Warum auch nach „okkulten Sünden“ ein Exorzismus verfehlt ist

Geistlicher Missbrauch durch Panikmache und „Befreiungsdienst“

Seit Jahrzehnten erhalte ich Anfragen von Gläubigen, die in eigener „Sache“ oder hinsichtlich ihres Bekanntenkreises von dem Gedanken umgetrieben werden, eine Teufelsaustreibung sei vonnötigen und die mich daher nach einem „kirchlich anerkannten“ Exorzisten fragen. 

Es ist zwar schon einmal grundsätzlich gut, wenn man sich nicht dem nächstbesten selbsternannten „Exorzisten“ oder gar einem charismatischen „Befreiungsdienstler“ von eigenen Gnaden zuwendet, sondern seriös nach einem amtlichen kirchlichen Vertreter fragt.

Aber einmal abgesehen davon, daß es hiervon in Deutschland nur sehr wenige gibt, ist es nicht Aufgabe dieser Priester, Menschen zu „exorzieren“, die überhaupt nicht besessen sind, sondern sich dies lediglich selber einreden oder durch Panikredner aufschwatzen ließen. Beispiele hierfür kenne ich in Hülle und Fülle.

Der Hintergrund ist fast immer der folgende:

Die Ratsuchenden haben sich  – teils vor längerer Zeit, teils noch unlängst – mit esoterischen Praktiken eingelassen, waren in Zaubereisünden oder sonstige okkulte Handlungen verstrickt etc.

Das ist dann natürlich die „Stunde der Charismatiker“: Kaum lernen sie solch einen Betroffenen kennen, reden sie ihm ein, er sei aufgrund seiner magischen Vergangenheit „besessen„, mindestens aber „okkult belastet“. 

Folglich ist ein Exorzismus, mindestens aber eine „Befreiungs-Seelsorge“ nötig, um den Geschädigten zu „heilen“. Daß dessen Probleme aber durch solch eine Falschdiagnose erstens verstärkt und zweitens alles andere als gelöst werden, wird nicht wahrgenommen.

Warum „Falschdiagnose“?

Weil auch schwerwiegende Magie-Sünden noch lange nicht zur Besessenheit führen, auch nicht ohne weiteres in eine sonstige Form von „satantischer Gebundenheit“.

Das hat die katholische Kirche auch nie (!) behauptet, vielmehr handelt es sich um Panik-Vorstellungen von sektiererischer und schwarmgeistiger Seite.

Es gibt auch in anderen Bereichen schwere Sünden, man denke nur an massive Verstöße gegen die Zehn Gebote  – etwa Mord, Ehebruch, schwerer Diebstahl, Verleumdung oder gar Glaubensabfall etc.

Was tun Katholiken, wenn sie umkehren wollen und Gottes Vergebung suchen? – Genau: sie bereuen ihre Laster und gehen zur Beichte. –  Keiner, der bei Verstand ist, kommt auf die Idee, einen Exorzisten aufzusuchen!

Warum nun sollte es denn bei Zauberei-Sünden anders sein? Sind sie etwa schlimmer als Mord und Totschlag? – Es gibt keine Sünde, die Christus im Sakrament der Buße nicht auslöschen könnte – vorausgesetzt, die Reue des Umkehrwilligen ist aufrichtig.

Auch der hl. Paulus hat sich in seinen Briefen an die urchristlichen Gemeinden – vor allem an die Korinther – intensiv immer wieder mit schlimmen Lastern befaßt, die „vom Reiche Gottes ausschließen“, sofern keine Buße erfolgt. 

Nicht ein einziges Mal – auch nicht im Zusammenhang mit ausdrücklich erwähnten Zaubereisünden – hat der Völkerapostel seine Gemeinden bzw. deren Vorsteher zum Exorzismus aufgerufen.

Damit soll wohlgemerkt nicht gesagt sein, es gäbe keine wirkliche Besessenheit  – aber die in charismatischen Kreisen ständige Fixiertheit auf einen sogenannten „Befreiungsdienst“ ist ein Irrweg sowohl der theologischen Sache nach wie auch zu Lasten der seelischen Gesundheit der Betroffenen, wie ich aus zahlreichen Gespräche mit Geschädigten weiß.

Es handelt sich objektiv eindeutig um seelsorglichen Missbrauch, um eine (un)geistliche Manipulation. (Ob diese Problematik den Fehlgeleiteten subjektiv bewußt ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.)

Statt daß diese reumütigen Menschen ermutigt werden, die sakramentale Seelsorge der Kirche in Anspruch zu nehmen, werden sie völlig abwegig in Panik versetzt, als teuflisch besessen hingestellt und dem fragwürdigen Treiben eines selbsternannten „Befreiungsdienstlers“ unterworfen.

Dabei wird dies sogar praktiziert, wenn die Betroffenen nicht einmal selber in Zauberei-Sünden verstrickt waren, sondern lediglich  – angeblich  –  ihre „Ahnen“ bis zurück in die dritte oder vierte Generation (Urgroßeltern).

