Regensburg: Bischof würdigt Glaube und Kultur der vertriebenen Donauschwaben

„Das Kreuz gehört in den öffentlichen Raum“

Anlässlich der 59. Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben hat Bischof Dr. Rudolf Voderholzer in der Basilika St. Anna in Altötting am Sonntagvormittag eine Pontifikalmesse gefeiert. Während der sehr ermutigend wirkenden Predigt bat der Regensburger Bischof die zahlreich Anwesenden, die Sonntagskultur stark zu halten, das Kreuz im öffentlichen Raum wertzuschätzen und die Marienverehrung zu pflegen.

Er erinnerte an die große Bedeutung der Donauschwaben sowie überhaupt der Lebensleistung der vertriebenen Gläubigen innerhalb Europas – bis heute und gerade angesichts der Lage des Kontinents in dieser Zeit.

Der Bischof, der von der Herkunft seiner Mutter aus dem Sudetenland sehr geprägt wurde, sagte: „Es bewegt mich tief, zu erleben, mit welcher Hingabe Sie die geerbten Traditionen pflegen.“

Angesichts des zunehmenden Einflusses des Islam in Europa betonte der Regensburger Bischof die Notwendigkeit, den christlichen Glauben zu leben und zu bekennen. Er forderte dazu auf, die Sonntagskultur zu leben, denn mit dem staatlichen Schutz sei es nicht getan. Zu den Formen einer zeitgemäßen Sonntagskultur gehöre nicht zuletzt die Tracht. Zahlreiche Donauschwaben waren in ihrer traditionellen Tracht zu diesem Gottesdienst erschienen (siehe Foto).

Außerdem erklärte Bischof Dr. Voderholzer, dass zu den Grundlagen des christlichen Europa das Kreuz gehört. „Das Kreuz gehört in den öffentlichen Raum: Ich verstehe es nicht, wenn der Bayerische Ministerpräsident sogar aus kirchlichen Reihen heraus kritisiert wird, weil er das Anbringen von Kreuzen in öffentlichen staatlichen Räumen angeordnet hat.“ 

Das Kreuz stehe für die vor-staatlich religiösen Wurzeln unserer Gesellschaft und für ein Fundament, das sich der Staat nicht geben kann und das er nicht garantieren kann. Allerdings werde auf die Dauer auch ein Erlass nicht helfen, wenn es nicht Menschen gibt, die die Religion des Kreuzes von innen her leben und lieben, erklärte der Bischof.

Schließlich erinnerte der Regensburger Oberhirte auch an die große Bedeutung der Marienverehrung. Wallfahrtswege seien die Pulsadern des christlichen Europa und die Marienwallfahrtsorte seien Knotenpunkte der christlichen Vernetzung.

Bischof Voderholzer würdigte die Tatsache, dass die Wallfahrt die Donauschwaben nach Altötting führt. Abschließend stellte er fest: „Die Vertriebenenverbände und Volksgruppen sind prädestiniert, Förderer eines vereinten Europas auf der Basis des christlichen Glaubens zu sein. Niemand weiß mehr um die Bedeutung und die Notwendigkeit eines vereinten Europas auf der Basis des Christentums als Sie!“

Die Donauschwaben sind eine Gemeinschaft mit einer besonderen gemeinsamen Geschichte: Aus deutschen Ländern kamen sie ab dem Ende des 17. Jahrhunderts aufgrund von gewährten Privilegien in Gegenden an der Donau, die heute in den Staaten Ungarn, Rumänien und Serbien liegen. Die österreichische Kaiserin Maria-Theresia u.a. hatte sie gerufen, um das Land zu kultivieren, das im Zuge der Türkenkriege verwüstet worden war. Bald brachten sie die Gegenden durch handwerkliches wie auch landwirtschaftliches Geschick zur Blüte.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie nach Kriegsende flohen sie zum Teil. In großer Zahl wurden Donauschwaben, die geblieben waren, aber auch interniert, vertrieben oder zu vielen Tausenden in fürchterlichen Massakern ermordet. Schon immer spielte der katholische Glaube bei den Donauschwaben eine große Rolle, auch und gerade bei den Überlebenden, die diesen ihren Glauben bei ihrer Flucht und Vertreibung nach Österreich, Deutschland, weitere Länder Europas sowie überhaupt in die ganze Welt mitnahmen. 

Quelle (Text/Fotos): https://www.bistum-regensburg.de/news/sonntag-kreuz-maria-bei-der-christlichen-praegung-europas-haben-die-donauschwaben-eine-besondere-aufgabe-6151/

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Der selige Karl Leisner: Priester, Bekenner und Märtyrer in schwer bedrängter Zeit

Von Felizitas Küble

Tausende von katholischen Geistlichen waren Opfer der nationalsozialistischen Diktatur, weil sie tapfer für die Glaubensgrundsätze der Kirche eintraten, sich für Verfolgte einsetzen oder mutige Predigten hielten. Zu den Märtyrern der NS-Zeit gehört auch der junge Priester Karl Leisner aus dem Bistum Münster. 

Der Internationale Karl-Leisner-Kreis e.V. (IKLK) veranstaltete am 11. Mai 2018 auf dem Katholikentag in Münster eine Podiumsdiskussion unter dem Titel: „Versöhnung im Krieg unter Feinden – Die geheime Priesterweihe von Karl Leisner im KZ Dachau 1944“.

