Buchempfehlung: Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich

Von Dr. Eduard Werner

Buch-Daten: Ludger Born, Lothar Groppe: Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich. Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien. Gerhard Hess Verlag 2016, 292 S., ISBN 978-3-87336-582-7, 19,80 €

Der erste Bericht über die Arbeit der „Erzbischöflichen Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ in Wien stammt vom ersten Leiter dieser Hilfsstelle, Pater Ludger Born SJ.

Die Verfolgung der Juden begann in Wien fast zeitgleich mit der Verfolgung der Katholiken und zwar am 7. Oktober 1938 mit dem Sturm der Hitler-Jugend auf das Erzbischöfliche Palais und am 8. Oktober 1938 mit dem Sturm auf das Churhaus am Stephansplatz.

Dabei wurde klar, dass das formale Entgegenkommen des Kardinals gegenüber Hitler von diesem nicht belohnt wird. Die ersten Hilfen für damals schon bedrängte Juden organisierte Pater Bichlmair inoffiziell.

Als dieser jedoch im November 1939 verhaftet wurde, gründete Kardinal Innitzer die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken.

Es fällt auf, dass die Hilfsstelle in Wien von Anfang an frei arbeiten konnte, während die Hilfsstellen in Berlin, in Hamburg und in Freiburg streng geheim arbeiten mussten.

Trotzdem wurden auch von den 23 Mitarbeiterinnen der Wiener Hilfsstelle neun nach Polen deportiert. Offiziell durfte nur die Israelitische Kultusgemeinde die Rechtsvertretung von Juden wahrnehmen. Bevor es um die Beschaffung von Lebensmitteln, Geld und Wohnungen ging, bettelte P. Born um Einreise-Erlaubnisse bei ausländischen Staaten.

Die brasilianische Delegation beispielsweise verlangte für eine einzige Einreise-Erlaubnis die Hinterlegung von 39.000 Reichsmark. Eine Summe, die nur ganz wenige Juden aus eigener Kraft aufbringen konnten.

BILD: Der Autor des Buches ist der Jesuitenpater Lothar Groppe, Sohn des Anti-NS-Generals und Widerständlers Theodor Groppe

Insgesamt 51 kirchliche Häuser und Klöster beteiligten sich auf Bitten Innitzers an der Versorgung der Hilfssstelle.

P. Groppe – selbst Sohn eines Judenhelfers – hat nun den Arbeitsbericht Borns überarbeitet und durch neue Materialien ergänzt. Er hat die diskriminierenden Vorschriften des NS-Regimes dargestellt, sowie einen Überblick über die materiellen und psychologischen Hilfsmaßnahmen der Kirche angefügt.

Er resümiert am Ende mit einem Befund von Dr. Margarete Sommer, der Leiterin der Berliner Hilfsstelle: „Die Verfolger waren wirklich alles andere als Christen. Die Entchristlichung der Menschen hat diese Verfolgung erst möglich gemacht.“

In der Tat waren die Nazigrößen und Judenverfolger höchstens abtrünnige Christen, wenn sie überhaupt jemals Christen waren. 

Ein Bildteil rundet das eindrucksvolle Buch ab.

Veröffentlichungen über das NS-Regime sollten solche Studien über bischöfliche Hilfsstellen nicht ausblenden, wenn sie ein gerechtes Urteil anstreben. Die Rettung jedes Einzelnen unter Lebensgefahr ist ein Aufstand der Menschlichkeit.

Pater Lothar Groppe gebührt Dank und Anerkennung für diese wertvolle Arbeit.

Quelle: http://blog.forum-deutscher-katholiken.de/?p=7397

DIESES BUCH von Pater Groppe kann zum Sonderpreis von 14,80 € (statt 19,80 €) und zudem portofrei von uns ausgeliefert werden: Tel. 0251-615151  – Mail: felizitas.kueble@web.de


Geniale Wegbereiter auch in der Kirchenmusik: Georg und Maria Luise Thurmair

Von Dr. Eduard Werner

In Zeiten des Überflusses und des Übermutes braucht es Propheten, die zur Besonnenheit und Verinnerlichung aufrufen. So war es auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem 1. Weltkrieg und vor allem nach den Wirren der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 wurden Arbeitslosigkeit und Hunger allmählich überwunden.

Sportliche Leistungen und technische Neuerungen hatten das Selbstbewusstsein der Deutschen wieder hergestellt. Oberflächlichen Zeitgenossen schien das „Tausendjährige Reich“ wohl begründet. Man glaubte, mit Zuversicht in die Zukunft sehen zu können.

In diese überhebliche Siegesstimmung hinein rief schon 1935 der Münchner Kirchenmusiker Georg Thurmair: „Wir sind nur Gast auf Erden!“

Das Leid und die Not, die durch Verfolgung und Krieg wieder drohten, haben Künstler schon Jahre vorausgespürt. Offene Kritik am politischen System war verboten und wäre gefährlich gewesen.

