Vorsicht vor Grenzüberschreitungen und Missbrauch im „geistlichen“ Gewand

Von Felizitas Küble

Die Kirchengeschichte ist voll von religiöser Manipulation und Übergriffen im missbrauchten Namen Gottes  – oder speziell durch Vereinnahmung des „Heiligen Geistes“, zumal in der Pfingstbewegung und Charismatik, sicher auch in Sekten, Esoterik und Sondergruppen, aber beileibe nicht nur dort.

In pfingstlerischen Gruppen wird nicht selten eine Erwartungshaltung aufgebaut nach der Devise: Wer sich nach einer „Geisttaufe“ ausstreckt, gelangt zu einer höheren Stufe des Christenlebens – und dieser „Geistempfang“ erweist sich dann angeblich durch außerordentliche Charismata wie Zungenreden (Sprachengabe), prophetisches Reden, „Wort der Erkennis“, Heilungsgabe usw.

Von der Erwartungshaltung bis zum regelrechten Psychodruck ist der Weg nicht weit und mit vielen frommen Sprüchen bepflastert, teils auch mit mißbrauchten Bibelsprüchen (zB. „Strebt nach dem Geistesgaben“), die aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Hierzu zwei typische Beispiele: Auf dem evangelischen Blog „Unendlich geliebt“ findet sich bei den Leserkommentaren ein Erlebnisbericht, verfaßt am 30.4.2012: http://www.unendlichgeliebt.de/2012/04/27/geistlicher-missbrauch-was-ist-das/

„Miri“ schildert dabei folgende Vorgänge:

„…Nachdem ich gläubig wurde, war ich in einem Gebetskreis und der Leiter hat mich bedrängt wie ein Irrer, in Sprachen zu beten. Ich wollte das nicht und ich konnte das nicht.

Das Ganze artete so aus, dass er sich mit mir persönlich getroffen hat, und mich gedrängt hat, mich hinzuknien. Dann hat er für mich gebetet und gesagt, ich hätte jetzt die Sprachengabe.
Ich war nicht dieser Ansicht und ich wollte die auch gar nicht. Mir gings auch ohne gut. Und dann hat er mir irgendein Zeug vorgesprochen und mich nicht eher aufstehen lassen, bis ich irgendwas gelallt hab, und dann sagte er: Siehst Du, Du hast die Sprachengabe.

Ich find das bis heute total obernotpeinlich und wenn ich Charismaten in Sprachen beten höre, da krieg ich bis heute das K….., obwohl die alle ja bestimmt nett sind.
Später dann auch bei den Charismaten: Sooo, wir gehn jetzt alle nach vorn und heben die Hände.  – Ich wollte weder nach vorn noch die Hände heben.

Oder auch total krass: Bibel aufschlagen, und dann ist dies das Wort für Dich. Da hatten wir eine ziemlich labile Person  – und sie schlug die Kreuzigung auf. Die war total am Abdrehen, weil sie dachte: Jesus sagt mir, ich bin so schlecht, dass ich ihn kreuzige.  – Völlig durch den Wind. Sowas ist doch auch geistlicher Mißbrauch.“
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Ja, keine Frage, beidesmal handelt es sich um (un)geistliche Manipulation, im ersten Fall um eine massive Grenzüberschreitung gegen den Willen der gläubigen Person.
Aber auch das „Bibelstechen“, die Bibel-Mantik ist ein verfänglicher Aberglaube im frommen Mäntelchen: Die Heilige Schrift ist Gottes Wort für uns, aber kein Orakel, kein Ersatz für die Anwendung des eigenen Verstandes, den Gott uns gab, damit wir vernünftige Entscheidungen treffen.
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Siehe hierzu unseren Artikel aus dem Jahr 2012: https://charismatismus.wordpress.com/2012/05/20/bibelstechen-die-heilige-schrift-ist-kein-orakelbuch/ 


„Bibel-Lotto“ und Bibelstechen: Die Heilige Schrift ist kein Orakelbuch

Von Felizitas Küble

Die Übung des „Bibelstechens“  –  die Methode  wird auch als „Bibel-Lotto“ bezeichnet  –  ist auch und gerade in frommen Kreisen verbreitet, zumal bei evangelischen Christen, mitunter aber auch unter Katholiken. 

