Wieviele Zuwanderer verträgt unser Land?

Interview mit Prof. Dr. Albert Wunsch

Die Migrations-Debatte ist besonders seit der Flüchtlings-Welle im Jahre 2015 voll entbrannt. Viele Monate vergingen, in denen sich die Presse in Lobhudelei erging und die Botschaft der Kanzlerin weitergab: „Wir schaffen das“. 

Ständig wurden im Fernsehen und in Zeitschriften Bilder von friedlichen und gebildeten Familien aus Syrien und anderen Ländern gebracht. Durch die Aufnahme dieser Menschen sollte gleichermaßen der Überalterung und dem Fachkräftemangel begegnet werden. Waren die Medien so blauäugig, die immer offensichtlicher werdenden Probleme nicht sehen zu wollen oder wurde das Volk bewusst durch eine alternative politische Botschaft informiert?

Dass viele Zuwanderer kaum gebildet waren und besonders allein reisende junge Männern zur Problemgruppe wurden, darüber wurde euphorisch hinweggesehen.

Nach und nach – erstmals nach den Silvester-Krawallen 2015/2016 – wurden auch kritische Stimmen in den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten und der Mainstream-Presse deutlich. Etliche weiter Straftaten zwischen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, Angriffe auf Polizisten und Mord verstärken mit Verspätung den Prozess des Umdenkens.

Das folgende Interview mit dem Schriftsteller, Erziehungswissenschaftler und Psychologen Prof. Dr. Albert Wunsch (siehe Foto) aus Neuss versucht, zur Versachlichung des Themas beizutragen und greift die Frage auf: „Wie viel Migranten verträgt eine Gesellschaft?“

Ist sozialer Friede mit einer Flüchtlings-Einwanderung ohne Grenzen möglich? Wieviel soziale Veränderungen verträgt ein Land und deren Bevölkerung bei aufgezwungenen Migrationen und wie könnte dies friedlich möglich sein?

Prof. Wunsch: Der Frageansatz ist aus meiner Sicht zu kurz gegriffen und verwischt Einiges: Erstens wäre zwischen echten Flüchtlingen und ökonomisch motivierten Einwanderen unterschieden. Damit relativiert sich auch die Frage zu einer erzwungenen Migration.

Echte Flüchtlinge können als humanitärer Akt als erstes nur mit einem Schutz gebenden Dach überm Kopf und Nahrung versorgt werden. Um bei dieser humanitären Handlung nicht gleichzeitig wichtige Selbstschutz-Regelungen zu verletzten, müssten diese Menschen als Konsequenz in abgegrenzten Territorium aufgenommen und von der übrigen Bevölkerung abgeschirmt werden.

Neben der notwendigen Erstvorsorgung stünde dann an, diese Menschen auf – vielleicht auch ansteckende – Krankheiten zu untersuchen, die Personalien soweit wie möglich aufzunehmen, diese zur Vermeidung von Irrtümern durch einen biometrischen Code zu vervollständigen und dann vor weiteren Entscheidungen die ermittelten Daten mit internationalen Datenbanken auf der Suche nach Terroristen, Sozialbetrügern oder sonst wie Gesuchten abzugleichen. Erst dann würden weitergehende Entscheidungen getroffen.

Bei positiv wirkenden Fakten würden dann in einem Erstgespräch die Fluchtgründe notiert. Vom Ausgang dieser Ersterfassung der Asylsuchenden wird dann die weitere Dauer für den Aufenthalt im Notaufnahmelager abhängen. Und erst dann, wenn klar ist, dass ein Asylgesucht große Chancen auf Erfolg hat, dürfte eine Zuweisung in verschiedene Landesteile erfolgen.

Fällt der Asylsuchende durch aggressive Handlungen, asoziales Verhalten bzw. Straftaten auf oder nimmt er nicht aktiv an sprachlichen, kulturellen oder sozialen Integrationsmaßnahmen teil, wird damit gleichzeitig das Asylverfahren gestoppt bzw. eine befristete Aufenthaltsgenehmigung verwirkt. Dann ist eine zeitnahe Rückführung ins Herkunftsland einzuleiten.

Bei Einwanderern wäre ähnlich zu verfahren. Die Überprüfung der Asylgründe würde dann durch einen Tauglichkeitstest zu Fragen des Ausbildungs-Standes, Sprachvermögens bzw. der Integrationsbereitschaft ersetzt. Hier wäre, bei positivem Ausgang eine auf 6 Monate befriste Aufenthaltserlaubnis mit erneuter Überprüfung der Tauglichkeits-Fakten vorzunehmen. Hat der Einwanderer dann kein eigenes Auskommen, wird die befristete Aufenthaltsgenehmigung in der Regel auslaufen.

Ist er/sie unter strafrechtlichen Gesichtpunkten aufgefallen, ist die befristete Aufenthaltgenehmigung zeitnah zu beenden und die Rückführung ins Herkunftsland einzuleiten. Werden diese Kriterien konsequent berücksichtigt, wird dies unser friedliches Zusammenleben positiv beeinflussen.

Wieviel Fremdes verträgt eine Gesellschaft? Oder anders: Geht Integration bei gleichbleibend hohen Zuwandererzahlen?

Prof. Wunsch: Der Umfang des verträglichen oder noch verkraftbaren Fremden hängt von mehreren objektiven Faktoren ab:

  1. Je stabiler eine Gesellschaft ist und je selbstverständlicher sie ihre Kultur lebt, je geringer ist Gefahr, dass Migranten zur Instabilität beitragen.
  2. Je größer die Integrations-Bereitschaft und -Fähigkeit von Migranten ist, je erfolgreicher und schneller entwickeln sich die die Integration-Prozesse.
  3. Wird der zu integrierende Bevölkerungsanteil zu hoch bzw. wirkt er zu geballt und fehlt zu umfänglich eine echte Integrationsbereitschaft, kommt auch eine starke Gesellschaft schnell an ihre Belastungs-Grenzen bzw. entwickeln die Migranten eine stark destruktive Kraft.

Ich breche diese Aussagen auf ein Dorf mit 1000 Einwohnern herunter: Lebt diese Dorfgemeinschaft innerhalb eines guten sozialen Miteinanders, wird es aufs Jahr verteilt sicher 4 – 5 Familien (also ca. 20 Personen) gut integrieren können, wenn diese nicht geballt in einem Teilbereich des Dorfes leben, weil sich sonst fast automatisch eine Subkultur bildet. Aber selbst diese kleine Zahl benötigt ein offenes aufeinander Zugehen von beiden Seiten.

Würden diesem Dorf ca. 10 – 12 Familien (mit ca. 50 Personen) in einem Jahr zugemutet werden, wird dies schnell zu Problem führen, umso mehr, wenn diese Migranten geballt untergebracht würden. Zeigen diese Menschen wiederum wenig oder gar keine Bereitschaft, sich integrieren zu wollen, sind handfeste Konflikte vorprogrammiert. Und je stärker das optische Erscheinungsbild der Migranten Fremdheit oder gar Angst auslöst bzw. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede offensichtlich werden, je dramatischer werden die Probleme.

Im Grunde ist die Frage „Wie viel Fremdes verträgt eine Gesellschaft mit Fragen in der Chemie oder Bio-Chemie vergleichbar, denn auch dort gilt es zu beachten, wie viel Fremd-Substanz darf einer Basis-Substanz zugeführt werden, ohne das die Basis kippt bzw.  gefährliche Reaktionen einsetzen.

Ob es um die Integration von Migranten oder um Reaktionsprozesse in Chemie-Labors geht, wer ein verträgliches Mischungsverhältnis bzw. die Eigenheiten von Zugaben in Relation zur Grundsubstanz nicht angemessen im Blick hält, wird – durch Nativität oder als politisches Kalkül begründet – mehr oder weniger große Probleme bis hin zu beträchtlichen Katastrophen produzieren.

Sind soziale Komponenten, wie z.B. der sprachliche Umgang, die Integration von kulturfremden Werten und Religionen in die deutsche Gesellschaft möglich – wenn ja, wie?

Prof. Wunsch: Echte Integration setzt sich deutlich von ‚Multi-Kulti-Ideologien’ ab, denn sie erfordert die Infragestellung bzw. teilweise Aufgabe bisheriger kultureller Gepflogenheit und damit verbunden auch bisher tradierter Wertvorstellungen. Das fängt bei der Sprache an, setzt die  aktive Bejahung unserer Gesetze voraus, beinhaltet die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und erfordert eine substantielle Abwendung von religiös transportierten Gewalt- und Hass-Attacken gegenüber Andersdenkenden.

Dies ist selbst dann schwer umzusetzen, wenn dies integrationsbereite Migranten vom Grundsatz her wollen. Somit  entscheidet in vielen Fällen die spezielle kulturell-religiöse Herkunft darüber, ab mit kleinen, großen oder unüberwindbaren  Problem zurechnen ist.

Demnach ist es kein Zufall, dass die meisten Migranten aus Indien, Südost-Asien, China oder Korea – trotz ganz anderer Kultur und Religion – sich recht problemlos in europäische Lebensbedingungen hineinfinden.

Letztlich sind Migrations-Prozesse auf Dauer nur dann erfolgreich, wenn die einwandernden Menschen eine große Integrationsbereitschaft mitbringen und die sie aufnehmende Gesellschaft in offener und respektvoller Weise mit den Einwanderern umgehen und beide Seiten in großer Wertschätzung die akzeptablen Eigenheiten des Gegenübers achten. Dann kann über unterschiedlichste Assimilierungs-Prozesse als Folge offener Begegnungen auf Dauer echte Inkulturation wachsen.

In welchem Umfang geht in Deutschland die hohe Wertschätzung in der Flüchtlingshilfe zu Lasten von Obdachlosen, Kinderarmut und Rentnerarmut? Werden die dort existierenden sozialen Konflikte zur Zeit übersehen?

Prof. Wunsch: Aktuell scheint mir die Situation noch recht geregelt zu sein, das ja durch die Finanzhilfen für Flüchtlingen die bestehende Richtlinien und gesetzlichen Grundlagen im Umgang mit Armutsbetroffenen nicht verändert werden. Außerdem wird der notwendige Umgang mit Kinderarmut, Altersarmut bzw. mit Obdachlosigkeit nur z.T. mit zusätzlichen finanziellen Hilfen zu reduzieren sein, weil in allen Fällen nicht die Auswirkung, sondern die Ursachen zu bekämpfen wären.

Andererseits kann ein Staat – wie auch seine Bürger – jeden vorhandenen Euro nur einmal ausgeben. So wird es ein großes Problem sein, wenn Flüchtlings-Migranten ohne Integrationsbereitschaft, Arbeitswillen und akzeptable Bildungsvorsetzungen zu uns kommen, um vom Sozialstaat – möglichst lebenslang – versorgt zu werden.

In allen Fällen wird nur der Grundsatz: ‚Fördern und Fordern’ weiterhelfen. Und wenn sich Menschen – ob schon lange hier lebende Bürger oder Migranten – darauf eingerichtet haben, ihr Haupt-Engagement auf die Vereinnahmung staatlicher Unterstützungs-Gelder zu konzentrieren, dann müssen diese Menschen die Erfahrung machen, dass Sozialhilfe-Programme keine Geschenke des Himmels an Arme in Wohlstandgesellschaften sind, sondern sich durch eigene Arbeit auf dem offiziellen Arbeitsmarkt oder in staatlichen Beschäftigungs-Programmen – ob es dabei um die Säuberung von Parkanlagen, Flussufern, Wäldern, Spielplätzen oder Straßenrändern geht – zu erarbeiten ist.

Auch hier kann ein kleines Dorf der Konkretisierung dienen. Wenn z.B. ein ‚aus der Bahn Geratener’ in diesem kleinen Ort leben würde, käme wohl kaum jemand auf die Idee, diesen Menschen für die nächsten Jahrzehnte in Haus oder Hof ‚einfach so’ durchzufüttern. Aber durch einfach leistbare Zuarbeiten würde er sich einen Schlafplatz und Nahrung verdienen und auf Dauer sogar einen anerkannten Platz in der Dorfgemeinschaft erlangen können. Und wenn dieser in Not Stehende meinen würde, er/sie hätte einen Anspruch darauf, ohne seine Mitwirkung unterstützt zu werden, die Türen im Dorf würden bald alle verschlossen sein.

In der Regel führt dann der Selbsterhaltungswille dazu, sich doch durch das Einbringen einer Leistung die Voraussetzungen zum eigenen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Warum fällt eine sachliche Diskussion zum Themenfeld Flüchtlinge und Migration im Gespräch mit Freunden und Verwandten so schwer?

Prof. Wunsch: Einmal existiert – wie dargestellt – ein beträchtlicher Unterschied zwischen Menschen mit einer meist wirtschaftlich begründeten Einwanderungs-Absicht und den in großer Not zu uns kommenden Flüchtlingen. Das wird – ob am Stammtisch, aber auch in anderen Debatten – oft zu wenig beachtet. So ist, wenn jemand vor Krieg und Verfolgung flieht, helfen angesagt. Da bei Menschen mit Einwanderungsabsichten Nützlichkeitserwägungen anstehen, sind hier andere Aspekte zu berücksichtigen.