Aber während in Deutschland offiziell Parteilieder angestimmt wurden, erklangen auch jeden Sonntag zwischen der Nordsee und den Alpen in den Kirchen religiöse Lieder, die den Sinn der Menschen auf bleibende Werte richteten.

Und die Priester haben diesen Ruf in ihren Predigten und Gebeten vorsichtig aufgenommen: „Möge uns der Herr bewahren vor dem drohenden Unheil.“

Das war der Tenor in vielen Predigten damals. Wer Ohren hatte zu hören, der hörte auch.

Thurmair zeichnete schon vor dem Krieg die Not, die Verlassenheit an der Front und in den zerbombten Städten „Die Wege sind verlassen und oft sind wir allein, in diesen grauen Gassen will niemand bei uns sein.“ … „Dann stell ein Licht uns aus, o Gott in Deiner Güte, dann finden wir nach Haus.“

In der äußersten Not fanden die Menschen nur bei Gott noch einen Funken Überlebenswillen.

Kirchenlieddichter wie Jochen Klepper, Georg und Luise Thurmair und andere haben ernste Mahnung und tröstliche Zuversicht in ihre Lieder hineingelegt.

Religiöse Jugendliche, die es damals auch gab, waren hellhörig genug, die ganze Dramatik zu erfassen, die sich vor ihnen auftat.

1941 heiratete Georg Thurmair die kongenial begabte Maria Luise Thurmair, geb. Mumelter, aus Südtirol. Mit Repräsentanten der katholischen Jugendbewegung wie Prälat Ludwig Wolker und Romano Guardini pflegte das Ehepaar eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Auch Maria Luise Thurmair dichtete Hunderte von Kirchenliedern, die ungezählten Menschen Kraft und Zuversicht spendeten. 1984 starb Georg Thurmair, 2005 starb Maria Luise Thurmaier.

Beide haben das deutschsprachige Kirchenlied und die liturgische Erneuerung stark befruchtet. Auch heute ist es aufschlussreich, die damaligen Kirchenlieder zu ihrer Entstehungszeit in Beziehung zu setzen.

Wie vielen Menschen haben sie seither schon Trost und Zuversicht geschenkt!

 


Kritik an der Aufführung von Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ in Berlin

Von Dr. Eduard  Werner

Das Berliner Schlossparktheater führt Rolf Hochuths 55 Jahre altes Drama „Der Stellvertreter“ über das (angebliche) Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust und den Opfergang des Paters Riccardo ins KZ wieder auf.

Intendant Dieter Hallervorden begründet seine Entscheidung, dieses Theaterstück auf den Spielplan zu setzen, im Programmheft folgendermaßen: “Zu Zeiten, in denen AfD-Politiker unverblümt ihre dunkelbraunen Reden schwingen, ist es für ein heutiges Theater geradezu eine Selbstverständlichkeit zu zeigen, wohin solche Hetztiraden, solch eine rechtsradikale  „Alternative“ schon einmal geführt haben.“

Hier bedient sich der Berliner Theater-Intendant einer Methode der Geschichtsfälschung, die den Methoden der von ihm zu Recht verabscheuten Nationalsozialisten nicht ganz unähnlich ist. 

Für Historiker ist es traurig, dass Hochhuths Fake News unter dem Namen „Der Stellvertreter“ neu aufgeführt werden, denn dieses Drama verfälscht Geschichte.

Papst Pius XII. war nicht der kaltherzige Judenfeind, den Rolf Hochhuth frei erfunden hat. Das Gegenteil ist wahr. Der Papst hat nicht geschwiegen, sondern im Dezember 1942 in Radio Vatikan erklärt, dass „Hunderttausende ohne eigenes Verschulden nur wegen ihrer Abstammung dem Tode geweiht oder der fortschreitenden Verelendung und Vernichtung preisgegeben sind.“

Er hat vor allem auch gehandelt und nach dem Zeugnis des jüdischen Historikers Pinchas Lapide und des römischen Oberrabbiners Israel Zolli Tausende von Juden gerettet, indem er sie im Vatikan und in den italienischen Klöstern untertauchen ließ.

Vor allem aber hat Pius XII. die Kontakte der deutschen Militäropposition mit der britischen Regierung hergestellt. (Siehe Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrg. 22 (1974) S. 299 – 341).

Damit hat der Papst sogar die Existenz des Vatikan-Staates riskiert. Soweit ging sein Kampf gegen Hitler. 

Hochhuths Papstankläger Riccardo im Drama ist frei erfunden, nach dem realen Papsthelfer bei der Judenrettung, Pater Pfeiffer, wurde dagegen aus Dankbarkeit in Rom eine Straße benannt.

