Zeitfenster in der Entwicklung des Menschen

Von Christa Meves

Heute möchte ich Sie mit dem entwicklungspsychologischen Begriff „Zeitfenster“ bekanntmachen, weil ich in der letzten Zeit die Erfahrung gemacht habe, dass manche Eltern besorgt sind vor dem nun wartenden Schulanfang ihrer Kleinen wegen eines unüblichen Verhaltens mancher ihrer Sprösslinge.

Die betroffenen Kinder zeigen ein Verhalten, mit dem sie auffallen könnten.

Zum Beispiel: Ein Sechsjähriger macht in kurzen Abständen einen Nasenschnaufer, ein Mädchen lässt nicht davon ab, sich immer wieder Locken auszureißen, ein anderer kaut an den Fingernägeln, eine andere muss häufig auf die Toilette, um sich die Hände zu waschen.

Regelmäßig erklären die besorgten Eltern, dass diese Angewohnheiten schon eine ganze Weile vorhanden sind und dass sie samt Oma und Papa trotz vieler Mahnungen es nicht geschafft haben, das Kind zu bewegen, von diesen Stereotypien abzulassen. „Will ich doch auch nicht“, pflegt das so angesprochene Kind dann zu antworten. Aber statt Fortschritten sei nach ausführlicher Beachtung eher eine Verstärkung der Symptome eingetreten, berichten die Erziehenden.

Zur Erläuterung ist es aber nötig, zunächst ein wenig tiefer die Ursachen solcher Erstsymptome von Verhaltensstörungen in den Blickpunkt zu rücken; denn es fehlt in diesen Bereichen an Kenntnis über die Notwendigkeit, die Zeitfenster im Entwicklungsgang des Menschen zu beachten.

Die Bezeichnung Zeitfenster ist ein ausgesprochen anschaulicher Begriff der Entwicklungspsychologie.

Er betrifft die Gegebenheit, dass sich jeder Entwicklungsschritt beim Menschen immer mit einer bestimmten Dauer in einem bestimmten Alter vollzieht. Entwicklungsaufgaben treten altersentsprechend ein und wollen geübt sein. Wir Menschen haben unser Sein in Phasen, in Stufungen zu vollziehen.

Dafür ist der Begriff Zeitfenster besonders zutreffend, weil ein Fenster nicht nur erhellenden Ausblick, sondern meist auch die Möglichkeit enthält, sich öffnen zu können, und damit natürlich auch die Möglichkeit hat, sich zu schließen.

Eine Zeitlang entsteht ein gewisser Schwerpunkt in den Verhaltensformen, der vergeht, wenn dieser genug geübt ist und unwichtiger wird. So schließt sich z. B. an die Säuglingszeit die Trotzphase an. Das Zeitfenster der Säuglingszeit schließt sich, nachdem das Kind eine Bindung an die Mutter erworben hat. Daran schließt sich ein Zeitfenster mit neuen Aufgaben an, in dem das Kind ein Bedürfnis nach Selbstständigkeit entfaltet, und zwar von dem Augenblick an, in dem es alleine laufen kann.

Schwierigkeiten z. B. der eben beschriebenen Art pflegen bei den Entfaltungsaufgaben der jeweiligen Phasen dann aufzutreten, wenn solche Hauptaufgaben nicht hinreichend eingeübt wurden,  z. B. weil das von den Erziehenden nicht beachtet wurde oder das Schicksal das verhinderte.

Verpasste Bindung an die Mutter mit Zeitfenster in der Säuglingszeit kann man später nicht selbstverständlich nachholen, z. B. durch die Begegnung mit wechselnden Pflegerinnen in der Kita.

Diese Restbestände von Lebensaufgaben, die in der jeweiligen Stufe unerledigt blieben, verweilen dann mit einem unbestimmten Nachholbedürfnis in der Kinderseele. Die Kinder beginnen unruhig zu werden, weil ein elementarer Drang nicht abgesättigt worden ist. Und dieser Mangel wird dann leicht durch eine der eben beschriebenen Angewohnheiten zu kompensieren versucht.

