Warum die Thesen von Prof. Schockenhoff theologisch in die Irre führen

Von Rainer Kochinke

Die Thesen des Vortrags von Prof. Eberhard Schockenhoff bei der Frühjahrsvollversammlung der DBK lesen sich streckenweise wie ein Glaubensbekenntnis des zeitgenössischen Hedonismus.

Er fordert die Kirche zu einem radikalen Bruch mit der noch geltenden Lehre zur Sexualmoral auf. Auf den Seiten 6 und 7 verlangt er, die Kirche solle sich insbesondere die Kategorien des Luststrebens und Lustgewinns, des sexuellen Verlangens als anzuerkennende Prinzipien der sexuellen Partnerschaft zu eigen machen und in einem beliebigen Kontext aufwerten.

Die von Schockenhoff bemühte „Lebenswirklichkeit“ zeigt aber, dass die von ihm empfohlenen Kategorien ohnehin schon bei der großen Masse der Taufschein-Katholiken in der Lebensführung umgesetzt werden. Und die zweite Hälfte dieser Lebenswirklichkeit sind die katastrophalen Auswirkungen dieses von der kirchlichen Ethik losgelösten Sexualverhaltens.

Sexuelles Verlangen und Begehren sind ihrer Natur nach kurzlebig und können rasch den Adressaten wechseln. Das bewusste Streben nach Lustgewinn macht nicht nur egoistisch und rücksichtslos, sondern nutzt sich ab und verlangt nach Steigerung der auslösenden Reize.  Pädosex und Pornographie gedeihen auf diesem Nährboden.

Um aus diesem Teufelskreis ausbrechen zu können, bedarf es der Orientierung an der von der Kirche gelehrten göttlichen Schöpfungsordnung, in der auch die Beziehung der Ehegatten von einer keuschen Liebe getragen wird. Das bedeutet, dass die geistig-seelische Dimension der Partnerschaft, also das, was jenseits der körperlichen Attraktivität vom Willen gelenkt Beständigkeitscharakter hat, den Vorrang vor der leiblichen Komponente haben muss und somit die sexuelle Lusterfahrung nicht mehr und nicht weniger als eine sinnvolle Begleit-erscheinung der liebenden Hingabe ist.

Bei Schockenhoff kommt der Begriff „Keuschheit“ nicht vor, also das Schlüsselwort für das Gelingen einer beständigen und krisenfesten Partnerschaft, die nicht von der schwankenden Attraktivität des Partners abhängt.

Statt dessen liefern seine Thesen die Menschen gerade jenen Verhaltensweisen aus, die letztlich für das Elend der betrogenen Ehegatten, der Scheidungswaisen, der alleinerziehenden Mütter und der Patchworkfamilien verantwortlich sind.

Wie kann man angesichts der Tragödien einseitig erotisch geprägter Beziehungen, die rasch aufflammen, ebenso rasch verglühen und zu Asche werden, die Augen verschließen?

Prof. Schockenhoff zieht angebliche neuere Erkenntnisse der Humanwissenschaften, die oft genug nach wenigen Jahrzehnten ihre Irrtümer eingeräumt und durch neue Fragwürdigkeiten ersetzt haben, der geltenden kirchlichen Lehre vor.

Er beruft sich dabei auf die Meinung einer „gegenwärtigen theologischen Ethik“ und unterstellt, dass Gottes Geist die Kirche durch 2000 Jahre im Stich bzw. im Irrtum verharren ließ.

Der Theologe tritt nun als der Befreier von den „normativen Fesseln der traditionellen Sexualmoral“ auf (S. 6) und diffamiert dadurch die bisherige Orientierung an der geoffenbarten göttlichen Schöpfungsordnung als schädliche Beschneidung der Freiheit und der Lebensqualität.

Deshalb lässt er auch das traditionsgemäße Offenbarungsverständnis nicht gelten. Folgerichtig wird Gottes Gebot keine absolute, sondern nur eine relative Verbindlichkeit zugebilligt.

Dazu verwendet er den Taschenspielertrick, man solle bei der katholischen Ehelehre nicht von „Alleingeltung“, sondern von „Höchstgeltung“ reden. Um besser gegen den kirchlichen Standpunkt polemisieren zu können, entstellt er die tatsächliche Lehre der Kirche und baut auf Seite 6 einen Popanz auf.

So stellt er das Eheleben mit NER oder im unfruchtbaren Alter als von der Kirche unerlaubt dar, was den Tatsachen nicht entspricht. Aber im Gegensatz zu den tatsächlichen und den von ihm konstruierten Einschränkungen fordert er die Bischöfe auf, die aus seiner Sicht „positiven Gestaltungsmöglichkeiten der Bedürfnisfülle menschlicher Sexualität“  zu bejahen, das heißt wohl im Klartext, kirchlich beinahe alles abzusegnen, was bisher als sexuelle Verfehlung und schwere Sünde galt.

In nächster Zeit wird es sich ergeben, ob jetzt die auf progressiv getrimmten „engagierten Katholiken“ Deutschlands im Laien- und Klerikerstand bereit sind, Schockenhoffs Forderungen zu übernehmen und sich damit gleich den Lemmingen in den theologischen Abgrund zu stürzen.

Unser Gast-Autor Rainer Kochinke ist Religionspädagoge und wohnt in Rheine (Westfalen)


Kritik an Prof. Schockenhoff, der Abtreibung im Fall einer Vergewaltigung „akzeptieren“ will

Das ungeborene Kind ist kein „ungerechter Angreifer“

Wie die Online-Ausgabe des  Ärzteblatts vom 23. Januar 2013 berichtet, hat der katholische Priester und Moraltheologe Eberhard Schockenhoff (zugleich Mitglied des „Nationalen Ethikrats“) zwar grundsätzlich die kirchliche Haltung zu Abtreibung und „Pille danach“ (Frühabtreibung) bekräftigt, zugleich aber für den Fall einer Vergewaltigung eine Ausnahme geltend gemacht.

Das „Ärzteblatt“ berichtet hierüber wie folgt: Embryo

Der Theologe betonte zudem die extreme Notlage der Frau nach einer Vergewaltigung. Wenn sich die Betroffene für einen Schwangerschaftsabbruch entscheide, müsse man dies akzeptieren.

„Im Grenzfall der Vergewaltigung sehe ich die Möglichkeit einer berechtigten Ausnahme, weil die Frau eine Art Notwehrrecht hat, die ihr durch Gewalt aufgezwungene Schwangerschaft zu beenden“, sagte Schockenhoff. „Die Schuld am Abbruch fällt hier auf den Vergewaltiger zurück, der dann zwei Leben auf seinem Gewissen hat.“

Was ist nun aus Sicht der katholischen Moraltheologie zu dieser Ansicht des Freiburger Ethikers zu sagen?

Es gibt zwar tatsächlich eine allgemein akzeptierte und biblisch begründete Ausnahme vom Tötungsverbot im Falle von Notwehr, die sowohl individuell wie auch gemeinschaftlich (Staat, Nation, Verteidigungskrieg) gilt.

(Notwehr liegt  –  gesetzlich betrachtet  –  laut § 32 StGB  unter folgenden Bedingungen vor:  Abs. 1: „Wer eine Tat begeht. die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig.“  –  Abs. 2: „Notwehr ist die Verteidigung, die  erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“

Das bedeutet bei Vergewaltigung, daß die Frau den „gegenwärtigen“ Angriff abwenden darf in einem Ausmaß, wie dies „erforderlich“ ist, etwa auch, indem sie den Täter ernsthaft verletzt, um das Vergewaltigungsverbrechen zu verhindern.)

Der springende Punkt besteht betreffs Abtreibung aber darin, daß das ungeborene Kind kein Täter und kein ungerechter Angreifer  ist; vielmehr ist das Baby im Mutterleib völlig wehrlos, schutzbedürftig und unschuldig sowieso.

Überdies bedinhaltet die Fortsetzung einer Schwangerschaft keine Gefahr für Leib und Leben der Frau (von äußerst seltenen Fällen abgesehen: in Deutschland im Verhältnis 5 zu 100.000).

Daher kann das Notwehr-Prinzip weder moraltheologisch noch rechtsphilosophisch angewandt werden.

Zudem wird mit einer Abtreibung keineswegs nur eine „Schwangerschaft“, also ein physiologischer Zustand „beendet“, sondern ein ungeborenes Kind vernichtet und sein Lebensrecht mißachtet.

Die Schuld an einer Abtreibung fällt keineswegs allein auf den Vergewaltiger zurück, zumal es tapfere Frauen gibt, die trotz innerer Bedrängnis ein heldenhaftes JA zum Leben sagen   –  und nicht etwa ihr unschuldiges Baby für das Verbrechen eines Dritten gleichsam mit dem Tod bestrafen. Oft wächst die Liebe zum Kind im Laufe der Zeit, wie die Erfahrung lehrt.

Es ist andererseits natürlich verständlich, wenn sich eine Frau nach Vergewaltigung nicht vorstellen kann, das heranwachsende Kind aufzuziehen, weil sie ständig an jenes fürchterliche Verbrechen erinnert werden könnte.

Notlösung: Adoption statt Abtreibung!

In diesem Fall heißt die Lösung jedoch keineswegs Abtreibung, sondern Adoption, zumal zehntausende ungewollt kinderlose Ehepaare in Deutschland auf  die Chance einer Adoption warten. Falls die Frau noch unsicher ist, ob sie ihr Kind weggeben möchte oder nicht, kann sie es vorläufig in Pflege geben und später endgültig entscheiden.

Zudem wäre die Tötung ihres Babys für die schwangere Mutter eine große seelische Belastung, was den psychischen Schock der Vergewaltigung auf Dauer noch verstärken könnte.

Ergebnis: Auch im Fall von Vergewaltigung kann eine Abtreibung ethisch nicht akzeptiert werden, wenngleich es naheliegt,  an „mildernde Umstände“ für die betroffene Mutter zu denken.

Doch auch eine individuell-subjektive Schuldverringerung in Einzelfällen darf die Kirche keineswegs davon abhalten, dem Zeitgeist auf der Ebene der Prinzipien weichherzige Zugeständnisse einzuräumen.

Vielmehr hat die Kirche sich  – ob gelegen oder ungelegen  –  allein an Gott und seinen Geboten auszurichten, wozu auch das Lebensrecht aller Menschen gehört.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster