Zur Coronavirus-Krise in der Fastenzeit: Die Quarantäne in der Quadragesima

Von Pfarrer Felix Evers

Der Wegnahme folgt die Liebe immer; so überschrieb der Jesuitenpater Michael Schneider seinen Nachruf auf den Kölner Professor Wilhelm Nyssen.

Vom hl. Bonaventura stammt der Satz: „Ablationem sequitur amor semper – Der Wegnahme folgt die Liebe immer.“ Ablatio – Wegnahme – und amor – Liebe – sind die zentralen Bilder der Passionszeit.

Verzehrt vom Feuer der Liebe zum Bild, das er in sich trägt, muss ein Wort- und Bildhauer wie Ernst Barlach entfernen, wegnehmen, um aus einem vorläufigen Steinblock das end-gültige Bild herauszumeißeln. In der Wegnahme, nicht im Hinzufügen vollzieht sich die Wandlung des Skulptursteins in das Bild.

Skulpturen entstehen durch Ablatio; die ursprünglich differenzierte Bedeutung – eine Skulptur entsteht durch Hauen und Schnitzen, eine Plastik dagegen durch Auftragen von Material und Modellieren – ist heute leider nur noch selten im Sprachgebrauch anzutreffen.  

„40 Tage ohne“ überschreiben die Kirchen die Fastenzeit vor Ostern. In jeder Passionszeit sind die Hungertücher bekannt, die vor Kreuze und Bilder gehängt und oft reich verziert wurden, damit zu Ostern alle Sinne nach diesem Entzug neu geschärft sein mögen.

Der Wegnahme folgt die Liebe immer – was niemand geahnt hat, dass jetzt wirklich die ganze Welt ausnahmslos und religionsübergreifend eine Fasten- und Passionszeit durchlebt und durchleidet, zurückgeworfen auf das Private, dem öffentlichen Leben und „wilden Treiben“ pflichtmäßig entsagend, Fast- und Abstinenztage vor Ostern im wahrsten Sinne des Wortes. 

Tage wie ein immerwährender Karfreitag – still und klar. Könnte dies nicht die Chance inmitten einer Pandemie sein: „40 Tage ohne“, um das eigene Leben neu einzuüben?

Viele Menschen müssen jetzt des Coronavirus wegen in Quarantäne, also ohne Außenkontakt isoliert im Haus bleiben. Dass dies gerade in der „Quadragesima“ geschieht, also in der 40-tägigen Fastenzeit, dürfte nur wenigen bekannt sein – aber genau von diesem Begriff stammt die Quarantäne ab: „40 Tage ohne“!

Das Fest „Mariä Lichtmeß“ wird am 2. Februar gefeiert, 40 Tage nach Weihnachten, weil im biblischen Buch Levitikus 12, 3-4, zu lesen ist, dass eine Frau nach der Geburt ihres Sohnes 40 Tage lang als kultisch unrein gelte und nach dieser Quadragesima ein Opfer darzubringen habe – so wie es Maria im Tempel auch tat.

Dass Jesus 40 Tage lang in der Wüste gefastet hat, gab der „österlichen Bußzeit“ mit ihrem Passionsgedanken und der Karwoche neuen Sinn. Quarantäne in der Quadragesima – wer hätte das gedacht? 

Mir ist bewusst, dass viele Zeitgenossen vor einem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehen, weil sie auf Besucher und Einnahmen angewiesen sind; viele haben sich auf Urlaub und Erholung zu Ostern gefreut; viele müssen in den verlängerten Schulferien Mammutaufgaben der Betreuung bewältigen; viele sind voller Angst und Sorgen.

Gerade deshalb soll mein Rat nicht zynisch, sondern realistisch klingen: Not lehrt beten, Krisen schweißen die Familie und unsere ganze Gesellschaft gegen alle spalterischen Kräfte neu zusammen, fördern nie geahnte Solidarität.

