Bioethik: Gentechnischer Eingriff mit CRISPR

Buchbesprechung von Dr. Bernd F. Pelz

Es gibt wenige Bücher, die man ohne Nebengedanken als Pflichtlektüre empfehlen kann. Aus meiner Sicht ist das bei dem Buch „Eingriff in die Evolution“ (1) der Molekularbiologin Jennifer Doudna (2) der Fall, die kürzlich mit dem Nobelpreis geehrt wurde.

Auf 250 Seiten beschreibt sie die von ihr gemachte, äußerst bedeutende und zukunftsträchtige Entdeckung sowie die Methode zur Veränderung des Erbgutes jeder nur denkbaren Spezies.

Vor knapp 70 Jahren wurde zum ersten Mal die Struktur des DNA-Moleküls (4) beschrieben, das eine zentrale Rolle in unserer Erbinformation spielt. Danach setzte weltweit ein wissenschaftliches Rennen ein, die gesamte in den menschlichen Chromosomen enthaltene DNA zu entschlüsseln, was im Jahr 2000 gelang (5).

Parallel dazu wurde danach geforscht, welche Teile des langen DNA-Moleküls mit welchen Eigenschaften des gesunden und kranken Organismus in Beziehung stehen. Gleichzeitig wurde an Methoden zur Veränderung des Erbgutes gearbeitet.

Jennifer Doudna und ihr Mitarbeiter und Co-Autor Samuel H. Sternberg beschreiben in gut verständlicher Sprache, wie es in den 2010-er Jahren zur Entdeckung der CRISPR-Methode kam und was man damit anfangen kann.

Wenn auch der Laie nicht alle Einzelheiten – wieso und weshalb was gemacht und wie interpretiert wurde – nachvollziehen kann, so ist es doch einfach, dem roten Faden zu folgen: mit welchen Fragestellungen sich Jennifer Doudna befasst, wie sich der Fortschritt in ihren Arbeiten zeigte und wie sehr ihre Entdeckungen und die von ihr entwickelte Methode zur Veränderung, Verbesserung und Neugestaltung des Erbgutes in den letzten 10 Jahren einen sicheren Platz in der internationalen Forschung erobert hat.

Die Verlockung, das durch Evolution entstandene Erbgut von Mikroorganismen, Pflanzen, Tieren und Menschen weiter zu verstehen und zu verbessern, hat ein weltweites Echo gefunden (siehe z.B. (6).

Doudna selbst ist sich der Tragweite ihrer Entdeckung voll bewusst. Ein paar Zitate mögen das erhellen:

Mit CRISPR-Cas9 (kurz CRISPR), dem neuesten und – so kann man mit Fug und Recht behaupten – wirksamsten Werkzeug der Gentechnik, lässt sich der gesamte DNA-Gehalt eines Organismus mit all seinen Genen nahezu ebenso einfach abändern wie ein einfacher Text.

Praktisch über Nacht stehen wir an der Schwelle eines neuen Zeitalters von Gentechnik und biologischer Herrschaft – einer revolutionären Ära, in der die Möglichkeiten nur noch durch die Grenzen unserer kollektiven Fantasie eingeschränkt werden.

Zahlreiche Beispiele für die bereits realisierten und denkbaren Möglichkeiten finden sich im Text.

In dem Kapitel mit der Überschrift Wie geht es weiter?, beschreibt Doudna den Stand der internationalen Diskussion darüber, ob Menschen die Kontrolle über ihre eigene Evolution übernehmen sollten oder nicht. – Ein höchst spannendes Kapitel.

Daraus: „ … trotz solcher Bestrebungen (Gipfeltreffen 2015 in Washington) werden wir wahrscheinlich nicht erleben, dass es zu einer übereinstimmenden internationalen Antwort auf die von CRISPR aufgeworfenen Herausforderungen kommt. Die verschiedenen Gesellschaften werden an das Thema des Redigierens der Keimbahn zwangsläufig jeweils mit ihren eigenen Sichtweisen, ihrer eigenen Geschichte und ihren kulturellen Werten herangehen.“

So wie es aussieht, wird die Menschheit in ein neues Kapitel von Versuch und Irrtum gehen. Ich lege dieses Buch ausdrücklich allen ans Herz, die sich mit Fragen der Zukunft beschäftigen wollen oder müssen.