Dieses absurde Konstrukt nennt sich „Vorfahrensschuld“  – und ist dann immer noch ein willkommener Anlaß zur „Spezialseelsorge“, wobei die Gläubigen sich von den „Sünden ihrer Ahnen“ rituell lossagen sollen usw. Dazu gibt es auch noch Seminare und Einkehrtage, welche diesen Unfug lehren und betreiben.

Dazu kommt, daß das Einreden von „Besessenheit“ der Hölle sehr entgegenkommt. Warum? Weil die Betreffenden dann logischerweise meinen, ihre Sünden seien vom Teufel bewirkt, der durch sie gehandelt habe – also geht es dann nicht oder jedenfalls weniger um die eigene Verantwortung. Die Einsicht in eigene Schuld ist aber die wichtigste Voraussetzung für Reue und Sinnesänderung, also für eine Umkehr zu Gott. 

Nehmen wir als Anhaltspunkt für diesen ganzen Problembereich ein Beispiel aus dem Alten Testament, das uns zeigt, wie mit okkulten Lastern zu verfahren ist.

Es geht um den abgefallenen jüdischen König Manasse, der 55 Jahre lang in Jerusalem regierte. Er hatte zwar einen guten, gläubigen Vater (Hiskia), aber der Junior war ganz dem Götzendienst verfallen, wie wir in 2 Chronik 33 (1-20) nachlesen können. Er trieb es mit diesen „Greueln“ sogar noch schlimmer als die heidnischen Völker, die vor der Landnahme in Israel lebten (vgl. 2 Chr 33,2).

Er errichtete sogar Altäre für den Götzen Baal und die heidnische Göttin Aschera – und das nicht nur „auf den Höhen“ (auf Bergesgipfeln), sondern im Tempel des HERRN zu Jerusalem. Also schlimmer gings nimmer!

Auch in puncto Zaubereisünden war er unschlagbar:

„Er ließ seine Söhne durchs Feuer gehen im Tal Ben-Hinnom, und er trieb Zauberei, Beschwörung und Magie und ließ sich mit Totengeistern und Wahrsagegeistern ein. Er tat viel, was böse war in den Augen des HERRN, um ihn zum Zorn zu reizen.“

Gott warnte diesen gottlosen Herrscher und „redete zu Manasse und zu seinem Volk; aber sie achteten nicht darauf“.

Also zog der Ewige stärkere Register, um den König zur Umkehr zu bewegen. Er ließ den heidnischen Herrscher von Assyrien über Jerusalem kommen, die Heeresobersten nahmen Manasse gefangen und führten ihn ab nach Babel.

Da saß der König nun in seinem Elend – und ging endlich in sich: Und als er so bedrängt war, flehte er den HERRN, seinen Gott, an und demütigte sich sehr vor dem Gott seiner Väter und betete zu ihm.“

Und was tat der HERR? Ließ er dem König erst einmal durch einen Propheten oder Priester den Teufel austreiben? – Mitnichten!

Hier folgt die Antwort: „Und der HERR ließ sich von ihm erbitten und erhörte sein Flehen und brachte ihn nach Jerusalem in seine Königsherrschaft zurück. Da erkannte Manasse, dass der HERR der wahre Gott ist.“

Die Reue des „gefallenen Königs“ war echt, denn seiner Umkehr folgten handfeste Taten: 

„Und er tat die fremden Götter weg und das Götzenbild aus dem Haus des HERRN und alle Altäre, die er auf dem Zionsberg und in Jerusalem gebaut hatte; und er warf sie vor die Stadt hinaus. Und er baute den Altar des HERRN wieder auf und opferte auf ihm Heilsopfer und Dankopfer. Und er befahl dem Volk von Juda, dass sie dem HERRN, dem Gott Israels, dienen sollten.“

Was dieser Manasse sich an Abfall, Götzendienst und schlimmstem Aberglauben „geleistet“ hat – noch dazu als verantwortlicher Herrscher  – war schon von anderem Kaliber, als wenn sich in charismatischen Gebetskreisen  herausstellt, daß Frau M. vor zwanzig Jahren Zeitungs-Horoskope gelesen hat – oder ihr Urgroßvater einen Hellseher aufsuchte usw.

Bleiben wir also auf dem kirchlichen Teppich, auf dem Boden der Heiligen Schrift nämlich – und der Vernunft!

Ergänzender Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/18/wenn-der-exorzismus-die-beichte-verdraengt-und-die-noetige-umkehr-blockiert/

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

 

 


WARNUNG vor Exerzitien und „Heilungen“ von Pater James Mariakumar

Von Felizitas Küble

Kürzlich erhielt ich  – wie schon oft in den letzten Jahren  –  den Anruf einer Katholikin, die durch schwarmgeistige Praktiken und geistlichen Missbrauch psychisch geschädigt worden ist.

Seitdem sie bei einem Auftritt des australischen Heilungspredigers Alan Ames den charismatischen „Hammersegen“ (Rückwärtskippen in Trance, angebliches „Ruhen im Geist“) erlebte, ging es mit ihr seelisch und gesundheitlich rapide bergab.

Als weitere Kontakte in die katholische Schwärmerszene folgten, wurde alles noch schlimmer.

