Was sagen uns Nahtod-Erfahrungen und Visionen über die Realität der Hölle?

Von Felizitas Küble

In gläubigen christlichen Kreisen wird immer wieder der gewiß wohlmeinende Versuch gestartet, die Glaubenslehre von der Existenz der Hölle dadurch zu „beweisen“ oder zumindest nahezulegen, indem auf negative Nahtod-Erlebnisse oder entsprechende Visionen/Erscheinungen verwiesen wird. 

Was ist davon zu halten?

Insgesamt eher wenig. Zum einen sind solche Erfahrungen kein „Beweis“ im eigentlichen Sinne. Nahtod-Erlebnisse sind keine objektiven Jenseits-Trips, da der Mensch noch nicht tot ist, also auch nicht aus einer wirklichen „Ewigkeit“ ins irdische Leben zurückkehrt.

Zweifellos handelt es sich dabei vielfach um Bewußtseinserweiterungen und -überschreitungen  – und insofern um einen Anhaltspunkt dafür, daß der Mensch „unheilbar religiös“ ist. Aber ein Hin-weis ist kein Be-weis.

Daß derartige Erzählungen persönlich-subjektiv ehrlich gemeint sind, kann durchaus angenommen werden, tut aber nichts zur Sache hinsichtlich der objektiven Beweiskraft.

Der springende Punkt ist ohnehin, daß wir auf Erden „im Glauben wandeln, nicht im Schauen“, wie Paulus klarstellt.

Ein Glaube, der krampfhaft nach Erlebnissen und außergewöhnlichen „Beweisen“ sucht, steht auf wackeligen Beinen. Echte Überzeugung ruht in sich selber, gegründet auf der Selbstoffenbarung Gottes in Christus.

Sodann muß man nüchtern sehen, daß diese „Höllen-Visionen“  – ob sie nun auf Nahtoderlebnisse oder auf „Erscheinungen“ zurückgehen – auch inhaltlich/theologisch betrachtet oft seltsam bis irreführend wirken.

Am 26. März 2019 veröffentlichte das erscheinungsbewegte Portal Kath.net eine Story unter dem Titel: „Ich war tot und landete in der Hölle“: http://www.kath.net/news/67423

Darin ist die Rede von dem Nahtod-Schrecken, den Matthew Botsford erlebte: Der US-Amerikaner wurde von einer Kugel getroffen und lag anschließend 27 Tage im künstlichen Koma. Auf dem Weg ins Krankenhaus sei er dreimal wiederbelebt worden.

Er beschreibt, er sei in der „Ewigkeit“ gewesen: „Ich befand mich sofort in einer Art riesigen Höhle, hing mit ausgestreckten Armen wie bei einer Kreuzigung an die Felswand gekettet, unter mir der endlose Abgrund.“

Er spricht von Geruch nach verrottendem Fleisch und davon, daß in der Dunkelheit Augenpaare auftauchen und Krallen, die ihm die Haut vom Körper rissen. In dieses „Höllenverlies“ habe sich aber eine starke Hand ihren Weg geahnt und ihn gerettet. Er sei wieder ins Leben zurückgerufen worden, wozu das Gebet seiner Frau beigetragen habe.

Kath.net hat diese Story – wie zu erwarten war –  völlig unkritisch veröffentlicht.

Doch dazu stellen sich folgende Fragen:

  1. Mister Botsford befand sich nicht in der „Ewigkeit“, wenngleich ihm das subjektiv sicherlich so vorkam und er sich entsprechend „fühlte“ etc. Er wurde aber wiederbelebt, also war er vorher noch nicht wirklich verstorben, sondern befand sich in Todesnähe.
  2. Wäre er im tatsächlichen Jenseits der Hölle gewesen, hätte ihn dort keine „rettende Hand“ herausgeholt, denn eine Befreiung gibt es nur im Zustand der Läuterung, also des „Fegefeuers“.
  3. Für das Fegefeuer ist seine Schilderung jedoch viel zu gräßlich, zudem spricht er selber vom „Höllenverlies“.
  4. Die entscheidende Problematik der Hölle ist die endgültige und ewige Gottesferne  – und nicht sinnliche Strafen und Schreckensdarstellungen wie aus einem Horrorfilm.

Das gilt ähnlich auch für Höllen-Erlebnisse im Zusammenhang mit Marienerscheinungen und Visionen, wie sie von Sr. Faustine über den Vortragsreisenden Helmud Lungenschmid bis hin zu Medjugorje gang und gäbe sind. Auch die vermeintlichen Jenseits-Erfahrungen von Frau Gloria Polo machen im „frommen Lager“ seit Jahren die Runde: Näheres HIER.

Das Wohlfühl-Christentum führt in die Irre

Damit wir nicht falsch verstanden werden:

Die heute weit verbreitete Wohlstandstheologie, das Wohlfühlchristentum und eine einseitige Frohbotschafterei sind ein gefährlicher Irrweg, der die Menschen leichtfertig einlullt und ihnen die nötige Wachsamkeit ausredet.

Das gilt erst recht für die Esoterik, bei der ohnehin alles nach Friede-Freude-Eierkuchen klingt, Harmonie pur – und das „Göttliche“ ist im Menschen von Natur aus selber verankert etc.

Doch die Heilige Schrift und Christi Lehre verkündet einerseits die Frohbotschaft der Erlösung, aber auch den Ernst von Sünde und Gericht, Tod und Teufel, Hölle und ewiger Verlorenheit.

Dennoch überwiegt insgesamt die Glaubensfreude und Zuversicht auf das Heil: „Fürchtet euch nicht“ heißt es nicht ohne Grund so häufig in der Bibel.

Die Alternative zum irreführenden Allerlösungs-Humanitäts-Christentum ist keineswegs das andere Extrem, nämlich Drohbotschaften durch „Seher“ mit einer ständigen düsteren Theologie.

Gerechtfertigt wird diese Panikmache manchmal damit, die Menschen müßten doch gewarnt werden, um der Hölle zu entgehen:  Ganz gewiß –  aber nur mit seriösen Methoden!

Christus sagte im Gleichnis vom ungerechten Prasser: „Sie haben Moses und die Propheten“  – das muß reichen, also Gesetz (Gebote) und Gottes Botschaft (Lehre).

Warum sollte das nicht auch heute gelten?

Zur Höllenvision der Seherkinder von Fatima

Nun könnte der Einwand auftreten, zumal nach dem jüngsten Kinofilm über Fatima, in dem auch die Höllen-Vision der drei Seherkinder vorkommt: 

Aber die drei Kinder von Fatima haben doch auch die Hölle erlebt!

Sehen wir uns also an, was die Seher damals – laut dem Bericht von Lucia (siehe Foto)  –  nach einer Marienerscheinung am 13. Juli 1917 geschaut haben:

„Als die Muttergottes die letzten Worte aussprach, öffnete sie die Hände. Das Strahlenbündel, das von dort ausging, schien in die Erde einzudringen, und wir sahen etwas wie ein grosses Feuermeer, und in ihm versunken schwarze, verbrannte Wesen, Teufel und Seelen in Menschengestalt, die fast wie durchsichtige, glühende Kohlen aussahen.

Sie wurden innerhalb der Flammen in die Höhe geschleudert und fielen von allen Seiten herab wie Funken bei einer grossen Feuersbrunst, gewichtlos und doch nicht schwebend; dabei stiessen sie so entsetzliche Klagelaute, Schmerzens– und Verzweiflungsschreie aus, dass wir vor Grauen und Schrecken zitterten. Die Teufel hatten die schreckliche und widerliche Gestalt unbekannter Tiere, waren jedoch durchsichtig wie glühende Kohle.“   (Quelle: https://fatima.ch/2018/07/13-juli-hollenvision-in-fatima/1314)

Während diese Schweizer Fatima-Seite die Höllen-Vision vom 13. Juli 1917 ausführlich zitiert, hält sich das Fatima-Weltapostolat in Deutschland deutlich zurück und reduziert den „Vorgang“ auf etwa ein Drittel – der Original-Wortlaut wird zudem nur indirekt zitiert: https://www.fatima-weltapostolat.de/fatima-botschaften.html

Zum Sachverhalt ergeben sich folgende Fragen und Einwände: 

1. Ausgerechnet das „Strahlenbündel“ Mariens soll in die Hölle geführt bzw. diese gezeigt haben? Was hat die Gottesmutter mit der ewigen Gottesferne zu tun?  – Und dabei schienen ihre Strahlen „in die Erde einzudringen“ – als ob die Hölle sich im Erd-Inneren befinden würde. Dabei gehört die Hölle – die zudem eher ein Zustand als ein „Ort“ ist – eindeutig in die Dimension der Ewigkeit, also gerade nicht in unsere begrenzte raumzeitliche Welt. Mit anderen Worten: Die Hölle ist nicht den irdischen Naturgesetzen unterworfen.

2. Die Schauer-Darstellungen von Sr. Lucia sind völlig „sinnlich“ geprägt, komplett am vermeintlich äußeren Geschehen und Anschein orientiert – kein Wort davon, daß die Hölle im Zustand der GOTTESFERNE besteht, stattdessen fantasieanregende Panik-Schilderungen mit überflüssigen bis irreführenden Einzelheiten. Unklar ist auch, warum die Dämonen die „widerliche Gestalt unbekannter Tiere“ aufweisen sollen. Auch die gefallenen Engel – also die Teufel – sind nun einmal keine Tiere, sondern Geistwesen!

Einmal abgesehen davon, daß eine solche Panik-Attacke wohl nichts für kleine Kinder ist, was nicht nur psychologisch zu verstehen ist, sondern auch theologisch: Denn Kinder sollen früh genug lernen, in erster Linie aus Liebe zu Gott und den Menschen (und nicht aus einer sinnenhaften Schreckens-Angst vor der Hölle) gläubig und gerecht zu leben.

In formaler Hinsicht sei darauf hingewiesen, daß es sich bei dieser Höllen-Vision nicht um die „Botschaften“ von Fatima handelt (die 1930 bischöflich genehmigt wurden), sondern konkret um das „erste Geheimnis“, das Sr. Lucia aber erst über zwanzig Jahre nach jener Erscheinung erstmals niederschrieb bzw. ihrem Oberhirten brieflich mitteilte.

Da die Approbation (Billigung der Fatima-Botschaften) aber vorher erfolgte, ist die Höllenvision  – genau genommen – gar kein Bestandteil des „anerkannten“ Bereichs, denn die Kirche kann nur etwas erlauben, was ihr bekannt ist – nicht aber  vorwegnehmend etwas billigen, was sie erst hinterher erfährt.

Aber selbst wenn es anders wäre, wenn Lucia dieses „1. Geheimnis“ (Höllenvision) zeitnah  – nämlich Anfang der 20er Jahre  – der kirchlichen Untersuchungskommission mitgeteilt hätte, würde dies keinen Katholiken zum Glauben verpflichten, da auch die kirchlich genehmigten Privatoffenbarungen nicht verbindlich sind.

Eine Approbation „gestattet“ es den Gläubigen lediglich, den Botschaften und Geschehnissen ihre Zustimmung zu schenken – sie können auf diese Zustimmung aber ebenso gut verzichten.

Unsere Autorin Felizitas Küble leitet den KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt; ihre Mailanschrift: felizitas.kueble@web.de