Münster: Gottesdienst im koptischen Ritus von Ehrfurcht und Feierlichkeit geprägt

Von Felizitas Küble

Am Samstag, dem 30. September, fand vormittags in der schmucken kath. Barock-Kirche St. Clemens in Münster-Innenstadt eine feierliche hl. Messe im koptischen Ritus statt, die über zwei-ein-halb Stunden dauerte und stark von geistlichen Gesängen getragen war.

Kerzen, Weihrauch und symbolische Handlungen spielen ebenfalls eine große Rolle. Die Liturgie wirkt insgesamt sehr ehrfurchtsvoll, aber durch die vielen Lieder auch glaubensfroh und festlich.

Zu Beginn gab es außer mir nur einzigen weiteren (ebenfalls deutschen, nicht-koptischen) Besucher; vor dem Altar stand Bischof Damian, neben ihm zwei Sänger. Ich wunderte mich über die fast leere Kirche. Nach einer Viertelstunde kamen drei Priester zur Kirchentür herein; zudem ließen sich allmählich auch weitere Gläubige blicken.

Nach gut einer Stunde waren ca. 2/3 der Besucher eingetroffen, der „Rest“ kam noch später. Solche beträchtlichen „Verspätungen“ sind hier offenbar der Normalfall. (Wer erst nach einer Stunde kommt, hat aber immer noch eineinhalb Stunden Messe vor sich….)

FOTO Nr. 1 bis 3: Die Priester tragen weiße Gewänder und Kapuzen, der Bischof ein farbiges Obergewand. Die Lesung nimmt ein Laien-Lektor vor, die Predigt der Bischof oder Priester. – Die Kinder wirken ungezwungen; wenn sie unruhig werden (nach stundenlangem Gottesdienst kein Wunder!), gehen die Mütter mit ihnen zur Seitenwand oder nach draußen.

Die Kopten nennen sich zwar bisweilen auch „koptisch-orthodox“, damit ist aber lediglich gemeint, daß sie sich selber als  „rechtgläubig“ verstehen – es geht hierbei nicht um die orthodoxen Konfessionen bzw. Ostkirchen.

Vielmehr gehören die koptischen Christen zu den sog. „altorientalischen“ Kirchen, die das Konzil von Chalcedon nicht anerkannt haben, weil sie entweder monophysitistisch sind (wie etwa die Kopten) oder nestorianisch (wie z.B. ein Teil der syrischen/assyrischen Christen).

FOTOS: Bei den Kopten gibt es  – wie in der traditionellen kath. Messe  –  allein die Mundkommunion; zudem hält ein Ministrant (ebenfalls wie in der „alten Messe“) eine Kerze in seiner Hand. Die Eucharistie wird allein vom Bischof (wie hier) oder Priester ausgeteilt.

Die beiden Naturen in Christus – die  menschliche und die göttliche – werden also entweder zu stark getrennt (Nestorianer) oder zu wenig unterschieden (Kopten; bei ihnen geht das Menschsein Christi in seiner göttlichen Natur gleichsam fast „unter“). Wie wollen diese christologischen „Feinheiten“ hier nicht weiter ausbreiten, zumal ist es insofern mittlerweile zu gewissen Annäherungen mit der katholischen Kirche gekommen.

Wenngleich die Kopten  – es gibt sie vor allem in Ägypten und Äthiopien –  keineswegs zur orthodoxen Kirchengemeinschaft im eigentlichen Sinne gehören, sind gewisse liturgische Ähnlichkeiten offensichtlich, aber freilich auch Unterschiede. Vor allem fehlen im koptischen Gottesdienst die Ikonen, die für die ostkirchlichen Riten von großer Bedeutung sind.  

Auffallend ist auch die Kopfbedeckung der Geistlichen (weiße Leinenkapuzen) im koptischen Ritus – sie gilt aber nicht für Ministranten und Altar-Sänger.

Vermutlich geht diese Kopfbedeckung auf althebräische Traditionen zurück: die jüdische Kippa will symbolisch verdeutlichen, daß zwischen dem allmächtigen Schöpfer und seinem dienstbaren Geschöpf ein großer Unterschied bzw. Abstand, also eine „Trennung“ besteht.

Auch das Meßgewand der koptischen Geistlichen ist weiß, das des Bischofs etwas bunter. Zunächst beginnt der Gottesdienst in schwarzen Gewändern, nach der „Vormesse“ ziehen sich die Priester ihre weißen Gewänder an. Die Meßdiener und Psalmensänger ziehen von Anfang an ihre Schuhe aus und wandeln während des Gottesdienstes auf ihren Strümpfen.

Der Gottesdienst wird „zu GOTT hin“ (mit dem Rücken zum Volk) bzw. in Richtung Altar zelebriert – natürlich außer der Predigt und biblischen Lesungen. Insofern besteht eine Gemeinsamkeit zur überlieferten katholischen Liturgie („alte Messe“). Der koptische Priester hält fast immer ein kleines Silber-Kreuz in seiner Hand.

Die Kopten verwenden keine Hostien bei der hl. Kommunion, sondern kleine Brotstückchen, die von einem großen, flachen und runden Brot stammen. (Das Brot muß rund sein als Zeichen dafür, daß Gott keinen Anfang und kein Ende hat.) Zu Beginn des Gottesdienstes wird das Brot mit Wasser benetzt, was ein Sinnbild für die Taufe Christi durch Johannes den Täufer sein soll.

Bei den Kopten gibt es  für das Kirchenvolk keine Handkommunion  – es gilt für alt und jung die Mundkommunion genau wie bei den Orthodoxen  – allerdings (im Unterschied zu ihnen) keine Kelchkommunion; diese empfangen bei den Kopten allein die Priester.

Die Erwachsenen gehen teils stehend, teils kniend zum Tisch des HERRN, die Kinder meist stehend  – oder sie werden von ihren Eltern auf den Armen getragen. Das verdeutlichen auch unsere FOTOs Nr. 4 bis 6.

Das letzte BILD zeigt Bischof Damian beim Schlußsegen mit Weihwasser, das er über die Häupter seiner Lieben verteilt. Einige Gläubige bekreuzigen sich dabei.

Männer und Frauen sind in den Kirchenbänken klar getrennt (wie früher in der katholischen Kirche üblich): Vom Altar aus gesehen befinden sich links die Frauen, rechts die Männer. Die weiblichen Gläubigen kommen teils mit, teils ohne Schleier bzw. weiße Kapuze; die ägyptisch-stämmigen Frauen eher ohne, die äthiopischen eher mit Kopfbedeckung.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.

Fotos: Felizitas Küble


Kardinal von Galen und die neubelebte Citypastoral der St.-Clemens-Kirche in Berlin

Von Lucia Tentrop

Dieser Artikel entstand auf Wunsch meiner Heimatgemeinde St. Cornelius und Cyprian in Lippetal-Lippborg, einem Stammsitz der Familie von Galen. Die in meinem Bericht beschriebene St.Clemens-Kirche in Berlin wurde von dem Kardinal Clemens August Graf von Galen gegründet. Diese Kirche erstand damals gegen eine gesellschaftliche Unterdrückung unseres Glaubens mit einem besonderen pastoralen Konzept und ist auch heute wieder dank eines besonderen Konzepts ein Zeichen der Hoffnung. 

  1. Gründung und Aufstieg

In Berlin gibt es eine Kirche, dessen Pfarrer immer aus dem Bistum Münster stammt. Das ist ist die St. Matthias-Kirche in Berlin-Schöneberg. Der westfälische Stifter dieser Kirche hat das um 1860 so bestimmt. Seinem Wunsch wird heute noch entsprochen. Einer der Geistlichen, die aufgrund dieser Regel nach Berlin versetzt wurden, war 1906 Clemens August Graf von Galen, der spätere Kardinal und „Löwe von Münster“,  der u.a. wegen seines mutigen Einsatzes gegen den Nationalsozialismus selig gesprochen worden ist.

Seinen Neffen Bernhard von Galen, der in meinem Heimatdorf Lippetal ansässig war, habe ich noch mit über 90 Jahren mit dem Auto durch unser Dorf kurven bzw. an der Lippborger Hauptstraße gefährlich wenden gesehen.

Die Versetzung des jungen Priesters Clemens August nach Berlin fiel in die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in der Gründerzeit. Infolge der Industrialisierung der Städte im 19. Jahrhundert  strömten zahlreiche Wandergesellen und Handwerker nach Berlin, um hier Arbeit und Brot zu finden. Das war ein armseliges Leben.

Es gab nicht den heutigen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Auch waren die aus ländlichen deutschen Gegenden stammenden Fremdarbeiter in überfüllten Elendsquartieren menschenunwürdig untergebracht. Katholiken hatten es besonders schwer. Es gab  kein Recht auf freie Ausübung der Religion. Der sogenannte Kulturkampf und das staatliche Verbot des Jesuiten-Ordens 1872 hatten ihre Lage als unerwünschte Minderheit in Berlin verschärft.

Deshalb gibt es in unserer Hauptstadt so viele katholische Kirchen, die sich wie normale Häuser in die Straßenfassade einfügen oder als Hinterhofkirchen versteckt haben.

In dieser trostlosen Situation dürfte es kein Zufall gewesen sein, dass Clemens August neben seinem Amt als Priester der Leiter des Gesellenvereins für ganz Berlin wurde. Er war nämlich von Haus aus sozial „programmiert“. Seine Familie war für ihre großzügigen Stiftungen bekannt, und sein Großonkel, der Bischof Emanuel von Ketteler, war im 19. Jahrhundert als „Arbeiterbischof“ ein Wegbereiter der katholischen Sozialbewegung gewesen. 

Auch Clemens August nahm das Anliegen von Adolf Kolping, den Wandergesellen wirtschaftlich zu helfen und sie religiös zu begleiten, als christlichen Lebensauftrag ernst.

Welcher sozial denkende Mensch unserer heutigen Zeit würde sich wohl mit 30 Jahren sein Erbe  auszahlen lassen und sich fortan auf sein regelmäßiges Gehalt beschränken, um in seinem Umfeld die Armut zu bekämpfen?  

Eben das nämlich tat der junge Priester von Galen. Bereits 1 Jahr nach seiner Ankunft in Berlin erwarb er ein Grundstück am Anhalter Bahnhof, von wo täglich Einwanderer in die Hauptstadt strömten. Dort ließ er ein Kolping-Hospiz mit Wohnraum für bis zu 400 Menschen bauen und gründete die nach dem Stadtpatron von Wien benannte St. Clemens-Kirche.   

Schließlich finanzierte er für „seine“ neue Kirche auch noch die Stelle eines 2. Kaplans.  Der von ihm gegründete Gebäudekomplex mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, die sich um die gut versteckte neue Hinterhof-Kirche herum gruppierten, entwickelte sich zu einer  architektonisch und funktional vorbildlichen kleinen Stadt in der Großstadt. Die Sorge um das seelische und soziale Leben der Handwerksgesellen wurde von der Kongregation der Grauen Schwestern unterstützt.

(Ein ähnliches Projekt für Frauen in Berlin, das den sozial kreativen Geist der katholischen Kirche um 1900 repräsentiert, ist das heutige Haus Helene Weber am Lietzensee, in dem ich lebe. Der 1903 gegründete Katholische Deutsche Frauenbund, dessen Hauptziel die damals noch unübliche Bildung der Frauen war,  schuf damit Wohnungen für 168  berufstätige Frauen jeder Konfession. Hier war für das religiöse und soziale Leben sowie für die Aus- und Fortbildung alleinstehender Frauen gesorgt. Schwestern der Caritas Socialis übernahmen die Betreuung. Heute ist es ein Mehrgenerationenhaus für Frauen. Wir haben eine Hauskapelle mit einem ehrenamtlichen  Hausgeistlichen, ein Bildungsprogramm sowie den sozialen Dienst einer inzwischen 90-jährigen Mieterin, einer Psychologin, die auf der Basis ihres christlichen Glaubens seit Jahrzehnten ihr Leben und ihr Vermögen der Hausgemeinschaft zur Verfügung stellt.)

So wurde die neo-romanische St. Clemens-Kirche mit ihrem Kolping-Hospiz das in Stein gehauene Idealbild der katholischen Sozialwegung in den Gründerjahren und nach jahrzehntelanger gesell- schaftlicher Verdrängung der katholischen Kirche in Berlin ein Zeugnis für die dem christlichen Glauben innewohnende Kraft zur Auferstehung. Sie gilt kunsthistorisch als Baudenkmal ersten Ranges. 1911 wurde sie eingeweiht.

Das riesige Altarbild ist ein anrührend lebendiges Mosaik des schlesischen Madonnenmalers Paul Plontke mit Jesus, dem Guten Hirten. Weil die Gegend am  Anhalter Bahnhof nicht nur ein Zentrum großstädtischen Vergnügens mit Tanzbars und Varietés, sondern auch der Regierungsbezirk war, beteten hier neben den Arbeitern und anderen Gläubigen auch Mitglieder des Reichstags  und der Regierungsbehörden miteinander.

Sogar der Apostolische Nuntius Eugenio Pacelli (siehe Briefmarken-Foto), der spätere Papst Pius XII., beichtete  regelmäßig bei dem Pfarrer Clemens August von Galen.

  1. Niedergang und Vernichtung

Nachdem 1917 das Jesuiten-Verbot aufgehoben worden war, übernahmen Jesuiten die St.-Clemens-Kirche. Ab 1941 wurden viele als Gegner des Nationalsozialismus (Kreisauer Kreis) erneut staatlich verfolgt. Sie wurden aus Deutschland ausgewiesen oder umgebracht.

Die Geheime Staatspolizei hatte keinen Sinn für die gemüthafte Bedeutung unserer Religion und nutzte die Kirche als Möbellager. Im letzten Kriegsjahr 1945 brannte die gesamte Umgebung von St. Clemens ab. Die Kirche selbst überstand den Brand, aber ihr Dach und die Orgel wurden bei Kämpfen um die Innenstadt zerstört.

Erst ab 1949 konnte wieder eine Heilige Messe darin gefeiert werden. Bis 1973 wurde sie dann erneut von  Jesuiten betreut und später von der kroatischen Mission übernommen.

Seit ca. 1970 erleben wir in Deutschland einen kulturellen Umbruch. In den letzten Jahrzehnten ging vieles an Kultur verloren, was ehemals sogar volkstümlich gepflegt worden war.

Als Sängerin und spätere Musiklehrerin habe ich den unter wissenschaftlichen und technischen Vorzeichen betriebenen Abbau unserer Kultur sehr bewusst miterlebt: Die von unserer Kultur emanzipierte und wissenschaftlich eigenständig gewordene Pädagogik übernahm die technisch gestützten Maßstäbe der internationalen Unterhaltungsmusik und brachte kaum noch Nachwuchs hervor, der den Ansprüchen unserer europäischen Musikkultur genügt.

Die vitale gesangliche Potenz der menschlichen Natur wurde durch technisch verstärkte Dekadenz übertönt. Unsere volksnahen Sänger und Musiker, ehemals die Brücke zur musikalischen Hochkultur, begannen auszusterben. Der Kirchengesang verlor seine körperlich-seelische Begeisterung, die den Glauben tragende Kraft des Gemüts. Die Kirchen  leerten sich. 

Unter der Herrschaft einer wissenschaftlich aufgewerteten öffentlichen  Meinung begann man, sich seiner Glaubenskräfte zu schämen. „Wenn die Götter sterben, nehmen sie ihre Lieder mit.“ –  Das gilt auch umgekehrt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie wollen wir in unsere selbstvergessene Kultur den Zustrom von Einwanderern fremder Sprachen und Kulturen integrieren, der seit  Jahrzehnten in unser Land drängt? Haben Gesetze, Wohlstand und das verstaatlichte Sozial-Gefühl die Kraft, uns seelisch miteinander zu verbinden? Haben wir einen im Gemüt verankerten höchsten Wert, der die unterschiedlichen Wertvorstellungen der Kulturen übersteigt und uns zusammenhält?

Die gesellschaftliche Problematik unserer Zeit steht also den Problemen der Gründerzeit bzw. des Priesters Clemens August vor 100 Jahren keinesfalls nach. Im Gegenteil.

Damals kam die Unterdrückung des Glaubens nur von außen. Gerade die Zeit der wandernden Handwerker hat einen großen Beitrag zur Erweiterung unseres volkstümlichen Liedguts gebracht! In unserer christlichen Kultur waren Zeiten der äußeren Unterdrückung auch Zeiten gesteigerten Singtriebs (z.B. die Negro-Spirituals), denn Singen richtet auf. 

Angesichts unserer heutigen Religionsfreiheit kommt die Unterdrückung unserer Glaubenskräfte aber von innen. Unsere große Gefahr ist die Resignation. Diese Form der Selbstunterdrückung in einem freien Staat ist viel gefährlicher als ein äußerer Widerstand, denn einen inneren Rückzug der Kräfte erkennt man nicht so leicht. Die Zerstörung unseres kulturellen Potenzials von innen geschieht unbewusst. Das Kuschen vor der öffentlichen Meinung ist nur die äußere Folge unseres verblassenden kulturellen Selbstgefühls.

Die gesanglich gestimmte und erhobene Seele ist seit der griechischen Antike die Basis der abendländischen Geisteswelt.  Wie wäre es, wenn unsere Kirchengemeinden am Symptom des eingeschüchterten Singens ansetzen und in offenen Singgruppen die volksnahen melodischen Lieder unserer eigenen und der weltweiten christlichen  Kultur – z.B. der Zeit des Kardinals von Galen – singen würden?

Singen richtet auf und befreit. Wer singt, gibt sich nicht auf. Räume haben wir ja genug. Jeder kann mitmachen, egal, woher er kommt und wie er singt.  Wo instrumentale Begleitung fehlt, gibt es Musik-Aufnahmen zum allgemeinen Mitsingen.   

Unter der Selbstherrlichkeit von Wissenschaft und Technik leeren sich unsere Kirchen – und werden verkauft. 2007 musste man die St. Clemens-Kirche aufgeben. Sie wurde von einem moslemischen Investor übernommen. Das war für die mit dem Engagement eines großen Einzelnen geschaffene christlich-soziale Insel das endgültige Aus.

  1. Auferstehung zu neuem Leben

Aber im Gegensatz zu anderen sterbenden Kirchen erlebte die St.Clemens-Kirche als Einzige eine Auferstehung! Ganz unerwartet – und sofort nach ihrem Verkauf:

Da hatte sich nämlich ein Förder-Verein gegründet, der die Kirche retten wollte – und es kamen indische Vinzentiner-Patres nach Deutschland, die einen Wirkungskreis suchten. Also mietete man die St. Clemens-Kirche von ihrem Käufer zurück und übergab sie den Vinzentinern. Die legten sofort los.

Im Mai 2007 hatten sich bereits 7 Christen zusammengefunden, ein indischer und ein deutscher Priester, eine Rentnerin und eine Sekretärin, ein Archivar, ein Jurist und ein Lobbyist. Damit wurde St. Clemens vom Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky wieder eröffnet und erlebt seitdem nochmals einen Aufstieg wie unter ihrem Gründer Clemens-August von Galen:

Diesmal waren es nicht deutsche Handwerker, sondern Polen, Kroaten, Südamerikaner, Afrikaner, Koreaner und andere Einwanderer, die sich in Berlin fremd fühlten und hier zusammen mit uns unseren gemeinsamen Glauben leben wollten.  In dieser bunten Mischung und mit einem neuen Konzept begann im sog. „gottlosen“ Berlin eine Kirche zu boomen! 

Die St. Clemens-Kirche  ist ein „Haus der Ewigen Anbetung“. Sie versteht sich als „Ort der Gnade“ in der Großstadt. Sie ist rund um die Uhr geöffnet. Warum? In einer Stadt, in der sogar Fitness-Center dazu übergehen, ihren Mitgliedern die Räume 24 Stunden lang offen zu halten und man in der Öffentlichkeit ebenfalls 24 Stunden lang seinen körperlichen Hunger und Durst stillen kann, wäre es absurd, das Angebot für die seelische Fitness geringer zu bewerten.

In St. Clemens stehen 3 Priester den Menschen auf Abruf per Glocke in ihren Sorgen und zu Gesprächen zur Verfügung. Man kann ganztägig beichten. An jedem Wochenende sind Exerzitien. Dazu gibt es spezielle Angebote wie Nachtvigil, Jugendprogramme, Familientage, Bibeltagungen, Barmherzigkeits-Sonntage u.a.m. Meine Freundin Margot, die regelmäßig dorthin fährt, kommt meistens erst nachts zurück.

Wer früh aufsteht, kann morgens um 8 Uhr mit der Laudes beginnen. Täglich werden zwei Heilige Messen gefeiert, abends mit Musikprogramm. Nachmittags ist eine Barmherzigkeitsstunde, dann Rosenkranz in mehreren Sprachen, danach sind an Wochenenden regelmäßige Vorträge.

Man betet und singt zusammen. Man kann sich dort bei einem Kaffee kennenlernen. Man begegnet sich. Die Veranstaltungen der 24-Stunden-Kirche sind  immer gut besucht. Sie ist jederzeit für Jeden offen. Die Menschen kommen aus verschiedensten  Milieus. Manche besuchen mehrere religiöse Gemeinschaften und holen sich aus dem Berliner Angebot heraus, was sie brauchen oder was ihnen in ihrer  Kirchengemeinde fehlt. Obwohl die in einem Hinterhof versteckte St. Clemens-Kirche schwer zu finden ist, knieen dort mitten in der Nacht Menschen zur Anbetung. An Werktagen hat sie durchschnittlich 200 Besucher täglich, an Wochenenden wesentlich mehr.

Die St. Clemens-Kirche ist eine Insel der Seligen in Berlin. Sie will Signale aussenden. Sie will Mut machen: Gebt Euch nicht auf! Hier sieht man doch, dass die Menschen kommen und die Heiligen Messen wieder voll sind! Hier wird sogar mitten in der Nacht öffentlich gebetet! Hier erlebt man, wie Menschen eben doch noch spüren, dass es etwas gibt, was uns von unserer Fixierung auf das materielle Dasein und der daraus entstehenden Plünderung unseres Erdballs erlöst.  

In diesem Jahr feiert die neu eröffnete St. Clemens-Kirche ihr 10-jähriges Jubiläum. Obwohl sie einschließlich der Miete und laufenden Kosten von Spenden finanziert wird, hat sie es zu diesem Anlass geschafft, ihre Räumlichkeiten in gut erreichbarer Nähe um ein Exerzitienhauses zu erweitern.

Hier können Veranstaltungen stattfinden und Besucher und Besucherinnen sogar übernachten. Wer hätte vor 10 Jahren an so etwas zu denken gewagt? Das hätte man als Utopie, als „Wunder“, auf das es sich nicht zu warten lohnt, bezeichnet. Aber der Glaube gegen den Niedergang war größer als die Macht des Zusammenbruchs (Mt 22,9-10).

Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie den Geist eines Hauses. Ich glaube an so etwas. Ich glaube sogar, dass der kraftvolle Geist, der dieses Haus vor einem Jahrhundert gegründet hat, immer noch derselbe ist.

Hier geht es zur Internetpräsenz unserer Autorin Lucia Tentrop aus Berlin: http://www.Lucia-Tentrop.de