Vor zwei Wochen hielt der indische Wanderprediger Prof. James Mariakumar SVD seine Exerzitien im fränkischen Heroldsbach (einer diözesanen Gebetsstätte im Erzbistum Bamberg).

Jene Betroffene nutzte die Chance, um ihn anzusprechen. Der Steyler Pater sagte, wer ein Gespräch mit ihm wünsche, solle seine gesamten Exerzitien (in diesem Fall immerhin sieben Tage) mitmachen. Die Frau erklärte, das sei ihr nicht möglich – und stellte sogleich ihre einzige Frage: Seitdem ich bei den Charismatikern war, geht es mir viel schlechter  –  wie kommt das?

Die Antwort des indischen Geistlichen: Sie haben keinen christlichen Glauben!  –  Gehen  Sie zu Schwester Margaritha Valappila, damit Ihnen geholfen wird.

Jene Frau fragte mich nun, was ich von dieser Empfehlung halte. Ich habe ihr dringend von jedweder „Heilung“ durch diese  –  ebenfalls aus Indien stammende  –  Nonne abgeraten, zumal auch Sr. Valappila seit Jahrzehnten eifrig den charismatischen „Hammersegen“ erteilt und dabei reihenweise Seminarteilnehmer „flachlegt“ (das beginnt schon mit dreijährigen Kindern!).

Zudem wies ich darauf hin, daß Valappilas Evangelisationszentrum „Haus Raphael“ im hessischen Bad Soden-Salmünster sich nicht „katholisch“ nennen darf, wie im kirchlichen Amtsblatt des Bistums Fulda bereits vor 13 Jahren erklärt wurde. (Näheres dazu hier: https://charismatismus.wordpress.com/category/visionen-und-charismatik-kritik/haus-st-raphael/

Natürlich widerspricht es sowieso jeder Fairneß (von Nächstenliebe ganz zu schweigen), einer Betroffenen glattweg den „christlichen Glauben“ abzusprechen, nur weil sie eine kritische Rückfrage zur Charismatik stellte – noch dazu aus ihrer eigenen bitteren Erfahrung heraus.

Jene Dame hat mir ausdrücklich erlaubt, von diesem Vorgang zu berichten. (Aus Gründen des Personenschutzes wird auf Namensnennung verzichtet, um sie vor weiteren verbalen Entgleisungen zu verschonen.)

Zur Problematik von „Befreiungsgebeten“

Im Exerzitienprogramm von Pater Mariakumar (siehe hier: http://www.gebetsstaette-heroldsbach.de/pdf/2017_Kumar.pdf) ist ausdrücklich die Rede von „Heilungs- und Befreiungsgebeten.“  

Hierbei gibt es grundsätzlich folgenden Hintergrund zu bedenken: Heilung und Befreiung, Zeichen und Wunder sind die vier wichtigsten Zauberworte im Enthusiastenspektrum.

Jene „Befreiungsgebete“ sind dort tendenziell im Grunde nichts anderes als ein verkappter Exorzismus, vor allem hinsichtlich der suggestiv-verhängnisvollen Wirkung für die Betroffenen. (Denn wenn jemand vom Teufel „befreit“ werden muß, setzt das voraus, daß jener Mensch von ihm umsessen/besessen/belastet ist.)

Ich erhalte seit ca. 15 Jahren Berichte von Opfern, die sich an mich wenden, weil ich mich kritisch mit der Charismatischen Szene befasse. Daher sind mir viele erschütternde Internas und Schicksale bekannt.

Charismatisch induzierte „Besessenheit“

Dabei fällt das folgende, häufig auftretende „Schema“ auf:

Erst werden die Gläubigen vielfach „umsessen“ oder gar „besessen“ geredet (mindestens als „okkult belastet“ definiert). Dann bietet sich der Heilungsprediger als vollmächtiger, geisterfüllter „Befreier“ an (der also von einem „Problem“ befreit, das er durch seine Panikmache überhaupt erst induziert bzw. erzeugt hat!)  –  wobei aber von wirklicher „Befreiung“ keine Rede sein kann; vielmehr dreht sich das fanatisch-irrgeistige Karussel auf diesem Wege ständig weiter  –  zu Lasten der Betroffenen!

Dem erztraditionellen Lager sei noch ins Stammbuch geschrieben, daß auch der sog. „Kleine Exorzismus“, der Papst Leo XIII. zugeschrieben wird, seit 1985 kirchlich rundweg verboten ist  – und zwar sowohl für Kleriker wie für Laien (es sei denn, es läge eine ausdrückliche bischöfliche Erlaubnis für einen bestimmten Priester vor).

Weiter auf Tour mit „Heilungsgebeten“

Zurück zu James Mariakumar: Der Pater ist derzeit weiter unterwegs auf Tour – in diesen Tagen hält er in Frankfurt am Main seine abendlichen Vorträge samt „Heilungsgebeten“ (siehe Foto oben: Werbeplakat dort).

Man kann sich nicht genug wundern, daß er vier Tage lang sogar im Dom St. Bartholomäus auftreten kann, wobei die zuständigen Kapuziner wohl das ABC einer soliden „Unterscheidung der Geister“ nicht kennen, geschweige angemessen handhaben.