Teilnehmer auf dem Podium waren neben Bischof Dr. Rudolf Voderholzer der emeritierte Erzbischof von Hamburg, Dr. Werner Thissen, der Publizist und Pfarrer i. R. Hans-Karl Seeger, Altpräsident des IKLK, der im niederrheinischen Kleve unweit von Leisners Elternhaus aufwuchs und der Historiker Dr. Christoph Kösters von der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn; der Mitherausgeber des Buches „Priester unter Hitlers Terror“. Kösters widmet sich seit langem der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Leisner.

Der Gesprächsrunde gelangt es eindrucksvoll, das Leben und die Spiritualität des Seligen von verschiedenen Blickwinkeln aus zu würdigen.

Monika Kaiser-Haas, eine Nichte Leisners und Vizepräsidentin des IKLK, begrüßte die erwähnten Experten sowie Georg Walser (Redakteur des Michaelsbundes) als Podiums-Moderator; sie führte zugleich informativ ins Tagungsthema ein.

FOTO: Bischof Voderholzer beteiligte sich engagiert an dieser Podiumsdebatte

Zu Beginn der Veranstaltung wurden Ausschnitte aus dem Dokumentations-Film „Christ aus Leidenschaft“ präsentiert. Darin geht es um Leisners Glauben und Wirken, auch um seine frohe Zeit in der katholischen Jugendbewegung, wo er „brennende Herzen für Christus“ kennenlernt.

Früh warnte der klarsichtige junge Mann vor dem durch die NS-Bewegung aufkommenden Neuheidentum. Seine tapfere Haltung führt ihn letztlich ins KZ Dachau  – dem größten Priestergefängnis, das es je gab (insgesamt wurden über dreitausend Priester dort festgehalten).

Dr. Kösters erwähnte zum Thema Neuheidentum, daß gerade Bischof Clemens Graf von Galen (zu dessen Bistum Münster auch Karl Leisner gehörte) vor allem die katholische Jugend davor warnte und dem NS-Chefideologen Rosenberg öffentlich widersprach. Das national-sozialistische Neuheidentum sei letztlich ein säkularer Religionsersatz gewesen, erklärte der Historiker.

Pfarrer Seeger schilderte sodann kenntnisreich die risikoreichen Vorbereitungen und den Ablauf der Priesterweihe sowie der ersten heiligen Messe, die Karl Leisner im KZ Dachau zelebrierte  – natürlich unter größter Geheimhaltung, um den NS-Schergen nicht aufzufallen.

Aus Sicherheitsgründen durfte von der Primizmesse kein Foto hergestellt werden (wobei ein Bild von dem provisorischen Altarraum existiert, jedoch ohne Personen).

Der französische Bischof Piguet habe damals gesagt, für die Spendung einer Priesterweihe riskiere er sein Leben, aber nicht für ein Foto. Er war übrigens der einzige französische Oberhirte, der in einem KZ gefangengehalten wurde, wie Pfr. Seeger anmerkte.

Die Bilder von Karl Leisner – z.B. mit Meßgewand (siehe Foto rechts) wurden zwei Tage vor der Priesterweihe beim Üben der Zeremonien angefertigt.

Damals – im Dezember 1944 – gab es bereits gewisse Auflösungserscheinungen bzw. weniger strikte Kontrollen in Dachau; in der Zeit davor wären diese gewagten Vorgänge einem größeren Risiko ausgesetzt gewesen.

Bischof Voderholzer berichtete, dass er seit langem von diesem glaubensstarken Geistlichen tief beeindruckt ist. Dieses besondere Schicksal  –  Leisners Priesterweihe im KZ –  sei zudem weltweit einzigartig und zugleich ein Zeugnis christlicher Völkerverständigung inmitten kriegerischer Auseinandersetzungen; denn der ebenfalls in Dachau inhaftierte französische Bischof Gabriel Piguet hat die Weihe am 17.12.1944 vorgenommen.

Das Wasser sei gleichsam stärker als das Blut, so der Bischof: Die Taufe könne Menschen tiefer miteinander verbinden als die nationale Zugehörigkeit. Darin liege Leisners Bedeutung für ein christliches Europa.

Dabei betonte er, die eigentlichen Pulsadern Europas seien nicht zuletzt die Wallfahrtsorte. So habe es sogar im 1. Weltkrieg weiterhin viele Pilgerfahren von Deutschen nach Lourdes gegeben, ebenso Partnerschaften zwischen bischöflichen Städten über Grenzen hinweg.

Die einzige hl. Messe Leisners bis zu seinem Tod am 12.8.1945 war seine Primizfeier im Priesterblock des KZs. Bischof Voderholzer erwähnte, jeder Priester möge die hl. Messe so würdig feiern, als wäre es – wie bei Leisner – seine erste und seine letzte.

Zudem erinnerte der Regensburger Oberhirte an die besondere Bedeutung der jungen „Botin“ Josefa Mack, ohne die Leisners Priesterweihe nicht möglich gewesen wäre; die hat die nötigen liturgischen Gegenstände (auch das geweihte Katechumenen-Öl für die Salbung der Hände), die sie von Kardinal Faulhaber (München) erhielt, unter Todesgefahr in den Priesterblock von Dachau eingeschmuggelt.

