Predigt zur Wallfahrt der vertriebenen Schlesier in Bochum-Stiepel am 18. August

Von Ehrendomherr Dr. Franz Weidemann

Wallfahrt der heimatvertriebenen Schlesier mit den Beuthen-Roßbergern (St. Hyazinth) und den Spätaussiedlern nach Bochum-Stiepel am 18. August 2019.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, liebe Landsleute,

mitten im Monat August – für viele Familien der Monat der Urlaubszeit – feiert die Kirche das Hochfest der Aufnahme der seligen Jungfrau Maria in den Himmel. Für uns ist das eine besondere Gelegenheit, um über den letzten Sinn der menschlichen Existenz nachzudenken.

Deshalb richten wir unseren Blick auf die Gottesmutter, den Stern der Hoffnung, der unseren Weg auf Erden erhellt  – und folgen dabei dem Vorbild der heiligen Männer und Frauen, die in jeder Lebenslage zu ihr Zuflucht genommen haben.

Seit Jahren pilgern Heimatvertriebene, Flüchtlinge wie auch Aussiedler an Orte, die der Mutter Gottes Maria geweiht sind. Diese Tradition pflegen wir, weil sie unseren Glauben stärkt, worüber ich sehr froh bin.

Jede Tradition hat ihre Geschichte. Für einige von Ihnen ist es lebendige Erinnerung und für die Jüngeren bereits Vergangenheit, die sie nur aus Erzählungen kennen.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, dass ich kurz auf die Geschichte der schwierigen Anfangsjahre der Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg zurückblicke.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen mehr als 14 Millionen Menschen aus den deutschen Ost-Gebieten. Diejenigen, die Flucht und Vertreibung überlebt hatten, wurden von ihren deutschen Landsleuten aber nicht immer herzlich aufgenommen.

Der promovierte Historiker Andreas Kossert hat die schwierige Ankunftsgeschichte der Vertriebenen umfassend erforscht und beleuchtet erstmals diesen blinden Fleck der deutschen Nachkriegsgeschichte.

In seinem Buch „Kalte Heimat  – Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945″ (*)  beschreibt er eindrucksvoll die Erfahrungen derjenigen, die durch den Krieg entwurzelt wurden und immense Verluste erlitten haben; und er fragt danach, welche Folgen das nicht nur für die Vertriebenen und ihre Nachkommen, sondern auch für die ganze Gesellschaft bis heute hat.

Wir erfahren von ihrem Kampf um den schwierigen Neuanfang und von den Lebensumständen der Menschen im „Wirtschaftswunderland“. Ohne die Vertriebenen, die mit Nichts begannen, hätte es jedoch ein „Wirtschaftswunder“ nicht gegeben; sie waren ein wichtiger Motor der Modernisierung in der Bundesrepublik Deutschland.

Auch die Ankunft der Vertriebenen im Westen hatte das konfessionelle Antlitz Deutschland verändern wie seit Reformation und Dreißigjährigem Krieg nicht mehr. Oft kamen die Vertriebenen in weithin geschlossene Gebiete anderer Konfession, wo sie nicht nur als Vertriebene, sondern auch als Andersgläubige auf Vorurteile stießen.

Sie litten also sowohl unter dem Verlust ihres sozialen und materiellen Status, als auch unter der konfessionellen Heimatlosigkeit. Die ersten Gottesdienste fanden in Lagern, Turnhallen und Gasthäusern statt.

Sogenannte Rucksackpfarrer betreuten die Gläubigen unter armseligen Bedingungen. Die Suche nach einer neuen Heimat war im kirchlichen Bereich nicht weniger schwierig als im außerkirchlichen. Die etwas andere Liturgie, die unbekannten Lieder, der Altarschmuck sowie die Bewegungen des Pfarrers, das alles vermittelte den Vertriebenen das Gefühl, auch hier Fremde zu sein.

Andererseits bereicherten sie durch neue Frömmigkeitsformen das religiöse Brauchtum der Einheimischen, was dazu führte, dass das kirchlich-religiöse Leben eine tiefere Frömmigkeit erhielt und zugleich lebendiger wurde.