Das geschieht dem Kind in jeder Stufe ohne jedes Bewusstsein von dessen Bedeutung. Es hilft also nicht, wenn eine Mutter jetzt immer und immer wieder dem Kind sagt, es möge aufhören, z. B. an den Fingernägeln zu beißen oder am Daumen zu lutschen.

Die Frage „Warum tust du das?“ ist sinnlos, denn das Kind weiß nicht, warum die Natur in ihm auf einen seelischen Mangel mit einem groben, unbewussten, häufig wiederholten Selbstheilungsversuch reagiert, sondern im Gegenteil: Die häufige Thematisierung der Angewohnheit durch die Erziehenden verstärkt den Zwang zu den unliebsamen Tätigkeiten.

Solche Symptome lassen sich in der Kindheit so schwer abgewöhnen, weil alles, was sich dort im Gehirn abspielt, als Lebensgrundlage so fest eingeprägt wird. In den späteren Stufen werden alle inneren bedeutsamen Aufgaben leichter veränderbar – jedenfalls die neu hinzukommenden -, während die alten Prägungen zäh zu haften pflegen.

So enthält z. B. das Zeitfenster Pubertät, das mit der Geschlechtsreife geöffnet wird, für Mädchen oft das Bedürfnis, durch Schlankheit ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Das lässt sich durch regelmäßig reduzierte Kalorienzufuhr zwar erreichen.

Aber wenn das in der ersten Lebenszeit vorhandene Bedürfnis nach emotionaler und oraler Sättigung nicht befriedigt wurde, kann aus dem Mangel das dringliche Bedürfnis entspringen, das irgendwie nachzuholen; und so vereinnahmt die Jugendliche unbesehen so viele Kalorien, dass sie eher vollbeleibt wird, als dass der Wunsch, schlank und damit modisch erwünscht zu sein, sich erfüllen lässt.

Oder ein weiteres Beispiel aus dieser Altersstufe: Ein Jugendlicher sitzt im Allgemeinen wie ein junger Vogel auf dem Nestrand, plant Ausbildung und Auszug. Das innere Zeitfenster drängt dazu. Bleibt er jetzt dennoch bei Pension Mama hängen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sein Seelenrucksack aus der Kindheit entweder für ihn zu schwer ist oder dass er aus Bequemlichkeit nun einmal zu sehr Mamas klasse Hotel liebt.

Das Letztere ist mit Eigenwillen zu ändern, das Erstere aber nicht – es sei denn, jemand hilft ihm, den Rucksack tragbar zu machen. Sein Zeitfenster klemmt eben. Er hat es nicht zum angemessenen Zeitpunkt schließen können.

Deshalb brauchen die Erziehenden bei allen Stufen der Kinder und Jugendlichen und später bei sich selbst ein Gespür für die Zeitfenster – und das heißt Wissen um den sich entfaltenden Menschen. Er versucht sich sonst unbewusst selbst zu helfen, ohne zu ahnen wieso. Er strebt doch lediglich nach dem Gesetz, nach dem er von Gott und dessen Natur angetreten ist.

Je mehr also Eltern mit einem gesunden Menschenverstand beim Umgang mit ihrem Kind spüren, was für ihr Kind in den jeweiligen Phasen das Richtige ist – also weniger künstlich, sondern entwicklungsgerecht -, umso mehr wird ihr liebster Schatz den ihm zugemessenen Weg finden und dann auch von lästigen Angewohnheiten lassen können; denn die haben für ihn dann keinen Sinn mehr.