Die spätere Nonne (ab ihrem Ordenseintritt hieß sie „Maria Imma“) sei ebenso mutig wie bescheiden gewesen, sagte der Bischof; sie habe erst im höheren Alter von ihren heroischen Taten – darunter das Einschmuggeln von Lebensmitteln ins KZ – berichtet und ihre Lebenserinnerungen „Warum ich Azaleen liebe“ veröffentlicht.

Sodann erläuterte der Bischof, dass Selig- und Heiligsprechungen letztlich durch das gläubige Volk angeregt werden, denn der zuständige Bischof müsse sich vergewissern, dass im Kirchenvolk eine „hinreichende Verehrung“ für eine vorbildliche Persönlichkeit vorhanden ist, bevor er den diözesanen Seligsprechungs-prozeß eröffnen könne.

FOTO: Dr. Kösters (links) und Pfarrer Seeger informieren über Leisners Glauben und Leben

Somit erfülle die Kirche, wenn sie einen Gläubigen zur „Ehre der Altäre“ erhebe, quasi den Wunsch des Kirchenvolkes und bestätigte dessen bereits vorhandene Verehrung.

Erzbischof Thissen wies darauf hin, daß der selige Karl Leisner den  – ebenfalls seliggesprochenen   –  Münsteraner Oberhirten von Galen als Identifikationsfigur annahm und wahrnahm. Er habe den unbeugsamen Bischof 1934 erstmals bei einer Begrüßung der neuen Theologen im Borromäum in Münster erlebt, aber auch bei späteren Gelegenheiten, etwa als Meßdiener im Paulus-Dom von Münster.

Dr. Thissen würdigte auch den Mut von Bischof Piguet, der Leisner im KZ zum Priester geweiht hatte, was für den französischen Würdenträger lebensgefährlich war. Sodann sagte der frühere Hamburger Oberhirte, daß Leisner sowohl von der Lebensfreude der Menschen vom Niederrhein geprägt war wie auch von der Bodenständigkeit und Treue, die man den Westfalen gerne nachsagt.

Zudem erwähnte der emeritierte Bischof, wie es zu der 1996 erfolgten Seligsprechung Leisners gekommen ist. Pfarrer Seeger nannte sodann weitere Details, auch über das diözesane Seligsprechungsverfahren, das Bischof Heinrich Tenhumberg von Münster im Jahr 1973 eröffnete.

Bei Karl Leisner wurde bei der Vorbereitung der Seligsprechung das anfängliche Bekenner-Verfahren zu einem Märtyerer-Verfahren umgewandelt; somit brauchte kein Wunder auf seine Fürsprache hin geschehen.

Dr. Kösters betonte, daß die Blutzeugen der „Stachel im Fleisch“ der Kirche seien; denn sie fordern uns alle heraus und folgten Christus nach bis zum Letzten.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den Jugend-Verlag KOMM-MIT und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

Fotos: Felizitas Küble


Resonanzfähigkeit: Wie der christliche Glaube Herz und Geist des Menschen öffnet

Von Felizitas Küble

Die Deutsche Bischofskonferenz führte erstmals eine eigene Veranstaltung auf dem Katholikentag durch: Am 11. Mai 2018 gab es im Franz-Hitze-Haus ein Hearing unter dem Leitwort „Im Heute glauben – Der Beitrag der kath. Kirche für den Zusammenhalt der Gesellschaft“

Die Tagung gehört zum „Dialogprozess“, der im September 2019 mit einer weiteren Veranstaltung fortgesetzt wird.

Zu den teilnehmenden Diözesanbischöfen gehörten Franz-Josef Overbeck (Essen), Georg Bätzing (Limburg), Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttg.) und Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg.

BILD: Aufmerksame Zuhörer beim Katholikentags-Hearing (vorne rechts: Bischof Voderholzer)

Nach einer Begrüßung durch Bischof Overbeck und einer Ansprache des ZdK-Präsidenten Dr. Thomas Sternberg führte Prof. Dr. Hartmut Rosa aus Jena (siehe Foto) mit einem Impulsreferat in das Tagungsthema ein.

Dabei kreiste er um das Thema Resonanzfähigkeit und die Frage, ob diese „religiöse Tugend“ als Voraussetzung für eine rechtsstaatliche Demokratie anzusehen sei.

Der Soziologe betonte, Politik müsse mehr beinhalten als Interessenvertretung und Konfliktlösung. Das Gemeinwohl sei sowohl eine regulative Idee wie auch ein zu gestaltendes Projekt, das auf Resonanz beruhe – und somit auf einem aufmerksamen Hören und einer qualifizierten Antwort, wozu gerade die Religion hilfreich sein könne.

Der christliche Glaube mache erfahrbar, dass Gott mich hört und ich ihm antworten kann. Sünde sei Verlust der Resonanz mit ihm, eine Entfremdung gegenüber dem Schöpfer und der Schöpfung.

Gott ruft uns bei unserem Namen, seine Gnade ist unverfügbar und seine Zuwendung kann Menschen verändern und heilen. Die Kirche könne daher dem Menschen im entscheidenden Bereich des Lebens-Sinnes eine „Resonanz“ ermöglichen.

Der Gläubige öffnet sich im Gebet sowohl nach innen wie nach außen. Das eröffnet gleichsam eine „vertikale Achse“ (von der Erde zum Himmel).

