiken nur noch wenige Menschen ansprechen.“
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Die „Projektidee“  lautet also: „Im Bistum werden Rituale, Symbole, liturgische Feiern entwickelt, die sich mit den Fragen von Schuld, Vergebung und Versöhnung befassen….Eine Arbeitsgruppe entwickelt neue Angebote, die Menschen helfen, Schuld und Scheitern anzunehmen und zu verarbeiten – und diesen Prozess auch in eine liturgische Feier münden zu lassen.“
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Merke: Nicht einmal die bisherige kirchliche Bußandacht (die ohnehin im Falle schwerer Sünden keine Einzelbeiche ersetzt, sondern darauf vorbereiten soll) findet Gnade in den Augen dieses „Zukunftsforums“.
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Was freilich an die Stelle von Beichte und Bußandacht treten soll, bleibt letztlich offen. Schuld wird nicht mehr im Bekenntnis bereut und von Christus durch den Priester vergeben, sondern „angenommen und verarbeitet“ – was immer das heißen mag.
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Wie wäre es mit dem Gang zur Couch des Psychologen?  – Aber für diesen „heißen“ Tip benötigt kein Mensch eine katholische Dokumentation!

Bistum Chur: Bischof Vitus Huonder an die Priester über das päpstliche AL-Schreiben

Bischof Vitus Huonder (siehe Foto) ist katholischer Oberhirte des Bistums Chur in der Schweiz. Der theologisch konservative Bischof hat jetzt ein „Wort zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia“ herausgegeben, das sich an die Geistlichkeit wendet.

Darin stellt er klar, daß ein Empfang der Sakramente für zivil wiederverheiratet Geschiedene allenfalls dann möglich sei, wenn die Partner geschwisterlich-platonisch zusammenleben. bischof_vitus_gr

Einen Tag vor dem Churer Oberhirten hatten sich die deutschen Bischöfe zum päpstlichen Schreiben „Amoris Laetitia“ geäußert, dabei die kirchliche Ehelehre grundsätzlich bekräftigt, aber zugleich „Wiederverheiratete“ an ihren Seelsorger verwiesen, um mit diesem die jeweilige Situation abzuklären (womit aber der „Schwarze Peter“ bzw. die Gewissensbelastung auf den Priester übergeht).

Hier folgt nun die Erklärung von Bischof Vitus Huonder im vollen Wortlaut:

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst

In der Diskussion rund um das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris Laetitia kam das achte Kapitel mit der Frage der zivil wiederverheirateten geschiedenen Personen ins Zentrum zu stehen. Aus diesem Grund gebe ich dazu in meiner Verantwortung als Bischof zu Händen der Seelsorger (Beichtväter) einige Hinweise.

Vorgängig möchte ich das Folgende festhalten: Der Heilige Vater sagt in der Einleitung zu Amoris Laetitia, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL 3). Diese Aussage lässt den Stellenwert des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens erkennen.

„Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen … berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300), sagt der Papst im Zusammenhang der Unterscheidung bei irregulären Situationen. 0018

Das bedeutet jedoch auch, dass der Bischof umso mehr gefordert ist, ein richtungweisendes Wort zu sprechen, da die Priester die Aufgabe haben, „die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und der Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“ (AL 300).

Des weitern „ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen“ (303).

Dem entspricht ganz, was der Heilige Vater unter Amoris Laetitia 307 sagt:

„Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: ‘Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen.’ Die Lauheit, jeglicher Form von Relativismus oder der übertriebene Respekt¹ im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst“.

Im Sinne all dieser Hinweise in Amoris Laetitia bitte ich die Priester, das Folgende zu beachten: BILD0235

1. Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes (die Bindung) sein. Aufgabe der Seelsorge ist es, den Menschen das Bewusstsein der Heiligkeit des Ehebandes zu vermitteln oder wieder zu vermitteln. Der Heilige Vater spricht von der „Seelsorge der Bindung“ (AL 211; in der italienischen Sprache vincolo). Die offizielle deutsche Übersetzung von vincolo mit Bindung ist zu schwach. Deshalb spreche ich hier ausdrücklich vom Eheband.