Dieser Star-Charismatiker ist außerhalb Europas direkt als Exorzist zugange (das berichtet er selber im Vorwort seines Buches), innerhalb Europas wirkt er – aufgrund kirchlicher Schranken – freilich „nur“ als Befreiungsbeter. Manchmal wird dieser indirekte Quasi-Exorzismus auch als „besonders starkes Gebet“ umschrieben…

Dieser Geistliche aus Kerala (einem südindischen Bundesstaat) hat ein Buch mit dem Titel „Okkultismus und geistiger Kampf“ verfaßt, das wir vor über fünf Jahren bereits durchleuchtet haben: https://charismatismus.wordpress.com/2012/08/22/pater-james-mariakumar-und-sein-charismatisches-befreiungsgebet/

Wenig erstaunlich, daß in dem erscheinungsbewegten Portal „Kath.net“ das Vorwort Mariakumars begeistert veröffentlicht wurde: http://kath.net/news/27234

Das charismatisch geprägte, aber angeblich noch „gemäßigte“ Seminarhaus St. Ulrich in Hochaltingen (Bistum Augsburg) zählt P. Mariakumar sogar zu seinen neun Referenten –  siehe hier (links unter der Rubrik „Informationen“ auf „Referenten“ klicken): http://www.stulrichhochaltingen.de/

Auch der Pallottinerorden in München-Freising hat die Exerzitien Mariakumars empfohlen: https://www.pallottiner.org/veranstaltung/wachstumsexerzitien-innere-heilung-und-heiligkeit/

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um den kirchenrechtlich geregelten Exorzismus (der völlig zu Recht engen Grenzen unterliegt), sondern um willkürliches, suggestives „Dämonisieren“ und Verbreiten von Panikmache unter den Gläubigen – mit nicht selten erschütternden Langzeitfolgen!

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Jugendverlag und das gemeinnützige Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


Mexiko: Kult um heidnische Todesgöttin führt zu Satanismus und Besessenheit

Meldung der evangelischen Nachrichtenagentur IDEA vom 30.11.2013:

Exorzisten der katholischen Kirche sind in Mexiko derzeit so gefragt wie noch nie. Manche Priester sind so ausgelastet, dass sie keine neuen Fälle mehr annehmen. Das berichtet die britische Rundfunkanstalt BBC. Steinfeld-DSC_1769-3-3

Kirchliche Experten machen dafür vor allem den heidnischen Kult um die Todesgöttin verantwortlich, der in enger Verbindung mit der Drogenmafia stehen soll. Zwischen den Drogenkartellen des Landes tobt ein erbarmungsloser Kampf. Dabei starben seit 2006 mindestens 70.000 Menschen.

Nach Schätzungen hat die Magie um den „Heiligen Tod“ in Mexiko rund acht Millionen Anhänger, darunter viele Mitglieder der Drogenkartelle; sie verehren die Todesgöttin „Santa Muerte“. Die Figur besteht aus einem Totenkopf und einem Hochzeitskleid mit einer Sense. Ihre Anhänger erhoffen sich Reichtum und Schutz vor Verhaftung. Es gibt Hinweise darauf, dass sie dafür auch Menschenopfer bringen.

Vor allem die Wirtschaftskrise in den 90er Jahren habe viele Menschen in die Arme des satanischen Kultes getrieben, sagt der in Mexiko-Stadt tätige Exorzist Francisco Bautista.

Von den rund 112 Millionen Einwohnern Mexikos gehören 87,6 Prozent zur römisch-katholischen Kirche. 7,4 Prozent der Bevölkerung sind evangelisch. Der Rest sind Anhänger anderer Religionen und Kulte.

Quelle: http://www.idea.de

Siehe zur „Todesgöttin“ in Mexiko unser ausführlicher Bericht vom Mai dieses Jahres: https://charismatismus.wordpress.com/2013/05/11/mexiko-katholische-kirche-warnt-vor-wachsendem-kult-um-eine-heidnische-todesheilige-bzw-mythische-sensenfrau/

Foto: Dr. Bernd F. Pelz


Pater Jörg Müller zwischen Mystik und Magie

Buchkritik von Felizitas Küble

Der Münchner Priester und Psychotherapeut Jörg Müller steht in der „frommen“, zumal in der charismatischen Szene seit langem im hohem Ansehen. Im erscheinungsmarianischen Spektrum ist er ebenfalls gern gesehener Autor oder Referent.

Der Ordensgeistliche schreibt Bücher und gibt Interviews, in denen er sich auch für solche „Erscheinungen“ einsetzt, die kirchlich nicht anerkannt sind, darunter Medjugorje und Marpingen. 51PPKZWPTJL__

Im Mittelpunkt charismatischen Wirkens stehen seit jeher zwei Begriffe: „Heilung“ und „Befreiung“.