Unsere Autorin Christa Meves ist Psychotherapeutin für Kinder/Jugendliche, Publizistin und Bestsellerautorin


Unser neues PLAKAT: „Im Schweigen Gottes entfalten sich die Flügel unserer Seele“

POSTER aus dem Ecclesia-PLAKATDIENST des KOMM-MIT-Verlags:

DIESES PLAKAT kann bei uns bestellt werden. Es ist im riesigen Din-A-2-Format erschienen (60 x 40 cm) und kostet 3 € inkl. Versandkosten, 4 Stück nur 6 € inkl. Porto. – Per Tel. 0251-616768 oder Mail: felizitas.kueble@web.de

 

 

 

 

 


Das Muttersein – die spannendeste und verantwortlichste Aufgabe der Welt – wird entwertet

Von Almut Rosebrock

Die Hatz um Erfüllung des Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab einem Jahr ist in vollem Gange.

Zur Erinnerung: Einjährige Kinder essen gerade anfänglich mit dem Löffel, beginnen langsam die ersten Schritte (mit ständigem „Training“, Fallen und Wiederaufstehen), machen noch bis 2,5 oder 3 Jahre in die Windel  –  und das „Sprechen“ beginnt mit ca. 2 Jahren mit ersten Worten, bei dem einen Kind früher, beim anderen später.  

Almut Rosebrock

Almut Rosebrock

Gerade ist eine Studie herausgekommen, dass gestillte Kinder bessere Aussichten für die Zukunft hätten (die Fragestellung der Studie ist auch zu hinterfragen). Stillen kann nur die Mutter des jeweiligen Kindes, die es 9 Monate in ihrem Leib getragen und es als Frucht (und Krönung?) der Liebe zu einem Mann unter Schmerzen geboren hat. Sie ist von der Natur mit allem ausgerüstet, um für ein unbeschadetes Großwerden ihres Nachwuchses zu sorgen  –  es hat zehntausende von Jahren funktioniert.

Wirtschaft und Politik brauchen Geld  –  und Geld entsteht durch Produktion. Kinder sind zunächst eine riesige Investition in die Zukunft  –  und sie sind die Zukunft.

Kinder sollen rationell „verwahrt“ und „gebildet“ werden, während die Mütter „wichtigere Dinge“ tun  –  Erwerbsarbeit! (Wenn es denn Arbeitsplätze gäbe.) Dafür redet man ihnen ein, sie seien nicht (mehr) gut genug, ihre Kleinstkinder selbst zu betreuen, zu erziehen und zu „bilden“. Dafür brauche es Professionelle – die Mutter sei entbehrlich.

Ein Kind ist ein komplexes Wesen

Dass ein Kind in seinen Entwicklungsgängen ein äußerst komplexes Wesen ist, das sich sehr stark am (liebevollen) Gegenüber spiegelt, Nähe braucht, Liebe, Ermutigung, Trost, Geborgenheit, Einzigartigkeit im Sein auf dieser Erde, Spaß am Miteinander und Aufeinander-Eingehen erfahren darf  –  und das in einem sehr überschaubaren persönlichen Rahmen  –  wird in dieser „modernen Zeit“, die „perfektionieren“ will und andere Ziele hat, zurückgedrängt.

Die spannendste und verantwortlichste Aufgabe der Welt, nämlich eigenverantwortlich und aufmerksam für seine Kinder da zu sein, wird von den „Emanzipatoren“ permanent entwertet. Abtreibung ist das „Gebot der Stunde“, Kinder nur „nach Plan“ – und natürlich locker neben der „Karriere“.

Nur: Der Mensch nach „Wirtschaftsplan“ verliert seine Menschlichkeit! Er/sie muss seine Seele „abgeben“, um zu funktionieren. Geld regiert die Welt  –  und das Handeln der Menschen.

Man könnte auch Mütter (aus)bilden zum verantwortlichen Miteinander mit den Kleinsten der Gesellschaft. Aktuell redet man ihnen ihren Schutzinstinkt für die Kleinen aus  –  und lässt sie ohne Geld und Anerkennung stehen.

Nestwärme ist unverzichtbar!

Was braucht der Mensch, um dauerhaft gesund, kreativ, leistungsfähig, motiviert und stressresistent zu sein bzw. zu werden?  – Um die Tiefschläge und Probleme, die das Leben garantiert in Massen bringen wird, verarbeiten und letztlich in etwas Positives umwandeln zu können (hoffentlich)? –  Wie bekommt ein Mensch Wurzeln  –  und Persönlichkeit?

Mutterliebe und Nestwärme sind unverzichtbar! Die Hetze der heutigen Zeit ist nicht gut für das Leben – auch nicht für das der Frauen.

Mütter, Eltern, habt Mut zur Lücke, wenn das Herz es Euch sagt! –  Lasst Euch nicht drängen  –  das Leben ist noch so lang.

Aktuell kämpfen Eltern, anstatt sich an ihren Kindern zu freuen, darum, einen Betreuungsplatz zu ergattern. Die Wirtschaft wird immer weniger eine „Kinderpause“ akzeptieren, da es so am „bequemsten“ ist. Früher waren die 3 Jahre Elternzeit ein guter Berufseinstieg für Neuanfänger. Jetzt zählt die „durchgängige Erwerbskarriere“, bis die Firma zusammenbricht  –  oder die Gesundheit. Dann ist ein Mitarbeiter schnell ersetzt.

Kinder brauchen die Solidarität der Eltern

Was ist wirklich wichtig im Leben?  – Es ist mit Geld nicht zu bezahlen. Immer das neueste Handy und modernstes Spielzeug machen Kinder nicht glücklich, wenn die Eltern fehlen. Wenn das Miteinander sich auf das Nötigste beschränkt.

Zu schnell zerbricht es darüber auch  –  und damit die Solidarität von Mutter und Vater. Gesetzlich gefördert, muss das nun allein erziehende Elternteil ganz schnell alleine klarkommen. (Die Angst vor dieser Eventualität treibt die heutigen Mütter früh in den Beruf zurück.) Für das Wahrnehmen und Stillen der tiefen menschlichen Wunden ist keine Zeit und Kraft  –  alles muss ja weitergehen.

Die Sehnsucht bleibt

Sehnsuchtstiller: Schnelle „Liebe“, auch ohne Verbindlichkeit (die ja nicht gelernt und vorgelebt wurde), Konsum („Kaufrausch“ – Folge Verschuldung), Alkohol, Drogen, um die Gefühle der Haltlosigkeit aushalten bzw. unterdrücken zu können, Gewalthandeln („Macht“).

Ein haltloses und liebloses Aufwachsen bleibt nicht ohne Folgen – die das ganze Leben lang anhalten!

Bindungsfähigkeit ist nicht einfach „erlernbar“, sie beruht auf ganz früher Prägung. Erfahrung der Verlässlichkeit, der Liebe, des Angenommenseins, der freien Entfaltung und des selbstbestimmten Hineintastens in diese Welt.

Bindungsstörungen werden in die Gesellschaft getragen  – u.a. durch ständig zerbrechende und wechselnde (unreife) „Beziehungen“, sexuelle „Experimente“ (ggf. mit gesundheitlichen Folgen!), schwer zu bewältigende Aggressivität, übermäßiges „Machtstreben“, Suchtverhalten.  –   Die Gesellschaft muss wiederum für die Folgen aufkommen!

Jahr für Jahr werden mehr Kinder aus den Familien genommen und in Heimen oder Pflegefamilien (kostspielig) versorgt. Warum schaffen es Eltern nicht (mehr), selbst für ihre Kinder da zu sein?

Sind die „Werte“ dieser Gesellschaft richtig und „zukunftstragend“? Jeder und Jede ist verantwortlich, selbst zu denken – und auch zu hinterfragen  –  und   s e i n  Leben zu gestalten!

Almut Rosebrock, Apothekerin und Mutter,
Aktionsbündnis „Gerne leben mit Kindern“, www.glmk.de