2. Das Eheband ist schon von der Schöpfung her heilig (Natur-Ehe), umso mehr von der Neuschöpfung her (Ordnung der Erlösung) durch die sakramental geschlossene Ehe (übernatürliche Ordnung). Die Bewusstseinsbildung bezüglich dieser Wahrheit ist ein dringender Auftrag in unserer Zeit (vgl. AL 300).

3. Diese Bewusstseinsbildung ist umso notwendiger, als ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben kann, „gegenüber denen, die in ‘irregulären’ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Steine, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305). Das Eheband selber ist eine Gabe der Liebe, der Weisheit und der Barmherzigkeit Gottes, welche den Eheleuten Gnade und Hilfe verleiht. Deshalb muss der Rückbezug auf das Eheband beim Weg der Begleitung, der Unterscheidung und der Eingliederung an erster Stelle stehen.

4. Erkennt ein Beichtvater bei einer Beichte eines unbekannten Pönitenten (bei einer „Gelegenheitsbeichte“) Fragen bezüglich des Ehebandes, welche der Klärung bedürfen, wird er den Pönitenten bitten, sich einem Priester anzuvertrauen, welcher mit ihm einen längeren Weg der Umkehr und Eingliederung gehen kann, oder er wird sich mit ihm selber außerhalb der Beichte in Verbindung setzen. DSC05481 - Kopie

5. Bei der seelsorglichen Begleitung von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist zunächst zu prüfen, ob die Eheschließung (die „erste Ehe“) gültig zustande kam, ob ein Eheband wirklich besteht. Diese Prüfung kann nicht der einzelne Priester vornehmen, schon gar nicht im Beichtstuhl. Der Beichtvater muss die betroffene Person an den Offizial des Bistums verweisen.

6. Wie es auch immer um die Gültigkeit der Eheschließung steht, eine gescheiterte Verbindung muss in jedem Fall menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden. Das bedeutet, dass ein längerer, Geduld verlangender seelsorglicher Weg beschritten werden muss.

„In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird“ (AL 300).

„Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden“ (AL 308).

7. Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen darf nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können (auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion). Im Falle von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend.

Foto: E. Gründler8. Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen (JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio vom 12. November 1981).

Das heißt: Können die beiden Partner aus ernsthaften Gründen … der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen (vgl. AL 298), sind sie gehalten, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben. Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris Laetitia ausdrücklich keine „neue gesetzliche Regelung kanonischer Art“ vorsieht (vgl. AL 300). Der Pönitent wird den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der „ersten“ Ehe leben zu wollen.

9. Halten wir bei der Vorbereitung und Begleitung der Traupaare, Eheleute und der Familien immer das Wort des heiligen Paulus vor Augen: „Dieses Geheimnis ist groß. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche (Eph 5,32)“ – Sacramentum hoc magnum est, ego autem dico in Christo et in Ecclesia.

Mit meinem Dank für die Treue zum Herrn und seinem Auftrag, grüße ich herzlich, verbunden mit meinem bischöflichen Segen

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

¹ Das Schreiben meint damit wohl die allzu große Vorsicht oder Rücksichtnahme, so dass die Wahrheit verdunkelt würde.

Quelle: http://www.bistum-chur.ch/bistumsleitung/die-heiligkeit-des-ehebandes-wort-zum-nachsynodalen-apostolischen-schreiben-amoris-laetitia/

Gemälde: Evita Gründler


Warum die Beichte für uns so wichtig ist

Von Christa Meves

Zur Freude in der katholischen Kirche gereicht mir gerade das scheinbar so unmoderne Sakrament der Buße. Psychotherapeutische Praxis macht erfahrbar: Christa Meves

Nur durch eine begrenzte Zeit läßt sich Schuld unbeschadet verdrängen. Wer dann weiter die Stimme des Gewissens unter Verschluß zu halten sucht, wird krank – oft psycho­somatisch, oft auch psychisch: durch freiflottierende Angstanfälle, durch Zwangshandlungen, durch Phobien etc.