Das Zauberwort „Heilung“ bezieht sich teils auf Krankenheilungen, die man besonderen charismatischen Kräften von „Begnadeten“ zuschreibt, teils auch auf die sog. „Innere Heilung“, die angeblich dadurch geschieht, daß man seelische Verletzungen ans Licht bringt und mittels „Phantasiereisen“, Imaginationen oder gar einer „Geist-Taufe“ bzw sonstiger charismatischer Praktiken aufarbeitet und dadurch „heilt“.

Mit dem Ausdruck „Befreiung“ meint das charismatische Lager eine Heilung von dämonischen „Belastungen“ bis hin zur Besessenheit durch sog. „Befreiungsgebete“, wobei nicht selten auch der eigentliche Exorzismus angewandt wird, der in Befehlsform gehalten ist und den Dämonen direkt „gebietet“. Daß Priester für den Exorzismus eine bischöfliche Genehmigung benötigen, wird hierbei oft verschwiegen.

P. Jörg Müller empfiehlt Priestern zur Befreiung von „Besessenen“ einen sog. „Kleinen Exorzismus“, den er Papst Leo XII. zuschreibt – und behauptet, dieser bedürfe keiner bischöflichen Erlaubnis, zumal die „Trennung“ von „Befreiungsdienst“ und „Exorzismus“ aus seiner Sicht ohnehin „künstlich“ sei, wie er auf S. 18 seines Buches “Verwünscht, verhext, verrückt oder was?“ mitteilt.prolifeusa

Dieses im Betulius-Verlag (Stuttgart) mehrfach aufgelegte Werk bietet ohnehin eine merkwürdige Mischung aus Mystik und Magie, aus Charismatik und Erscheinungsgläubigkeit.

Die Kirche unterscheidet bei der seelsorglichen Hilfe für dämonisch Belastete klar zwischen liturgischen bzw. privaten Gebeten, Fürbitten und Litaneien, die sich an Gott wenden und ihn um Hilfe und Befreiung anrufen  –  und andererseits dem „amtlichen“ Exorzismus, der dem Dämon in kirchlicher Vollmacht direkt befiehlt, die besessene Person zu verlassen.

Das Kirchenrecht regelt, wie ein Bischof diese heiklen Eisen behandeln soll. In Canon 1172 (§ 1) heißt es: „Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aus-sprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.“

Sodann heißt es (§ 2): „Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.“

Dem gültigen römischen „Rituale“ von 1999 liegen dieselben Bestimmungen zugrunde, wonach der Exorzismus grundsätzlich nur mit bischöflicher Genehmigung zulässig ist. Eine Unterscheidung von „Kleinem“ oder „Großem“ Exorzismus wird weder im Kirchenrecht noch im Rituale vorgenommen. 

Anders in Jörg Müllers vermeintlichem Sachbuch. Der Autor veröffentlicht im Anhang eine Reihe Gebete und erklärt auf S. 16, daß das „Gebet um Befreiung jeder Christ, insbesondere jeder Priester sprechen kann“, wobei er auf die „Gebete im Anhang“ verweist. images (2)

Dort befindet sich jedoch ein seitenlanger Exorzismus in Befehlsform („…gebiete ich dir, unreiner Geist….Du listige Schlange…Ich gebiete Dir, du verfluchter Drache…“), den P. Jörg Müller ausdrücklich für den „stillen und privaten Gebrauch“ empfiehlt. Diese eigenwillige Vorgangsweise widerspricht dem Kirchenrecht und dem römischen Rituale. Eine Dämonenaustreibung an kirchlichen Bestimmungen vorbei ist jedoch äußerst problematisch.

Im wesentlichen besteht das wirklich verflixte und „verhexte“ Problem heutzutage darin, daß man sich von zwei Extrempositionen gleichzeitig abgrenzen muß: Im modernistischen Lager herrscht meist ein pseudowissenschaftlicher Rationalismus, der die Existenz von Dämonen grundsätzlich leugnet.

Man denke etwa an den progressiven Theologen Herbert Haag aus Tübingen der Anfang der 70er Jahre als Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks das Buch „Abschied vom Teufel“ veröffentlichte.

Andererseits neigt man im charismatischen Spektrum dazu, überall den Teufel zu wittern und ihn dann auf eigene Faust und in vermeintlicher charismatischer „Vollmacht“ zu bekämpfen, sich also für diesen „Befreiungsdienste“ berufen zu sehen, wobei die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien meist unbeachtet bleibt. Dieser hochmütige Irrationalismus ist mindestens genauso verheerend wie der modernistische Rationalismus, zumal er gerade das „fromme Lager“ infiziert und verwirrt.