In der Listruper Pfarrchronik notierte Pfarrer Albers damals sichtlich beeindruckt von der religiösen Haltung der Vertriebenen folgendes:  

Zuerst waren die Vertriebenen in die Kirche gegangen, um sich Gott zu empfehlen und der Gottesmutter:Die Schönste von allen… sangen sie. Das Lied haben wir dann oft gesungen.“(Quelle: Michael Hirschfeld: „Unterwegs nach einem Zuhause“ – Die Wurzeln der Grafschaft Glatzer Katholiken in der Vertreibung liegen in Listrup. S.103ff)

Seit dieser Zeit erklangen häufig alte schlesische Marienlieder in den Gemeinden, die die Vertriebenen aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, etwa das Lied „Über die Berge schallt“.

Nicht zu vergessen auch die Wallfahrt war für die Vertriebenen eine Gelegenheit, die besondere Nähe Gottes zu spüren. Die Wallfahrtsorte in Westdeutschland erlebten durch die vertriebenen Katholiken eine neue Blüte, denn letztlich war es vor allem Maria, zu der sich die Gläubigen auf den Weg machten und es auch noch heute tun  – wie wir hier heute in Bochum-Stiepel.

Liebe Brüder und Schwestern! Wer ist Maria? Wer ist jene Frau, die von der Kirche so oft und an so vielen Festen auf besondere Weise gepriesen und verehrt wird?

Was tun wir, wenn wir Maria verehren, wenn wir im Gebet bei ihr Zuflucht suchen und uns auf ihre Fürsprache an Gott wenden?

Diese Fragen zu stellen ist nicht überflüssig. Es gibt Menschen, die heute ihre Schwierigkeiten haben mit der Verehrung Mariens. Sie sagen, das sei unbiblisch, lenke ab von Gott und sei wie ein Götzendienst. Sind diese Argumente stichhaltig? Wie verhält es sich damit?

Wenn wir auf das irdische Leben der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria blicken, dann lässt sich in Übereinstimmung mit dem biblischen Zeugnis erkennen: Maria war eine Frau, die von Gott auf höchste Weise begnadet wurde, die sich aber in ihrer übergroßen Demut nicht würdig hielt, dass Gott sich ihr auf so außergewöhnliche Weise mitgeteilt hatte.

Dennoch war sie in Glaube und Liebe bereit, mit den Gnaden Gottes mitzuwirken. Sie war einverstanden mit den Plänen Gottes und sagte von Herzen ihr Ja dazu. So durfte sie die Mutter Jesu Christi, des Sohnes Gottes werden, der von ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes ohne Mitwirkung eines Mannes empfangen und aus ihrem jungfräulichen Schoß geboren wurde und auf diese Weise wahrhaft Mensch geworden ist.

Bereits ihre Verwandte Elisabeth preist Maria selig, weil sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der HERR ihr sagen ließ. Maria aber belässt dieses Lob, das ihr zuteil wird, nicht bei sich selber. Sie gibt es weiter an den dreifaltigen Gott, den sie im „Magnificat“ lobt: „Meine Seele preist die Größe des HERRN …

Es kann also kein Irrtum sein, wenn auch wir Maria unsere Ehre erweisen, denn Gott selber hat sie geehrt in der Menschwerdung seines Sohnes. Sie selber aber weiß, dass sie alles Gott verdankt und gibt ihm allein die Ehre!

Die Kirche verehrt Maria nicht als eine Person, die dem einzig wahren Gott zur Konkurrentin wird, sondern als heilige Jungfrau und Gottesgebärerin, die der Welt den Erlöser geschenkt hat und keinen anderen Wunsch hat, als die Menschen durch ihre Fürbitte zu Jesus Christus hinzuführen.

Wer Maria verehrt, gibt Gott die Ehre. Wer sie findet, findet durch sie zu ihrem göttlichen Sohn. Durch Maria zu Jesus! Dies ist ein bewährter katholischer Grundsatz, an dem auch wir festhalten wollen.

Was ist der Inhalt des Festtages Mariä Aufnahme in den Himmel?

Die Kirche bekennt, dass die Jungfrau Maria bei Gott im Himmel ist, ja noch mehr: Sie bekennt in festem und unerschütterlichem Glauben, dass sie „ganz“, das heißt mit Leib und Seele im Himmel ist.

Dies ist insofern eine besondere Auszeichnung, als sich beim Tod des Menschen die Seele vom Leib trennt. Der Leichnam wird ins Grab gelegt und geht der Verwesung entgegen. Erst am Jüngsten Tag wird er auferweckt, während die unsterbliche Seele auch nach dem Tod weiterlebt und im persönlichen Gericht vor Gott Rechenschaft über das Leben auf Erden ablegen muss.