Und die Nöte sind erst zu bannen, wenn die vom Gewissen schuldig gesprochenen Taten oder Gedanken wiedergutgemacht und ausgesprochen worden sind.

Frei­lich hat sich die Vorstellung Sigmund Freuds, daß so langfristig Ruhe in die Seele einkehre, meist als trügerisch erwiesen. Das Wegreden des Therapeuten durch ein Relativieren von Schuld als „Übergewissenhaftigkeit« trifft nicht in denjenigen Fällen, in denen das Gewissen es besser weiß. Es meldet sich erneut durch die Rückkehr und Resistenz der Symptome.

Auch die jungianische Ziel­vorstellung, den Menschen in der Therapie dahin zu führen, sich samt all der schwarzen Seelenanteile in Gelassenheit anzunehmen und zu ertragen, funktioniert in der Praxis lange nicht so herrlich wie in den anweisen­den Schriften; denn der Mensch möchte nicht jämmer­lich schlecht sein; er hat ein Bedürfnis nach Bereinigung, nach Verbesserung im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Sakrament der Buße berücksichtigt viel fundamen­taler diese seelische Bedürftigkeit des Menschen. Es ermöglicht in der Beichte das Aussprechen des sittlich Ungeordneten gegenüber einem Menschen, der ermäch­tigt ist, von Schuld und Sünde loszusprechen  – und der zudem im Fall schwer drückender Sündenlast dem Beich­tenKreuzkuppelden Bußpflichten auferlegen kann.

Die Chance, so wirklich frei zu werden, ist selbst psychologisch wesent­lich wahrscheinlicher als das Absegnen und Tolerieren des Nicht-Tolerierbaren durch einen atheistischen Psy­chotherapeuten.

Daß dennoch heute der Zulauf zu die­sen Seelenärzten groß ist, während die Beichtstühle leer bleiben, hat mit einer Verführung der Menschen zu tun, die ihm vorgaukelt, sich heutzutage selbst erlösen zu kön­nen oder der Erlösung gar nicht mehr bedürftig zu sein.

Manchmal hat diese traurige Abkehr von einem Sakra­ment höchster psychohygienischer Kompetenz auch etwas mit Ungeschicklichkeit, mit Machtanmaßung oder allzu großer psychologischer Unkenntnis des Priesters zu tun.

Es ist heute, wo Seelenkrankheiten verschiedenster Art boomen, nötig zu wissen, wie sie sich ausdrücken, um im Beichtstuhl hilfreich reagieren zu können. Hier wäre gewiß Fortbildung auf den Priesterseminaren durch katholische Fachleute nötig; aber solange die Zahl gläubi­ger katholischer Fachleute so verschwindend gering ist, ist es besser, dergleichen zu unterlassen, statt die Schafe den Wölfen auszuliefern. prolifeusa

Auch hier mag die zu weit gehende Öffnung der evangelischen Diakonie für jede ‚Menge atheistischer Psychologen als Vorbilder und die oft destruktiven Auswirkungen solchen Procedere als War­nung stehen. Besser eine priesterliche Ungeschicklichkeit als eine seichte Legitimierung des ungeordneten Verhal­tens, die den Hilfesuchenden bedrängt.

Meine Freude an der Beichte geht über die Erkenntnis des heilsamen Wertes des Bußsakraments noch hinaus. Ich selbst genieße geradezu die so viel bescholtene stren­gere Moral der katholischen Kirche, besonders auch ihre nachdrückliche Weisung, die Zehn Gebote einzuhalten.

Ich habe die Forderung des Zeitgeistes nach liberalisti­scher „Autonomie‘ als eine gefährliche Anmaßung, ja als eine verführerische Lüge erlebt. Wir sind nicht mit abso­luter, sondern mit eingeschränkter Freiheit begabt. Wer die Grenzen, die der geschöpfliche Gottesgehorsam setzt, mißachtet, gerät leicht mit Devisen wie „Erlaubt ist, was gefällt“ und „Der Zweck heiligt die Mittel“ in diabolisches Fahrwasser.

