Konnten die Lebewesen von selbst entstehen?

Rezension von Prälat Ulrich Küchl

Buch-Daten: Bruno Vollmert. Das Molekül und das Leben. Vom makromolekularen Ursprung des Lebens und der Arten: Was Darwin nicht wissen konnte und Darwinisten nicht wissen wollen. Rowohlt-Verlag 1985

Wie der Untertitel andeutet, ist es die Absicht Bruno Vollmerts (* 1920, + 2002, Prof. für makromolekulare Chemie), die Evolutionstheorie von der Entstehung des Leben zu widerlegen. Bereits im Vorwort stellt Vollmert die seiner Meinung nach alles entscheidende Frage: „Konnten die Lebewesen von selbst entstehen?“

Rund um diesen (inhaltlich nicht näher festgelegten) Ausdruck „von selbst“ dreht sich ständig die Argumentation des Buches. Auch heute noch, 35 Jahre nach seinem Erscheinen, nehmen manche Theologen und populärwissenschaftliche Publikationen Bezug auf die Positionen Vollmerts.   

Unbestreitbare biochemische Grundlage der Lebensvorgänge ist das durch Polymerisation gebildete Makromolekül DNS (DNA) und RNA. Die Frage nach der Entstehung von Leben reduziert sich also nach Vollmert auf die Frage: „Welche Einflussgrössen bestimmen und begrenzen die Länge der bei statistischer Copolykondensation entstehenden Makromoleküle?“

Im Laufe seiner Untersuchungen weist Vollmert nach (?), dass sich unter den präbiotischen Bedingungen der Urerde keine DNA/RNA entwickeln konnte. Und weiter: „Wo dieses Makromolekül nicht von selbst entstehen kann, kann auch Leben nicht von selbst entstehen.“

Am Ende seiner Ausführungen erklärt er apodiktisch „dass auch in Zukunft keine Aussicht besteht, die Lebensvorgänge durch stoffimmanente Gesetze zu beschreiben!“

Vollmert will damit den „Darwinismus“ widerlegt haben und bezeichnete daher die Theorie der Evolution als „Ideologie“. Obwohl also Vollmert stoffimmanente Erklärungsursachen für die Entstehung von Leben  ausschliesst, lehnt er doch die Bezeichnung „Creationist“ für sich selbst ab.

Welche weltanschaulichen Konsequenzen ergeben sich nun aus den Thesen Vollmerts? Diese berechtigte Frage stellt sich nach der Lektüre dieses Buches; sie wird noch um einiges interessanter durch den bemerkenswerten Umstand, dass es in neuerer Zeit tatsächlich gelungen ist, zumindest Teile von RNA-Molekülen mit Hilfe „stoffimmanenter Gesetze“ zu synthetisieren.


Evangelikales Aufklärungsbuch über Machtmenschen und geistlichen Missbrauch

Besprechung von Felizitas Küble

Seit gut zwei Jahren ist in amtlichen katholischen Kreisen das Wort vom „Geistlichen“ oder „Spirituellen“ Missbrauch in aller Munde. Entsprechende Veröffentlichungen der ehem. Ordensfrau Doris Wagner-Reisinger und des Jesuiten Klaus Mertes sorgten dafür.

Dabei entstand vielfach der Eindruck, als hätten diese beiden Autoren aus dem reformkatholischen Spektrum ein besonderes, vorher verborgenes oder totgeschwiegenes Thema ganz neu „entdeckt“ und endlich zur Sprache und in die Öffentlichkeit gebracht.

Das ist insofern richtig, als katholische Kirchenobere das Problem lange kaum zur Kenntnis nahmen, geschweige wirksam dagegen vorgegangen sind.

Allerdings kümmert sich nicht nur unser CHRISTLICHES FORUM inzwischen seit fast 10 Jahren um diese Problematikund dies z.B. mit dutzenden von Sach-Analysen sowie Erlebnisberichten von Betroffenen oftmals aus der charismatischen Szene.

Auch auf dem evangelikalen Buchmarkt gibt es seit Jahrzehnten ein breites Feld der Aufklärung vor seelsorglichem bzw. pastoralem Missbrauch. (Siehe unsere Artikel: https://charismatismus.wordpress.com/2019/02/07/evangelikale-buecher-warnten-schon-vor-lange-vor-dem-geistlichem-missbrauch/ und hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/06/12/warnung-vor-geistlichem-seelsorglichem-missbrauch-durch-scheinheilige/)

Diese theologisch konservativen evangelischen Autoren haben sich dabei häufig vor allem charismatische und neo-pfingstlerische Gruppen vorgeknöpft – und dies deshalb, weil dort die Anfälligkeit für „Machtmenschen“ besonders stark ist, wenngleich nicht hierauf begrenzt. Freilich hat der Protestantismus mit dieser Schwarmgeisterei auch schon viel länger ein Problem – nämlich seit Anfang des 20. Jahunderts, die kath. Kirche erst seit 1968 – von daher auch die schnelleren Abwehr-Reaktionen.

Der pietistische Prediger und in Skandinavien vielgelesene Schriftsteller Edin Lovas aus Norwegen veröffentlichte bereits 1996 – also vor einem Vierteljahrhundert – im pietistischen Brendow-Verlag seine warnende Schrift über „Wölfe in Schafspelzen“.

Dabei ging es ihm nicht etwa um die „böse Welt“, sondern – so der Untertitel – um „Machtmenschen in der Gemeinde“, also innerhalb der Christenheit.

Seine Aufklärungsschrift entstand nach vierzig Jahren Seelsorgsarbeit, wobei er „entsetzt“ darüber sei, „welches Ausmaß von Leiden durch Machtmenschen“ einzelnen Gläubigen, aber auch ganzen Gemeinden und Gemeinschaften zugefügt worden sei, schreibt er im Vorwort und fügt hinzu:

„Ich bin zugleich bestürzt darüber, daß in christlichen Kreisen und selbst unter sachkundigen Fachleuten über diese Dinge nicht offen und ehrlich geredet wird.“

Der Verfasser, der im norwegischen Sandom eine Jesus-Meditations-Bewegung gründete, die den Ignatianischen Exerzitien der katholischen Jesuiten ähnelt, stellt besorgt fest: „Soweit ich Einblick habe, scheinen die Opfer von Machtmenschen selten ernst genommen zu werden.“

Diesen Befund kann ich aus meiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrung mit Aussteigern nur bestätigen. Vielfach zeigt sich dies auch hier bei uns in Leserkommentaren von charismatischen Eiferern:

Wenn ein Geschädigter über seine negativen Erfahrungen in schwarmgeistigen Zirkeln berichtet, kommt sofort die Selber-schuld-Keule von dieser Seite: Die Betroffenen seien psychisch angeknackst, wollten sich jetzt nur „rächen“, hätten die „Sünde gegen den Heiligen Geist“ begangen, die Strafe des Himmels folge auf dem Fuße – und dergleichen Unfug mehr. Natürlich werde auch ich ständig mit solchen „Keulen“ konfrontiert so z.B. seit vielen Jahren auf erscheinungsbewegten Seiten von Gloria-TV und früher auch auf „Kathnet“, was mich aber nicht aus dem kritischen Konzept bringt, sondern vielmehr darin bestätigt.

Der deutsche Buch-Herausgeber Andreas Ebert bezeichnet derlei Verirrungen in seinem Vorwort mit Recht als einen „wunden Punkt“, auf den man den Finger legen müsse (S. 11), denn „schlimme Formen des Machtmißbrauchs“ gäbe es eben nicht nur in der Politik, sondern auch in christlichen Kreisen und Gemeinden.

Er erwähnt auf derselben Seite „neopfingstlerische Strömungen“aus den USA sowie die charismatische „Glaubensbewegung“, die sich auch als „Herrlichkeitstheologie“ bezeichnet – gemeint ist das sog. „Wohlstandsevangelium“. Dort werde gelehrt, „daß Kinder Gottes das Anrecht auf irdischen Wohlstand und diesseitiges Wohlergehen“ hätten.

Weiter heißt es, daß auf „diesem Boden“ Gruppen und Gemeinden ohne Kontrolle und Ordnung entstehen: „Sie sammeln sich um starke, angeblich direkt von Gott berufene Führergestalten“.

Und genau dies ist der springende Punkt!

Eine FORTSETZUNG unserer Buchbesprechung folgt demnächst.


Heimatvertriebene zwischen völkerrechtlichem Anspruch und lautloser Abwicklung

Buchbesprechung von Thomas May

Buchdaten: Alfred de Zayas, Konrad Badenheuer: 80 Thesen zur Vertreibung. Aufarbeiten statt verdrängen. – Verlag Inspiration UN Limited, London/Berlin 2019, 216 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3-945127-292. – 14,90 € (Bestellung: http://viul.de/buch/id-80-thesen-zur-vertreibung.html)

In den Jahren 1944 bis 1948 wurden 13 bis 14 Millionen Menschen aus den Gebieten Schlesiens, Pommerns, Ost- und Westpreußens sowie des Sudetenlandes gewaltsam entwurzelt. Um diesen epochalen Vorgang der Vertreibung der Deutschen ist es seit den 2000er Jahren erstaunlich still geworden; von der politischen Agenda ist er trotz der bis heute andauernden Folgen und nicht aufgearbeiteten großen Unrechtstatbestände verschwunden.

Dieser Missstand läuft nicht nur der internationalen Entwicklung zuwider, sondern ist auch psychologisch und ethisch fragwürdig.

ZIEL: Aufarbeiten statt verdrängen

Die beiden Autoren (Prof. Dr. Alfred de Zayas und Konrad Badenheuer) verstehen ihr Buch als Antithese zu Tabuisierung und Vergessen der Vertreibung seitens der bundesdeutschen Politik und der öffentlich-rechtlichen Medien. Es ist ein Plädoyer, die damaligen Geschehnisse vollumfänglich und ungeschönt zur Kenntnis zu nehmen, sie historisch (richtig) einzuordnen, völkerrechtlich zu bewerten und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Im ersten der drei Teile stellt der amerikanische Historiker und Völkerrechtler Alfred-Maurice de Zayas, bekannt durch seine Forschungen und Publikationen zum Thema „Vertreibung“ seit den 1970er Jahren und Menschenrechtstätigkeit für die UN, in 80 Thesen seine Kernaussagen vor.

Anschließend integriert sie der Berliner Publizist und Journalist Konrad Badenheuer (siehe Foto) unter Nutzung seiner Insiderkenntnisse der Vertriebenenverbände in den zeitgeschichtlichen Kontext der deutschen Vertriebenenpolitik; der dritte Teil (Anhang) beinhaltet historische Landkarten und Fotos, Entschließungen des Bundestages (1994, 2016), des Europäischen Parlaments (1995, 1999, 2000) sowie maßgebliche internationale Dokumente (1994/97, 1995) und Stimmen (1995, 2005).

GRUNDLEGUNG: Die Thesen

1986 trat de Zayas erstmals mit 22 „Thesen zur Vertreibung“ hervor, in denen er auf die „typisch deutsche“ Fehlentwicklung hinwies; 2008 waren sie auf 50 angewachsen. Mit der Neufassung 2019, in welche die völkerrechtlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland, Ostmitteleuopa und weltweit zum Thema „Flucht und Vertreibung“ eingearbeitet wurden, hat sich der Umfang des Buches vervierfacht, auch dank der Aufsätze des Verlegers und Koautors Badenheuer.

Die jetzt 80 Thesen gliedern sich in 28 historische Thesen (Fakten), 36 völkerrechtliche Thesen (Rechtsnormen) und die sich aus ihnen ergebenden Schlussfolgerungen in 16 Thesen.

Fakten

De Zayas definiert Vertreibung als „gewaltsam erzwungene[n] Verlust der Heimat unter Verlust des Eigentums“ (These 14); sie umfasst nicht nur die gewaltsamen Austreibungen des Jahres 1945, sondern auch die organisierten „Bevölkerungstransfers“ von 1946 bis 1948, ebenso die von den deutschen Behörden durchgeführten Evakuierungen ab Herbst 1944 und die Massenflucht im Frühjahr 1945 infolge des später verweigerten Rückkehrrechts und der Enteignung der Geflohenen.

Dem Autor zufolge ist die gängige Ansicht, der Zweite Weltkrieg sei die Ursache der Vertreibung der Deutschen gewesen, wissenschaftlich unhaltbar. Den Versuch mancher Historiker, sie als die natürliche Folge der deutschen Verbrechen hinzustellen, nennt er „politische Geschichtsklitterung“. Erst recht hält die Rede von der (gewollten) Bestrafung des (deutschen) „Tätervolkes“ historischer Prüfung nicht stand. (Sie verbietet sich auch wegen ihres rassistischen Charakters.)

Wesentliche Gründe waren die politischen Entscheidungen eines überschaubaren Personenkreises (wie u. a. Dokumente und Bekenntnisse tschechischer, polnischer und sowjetischer Politiker belegen), die geopolitischen Ambitionen Stalins und der Wille der Westalliierten, Deutschland nachhaltig zu schwächen. Schließlich erweist de Zayas auch die verbreitete Vorstellung, vollzogene Vertreibungen seien unumkehrbar, als historisch unzutreffend.

Als ein Schlüsseldokument präsentiert er das Telegramm des britischen Diplomaten (Sir) Geoffrey Harrison an seinen Chef John Troutbeck (Leiter der Deutschland-Abteilung) vom 1. August 1945, das er 1976 im Archiv des Foreign Office entdeckte (als Faksimile im Anhang abgedruckt).

Darin steht der markante Satz: „Sobolev [der sowjetische Vertreter im mit den ‚Bevölkerungstransfers‘ befassten Unterausschuss, welcher der Potsdamer Konferenz zuarbeitete] bezog den Standpunkt, dass der polnische und tschechoslowakische Wunsch, ihre deutschen Bevölkerungen zu vertreiben, die Erfüllung einer historischen Mission [!] sei und die sowjetische Regierung nicht Willens sei, zu versuchen, sie daran zu hindern.“

Hier scheint die panslawistische Expansionspolitik mit westlicher Stoßrichtung auf, wie sie sich im russischen geopolitischen Kalkül seit dem 16. Jahrhundert abzeichnete. Ganz auf der Linie Sobolevs meinte der tschechische Ministerpräsident Beneš wenig später, mit der Vertreibung der Sudetendeutschen seien „die Fehler eines Jahrtausends korrigiert“ worden. Harrison, Verfasser des „Vertreibungsartikels“ XIII des Potsdamer Communiqués, mit dem de Zayas nach dem Krieg Kontakt aufnahm, betonte auf Nachfrage, nie sei in der Diskussion die Vertreibung als (gerechte) Bestrafung (der Deutschen) bezeichnet worden (auch von Stalin nicht).

Das Telegramm hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck der britischen und amerikanischen Seite, die einerseits „massenhafte Transfers … nicht mögen“ (weil sie die Last für ihre Besatzungszonen begrenzen wollen) und zumindest ihre ordnungsgemäße, menschliche Durchführung sicherstellen wollen, anderseits gegen die grausame Behandlung der deutschen Bevölkerung in der Praxis nicht mehr als wirkungslose Proteste in Warschau und Prag vorbrachten und die Vertreibungen als „fait accompli“ hinnahmen.

Insgesamt kamen laut Untersuchung des Statistischen Bundesamtes (1958) über zwei Millionen Menschen durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung um, obwohl die Maßnahmen nach Kriegsende seitens der Alliierten quasi als „Friedensakt“ angelegt waren.

Rechtsnormen

Dem Völkerrecht widerstreben Vertreibungen mehrfach. Sie verletzen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das als heute anerkanntes „zwingendes Recht“ das Recht auf die Heimat einschließt.

Doch die an Deutschen verübten Vertreibungen von 1944 bis 1948 waren schon damals illegal und verbrecherisch, weil die anzuwendende Haager Landkriegsordnung (1907) die Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Bürger und ihr Privateigentum schützt (Artikel 46) und Kollektivstrafen untersagt (Artikel 50). Gegen das Völkergewohnheitsrecht und die Minderheiten-Schutzverträge, die Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien verpflichteten, verstießen sie ebenfalls.

Vertreibung und Verschleppung können sogar den Tatbestand des Völkermordes erfüllen, wenn die Zerstörungsabsicht einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe vorliegt. Diese  ist im Fall der Staatschefs Josip Broz Tito und Edvard Beneš nachweisbar, was die Vertreibungen der Deutschen aus Jugoslawien und der ČSR als Genozide qualifiziert.

Daraus folgt ein internationales, zeitlich unbefristetes Anerkennungsverbot der dabei durchgeführten Enteignungen. Auf Basis der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, der Aspekte der „ethnischen Säuberungen“, explizit das Massaker von Srebrenica, als Genozid bezeichnete, stellt de Zayas fest, dass die mit hunderttausendfachen Morden und Vergewaltigungen viel schlimmere Vertreibung der Deutschen kaum weniger als genozidisch einzustufen sei.

Schließlich haben Vertriebene völkerrechtlich Anspruch auf Wiedergutmachung, auf Rückkehr in ihre Heimat und Rückgabe des privaten Eigentums. Der Staat kann nicht stellvertretend für sie darauf verzichten. (Anders ist es bei öffentlichen deutschen Vermögen in den Vertreibungsgebieten.)

Die bundesdeutsche Rechtsposition zur Vertreibung wurde allerdings seit Mitte der 1980er Jahre geschwächt. Opfer können sich zur Verfolgung ihrer Rechte gegebenenfalls an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder den UNO-Menschenrechtsausschuss wenden.

Schlussfolgerungen

De Zayas wertet die unbewältigte Vertreibung der Deutschen als eines der folgenschwersten Ereignisse der neueren Geschichte Europas und als Hypothek für die Zukunft. Im unterschiedlichen Verständnis der Rechtsstaatlichkeit oder der Reichweite und Grenzen der Souveränität von Nationalstaaten geraten die Länder Ostmitteleuropas und der alten EU regelmäßig aneinander.

Es besteht ein (von Brüssel und Berlin ignorierter) innerer Zusammenhang zwischen einer national orientierten Sonderpolitik wie in Polen und der Tschechischen Republik und der gleichzeitigen Leugnung des Unrechtscharakters der Vertreibung der Deutschen. Erst deren wahrhaftige und völkerrechtlich saubere Aufarbeitung kann eine Versöhnung begründen.

Diesen Auftrag verbindet de Zayas mit dem Aufruf an die seit dem „Historikerstreit“ der 80er Jahre „eingeschüchterten“ Wissenschaftler, die Erforschung der Vertreibungsfragen tabufrei anzugehen. Die große Lücken können nur interdisziplinär unter Einbeziehung demographischer, soziologischer, psychologischer, philosophischer, juristischer, kultureller Faktoren geschlossen werden.

Den bis in die Mitte der Gesellschaft gerückten Begriff „Tätergeneration“ verweist der Autor ins „Wörterbuch des Unmenschen“: „Die Vertriebenen waren Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger, heute sind sie Opfer der Diffamierung durch viele Medien und dem Zeitgeist verhaftete Historiker“ (These 75).

De Zayas schließt mit dem Appell, Vertreibungen überzeugend zu ächten, um künftige „ethnische Säuberungen“ zu verhindern. Um die allgemeine Geltung des Völkerrechts sichern zu helfen, sollten die deutschen Vertriebenen auf ihren Rechten bestehen, nicht wegen materieller Vorteile.

KONTEXT: Vertriebene im Räderwerk der deutschen Politik

Im umfangreichsten seiner vier Aufsätze untersucht Koautor Badenheuer die Vertriebenenpolitik der Bundesregierungen von Helmut Kohl bis Angela Merkel. Dabei nimmt er die Armenier-Resolution des Deutschen Bundestages vom 2. Juni 2016 als Ausgangspunkt und Richtschnur, weil diese der türkischen Regierung eine geduldige Politik der Aufarbeitung von Vertreibungsunrecht empfiehlt, die im Fall der eigenen Vertriebenen erkennbar nicht beherzigt wurde oder wird.

Die hinsichtlich Dimension, Grausamkeit und Nichtverjährbarkeit vergleichbaren humanitären Katastrophen der Armenier 1915/16 und der Ost- und Sudetendeutschen 1945 bis 1948 werden offenkundig mit zweierlei Maß gemessen; am eklatantesten ist der Widerspruch bei SPD, Grünen und Linken.

Regierungen Kohl

Sie verhielten sich gegenüber den Vertriebenen vor und nach 1989/90 völkerrechtlich exakt. Auch nach Unterzeichnung der deutsch-tschechischen Erklärung 1997 bezeichnete der Kanzler die Vermögensfrage weiterhin als offen. Überwiegend ist seine Politik jedoch von Unterlassungen geprägt, etwa bei der gebotenen, aber nicht veranlassten Strafverfolgung von Vertreibungsverbrechern nach 1989, als etliche Mörder noch lebten.

Sein gravierendstes Versäumnis betrifft die Umsetzung des Bundesvertriebenengesetzes, nach dem Bund und Länder Kulturgut und -leistungen der Vertriebenen zu erhalten und zu fördern haben (§ 96). Angesichts des heute faktisch weitverbreiteten Unwissens – laut einer Allensbach-Umfrage von 2002 konnten 82 Prozent der unter 30-Jährigen Schlesien auf einer Landkarte nicht auffinden – spricht Badenheuer hier von einem „kontinuierlichen bildungs- und informationspolitischen Rechtsbruch“.

Regierungen Schröder

Der historische Tiefpunkt deutscher Vertriebenenpolitik wurde wohl unter der Kanzlerschaft Schröders erreicht, als deren Anliegen durchwegs bekämpft wurden. Das Europäische Parlament hatte vor der Osterweiterung der EU 2004 in zwei Entschließungen (1999 und 2000) die Aufhebung der Beneš-Dekrete verlangt, weil eine Mehrheit der Abgeordneten den Unrechtscharakter der Vertreibung klar sah; Sorgen bereiteten auch tschechische Nationalisten, die sich zur Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen als „Quelle des Friedens“ (MP Miloš Zeman) bekannten.

Außenminister Joseph Fischer (Grüne), selbst ungarndeutscher Herkunft, gelang es, die Bestrebungen des EP und die „drohende“ Unterstützung der Anliegen der Vertriebenen erfolgreich zu torpedieren. Die Regierung Schröder hat es sogar hingenommen, dass Tschechien stattdessen die Dekrete (die wie die polnischen Bierut-Dekrete auch mit der „Universalen Erklärung der Menschenrechte“ unvereinbar sind) durch Gesetzgebungsakte und Parlamentsentscheidung noch mehrfach bekräftigte.

Regierungen Merkel

Deren Bilanz fällt gemischt aus. Hoch rechnet Badenheuer der Kanzlerin an, dass sie 2006 und 2007 die Forderungen der polnischen Regierung Kaczyński nach einem rechtswirksamen Schlussstrich unter die Rechte der Vertriebenen klar zurückgewiesen hat. Positiv  vermerkt er auch die Einführung des „Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ (ab 2015) und die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter mit 2500 € pro Person (2015).

Dem stehen – wie bei Kohl – schwerwiegende Mängel bei der Vertretung der Belange der Vertriebenen gegenüber, angefangen vom „Totschweigen“ der serbischen Restitutionspolitik seit 2011 über die passive Haltung zu entdeckten Sammel- und Massengräbern mit deutschen Ziviltoten in Westpreußen, Polen und der ČR bis hin zur aktiven Schwächung wie durch die 2014 beschlossene Schließung des Kirchlichen Suchdiensts und seiner Heimatortskarteien.

Skeptisch sieht Badenheuer (wie de Zayas) das von Merkel 2008 angekündigte, bisher nicht eröffnete Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen am Anhalter Bahnhof in Berlin, hinter dem die „hoch politisierte“ „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ steht: Eine Ausstellung, die historische und völkerrechtliche Fakten wahrheitsgetreu präsentiert, ist mit dem von den Bundestagsparteien präjudizierten Ergebnis, alles sei politisch „erledigt“ (das auch die Regierung Merkel wünscht), nicht vereinbar.

Richard von Weizsäcker

Besonderes Augenmerk richtet Badenheuer aufdessen Rede vom 8. Mai 1985 und den zentralen Satz: „Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen.“

Von der verletzenden, ja zynischen Formulierung „erzwungene Wanderschaft“ ist Weizsäcker später abgerückt. Schwerer wiegt, dass seine (an den „Lebensraum“ anklingende) demographisch begründete Kompensationstheorie, deren Spuren sich bereits in der „Ostdenkschrift“ der EKD von 1965 finden, historisch haltlos ist, wie Badenheuer mittels genauer Bevölkerungszahlen, welche die gegenläufigen Bewegungen Richtung Westen und Osten berücksichtigen und in die auch Ukrainer und Weißrussen einbezogen werden, nachweist. Laut sowjetischer Volkszählung lebten 1959 im ehemaligen Ostpolen 9.583.600 Menschen, ca. zwei Millionen weniger als 1939, unter ihnen 606.800 Russen.

Im Klartext: Die „Millionen Russen“, die im Gefolge der Vertreibung der Deutschen den „Millionen Polen“ gefolgt sein sollen, sind eine freie Erfindung des Ex-Bundespräsidenten. Dieses Fallbeispiel unwahrhaftiger Geschichtspolitik, das seitens der Historiker unwidersprochen blieb, ist verhängnisvoll bedeutsam, weil es als Gelenkstück des offiziellen Narrativs der deutschen Geschichte die Vorstellung von Millionen Deutschen über die Vertreibung 1944 bis 1948 nachhaltig falsch geformt hat.

Verdienste und Mängel der BdV-Verbandspolitik

In der Bilanzierung der 70-jährigen Heimatpolitik der deutschen Vertriebenen würdigt Badenheuer, selbst mehrere Jahre für die Landsmannschaften der Sudetendeutschen und Ostpreußen aktiv, summarisch deren Verdienste. Nach 1945 haben ihre mit sehr begrenzten Mitteln aus dem Nichts aufgebauten, großen demokratischen und pro-europäisch ausgerichteten Verbände beigetragen, dass Millionen Menschen nicht an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen.

Gleichzeitig haben sie das Gesetzeswerk des Lastenausgleichs (LAG) durchgesetzt und mitgestaltet. Schließlich verhinderten sie eine Radikalisierung in der einen oder anderen Richtung in ihren Reihen. In den 1960er Jahren entwickelten sie sogar Ansätze einer eigenen, inoffiziellen Außenpolitik.

Viel Raum nehmen Badenheuers Kritik der BdV-Verbandspolitik und die Frage der Versäumnisse ein, die sich ihm vor allem stellt, weil die rund 12 Millionen Vertriebenen als Gruppe heute fast unsichtbar geworden sind. Ihre fortgeschrittene Assimilation wird im geänderten Sprachgebrauch geographischer Begriffe, den sie widerspruchslos hin- oder aktiv übernommen haben, sofort deutlich: Unter „Ostdeutschland“ versteht man heute nicht mehr Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, sondern Thüringen, Sachsen, Mecklenburg; „Ostbrandenburg“ bezeichnet nicht mehr ein Gebiet östlich von Frankfurt an der Oder, sondern die Region zwischen Berlin und Frankfurt a. O.

Solche begrifflichen Umprägungen sind fatal, da ein Prozess massenhafter Meinungsänderung sozusagen „weggeframed“ und das Denken und Empfinden früherer Generationen bis hin zum Verständnis nationaler Identität immer schwerer nachvollziehbar wird. Dass vertriebene Gruppen nach zwei Generationen durch Assimilation „verschwinden“, ist historisch nicht zwangsläufig, sondern wäre aus Badenheuers Sicht durch Maßnahmen des BdV – hätte man die Gefahr erkannt – vermeidbar oder zu verzögern gewesen.

Demnach hat er die Chance verpasst, im Zuge der vier (innerdeutschen) Sekundärmigrationen zwischen 1950 und den 1990ern auf die Zusammenführung der früheren Gemeinschaften und innerhalb der Bundesländer auf ein nahes Zusammenleben der alten Heimatlandschaften und Ortsgemeinschaften hinzuwirken, mit dem Ziel, sie zu festigen. Die Schlüsselfrage „Wie schaffen wir Integration ohne restlose Assimilation?“ wurde kaum gestellt.

Weitere Kritikpunkte Badenheuers am BdV sind: zu späte endgültige Konstituierung (1957) infolge des Kompetenzgerangels mit den Landsmannschaften; ungünstige Statuierung als eingetragener Verein statt als Körperschaft des öffentlichen Rechts; Blindheit gegenüber dem radikalen Kurswechsel der SPD in den 1960er Jahren; Versäumnis einer „Besserungsklausel“ im LAG, sodass der Ausgleich auch in Jahren rapide steigenden Bruttosozialprodukts statisch blieb; Verdrängung des Niedergangs der Verbandsstrukturen; weitgehender Zielverlust des Rechts auf die Heimat; übertriebene Loyalität zur Merkel-Politik („Grenzöffnung“ 2015).

Über 400.000 Vertreibungstote

Wissenschaftliches Neuland betritt Badenheuer mit seiner Untersuchung der Frage, wie viele Ost- und Sudetendeutsche nach ihrer Vertreibung durch deren Folgen – speziell hungerbedingte Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung – zu Tode gekommen sind. Damit füllt er eine Forschungslücke; zugleich erklärt und behebt er die Diskrepanzen zwischen den drei großen amtlichen Untersuchungen über die Zahl der Vertreibungstoten (1958, 1965, 1974).

Gestützt auf Zahlenmaterial zum Aufnahmelager Lilienstein (bei Dresden) und besonders die umfangreiche Dokumentation „Landskroner Not und Tod“ von Franz J. C. Gauglitz (Wiesentheid 1997) gelingt es ihm, nach Auswertung der langen Todeslisten und Abgleich mit weiteren Daten mittels einer transparenten Berechnung die repräsentative Quote von 3,3 Prozent Vertreibungstoten im Kreis Landskron (Sudetenland) zu ermitteln. Bezogen auf rund 12,5 Millionen Vertriebene insgesamt ergeben sich ca. 410.000 Todesfälle dieser Art. Dank neuer Untersuchungen über Aufnahmelager in Dänemark (2002, 2005), die eine Quote von 3,5 Prozent Vertreibungstoten erbrachten, darf die Größenordnung von Badenheuers Ergebnis als gut gesichert gelten.

AUSBLICK: Wiedergutmachung und Versöhnung

Anders als Polen und Tschechien haben nach dem Zusammenbruch der UdSSR einige ehemalige Mitgliedsstaaten mit Entschädigungsregelungen für die Zeit des Kommunismus Wiedergutmachung geleistet. Ein Modell für die Zukunft? In den Genuss von Estlands Wiedergutmachungsgesetz (1991), das rechtswidrige Enteignungen, Immobilien wie Vermögenswerte, umfasst, kamen auch ca. 5000 Estland-Deutsche.

Selbst wenn letztlich materielle Verluste nur sehr geringfügig ausgeglichen wurden, bleibt das Gesetz vorbildlich. Der estnische Staatspräsident lud in seiner Rede am 3. Oktober 1995 in Berlin die Estland-Deutschen ein, von ihrem Recht auf die Heimat Gebrauch zu machen.

In Ungarn hat das Parlament die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen seit 1944 als Menschenrechtsverletzung verurteilt (1990). Wiedergutmachung erfolgte vielfach in immaterieller Form (etwa Denkmäler und Gedenktag für die Vertreibung der Deutschen), aber auch durch zwei Entschädigungsgesetze (1991, 1992), welche die gebliebenen wie auch die 1944/45 geflohenen und vertriebenen Deutschen einbeziehen. Wegen Umsetzungsmängeln haben sich die Erwartungen oft nicht erfüllt.

Modifizierungen (2003) eröffneten vielen alten, kranken und zur Zwangsarbeit verschleppten Ungarndeutschen die Chance, eine monatliche Zuwendung von 20.000 Forint (entspricht etwa 80 € im Jahr 2003) zu erhalten. Serbien hat 2011 das weitestgehende Restitutionsgesetz in Europa verabschiedet. Befristet bis 1. März 2014 waren auch die 1944 bis 1948 geflohenen und vertriebenen 350.000 Donauschwaben aus Serbien und ihre Nachkommen anspruchsberechtigt (Rückgabe oder Entschädigung für entzogenes Eigentum). Wegen penibler Nachweispflichten und geringer Bekanntheit des Gesetzes in Deutschland hatten bis Mitte/Ende 2012 von etwa 50.000 berechtigten Deutschen erst rund 1700 Alteigentümer Rückgabe beantragt.

Resümee

Mit Alfred de Zayas widmet sich einer der weltweit kompetentesten und anerkanntesten Historiker und Völkerrechtler dem Thema „Vertreibung“ seit 40 Jahren. Als US-Amerikaner mit kubanischen Wurzeln ist er eines deutschen „Nationalismus“ unverdächtig.

Seine beharrliche Forderung der redlichen Aufarbeitung der Tragödie und ihrer Folgen avanciert zur Anklage der politisch Verantwortlichen in Deutschland, welche die Belange der Heimatvertriebenen rückständig behandelt, und der Medien und Historiker, die sie ignoriert, verunglimpft oder planmäßig sabotiert haben. Dass vor allem Linke und Grüne nur selektiv im Sinne des Völkerrechts Stellung beziehen, wenn Nichtdeutsche davon profitieren, kommt einem Glaubwürdigkeitsbankrott gleich.

Die Autoren ergänzen sich nicht nur inhaltlich. Während de Zayas den geschichtlichen Rahmen absteckt und den Reichtum des Völkerrechts entfaltet (erstmals auch die Zehn Gebote einbezieht, derer nicht weniger als fünf ein Vertreibungsverbot implizieren), erscheint Konrad Badenheuer als kundiger, aufmerksamer Chronist, der mit ernüchterter Gelassenheit dem mutmaßlichen Untergang der Ost- und Sudetendeutschen als Gruppe entgegensieht, in der Langzeitperspektive hinsichtlich ihrer Anliegen jedoch optimistisch bleibt – wissend, Tatsachen wie nicht bewältigtes Unrecht wirken als solche weiter. Mit der Unberechenbarkeit von Geschichte darf man getrost rechnen.

Leider geben die historischen Karten nur einen groben Überblick der Besiedelung Ostmitteleuropas durch Reichs- und Volksdeutsche; eine Karte des polnischen Staatsgebiets mit Veränderungen der Grenzverläufe und der Bevölkerungsstruktur von 1919 bis 1990 fehlt. Ein (zusätzliches) Schaubild der Kompensationstheorie Weizsäckers hätte ihre Unhaltbarkeit „auf einen Blick“ demonstriert.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Zeitschrift „Theologisches“ (Sept./Okt. 2020).

Unser Autor Thomas May ist Lehrer i. R. – Er unterrichtete die Fächer Deutsch und Katholische Religionslehre. Der in Sendenhorst (Münsterland) lebende Autor ist ein Neffe des bekannten Prälaten und Kirchenrechtlers Prof. Dr. Georg May (Mainz).


Unverschämt statt verschämt katholisch

Rezension von Thomas May

Buch-Daten: Küble, Felizitas (Hg.): Der Löwe von Fulda. Ökumenische Würdigung eines guten Hirten, Komm-Mit-Verlag, 2. Aufl., Münster 2016, 207 S., 14,80 Euro, ISBN 978-3-921090-98-5

Der anno 2000 verstorbene Erzbischof von Fulda, DDr. Johannes Dyba, dessen Todestag sich am 23. Juli zum 20. Mal jährte, wurde schon zu Lebzeiten als „Löwe von Fulda“ verehrt. Die Bezeichnung ist angelehnt an den ihm wesensverwandten „Löwen von Münster“, den seligen Bekennerbischof Clemens August Graf von Galen, der den nationalistischen Machthabern furchtlos die Stirn bot.

Wie ein Leuchtturm ragt der Fuldaer Oberhirte aus dem Gros der kirchlichen Würdenträger in Deutschland seit der Nachkonzilszeit empor. Unbeeindruckt von Widerständen, Einschüchterung und Schmähungen verkündete er freimütig den authentischen Glauben seiner Kirche. Sein geistliches Erbe ist kaum vermindert aktuell.

Gedenkband und Hommage

Der von Felizitas Küble im KOMM-MIT-Verlag in 2. Auflage 2016

herausgegebene Sammelband vereint die Beiträge von 33 Autor(inn)en, die dem Leben und Wirken des „guten Hirten“ äußerlich und/oder innerlich verbunden sind und ihn in ökumenischer Weite würdigen. Bereits im Untertitel des Buches wird auf die seelsorgliche Kernkompetenz des volksnahen Dyba aufmerksam gemacht, der nicht nur bei den Gläubigen seiner Diözese (1983–2000), sondern auch bei den Soldaten im Amt des Militärbischofs (1990–2000) gut ankam.

Bunte Mischung von Autor(inn)en

Zu den Autor(inn)en zählen unter anderem Verwandte des Erzbischofs, seine Schwester, die Apothekerin Barbara Dyba-Roth, und sein (ihm wie aus dem Gesicht geschnittener) Neffe Msgr. Cornelius Roth; sein Nachfolger als Bischof Heinz Josef Algermissen, seine Amtskollegen Ludwig Schick (Bamberg) und Andreas Laun (Salzburg); die Publizisten Konrad Badenheuer, Mathias von Gersdorff, Martin Lohmann, Stefan Meetschen; Wissenschaftler wie die Soziologin Gabriele Kuby, der Sozialethiker Wolfgang Ockenfels und der Sozialwissenschaftler Manfred Spieker; die Gründungsmitglieder Hubert Gindert, Reinhard Dörner, Michael Schneider-Flagmeyer des „Forums Deutscher Katholiken“, das Johannes Dyba seinen entscheidenden Anstoß verdankt; Pfarrer und Patres; aber auch Konvertiten und „einfache“ Gläubige.

Von der evangelischen „Dyba-Fraktion“ bezeugen Missionswissenschaftler Peter Beyerhaus, Pastor Joachim Cochlovius, Pfarrer Werner Neuer sowie Kirchenrat Rolf Sauerzapf dankbare Anerken­nung für dessen kraftvolle überkonfessionelle Wahrnehmung des christlichen Wächteramts.

Rechts­anwalt Leo Lennartz skizziert den beruflichen Werdegang Johannes Dybas ab seiner Studentenzeit und gibt Seiteneinblicke, ergänzt um Erlebnisse des Ehrendomherrn Edmund Dillinger aus seinem 30-jährigen Fundus – und Erfahrungen des Sekretärs Dagobert Vonderau aus nächster Nähe.

Nicht ohne Selbstironie schildert die Psychotherapeutin Christa Meves (siehe Foto) ihre „eindrucksvolle“ Begegnung, als die aufgeregte Festrednerin stolperte und dem „verehrten Freund“ blutend zu Füßen fiel.

Eintreten für den Schutz der Ungeborenen

Für die meisten ist der Name des Erzbischofs untrennbar mit seinem kompromisslosen, beharrlichen Einsatz für den Schutz des ungeborenen Lebens verbunden. Unvergessen das Zeichen, das er an Weihnachten des Jahres 1988 setzte, als er am 28. Dezember, dem Tag der Unschuldigen Kinder von Bethlehem, in allen Kirchen seiner Diözese die Glocken läuten ließ.

Zutiefst davon überzeugt, dass die katholische Kirche sich nicht in ein Prozedere verstricken lassen darf, in dem mit der Ausstellung des „Beratungsscheins“ eine „Lizenz zum Töten“ erteilt wird, stieg er am 29. September 1993 als einziger deutscher Diözesanbischof aus der Einbindung in das staatliche Abtreibungssystem („Schwangerenkonfliktberatung“) aus und baute ein eigenständiges Beratungs- und Hilfsnetz auf.

Sein Alleingang wurde von Rom 1999 vollauf bestätigt: Auf Geheiß Papst Johannes Pauls II. und des Glaubenspräfekten Kardinal Ratzinger sahen sich die widerstrebenden Amtskollegen samt ihrem Vorsitzenden Bischof Karl Lehmann genötigt, Johannes Dybas Schritt zu folgen; ab 1. Januar 2001 wurden (außer in Limburg) keine „Beratungsscheine“ mehr ausgestellt.

Schwerpunkte der Verkündigung

Weitere Themenschwerpunkte des streitbaren Erzbischofs waren unter anderem – folgerichtig – seine Zurückweisung des assistierten Suizids, sein Eintreten für die Stärkung und Förderung der christlichen Ehe und Familie (programmatisch angelegt im „familiären“ Wahlspruch „Filii dei sumus“), die Verteidigung des Pflichtzölibats, die Ablehnung praktizierter Homosexualität und des Lebenspartnerschaftsgesetzes (in Kraft getreten 2001) – und dies im Einklang mit der Lehre der Kirche.

Bei seinem oft einsamen Einsatz für unverkürzten Glauben und unverfälschte Moral erntete er nicht nur Unverständnis, Widerspruch und Spott aus den eigenen Reihen, von Kollegen, Staatstheologen und Räten, sondern musste auch mit Kritik, Empörung und Anfeindung aus Kreisen der Politik, vonseiten der Medien, besonders des „Spiegels“ (den er als „Pressestelle des Teufels“ bezeichnete), und aus Teilen der Bevölkerung zurechtkommen.

Schäumenden Linken und Liberalen galt er als fundamentalistischer Hardliner und zynischer Autokrat, Feministinnen und gesinnungsethischen „Friedensbewegern“ war er ein Hassobjekt. Nach einem Gottesdienst wurde Johannes Dyba am 8. November 1991 auf dem Weg zum Marburger Schloss von Demonstranten der Homosexuellen-Bewegung unter Parolen wie „Schlagt das Schwein tot“ gejagt, getreten und bespuckt.

Unbeirrt stand der Oberhirte wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung und wurde nicht müde, seine Herde zu sammeln und vor den Wölfen zu schützen. Seine eindringlichen Predigten fanden beim Kirchenvolk stets Gehör: den Glauben erneuern, ihn freudig leben und furchtlos bekennen, ihn weitergeben an Kinder und Enkel, die christlichen Werte überall in unserer Gesellschaft einbringen – sein Auftrag an uns auch heute.

Karriere und berufliche Stationen

Erzbischof Dybas äußeres Wirken und seine Positionen zu Kirche, Gesellschaft und Politik sind ohne seine weltkirchlichen Erfahrungen nicht zu verstehen.

Als drittes Kind eines prinzipientreuen katholischen Lehrerehepaars 1929 in Berlin geboren, floh der frischgebackene Abiturient 1947 von Eichsfeld (Thüringen) über die sowjetische Zonengrenze nach Fulda. Nach einem Jurastudium in Bamberg und Heidelberg, unterbrochen durch ein Stipendiat in den USA, schloss er von 1953 bis 1957 in Köln ein Theologiestudium an. 1959 wurde er zum Priester geweiht.

Von Kardinal Frings zur Ausbildung für den Dienst in der römischen Kurie freigestellt – die zentrale berufliche Weichenstellung –, absolvierte er die Päpstliche Diplomatenakademie und arbeitete anschließend fünf Jahre im Innendienst und zehn Jahre im Außendienst (1962 – 1977). Seine Tätigkeit führte ihn in mehrere Länder Lateinamerikas und Afrikas.

Nach einem kurzen Intermezzo als Vizesekretär der Päpstlichen Kommission „Justitia et Pax“ in Rom konnte Johannes Dyba als Apostolischer Pronuntius in Liberia und Gambia und Apostolischer Delegat in Guinea und Sierra Leone (bei gleichzeitiger Ernennung zum Titularerzbischof von Neapolis in Proconsulari in Nordafrika) noch weitere Jahre „anhängen“, die seinen weltkirchlichen Horizont erweiterten.

In dieser Zeit lernte er viel Elend, Hunger, Armut und Krankheit, Gewalt und Christenverfolgung kennen, so dass er, nachdem er 1983 Bischof von Fulda geworden war, für die endlosen „Dialoge“, für Gremien- und Sitzungskatholizismus mit überquellenden Papierbergen und fruchtlose Strukturdebatten kein Verständnis aufbringen konnte, vielmehr die deutschen Brüder und Schwestern in „Problemtrance“ (Dyba-Roth) taumeln sah.

Profil und Privates

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die „Axt Gottes“ (so der „Spiegel“) – eine Anspielung auf den eichenfällenden heiligen Bonifatius – die Geister in der deutschen Kirche (und darüber hinaus) schied und Spreu von Weizen trennte.

Mit dem Bekennermut des einsamen „Rufers in der Wüste“ folgt Johannes Dyba der Spur seines Namenspatrons, von dem er einmal sagte: „Wenn Johannes der Täufer sich verhalten hätte wie die deutschen Bischöfe, wäre er im Bett gestorben.“ Absolute Furchtlosigkeit, Geradlinigkeit, Entschiedenheit bescheinigen ihm seine Mitstreiter. Dabei war der tapfere Mann, der in Afrika überfallen und krankenhausreif geschlagen wurde, von körperlich kleiner Statur.

Doch seine Persönlichkeit weist auch andere Seiten auf. Dank seines fröhlichen Naturells überrascht er sein Gegenüber mit unbändiger Lebensfreude und dem Charme seines jungenhaften Lachens; dynamisch, flott, sehr selbstbewusst, weltläufig tritt er auf. Seine Gesprächspartner schätzen an ihm Herzlichkeit, Humor,

Schlagfertigkeit, rhetorische Gewandtheit bis hin zur überspitzten Formulierung.

Andere Autor(inn)en rühmen den Blick des Sensiblen für das Wesentliche, sein „starkes Freiheitsgefühl“, seine „innere Unabhängigkeit“, die aus einem unerschütterlichen Gottvertrauen erwuchs, seine „selbstverständliche Frömmigkeit ganz ohne Pathos“ (Lohmann); er „leuchtete von innen her“. Erzbischof Dyba verstand es, Unbeugsamkeit im Glauben und Freude am Glauben zu verbinden und zu leben. Er war glaubensfroh.

Sein Bild wird noch facettenreicher, wenn wir in den Bereich des Alltäglichen und Privaten gelangen. Der Erzbischof ist ein leidenschaftlicher Sammler, seien es wertvolle Ansichtskarten oder Speisepilze, zu deren „Jagd“ er sich im Herbst frühmorgens aufmacht und die er taschenweise nach Hause bringt. Das während seines diplomatischen Dienstes gepflegte Billardspiel will er auch im Fuldaer Bischofshaus nicht missen.

Als wahres Füllhorn erweist sich der Bischofsgarten mit Gemüse aus biologischem Anbau und Früchten der Pfirsichbäume, die der stolze Hausherr seinen Gästen anbietet. An den Mauern lässt der einem Glas guten Rotweins nicht abgeneigte Kenner sogar Rebstöcke pflanzen, aus denen ein paar Flaschen mit dem Namen „Michaelsberger Bischofsmütze“ gewonnen werden.

Kerngedanken und „Sager“

Was das Buch vor allem auszeichnet, sind Zitate aus Predigten, Vorträgen und Interviews, mit denen der redegewaltige Oberhirte, der C. S. Lewis seinen „Leib- und Magenautor“ nennt, nicht zu knapp zu Wort kommt. Sie unterstreichen sein Verständnis von Glaube, Kirche und Hirtenamt. Ein paar von ihnen seien hier wiedergegeben:

„Ich werde in mehr oder weniger kurzer Zeit vor Gott in der Ewigkeit stehen. Da werde ich doch jetzt keine Zeit mehr dazu verschwenden, faulen Kompromissen nachzujagen oder um Mehrheiten, in welchen Gremien auch immer, besorgt zu sein. Die Stunde ist da, um Gottes Botschaft – und dazu gehören auch seine Gebote – in Klarheit und Wahrheit zu verkünden“ (26)

„Ich scheue nicht davor zurück, harte Wahrheiten klar zu sagen; aber es sind ja Wahrheiten, die den Menschen in die Freude und in die Liebe und in die Erlösung führen sollen. Nur die falschen Propheten haben dem Volk immer nach dem Mund geredet, die echten sind stets auf Widerspruch gestoßen“ (107)

„Wahrer Friede ist die Frucht der Bekehrung zu Gott. Erst die Umkehr, dann der Friede“ (48)

„Richte den Blick auf die Ewigkeit und lebe danach“ (59)

„Der Glaube verlangt vom Menschen die Entscheidung für Gott und für ein Leben mit Gott. Das ist absolut nicht nach dem Geschmack der modernen Welt“ (46)

„Ohne Glaube können wir keine Werte haben und ohne Werte keine wirklich funktionierende Moral“ (53)

„Es kommt auf den Glauben an! Die Werte existieren nicht irgendwie für sich, und die gibt es nicht auf der grünen Wiese, sondern der Glaube bestimmt, welche Werte wir haben. Wenn wir jetzt eine Wertekrise haben, dann deshalb, weil viele Jahre lang die Weitergabe des Glaubens gestört war – in den Familien, in den Schulen, ja sogar bis hin in die theologischen Fakultäten, und natürlich von den Medien gar nicht zu sprechen“ (91)

„Die Kirche hat eine riesige Botschaft: Das Heil, das endlose Glück des Menschen. Deswegen sollte sie nicht dastehen, als würde sie alte Semmeln verkaufen. Sie muss mit mehr Selbstbewusstsein auftreten, sie sollte unverschämt katholisch sein“ (57)

„Wir haben heute in der Kirche viele Pastoralexperten – aber wenige Heilige; viele Medienexperten – aber kaum noch Propheten; viele Theologen – aber wenig Priester; viel Engagement und finanzielle Opfer – aber wenig Gehorsam; viel Kritik – aber wenig Begeisterung; einen riesigen kirchlichen Apparat – aber schrumpfendes kirchliches Leben“ (70)

„Was unsere Kirche heute braucht, sind nicht so sehr Pharisäer, die sie dauernd auf die Probe stellen, nicht so sehr Schriftgelehrte, die sie dauernd kritisieren, nicht so sehr Tempelbeamte, die selbst das Allerheiligste nicht betreten und auch die anderen noch davon abhalten – nein, was diese Kirche braucht, sind vielmehr Jünger, die dem Herrn folgen mit der ganzen Hingabe ihrer selbst, Jünger, die einander lieben und in dieser Liebe Kirche bauen und Kirche bilden in unserer Zeit“ (60)

„Ein Volksbegehren ist politisch, kommt von der Basis her. Volk GOTTes werden wir aber dadurch, dass wir auf GOTT hören und GOTT folgen – und nicht dadurch, dass wir GOTT wählen. CHRISTUS sagt: ‚Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt.‘ ER hat die grundlegenden Strukturen der Kirche festgelegt, die wir in apostolischer Tradition bewahren“ (87)

„Ich glaube, dass Gott, wenn er denn Priesterinnen in seiner Kirche gewünscht hätte, das bereits dem Petrus klargemacht hätte. Genauso schnell und direkt, wie er den überraschten Petrus durch Vision und den Hauptmann Kornelius wissen ließ, dass der Zugang zur Kirche nicht den Juden vorbehalten sei, sondern auch den Heiden offenstehe [Apg 10], hätte der Heilige Geist dem Petrus auch klarmachen können, dass der Zugang zum Priestertum nicht auf Männer beschränkt sei, sondern auch den Frauen offenstehe. Wie wir wissen, ist aber eine solche Intervention nie erfolgt, weshalb wir an der von Christus grundgelegten Tradition festhalten“ (105)

„Die Märtyrer der Kirche haben dieses Schicksal nicht erlitten, weil sie auf sanfte Weise Mehrheitsmeinungen verkündet haben, sondern weil die Leute so wütend über die christliche Herausforderung waren, dass sie ihnen – wie dem heiligen Bonifatius – dem Schädel eingeschlagen haben“ (107)

„Ich fordere nicht die Abschaffung der Kirchensteuer. Aber ohne sie überlebt die Kirche auch. Wir hatten jahrzehntelang zu viel Geld und zu wenig Mut“ (47)

„Wenn die Kirchen nicht die sittlichen Grundlagen unserer Gesellschaft garantieren, dann geht diese Gesellschaft buchstäblich zum Teufel“ (106)

„Wenn man am Rande des Abgrunds steht, ist ein Schritt zurück ein Fortschritt“ (43)

Erzbischof Dybas „Sager“ polarisieren auch 20 Jahre nach seinem Tod – den einen Zeugnis seines untrüglichen Wahrheitsblicks und unumstößlicher Glaubensgewissheit, anderen Beweis seiner  starrköpfigen Ewiggestrigkeit, für Verfechter des „Synodalen Wegs“ und ihre Agenda Kampfansage und schallende Ohrfeige zugleich. Der Wunsch wächst nicht von ungefähr, dass aus der Mitte der Vollversammlung ein „neuer Dyba“ aufsteht und wie ein reinigendes Gewitter über ihr niedergeht.

Unterschriften für die Seligsprechung

Die singuläre Gestalt des heroischen Fuldaer Oberhirten – sein vorbildliches Eintreten für den authentischen katholischen Glauben und wahrhaftige Moral, seine große Liebe zur Kirche, seine sittliche Integrität – ließ schon bald nach dem Tod den Ruf nach seiner Seligsprechung laut werden.

Pfarrer Franz Weidemann, der mit einer Dissertation über Leben und pastorales Wirken Johannes Dybas promoviert wurde und im vorliegenden Band dessen missionarische und prophetische Rolle thematisiert, hat in dem unlängst erschienenen Büchlein „Erzbischof Johannes Dybas geistige Silhouette“ (Kisslegg 2020) anhand der göttlichen Tugenden und Kardinaltugenden im Leben und Wirken des „Kandidaten“ sowie seiner Heiligkeit im (Berufs-)Alltag aufzuweisen versucht, dass er wichtige Kriterien erfüllt, um zur Ehre der Altäre erhoben zu werden. Zweifellos wäre der ausgewiesene Dyba-Kenner in einem kanonischen Verfahren als Postulator prädestiniert.

Inzwischen haben sich Prominente, Wissenschaftler, Würdenträger und namhafte Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft für die Seligsprechung des „Löwen von Fulda“ ausgesprochen. Auch „normale“ Weltchristen können das Begehren mit ihrer Unterschrift unterstützen und sich in die Liste eintragen.

Dies ist online mittels Herunterladen eines entsprechenden Formulars möglich (http://forum-deutscher-katholiken.de/aufruf/); das von der Herausgeberin des Buches geleitete „Christoferuswerk e. V.“ bietet ein Sammelblatt (http://www.medrum.de/files/Unterschriftenblatt%20Dyba.pdf) zum Ausdruck an.

Äußere Gestaltung des Buches

Der Sammelband, in dem die Autor(inn)en von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten her einzelne Mosaiksteine herbeitragen, sodass sie sich in der Summe zu einem leuchtenden Porträt des Erzbischofs fügen, überzeugt nicht zuletzt durch seine äußere Gestaltung.

Über 20 Aufnahmen zeigen ihn in verschiedenen Lebensphasen und -situationen, zum Teil mit Personen aus dem familiären oder kirchlichen Umfeld. In jedem der Beiträge, die jeweils zwischen 2 und 15 und insgesamt 207 Seiten umfassen, wird zu Beginn der Verfasser mittels Foto und eines umrahmten Service-Kastens, der Infos zu seiner Person, Beruf bzw. Tätigkeitsbereichen enthält, vorgestellt.

Aussagekräftige Zwischenüberschriften auf fast jeder Seite lockern den Lauftext auf und garantieren anstrengungsfreien Lesefluss. Alle Artikel sind in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben. Erwähnenswert ist noch die ansprechende Aufmachung des Hardcovers mit hochwertigem Papier zu einem günstigen Preis (14,80 €).

Rundum ein schmuckes Buch.

Unser Autor Thomas May ist Lehrer i. R. – Er unterrichtete die Fächer Deutsch und Katholische Religionslehre. Der in Sendenhorst (Münsterland) lebende Autor ist ein Neffe des bekannten Prälaten und Kirchenrechtlers Prof. Dr. Georg May (Mainz).

Dieses Dyba-Buch „Der Löwe von Fulda“ wird von uns frei Haus (= portofrei) geliefert: Bestellung per Tel. 0251-616768 oder Mail: felizitas.kueble@web.de


Neues Buch von Gabriele Kuby über die „verlassene Generation“ von heute

Rezension von Christa Meves

Ich möchte Ihnen heute ein Buch vorstellen, das vom Fe-Medienverlag Anfang September auf den Markt gebracht wurde. Es heißt „Die verlassene Generation“ von Gabriele Kuby.

Sie hat sich daran gemacht, eine Dringlichkeit zu verwirklichen. Es ist in seiner Art eine Neuheit: die ungeschminkte Darstellung der gesellschaftlichen Folgen einer Trendwende, die seit 50 Jahren in den westlichen Ländern zum Mainstream geworden ist.

Der einstige wilde Aufbruch in die Befreiung von allem und jedem zu neuen Lebensformen – vom Aufsprengen familiärer Bindungen bis zur Entfesselung der Sexualität – versprach zwar ab 1970 neues Glück. Aber hat das diese Veränderung auch wirklich erbracht?

Viele Bürger hat jetzt eher die bedrückende Ahnung gepackt: Nicht nur keineswegs – das Leben ist stattdessen schwerer, ja, oft sogar extrem unglücklich geworden – vom Schwierigwerden der Kinder, dem Zerbrechen viel zu vieler Beziehungen bis zur Vermehrung anhaltender seelischer Erkrankungen, die den Lebenserfolg einschränken.

Das darf nicht länger schöngeredet werden, das darf nicht länger willentlich ausgespart bleiben, sagt Gabriele Kuby – das muss auf den Tisch, das muss in seinen Ursachen zurückverfolgt, da müssen neue Forschungsergebnisse in ihrer Wichtigkeit erkannt werden und zur Bereitschaft zu konstruktiven Veränderungen führen.

Da müssen aus der Erfahrung gewonnene Einsichten in neuer Klarheit erkennbar gemacht und hervorgehoben werden. Jedenfalls: So kann, so darf es nicht weitergehen!

Das unzureichende Bekanntmachen der Fakten ist nicht nun immer weniger aushaltbar – das wird zu einer Schwäche der Gesellschaft, ja schließlich – bei den entsprechenden Mehrheiten – ist sogar eine menschenwürdige Existenz aller gefährdet!

Mit berserkerhafter Geradheit geht Kuby (siehe Foto) an die Aufgabe heran, hier verhängnisvolle Fakten der entstehenden Schäden beim Namen zu nennen und, besonders als Soziologin, die Zusammenhänge aufzudecken – in 13 Kapiteln, die es in sich haben.

Jede einzelne Zielrichtung wird kapitelweise behandelt: Unverblümt und in allen Einzelheiten geht es unter offenlegenden Benennungen zu, so z. B. in Kapitel 2: „Sex ja, Baby nein“. Da bleibt keine Methode der Verhütungsindustrie samt aller Neuheiten unerwähnt, und dann erscheint das ganze Gefüge keineswegs mehr nur lustvoll und harmlos…

Bei den Ergebnisfakten wird hier nichts ausgelassen. Das ist die Methode der Autorin: sichtbar zu machen, dass in den letzten Jahrzehnten bei wichtigen Lebensproblemen das natürliche, gesunde Empfinden der Bevölkerung zwecks Übernahme einer mainstreamstarken Meinung geradezu weggeschaltet, also zwecks Anpassung allgemein verdrängt wird.

Vollständige, tiefgreifende Aufklärung über das Abtreibungsgeschehen und über neue Möglichkeiten unnatürlicher Befruchtung z. B. wird auf diese Weise in den Hintergrund gedrängt.

Oder: Dass das tägliche Weggeben eines Säuglings im Empfinden jeder jungen, normalen Mutter wehtut und dass sie das eigentlich nicht will, ist erznatürlich. Aber das inflationierte Geld ist knapp geworden. Und so glaubt man selbst in den einzelnen betroffenen Familien immer häufiger den Ideologen, dass die Kinder im Kollektiv besser gedeihen, besser „gebildet“ werden als zu Hause. Das mag in Einzelfällen stimmen, aber nicht bei instinktsicheren, gesunden Müttern.

Was die Krippe an Negativem für die Babys im Gehirn – oft lebenslänglich – bewirkt, wird von Kuby ausführlichst dargelegt.

Sehr informativ sind auch die beiden Kapitel über das Eindringen der Sexvergötzung in die entsprechenden Institutionen, in Kindergarten, Grundschulunterricht und weitere Schulbereiche. Hier berichtet die Autorin von skandalösen Aktivitäten, die nicht altersentsprechend sind.

Hier ist für Laieneltern noch viel zu lernen, um rechtzeitig dem Ansturm ideologischer Eiferer in den Ministerien gewachsen zu sein, wenn unangemessener Sexualunterricht in der Grundschule und Sexualkundeunterricht im Jugendalter im Lehrplan stehen.

Wie deutlich wird es in den ersten 10 Kapiteln, dass – um Himmels willen – vordringlich vor allem bei solchen Unangemessenheiten die politische Richtung den Takt vorgibt, was natürlich inadäquat und damit schlimm falsch ist.

Drei Superschädigungsquellen am Schluss sind noch in weiteren Kapiteln zu benennen: die Scheidungserleichterung als Nestverlust für die Kinder, ihre einseitige Digitalisierung bei den Lernprozessen und eine leichtfertige, uneingeschränkte Zugangsmöglichkeit von Pornographie (besonders durch das Smartphone) auf dem Hintergrund internationaler Netzwerke mit verbrecherischem Kindsmissbrauch.

Spätestens beim Lesen des 12. Kapitels taucht die Frage auf: Warum haben wir das alles denn so, so lange schluren lassen?

Durch Kubys so eindringliche Schilderungen der negativen Folgen des Zeitgeistes wird uns mehr als an einem Beispiel deutlich, dass den großen Gefahren für die Zukunft aller die – nicht als Falle erkannten – oberflächlichen Lebenseinstellungen zugrunde liegen.

Gabriele Kuby streift zwar auf Seite 183 (1) meine damals bereits pointierte Öffentlichkeitsarbeit (ich war dem Protagonisten Kentler 1968 im Rahmen der EKD zum ersten Mal begegnet und hatte unverzüglich ein Gegenbuch geschrieben, um der drohenden Schändung von Kindern „als höchstes Glück der Erdenkinder“ warnend zu begegnen).

Aber jetzt erst scheint die Zeit zum einhelligen Widerstand von Menschen mit gesundem Verstand und einer verantwortungsbewussten Gesinnung eingetreten zu sein.

Jetzt erst – nach längst eingetretenem Unglück – kann von Gabriele Kuby mit trauriger Ernsthaftigkeit und fleißigster Recherche mit dem notwendigen Entsetzen – hoffentlich erfolgreich – darauf reagiert werden.

Jetzt erst scheint die Zeit zu vielzähligem Widerstand der Menschen mit gesundem Menschenverstand da! Erst wenn der Zahnschmerz übermächtig wird, kann die Wahrheit ans Licht: Dieser Zahn muss raus! – Nach Kubys Buch kann es kein Ausweichen mehr geben.

Aber von einem rasanten Sanierungswillen allein sind die fast 400 Seiten dieses Buches keineswegs beherrscht.

Es trägt außerdem die Merkmale eines „hörenden Herzens“, es ist von einem Hinauffragen nach konstruktiven Wegen, die mit der Schöpfungsordnung übereinstimmen, durchzogen. Angehängt ist außerdem der Bericht einer in Kanada aufgewachsenen, gebildeten Rumänin als konkretes Beispiel eines gesunden Familienlebens in diesem Sinne.

Die Quintessenz aller ihrer Einsichten finden wir auf den letzten Seiten des Werkes: „Jeder hat (jetzt, d. Verf.) die Wahl, weiter auf irdischen Sicherheiten zu bauen oder den großen Sprung in den Glauben zu wagen und sein Leben auf Gottes Zusagen, Verheißungen und Gebote zu bauen“ (2).

Danach gilt es also, sich auszurichten. Das ist der Geist, aus dem in später Stunde – wahrheitsgemäß und absolut unerschrocken – dieses Buch geschaffen worden ist.

(1) Kuby, Gabriele:  Die verlassene Generation, Fe-Medienverlag, Kissleg 2020, S. 183.
(2) Dieselbe: S. 351.


Zwei Ärzte über „Corona Fehlalarm?“: Buch ist informativ, kompetent und übersichtlich

Von Cordula Mohr

Rezension zum Buch von Dr. Karina Reiss und Dr. Sucharit Bhakdi: Corona Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe

Das Werk der beiden Medizin-Professoren ist insgesamt sehr lesenswert und die ganze Darstellung und Aufmachung ansprechend und übersichtlich.

Ich habe zuerst meine Neugier über die Themen rund um das Corona-Virus gestillt, indem ich aus dem gut strukturierten Inhaltverzeichnus jene Aspekte herauspickte, die ich gerne endlich beantwortet hätte, z.B. die Frage, wie alles begann.

Auch in dem Buch wird bestätigt, das das Virus in China seinen Ausgangspunkt nahm und dass es sich dabei um einen Subvirus handelt.

Wie bedrohlich es ist, beschreiben die folgenden Seiten. Trotz aller Corona-Problematik geht daraus hervor, dass SarsCorv 2 nicht wirklich gemeingefährlich ist und oft ohne Symtome bleibt.

Man erfuhr bereits durch die Berichte von Prof. Püschel, dass das Virus hauptsächlich Menschen mit Vorerkrankungen befällt und das Durchnittsalter sehr hoch liegt. Somit war die Notwendigkeit gegeben, besonders die älteren Leute zu schützen.

Jedoch schreiben die Autoren deutlich, dass die staatlichen Massnahmen zu Kollateralschäden führten. Als Mitte März der Lockdown kam, befand sich die Infektionsteigerungsrate bereits im Absinken. Trotzdem wurde er am 15. April verlängert.

Senioren wurden infolge der Einschränkungen quasi eingesperrt, sie bekamen keine Besuche mehr und entbehrten des Kontakts zu sozialen Gruppen. Kirchen, Caffees, Theater etc. brachen weg. Sehr einfühlsam wird berichtet, wie einsam sich teilweise die Älteren gefühlt haben müssen. Somit war damit zu rechnen, dass sich dringend behandlungsbedüftige Krankheiten wegen Verschiebens von Arztbesuchen verschlimmerten.

Interessant sind die vielen Statistiken in dem Buch, die teils kritisch beleuchtet werden.

Dem Thema Maskenpflicht widmen sich die Autoren ebenfalls in skeptischer Hinsicht. Anfangs hat sich das Robert-Koch-Institut gegen eine Maskenpflicht ausgesprochen, später wurde umgeschwenkt, ohne dass dafür eine fundierte Begründung erfolgte. Herkömmliche Mund-Nasen-Bedeckung bietet ohnehin kaum wirksamen Schutz, weil das Virus derart winzig klein (0,16 Mikrometer) ist, dass es locker durch eine einfache Baumwollmaske (0,3 Mikrometer) hindurchgeht.

Interessant ist auch das Thema Beatmungsgeräte. Ausgewiesene Lungenärzte bestätigen, dass viel zu lange intubiert und invasiv beatmet wird. Alternativen dazu werden aufgezeigt.

Relativ früh war klar, dass Sars CoV-2 kein Killervirus ist, sondern sich etwa vergleichbar einer Grippewelle würde einordnen lassen.

Im letzen Drittel beschreiben die Autoren die wirtschaftlichen  Konsequenzen des Lockdown für Deutschland und weltweit, Folgen für Kinder und ihre Familien, Konsequenzen für die Ärmsten der Welt und der Anstieg von selbstmordgefährdeten Menschen.

Am Ende des Buches werden jene Länder, die einen alternativen Weg gegangen sind, näher beleuchtet. Wie wurden diese Staaten von Medien und Politikern vorschnell als „unverantwortlich“ gebrandmarkt.

Es deutet vieles darauf hin, dass unsere Regierung andere Auffassungen ignoriert und ihre Entscheidungen teilweise willkürlich getroffen hat.

Weitere BESPRECHUNG dieses Buches – hier von Dr. Bernd F. Pelz: https://charismatismus.wordpress.com/2020/07/16/lesenswertes-buch-ueber-die-corona-krise/


Kardinal Marx bietet einen Rundumschlag statt geistiger Auseinandersetzung

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Reinhard Marx hat am 25. Mai 2020 sein neues Buch vorgestellt. Der Titel heißt „Freiheit“.

Was Marx darin sagt, stellt Britta Schultejans in der Allgemeinen Augsburger Zeitung (AZ) vom 25. Mai vor. Zusammenfassend heißt es:

„Eine neue Theologie, mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, ein neues Zeitalter des Christentums“.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Das hört sich wie die Ankündigung einer neuen politischen Utopie an – recht unkonkret. Schultejans meint an späterer Stelle: „Das klingt zum Teil ungemein progressiv, ganz konkret wird Marx aber nicht“.

Diese Unkonkretheit zieht sich in diesem „Rundumschlag“ (Untertitel) durch den gesamten Text.

„Freiheit“ lässt sich gut instrumentalisieren. Alle Ideologen arbeiten damit, auch, wenn sie diese missbrauchen, nachdem sie die Macht erobert haben.

Wir kennen das vom „kommunistischen Manifest“ des Karl Marx, auf den sich alle Marxisten berufen haben  –  von Lenin, Stalin bis zu Mao Tse-tung und Pol Pot, die ihre Gegner ausgerottet haben.

Die „neue Theologie“ wird in der Besprechung nicht näher ausgeführt. Sie sollte eigentlich zu einem tieferen Verständnis der Botschaft Jesu führen.

Das „neue Zeitalter des Christentums“ wird nicht konkret sichtbar. „Freiheit“ ist schon etwas abgegriffen.

Es könnte trotzdem einen interessanten Aspekt bringen, wenn z.B. dargelegt würde, dass Freiheit für Christen hieße, frei werden von den Fesseln der Sünde, von Furcht und Angst, die Menschen bedrängen.

Marx fordert laut Schultejans-Artikelm, „zur Erneuerung“ gehöre zwingend, moderne Freiheiten als gesellschaftliche Errungenschaften zu betrachten.

Es gehe „nicht an, die Freiheitsgeschichte der modernen Welt als Irrweg zu verdammen oder gar als Bedrohung des Glaubens und der Kirche zu sehen“.

Da auch das nicht konkretisiert wird, wäre zu fragen, ob Marx „gesellschaftliche Errungenschaften“ in assistiertem Suizid, in Abtreibung, in Ehe für Alle, in Genderideologie, in der Selektionsmethode PND, in Leihmutterschaft, in Gleichsetzen aller Formen von Sexualität und im Verbot von Konversionstheorien sieht?

Marx geht, so heißt es in der Buchvorstellung, mit „konservativen Widersachern hart ins Gericht“.  Diese Gegner sieht er wohl bei denen, die z.B. im sogenannten Reformprozess eine andere Meinung als er vertreten.

Denn „er (Marx) galt ohnehin schon als treibende Kraft hinter dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der ‚Synodaler Weg‘ genannt wird und sich mit der Sexualmoral, dem Zölibat und der Stellung der Frau befassen soll“.

Als „konservative“ Gegner werden in der Buchbeschreibung namentlich Kardinal Woelki, Bischof Voderholzer und Kardinal Müller genannt. Nirgends wird „konservativ“ näher definiert. Das ist diese schlüpfrige, effektheischende Diktion, die einer geistigen Auseinandersetzung aus dem Weg geht.

Reinhard Marx äußert: „Wenn Freisein und Katholischsein nicht zusammengehören können, ist der Weg des Glaubens in die Zukunft versperrt“.

Mit der Forderung nach mehr Freiheit zeigt sich Marx als ein erfahrungsresistenter Analyst. Bekanntlich rühmen sich die Protestanten ihrer größeren Freiheiten gegenüber den Katholiken. Bringt das aber mehr Zukunft?

Die Protestanten verlassen in größerer Zahl als die Katholiken ihre Kirche. Kirchenaustritte sprechen nicht für Zukunft. Marx äußert, der Kirche dürfe „nichts Menschliches fremd sein“. Richtig! Als die Katholiken noch regelmäßig zum Beichten gingen, war der Kirche vermutlich nichts fremd. Heute muss sie die Befindlichkeit von Soziologen, Psychologen und aus der Statistik erfahren. Fortschritt?

Schließlich meint Marx: Eine Kirche, „die sich in einer rein negativen Sicht der Moderne verharrt und sich zurückträumt in eine idealisierte Vergangenheit… ist nicht nur überholt, sondern sogar zu verhindern… dass solche Stimmen zum Teil vermehrt zu hören sind, beunruhigt mich“.

Marx ist dafür bekannt, dass er kräftig austeilt, wenn er Gegenwind spürt. Er hütet sich aber auch hier, Ross und Reiter zu nennen. Das gibt allen Spekulationen Raum, vermeidet aber eine geistige Auseinandersetzung.

Andersdenkende werden mit „Fundamentalismus“ und „autoritäre Restauration“ abgekanzelt. Die Artikelüberschrift in der AZ lautet: „Klare Kante gegen Kirchen-Konservative“. Sie liest sich wie ein letzter Rundumschlag eines angezählten Boxers. Ein „deutliches Signal“ ist es nicht.


Vorgrimlers Irrtümer über die „Letzten Dinge“

Rezension von Felizitas Küble

Buch-Daten: Herbert Vorgrimler. Und das ewige Leben. Amen. Christliche Hoffnung über den Tod hinaus. Aschendorff-Verlag, Münster 2007, 96 Seiten, ISBN-10: 3-402-00228-0  –  Preis 9,80 €

Bei der Lektüre dieses in jeder Hinsicht schmalen Buches entsteht recht bald der schale Eindruck: Prof. em. Herbert Vorgrimler, Dogmatiker und ehem. Dekan der Theologischen Fakultät Münster, ist seiner bisherigen Linie treu geblieben  –  und diese besteht vor allem darin, Theologie jenseits des kirchlichen Lehramts zu betreiben.

Das gilt auch für dieses Buch über das Jenseits bzw. den Ewigkeitsglauben im Christentum.

Anstelle der in theologischen Werken weithin üblichen Fußnoten finden sich auf der letzten  Seite „Quellenachweise“ in Form einer Bücherauflistung, wobei die Auswahl der Quellen bereits aufschlußreich ist:

Unter den insgesamt elf erwähnten Büchern wurden drei von Jürgen Moltmann verfaßt, einem linksorientierten evangelischen Theologen; zudem je ein Buch von Bert Brecht, Karl Rahner sowie eines von Vorgrimler selbst. Hinzu kommen die Autoren Seneca, Georg C. Lichtenberg, P. Deselaers und Hans U. von Balthasar.

Sollte jemand dieses Buch des Münsteraner Theologen von hinten nach vorne lesen, so wirft bereits diese Bücherliste ein gewisses Schlaglicht auf die kommende Lektüre, die der aufsteigenden Skepsis voll gerecht wird und so manchen Leser vielleicht an jenen Spruch erinnert, der in kirchentreuen Kreisen seit längerem gang und gäbe ist: „In Tübingen kann man das kleine Häreticum absolvieren  –  und in Münster das große!“  

Daß der „Volksmund“ mit diesem sarkastischen Ausspruch durchaus richtig liegt, zeigte sich spätestens bei jenem modernistischen „Theologen-Memorandum“ vom Februar 2011, das bekanntlich von der Theologischen Fakultät Münster ausging, die wiederum jahrzehntelang besonders von Herbert Vorgrimler geprägt wurde.

Der Autor beginnt sein Buch mit einem knappen Vorwort, in dem solch „verheißungsvolle“ Worte zu lesen sind wie etwa folgende: „Aber das theologische Suchen und Nachdenken ist ja auch in letzter Zeit nicht stehengeblieben, und so sind einige Antworten möglich, die religiös-theologisch früher nicht so in den Blick kamen.“  –  Mit solch wolkiger Sprachregelung kann man „Theologie jenseits des Lehramts“ freilich auch definieren.

Was Vorgrimler auf Seite 7 zum Thema Sterben und Sterbehilfe zu sagen weiß, ist zumindest mißverständlich und gerade wegen seines mehrdeutigen Stils durchaus irreführend: Es ist dort von Menschen die Rede, die eine „Verlängerung dieses elenden Lebens gar nicht wollen“:  „Sie haben eine Verfügung getroffen, daß man bei ihnen auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet, denn: Eine Pflicht zu leben gibt es nicht.“

Es stellt sich hier die Frage, ob es lediglich um den Verzicht auf „lebensverlängernde“ Maßnahmen geht  – oder um den Verzicht auf lebenserhaltende (!) Maßnahmen, mag es sich auch um die Spätphase des Lebens handeln. Die Vorgrimler-Formel „Eine Pflicht zu leben gibt es nicht“ weist jedenfalls in eine problematische Richtung, denn immerhin ließe sich damit auch Selbstmord oder Euthanasie „begründen“.

Es gibt für Christen sehr wohl die sittliche Pflicht, dem Willen Gottes auch hinsichtlich Sterben und Tod nicht vorzugreifen.

Sodann erklärt Vorgrimler durch Zitate diverser Atheisten (darunter Bert Brecht), daß Unglaube keineswegs zur Angst vor dem Tod führt, sondern durchaus Gelassenheit ermöglicht: „Ein nachdenklicher, aufgeklärter Mensch fürchtet sich nicht davor, eines Tages nicht mehr da zu sein“,  berichtet  der Autor seiner Leserschaft auf Seite 9. 

Doch das Erstaunen läßt sich noch steigern, wenn auf der nachfolgenden Seite sogar ein „Argument“ für den Unglauben geliefert wird: „Wer sich schmerzlich sagt, es gebe nach dem letzten Abschied kein Wiedersehen mehr, der wird die Tage und Wochen des Zusammenseins anders schätzen und gestalten als in der weit verbreiteten Gedankenlosigkeit.“

Nach diesem für einen „Theologen“ eher ungewöhnlichen „Einstieg“ befaßt sich der Verfasser im 2. Kapitel „Warum denn der Tod?“ mit dem Sündenfall. Doch dieser hat  – entgegen biblischer Lehre und kirchlichem Dogma  – offenbar nicht stattgefunden, glaubt man den häretischen Ausführungen Vorgrimlers auf Seite 15:

„Müssen also wir alle sterben, weil der erste Mensch „Adam“ gesündigt hat? Es gab viele Generationen von Christen, die sich bei einem solchen Gedanken nichts dachten, die sich vielmehr, vielleicht manchmal etwas resigniert und traurig, dem vermeintlichen Willen Gottes unterordneten. Heute denken nachdenkliche Christen nicht mehr so. Es gibt Hinweise der Naturwissenschaften, daß bereits Jahrmillionen vor dem Auftreten der ersten Menschen der Tod alles Lebendigen in der Schöpfung vorgesehen war. Weiter wird von der Wissenschaft geltend gemacht, daß ein einzelnes Menschenpaar unter den extrem harten Bedingungen der Urzeit keine Chance zum Überleben gehabt hätte.“

Was von „der“ Wissenschaft  angeblich „geltend“ gemacht wird, ist für den Theologen und Nicht-Naturwissenschaftler Vorgrimler offenbar vorrangiger als die biblisch bezeugte Gottesoffenbarung im Buch Genesis sowie das kirchliche Dogma, das an der Existenz des ersten Menschenpaares und am Sündenfall unbeirrbar festhält.

Um nun Sündenfall und Erbsünde zu „widerlegen“, auch hinsichtlich des Todes als einer Strafe für die Sünde Adams, verweist Vorgrimler auf ein alttestamentliches Wort, will also offenbar biblische Texte gegeneinander ausspielen.

Zur Auffassung vom Tod „als Strafe für die Sünde“ halte  – so Vorgrimler auf S. 17   – „die Bibel noch eine andere Auffassung bereit“, nämlich folgende aus dem Buch der Weisheit (1,13 f): „Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ –  Freilich heißt es einige Verse später: „Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weish 2,24)

Wegen seines Neides auf den Menschen im paradiesischen Zustand griff der satanische Erzfeind zu List und Tücke, was zum Sündenfall führte  – und damit auch zum Tod. Insofern ist der Tod letztlich vom Teufel verursacht, vom Menschen verschuldet  –  und von Gott als Konsequenz und Strafe verhängt, wie das Apostelwort klarstellt: „Denn der Tod ist der Sünde Sold; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem HERRN“ (Röm 6,23).

Im 4. Kapitel „Unsterbliche Seele?“ führt das Fragezeichen in Vorgrimlers Titel bereits zur Antwort, denn eben diese Unsterblichkeit wird infragegestellt. Angeblich finden sich laut Vorgrimler (S. 26/27)  im Alten und Neuen Testament lediglich „Spuren“ dieses kirchlichen Dogmas, das seinen inhaltlichen Ursprung vielmehr der griechischen Philosophie verdanke, womit Vorgrimler auch insoweit die übliche modernistische Mainstream-Theologie wiederkäut, die aus einem unbestrittenen Sachverhalt durchaus unzutreffende Schlußfolgerungen zieht:

Die Tatsache nämlich, daß manche Aussagen der Heiligen Schrift auch in der außerbiblischen theistischen Philosophie zu finden sind, berechtigt keineswegs zur Infragestellung dieser Grundwahrheiten. Vielmehr hat es dem Ewigen gefallen, einige Samenkörner der göttlichen Offenbarung ins menschliche Herz zu pflanzen, so daß diese bei hoher geistiger Aufgeschlossenheit auch von „Heiden“ wahrgenommen werden können.

Dazu gehört etwa auch die Erkenntnis von der Existenz Gottes aufgrund seines Schöpfungswerkes, die dem Menschen allein schon aufgrund seiner natürlichen Vernunft möglich ist (vgl. Röm 1,20).

Nicht ohne listigen Unterton füllt Herbert Vorgrimler auf S. 30 die volkstümliche Ausdrucksweise von den „Armen Seelen“ mit anderem Inhalt, indem er ironisch festhält, wenn die angebliche menschliche Seele „für sich allein weiterexistieren könne“, sei sie doch wohl ein „Krüppelwesen“  – und mithin eben „in der Tat eine „Arme Seele““.

Angesichts dieser Ausführungen erstaunt es wenig, daß der Autor mehrfach die Existenz einer ewigen Hölle leugnet, sind wir doch angeblich alle zum Himmel „vorherbestimmt“, wie Vorgrimler auf S. 40 erklärt:

„Aber alle Tode und alle Toten haben ihr Ziel: Gott erwartet sie, er nimmt sie zu sich… Bei einem Tod, den die Angehörigen als viel zu früh ansehen, könnte es ihnen ein Trost sein, wenn sie bedenken, das der Vorausgegangene jetzt an dem Ziel angekommen, vom Ziel aufgenommen ist, das ihm schon vor seiner Empfängnis und Geburt vorherbestimmt gewesen war.“  

Fünf Seiten weiter klärt der Münsteraner Dogmatiker uns darüber auf, daß Jesu Gleichnis „vom  verlorenen Sohn“ falsch formuliert sei: „Als ob Gott jemals ein Kind verlorengehen könnte.“

Auf S. 56 befaßt sich der Autor mit den Endzeit-Erwartungen in den ersten Christengemeinden, ohne zu erwähnen, daß der Völkerapostel Paulus damals für einen nüchternen Blick sorgte. Doch zunächst Vorgrimlers O-Ton zum Thema Wiederkunft Christi: „Die ersten Generationen der Christen nach dem Weggang Jesu mußten sich mit dem Problem abplagen, daß diese Erwartungen so nicht eintrafen.“

Paulus hatte diese „Erwartungen“ freilich in 2 Thess 2,1-8 bereits klar eingegrenzt:

„Brüder wir schreiben euch über die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus! … Laßt euch nicht irreführen und aus der Fassung bringen, wenn in einem prophetischen Wort… oder in einem Brief, der angeblich von uns stammt, behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da… Denn zuerst muß der Abfall kommen und der Widersacher, der Mensch der Gesetzlosigkeit, offenbar werden. Jesus, der Herr, wird ihn durch den Hauch seines Mundes töten und durch seine Ankunft und Erscheinung vernichten…“

Aus Vorgrimlers Sicht sollte Christi  „Kommen in Herrlichkeit“ ohnehin im „Licht unseres 21. Jahrhunderts“ ganz neu verstanden werden, nämlich individuell, wie er auf S. 57 erläutert: „Er kommt wieder, in dem wir alle, einer nach dem anderen, bei ihm ankommen, wo wir ihn in seiner unverhüllten Herrlichkeit sehen werden.“ – Damit wird das Bekenntnis aus dem Credo („Er wird wiederkommen in Herrlichkeit“) umgedeutet und zugleich mit der alt-neuen Allversöhnungs(irr)lehre verschmolzen.

Freilich kommt auch ein Theologe namens Vorgrimler an den eindeutigen Aussagen Christi über die Existenz der Hölle nicht ganz hinweg. Doch er (miß)deutet diese Verkündigung als eine Art „schwarze Pädagogik“, als Drohbotschaft im Dienst einer Mahnrede, wie er auf S. 73 mit einem unterschwelligen Vorwurf gegen Christus erläutert:

„Die ernsthaften, dringlichen Mahnungen wurden von Jesus selber mit geläufigen Höllenrequisiten illustriert…Jesus hat zweifellos solche sprichwörtlichen Redewendungen illustrierend drohend eingesetzt. Evangelisten wie Matthäus haben sie wohl an weiteren Stellen verschärft. Man kann Jesus von den Drohworten nicht einfach freisprechen.“

Im 10. Kapitel „Verdammt in alle Ewigkeit?“ befaßt sich Vorgrimler auf S. 80 sodann mit dem kirchlichen Dogma „Außerhalb der Kirche kein Heil“, das er einseitig darstellt, denn er verschweigt, daß das kirchliche Lehramt  –  in Abwehr des jansenistischen Rigorismus  – schon vor Jahrhunderten erklärte, daß göttliches Gnadenwirken auch außerhalb der wahren Kirche möglich ist: Es existiert demnach von der Erlösungsordnung her außerhalb der Kirche kein Heil, aber subjektiv kann auch außerhalb der Kirche die göttliche Gnade wirken.

Das authentische Lehramt unterscheidet nämlich seit jeher zwischen der objektiven Ebene einerseits, wonach die katholische Kirche der einzige ordentliche Heilsweg ist, die von Christus selbst gestiftete „Arche des Heils“   –  und der subjektiven Ebene andererseits, wonach persönliches Heil im Einzelfall auch außerhalb der Kirche denkbar ist, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt sind.

Vorgrimler irrt daher, wenn er behauptet, erst das 2. Vatikanische Konzil habe eine Heilsmöglichkeit für außerhalb der Kirche lebende Menschen verkündet. In Wirklichkeit wurde dies etwa auch im „Katechismus der katholischen Lehre“  –  herausgegeben vom heiligen Papstes Pius X.  –  klar vertreten:

Im Kapitel 6 „Die katholische Kirche“ lautet dort die letzte Fragestellung: „Kann derjenige gerettet werden, der außerhalb der katholischen Kirche ist?“  – Hierauf erfolgt die Antwort:

„Wer aus eigener Schuld und ohne vollkommene Reue außerhalb der Kirche stirbt, findet keine Rettung. Wer sich ohne eigene Schuld außerhalb der Kirche befindet und gut lebt, kann durch die Liebe,  mit der er mit Gott und im Geiste auch mit der Seele der Kirche vereint ist, gerettet werden.“

Die Erstveröffentlichung dieser Besprechung erfolgte in der Zeitschrift „Theologisches“


Kinderarzt schrieb ansprechendes Kinderbuch

Von Cordula Mohr

Der sechsfache Familienvater, bekannte Lebensrechtler und Medizin-Professor Dr. Holm Schneider schrieb ein lesenswertes Kinderbuch mit dem Titel: „Warum Vampire nicht gern rennen“, das jetzt im im Stachelbart-Verlag erschienen ist.

Das fotografisch illustrierte Werk ermöglicht den Lesern einen interessanten Einblick in das Leben von Flo und Carolin, die beide mit einer Behinderung geboren wurden.

Trotz Ablehnung aus Teilen der Gesellschaft werden die beiden Kinder zu guten Freunden – und Flo zeigt Carolin seine ganz eigenartige innere und äußere Welt; sie ist spannend zu entdecken, zumal die meisten Kinder des Dorfes sagen, Flo sei ein Vampir, da er merkwürdig aussehe.

Diese auch für Erwachsene lesenswerte Geschichte des Kinderheilkundlers ist vor allem für das Grundschulalter geeignet. Besonders ansprechend sind die realistischen Bilder mit den schönen Naturaufnahmen.

Durch die Fotos der Kinder Flo und Carolin kann der Leser Menschen mit Behinderung an ihrem Aussehen erkennen. Bei echten Begegnungen mit diesen „besonderen“ Menschen kann dies durchaus hilfreich sein.

Ein sehr zu empfehlendes und mit 9,90 Euro erschwingliches Buch  – geeignet auch als Geschenk zur Erstkommunion.

Weitere Hinweise und Bestellmöglichkeit hier: https://www.buecher.de/shop/ab-8-jahren/warum-vampire-nicht-gern-rennen/schneider-holm/products_products/detail/prod_id/33866651/


Eindrucksvolles Buch über die Heldenfrau Nina Gräfin von Stauffenberg

Besprechung von Cordula Mohr

Als mir dieses Porträt-Buch geschenkt wurde, freute ich mich sehr, mehr über die Frau des berühmten Volkshelden und Widerstandskämpfers Claus von Stauffenberg zu erfahren. Es stellte sich heraus, daß auch seine Ehefrau Nina ein tapferes Herz und einen starken Charakter besaß. 

Die bewegende Biographie mit dem Titel „Nina Schenk von Stauffenberg“ stammt aus der Feder ihrer Tochter Konstanze von Schulthess.

Es muss eine einzigartige Begegnung zwischen Claus von Stauffenberg und Nina Freiin von Lerchenfeld gewesen sein, denn Nina war erst 17 Jahre und Claus 22 Jahre alt. Besonders die tiefen Gespräche verband sie miteinander.

Anfangs dachte man, Claus habe den Kontakt zur Familie Lerchenfeld wegen der gemeinsamen Pferde-Begeisterung und Reitliebhaberei des Vaters Lerchenfeld gesucht. Dann stellte sich heraus: Claus und Nina trafen sich häufig und es ging bald schon um eine Verlobung.

Ninas Vater war grundsätzlich einverstanden, wollte jedoch wegen des jungen Alters seiner Tochter  zuwarten, damit sie sich noch anders entscheiden könnte, falls doch Zweifel in ihr aufkommen. Dies war jedoch nicht der Fall. Trotzdem warteten die Verlobten bis zum 21. Lebensjahr Ninas. Vorher durfte nicht geheiratet werden, wobei auch die damaligen Vorschriften des Militärs eine Rolle spielten.

Claus war schon früh dem George-Kreis beigetreten; um den romantisch-idealistischen Dichter Stefan George bildete sich eine Schar von Verehrern und geistig suchenden Menschen.

Die Autorin stellt in dem Buch klar, dass ihr Vater Claus von Stauffenberg nie ein begeisterter Anhänger der Nationalsozialisten gewesen ist. Als Angehöriger der Reichswehr (später der Wehrmacht) war er jedoch staatstreu eingestellt und von daher dem NS-Regime zunächst loyal gegenübergestanden. Diese besondere Situation im Spannungsfeld von „Pflicht“ und Neigung wird von gewissen Büchern über den militärischen Widerstand gegen Hitler oft ignoriert.

Stauffenberg war ein sehr disziplinierter Mann, der Herz und Verstand dem Militär zur Verfügung gestellt hat. Häufig trug er seine Uniform, zumal er immer auf Abruf bereit sein musste.

Nina war durch Briefe, die sie aus Vorsicht bzw. Angst vor Repressalien wieder verbrannte, in das Vorhaben ihres Mannes und der anderen Widerständler (Attentatspläne) eingeweiht. Alle Beteiligten werden in dem Buch namentlich aufgezählt.

Am 21. Juli 1944 musste Nina von Stauffenberg ihren Kindern sagen, dass ihr Vater hingerichtet worden ist, nachdem die „Operation Walküre“ tragisch gescheitert war. Es ist ihr umso schwerer gefallen, als sie damals in „anderen Umständen“ war.

In der eindrucksvollen Biografie wird deutlich beschrieben, was Nina und Claus besprochen haben, wenn dieser verhängnisvolle Fall eintritt: sie solle bei Verhören sagen, sie habe von nichts gewusst – und dabei stark bleiben.

Sie wurde von der Gestapo abgeholt, weil es schon zu spät war, um zu fliehen. Die Nachricht vom gescheiterten Attentat erreichte sie zu spät. Sie wurde in das Frauengefängnis Ravensbrück gebracht. Ihre Kinder kamen in ein Heim. Sie hatte ihren Kinden vorsichtshalber noch mitteilen können, dass ihr Vater sich „geirrt“ habe  –  und das sollen sie auch den anderen Leuten so sagen.
 
In den Verhören beteuerte sie, von den Plänen des Mannes nichts gewusst zu haben; sie kam in Einzelhaft.

Die Verwandschaft kam vielfach in Sippenhaft und wurde auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Nahe Verwandte wussten nicht, wie ihnen geschah, als sie festgenommen wurden.
Nur die Kinder der Attentäter durften zusammenbleiben, bekamen aber im Heim neue Nachnamen, ohne ihre eigentlichen Namen zu vergessen. Später erfuhren sie, dass sie teils Verwandte waren, als z.B. das älteste der Kinder nachts fragte: Wie ist euer richtiger Name?

Nina hatte noch etwas Glück, denn ihre Schwägerin Litta konnte Briefe und Essen ins Gefängnis bringen. Ohne diese beherzte Frau  –  sie war von Beruf Testpilotin   –  wäre Ninas Haft und die der anderen Familienmitglieder weitaus schwieriger verlaufen. 

Nina von Stauffenberg war von einem starken Gottvertrauen beseelt. In der Einzelhaft betete sie und versprach dem Himmel, wenn sie alle ihre Kinder wiedersehen dürfe, werde sie zur Ehre Gottes eine Wallfahrt unternehmen. Das Versprechen erfüllte sie als evangelische Christin  – ihr verstorbener Mann Claus war katholisch  –  nach dem Krieg gemeinsam mit den Kindern.
 
Nina von Stauffenberg brachte Tochter Konstanze in einem Hospital zur Welt, wo sie sich länger aufhalten durfte. Die Einzelhaft wurde unterbrochen. Sie konnte sich in diesem Krankenhaus etwas erholen, da das Personal ihr freundlich gesonnen war.

Schon bald ging es dem Kriegsende zu und Nina wurde mit ihrem kleinen Kind von einem Gestapo-Mann durch ganz Deutschland gefahren. Es ging ständig durch neue Städte, der Säugling wurde kränklich. Sie berichtet von ihrer endgültigen Erklärung an ihren unfreiwilligen Begleiter, zu keiner Weiterreise bereit und fähig zu sein.  

Der Gestapomann, der trotz seines „Amtes“ kein fanatischer Nazi war, erkannte das unsägliche Chaos und Elend der letzten Kriegstage und „quittierte“ seinen Dienst selbst. Nina schrieb ihm noch einen Zettel, damit er nicht in den Verdacht geriet, ein „Deserteur“ zu sein.

In bewegender Weise wird beschrieben, wie manche Angehörige und ihre Kinder sich wiedergefunden haben. Einige enge Verwandte haben die Haft nicht überlebt. Besonders traurig machte es Nina, als sie vom Tod ihrer Schwägerin Litta hörte; sie kam bei einem amerikanischen Angriff ums Leben. Die Witwen der Attentäter haben alle nie wieder geheiratet.

Es war für Nina eine traumatische Erfahrung, dass ihr geliebter Claus hingerichtet wurde.

Das Portät dieser bemerkenswerten Frau ist spannend zu lesen und klärt über so manche Fragen um die Familie Stauffenberg auf.

Besonders eindrucksvoll erscheint mir auch, wie die Tochter beim Sterben ihrer Mutter Nina im Jahre 2006 tagelang mitanwesend war. Sie beschreibt das tiefe Gemüt der Mutter; sie habe ohne Bitterkeit von dieser Welt Abschied genommen.

Dieses Buch dient der Aufklärung über unsere deutsche Geschichte. Mir wurde dadurch klar: Der Widerstand gegen Hitler war hierzulande stärker, als man allgemein denkt.

Diese Biographie ist sehr empfehlenswert und aufschlußreich. Das Buch bietet zudem anschauliche Bilder der Familie und passende Beschreibungen dazu.

Vielleicht eignet sich als Abschluß Ninas Gedicht, das sie kurz nach der Verhaftung im Gefängnis Ravensbrück verfaßte. Manchmal findet man diese Verse auch in Todesanzeigen. Somit ist das geistige Vermächtnis dieser tapferen und gläubigen Frau nicht ganz unbekannt:

Du bist bei mir.
Wenn auch Dein Leib verging.
Und immer ist`s, als ob
Dein Arm mich noch umfing.

Dein Auge strahlt mir zu
Im Wachen und im Traum.
Dein Mund neigt sich zu mir,
Dein Flüstern schwingt im Raum.

„Geliebtes Kind, sei stark“,
Sei Erbe mir!
Wo du auch immer bist,
Ich bin bei Dir!

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