Dekalog: Die Zehn Gebote als universaler Moralkodex für Juden und Christen

Aus einer Pressemitteilung der Universität Münster:

Der evangelische Bibelforscher Dr. J. Cornelis de Vos legt erste vollständige Untersuchung aller antiken Texte zum Dekalog vor  –  Jüdische und christliche Gruppen verschärften oder erweiterten die Verbote und Gebote, um ihre Gruppenidentität zu stärken  –  Sexualethische Normen angefügt, aber keines der Zehn Gebote wurde über Jahrhunderte je abgelehnt.nur-fuer-umbruch-3

Die Zehn Gebote sind eine Reihe von Geboten und Verboten des Gottes Israels in der Hebräischen Bibel. Dort stehen sie an zwei Stellen in leicht unterschiedlicher Version, z.T. wird im Buch Deuteronomium (5. Mose) etwas ausführlicher als im Buch Exodus (2. Mose) begründet, warum alle den Sabbat als Ruhetag halten sollen.

Der Dekalog wird als direkte Rede Gottes an sein Volk, die Israeliten, eingeleitet, und fasst Gottes Willen für das Verhalten ihm und den Mitmenschen gegenüber zusammen. Die Gebote des Dekalogs wurden vermutlich über mehrere Jahrhunderte mündlich überliefert, bis sie ihren Platz in der Tora, den ersten fünf Büchern der Bibel, fanden.

Die Zehn Gebote waren in den ersten Jahrhunderten der Verschriftlichung nach neuesten Forschungen lange nicht so in Stein gemeißelt wie vermutet:

„Gruppen von Juden und Christen veränderten sie zuweilen. Die eine Gruppe verschärfte das Tötungsverbot, eine andere erweiterte das Ehebruchverbot um sexualethische Normen, eine dritte fügte ein neues Gebot zum Bau eines Heiligtums hinzu“, erläutert Bibelforscher PD Dr. J. Cornelis de Vos vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster.

Er hat jüngst die erste Untersuchung sämtlicher überlieferter jüdischer und christlicher Texte aus der Frühzeit der Zehn Gebote in der Antike vorgelegt, die sich auf die Normen des Dekalogs beziehen:

„Die Menschen bezweifelten zwar nie, dass sich Gott mit den Zehn Geboten direkt an sie gewandt habe. Sie schreckten aber auch nicht davor zurück, den Dekalog umzuformen und eigene Normen daran zu binden. Sie schufen so feste Regeln, die ihre Gruppe nach innen stärken und nach außen abgrenzen konnten. Aber kein Gebot wurde je über die Jahrhunderte ausdrücklich abgelehnt.“news_buch_dekalog_230x345

Die Monografie „Rezeption und Wirkung des Dekalogs in jüdischen und christlichen Schriften bis 200 n. Chr.“ ist im Verlag Brill erschienen.

Der Autor untersucht in der Grundlagenstudie sämtliche jüdischen und christlichen Quellen von etwa 300 vor Christus bis 200 nach Christus, die auf den Dekalog zurückgreifen. Methodisch analysiert er sie bis in kleinste sprachliche Details wie veränderte Buchstaben, Silben oder umgestellte Textabschnitte.

Auch ordnet er die Quellen historisch und sozioreligiös ein. Der Theologe beginnt mit der Analyse der ältesten Übersetzung der Hebräischen Bibel, der Septuaginta, ins Griechische. Er untersucht dann den Samaritanischen Pentateuch, Qumranschriften und die syrische Übersetzung, sowie frühjüdische Schriften, das Neue Testament und frühchristliche Schriften.