Jetzt kommen manche Menschen zu Dingen, für die sonst keine Zeit hatten – zu einem „Frühjahrsputz der Seele“. Manche Italiener spielen auf ihren Balkonen Musik – unser Papst betet nach einem Spaziergang durch Roms menschenleere Straßen vor dem Pestkreuz – hoffnungsvolle Zeichen!

Mein Leitsatz in dieser Quarantäne-Quadragesima lautet nach Bonaventura: Der Wegnahme folgt die Liebe immer.

Gemälde: Evita Gründler

 


Mein Aufruf zu einem „stillen Advent“ mit geschichtlicher Besinnung

Von Almut Rosebrock

1789 – 1914 – 1939 – 1949 – 1989 – 2019

Vor 105 bzw. 80 Jahren tobten schlimme Kämpfe auf den Kriegs-Schlachtfeldern in Frankreich und Belgien. Der Bonner Maler August Macke war im Herbst 1914 bereits gefallen – neben vielen anderen hoffnungsfrohen jungen Männern, die voller Elan in den Krieg gezogen waren: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke

Wieviel LEBEN wurde dadurch für immer verhindert? Auf allen Seiten –  man darf in dem Gedenken niemanden ausschließen.

Wieviele jung Verlobte oder schnell Verheiratete blieben im Krieg – konnten gar nicht erst eine Familie gründen? Wieviele Mütter verloren ihre Söhne, Kinder ihre Väter und Großväter, ihre Geschwister – ein Bruder sowohl meiner Schwiegermutter als auch des Schwiegervaters blieb im KRIEG! Unsere Verwandtschaft könnte ganz anders aussehen … !

Und die NS-Verfolgung der Regime-Gegner, -Kritiker, „Ungewollten“ oder „Gehassten“ – sie wurden in Lager verschleppt und nicht selten grausam umgebracht.

In der kath. Hofkirche bzw. Kathedrale in Dresden wird einiger junger katholischer Geistlicher gedacht, die sich der Diktatur entgegenstellten – und das mit dem Leben bezahlten!

Im Totensonntaggedenken bei uns wurde dieses Jahr der Name „Renate Bethge, 93 Jahre, Viliprott“ verlesen. Sie war die Frau von Eberhard Bethge, des Schülers und theologischem Weggefährten von Dietrich Bonhoeffer, der es sich zur LEBENSAUFGABE gemacht hat, dessen Werke zu sichten und zu veröffentlichen.

Ohne ihn wäre Bonhoeffer ganz sicher nicht so bekannt, wie er es heute ist – er gehörte, nach seiner kritischen Arbeit auch schon zuvor, mit zum Kreis der Attentäter um Stauffenberg und wurde noch am 9. April 1945 von den Nazis hingerichtet.

Aus dem Gefängnis schrieb er zahlreiche Briefe an seine Verlobte Maria von Wedemeyer, die im Buch „Brautbriefe Zelle 92“ – Vorwort E. Bethge  – veröffentlicht sind: https://www.amazon.de/Brautbriefe-Zelle-Bonhoe…/…/3406608914

Das Leiden, Sterben, Verlorensein aufgrund der Diktaturen und Kriege – die aus „entarteter Macht“ heraus entstanden und sich entfachten – ist unermesslich.

Ich nehme in meine Betrachtung bewusst die Napoleon-Feldzüge mit hinein, die auf die Französische Revolution von 1789 – die auch viele Menschenleben kostete – folgten und die französischen Heerführer bis nach Rußland und Skandinavien auf „Eroberungsfeldzüge“ brachte!

Große Teile Deutschlands wurden in den Jahren französisch. Von 1803 – 1806 erfolgte unter Napoleons Ägide die „Säkularisation“, die Enteignung der Kirchen und Klöster – die die weitere Geschichte mit „prägte“.