Natürlich muß man einem Charismatiker wie Jörg Müller zugutehalten, daß er „immerhin“ öffentlich an der kirchlichen Lehre über Satan und Dämonen festhält, heutzutage gewiß nicht selbstverständlich. Doch dies allein ist noch kein Erweis für Rechtgläubigkeit, zumal es solche Positionen auch im protestantischen Raum gibt, von der schwarmgeistigen Pfingstbewegung ganz zu schweigen, die sowieso überall den Teufel an die Wand malt.Duccio

Zurück zu Pater Müllers Buch, in dem mehrfach positiv auf die „Marienerscheinungen“ in Medjugorje hingewiesen wird.  –  Auf S. 24 wird hierzu Folgendes berichtet:

„Die Seherin Mirjana hatte am 14. April 1982 eine dämonische Erscheinung: Der Teufel kam in der Gestalt der Gottesmutter. Mirjana durchschaute die Täuschung und bekam dann von der anschließend erscheinenden echten Gospa zu hören: „…Du mußt wissen, daß Satan existiert. Dieses Jahrhundert steht unter seiner Macht. Doch bald wird seine Macht gebrochen.“

Dies ist theologisch falsch und kann daher nicht von der echten Gottesmutter stammen:

1. Mirjana muß keineswegs „wissen“, daß Satan existiert, sie „muß“ es lediglich glauben, also für wahr halten. Jener Glaube, der aufgrund einer vermeintlichen oder tatsächlichen „Schau“ (also mit Hilfe von „Zeichen und Wundern“) zustande kommt, ist weniger wert als der Glaube, der sich auf Bibel und Dogma, also auf die göttliche Offenbarung stützt. Christus selbst erklärte dem skeptischen Apostel Thomas: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“

2. Die „Gospa“ sagt weiterhin, daß die Macht Satans „bald“ gebrochen werde. Dies ist gefährlicher Unfug, der den Leuten Sand in die Augen streut. In der Heiligen Schrift steht das genaue Gegenteil, nämlich daß in den letzten Zeiten falsche Propheten und dämonisch inspirierte Irrlehren in die Christenheit eindringen und einen großer Glaubensabfall herbeiführen, der dem Antichristen den Weg bereitet (vgl. 1 Tim 4,1 – Mt 24,10 – Mk 13,22 und 2 Thess 2).

Daher wird die Macht Satans keineswegs „bald gebrochen“, sondern sich noch steigern, bis der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ vom wiederkommenden Christus besiegt wird. Erst dann ist Satan in seinem Wirken durch Gott selber „gebunden“.

Zwei Seiten weiter sowie mehrfach danach (etwa S. 59) erwähnt der Verfasser „sehr gläubige“ Damen und Herren, die „charismatisch“ begabt seien und die ihm bei seinem „Befreiungsdienst“ hilfreich zur Seite stünden, weil sie offenbar eine negative Herzensschau besitzen, indem sie Sünden und dämonische Belastungen erkennen bzw „feinfühlen“. Pater Müller setzt diese Hellseher also wie ein Diagnosemedium ein, um zu erfahren, ob ein Hilfesuchender lediglich krank oder dämonisch „belastet“ ist.

Fast möchte man sagen: Fehlt dem selbsternannten Dämonenbefreier auch die bischöfliche Erlaubnis, so hat er „Besseres“ zu bieten, nämlich charismatisch „Begnadete“, die auf angebliche Weisung des Himmels ein „Wort der Erkenntnis“ liefern. Dieser vom Autor selbst gewählte Ausdruck ist im charismatischen Bereich seit Jahrzehnten ein stehender Begriff für die sog. „Prophetengabe“, die sich viele Personen dort zuschreiben.

P. Jörg Müller verweist in seinem Buch mehrfach auf die erstaunliche Treffsicherheit dieser hellsichtigen Personen, die er für seine „Befreiungsdienste“ zu Rate zieht. Eben deshalb handelt es sich aus meiner Sicht um Hellseherei, also um Magie und Spiritismus im „frommen“, im charismatischen Gewand. Noch merkwürdiger ist, daß P. Jörg Müller auf S. 52 selber erwähnt, „Hellsichtigkeit“ sei ein dämonisch bewirktes Phänomen, das ein Kennzeichen von „Besessenheit“ darstelle.

Sodann schreibt er trefflich, kurz nachdem er seine „Geistbegabten“ rühmte, auf S. 26: „Der Teufel steckt vielmehr im Detail; dort, wo ihn die meisten Menschen aufgrund ihrer mangelnden Unterscheidungsgabe oder geistlichen Blindheit gar nicht vermuten.“ – Wie wahr! Kreuzkuppel

Doch warum wendet der Autor diese Aussage nicht auch dort an, wo sich bei ihm offenbar ein „blinder Fleck“ befindet, nämlich bei seiner Fixierung auf „charismatische Begabungen“ und falschmystische Phänomene und „Erscheinungen“ (Medjugorje, Marpingen etc).

Apropos Marpingen: Was der umtriebige Palottinerpater in dieser Causa geboten hat, sucht seinesgleichen und spricht nicht gerade für seine „Unterscheidungsgabe“:

Er verfaßte nicht nur ein Werbebuch pro Marpingen (Titel „Von Maria zu reden ist gefährlich“), sondern betätigte sich auch als Ratgeber und Gutachter der drei „Seherinnen“, die Ende der 90er Jahre jahrelangen Wirbel verursachten, so daß bei der letzten „Erscheinung“ am 17. Oktober 1999 sage und schreibe 35.000 Menschen ins kleine Marpingen schwärmten, 5000 mehr als zum Papstbesuch in Mariazell.