Ich schätze das strenge Reglement der Kirche allein schon deshalb, weil es mich auffordert, einen legeren Umgang mit mir selber in Frage stellen zu können. Dank­bar akzeptiere ich, daß die Kirche lehrt, unnachsichtiger gegen vielerlei Schlendrian zu sein, in der Erkenntnis, daß ich jenseits des Todes mit einem gerechten Gott rechnen darf.

Aber jeglicher christlich-therapeutische Umgang mit der Beichte schuldbelandener Menschen muss ja einen End-und Höhepunkt haben: Die Verheißung auf den am Kreuz hingeopferten HERRN JESUS CHRISTUS, als den Befreier bußfertiger Menschen von jeglicher Gewissensqual.


Online-Bekenntnis zur kirchlichen Sexualethik

Unter dem Motto „Die Ehe soll von allen in Ehre gehalten werden“ (Hebr 13,4) kann derzeit online ein Treuebekenntnis unterzeichnet werden, das sich für die überlieferte Lehre der Kirche über Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit einsetzt. BILD0289

Es geht um das JA zur „Wahrheit über Ehe und Familie“, wie es einleitend heißt, aber auch um die Sakramentenlehre (vor allem zur Ehe, Eucharistie und Beichte).

Außerdem wird betont, daß die Sexualerziehung der Kinder ein grundlegendes und vorrangiges Recht der Eltern ist. Zudem sei das 6. Gebot und die Unauflöslichkeit der Ehe nicht nur ein erstrebenswertes Ideal, sondern eine Forderung Gottes.

Wiederverheiratete Geschiedene sollten sich trennen oder (falls dies nicht möglich ist) nur platonisch zusammenleben, um die erste gültige Ehe zu respektieren. Irreguläre sexuelle Verbindungen sind schwere sittliche Verirrungen, die ohne Umkehr bzw. Beichte vom Tisch des Herrn ausschließen.

Die Bischöfe, Priester und Gläubigen werden aufgefordert, sich zur unveränderlichen Lehre der Kirche und der Botschaft zu bekennen, wie sie von den Aposteln überliefert wurde.

Dieser Text ist eine kurze Zusammenfassung des Treuebekenntnisses. Die vollständige Version lesen sie hier: LINK

Foto: Evita Gründler


Schrumpfungsprozeß in der Kirche : In sechs Jahren eine Million Katholiken ausgetreten

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Die katholische Kirche hat im Juli die Statistik über die Kirchenaustritte 2015 vorgelegt. Sie werden auch in den diözesanen Kirchenzeitungen vorgestellt und kommentiert. Oft klingt das sachlich, nüchtern und fast unbeteiligt-distanziert. 

Foto: KOMM-MIT-Verlag2015 haben 181.925 Katholiken die Kirche verlassen. Betrachtet man die Zahlenreihe von 2008 an, so liegen die Austritte erheblich über Hunderttausend. Drei Jahre nähern sich der Zweihunderttausend-Marke. 2014 hatten wir sogar 217.716 Kirchenaustritte.

Die hohen Werte besagen, dass die Kirche in sechs Jahren rund eine Mio. Katholiken verloren hat. Diese Negativentwicklung wird sich fortsetzen, wenn in die Überlegung einbezogen wird, dass rund 30% der Katholiken angeben, mit ihrer Kirche unzufrieden zu sein.

Nach einer Studie der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) von 2014 „erwägen in Westdeutschland rund 40% der unter 21-jährigen und 25% der 21- bis 29-jährigen, aus der Kirche auszutreten“ (vgl. Konradsblatt, 30/31.2016, S. 3).

Andererseits sind die genannten Zahlen keine Überraschung, wenn bei den Katholiken am Sonntag rund 90% regelmäßig nicht mehr im Gottesdienst erscheinen. Dabei gibt es bemerkenswerte Unterschiede beim sonntäglichen Kirchenbesuch vergleichbarer Diözesen. So haben wir auf der einen Seite Regensburg (16,0%), Eichstätt (15,2%), Fulda (14,2%) und auf der anderen Seite Mainz (9,5%).

„Über die Gründe für die Austrittszahlen lässt sich nur spekulieren. Bislang gibt es keine systematischen Studien“, heißt es im Bericht von Christoph Arens (Konradsblatt, 30/31.2016, S. 3). Da mutet der Satz im gleichen Bericht, dann doch merkwürdig an, wenn es heißt: „Der bisherige Negativrekord mit 217.716 Austritten im Jahr 2014 war mit dem Missbrauchsskandal, die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und das Bekanntwerden eines neuen Kirchensteuer-Einzugsverfahrens auf Vermögenserträge begründet“.

Der Freiburger Religions-Soziologe Michael Ebertz formuliert entsprechend vage, wenn er von einer generell nachlassenden Kirchenbindung spricht. Dass die Gründe für die Austrittszahlen nicht bekannt sind, verwundert.

Die Kirche in Deutschland lässt manches durch Studien untersuchen; und sie hat ausreichend Geld dafür. Warum hat sie kein Geld für die Feststellung der Ursache der Kirchenaustritte? Will sie damit nicht konfrontiert werden? In jedem Fall müsste sie aus solchen Ermittlungen pastorale Konsequenzen ziehen.

Nachdenkenswert ist die Aussage von Dr. Ebertz: „Immer weniger Menschen kommen überhaupt noch mit Pfarrern oder anderen Vertretern von Kirche in Kontakt“.  – Vertreter der Kirche sind doch nicht nur die Pfarrer. Dazu gehört das kaum überschaubare Heer der Religionslehrer, Pastoralassistenten, Caritasangestellten, die hauptamtlichen Vertreter katholischer Verbände, Angehörige der Ordinariate. Schließlich sind alle Getauften und Gefirmten Vertreter der Kirche, die zum Glaubenszeugnis verpflichtet sind!

In der Kommentierung der hohen Austrittszahlen findet sich kaum ein Wort über die überfällige Neuevangelisierung, obwohl die kirchliche Situation das geradezu provoziert. Die deutschen Bischöfe wurden bei ihrem Ad-Limina-Besuch 2015 in Rom von Papst Franziskus dazu aufgerufen. 0023

Hilflos und am Problem vorbei liest sich die Stellungnahme des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz: „Die Statistik 2015 zeigt, dass die Kirche in Deutschland nach wie vor eine starke Kraft ist, deren Botschaft gehört und angenommen wird“ (Pressemitteilung der Dt. Bischofskonferenz, 15.7.2016).

Zeigt sich die „gehörte und angenommene Botschaft“ in der Massenabtreibung, im Parlamentsbeschluss zum assistierten Suizid, in der Gentechnologie mit den neuen Richtlinien zur schulischen Sexualerziehung, in der Gentechnologie etc. ?

Weiter heißt es in dieser Erklärung: „Auf der Grundlage dieser Statistik werden wir unseren pastoralen Einsatz weiter entwickeln. Dazu ist bereits viel in den Bistümern geschehen. Ich denke auch an den im vergangenen Jahr abgeschlossenen Dialogprozess, der zur inneren Erneuerung der Kirche beigetragen hat“.

An diesem Dialogprozess haben jeweils auch zwei Vertreter des „Forums Deutscher Katholiken“ teilgenommen. Von einer „inneren Erneuerung“ kann danach nicht die Rede sein. Der „Fels“ hat darüber berichtet.

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Verantwortlichen in der katholischen Kirche in Deutschland einmal den Mut hätten, entscheidende Fragen zu stellen, z.B. wollen die Menschen von heute noch erlöst werden? Erklärt sich die fehlende Zahl der Katholiken vor den Beichtstühlen nicht dadurch, dass ihnen das Sündenbewusstsein abhandengekommen ist?

Wenn dem so ist, wozu brauchen die Menschen dann noch die Kirche? Soziale Einrichtungen der Kirche können auch andere Institutionen wahrnehmen. Die Antwort auf diese Fragen könnte evtl. zu den Ersatzgöttern dieser Welt führen und zur Frage, ob sie die Erwartungen der Menschen befriedigen können.

Unser Autor Prof. Dr. Hubert Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“ und die Monatszeitschrift DER FELS