Erst im Oktober 1813 gelang es, unter Zusammenschluss der Heere aus Russland, Österreich, Schweden, Polen, Preußen, usw., also wirklich einer „europäischen Gemeinschaftsaktion“, Napoleon mit seinen Heeren – denen sich teils auch deutsche Soldaten (gezwungenermaßen) angeschlossen hatten – in der Völkerschlacht bei Leipzig zurückzuschlagen.

Im Oktober 1913 wurde das Denkmal dieser Völkerschlacht ebendort eingeweiht: https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=v%C3%B6lkerschlachtdenkmal

Es stellt einen großen Turm dar – und das „Meer der Tränen“ im davorliegenden Bassin, das den Turm spiegelt.
Ob sich die Planer und Erbauer 1913 träumen ließen, wie bald Deutschland wieder in einen heftigen Krieg verwickelt sein würde?

DEMUT – BUßE – UMKEHR – GEDENKEN – INFORMATION zur GESCHICHTE – BESINNUNG – INNEHALTEN – KONSUMVERZICHT.

Das wären für mich Punkte, die der STILLE ADVENT 2019 beinhaltet. Ich werde ihn so leben und rufe Multiplikatoren dazu auf, ebenso zu gedenken. 

In dieser Vorbereitungszeit für Weihnachten, die GEBURT des Erlösers JESUS CHRISTUS, dessen wir gedenken, sich selbst etwas zurückstellen – und der MENSCHLICHKEIT, der FEHLBARKEIT, des LEIDENS, der VERSTORBENEN gedenken.

Das alles jedoch nicht rückwärtsgewandt – es gibt auch Grund zu DANKBARKEIT!
Aber geschichtsvergessen sollten wir darüber nicht werden. Darum dieser Aufruf, denn der ADVENT ist traditionell eine BUß- und FASTENZEIT!

Am 13.2.1945 erfolgte der verheerende Bombenangriff – in 3 Wellen bis zum Vormittag des 14.2. – auf DRESDEN, das ich gerade besuchte.

In der kath. Hofkirche (liegt neben dem aktuell bestohlenen Grünen Gewölbe!) findet sich eine Gedenkkapelle mit einer „Meißner Madonna“ von 1974, es ist also Gedenken aus der DDR-Zeit.

An der Rückseite dieser Kapelle stehen Texte, die der Bischof von Dresden-Meißen am 12.2.1945 – also am Tag vor der Zerstörung der Stadt – gebetet hat.

Dieser Text beinhaltet Buße und ein Schuldbekenntnis für die „schlimme aktuelle Lage des Landes“.
Er endet mit einem ÜBERGABEGEBET des Lebens an GOTT, den SCHÖPFER und ERHALTER des Lebens!

Mich hat dieser Text, als ich letztens zum Gedenken an 30 Jahre Friedliche Revolution in Dresden war, sehr angesprochen. Ich war dankbar dafür.
In der wieder aufgebauten Frauenkirche jedoch fehlt mir das Gedenken und die Demut – was mich traurig macht(e)!

SELBSTÜBERHEBUNG und ÜBERMUT sowie GESCHICHTSVERGESSENHEIT sind nicht gut.

Der Altar der (evangelischen) Frauen-Kirche, 1726 auf dem Grund einer Vorgängerkirche gebaut, der den in Gethsemane im Gebet ringenden Jesus zeigt, der Stärkung durch einen Engel empfängt, sprach mich dagegen an.
In der Kreuzkirche (evang., 1897 durch einen Brand bereits zerstört gewesen) ist das Altarbild der gekreuzigte JESUS. 
In der Hofkirche ist es der zum Himmel auffahrende Christus – nach seiner Auferstehung!

Auch das macht mir meinen bzw. unseren Glauben kostbar und wertvoll.

Das Menschenleben und -Tun ist zerbrechlich. Es hat seinen Anfang – und sein Ende. Dazwischen liegt unser LEBEN – das SO oder SO verlaufen kann…

EHRE und DANK sei GOTT, dem HERRN!