Während P. Jörg Müller öffentlich beteuerte, er sei sicher, daß die Gottesmutter in Marpingen erschienen sei, schließlich habe er die Seherfrauen ausführlich befragt und beob-achtet, erklärte der zuständige Trierer Bischof Marx 6 Jahre später über die Marpinger Phänomene: „Es bestehen schwerwiegende Gründe, die es nicht erlauben, sie als übernatürliches Geschehen anzuerkennen.“

Dieses Urteil wird dem Bischof vermutlich nicht schwergefallen sein, wenn man sich einige „Botschaften“ von Marpingen vor Augen führt, so etwa folgende vom 6. September 1999: mtcarmelpic1

Eine der „Seherinnen“ auf die Frage „Was siehst Du denn?“:
„Die Mutter Gottes, die ist ganz lieb. Die ist heut so ganz so bißchen lustig und der Pater Pio ist so ganz lustig. Die sind richtig gut drauf, richtig lustig.“

Mit solchen Weisheiten wird sogar das Kindergarten-Niveau von Medjugorje noch unterboten, was der Bischof vermutlich weniger „lustig“ fand.

Das Buch von Pater Jörg enthält weitere „charismatische“ Spezialitäten, so auch die Be-hauptung auf S. 29 in Bezug auf die Zukunft der Kirche, es werde „ganz plötzlich der Umschwung und der Untergang ihrer Gegner kommen“. Hierbei verweist der Autor auf die „Träume“ Don Boscos.

Es kommt jedoch nicht auf Träume und Visionen von wem auch immer an, sondern auf Bibel und Dogma. Die Heilige Schrift lehrt, daß die Christenheit in der Endzeit verfolgt wird, somit der „Sieg der Kirche“ nicht im äußeren Triumph, auch nicht im „Untergang ihrer Gegner“ bestehen wird, sondern wie zu Anfang ihrer Existenz im Sieg des Glaubens durch Märtyrer. Erst danach kommt es zum endgültigen Triumph Christi über den Antichristen.

Es ist freilich typisch für Charismatiker, von äußeren Siegen und der Niederlage von Gegnern zu fabulieren. Ob dies etwas mit Leidensscheu zu tun hat? Mit dem Wunsch, ohne Kreuz zur Herrlichkeit zu gelangen? Wird damit nicht letzten Endes die wahre Nachfolge Christi verweigert?

Übrigens hat die Kirche schon im Hochmittelalter die charismatischen Endzeitschwärmereien eines Joachim von Fiore verurteilt, der öffentlich von einem „Dritten Reich des Hl. Geistes“ träumte, das auf das Erste Reich (AT) und das Zweite Reich (NT) folgen werde.Sayn-Abteikirche-DSC_0195-2

Was der selbsternannte Teufelsbanner dann aber auf S. 43 empfiehlt, ist selbst für cha-rismatische Verhältnisse recht ungewöhnlich. So befürwortet er ausdrücklich das Pendeln als Mittel der „Diagnose“ und lehnt es lediglich zu Zwecken der „Prognose“ ab. Damit verneint er zwar die Zukunftsdeutung, nicht jedoch die Hellseherei mittels dieser magi-schen Methode.

Überdies würdigt der Verfasser auf S. 64 f. das Autogene Training sowie die fernöstlich-heidnische Akupunkturmethode. Er berichtet, daß er selber seit langem „Kurse in Autogenem Training“ durchführt.

Hinsichtlich gewisser „Heilmethoden“ wie Akupunktur stellt er fest, man müsse „keineswegs für unchristlich erklären, was nachweislich heilt, auch wenn die Schulmedizin davon nichts hält“ (S.67). – Soll dies nun bedeuten, daß der Zweck die Mittel heiligt nach der Devise „Hauptsache, es hilft“ oder „Wer heilt, hat recht!“

Diese Haltung ist erkennbar „charismatisch“, um nicht zu sagen magisch, aber keineswegs christlich. Echte Gläubige denken stattdessen: „Alles, was Gottes Willen entspricht, ist gut, ob Krankheit oder Gesundheit, ob Freuden oder Leiden.“ – Christen orientieren sich am Vaterunser: „Dein Wille geschehe!“  –  nicht: „Mein Wille geschehe!’

Äußerst bedenklich ist es auch, daß der Palottinerpater sogar die Hypnose als Heilmittel bzw Therapie ansieht (S. 65). Offenbar ist dem jahrzehntelang tätigem Psychotherapeuten entgangen, daß die Hypnose inzwischen auch in seinem Fachbereich weitgehend abgelehnt wird (u.a. weil die „Übertragung“ und evtl. „Gegenübertragung“ von Patient und Therapeut nicht zur Sprache kommt).

Zudem wird Hypnose als Fremdsuggestion auch im Spiritismus, der Magie und in heidnischen Religionen eingesetzt. Durch die hypnotisch hervorgerufene Passivität des Verstandes entsteht ein Vakuum, in das leicht falschgeistige Einflüsse eindringen können, darunter auch dämonische Kräfte. Zudem besteht ohnehin die Gefahr einer Manipulation durch den Hypnotiseur bzw einer ungesunden mentalen Abhängigkeit von diesem.