Oberrabbiner Israel Zolli schrieb über Papst Pus XII.: „Im Laufe der Geschichte hat kein Held eine solche Armee befehligt, keine Streitmacht ist je kämpferischer gewesen und keine ist je so bekämpft worden wie die von Pius II. im Namen der christlichen Nächstenliebe geführte.“

So fasst ein Jude die Judenrettung des Papstes zusammen. Ehe der Dirigent Leonard Bernstein am Sterbetag des Papstes sein Konzert mit dem New Yorker Philharmonischen Orchester begann, bat er um eine Minute Schweigen „für das Hinscheiden eines sehr großen Mannes, des Papstes Pius XII.“

Und die damalige israelische Außenministerin telegrafierte an den Vatikan: „Wir nehmen an der Trauer der Menschheit über das Hinscheiden Seiner Heiligkeit des Papstes Pius XII. teil. In einer von Kriegen und Uneinigkeit bedrückten Welt vertrat er die höchsten Ideale des Friedens und des Mitleids. Als in dem Jahrzehnt des Nationalsozialistischen Jahrzehnts unser Volk ein schreckliches Martyrium überkam, hat sich die Stimme des Papstes für die Opfer erhoben. Das Leben unserer Zeit wurde von einer Stimme bereichert, die über den Lärm der täglichen Streitigkeiten hinweg deutlich die großen sittlichen Wahrheiten aussprach. Wir betrauern einen großen Diener des Friedens.“

Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ ist wohl eine der größten Fälschungen der Weltgeschichte. Man möchte hoffen, dass die Zuschauer zwischen einer geschichtswissenschaftlichen Dokumentation einerseits und einer fiktiven Dichtung andererseits unterscheiden können.      

 

 


Eine neue Kirchenspaltung aus Deutschland?

Von Dr. Eduard  Werner

Die Befürchtung von Erzbischof Charles J. Chaput, von Deutschland könnte jetzt eine neue Kirchenspaltung ausgehen, scheint bereits einzutreten. Erfahrungsgemäß erleidet die Kirche ja alle 500 Jahre eine neue Spaltung. Dass sie dieses Mal vom früher marianisch geprägten München ausgeht, ist bedrückend.

In der vergangenen Woche sagten mir zwei Ehepaare unabhängig voneinander, dass sie sich mit dem Gedanken tragen, in eine orthodoxe Kirche überzutreten. Mein Einwand, dass in der Kirchengeschichte alle großen Reformer in der Kirche geblieben seien, verfing leider nicht. Die evangelische kirchliche Zeitschrift „Chrismon“ habe letztes Jahr zweimal die katholische Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und in das Blut Christi als mittelalterliche Zauberei dargestellt.

Dass unsere konzessionsbereiten Bischöfe  eine Klärung dieser und ähnlicher Irrtümer nicht zur Vorbedingung für ein Entgegenkommen in der Eucharistie gemacht hätten, ließe Schlimmes befürchten, meinten meine Gesprächspartner.

Überdies sei die Interkommunion heute schon ein Massenphänomen. In der Tat fordern katholische Bischöfe und evangelische Christen gemeinsam etwas, was Protestanten mit ihrer Ablehnung der Priesterweihe und der apostolischen Sukzession ja selbst nicht wollen.

Die Mehrheit der deutschen Bischöfe sieht offenbar keinen Klärungsbedarf. Das kann nicht lange gut gehen.    

 


Bewegende Kurzporträts über katholische Märtyrer und Bekenner in Diktaturen

Rezension von Thomas May

Buch-Daten: Eduard Werner, Helden und Heilige in Diktaturen. – Media Maria Verlag, Illertissen 2017, 256 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-9454013-0-9. – 17,99 Euro

Über Jahre veröffentlichte der promovierte Historiker Eduard Werner in der katholischen Monatsschrift „Der Fels“ auf der letzten Seite Lebensskizzen von Persönlichkeiten, die in den Diktaturen des Nationalsozialismus und des Kommunismus des 20. Jahrhunderts als Zeugen ihres christlichen Glaubens in Erscheinung traten.

Jetzt sind die bewegenden Kurzporträts gesammelt als Buch erschienen. Unter den 108 bekannten, kaum bekannten oder unbekannten Gestalten finden sich Märtyrer („Heilige“, „Selige“), die für ihre Glaubenstreue mit dem Leben bezahlten, aber auch tapfere Männer und Frauen, welche die Verfolgun­gen ihrer Peiniger überlebt haben und heute als „Bekenner“ und Helden verehrt werden.

WARNUNGEN VOR DER NS-IDEOLOGIE

Schon in der Einleitung tritt der Autor dem immer wieder zu Unrecht erhobenen klischeehaften Vorwurf, Papst, Bischöfe und Kirche hätten vor Hitler und der NS-Diktatur versagt und sich insbesondere für die verfolgten Juden zu wenig eingesetzt, mit Verweisen auf gewichtige amtliche Verlautbarungen und Gegeninitiativen entgegen.

So verwarf das Heilige Offizium (Glaubenskongregation) bereits 1928 die widergöttliche Ideologie des Rassismus; noch vor der „Machtergreifung“ verkündeten die katholischen Bischöfe Deutschlands einstimmig, dass Katholiken die NSDAP nicht wählen dürften; 1934 setzte der Vatikan Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, die „Bibel“ der Nazis, auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher, gefolgt von der katholischen Gegenschrift „Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts“, in welcher die Rassenlehre des Autors wissenschaftlich begründet zurückgewiesen wurde; schließlich das Weltrundschreiben „Mit brennender Sorge“ Papst Pius‘ XI. 1937 gegen das NS-Un­rechtsregime.

Dass die Verurteilung der nationalsozialistischen Weltanschauung von „oben“ auch im katholischen Kirchenvolk „ankam“ und entschiedenen Widerstand bis zur Ge­fährdung des eige­nen Lebens hervorrief, belegt die facettenreiche Sammlung praktischer Glaubenszeugnisse von Klerikern und Laien.

SKIZZIERUNG DER PERSONEN

Unterteilt nach Kriegsdienst- und Befehlsverweigerern, Juden und Judenhelfern, Opfern des Kommunismus (Sowjetunion, Weißrussland, Estland, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Albani­en, DDR, Vietnam, Korea), Priestern im Widerstand und katholischen Lai­en im Widerstand, wird das Profil jeder Person auf zirka zwei Seiten erstellt.

Zu Beginn steht meist ein ins Zeitgeschehen oder in das nähere Umfeld einführender „Aufhänger“, gelegentlich unterfüttert mit Grundinformationen zum „Dritten Reich“, am Schluss ein nicht selten im Hinblick auf die heutige Wohlstandsgesellschaft und den „Zeitgeist“ kritisches oder mahnendes Resümee, das zum Nachdenken anregt.  

Genannt werden in der Regel die Lebensdaten, Geburtsort, Heimat, Ausbildung sowie beruflicher Werdegang. Den Schwerpunkt bilden Schlüsselerlebnisse mit den Nazis und die verschiedenen Formen des Widerstands bzw. Einzelaktionen, die Gründe der Verhaftung durch die Gestapo von „Feindradiohören“ über Verstöße gegen das „Heimtückegesetz“ und „Wehrkraftzersetzung“ bis zu streng verbotenen Formen der Seelsorge, welche oft Priestern zum Verhängnis wurden. Zur Sprache kommen auch Methoden der Überwachung, Verfolgung, des In-die-Falle-Lockens, Schwere der Folter, Drangsalierung und Peinigung, ebenso Art und nähere Umstände der Hinrich­tung oder im Überlebensfall das weitere Wirken nach Kriegsende einschließlich Sterbedatum.

Als besonders einprägsam erweisen sich wörtlich wiedergegebene Sätze der Todgeweihten, welche die Persönlich­keit und ihr Schicksal noch einmal wie in einem Lichtkegel erfassen.

HOHER BLUTZOLL DER PRIESTER

Unter den Glaubenszeugen ragen die Priestergestalten heraus. Da sie im Unterricht, in der Predigt und in der Seelsorge viel eher Farbe bekennen mussten als Menschen in anderen Berufen, gerieten sie auch schneller mit den Nazis in Konflikt; vor allem beliebte, wortgewaltige Jugendseelsorger (unter anderem Kurt Habich, Alexander Alef, Gerhard Hirschfelder, Bernhard Wensch), die junge Menschen für ein Leben aus dem katholischen Glauben zu begeistern wussten, waren für die Einpeitscher der Hitlerjugend eine lästige, gefährliche Konkurrenz, die es auszuschalten galt.

Anderer­seits mussten sie als Zölibatäre keine Rücksicht auf eine Familie nehmen und waren daher risikobe­reiter. Auch die vergleichsweise geringere Nähe der katholischen Kirche zum Staat machte sie „frei­er“. Der entscheidende Grund für den hohen Blutzoll dieser Berufsgruppe (ca. 4.000 Ermordete) dürfte in der Liturgie zu finden sein: Der Opfercharakter der heiligen Messe – so sieht es Werner –, der in vorkonziliarer Zeit noch im Vordergrund stand und dem der Priester bei der täglichen Zelebration „ausgesetzt“ war, ließ die Einsatzbereitschaft für den Nächsten und die totale Hingabe als etwas Selbstverständliches er­scheinen.

Verhaftet, gefoltert und hingerichtet wurden Priester unter anderem, weil sie in ihren Sonntagspredigten die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und katholischem Glauben hervorhoben und Rechtsverletzungen, Akte der Gewalt, Einschrän­kungen der Glaubensfreiheit und Religionsausübung kritisierten, Juden zur Flucht verhalfen, mit Verschwörern gegen das NS-Regime in Verbindung gebracht wurden sowie im Rahmen der Sakramentenspendung mit staatlichen Verboten kollidierten:

So stand auf Seelsorge, insbesondere die Einbeziehung von Polen, auf Taufe und Beichte in den Konzentrationslagern die Todesstrafe; in Einzelfällen bezahlten Priester wegen des gegenüber der Gestapo gewahrten Beichtgeheimnisses mit Haft und Misshandlungen (Josef Averesch, Emil Kiesel, Johann Steinmayr). Als extrem brutal ist die Hinrich­tung des Tiroler Pfarrers Otto Neururer dokumentiert, der im KZ Buchenwald an den Füßen am Fenstergitter aufgehängt wurde, bis nach 34 qualvollen Stunden der Tod eintrat.

TODESMUTIGE FRAUEN

Demgegenüber nimmt sich die Zahl der Laien – für die Gruppe der Männer seien stellvertretend der Südtiroler Eidverweigerer Josef Mayr-Nusser, der deutsche Oberst der Wehrmacht und „Judenretter“ Rudolf Graf von Marogna-Redwitz, der konvertierte württembergische Schriftsteller und Kulturkritiker Theodor Haecker genannt – und vor allem der 16 in das Buch aufgenommenen Frauen geringer aus; in ihrem furchtlosen Glaubenszeugnis, ihrer Entschlossenheit und Leidensbereitschaft stehen sie den Klerikern kaum nach.  

Während sich im Lehrerberuf die Männer auffallend anfällig für die neue Ideologie mit ihren sportlichen (Olympiade 1936) und wirtschaftlichen Erfolgen sowie technischen Neuerungen zeigten, verhielten sich ihre Kolleginnen in Deutschland und im seit 1938 „angeschlossenen“ Österreich weitgehend kirchentreu, manchmal sogar widerständisch gegenüber dem Nationalsozialismus.

BILD: Prälat H. Moll spricht über die katholisch-jüdische Märtyrerin Edith Stein

Für die katholische Seite stehen beispielhaft die promo­vierte Dozentin am Fürsorge-Seminar in Berlin-Friedenau Margarete Sommer, die als uner­schrockene „Judenretterin“ später mit dem Yad-Vashem-Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde, die schlesische Volksschullehrerin Charlotte Holubars, die Heppenheimer Re­ligionslehrerin Katharina Katzenmaier oder die Grundschullehrerin Änne Meier aus dem Saarland; die drei Letztgenannten wurden ins berüchtigte Frauen-KZ Ravensbrück (Provinz Brandenburg) deportiert, wo sie bestialischen Behandlungen durch die SS-Leute, aber auch perversen und kriminellen Mithäftlingen ausgesetzt waren.

Dort war ebenfalls Dr. Gertrud Luckner inhaftiert, die beim Deutschen Caritasverband im Auf­trag des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber unter anderem politisch oder rassisch Verfolgten un­terzutauchen und zu fliehen geholfen hatte; für ihr Lebenswerk wurde sie nach dem Krieg mehrfach ausgezeichnet.

Als „Engel“ von Konzentrationslagern sind wegen ihres unter Lebensgefahr geleisteten übermenschlichen Einsatzes in Form von Versorgung mit Essensra­tionen, Medikamenten, Tröstung der Mithäftlinge und Pflege der Kranken, Schmuggel- und Nachrichtendienst die Klosterschwester Angela Maria Autsch (Ravensbrück, Auschwitz), die Krankenschwester Maria Stromberger (Auschwitz) und die Klosterkandidatin Josefa Mack (Dachau) in dankbarer Erinnerung geblieben.

Viele Frauen, häufig Ordens­frauen, wurden ermordet, weil sie sich einer Vergewaltigung widersetzten, deren Anzahl der Hambur­ger Professor für Verfassungs- und Völkerrecht, Ingo von Münch, für die Jahre 1944/45 im Osten Deutschlands mit geschätzten 1,4 bis 1,9 Millionen angibt.

Zu ihnen zählt die in der Krankenpflege und Kinderfürsorge tätige „Graue Schwester“ M. Paschalis (Magdalena) Jahn, die als Zeugin der Menschenwür­de ein „Reinheitsmartyrium“ erlitt, als sie sich einem sowjetrussischen Soldaten mit den Worten „Erschießen Sie mich, Christus ist mein Bräutigam, nur ihm gehöre ich!“ verweigerte und von die­sem niedergestreckt wurde.

UNERSCHÜTTERLICHER GLAUBE

Was machte die Kriegsdienstverweigerer, Widerstandskämpfer, Judenretter, Saboteure des NS-Unrechtsstaats, Zeugen der Mitmenschlichkeit, Verteidiger christlicher Prinzipien und der Menschen­würde so stark, dass sie sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten?

Zweifellos handelten sehr viele von ihnen aus einem gefestigten Glauben heraus, der ihnen zur damaligen Zeit noch von den kirchlichen Autoritäten und in der familiären Erziehung unverkürzt und geduldig ver­mittelt wurde. Papst, Bischöfe, Priester – die Front der Ablehnung der Rassenideologie und des menschenverachtenden Regimes war nahezu einhellig, wenn auch im praktischen Einzelfall die Vorgehensweise oder Reaktion unterschiedlich ausfallen konnte; das geschlossene katholische Milieu gewährleistete in­neren Halt.

Zu der für Nachgeborene sehr schwer zu beurteilenden Frage, wann öffentliche Bloßstellung und Verurteilung staatlicher Gewalt und Willkürmaßnahmen oder taktisches „Stillschweigen“ und Agieren im Verborgenen das richti­ge Mittel war, sei auf eine im Buch erwähnte Episode aus dem Leben des Clemens August Kardinal Graf von Galen verwiesen: Nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9./10. November 1938 bot der Müns­teraner Oberhirte dem Rabbiner der dortigen Gemeinde an, auf die Kanzel zu gehen, um die gegen Juden verübten Gräueltaten öffentlich anzuprangern. Erst auf dessen inständige Bitte hin „Tun Sie’s nicht, sonst wird es ja noch schlimmer!“ verzichtete von Galen darauf.

BILD: Menora (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Auch die Tatsache, dass von 25.000 Priestern in Deutschland nur 0,34 Prozent als nazihörig einzustufen sind, während mehr als 12.000 von ihnen unter ständiger Überwachung durch die Geheimpolizei standen, spricht für sich. Bischö­fe wie der Berliner Konrad Graf von Preysing predigten den Gläubigen: Der einzelne Mensch darf niemals in der Rasse, im Volk, im Staat ganz aufgehen, weil er als Einzelner eine unsterbliche Seele hat. Solche Rede verfehlte ihre Wirkung nicht.

Wie sehr sich dessen nicht wenige Märtyrer im Angesicht des Todes vor ihrer Hinrichtung bewusst waren, bezeugen auf erschütternde Weise Abschiedsbriefe an Angehörige (meist Ehefrau, Kinder, Mutter), aus denen im Buch mehrfach zitiert wird: Die felsenfeste, versöhnte Gewissheit, im nächsten Augenblick vor Gott zu stehen und dass es ein freudiges Wiedersehen mit denen geben werde, die man jetzt im Leid zurücklassen muss, ist atemberaubend (Franz Jägerstätter, Josef Ruf, Wilhelm Paul Kempa, Rudolf Graf von Maro­gna-Redwitz, Anton Schmid, Karoline Maria Redler u. a.).

Sie hatten die Worte der Heiligen Schrift von Gottes Gericht und von der Verheißung, dass ihre guten wie schlechten Werke eine Ewigkeit lang gelten, verinnerlicht. Und vor allem: dass der Mensch im Ernstfall Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.

„ANREGER“ ZUR VERTIEFENDEN LEKTÜRE

Eduard Werners sprachlich leicht verständliches, überlegt gegliedertes Buch würdigt mit seiner Sammlung nicht zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung unbekannt gebliebene Helden und Heldinnen, hinter deren Namen sich oftmals ein bewegendes Schicksal verbirgt.

Die umrisshaften Lebensbilder gehen verständlicherweise nicht in die Tiefe, sondern sind in erster Linie „Anreger“: Sie machen betroffen und laden dazu ein, sich anhand weiterer Literatur mit Leben, Kämpfen, Leiden und Sterben der fast ausnahmslos katholischen Glaubenszeugen eingehender zu befassen. Soweit es sich dabei um inzwischen hei­lig- oder seliggesprochene Personen handelt, wird man in dem von Professor Helmut Moll im Auf­trag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen (mit 100 Euro allerdings recht teuren) zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ fün­dig.

Für die „Bekenner“, welche die Verfolgungen der Nazi-Diktatur überlebt haben, ist die Literatur kaum überschaubar. Im Literaturverzeichnis des Buches selbst sind Titel von einigen Opfern (zum Beispiel Jean Bernard, Theodor Haecker, Marianne Hapig, Theolinde Katzenmaier, Hermann Scheipers, Josef Spieker) und wichtigen Zeitzeugen (zum Beispiel Pinchas Lapide, Johannes Neuhäusler) aufgeführt.

Darüber hinaus geben die einzelnen Lebensschicksale dem Leser Anstöße, sich mit seinem eigenen Glaubenszeugnis zu konfrontieren und über Erscheinungsformen des Totalitarismus und der Diktatur in der Welt von heute nachzudenken. Enthauptet, aufge­hängt oder erschossen für sein Bekenntnis zum christlichen Glauben und sein konsequentes Handeln danach wird in Deutschland keiner mehr; die Methoden der Beseitigung politisch oder gesellschaftlich missliebiger Personen sind raffinierter und subtiler geworden. Soziale Vernichtung und mediale Hinrichtung sind nur zwei davon.

Eine Erstveröffentlichung (gekürzte Version dieser Besprechung von Thomas May) erschien im katholischen PUR-Magazin (Fe-Verlag, Kisslegg)

 

 


Warum Kardinal Marx die bayerische Kreuz-Entscheidung bewusst missversteht

Von Dr. Eduard Werner

Ein Kardinal, der ausgerechnet in Jerusalem sein Amtskreuz in der Tasche versteckt und dann auch noch in wahrheitswidriger Weise behauptet, das hätten die Israelis von ihm verlangt, hat schon jede Glaubwürdigkeit verloren. 

Jetzt will der Münchner Erzbischof Reinhard Marx  – wieder  nicht ganz ehrlich – den Ministerpräsidenten absichtlich missverstehen, als würde dieser das Kreuz nur als Symbol christlicher Kultur betrachten und nicht auch als religiöses Markenzeichen des Christentums.

Diese Unterstellung ist unbegründet, denn das Kulturzeichen lässt sich doch gar nicht vom christlichen Erlösungszeichen trennen. 

Dieses bewusste Missverstehen ist wenig vornehm. Damit kann sich Marx um eine inhaltliche Aussage zum Kreuz selber drücken.

In der Zeit des Nationalsozialismus  haben sich Bischöfe und Laien noch unter Lebensgefahr zum Kreuz bekannt. Wie viele Christen kamen ins KZ, weil sie die Schulkreuze nicht abhängen ließen.

Leutnant Kitzelmann aus Horben wurde zum Tode verurteilt, weil er gesagt hatte: „Daheim reißen sie die Kreuze aus den Schulen und hier an der Ostfront macht man uns vor, wir würden gegen den gottlosen Bolschewismus kämpfen.“

In der Verfolgung wusste man noch, dass die Wahrheit spaltet. Arme Kirchen, deren Bischöfe das nicht mehr wissen. In allen Ländern, in denen die Kreuze abgehängt wurden, ist das den Völkern sehr schlecht bekommen.        

Unser Autor Dr. Eduard Werner ist Historiker und Buchautor; er lebt in Andechs (Bistum Augsburg)


Wurde der Widerstand gegen die NS-Diktatur nach dem Krieg totgeschwiegen?

Von Dr. Eduard Werner

In der Katholischen Akademie Bayern erschien eine lesenswerte Dokumentation zur Tagung „Vergessene katholische Widerstandskämpfer“; der Sammelband enthält die Referate zu den Märtyrern und Bekennern gegen die NS-Diktatur.

Soweit erfreulich – allerdings hat mich eine Bemerkung auf S. 17 sehr erstaunt.  Dort heißt es: „Der Widerstand gegen das NS-Regime wurde nach dem Krieg in Deutschland kaum beachtet, ja teilweise sogar bewusst tot geschwiegen oder sogar diffamiert.“

Dagegen sagt die Holocaust-Überlebende Jüdin Anita Lasker-Wallfisch, die am 30. Januar 2018 vor dem Deutschen Bundestag die Gedenkrede gehalten hat, laut Münchner Merkur: „Nach dem Krieg habe sich Deutschland exemplarisch verhalten. Nichts wurde geleugnet.“ – Wer hätte damals auch etwas leugnen können? 

BILD: Buchtitel des Historikers Dr. Werner: „Helden und Heilige in Diktaturen“

Den Aufbau der Länder und später der Bundesrepublik haben großenteils Verfolgte des NS-Regimes vorgenommen, die in Wahrheit keinen Tag geschwiegen haben:

Der erste Ministerpräsident Bayerns nach dem Krieg war Dr. Fritz Schäffer (CSU), ein ehemaliger KZ–Häftling von Dachau. Der zweite Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner (SPD) war vor den Nationalsozialisten in die Schweiz geflohen.

Die ersten drei Landtagspräsidenten in Bayern waren ebenfalls bekannte KZler: Studiendirektor Georg Stang, Dr. Michael Horlacher und Dr. Alois Hundhammer, alle drei CSU und alle drei waren Häftlinge im KZ Dachau.

Etliche Jahre später war es bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland nicht anders:

Wer wollte bestreiten, dass Konrad Adenauer (CDU), Dr. Kurt Schuhmacher (SPD) und Dr. Thomas Dehler (FDP) politisch Verfolgte des NS-Regimes waren?! Wählen und gewählt werden durfte für den ersten Bayerischen Landtag 1946 nur, wer nicht NS-belastet war.

Und von wegen „ tot schweigen“. Die Kirchenzeitungen, die Sonntagspredigten waren jede Woche voll von Berichten über zwölftausend „überwachte Priester“ und über viertausend ermordete Priester in den KZs.

Die Veröffentlichungen von Weihbischof Neuhäusler (u.a. „Kreuz und Hakenkreuz“), die Errichtung des Sühneklosters am Rande des KZ-Geländes in Dachau, die Berichte und Dokumentationen von Pater Johann Lenz, Lagerdekan Georg Schelling (Festung Vorarlberg) und vor allem die große Dokumentation von Pfarrer Eugen Weiler waren vor 60 Jahren noch in aller Munde.