Mariens Leib war der Verwesung nicht preisgegeben, unser Herr Jesus Christus hat seiner heiligen Mutter Anteil an seiner Auferstehungsherrlichkeit geschenkt, indem er auch ihren Leib auferweckt und in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen hat. Sie lebt nun bei Gott in strahlender Herrlichkeit ihrer heiligen Seele und ihres jungfräulichen Leibes!

So ist der  Festtag ein Bekenntnis der Kirche zur Vollendung des ganzen Menschen. Was in Maria zur Erfüllung gelangt ist, ist uns allen verheißen, wenn wir an den Sohn Gottes glauben und mit ihm in Liebe und Treue verbunden bleiben.

Auch unser Leib wird am Ende der Welt auferweckt werden. Beten wir darum, dass wir dieser ewigen Auferstehung würdig werden durch ein heiliges Leben!

Mit Maria preisen wir die großen Taten unseres Gottes und Retters Jesus Christus. ER hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd und sie emporgehoben in sein himmlisches Reich.

Wenn uns auf Erden auch so manche Not bedrückt, so haben wir dennoch Zuversicht auf unser himmlisches Erbe. Wir dürfen vertrauen, dass uns Maria als Mutter aller Gläubigen beisteht und alle Anliegen und Nöte vor ihren Sohn bringt. Wenn wir mit ihr verbunden sind in Freude und Leid, wird sie uns hinführen zur seligen Vollendung bei Gott.

Beten wir darum, dass alle Menschen die Gnade Gottes annehmen und niemand seine Liebe zurückweist! Wenn Gottes Reich sich offenbart in Herrlichkeit, dann wird alle Sehnsucht erfüllt und unser Glück in der Gemeinschaft mit Maria und allen Engeln und Heiligen des Himmels vollendet. Amen

(*) Andreas Kossert –„Kalte Heimat“ – Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945, Siedler-Verlag München. ISBN 978-3-88680-861-8

 


Christi Botschaft von Endzeit, Gericht und Ewigkeit ist ein Weckruf an uns alle

Von Ehrendomherr Pfr. Dr. Franz Weidemann

Zum Evangelium am 18. November bzw. 33. Sonntag im Jahreskreis (Dan 12,1-3; Mk 13,24-32)

Das Ende der Welt – kein sehr erfreuliches Thema. Die Sonne wird sich verfinstern, der Mond nicht mehr scheinen, die Sterne fallen vom Himmel. Das Ende der Welt wird hier nicht besonders rosig ausgemalt. Endzeitstimmung! So könnte man die Atmosphäre beschreiben, die die Lesungen des heutigen Sonntags kreieren.

Am Ende des Kirchenjahres werden die Evangelien düsterer: Die Sterblichkeit der Menschen und das Wiederkommen Christi als Richter werden heraufbeschworen. Und schon wird vielleicht bei den Älteren von Ihnen die Erinnerung an damals wach, wo Mutter, Vater und der Pastor den Kindern mit der Hölle Angst gemacht haben.

Drohbotschaft statt Frohbotschaft sei das, sagen die Jüngeren heute. Nein  – sagen viele – diese Evangelien von Weltuntergangsszenarien und Naturkatastrophen machen uns unsere schöne Weltsicht kaputt, gerade jetzt so kurz vor dem Gemütlichkeit versprühenden nahen Advent.

An das unausweichliche Ende zu denken, das fällt den Menschen und auch uns Christen immer schwerer. Etwas sperrt sich in uns dagegen. Dabei haben die ersten Christen das Ende eigentlich gar nicht gefürchtet, sondern sogar im Gegenteil herbeigesehnt.

Am Ende der Bibel ist der letzte Satz der Stoßseufzer des biblischen Menschen: „Maranatha – komm, Herr Jesus.“

Seltsam. Oder ist nicht eher unsere Haltung seltsam? Was ist daran so beängstigend, wenn es heißt: „Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt“ – „Sie werden immer und ewig leuchten wie die Sterne“ – „Dann wird der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen» – „Er wird die Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen“ – wie herrlich muss doch der Himmel sein!

Sicher – auch hier auf der Erde ist es schön. Aber eben leider nicht immer und nicht für alle Menschen, die Augenblicke des Glücks sind eben nur Augenblicke. Für den biblischen Menschen war es alles klar: Unsere Heimat ist im Himmel, hier sind wir in der Fremde.

Warum freuen wir uns also nicht auf das Ende der Welt? Warum haben so viele Menschen Angst vor den Dingen, die da kommen sollen? Vermutlich, weil es genau genommen keine Angst vor der Zukunft ist, sondern eine Angst vor unserer eigenen Vergangenheit.

Wir fürchten nicht das, was da kommen wird, sondern vielmehr dass, was wir jetzt, im Moment, sind. Wer hat sich nicht schon öfter die Frage gestellt: „Was würde ich heute tun, wenn ich wüsste, dass dies mein letzter Tag wäre?

Viele Antworten fallen uns dazu ein, und oft können wir ganz bestimmt sagen, was wir dann tun würden: Uns versöhnen, uns entschuldigen, die Natur genießen, beten, mit Gott ins Reine kommen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – wir tun’s oft nicht.

All das, was wir tun würden, wenn das Ende der Welt morgen wäre, lassen wir doch wieder sein. Und deshalb – aufgrund unserer eigenen Inkonsequenz – fürchten wir das, was da kommen soll, weil wir fürchten, was wir sind. Nicht, weil das Ende so schrecklich wäre, sondern weil wir spüren, dass wir uns selber, unseren Mitmenschen und Gott gegenüber nicht gerecht werden.

Angesichts des unausweichlichen Endes sollten wir uns das vielleicht eingestehen, dass unser Leben wirklich unvollkommen ist. Wir bedürfen der Umkehr, des täglichen Neuanfanges, damit wir uns in unserer Haut wieder wohlfühlen können. Das ist ein anspruchsvolles Leben. Sicherlich. Und vielleicht, weil viele diesen Anspruch ahnen und nicht wahrhaben wollen, wenden sie sich von Gott und Kirche ab, verdrängen den Tod und das Ende der Welt.

Die Evangelien über das Ende der Welt und das Gericht ist das eine Drohbotschaft? Für mich sind sie eher eine Wach-mach-Botschaft?

Die Evangelien drohen nicht mit dem bösen Gott, der uns allen übel mitspielen will. Vielmehr sensibilisieren uns diese Evangelien, auf unser eigenes Leben zu schauen, es ernst zu nehmen, es nicht zu vertrödeln, uns nicht zu vertrösten mit einem: „Ab morgen fang‘ ich an, wirklich zu leben!

In einer Gesellschaft, in der es sich gut leben lässt, ist der Gedanke an das Ende, an den Tod und das, was danach kommt, allerdings ein trübseliger Gedanke. Aber für die Menschen, die auf der anderen Seite der Medaille leben, die hier einiges zu leiden haben, deren Leben eben kein Zuckerschlecken ist, sieht das schon ganz anders aus: Da ist der Himmel wirklich noch eine Verheißung. Da ist man gar nicht so entsetzt darüber, dass dieses Leben nicht ewig dauert.

Unsere Glaubensschwäche, nicht an das Ende denken zu wollen, ist schon ein wenig arrogant. Den Gedanken an das Ende und das Gericht als wenig frohmachend zu bezeichnen, ist eigentlich pure Egozentrik. Ja, im Grunde ist auch unser Empfinden bei Glaubenssätzen wie: „ER sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“ entlarvend. Und wir versuchen, solche Glaubenssätze zu vermeiden, aus den Liedern und Gebeten zu streichen, ja sogar aus den Evangelien!

Aber noch etwas ist daran entlarvend: Das Gericht verschweigen will nur der, der etwas zu fürchten hat. Wenn wir uns redlich bemühen, nach Gottes Geboten zu leben, gibt es dafür aber keinen Grund, sich zu fürchten. Weil Gott gerecht ist, da er gut ist. ER wird niemanden zu kurz kommen lassen oder übervorteilen.

Gott ist aber auch barmherzig, weil ER gut ist. ER wird jeden und jede mit seinem liebenden Blick anschauen. ER wird all die tiefen Sehnsüchte, die Schwächen, die Leiden, das Bemühen in uns sehen und anerkennen. ER macht uns Mut unser Leben wirklich zu leben, uns nicht auf faule Kompromisse einzulassen.

Wir sind in seiner Hand, aber nicht als Verlorene, sondern als Geborgene. Soviel ist gewiss. Anderes dagegen bleibt ungewiss, vor allem wann das alles geschehen wird. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.(Mt 13,32)

Wir können den Tag nicht berechnen, und wir sollen uns erst recht nicht irremachen lassen von Leuten, die zu wissen meinen, der Tag sei bald gekommen – ganz gleich, ob sie sich auf die Klimakatastrophe oder sonst etwas berufen wie z.B. auf Nostradamus oder der Weltuntergangs-Film 2012 von Roland Emmerich, der am 19.11.2009 in die deutschen Kinos kam.

Apokalyptische Ängste schüren ist etwas Unverantwortliches, denn es lähmt den Menschen und hindert ihn daran, seinen Verstand und Phantasie einzusetzen zur Abwendung der gegenwärtigen Gefahren. Hüten wir uns vor den Sektierern, die unter dem Mantel der Frömmigkeit den Menschen zuerst verängstigen und dann unfrei machen!

Halten wir uns besser an diejenigen Menschen, die zu anderen Zeiten vor ähnlichen Problemen wie wir heute standen und sie in Gelassenheit und Gottvertrauen angegangen sind.

Ich möchte mit einem Zitat eines Französischen Priesters Pierre de Caussade beschließen, der in seinem Buch „Hingabe an Gottes Vorsehung“ folgendes geschrieben hat: „Man muss die Vergangenheit der großen Barmherzigkeit Gottes überlassen, die Zukunft seiner Vorsehung, die Gegenwart aber müsst ihr ganz der Liebe Gottes anheimgeben„.

Diese Aussage wollen wir uns zu Herzen nehmen.


Die Beichte ist das Sakrament der Umkehr

Von Ehrendomherr Dr. Franz Weidemann

Das Evangelium von der Tempelreinigung (Joh 2,13-25) führt uns leicht hin auf das Thema der heiligen Beichte. Jesus verhält sich ein wenig aufgebracht. Er reinigt das Gotteshaus von allem, was nicht hineingehört. So sollen auch wir unseren inneren Tempel reinigen. Säubern wir das Herz, das mit allem Möglichen zugestellt ist. Alles, was nicht dort den eigentlichen Platz hat, soll weggegeben werden und wir sollen davon frei werden.

Erinnern wir uns an das Wort Jesu vom ersten Fastensonntag aus dem Markus Evangelium (Mk 1,15): „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Wenn Jesus damit die Menschen zum Glauben einlädt, spricht er gleichzeitig die große Vorbedingung dazu aus. Er sagt: „Kehrt um!“. So sind Glaube und Umkehr aufeinander bezogene Forderungen Gottes an den Menschen, zugleich aber auch die österlichen Gaben des Auferstandenen an uns.

Die Beichte ist für unser ganzes Leben von entscheidender Bedeutung, jedoch zugleich in große Vergessenheit geraten. 

Allein das Wort erweckt in vielen Menschen unangenehme Gefühle; sie reichen von totaler Ablehnung bis hin zu völliger Gleichgültigkeit. Von den einen abgelehnt, weil sie den Beichtstuhl vielleicht tatsächlich als Ort der Demütigung oder der Indiskretion erlebt haben, und von den anderen ahnungslos belächelt, weil sie nie erfahren durften, was für ein Geschenk die Beichte für den Menschen eigentlich ist: so ist dieses Sakrament zunehmend nicht nur zum ungeliebten und vergessenen, sondern auch zum unbekannten Sakrament geworden.

Doch gerade darin liegt für unsere heutige, an Geist und Geistlichkeit so arme Zeit die große Chance, die befreiende und belebende Wirkung der Beichte neu zu entdecken.

Als Beichtvater wie als Sünder, der selbst zur Beichte geht und genau weiß, wie schwer dieser Schritt sein kann, bin ich überzeugt: der Beichtstuhl ist der Ort, an dem nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Welt ihre größte „Reparatur“ erfahren kann.

Die Beichte ist das Sakrament der Umkehr, denn sie vollzieht die Umkehr, zu der Jesus uns aufruft – die Rückkehr zum Vater, von dem sich ein Mensch durch die Sünde entfernt hat. Sie ist daher auch das Sakrament der Buße, weil sie einen persönlichen Schritt der Umkehr, der Reue und Genugtuung des sündigen Christen darstellt.