„Es gab viele Änderungen“, so der Verfasser, „doch niemand lehnte eines der Zehn Gebote ausdrücklich ab oder ersetzte es. Vielmehr wurde der hohe normative Rang genutzt, um weitere Regeln für ebenso verbindlich zu erklären.“

Die Bergpredigt vertiefte und verschärfte die Zehn Gebote

Zur Bergpredigt aus dem Neuen Testament erklärt der Bibelwissenschaftler: „Der Evangelist Matthäus verlangt eine Verschärfung mancher Gebote.“  – Nicht erst das Töten sei ein schweres Vergehen, sondern auch bereits der Zorn oder Streit, denn sie könnten zum Totschlag führen: „So wird der Streit erstmals ins Tötungsverbot einbezogen“, sagt Dr. de Vos. dsc06228

Ähnlich weitet die Bergpredigt nach seinen Worten das Ehebruch-Verbot aus: Schon wenn ein Mann die Frau eines anderen Mannes begehrt, sei dies Ehebruch im Herzen. „Die Zehn Gebote der jüdischen Tora bleiben damit für Christen gültig, werden aber im Matthäus-Evangelium verschärft.“

„Die Zehn Gebote galten universal für alle Menschen – davon waren viele Juden und Christen überzeugt“, so der Bibelexperte. Das zeige sich in der Begegnung mit Politik, Philosophie und Ethik des nicht-jüdischen und nicht-christlichen Umfelds.

„Um Nichtjuden von der universalen Anschlussfähigkeit des Dekalogs zu überzeugen, wurden jüdische Aspekte heruntergespielt, etwa das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen.“  –  Die Juden Aristobulus und Philo von Alexandrien zum Beispiel stellten den Dekalog als universale, allerbeste Philosophie dar:

„Nach Philo entspricht der Dekalog dem universalen Naturgesetz. Aristobulus leitete gar aus dem Sabbatgebot ab, die Juden seien die besten Philosophen.“

Quelle: http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2016/nov/PM_Als_Juden_und_Christen_die_Zehn_Gebote_veraenderten.html


Jerusalem: Israelische Akademie würdigt deutschen Bibelwissenschaftler

Der Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Schorch von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) ist als erster Deutscher zum Ehrenmitglied der israelischen Akademie für hebräische Sprache  in Jerusalem gewählt worden. 

Mit der Ernennung werden Schorchs Beiträge zur Erforschung der hebräischen Sprache gewürdigt. Die israelische Akademie ist die höchste Institution für die Erforschung und Weiterentwicklung des Hebräischen.

Dr. Schorch (siehe Foto) wurde vom Vorstand der Akademie als Ehrenmitglied vorgeschlagen und zum Oktober 2016 in geheimer Wahl von den Mitgliedern gewählt. Diese Ernennung empfindet er als besondere Ehre:

„Ich verstehe die Aufnahme als hohe Anerkennung für die in der Bundesrepublik und in Halle heute geleistete wissenschaftliche Arbeit bei der Erforschung des Hebräischen. Diese steht bei uns ja immer auch vor dem belasteten Hintergrund der Vergangenheit, denn viele der hervorragendsten Kenner der hebräischen Sprache mussten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft akademische und persönliche Diskriminierungen, Verfolgung und sogar Tod erleiden.“

Prof. Schorch ist Professor für Bibelwissenschaften an der MLU und Spezialist für samaritanisches Hebräisch, das heute nur noch von einer kleinen Gruppe von 800 Personen im Gottesdienst gesprochen wird, vor 2000 Jahren aber ein weit verbreiteter hebräischer Dialekt war.

In seinen Forschungen kooperiert er bereits seit Jahren mit Mitgliedern der Akademie, vor allem im Rahmen eines Editionsprojektes zur Samaritanischen Tora, bei der Erarbeitung eines Samaritanisch-Hebräischen Wörterbuchs sowie bei der Erforschung der hebräischen Alltagssprache. „Wir suchen nach Schreibfehlern in den alten Handschriften, weil die uns verraten, wie damals gesprochen wurde. Viele dieser sogenannten Schreibfehler gehen nämlich gar nicht auf Versehen zurück, sondern auf den Dialekt der Schreiber.“

Die Akademie der Hebräischen Sprache, im hebräischen Ha’Akademia LaLashon Ha’Ivrit, ist die höchste Institution für die Erforschung und Weiterentwicklung der hebräischen Sprache und als solche in Israel gesetzlich verankert. Ihr Auftrag ist es, das Hebräische in allen Epochen zu untersuchen und seinen Wortschatz, auch den der Dialekte, zu sammeln.

Quellen: Israelische Botschaft, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg / Foto: Markus Scholz