Der Name „Bibelstechen“ entstand deshalb, weil man mit einem spitzen Gegenstand  –  meist einem Messer  –  eine beliebige, zufällige Stelle aus der Heiligen Schrift aufschlägt und dann auf  jenen Vers oder Abschnitt achtet, den die Messerspitze zeigt; dies wird als Antwort von „oben“ auf offene Fragen oder Lebensprobleme verstanden; manchmal wird diese Methode auch vor schwierigen Entscheidungen angewandt, sei es die Wahl einer Arbeitsstelle oder gar eines Ehepartners usw.

Besonders problematisch ist es, wenn damit eine Art Zukunftsschau versucht wird.

Unter Völkerkundlern, Parapsychologen und Theologen spricht man von Stichomantie bzw. Bibliomantie oder einfach von Bibelmantik;  „Mantik“ bedeutet Wahrsagen und gehört zum Bereich der (letzten Endes heidnischen) Magie.

Ist das Bibelstechen etwa nicht ein guter Brauch, schließlich ist die Bibel doch das Wort Gottes?!  – Was soll falsch daran sein, die Heilige Schrift als Lebenshilfe einzusetzen?

Als Lebenshilfe kann und soll uns Gottes Wort immer wichtig sein, aber nicht als Orakel, denn das wäre eine Zweckentfremdung der Bibel für abergläubische Absichten.

Es wäre dies ein Wahrsagen mittels der Bibel, was aber ihrem Sinn geradezu widerspricht, denn die Heilige Schrift verurteilt abergläubisches Denken und Handeln.

Der hl. Papst Gregor der Große hat das „Bücherstechen“ bereits in der ausgehenden Antike grundsätzlich verurteilt, ob es nun um weissagenden Mißbrauch der Bibel oder sonstige, als heilig geltende Schriften ging, die als Orakel zweckentfremdet wurden. Das Wahrsagen durch Bücher wurde auch auf der Synode von Vennes (465 n. Chr.)  ausdrücklich verboten.

Die Bibel sollte auch nicht als „Partyspiel“ mißbraucht werden – so wird es zB. hier als „Silvester-Orakel“ empfohlen:  http://www.lizzynet.de/wws/30029604.php

Früher waren derartige „Prophezeiungsspiele“  auch in christlichen Häusern verbreitet, was die Sache aber nicht besser macht. Dabei wurde vor allem in der Silvesternacht auf Neujahr die Bibel mit dem Daumen seitlich geöffnet (daher sprach man auch vom „Däumeln“)  – und dann blind auf eine „zufällige“ Stelle gehalten. Was hier zu lesen war, sollte aufschlußreich für das bevorstehende Jahr sein.

In bibelorientierten evangelischen Kreisen sind die sog.  „Losungen“ bekannt, wobei in dem bekannten blauen Losungskalender für jeden Tag des Jahres bestimmte Bibelstellen präsentiert werden, die zuvor durch das Los ermittelt wurden.

Solange damit keine abergläubische Absicht (Wahrsagen!) verknüpft wird, solange diese Übung nur als tägliche kurze Bibellese zu frommer Andacht verstanden wird, ist nichts gegen die Lektüre eines Losungsbuch einzuwenden.

Anders sieht es aus, wenn z.B.  „Losungskärtchen“ in einem Kästchen gesammelt werden – und dann, wenn man „nicht mehr weiter weiß“, wenn schwierige Entscheidungen anstehen, wird erst gebetet und danach ein Kärtchen gezogen, das als direkte „Antwort des Himmels“ aufgefaßt wird. Eine solche Methode ist unerlaubte Wahrsagerei unter dem Vorwand frommen Betens.

Wenn jemand einwenden möchte, daß wir aber doch in bestimmten Situationen den Willen Gottes „ermitteln“ dürfen, so wollen wir bedenken, daß der Schöpfer uns den Verstand gegeben hat, damit wir ihn einsetzen  – und überdies haben wir aufgrund der göttlichen Gebote und der Botschaft Christi sowie der kirchlichen Lehre (zB. in der Moraltheologie) ausreichend klare Orientierungen, um uns im Leben und im Alltag zurechtzufinden.