Die Münchner hätten sich eine „Diffamierung“ des Pater Rupert Mayer und der Mitglieder der Weißen Rose nicht gefallen lassen, ebensowenig die Regensburger eine Herabwürdigung ihres Dompredigers und die Kölner ihrer KZ-Märtyrer.

Wer heute die Popularität von Pater Rupert Mayer oder von Domprediger Meier in Regensburg bestreitet, kann nur nach der Studentenrevolte der 68er geboren sein. Es waren die 68er, die es fertig brachten, die Erinnerungskultur für die NS-Opfer aus den Redaktionen zu verbannen.  

Die Berichte über die Wiedergutmachungsprozesse füllten jeden Tag die Zeitungen und noch mehr die Diskussionen über die neuen Länderverfassungen und drei Jahre später die Berichte über das neue Grundgesetz. Das waren bewusste Gegenentwürfe gegen das NS-System.

Unübersichtlich groß war in den fünfziger Jahren der einschlägige Büchermarkt: Eugen Kogons „Der SS-Staat“, das „Tagebuch der Anne Frank“ erreichte damals eine Auflage von 750.000, die Schriften von Franz Kafka wurden als verblüffende Vorausdeutung des Nationalsozialismus interpretiert, Ernst Wiechert, der meistgelesene Autor damals, erzählt in seinem Roman „Der Totenwald“ von seinen KZ-Erlebnissen in Buchenwald, Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ berichtet vom KZ Westhofen, „Die Todesfuge“ von Paul Celan las man in fast allen Schulen.

Das Drama „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch war auf vielen Bühnen zu sehen. Im Jahr 1956 erschienen die Tagebücher von Jochen Klepper „Unter dem Schatten Deiner Flügel“ mit einem Geleitwort von Reinhold Schneider.

Gegen ein Totschweigen der NS-Geschichte  –  ihrer Verbrecher und ihrer Heiligen  –  spricht auch die Errichtung des „Instituts für Zeitgeschichte“. Die Vorbereitungen dazu begannen schon 1946, als der ehemalige KZler Dr. Alois Hundhammer Kultusminister geworden war. Formal errichtet wurde es erst 1949.

Bereits im November 1945, als es fast noch keine Fahrkarte gab, wurde Romano Guardini nach München zu einem Vortrag über die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ eingeladen. Schon 1952 publizierte Inge Aicher-Scholl über die „Weiße Rose“. Ihre Veröffentlichungen erreichten damals hohe Auflagen.

Im Jahre 1956 veröffentlichte der Historiker Carl Dietrich Bracher sein grundlegendes Werk „Die Auflösung der Weimarer Republik“, eine meisterhafte Analyse der einzelnen Faktoren, die dem Nationalsozialismus schließlich zum Sieg verhalfen.

Die gewaltige Verehrung, die den damaligen Helden wie beispielsweise Pater Rupert Mayer in München, Domprediger Dr. Johann Maier in Regensburg oder Kardinal von Galen in Münster zuteil wurde, macht die Behauptung der Katholischen Akademie völlig unverständlich.

Schon 1956 erschienen die Tagebücher von Jochen Klepper unter dem Titel „Unter dem Schutz Deiner Flügel“ mit einem Geleitwort von Reinhold Schneider. Beschwiegen wurde es nicht 1956, heute wird es beschwiegen als Spätfolge der 68er Kultur-Revolution.

Das Thema Nationalsozialismus war jedenfalls in den fünfziger Jahren hochaktuell – und die Märtyrer des NS-Regimes wurden gewürdigt und bewundert. Erst mit dem Aufkommen der Studentenbewegung ging die Verehrung dieser Blutzeugen und Helden in der Öffentlichkeit zurück.

Das sind die Zusammenhänge, die heute verschwiegen werden.

Ich habe auf die Defizite der Erinnerungskultur in meinem Buch „Helden und Heilige in Diktaturen“ (Media-Maria-Verlag) aufmerksam gemacht. Diese Besinnung auf die Aufarbeitung der NS-Diktatur in den fünfziger Jahren ist heute zwar nicht gesetzlich verboten, wohl aber ideologisch durch die „Political correctness“.

Heute wird der Aufbau der neuen Ordnung nach dem Krieg durch Verfolgte des NS-Systems immer noch geleugnet. Diese Lüge ging vom längst untergegangenen sowjetischen KGB aus und wurde über die 68er Studentenrevolte in die heutigen Redaktionsstuben und Universitäten transportiert.

Es liegt nicht an der Unkenntnis, sondern an der bürgerlichen Angst, die Political correctness zu verletzen und damit ins Abseits zu geraten. Die Wahrheit hat es schwer.

Ein Hoffnungszeichen ist die Tagung der Kath. Akademie über die vergessenen Märtyrer; auch in die Bistumsblätter sind diese Zeugen für Christus schon zurückgekehrt.