Doch damit nicht genug. Charismatikerpater Müller erwähnt die als „Arme-Seelen-Mutter“ bekannte Maria Simma mehrfach positiv (S.62 und 104)). Wenig erstaunlich, war diese vermeintlich „Begnadete“ mit ihrer jahrzehntelangen Totenbefragung (eine spiritistische Methode, die von der Heiligen Schrift streng untersagt wird) doch zu Lebzeiten eine „gläubige“ Medjugorje-Anhängerin.

Sicherlich kann man Erscheinungen von „Armen Seelen“ nicht vorn vornherein ausschließen. Wenn jedoch jenseitige Wesen systematisch ausgefragt werden, hat dies mit

spontanen Phänomenen nichts mehr zu tun. Das Fegfeuer ist kein Auskunftsbüro und die Seelen im Läuterungszustand keine Ansammlung von Schwatzgeistern, sondern intensiv damit befaßt, ihre Seelen durch Leiden und Sehnsucht nach Gott zu reinigen, damit sie innerlich reif für den Himmel werden. Vermutlich handelt es sich bei Maria Simmas „Erlebnissen mit Armen Seelen“ entweder um Einbildung oder um Schwarzgeister.

Die Oberkrönung der Ver(w)irrungen dürfte auf S. 86 geboten werden, wobei man erfährt, daß Pater Jörg Müller „Erzbischof Milingo sehr schätzt“. weisselberg_memoriam

Das Buch aus dem Jahr 1998 ist geschrieben zu einem Zeitpunkt, als Milingo seine spektakulären Massenexorzismen in Rom veranstaltete, wobei er den Ungeist, den er zu bannen vorgab, wohl überhaupt erst herbeigerufen hat. Jedenfalls kam es dabei häufig zum Phänomen des ohnmächtigen „Rückwärts-kippens“, von Charismatikern als „Ruhen im Geist“ verherrlicht, in Wirklichkeit wohl eher ein Erschlagensein im Ungeist, denn der Heilige Geist tötet den Verstand nicht, er legt ihn (und den Menschen) nicht flach, sondern hält ihn wach und lebendig.

Noch im Mai 2001 traten Jörg Müller und Erzbischof Milingo nacheinander als Referenten im österreichischen Seminarhaus „Sonntagsberg“ auf, wobei der Pallotinerpater Priesterexerzitien hielt und der „Exorzist“ aus Rom Einkehrtage zum Thema „Heilung aus dem Leben mit Christus“.

Auch bei Pater Müller ist der charismatische „Heilungs“-Begriff fast allgegenwärtig, hat er doch ihn doch in mehreren Buchtiteln aufgeführt (zB. „Gott heilt auch dich“, „Heilung durch Versöhnung“, „Und heilt alle deine Gebrechen“). Er sieht sich auch selbst als „Leiter der Heilenden Gemeinschaft“ im Palottihaus München-Freising.

Der von ihm so sehr geschätzte Exorzist und „Heiler“ Milingo hat wenig später nicht nur den Zölibat, sondern auch den Katholischen Glauben verlassen und sich der falschpro-phetischen Mun-Sekte zugewandt, womit endgültig klar sein dürfte, daß er schon vorher von vielen guten Geistern verlassen war. Das kommt davon, wenn man sich zahlreicher „charismatischer“ Gaben rühmt, aber die notwendige Unterscheidung der Geister unterläßt.

Angesichts dieser Sachlage reibt man sich erstaunt die Augen und liest das Vorwort des Buches, stammt es doch aus der Feder von Weihbischof Franziskus Eisenbach aus Mainz, der sich gern in charismatischen Kreisen tummelte, was ihm nicht nur Freude brachte, sondern leider auch Skandale, denkt man an die Affäre mit einer Dame aus diesem Spektrum, die erst durch die Medien und dann durch die Gerichtssäle ging.

Obwohl der Weihbischof in seinem Vorwort betont, es bedürfe der „nüchternen Klarheit“ hinsichtlich der biblischen und kirchlichen Lehre „über den Dienst der Heilung und Be-freiung“, scheint ihm diese Nüchternheit abhanden zu kommen, sonst würde er nicht die „reiche Erfahrung“ würdigen, die Pater Jörg Müller „in diesem Bereich des kirchlichen Dienstes der Heilung und Befreiung“ gesammelt habe.

Dieses charismatische Zauberwort der „Heilung und Befreiung“ wiederholt der Weihbischof wie ein Mantra, wobei er die „innere Heilung“ nicht unerwähnt läßt, ja sogar von einer „nachkonziliaren Erneuerung der Kirche“ fabuliert, die darin bestände, daß man sich wieder auf „Heilung und Befreiung“ als Auftrag des Herrn zurückbesinne.

Fast entsteht der Eindruck, als sei das pastorale Rad nach 2000 Jahren neu erfunden worden, nicht zuletzt dank Psycho-Heiler Jörg Müller und seinem „Propheten“ Franziskus Eisenbach.

Felizitas Küble aus Münster leitet das Christoferuswerk in Münster

Mail-Kontakt: felizitas.kueble@web.de

Fotos: Archiv, Dr. Bernd F. Pelz