Zudem können wir, wenn wir vor schwierigen Entscheidungen stehen, mit unseren Eltern oder guten Freunden sprechen und Rat erbitten – oder auch einen Seelsorger fragen. Manchmal helfen auch gediegene Ratgeberbücher, die im christlichen Geist verfaßt sind.

Als Satan von Christus in der Wüste ein „Schauwunder“ herausfordern wollte und hierbei (der Teufel ist ein gewiefter „Theologe“, wie man sieht!) eine Bibelstelle aus dem AT zwar korrekt (!) zitierte, aber für seine falschen Absichten mißbrauchte, hielt ihm Christus ein anderes Wort der Heiligen Schrift entgegen: „Du sollst den HERRN, Deinen Gott, nicht versuchen!“

Daran wollen wir uns orientieren und uns stets vor Augen halten: Es gibt keine bestimmte „Methode“, Gott gewissermaßen zum Reden zu zwingen. Der Ewige ist nicht der Erfüllungsgehilfe unserer „Glücksspielchen“, wir dürfen nicht über iHN verfügen wollen  – und ER läßt sich nicht für unsere Zwecke einspannen.

Außerdem kommt folgendes Problem hinzu:

Manche Stellen in der Bibel erscheinen uns mehrdeutig, vor allem, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, was ja beim Bibel-Lotto mehr oder weniger stark der Fall ist. Solche Verse in der Hl. Schrift eignen sich nun besonders, um sie mit unserem Wunschdenken zu befrachten bzw durch unsere subjektiven  Erfahrungen und Vorstellungen hindurch zu betrachten, zumal viele biblische Aussagen sowohl eine wörtliche wie eine symbolische „Bedeutungs-Ebene“ besitzen.

Zudem kann X unter auslegungsfähigen Begriffen wie zB. „Frieden“ oder „Freiheit“ oder „Liebe“ etwas anderes verstehen als Y  – je nach Temperament oder persönlichen Erfahrungen. Wir lesen solche Ausdrücke  also durch unsere eigene „Brille“.

Das ist weiter kein Problem, sondern ganz  natürlich  – aber im Falle des „Bibelstechens“ vermischt sich unsere „Brille“, unser bewußtes oder vielleicht eher unterschwelliges  Wunschdenken allzu leicht mit dem, was wir dann als „Gottes Wille“ interpretieren, nachdem wir eine bestimmte Bibelstelle „gestochen“ haben und diese wie wie ein Orakel (miß)verstehen. Es liegt auf der Hand, daß dies schon rein  psychologisch gesehen problematisch ist!

Gott hat uns in Taufe und Firmung mit den Gaben des Heiligen Geistes beschenkt, wobei zu den Sieben klassischen Gaben des hl. Geistes (die schon das Alte Testament bei Jesaja erwähnt), eben auch die Gabe des Verstandes zählt; seien wir Gott dankbar dafür und widerstehen wir allen Formen des Aberglaubens, denn auch der Aberglaube ist ein Feind des wahren Glaubens – und nicht etwa der Unglaube allein!

Der Aberglaube ist sogar die gefährlichere Bedrohung, weil sie oft nicht als solche erkannt und mit Gläubigsein verwechselt wird, was verhängnisvoll ist.

Abschließend noch eine passende Anekdote zum Thema, wohl nicht echt, aber gut erfunden:

Ein schwäbischer Pietist pflegte den Sonntag mit Bibelstechen zu beginnen. Beim ersten Stich geriet er an Mt  27,5: „Und Judas ging hin und erhängte sich.“ –  Klingt wenig erfreulich, also ein erneuter Anlauf. Nun wurde es dem ernsten Bibelforscher noch unbehaglicher: „Gehe hin und tue desgleichen!“ (Lk 10,37)  – Das dritte Stechen ließ den frommen Mann an Gottes weiser Führung verzweifeln: „Was Du tust, das tue bald!“ (Joh 13,27).

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster