Dient Erzbischof Werner Thissen jetzt als „Sündenbock“ für kirchliche Versäumnisse?

Von Felizitas Küble

Wie die Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ online am 6.11.2019 berichtet, hat sich Bischof Dr. Felix Genn hinsichtlich der Äußerungen des früheren Hamburger Erzbischofs Dr. Werner Thissen (siehe Foto) zu Wort gemeldet.

Thissen war vor seiner Hamburger Amtszeit als Weihbischof und zuvor als Generalvikar in Münster tätig; er räumte seine damaligen Versäumnisse bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch durch Kleriker in einem Interview mit der Kirchenzeitung ein.

Diese Haltung mangelnder Aufmerksamkeit bis hin zur Vertuschung sexueller Übergriffe war in den 80er und vielfach noch in den 90er Jahren innerkirchlich an der Tagesordnung. Diese Fehlhaltung beschränkte sich allerdings nicht auf kirchliche Verantwortungsträger, sondern war ein allgemeines gesellschaftliches Problem.

Auch in Politik und Medien fehlte es an einem entsprechendem Interesse.

Die Grünen hatten ab Mitte der 80er bis zu Anfang der 90er Jahre sogar die Forderung nach einer strafrechtlichen Freistellung von „Sex mit Kindern“ in ihr Programm aufgenommen und in ihren eigenen Reihen zahlreiche pädosexuelle Skandale aufzuweisen..

Bischof Genn (siehe Foto) erklärt nun zu Thissens Selbstkritik, er sei ihm „dankbar“, dass dieser sich zu seinen „Fehlern und zu seiner Verantwortung“ bekenne. Er fügt dann hinzu:

„Werner Thissen wirft ein ungeschminktes Licht darauf, wie die Verantwortungsträger im Bistum Münster damals entschieden haben. Dass dabei, wie es Werner Thissen selbst sagt, die Betroffenen nicht im Blick waren, bleibt für uns heute unverständlich.“

Sodann schlägt er Präventionsmaßnahmen vor und erklärt, es müsse „zu neuen Formen der Partizipation und zu einer Umverteilung von Macht und Einfluss in unserer Kirche kommen“.

Dazu stellen sich aus meiner Sicht zunächst folgende Fragen:

1. Warum vereinnahmt Bischof Genn das Missbrauchsthema, um eine „Umverteilung von Macht und Einfluss in unserer Kirche“ zu fordern?

Dies erinnert an seine mehrfachen Seitenhiebe gegen den „Klerikalismus“. Wenn schon, dann müßte der Münsteraner Oberhirte auch den „Episkopalismus“ reduzieren, denn der damals Verantwortliche war doch in erster Linie Bischof Dr. Reinhard Lettmann selbst, erst in zweiter Linie ggf. weitere leitende Geistliche, darunter natürlich vor allem sein Generalvikar (und damit Thissen).

2. Sodann erklärt der Münsteraner Oberhirte etwas selbstherrlich, es bleibe „für uns heute unverständlich, dass damals die Betroffenen nicht im Blick“ gewesen seien. Also nur „damals“?

Offensichtlich will der Bischof erneut als Saubermann in puncto Missbrauchsbekämpfung glänzen (wie er dies bereits in der Causa Pfr. Zurkuhlen vorexerziert hatte).

Wäre es aber nicht aufrichtiger und fairer, auch eigene Fehlentscheidungen einzuräumen? Oder soll mit diesem Fingerzeigen auf andere davon abgelenkt werden?!

Bischof Genn hatte Pfr. Terlinden befördert

Oder wie steht es mit der Fall des Pfarrers Ulrich Terlinden?  – Obwohl dessen Übergriffe an männlichen Jugendlichen sowie Schutzbefohlenen dem bischöflichen Ordinariat längst bekannt waren, wurde der Priester wohlwollend nach Kevealer versetzt, den größten Wallfahrtsort im Bistum Münster  – dort bekam er sogar einen eigenen Beichtstuhl.

Damit nicht genug, hat Bischof Genn ihn danach sogar noch zum leitenden (!) Pfarrer von St. Johannes Baptist in Bedburg-Hau ernannt.

Pfr. Terlinden wurde erst im Dezember 2018 amtsenthoben bzw. suspendiert, nachdem weitere Vorwürfe laut wurden.

Die „Westfälischen Nachrichten“ (WN) schreiben dazu: „Das Bistum weist außerdem darauf hin, dass der Beschuldigte schon an zwei früheren Stationen auffällig geworden sei.“

Genau so ist es  –  und trotzdem hat man den Geistlichen nicht etwa „nur“ hin- und hergeschoben (wie dies früher oft in solchen Fällen erfolgte, was schon schlimm genug wäre), sondern ihn sogar befördert.

Lesen wir in den WN weiter folgendes hierüber:

„So kam es…2006, als er Pfarrer in Ottmarsbocholt war, zu sexuellen Annäherungen an einen Erwachsenen. Terlinden musste sich daraufhin einer psychologischen Beratung unterziehen.

Erneut sei es 2011 in Kevelaer zu für einen Priester unangemessenen Kontakten…mit zwei Männern gekommen, heißt es weiter. Der Priester habe daraufhin eine längere Therapie gemacht.“

Wohlgemerkt: Trotz dieser Vorgänge und der „längeren Therapie“ konnte Terlinden danach leitender Pfarrer in Bedburg-Hau werden. Hierfür trägt der Oberhirte von Münster sehr wohl eine  – zumindest amtliche   –  Verantwortung.

Auch in der Causa Beese hat sich Bischof Genn und seine Bistumsleitung nicht mit Ruhm bekleckert, sondern den verbal übergriffigen Pastor von Lippetal nach Rheine verschoben, wo er munter weitermachte: https://www.wn.de/Muensterland/2016/06/2410013-Gereon-Beese-in-Rheine-entpflichtet-Pastor-schickte-voellig-unangemessene-Nachrichten-an-Jugendliche

Es wäre einmal an der Zeit, nicht allein in „alten Fällen“ aus den 80er und 90er Jahren zu graben, sondern sich auch um die Geschehnisse und Versäumnisse in der Amtszeit des derzeitigen Bischofs zu kümmern. Es ist freilich leichter, an die Brust von Vorgängern zu klopfen statt an die eigene.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt

Fotos: Felizitas Küble, Laura Mohr, Archiv