Im Abendmahl bzw. der Eucharistie gibt es sogar eine dreifache Achse: zu Gott – zu den Mitchristen – zur Schöpfung: (Brot und Wein) als Gaben für die Feier. So könne der Glaube die „Taubheit“ gegenüber Gott, Mensch und Natur durchbrechen.

Sowohl in geistlicher wie in menschlicher Hinsicht seien „Echo-Räume“ zu vermeiden, in die man sich ein-igelt, in denen man sich letztlich nur selber bestätigt.

Kirche der Zukunft: Hörerin des Wortes Gottes  

Im Anschluss an diese Rede wurden ein halbes Dutzend Gesprächsgruppen mit fünfzig bis hundert Teilnehmern gebildet.

Bischof Rudolf Voderholzer beteiligte sich ebenso wie Karin Schlecht (Vorsitzende des Regensburger Diözesankomitees) an der Diskussionsrunde in Gruppe 4.

BILD: Bischof Voderholzer mit anderen Teilnehmern in einer Gesprächsrunde

Dr. Voderholzer wies darauf hin, dass unser Glaube vom Hören kommt, wie Paulus schreibt. Zugleich sei er unsere Antwort auf Gottes Wort. Eine missionarische Kirche setze die „Selbstevangelisation“ der Katholiken voraus.

Wir seien, so der Bischof weiter, keine willenlosen Resonanzkörper, sondern personale Wesen, die Gott beim Namen ruft. Eine Kirche der Zukunft sei daher eine „Hörerin des Wortes“; daraus folge die Antwort des Glaubens und das Handeln in der Nachfolge Christi. Wir sind zur Freiheit befreit durch den, der uns beim Namen ruft.

Andere Teilnehmer, darunter Bischof Bätzing, knüpften daran an und betonten, wir sollten als Christen unsere Stärken aus dem Glauben erkennen. Religion sei aber mehr als nur ein sozialer „Kitt“ der Gesellschaft. Vertrauen in Gott erleichtere das Vertrauen ins Leben und zu den Menschen.

Ein Priester beklagte, daß manche Katholiken die Kirche gleichsam als ihr „Gegenüber“ ansehen  – und weniger sich selber als lebendies Glied dieser Kirche.

Fotos: Felizitas Küble


Katholikentag: Bischof Voderholzer erinnert an Karl Leisner und Josefa Mack

Der Internationale Karl-Leisner-Kreis e.V. (IKLK) veranstaltete am 11. Mai 2018 auf dem Katholikentag in Münster eine Podiumsdiskussion unter dem Titel: „Versöhnung im Krieg unter Feinden – Die geheime Priesterweihe von Karl Leisner im KZ Dachau 1944“.

Teilnehmer waren neben Bischof Rudolf Voderholzer (siehe Foto) der em. Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, der wie Leisner im niederrheinischen Kleve geboren ist. Als weitere Gäste beteiligten sich Pfarrer i.R. Hans-Karl Seeger vom IKLK und der Bonner Historiker Dr. Christoph Kösters (Kommission für Zeitgeschichte, Bonn), um das Leben und die Spiritualität Leisners zu würdigen.

Bischof Voderholzer berichtete, dass er seit langem von diesem glaubensstarken Geistlichen tief beeindruckt ist. Sein besonderes Schicksal  – die Priesterweihe im KZ –  sei zudem weltweit einzigartig und zugleich ein Zeugnis christlicher Völkerverständigung; der ebenfalls in Dachau inhaftierte französische Bischof Gabriel Piguet hatte die Weihe am 17. Dezember 1944 vorgenommen.

Zudem erinnerte der Regensburger Oberhirte an die besondere Bedeutung der jungen „Botin“ Josefa Mack, ohne die Leisners Priesterweihe nicht möglich gewesen wäre, da sie nötige liturgische Gegenstände, die sie von Kardinal Faulhaber erhielt, unter Todesgefahr ins KZ Dachau einschmuggelte. Die spätere Ordensfrau (ab ihrem Ordenseintritt hieß sie „Maria Imma“) sei ebenso mutig wie bescheiden gewesen, sagte der Bischof, der sie persönlich kannte; sie habe erst im höheren Alter von ihren heroischen Taten berichtet und die Autobiographie „Warum ich Azaleen liebe“ veröffentlicht.

Quelle und vollständiger Text hier: http://www.bistum-regensburg.de/news/katholikentag-in-muenster-bischof-voderholzer-wuerdigt-den-seligen-karl-leisner-und-josefa-mack-als-vorbild-fuer-glaeubige-6056/

Foto: Felizitas Küble


Regensburg: Klares ökumenisches JA zum Kreuz in öffentlichen Einrichtungen

Der katholische Bischof Dr. Rudolf Voderholzer (siehe Foto) und der evangelische Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss  – beide Regensburg  –  äußern sich in einer heutigen Stellungnahme gemeinsam zur Debatte um das Kreuz in öffentlichen Räumen staatlicher Einrichtungen: 

Aus Dankbarkeit für das gerade im Gedenkjahr der Reformation gewachsene ökumenische Vertrauen zwischen unseren Gemeinden und in christlicher Verantwortung für die Seelsorge an den Menschen in unserm Land möchten wir uns in einer gemeinsamen Stellungnahme zur aktuellen Diskussion um das Kreuz äußern.