Anmerkungen/Quellen:

  1. Doudna, Jennifer A., Sternberg, Samuel H. (2018): Eingriff in die Evolution. Die Macht der CRISPR-Technologie und die Frage, wie wir sie nutzen wollen. ISBN 978-3-662-57444-7 und ISBN-978-3-662-57445-4 (e-book)
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Jennifer_A._Doudna
  3. http://www.crisprtx.com/
  4. https://www.livescience.com/37247-dna.html
  5. https://www.genome.gov/10001457/2000-release-working-draft-of-human-genome-sequence
  6. https://www.smithsonianmag.com/smart-news/experiments-find-gene-key-human-brains-large-size-180977357/?utm_source=smithsoniandaily&utm_medium=email&utm_campaign=20210329-daily-responsive&spMailingID=44709202&spUserID=NjUzNjU1ODAyMjczS0&spJobID=1962510874&spReportId=MTk2MjUxMDg3NAS2

WEITERE INFOs zum Thema CRISPR:

Artikel von Dr. med. Edith Breburda hier: https://charismatismus.wordpress.com/2019/03/15/die-folgen-genetischer-veraenderungen-im-erbgut-von-tieren-durch-crispr-etc/

Und vor allem in Ihrem 2019 erschienenen bioethischen Buch GENTOPIA: https://charismatismus.wordpress.com/2019/08/29/unser-boethischer-buch-tip-gentopia-das-gelobte-land-von-dr-e-breburda/


Forschern aus Erlangen gelingt bei XLHED erstmals ein Heilversuch im Mutterleib

Im Rahmen eines Heilversuchs haben Ärzte des Universitätsklinikums Erlangen um den Kinderarzt und Genforscher Professor Dr. med. Holm Schneider (siehe Foto) und den Pränataldiagnostiker PD Dr. med. Florian Faschingbauer durch einen Eingriff im Mutterleib erstmals lebensbedrohliche Symptome einer X-chromosomal vererbten hypohidrotischen ektodermalen Dysplasie (XLHED) erfolgreich therapiert.  

XLHED gehört zu einer Gruppe von etwa 150 angeborenen Erkrankungen, bei denen die Entwicklung des Ektoderms, eines der 3 Keimblätter, gestört ist. Dabei verhindert eine Mutation des auf dem X-Chromosom gelegenen Gens EDA, dass der Organismus des Kindes im Verlauf seiner Entwicklung in Mutterleib das Protein Ektodysplasin A1 (EDA1) bilden kann.

BILD: Professor Holm Schneider hält einen bioethischen Fachvortrag beim Lebensrechtsverband KALEB

Das Eiweiß sorgt dafür, dass sich bei ungeborenen Kindern Haare, Zähne und Hautanhangsgebilde wie die Schweißdrüsen bilden. Kinder, die mit diesem genetischen Defekt geboren werden, fallen durch ihr äußeres Erscheinungsbild auf. Sie sind blässer als andere, haben weniger und oft spitz zulaufende Zähne, kaum Haare und mitunter keine Augenbrauen.

Entscheidend aber ist: Wer an XLHED leidet, kann aufgrund fehlender Schweißdrüsen nicht schwitzen und droht daher an Überhitzung zu sterben. Wird die Krankheit nicht entdeckt, ist sie lebensbedrohlich.

Im Rahmen des erfolgreichen Heilsversuchs injizierten Schneider und Faschingbauer Zwillingen und einem weiteren Jungen ein Ersatzprotein in die Fruchtwasserblase.

Das Experiment, das Schneider und seine Kollegen jetzt in einem Fallbericht der aktuellen Ausgabe des „New England Journal of Medicine“ (DOI:10.1056/NEJMoa1711322) beschreiben, fand bereits 2016 statt.  

Die ungeborenen Kinder schluckten das Ersatzprotein mit dem Fruchtwasser und nahmen es über ihren Darm in den eigenen Blutkreislauf auf. Das Ergebnis: Bei allen drei im Mutterleib behandelten Kindern bildeten sich dank der Proteininjektion Schweißdrüsen und zusätzliche Zahnanlagen.

Bei dem einzelnen Jungen hat sich die Schweißproduktion nach der Geburt ausreichend entwickelt. Die Zwillinge schwitzen sogar wie gesunde Kinder – wie regelmäßige Messungen im Abstand von acht bis zwölf Wochen sowie mikroskopische Aufnahmen der Schweißdrüsen belegen.

Gemeinsam mit anderen Zentren in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen die Erlangener Forscher an den Heilversuch nun eine klinische Studie an einer größeren Gruppe von ungeborenen Kindern anschließen, um die positiven Effekte der intrauterinen Therapie zu belegen.

Bislang werden Kinder, bei denen XLHED frühzeitig diagnostiziert wird, oftmals abgetrieben.

Quelle: ALfA-Newsletter (Dr. Holm Schneider ist stellv. Vorsitzender dieser ALfA = Aktion Lebensrecht für Alle)

1. Foto: http://www.kaleb-chemnitz.de/fachvortrag-mit-prof-dr-holm-schneider-aus-erlangen/