In beiden Fällen sollte klar sein, dass die Chance hier bleiben zu können, durch Zuwiderhandlungen gegen unsere Kultur, den gesetzlichen Rahmen oder Attacken gegen Personen unmittelbar vereitelt wird. Auf der Basis solcher Eckpunkte bzw. Klarstellungen fällt auch ein versachlichter Gedankenaustausch mit Freunden, Kollegen oder innerhalb der Familie wieder leichter.

Das Interview führte Helmut Zilliken

 


Konservativer Erziehungswissenschaftler von Bildungstagen in München ausgeladen

Der Bildungsexperte Dr. Albert Wunsch (siehe Foto) ist als Referent von den Münchener Bildungstagen ausgeladen worden. Die Veranstalter begründeten dies mit seinem Einsatz beim Aktionsbündnis „Demo für Alle“ und seinen Publikationen in anderen Medien.

Die Veranstalter hatten den konservativen Erziehungswissenschaftler ausgeladen, weil er sich z.B. beim Aktionsbündnis „Demo für Alle“ engagiert und auf der Internetseite „Die freie Welt“ publiziert. Die Zeitung „Münchener Merkur“ als Veranstalter sah damit die „notwendige Neutralität infrage gestellt“.

Buchautor Wunsch kann das nicht nachvollziehen, weil er in seinen Vorträgen auf die kritisierten Beiträge gar nicht eingehe. Der Schirmherr der Veranstaltung, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), habe den „Rauswurf“ veranlasst.

Prof. Wunsch macht stutzig, dass durch Druck aus bestimmten Gruppen ein solcher Schritt erfolgt. Die offizielle schriftliche Begründung: „Da Eltern und Schüler objektiv informiert werden sollen, sei die notwendige Neutralität auf dem Hintergrund meines Engagements infrage gestellt. Dann wurde mein Verständnis für die Absage erbeten“.

Das Argument der fehlenden Neutralität ist aus Sicht von Dr. Wunsch eine Farce. Anonyme Kritiker würden anders geprägte Positionen pauschal bekämpfen und durch diffuse Unterstellungen mundtot machen, sagte Wunsch in einem Interview. Es sei absurd, dass solche Gruppierungen, die Vielfältigkeit und Toleranz einfordern, sie an anderer Stelle vehement bekämpfen.

Als äußerst undemokratisch habe er auch die Vorkommnisse bei dem Symposium „Öffnung der Ehe – Folgen für Alle“ in Frankfurt wahrgenommen, als 450 friedliche Tagungsteilnehmer von 100 Polizisten und einer Reiterstaffel geschützt werden mussten, weil radikale Gruppen mit Parolen den Ablauf gestört hatten.

Auch Universitäten würden bei unliebsamen Meinungen immer häufiger Redeverbote aussprechen, Medien bestimmte Themen völlig ausgrenzen oder für bestimmte Veranstaltungen keine Räume zur Verfügung gestellt werden, sagte der Professor.

Quelle und Fortsetzung der Meldung hier: https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/veranstaltungen/2018/02/05/konservativer-bildungsexperte-von-bildungstagen-ausgeladen/


Verwöhnte Kinder heute: alles wollen, wenig können, viel fordern…

Von Prof. Dr. Albert Wunsch

75 Prozent der Deutschen glauben, dass wir auf dem Weg in eine Gesellschaft von Egoisten sind und dies vor allem dadurch, dass Eltern ihre Kinder verwöhnen. So das Ergebnis einer Umfrage des Magazins „Familie&Co“. albert_wunsch

Dabei birgt der Begriff „verwöhnen“ sehr viele Facetten, die auch zu Verwirrung und Missverständnissen führen können. Häufig kommt er in der Werbung zum Einsatz.

„Lassen Sie sich verwöhnen“  – ob durch Wellness-Angebote, zarte Wäsche oder Blumen. An der Effektivität der Wirkung dieser Werbestrategien wird offenbar: Es muss ein tiefes Bedürfnis existieren, nicht ständig aktiv bzw. initiativ sein und funktionieren zu müssen, sondern einfach, ja: verwöhnt zu werden  – wunderbar!?

Unabhängig von solchen Gedanken: Die Aufgabe von Eltern und anderen Erziehungskräften in Kindergarten, Schule und Berufsausbildung ist, Kinder so zur fördern, dass sie mit Handlungskompetenz, Selbstbewusstsein und Verantwortung ihr eigenes Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft meistern können.

Kinder sollten nicht im Schongang aufwachsen

Dazu ist Hinwendung und nicht Verwöhnung notwendig. Wachsen Kinder jedoch in einem zu behüteten Umfeld auf, fehlt es an altersgemäßen Herausforderungen. Der Entwicklung von Selbstwirksamkeit – ein Schlüsselbegriff der Resilienzforschung – fehlt somit die Basis. Denn ein Aufwachsen im Schongang führt nicht zu Durchhaltekraft, Stabilität, Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung.

Aber was kennzeichnet ein Kind mit solchen sozialen Kompetenzen? 008_Index - Kopie

Es lässt sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten, sieht sicht nicht als den Mittelpunkt der Welt, bringt sich förderlich in die Gemeinschaft ein, lernt mit Spannungen und Konflikten umzugehen, kann nachgeben ohne aufzugeben, erkennt mit dem Älterwerden immer deutlicher, dass Eltern nicht das Attribut der Vollkommenheit besitzen und demnach nicht immer alles richtig machen. Das hat zur Folge, auch mit eigenen Begrenztheiten besser umgehen zu können.

So erhalten Kinder die besten Voraussetzungen, sich zu liebenswürdigen Erwachsenen mit einem stabilen ICH entwickeln zu können. Es geht also um die Vermittlung eines ‚Ich pack das Leben an’-Faktor.

Besonders die sog. Helikopter-Eltern verhindern eine mut-machende Lebensvorbereitung. Ständig sind sie mit ihrem ‚Ich mach das schon für dich’, ‚das wird zu schwer sein’, ‚magst du dies wirklich noch essen’, ‚ wenn du nicht möchtest, dann brauchst du nicht …’ zur Stelle.

In den USA wird schon zwischen elterlichen „Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschraubern“ unterschieden. Wer die Vergleiche mit diesem fast überall starten und landen könnenden Fluggerät nicht mag, sollte trotzdem sein eigenes Verhalten kritisch überprüfen.

Dem Nachwuchs kein müheloses Leben ermöglichen

Denn dass Eltern anstelle ihrer Kinder  –  ob am Sandkasten, in der Schule oder beim Nachwuchs-Fußballclub  –  in die Kampf-Arena steigen oder ihre Töchter und Söhne ständig herumchauffieren, um ihnen ein müheloses Leben zu ermöglichen, ist zur ‚Normalität’ geworden. Doris-Sohnemann

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der als Verfechter einer entspannten Erziehung gilt, beschreibt in einem „Spiegel“-Interview die Folgen von Überbehütung:

‚Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse’, so argumentiert er, ‚richten weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben’.

Wer jedoch Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumt, ihnen Mühe und Schweiß, täglich notwendigen Arbeiten oder Mitwirkungen ersparen will – selbst die Erfahrung von Trauer, etwa beim Tod der Großeltern – der führt diese gezielt in ein Terrain von Misslingen und Zukunftsangst.

Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie spüren nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, kennen kein Mitgefühl, besitzen keine Herzenswärme, sind letztlich unter sozialen Aspekten lebensuntauglich.

Der Irrglaube, dass eine Ausgrenzung von kindgerechter Anstrengung und Mühe den Start ins eigenständige Leben erleichtern könne, verbreitet sich rasant. Aber wie können sich Kinder auf die Herausforderungen des Lebens als Erwachsene in Beruf, Familie und Freizeit vorbereiten, wenn ihnen das notwendige Einübungsfeld verwehrt wird, sie kaum Konsequenzen  –  ob positive oder auch negative  –  ihres Handelns erfahren?

Zufriedenheit durch Selbstverantwortung

Der Lebensalltag verdeutlicht immer wieder neu: Wer Selbstverantwortung und Eigenständigkeit nicht erlernt, kann nicht in gutem Zusammenwirken mit Anderen zielorientiert und erfolgreich handeln, wird kaum zu Selbstwirksamkeit und innerer Zufriedenheit gelangen. klassenzimmer-e1409044335417

Insofern führt dieses allgegenwärtige Vorenthalten von altersgerechten Herausforderungen unsere Kinder gezielt zu Nichtkönnen und Versagen. Viele Probleme in Beruf und Partnerschaft haben dort ihren Ursprung.

Das erzieherische Unvermögen im Umgang mit unseren Kindern ist extrem steigerungsfähig. Hier zwei aktuelle Belege zu verwöhnten Kindern aus der Schweiz: „Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich. – Das neuste Smartphone, die teuerste Tasche: Bekommen Kinder und Jugendliche nicht, was sie wollen, ticken sie aus.“ 

Ein Kinderpsychologe: „Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle. – Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind“, sagt Psychologe Henri Guttmann (beides Beiträge der Zeitung „20 Minuten“ vom 11.3.2015).

Dazu titelt „DIE WELT“ vom 26.3.2015: „Die Schule geschafft, aber der Arbeitswelt nicht gewachsen. – Seit Jahren sollen ‚unnötige Härten’ vermieden werden: keine Grundregeln beim Schreiben, keine schriftlichen Prüfungen, kein Sitzenbleiben. Mit der wahren Arbeitswelt sind Jugendliche so überfordert.“ 

„Eltern, erzieht uns endlich wieder!“

Und wenn dann die exklusiv im Auftrag des „Stern“ durchgeführte tiefenpsychologische Kinderstudie als Resultat formuliert: „Eltern, erzieht uns endlich wieder!“ (vom 28.1.2015) und folgert: „Nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern Eltern, die ihren Job nicht richtig machen“, dann ist adäquates Handeln angesagt.

Dies ist jedoch leichter formuliert als umgesetzt. Denn eingefahrene Verhaltensmuster, eine zu starke Identifikation mit dem eigenen Nachwuchs, permanent Zeitdruck zu empfinden, selbst keine Spannung oder Anstrengung aushalten und sich nicht wirklich auf das eigene Kind mit seinen jeweiligen Bedürfnissen einlassen zu wollen bzw. zu können, werden vielfältige Abwehrmechanismen aktivieren. marsch_2012_photo_142_m

‚Schließlich geht es um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen’, ist der häufigste Verteidigungs-Versuch. Aber ein tiefer gehender Blick macht deutlich, dass es meist nicht um die Kinder, sondern ums eigene Wollen und Wohlbefinden geht.

Um die notwendigen Veränderungsschritte einzuleiten, ist eine kräftige Portion Selbst-Kritik und Umorientierungs-Bereitschaft notwendig.

Hier die mutmachende Praxis-Konkretisierung einer Journalistin und dreifachen Mutter:

„Es ist ja nicht so, dass, bloß weil etwas stimmt, man es auch automatisch gerne gesagt bekommt. Bisher hatte ich immer gemütlich gedacht, dass es in Ordnung sei, wenn ich meine Kinder ab und zu verwöhne. Hier ein Eis außer der Reihe, da eine halbe Stunde länger Fernsehen.

Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, sofern ich überhaupt darüber nachdachte, bis ich Dr. Albert Wunsch anrief, den Erziehungswissenschaftler und Autor des Buches ‚Die Verwöhnungsfalle’.

‚Ist Verwöhnen denn immer schlecht?’ frage ich und bin mir dabei noch keiner Gefahr bewusst. Zunächst täuscht mich der bezaubernde, rheinländische Singsang des Gelehrten über die Schonungslosigkeit seiner Aussagen hinweg: ‚Verwöhnung macht asozial, lebensuntüchtig und einsam,’ sagt Wunsch und ich ziehe den Kopf ein. Zu spät. Volle Breitseite.

‚Sie haben den Auftrag, Ihre Söhne in ein eigenständiges Leben zu führen und das ist nicht im Schongang erlernbar. Stehlen Sie den Kindern ihre Probleme nicht! … Dadurch erziehen Sie sie zu unselbstständigen Menschen, die alles wollen, aber nichts geben und später in der ersten eigenständigen Wohnung erschrocken feststellen, dass der Mülleimer nicht von alleine leer und der Kühlschrank nicht von alleine voll wird. Kinder brauchen Herausforderungen, um stark zu werden’.“ 

Die „Brigitte“-Problemzonen-Kolumnistin ist aktiv in die Selbst-Auseinandersetzung eingestiegen.        

Anschrift unseres Autors: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Seine Bücher: „Die Verwöhnungsfalle“ (auch in Korea und China erschienen), „Abschied von der Spaßpädagogik“, „Boxenstopp für Paare“ sowie „Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung“ lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.

Weitere Infos: www.albert-wunsch.de