Die bayerische Staatsregierung unter dem neuen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder hat verfügt, dass im Eingangsbereich staatlicher Einrichtungen sichtbar ein Kreuz aufgehängt werden soll. Dieser Erlass hat wenig Lob und viel Kritik auf sich gezogen. Die öffentlich vorgebrachten Argumente gipfelten in dem Vorwurf der Instrumentalisierung eines religiösen Symbols für Wahlkampfzwecke.

Diese Meinung teilen wir nicht, sondern begrüßen und unterstützen, wenn das Kreuz im öffentlichen Raum präsent ist – auch und erst recht dort, wo politische und/oder administrative Verantwortung für unser Gemeinwesen wahrgenommen wird.

Für uns sind dabei die folgenden Gründe maßgeblich:

Das Kreuz ist ein kostbares Erinnerungszeichen. Es ruft in Erinnerung, dass das „Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen“ zu den Grundwerten unseres Gemeinwesens und insbesondere unserer verfassungsmäßigen Ordnung gehört (vgl. die Präambel des Grundgesetzes).

Die Väter und Mütter der Bayerischen Verfassung haben nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und unter dem Eindruck der Selbstvergötzung des Staates mit den bekannten verheerenden Folgen für Europa und die ganze Welt dem Verfassungstext eine „Invocatio Dei“ (Anrufung Gottes) vorangestellt und darüber hinaus die Ehrfurcht vor Gott als Bildungsziel formuliert.

Dies geschah in der Überzeugung, dass eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft von Voraussetzungen lebt und auf Fundamenten aufbaut, die sie selbst nicht garantieren kann, um es mit Ernst-Wolfgang Böckenförde zu formulieren.

Historisch und sachlich betrachtet ist in unserer bayerischen Heimat die christliche Religion das Fundament der staatsbildenden Grundwerte. Das im christlichen Glauben gründende Wertesystem prägt und formt unsere Gesellschaft positiv, und zwar auch dort, wo ihr dies längst nicht mehr bewusst ist.

An die Botschaft des Kreuzes erinnert zu werden ist nicht nur zumutbar, sondern auch hilfreich, auch für jene, die diesen Glauben nicht teilen.
Das Kreuz steht stellvertretend und symbolisch für das vor-staatliche Fundament der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Das Kreuz bewahrt den Staat vor der Versuchung, sich totalitär des Menschen zu bemächtigen.
Das Kreuz erinnert alle Frauen und Männer, die im Dienst des Staates stehen, an ihre Verantwortung, der Würde und Freiheit der Menschen zu dienen.
Am Kreuz hängt der Grund unserer Menschenrechte.

Wir wissen auch, dass das Kreuz schon politisch und militärisch missbraucht wurde, und dass die Menschenrechte vor 200 Jahren zum Teil gegen die Kirchen zur Geltung gebracht wurden. Die Gründe dafür sind komplex und müssten eigens angeschaut werden.

Fest steht aber auch, dass die Menschenrechte einen religiösen, jüdisch-christlichen Hintergrund haben. Die Menschenrechte widerspruchsfrei zu begründen, ist ohne den Rückgriff auf die Wirklichkeit Gottes kaum möglich, wie ein Blick in Staaten mit anderer geistig-geistlicher Tradition (z.B. China) zeigt.

Das öffentlich angebrachte Kreuz sichert die Grundlagen der Neutralität des Staates im Sinne der Freiheit der Religionsausübung. Das Kreuz Christi steht für Versöhnung, ja sogar für die Möglichkeit der Versöhnung von Tätern und Opfern. Das Kreuz steht für die Achtung der Würde jedes Einzelnen, besonders der Schwachen und Hilfsbedürftigen. Vor dem Kreuz als dem Zeichen der verwandelnden und erlösenden Kraft der Liebe muss sich niemand fürchten.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat die Gefahr angedeutet, dass der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat von seinen vorgegebenen religiösen Fundamenten „zehrt“ und dass diese vielleicht einmal aufgezehrt sein könnten. So muss es jedem und jeder Verantwortlichen in der Politik ein Anliegen sein, für den Erhalt dieser dem Zusammenleben vorausliegenden Grundlagen Sorge zu tragen.

Dass es mit dem Anbringen von Kreuzen alleine nicht getan ist, wird niemand bestreiten. Aber dieser symbolischen Selbstvergewisserung der eigenen Grundlagen nur unlautere Motive zu unterstellen, verkennt die Notwendigkeit einer auch zeichenhaften Vergegenwärtigung der religiösen Fundamente.

Wir sind jeder Politikerin und jedem Politiker dankbar für das öffentliche Bekenntnis zu den vorpolitischen Fundamenten unserer Gesellschaft. Wir sehen darin den Auftrag an alle Christinnen und Christen verwirklicht, unsere Gesellschaft positiv aus dem Geist des Evangeliums mitzugestalten. Wer sich auf das Kreuz beruft und unter das Kreuz stellt, wird sich auch an seinem Anspruch messen lassen.