Der ADVENT: eine Zeit der Buße und Besinnung – und nicht des Frohsinns

Von Jörgen Bauer

Dieser Tage stieß ich auf ein nettes Adventsgedicht von Ulrike Rosenreich, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Akelei-DSC_0789-3-2

Zwischen Erntedank und Karneval     
kommst du in diese Welt.
Im Supermarkt im Keksregal
wirst du dann ausgestellt.
Mit Wiege, Englein, süßem Kind
stößt man den letzten drauf,
dass jetzt die Weihnachtszeit beginnt,
die beste Zeit zum Kauf.

Auch wenn ich jedem die Vorfreude und den Besuch des Weihnachtsmarktes gönne: Aber die Adventszeit ist eigentlich keine Zeit für Lichterglanz und Frohsinn, wie er uns in den Kaufhäusern, Super- und Weihnachtsmärken vermittelt wird.

Die kirchliche, liturgische Farbe ist im Advent violett. Violett bedeutet Buße und Einkehr. Es ist dieselbe Farbe, wie in der Passionszeit. Fröhlichkeit und Lichterglanz sind erst an Weihnachten, bei der Ankunft Jesu Christi, angesagt.

In den heutigen Versen geht es auch um Advent. Wir leben in der Zeit des Zweiten Advents. Wir erwarten die Wiederkunft des HERRN, der diesmal nicht als armes Kind in der Krippe, sondern als Herr aller Herren und König aller Könige für alle Welt unübersehbar in Erscheinung treten wird.  chrkn

Fröhlichkeit, Lichterglanz und Herrlichkeit sind erst dann angesagt, wenn der HERR da ist. Allerdings nur für die, die zu IHM gehören. Die Zeit davor ist einmal eine Zeit der Bedrängnis, aber auch der Einkehr und Umkehr.

So wie beim Sterben Jesu Christi am Kreuz auch die Schöpfung, mit Verfinsterung der Sonne und Erdbeben, reagierte, wird es auch sein, wenn der Herr wiederkommt. Nur in einem erheblich stärkeren, Angst und Entsetzen auslösenden Maße.

Es steht dazu geschrieben, dass Sonne, Mond und Sterne beteiligt sind und die Kräfte der Himmel ins Wanken kommen, also auch der Kosmos reagiert, und bei diesem Gedanken kann einem schon schwül werden:

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen, und den Völkern wird bange sein und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die da kommen sollen über die ganze Erde, denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.   (Lk 21, 25 f)

Wir fühlen uns auf der Erde ziemlich sicher. Naturkatastrophen, die nur die Erde betreffen, sind zwar schlimm genug, aber sie bringen die Erde nicht ins Wanken. Aber wenn das, was wir als absolut unwandelbar ansehen, wie der Schein der Sonne und der Lauf der Gestirne, ins Wanken kommt, dann muss das menschliche Entsetzen und Ohnmachtsgefühl furchtbar sein.

Dieser Tage sah ich wieder eine Sendung in BR-alpha. Der bekannte Professor Lesch sprach über Schwerkraft und auch darüber, dass unser Sonnensystem im Kosmos ziemlich einmalig sein dürfte, weil hier alles gewissermaßen „auf Kante genäht“ ist.

Die Planeten bewegen sich hinsichtlich der Schwerkraft auf einem ganz schmalen Grat, auf dem stabile und gleichmäßige Umlaufbahnen um die Sonne möglich sind. Schon das Fehlen eines Planeten könnte das genau austarierte Verhältnis ins Wanken bringen. Eigentlich ein Wunder, dass trotz störender Einflüsse, durch die Schwerkraft anderer Himmelskörper, alles seinen geordneten Gang geht. Aber dabei muss es nicht bleiben.

Auch wenn das Wunder unseres genau austarierten Planetensystems auf einen Schöpfer weist, ist die Blindheit des Unglaubens doch so groß, dass man lieber von einem „Zufall“ ausgeht, so wie er vorläge, wenn man das ganze Jahr über an jedem Wochenende 6 Richtige mit Zusatzzahl im Lotto hätte.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz