INSA: 2/3 wünschen Direktwahl der Kanzler

Das Erfurter INSA-Institut fragte in einer aktuellen Umfrage danach, ob Regierungschefs im Bund (Kanzler/innen) in Deutschland künftig direkt von der Bevölkerung gewählt werden sollen.

Eine deutliche Mehrheit der Befragten (64 %) befürwortet dies, 16 Prozent sind gegenteiliger Ansicht, acht Prozent ist es egal. Zwölf Prozent (kumuliert) wissen keine Antwort oder machen keine Angabe.

Tendenziell sind Frauen eher der Meinung, dass der Kanzler direkt gewählt werden sollte. 67 Prozent von ihnen stimmen der Aussage zu, was nur auf 61 Prozent der männlichen Befragten zutrifft.

Mit steigendem Alter neigen die Befragten eher dazu, für eine Direktwahl des Kanzlers zu stimmen. Ist bei den 18- bis 29-Jährigen nur knapp die Hälfte (51 %) der Meinung, die Bevölkerung sollte den Kanzler direkt wählen, steigt dieser Anteil kontinuierlich bis auf 75 Prozent bei den ab 60-Jährigen. 

Mehrheitlich sind alle Wählergruppen für eine Direktwahl. Am stärksten ist dies bei den Wählern von AfD (80 %), FDP (75 %) und Linkspartei (73 %) der Fall. Bei Union-, SPD- und Grünen-Wählern liegt die Zustimmung zwischen 61 und 62 Prozent.

HIER geht es zum erwähnten INSA-Institut: www.insa-consulere.de

 


Deutliche Mehrheit der Deutschen möchte den Bundespräsidenten direkt wählen

In Österreich wurde voriges Wochenende der neue Bundespräsident in einer Stichwahl gewählt. Daher wollte das INSA-Institut in Erfurt erfahren, wie die Deutschen zu einer Direktwahl des Bundespräsidenten stehen. image

Über die Hälfte der Befragten (58 %) ist der Auffassung, daß der Bundespräsident auch in Deutschland vom Volk gewählt werden sollte. Nur 23 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen stimmen dieser Aussage nicht zu.15 Prozent der Befragten wissen keine Antwort.       

Am deutlichsten sprechen sich die Wähler der AfD (80 %) für eine Direktwahl des Staatsoberhauptes aus. Aber auch Wähler der Linken und FDP äußern deutliche Zustimmung (jeweils 70 %). Immerhin jeder zweite Anhänger der SPD und der Grünen stimmt für eine Direktwahl. Jeder dritte Unions-Wähler (34 %) lehnt eine Direktwahl des Bundespräsidenten ab.

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Erdogan – der neue Sultan der Türkei

Von Michael Leh

Recep Tayyip Erdogan will das parlamentarische System der Türkei zu einer Präsidialdemokratie umbauen, um seine Macht als Präsident zu vergrößern.

Damit sind neue Konflikte mit dem Autokraten programmiert – innerhalb der Türkei, aber auch mit der Europäischen Union.

Der 60-jährige Erdogan wurde mit 51,8 Prozent der Stimmen bereits im ersten Wahlgang für fünf Jahre zum Präsidenten gewählt. Auf seinen farblosen Gegenkandidaten Ekmeleddin Isahnoglu  –  den vorher kaum bekannten, 71-jährigen studierten Chemiker hatten die oppositionelle „Republikanische Volkspartei“ und die „Partei der nationalistischen Bewegung“ gemeinsam aufgestellt  –  entfielen 38,5 Prozent der Stimmen. Go home 2 min Kopie

Isahnoglu war von 2005 bis 2013 Generalsekretär der internationalen Organisation für islamische Zusammenarbeit. 

Wie stark Erdogans islamische Agenda längst die Politik des Landes prägt, zeigt sich auch darin, dass selbst die säkularen Parteien meinten, mit Isahnoglu einen frommen Muslim präsentieren zu sollen.

BILDER: Anti-Erdogan-Demonstration von Aleviten in Berlin (Fotos: Michael Leh)

Der vor allem von den Kurden gewählte Rechtsanwalt Selahattin Demirtas erzielte mit 9,8 Prozent der Stimmen einen Achtungserfolg. Zumal Erdogan vor allem die Fernsehsender direkt oder indirekt in der Hand hat, wurde sein Wahlsieg vorausgesagt.

Viele Türken halten Erdogan den Wirtschaftsaufschwung während seiner elfeinhalbjährigen Amtszeit als Ministerpräsident zugute.

Sein konfrontatives Auftreten  –  im Wahlkampf heizte er auch den Nationalismus weiter an, bediente massiv antiisraelische Ressentiments und sparte nicht mit abfälligen Äußerungen über Minderheiten wie Aleviten und Armenier  –  hat die Gesellschaft weiter gespalten.

Das zeigt sich auch in der Wahlgeografie. Während Erdogan vor allem in Zentral-Anatolien gewann, erhielt Isahnoglu die meisten Stimmen in der Westtürkei entlang der Mittelmeerküste, der Kurde Demirtas im Südosten des Landes. Pressefreiheit 2 min Kopie

Die Wahlbeteiligung der 56 Millionen Wahlberechtigten lag bei rund 77 Prozent. Die Wahlbeteiligung bei den rund 2,8 Millionen Auslandstürken betrug nur etwas mehr als acht Prozent.

Der Stimmenanteil für Erdogan unter den in Deutschland lebenden Türken soll fast 70 Prozent betragen.

Bereits vor der Wahl hatte Erdogan angekündigt, die Befugnisse des Präsidentenamtes stärker auszuschöpfen als sein Amtsvorgänger Abdullah Gül.

Gemäß Verfassung könnte Erdogan noch einmal wiedergewählt werden, mithin noch zehn Jahre amtieren. Rein rechtlich hätte er auch ein viertes Mal als Ministerpräsident kandidieren können.

Es war kein Gesetz, sondern nur ein Beschluss seiner islamisch-konservativen „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP), der eine viermalige Kandidatur für das Amt des Ministerpräsidenten grundsätzlich untersagte.

Direktwahl verleiht Erdogan mehr Autorität

Wenn Erdogan das Präsidentenamt auch um formelle rechtliche Befugnisse erweitern will, braucht er eine verfassungsändernde Mehrheit im Parlament. Ob eine solche bei den Parlamentswahlen 2015 zustande kommt, erscheint fraglich.

Die erste Direktwahl durch das Volk verleiht Erdogan aber schon jetzt eine größere Autorität im Präsidentenamt.

Bisher lag die politische Macht vor allem beim Ministerpräsidenten. Dem Präsidenten kam eine eher repräsentative Funktion zu. In Artikel 101 der türkischen Verfassung heißt es: „Die Beziehungen des zum Präsidenten der Republik Gewählten zu seiner Partei werden abgebrochen.“

Erdogan soll aber bereits erklärt haben, er werde „kein überparteilicher Präsident“ sein. Der nächste Ministerpräsident dürfte ein loyaler Gefolgsmann sein. Auch Gül, der im Volk viel Ansehen besaß, wagte es gar nicht erst, gegen den Willen Erdogans für eine zweite Amtszeit als Präsident zu kandidieren.

Als mögliche Ministerpräsidenten werden der bisherige Außenminister Ahmet Davutoğlu, der frühere Verkehrsminister Binali Yıldırım, der frühere Parlamentspräsident Mehmet Ali Şahin sowie der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc genannt.

Letzterer gehört zum besonders konservativen Flügel der AKP sowie zur Führung der islamischen Bewegung Milli Görös; er tritt für eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ein. Kurz vor der Wahl hatte er erklärt, es sei nicht sittsam, wenn Frauen laut in der Öffentlichkeit lachen. Das trug ihm viel Spott von Türkinnen ein, die umgehend zahlreiche Fotos von fröhlich lachenden Geschlechtsgenossinnen auf Facebook oder Twitter posteten.

Türkisches Verfassungsgericht hob Twitter/Youtube-Verbot auf

Ein im März von Erdogans Regierung verhängtes Verbot von Twitter und Youtube hob das Verfassungsgericht im April auf. Künftig wird wohl auch nur das Verfassungsgericht noch hin und wieder eine Schranke für den Machtwillen Erdogans bilden.

In Artikel 105 der Verfassung heißt es dabei: „Gegen die vom Präsidenten der Republik eigenverantwortlich unterzeichneten Beschlüsse und Anordnungen können die Behörden der Rechtsprechung einschließlich des Verfassungsgerichts nicht angerufen werden.“

Laut Verfassung ernennt der Präsident nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern kann auch, „wenn er es für erforderlich hält“, den Vorsitz im Ministerrat übernehmen oder diesen unter seinem Vorsitz einberufen.

Fraglich, ob Erdogan weiterhin einen EU-Beitritt anstrebt

Der Präsident entscheidet über den Einsatz der Streitkräfte und ernennt u.a. den Generalstabschef und die Mitglieder des Verfassungsgerichts. Erdogan hat bereits angekündigt, den bisherigen Beraterstab des Präsidenten auf über 400 Personen aufzustocken.

Schon als Ministerpräsident waren ihm auch von der EU Eingriffe in die Justiz, die Pressefreiheit und die Verletzung der Gewaltenteilung vorgeworfen worden. Das perlte an Erdogan allerdings ab.

Vermutlich ist er gar nicht mehr an einem Beitritt zur EU interessiert, da er sich von ihr keine Vorschriften machen lassen und keine Souveränität abgeben will.

Die EU und auch deutsche Politiker werden aber am falschen Ziel eines türkischen EU-Beitritts festhalten.

Noch am Abend von Erdogans Wahlerfolg twitterte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD): „Jetzt erst recht Beitrittsverhandlungen mit Türkei fortsetzen und auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit fokussieren.“

Unser Autor Michael Leh ist politischer Journalist und lebt in Berlin

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der PAZ (Preußischen Allgmeinen Zeitung) am 16.8.2014