Das Bekenntnis unserer Sünden vor dem Priester ist ein wesentliches Element dieses Sakramentes. Dadurch wird es zum Sakrament der Vergebung, denn durch die sakramentale Lossprechung des Priesters gewährt Gott selbst dem Beichtenden Verzeihung und Frieden. Das macht die Beichte zum Sakrament der Versöhnung, denn es schenkt dem Sünder die versöhnende Liebe Gottes.

Durch diese Versöhnung wird die Beichte zum Sakrament der Heilung. Hier erfährt der Mensch die Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen: zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und dadurch letztlich zu Gott, der den innersten Kern unseres Menschseins darstellt.

Ein Mensch, der sagt, dass er ohne Sünde sei, die Beichte nicht brauche und alles mit und für sich selbst regeln könne, belügt sich selbst – das sagte schon der Apostel Johannes. Dieser Selbstbetrug kommt in der heutigen Zeit leider häufig vor. Papst Franziskus sagt es ganz klar: „Es gibt keine Situation, die Gott nicht ändern kann, es gibt keine Sünde, die er nicht vergeben kann, wenn wir uns IHM öffnen.“

Das führt uns zur entscheidenden Frage: Wie kann ich so beichten, dass es mir echte innere Heilung ermöglicht? Der Artikel „Das Sakrament der Buße und der Versöhnung“ im „Gotteslob“ Nr. 593 zeigt uns einige Schritte, wie wir die Beichte als echtes Geschenk erfahren können, die uns Frieden, Befreiung und Lebensfreude bringt.

Ich lade alle ein, diese besondere Zeit vor Ostern auch als Chance der persönlichen Umkehr zu sehen, um das eigene Leben wieder etwas intensiver zu reflektieren, es in seinen dunklen Bereichen aufzuhellen, um ein Stück mehr mit sich, mit den Mitmenschen und mit Gott ins Reine zu kommen. Jeder von uns weiß ziemlich genau, wo die unterbelichteten Stellen in der eigenen Biografie zu finden sind.

Jenen unter uns, die regelmäßig beichten, wünsche ich dabei, dass das Sakrament für sie nicht zur oberflächlichen Routine wird, sondern dass es immer wieder den Weg ins Innere finden kann.

Jenen unter uns, die schon längere Zeit nicht mehr beichten waren oder überhaupt noch nie einen Beichtstuhl von innen gesehen haben, möchte ich Mut machen: Nehmt Euch selbst so wichtig, wie Gott es tut! Verweigert Euch nicht dem wunderbaren Heilmittel der Versöhnung, das ER für Euch bereithält!

Legt den alten Menschen ab und lebt als neue Menschen! Gott schenke uns eine erfüllte Fastenzeit, eine gute Beichte und lasse uns mit großer innerer Freude das Osterfest feiern!

Unser Autor Dr. Franz Weidemann ist Gemeindepfarrer in Dortmund

 


Gedanken zum Rosenkranzmonat Oktober

Von Ehrendomherr Dr. Franz Weidemann

Der liturgische Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, den wir am 7. Oktober feiern, bietet mir die Gelegenheit, auf diese besondere Form des Mariengebets zurückzukommen.

Im Rosenkranz verbinden sich in wunderbarer Weise Einfachheit und Tiefe, individuelle und gemeinschaftliche Dimension.

Der Rosenkranz ist an sich ein kontemplatives Gebet – und er besitzt eine große Fürbitte-Kraft: Denn wer ihn betet, vereint sich mit Maria in der Betrachtung der Heilsgeheimnisse Christi und wird dazu gebracht, die diesen Glaubensgeheimnissen eigene Gnade in den vielfältigen Situationen des Lebens und der Geschichte anzurufen.

Der Rosenkranz gehört nicht zur Konjunkturfrömmigkeit; er ist kein Modeartikel, der heute geht und morgen vergessen ist. Er hat eine große, vielhundertjährige Geschichte. Bis in die Zeit des Mittelalters lässt sich dieses Gebet zurückverfolgen.

Wann aber und wie beten wir den Rosenkranz richtig? Dies zu wissen ist hilfreich, da die Kirche den Rosenkranz empfiehlt und die Gottesmutter an den kirchlich anerkannten Erscheinungsorten wie Lourdes und Fatima ausdrücklich dazu aufruft, ihn zu beten.

Christus steht im Zentrum des Rosenkranzes

Es ist nicht schwer, den Rosenkranz richtig zu beten. Die einzige Voraussetzung dafür ist ein Herz, das Gott lieben möchte, so gut es kann, und dies unter der Anleitung und Führung der Gottesmutter Maria, die auch unsere himmlische Mutter ist. 

An der Hand der Mutter Maria gehen wir unseren Weg zu ihrem Sohn Jesus Christus, der als menschgewordener Sohn Gottes im Zentrum des Rosenkranzgebetes steht. Denn jene „Geheimnisse“, die wir betend erwägen, sind die Geheimnisse des Lebens, Leidens und Sterbens sowie der Auferstehung und der Verherrlichung unseres Herrn Jesus Christus.

Zugleich ist im Rosenkranz auch unser eigenes Leben enthalten: Wir bringen ja all das mit, was wir sind und was wir haben, woran wir denken, was wir ersehnen, was wir uns wünschen, was uns Freude und Leid bereitet, worüber wir uns Sorgen machen, wofür wir Gott loben und ihm danken.

Alle Menschen, mit denen wir in Freundschaft und Liebe verbunden sind, bringen wir beim Beten des Rosenkranzes vor Gott, natürlich auch jene, mit denen wir uns schwer tun, wo es Unstimmigkeiten, Streit, Zerwürfnisse, ja sogar Feindschaft geben mag.

Ein Gebet des Vertrauens und der Hingabe

Vor Gott, dem HERRN, liegt alles offen; ER allein kennt unser Herz. Und so ist dieses Gebet ein Gebet des Vertrauens, in dem wir Gott wirklich alles sagen dürfen. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass er uns nicht hört. Im Gegenteil: All jenes Beten, das Maria in unserem Namen vor den HERRN bringt, findet sein Wohlgefallen und wird auf diese Weise erhört, wie es für uns am besten ist!

Vielleicht hat der eine oder andere von ihnen auch erlebt, wie plötzlich drohende Gefahren verschwanden, Unheil vorüberging und Probleme durch das Rosenkranzgebet eine glückliche Lösung fanden. Es ist eines der wirksamsten Gebete der Kirche und wurde von vielen Päpsten empfohlen.

Geben wir diesem Gebet, sei es persönlich, sei es in der Familie oder in religiösen Gemeinschaften, einen bevorzugten Platz und glauben wir nicht, dass es altmodisch sei. Von vielen namhaften Persönlichkeiten ist bekannt, dass sie den Rosenkranz regelmäßig beten und sich offen dazu bekennen.

Was ein „moderner“ Student einst erlebte…

Ein Student fuhr mit dem Zug nach Paris. Er saß einem Mann gegenüber, der das Aussehen eines reichen Landwirts hatte. Der Mann bete den Rosenkranz. „Verehrter Herr“ – redete der Student ihn an: „Glauben Sie denn noch an diese veralteten Dinge? Folgen Sie meinem Rat, werfen Sie Ihren Rosenkranz aus dem Fenster und lernen Sie, was die Wissenschaft sagt.“

Wissenschaft? Vielleicht können Sie mir das erklären?“ – so antwortete der alte Mann bescheiden und mit Tränen in den Augen. Der Student sah die innere Bewegtheit seines Reisegefährten. Um seine Gefühle nicht noch mehr zu verletzen, sagte er etwas verlegen: „Geben Sie mir bitte Ihre Adresse. Ich sende Ihnen dann ein paar Unterlagen zu dem Thema.“ 

Der Student warf einen Blick auf die Visitenkarte, die der Herr aus einer inneren Jackentasche hervorgeholt hatte, und wurde sehr still. Auf der Karte stand gedruckt: „Louis Pasteur, Direktor, Institut für die wissenschaftliche Forschung, Paris“.

Versuchen wir, durch den Rosenkranz Gott immer näher zu kommen, ihn tiefer zu erkennen, nicht nur im Oktober, sondern Tag für Tag. Dann wird auch Maria, die uns der HERR unter dem Kreuz zur Mutter gegeben hat, für uns beten, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Unser Autor, Ehrendomherr Dr. Franz Weidemann, stammt aus Oberschlesien und ist Pfarrer im Erzbistum Paderborn