Wir erinnern uns in diesen Tagen gerne an die Worte von Landesbischof Dr. Hermann von Loewenich, der 1995 deutlich machte, dass das Kreuz den Menschen davor bewahrt, sich selbst zu überschätzen und ihm den Weg zum Himmel weist:

Das Kreuz „stellt uns alle in Frage, wenn wir uns eine Religion wünschen, die nur unserer Selbstbestätigung oder unserm eigenen Glück dient. Es redet ja von Gericht und Gnade, darum kann es für jeden von uns auch zum Ärgernis und zur Torheit werden. Es warnt uns vor Missbrauch, es warnt uns davor, unsere Bäume in den Himmel wachsen lassen zu wollen. Allein das Kreuz verbindet uns mit dem Himmel. Es ist eine Gotteskraft  –  sagt der Apostel Paulus  –  und sie verhilft uns, unser Kreuz auf uns zu nehmen und im Geist Jesu Christi menschlich zu handeln.“

Diesem Zuspruch und diesem Anspruch fühlen wir uns in unserem gemeinsamen ökumenischen Anliegen verbunden. Wir hoffen auf eine freundliche und hilfreiche Diskussion über die angesprochenen Sachfragen.

Regensburg, den 3. Mai 2018

Dr. Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg
Dr. Hans-Martin Weiss, Regionalbischof im Kirchenkreis Regensburg

Quelle: Bistum Regensburg

 


Karfreitags-Liturgie im Regensburger Dom

Bischof Dr. Rudolf Voderholzer hat heute die Karfreitagsliturgie im Dom St. Peter in Regensburg zelebriert.

Es ist eine nüchterne Liturgie, in der des Todes Christi gedacht wird. Gottes Heilswerk wird auf beinahe beklemmende, aber durchaus nicht hoffnungslose Weise deutlich.

Das aufgestellte Kreuz wird als Zeichen des Heils verehrt. Zuvor tragen Domspatzen die Leidensgeschichte nach dem Evangelisten Johannes vor. Streng ist die Liturgie, insofern keine Orgel ertönt und auch die Glocken verstummt sind – während des Gottesdienstes am Gründonnerstag haben sie zum letzten Mal geläutet.

Passend zur großen Stille am Karfreitag, der auch staatlicherseits ein stiller Feiertag ist, verharren die Glocken ebenfalls regungslos.

Nur menschliche Stimme in Lesung, Gebet, Gesang und Predigt ist im Gottesdienst zu vernehmen. Ganz zu Beginn der Feier verharren Bischof und Diakon ebenerdig ausgestreckt zum Gebet – als Demutsgeste angesichts des Heilsgeschehens, in dem Gott seinen einzigen Sohn dahingegeben hat. .

Der Bischof deutete in seiner Predigt die biblische Lanzenstich-Szene, wonach ein Soldat Jesus am Kreuz mit der Lanze die Seite durchstieß. Es flossen Blut und Wasser hervor. Durch die Sakramente ist Christus für alle Zeiten gegenwärtig. Das Wasser steht für die Taufe, das Blut für die Eucharistie.

Sodann erinnerte der Bischof an Arnaud Beltrame: er wurde umgebracht, die Geisel aber lebt. Beltrame war der heldenhafte Polizist, der sich bei der Geiselnahme vor einer Woche in Südfrankreich dem Attentäter auslieferte und von diesem hingerichtet wurde.

Die Antwort des Menschen auf Gottes Hingabe am Kreuz kann bis zum eigenen Lebensopfer gehen, so der Bischof. Der Polizist hatte unlängst neu zu seinem katholischen Glauben gefunden.

Außerdem sagte der Regensburger Oberhirte, dass es nirgends eine solch hohe Wertschätzung für schwache und behinderte Menschen geben würde wie dort, wo der Geist Christi das Leben prägt.


Bischofwort: Der „Marsch für das Leben“ will die Stimme der Schwächsten sein

Predigt von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer (Regensburg) beim Marsch fürs Leben in Berlin am 16.9.2017:

Wir sind am Ende unseres Marsches durch die Berliner Innenstadt angekommen und zwar beim Höhepunkt, nämlich der gemeinsamen Gottesdienstfeier. Wir hören gemeinsam auf Gottes Wort und mit Psalmen, Hymnen und Liedern loben und preisen wir den Schöpfer und Erlöser.

Lassen Sie mich zunächst Ihnen allen ein herzliches bayerisches „Grüß Gott“ sagen und ein herzliches „Vergelt‘s Gott“, dass Sie in so großer Zahl nach Berlin gekommen sind, um dem Lebensrecht auch der Schwächsten eine Stimme zu verleihen.

Danke aus ganzem Herzen auch an alle Polizistinnen und Polizisten, die uns beschützt und somit das staatsbürgerliche Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt haben. Danke auch dafür, dass wir durch das Brandenburger Tor ziehen durften. Das Anliegen, das uns verbindet, entspricht diesem Symbol der Freiheit und der Einheit des deutschen Volkes.

Das lautstarke Geschrei und die Obszönität des Protestes, der uns entgegenschlägt, ist ein untrüglicher Beweis dafür, dass wir etwas Wichtiges zu sagen, etwas Notwendiges zu vertreten, etwas Heiliges zu schützen haben.

Für mich ist dieser ökumenisch getragene Marsch für das Leben ein großes ökumenisches Hoffnungszeichen, ein Stück schon verwirklichter, sichtbarer Einheit der Kirche, besonders in diesem Jahr des 500-jährigen Reformationsgedenkens. Danke für dieses ökumenisch ermutigende Zeichen.

Einsatz für die natürliche Ethik und die „Goldene Regel“

Gerne greifen wir die Bitte unserer Schweizer Freunde auf, mit Ihnen zu beten für das Leben. Ja, wir sind gekommen, um zu beten für Frauen in schwierigen 

Entscheidungssituationen, dass sie die richtigen Ratgeber bekommen, um zu beten für Familien, die sich materiell und ideell schwertun zu überleben, um zu beten für die Beraterinnen, um zu beten für die Frauen, die unter einem Post-Abortion-Syndrom leiden, wovon nur wenig gesprochen wird, um zu beten für alle, die heimatlos sind, kein Dach über dem Kopf haben und sich sehnen nach einer lebenswerten Heimat und um zu beten für alle, die Dienst in den Hospizen und auf den Palliativstationen tun, um Menschen einen lebenswürdigen Lebensabend zu schenken, damit sie nicht durch die Hand anderer, sondern gehalten von der Hand anderer den letzten Weg antreten können.

Wenn wir zusammen gekommen sind, um zu beten und Gottes Wort zu hören, dann dürfen wir uns ruhig zuerst bewusst machen, dass uns nicht erst Gottes Wort und unser christlicher Glaube verpflichten, die Stimme zu erheben für das Leben, insbesondere für die Schwächsten in unserer Gesellschaft, sondern erst schon einmal die Vernunft und das natürliche Sittengesetz, das uns als Handlungsregel nahelegt, mit anderen so umzugehen, wie wir selbst es für uns wünschten: die Goldene Regel.

Darüber hinaus hat das Grundgesetz unseres Landes – unter dem Eindruck der Folgen einer menschenverachtenden Ideologie – im ersten Artikel festgehalten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung der staatlichen Gewalt.“  – In Artikel 2 heißt es: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ 

Lebensrecht ab der Empfängnis

Diese Rechte gelten für das Leben jeder menschlichen Person vom ersten Augenblick der Empfängnis bis zu ihrem letzten Atemzug, unabhängig davon, ob die betreffende Person den ästhetischen, ökonomischen oder sonstigen Erwartungen und Vorstellungen anderer oder der Gesellschaft entspricht. Jede menschliche Person ist ein Zweck an sich selbst, darf dementsprechend auch nicht anderen Interessen geopfert werden.

Diese elementaren Einsichten, erarbeitet vor allem von der großen deutschen Philosophie, sind der menschlichen Vernunft evident. Und sie gehören zum Fundament unserer freiheitlichen Gesellschaft.

Wir sollten sie und ihren philosophisch einsichtigen Geltungsanspruch nicht leichtfertig preisgeben und uns nicht zu früh auf die Position des Glaubens stützen.

Das Thema Lebensrecht ist nicht erst ein christliches Thema, es ist ein Menschheitsthema. Es geht um das Recht, um die Anerkenntnis des Rechtes anderer, die meinem Handeln Grenzen setzen. Und es geht letzten Endes um das Funktionieren des Rechtsstaates.

Widersprüchlicher Umgang mit Behinderung

Wir stehen in diesem Zusammenhang vor dem Paradox, dass postnatal große und größte Anstrengungen unternommen werden für die Inklusion, für die Integration von behinderten Menschen in unsere Gesellschaft, sie teilhaben zu lassen an unserem Leben. Und ich kann hier nur allen Einrichtungen in unserem Land, den kirchlichen und den staatlichen mit ihren Tausenden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von Herzen danken, dass sie mithelfen, dass unsere Gesellschaft ein so menschliches Antlitz zeigt.

Ja, noch nie wurde Menschen mit Behinderung so viel Fürsorge zuteil wie in unseren Tagen und in unserem Land ‑ postnatal. Pränatal haben wir gleichzeitig eine unbarmherzige und gnadenlose Exklusion und Selektion.

Ich stelle die Frage: Kann man wirklich gleichzeitig Tränen der Rührung vergießen beim Verlesen eines Briefes aus dem Jahr 1943 durch einen Schauspieler mit Down-Syndrom[2] – so geschehen hier neben uns in diesem hohen Hause am 27. Januar 2017, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus  –  und gleichzeitig schweigen über die pränatale Selektion unserer Tage?

Mindestens neun von zehn Trisomie 21 diagnostizierte Embryos dürfen das Licht der Welt nicht mehr erblicken in unserem Land.[3]

Von einem Augenblick zum anderen scheint sich die Rechtsposition einer menschlichen Person um einhundertachtzig Grad zu verändern. Ist das nicht irrationale Willkür? Ich kann in diesem Zusammenhang nur unterstreichen, was der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx im Grußwort zum diesjährigen Marsch für das Leben geschrieben hat:

„Die modernen vorgeburtlichen Diagnosemethoden entwickeln sich rasant. So wird es in unserer Gesellschaft zunehmend ,normal‘, Kinder während der Schwangerschaft auf ihre Gesundheit zu testen. Den vorgeburtlichen diagnostischen Möglichkeiten entsprechen jedoch nicht immer auch therapeutische Handlungsoptionen, so dass nicht selten eine Abtreibung an die Stelle fehlender Therapiemöglichkeiten gestellt wird. Dem gilt es klar zu widersprechen.“[4]

Wir sind gekommen, denen eine Stimme zu geben, die ihr Selbstbestimmungsrecht über ihre Leiblichkeit und über ihre Sexualität noch nicht selbst zum Ausdruck bringen können. Sie brauchen uns.

Der Wert des Menschen im Licht der Bibel

Die biblische Botschaft, auf die sich unser christlicher Glaube stützt, hat wesentlich zur Erkenntnis und zur vertieften Begründung der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person beigetragen. Wenn jeder Mensch ein Bild Gottes ist, berufen zum Dialog und zur Gemeinschaft mit ihm, hat er auch teil an seiner göttlichen Würde.

Wenn Gott in seiner Menschwerdung unser aller Menschenbruder geworden ist, unsere menschliche Natur angenommen hat, hat er damit den Menschen erhöht und geadelt. Jeden Menschen. Die Schrifttexte unserer ökumenischen Andacht jetzt hier und heute haben uns zwei herrliche Details der göttlichen Wertschätzung des Menschseins vor Augen gestellt. Psalm 139 beschreibt das Heranwachsen des Kindes im Mutterleib als göttliches Kunstschaffen:

„Du hast mein Inneres geschaffen, / mich gewoben im Schoß meiner Mutter. /
Ich danke Dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“

Und weiter geht es mit der Vorstellung, dass jedes menschliche Wesen vom ersten Augenblick seines Daseins bei Gott Ansehen hat, weil Er auf ihn schaut:

„Als ich geformt wurde im Dunkeln / kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, / waren meine Glieder dir nicht verborgen. / Deine Augen sahen, wie ich entstand, …“

Unser Ja zum Leben ist der Mitvollzug des göttlichen Ja zum Leben, ist Antwort auf sein Schöpfungshandeln. In diesem Glauben wird in der ganzen jüdisch-christlichen Tradition das Kind als ein Segen betrachtet, und jede Geburt als Beweis, dass Gott ein Freund des Lebens ist. Mit Papst Franziskus rufe ich Ihnen zu:

„Jedes Leben ist unantastbar! Bringen wir die Kultur des Lebens als Antwort auf die Logik des Wegwerfens und auf den demographischen Rückgang voran; stehen wir zusammen und beten wir gemeinsam für die Kinder, deren Leben durch einen Schwangerschaftsabbruch bedroht ist, wie auch für die Menschen, die am Ende des Lebens angelangt sind – jedes Leben ist unantastbar! –, dass niemand alleine gelassen werde und die Liebe den Sinn des Lebens verteidige. Rufen wir die Worte Mutter Teresas in Erinnerung: ‚Das Leben ist Schönheit, bewundere es; das Leben ist Leben, verteidige es!‘ sei es beim Kind, das kurz vor der Geburt steht, sei es bei dem Menschen, der dem Tod nahe ist: jedes Leben ist unantastbar!“[5]

Unser Herr Jesus, der selbst als hilfsbedürftiges und wehrloses Kind in der Krippe geboren wurde, hat noch einmal in besonderer Weise das Kindsein ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt. In einer Zeit, in der das „Kind-sein“ als „noch-nicht-erwachsen-sein“ galt, hat er die Haltung der Kindlichkeit den Erwachsenen zum Vorbild gemacht. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

Ohne des Kindsein naiv idealisieren zu wollen, gilt doch: Kindlich sein im guten Sinne, das bedeutet:

Staunen können, große Augen machen können über die kleinen und großen Wunder dieser Welt, sich gerne beschenken lassen und nicht gleich auf Revanche (Rache!) sinnen (wie die Erwachsenen), die Abhängigkeit vom Größeren (von Papa und Mama, Oma und Opa) anerkennen, sich gerne tragen lassen im Wissen, dadurch nicht klein, sondern im Aufblick selbst wahrhaft groß zu werden.

Der Geist schenke uns allen immer wieder diese Haltung echter Kindlichkeit, die wir – meiner Erfahrung nach – oft gerade noch einmal auch bei Menschen mit einer Behinderung in besonders herzlicher Weise erleben können. Der Herr sagt uns, wir haben es im Evangelium vorhin gehört, der Größte im Himmelreich muss sein wie ein Kind, das dankbar die Gnade der Erlösung annimmt. Und schließlich fügt er noch hinzu: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5)

Hier klingt schon die Verheißung des großen Gerichtsgleichnisses von Mt 25 auf: „Was ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ – die Identifizierung des Herrn mit den Schwachen und Hilfsbedürftigen gilt in besonderer Weise im Blick auf die Kinder. Dem wissen wir uns verpflichtet, und bei all diesem unseren Tun wissen wir uns dem Herrn in besonderer Weise nahe. „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5). Amen.

Anmerkungen:
[1] Hinweis: Es handelt sich um eine sprachlich leicht überarbeitete und im biblischen Teil erweiterte Fassung der Predigt, die am 16. September in Berlin gehalten wurde.
[2] Sebastian Urbanski, * 1978 in Berlin, Schauspieler und Synchronsprecher.
[3] Vgl. Annett Stein, Neun von zehn Paaren lassen bei Trisomie abtreiben, auf: Welt online vom 08.03.2015, vgl. ebenfalls „Downsyndrom führt meist zu Abtreibung“, auf: Spiegel online vom 15.03.2017.
[4] Reinhard Marx, „Marsch für das Leben“. Grußwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2017.
[5] Papst Franziskus, 5. Februar 2017, Tag des Lebens in Italien; vgl. das Grußwort zum Marsch für das Leben 2017 von Nuntius Erzbischof Nikola Eterović.