HERBST: Wenn des Daseins ganze Fülle….

Wenn des Daseins ganze Fülle
lodert auf in tausend Farben,
und die Mittagssonnenstille
flimmernd zieht durch neue Garben –
fängt der Sommer an zu räumen
und der Herbst liegt noch in Träumen
.

Wenn die Körner hart und heiter
aus den trocknen Spelzen gleiten,
und die Trauben immer weiter
hin zur goldnen Süße leiten –
will der Sommer nicht nicht gehen,
doch der Herbst fängt an zu wehen.

Wenn die Hagebutten reifend
ihre Röte aufpolieren,
und die Käuze so ergreifend
sich in Wehmut ganz verlieren –
ist der Sommer schon im Neigen,
und der Herbst wird stetig steigen.

Wenn sich lange müde Schatten
wieder überm Lande zeigen,
wenn aus einstmals saftig satten
Wiesen Nebelschwaden steigen –
ist der Herbst wohl eingezogen,
und der Sommer ist verflogen.

Dr. Renate Myketiuk (Erlangen)


Denn betend singen sie, was ewig gilt…

Nachdem Sänger aus Wladimir 1999 im fränkischen Erlangen auftraten, verfaßte Dr. Renate Myketiuk dieses Gedicht und stellte es nun unserer Redaktion zur Verfügung:

Russische Seele

Sie kamen her zu uns und wollen singen;
aus einem fernen Land, verdämmernd weit,
wo Uhren messen eine frühe Zeit,
wo Flüsse ihre Fracht zum Nordpol bringen.

Sie singen uns von der Barmherzigkeit,
die Gott im Abendmahl läßt sichtbar werden;
und singen von der Liebe hier auf Erden,
von Suchen, Finden und von Liebesleid.

Sie lassen ihre Seele voll erklingen:
es ist der dunkle Schmerz der weiten Ferne,
der fromme Kuß auf ein Ikonenbild.

Und unser Herz, sie bringen es zum Schwingen;
wir horchen still, sie strahlen wie die Sterne,
denn beten singen sie, was ewig gilt.

Dr. Renate Myketiuk aus Erlangen

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