Bildungs-Dschihad der finanzstarken türkischen Gülen-Bewegung auch hierzulande

Von Michael Leh

Die nach dem reaktionären türkischen Prediger Fetullah Gülen benannte „Gülen-Bewegung“ arbeitet in Deutschland sehr erfolgreich an der Ausbildung einer islamischen Elite. Für ihre keineswegs harmlosen Bildungseinrichtungen wird sie auch mit deutschen Steuergeldern bezuschusst. IGFM_Scharia

In der Türkei tobt ein Machtkampf zwischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und den Anhängern des islamischen Predigers Fetullah Gülen.

Auch in Deutschland gerät die bislang weit unterschätzte Gülen-Bewegung vermehrt in die Schlagzeilen. In Deutschland betreiben rund 300 Vereine, die Gülen nahe stehen, bereits 24 staatlich anerkannte Privatschulen und rund 150 außerschulische Nachhilfeeinrichtungen. Die Gülen-Bewegung ist in über 100 Ländern aktiv und verfügt über große Geldmittel.

In Berlin-Spandau ist ein neues Großprojekt der Gülen-Bewegung geplant. Auf rund 84 000 Quadratmetern soll ein Bildungscampus entstehen.

Wie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) mitteilt, soll hier „vom Kindergarten bis zur Hochschulreife alles an einem Standort möglich sein“.

Schon jetzt betreibt das „TÜDESB Bildungsinstitut Berlin-Brandenburg e.V.“ berlinweit unter anderem vier Kindertagesstätten, sechs Bildungszentren und vier Schulen. Köln-MoscheeDSC_0597_ShiftN

Wie der Theologe Friedman Eißler von der EZW erklärt, machen diese Bildungseinrichtungen „in der Regel Religion nicht in besonderer Weise zum Thema, geschweige denn ihre Verbindung zu Fethullah Gülen.“

BILD: Moschee in Köln (Foto: Dr. Bernd F. Pelz)

In den engeren Kreisen der Bewegung werde jedoch ein konservatives islamisches Ideal gepflegt, das beim Bildungsbegriff, Demokratieverständnis, Frauenbild, Gesellschaftsmodell und anderen Fragen eine „teilweise ernüchternde Diskrepanz zu der nach außen hin gezeigten Dialogoffenheit“ aufweise.

Der im amerikanischen Exil lebende Fetullah Gülen verbreite zwar die Parole „Baut Schulen statt Moscheen“. Doch dessen „erzieherischer Idealismus“ sei selbst hoch politisch und setze auf „stille und geduldige gesellschaftliche Transformation durch Scharia-orientierte Werte“.

Ein typisches Exemplar der „Dialogindustrie“ ist das „Forum für interkulturellen Dialog e.V.“ (FID) in Berlin. Ehrenvorsitzender ist Fetullah Gülen.

Rita Süßmuth im Beiratg eines Gülen-Forums

Im Beirat sitzen Aushängeschilder wie Rita Süßmuth und Markus Meckel. Als Süßmuth letztes Jahr von WDR-Reportern darauf angesprochen wurde, dass Gülen in einem Beitrag schrieb, nach islamischem Recht habe auf den Abfall vom Glauben die Todesstrafe zu stehen, machte sie große Augen und war ganz überrascht.

Im Beirat des FID ist sie noch heute. Den betreffenden Beitrag Gülens hatte der aus dem Libanon stammende Islam- und Politikwissenschaftler Ralph Ghadban auf einer französischsprachigen Webseite der Gülen-Bewegung gefunden, dort steht er seit 2008.

Er steht aber auch auf einer englischsprachigen Gülen-Website, wo er bereits seit 2001 zu lesen ist. In dem Text verweist der Prediger zunächst auf den Koranvers, wonach es „keinen Zwang in der Religion“ geben dürfe.

Damit ist aber vor allem gemeint, Muslime dürften nicht zum Beispiel zu bestimmten Riten gezwungen werden. Zwangsbekehrungen zum Islam dürfe es nicht geben, und Nicht-Muslime unter islamischer Herrschaft, so sie spezielle Steuern zahlten, könnten  ihren Glauben frei ausüben.

Todesstrafe beim Abfall vom Islam gefordert

Dann erklärt Gülen jedoch zur Apostasie, dem Abfall eines Muslims vom Islam: 

„Im islamischen Recht  wird die Apostasie genau so streng beurteilt wie Hochverrat durch die meisten Staaten oder militärischen Streitkräfte. Mit Bitten, Gebeten und Überredung sowie allen sonstigen legitimen Mitteln muss versucht werden zu verhindern, dass ein solches Verbrechen bekannt wird und öffentliches Ärgernis erregt.

Wer vom Glauben abfallen will, muss aufgefordert werden, es sich noch einmal zu überlegen und es zu bereuen. Wenn die Betreffenden die Gelegenheit dazu jedoch zurückweisen, ist die Todesstrafe geboten. Keine mildere Strafe wäre geeignet, den Abscheu der Gesellschaft über den Bruch des Vertrages mit Gott auszudrücken.“ (Übersetzung durch den Autor.)

In dem Text steht wohlgemerkt mit keiner Silbe etwa eine Distanzierung Gülens von dieser  Interpretation islamischen Rechts. Sie entspricht laut Christine Schirrmacher vom Institut für Islamfragen auch der Auffassung der meisten islamischen Theologen.

Wie man in der türkischen Zeitung „Zaman“, die Gülen nahe steht, lesen kann, versuchen einige Schüler Gülens seine Auffassung zur Todesstrafe bei Glaubensabfall etwas zu relativieren. Der Meister selbst hat sich jedenfalls bis heute nicht dazu bereit gefunden, von seiner geäußerten Ansicht abzurücken.

Die Fraktion „Die Linke“ im Bundestag hatte letztes Jahr in einer Anfrage zur Gülen-Bewegung die Bundesregierung auch eigens auf die Aussagen Gülens zur Apostasie hingewiesen. Die Bundesregierung schwieg dazu und erklärte zu den meisten Fragen, ihr lägen keine Erkenntnisse vor.

Inzwischen sind zwar Verfassungsschutzämter aufgewacht. Doch deren rechtliche Instrumente werden bei den sich auch geschickt verstellenden, dezentral vernetzten Gülenisten weitgehend ins Leere laufen.

Gülen ist keineswegs ein Islamreformer. Zwar stellt er Wissenschaft und Bildung in den Vordergrund. Was er jedoch unter Wissenschaft versteht, erläutert er folgendermaßen: „Koran und Hadith [das sind vor allem Überlieferungen über Anweisungen Mohammeds außerhalb des Korans] sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen.“

Die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek hat die Gülen-Bewegung als gefährliche Sekte bezeichnet.

Michael Leh ist politischer Journalist und lebt in Berlin.

Erstveröffentlichung des Beitrags in der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ vom 22. Februar 2014

1. Foto: IGFM